Wilson! Wiiiillson!

Was sehen meine müden Augen?

Nach wochenlangem Stillstand ist das Quarterback-Karussell heute endlich in Schwung gekommen, und damit sind keine kryptischen Aaron-Rodgers-Posts gemeint, die längst keinen Hund mehr von hinter der Ofenbank hervorlockten.

Rodgers verkündete vorhin, auch künftig für die Green Bay Packers spielen zu wollen. Zwar sei der in den sozialen Medien kolportierte 200-Mio-Deal so noch nicht in trockenen Tüchern, aber er werde auf jeden Fall 2022 und wohl auch darüber hinaus bei den Käsköpp bleiben:

Ich muss nicht weiter ausführen, was das über die „Entwicklung“ vom 2020 mit Pauken und Trompeten gedrafteten Jordan Love aussagt. Love, der einzige Draftpick aus dem absurden Packers-Draft von 2020, den man mit viel Wohlwollen verteidigen konnte, ist damit lame duck und könnte in kürzester Zeit auf dem Trade-Block stehen.

Rodgers wird natürlich einen neuen Vertrag bekommen, weil die Packers den größtmöglichen Teil ihres teuren Kader beisammen halten müssen um ernsthafte Superbowl-Aspirationen anmelden zu können, aber Rodgers hat mit einem aktuellen okkupierten Cap-Space von ca. 46 Mio. einige Verhandlungsmacht. Der WR1 Davante Adams musste vorhin erstmal per Franchise Tag gehalten werden, aber da werden in den nächsten ein paar Vertrags-Umstrukturierungen passieren müssen, denn Green Bay hat momentan nur limitierten finanziellen Spielraum.

Denver Broncos

Der Rodgers-Verbleib bei den Packers war erstmal bad news für die Denver Broncos, die seit fast einem Jahr darauf zu spekulieren schienen, einen Shot auf diesen Franchise-QB zu bekommen. Auch die Anstellung von Rodgers-Buddy Nathaniel Hackett als Headcoach schien darauf hinzudeuten.

Aber wenige Minuten nach der Verkündung der Rodgers-News zündeten die Broncos die Bombe und holten QB Russell Wilson aus Seattle.

Der Deal ist durchaus immens:

  • Wilson und ein 4th Rounder gehen nach Denver
  • Die Broncos schieben zwei 1st Rounder, zwei 2nd Rounder, DT Shelby Harris, TE Noah Fant und QB Drew Lock rüber zu den Seahawks

Einer der beiden 1st Rounder ist wohl der #9 Overall Pick im anstehenden NFL-Draft, der allerdings als schwächster QB-Jahrgang seit fast zehn Jahren gilt. Am Ende haben die Hawks mit dem Move nicht die erhofften drei 1st Rounder bekommen, aber vier hohe Picks ist in Anbetracht der Umstände vielleicht ein akzeptabler Preis für Wilson. Gewinnen können die Hawks den Trade wohl eher nicht – aber gewonnen hätten sie mit einem ausgebluteten Kader und Coaching aus den Neunzigern wohl auch mit ihm erstmal nicht mehr allzu viel.

Wilson wird während der nächsten Saison 34 Jahre alt, hat eine wackelige Saison mit mehreren Verletzungsproblemen hinter sich und war über seine ganze NFL-Karriere bei allen Stärken (Mobilität, Präzision, Traute für den Deep-Ball) auch immer ein ziemlich schwierig zu kontrollierender QB – nicht nur für die Defense, sondern auch für den eigenen Offensive Coordinator.

Wilson meidet als QB die Spielfeldmitte – und er spielt ein Scheme namens „Russell Wilson Offense“:

Wenn Hackett erwartet, Wilson in ein Scheme, in sein Scheme, zu pressen, dann wird er bitterlich enttäuscht werden. In Summe liest sich das Broncos-Lineup zwar trotz des Abgangs von TE Fant personell lecker – WR Jerry Jeudy, WR Courtland Sutton, TE Albert O, RB Javonte Williams und eine okaye Offensive Line plus eine sehr stark besetzte Defense – aber um Wilson zu maximieren, muss der Coach eine unüblich große Portion Freelancing akzeptieren.

Ich weiß nicht, wie viel Credit ich den Broncos für den Move geben kann. Letztes Jahr verzichtete Denver auf einen QB-Pick, und die Saison, die man nach dem verpassten Einkauf von Rodgers im „win now“ Modus bestritten hat, ging fürchterlich schief. Man kann vielleicht von Glück sprechen, dass die Saison so schlecht war, dass ihnen der #9 Pick in den Schoß gefallen ist, der eindeutig ein Wettbewerbsvorteil im Bieten um Wilsons Dienste war.

Aber großer Planer ist der GM George Paton trotzdem nicht – ein Beispiel: Shelby Harris ist ein Mann im Trade-Package nach Seattle. Ihn hat Paton erst letztes Jahr dick verlängert.

Auch zu beachten: Wilsons aktueller Vertrag läuft nur noch zwei Jahre über insgesamt 51 Mio. Das ist billige Kohle für einen Top-QB. Auch Guarantees gibt es momentan keine. Eventuell steht uns eine Verlängerung unmittelbar bevor. Möglich ist aber auch der „Matt Stafford Weg“: Teurer Trade, und dann erstmal ein Jahr mit der Verlängerung warten.  

Denver ist mit dem Move automatisch die dritte Kraft in der immer dichter werdenden AFC West, die mit Wilson, Patrick Mahomes und Justin Herbert über unerhörte Quarterback-Dichte verfügt. Ich warte minütlich darauf, dass Josh McDaniels seinen Job als Raiders-Coach quittiert und als OffCoord nach New England zurückkehrt.

Die NFL sollte für 2022 überlegen, drei Playoff-Spots aus der NFC rüber in die AFC zu shippen – zumindest bis Tom Brady als 49ers-QB comebackt und Deshaun Watson (Update zum Legal-Case hier) von den Texans nach Philly oder Tampa Bay rübergeshippt wird. Denn momentan haben wir k-r-a-s-s-e-s QB-Ungleichgewicht zwischen den beiden Conferences.

Und die Seahawks?

Geben ihren wichtigsten Spieler der letzten zehn Jahre ab. Wilson mag ein streitbarer QB und ein streitbarer Typ gewesen sein, aber es bestehen keine Zweifel, dass seine individuelle Qualität erst der „Legion of Boom“ Ära zu höchsten Höhen verholfen und später einen auseinanderfallenden Kader zusammengehalten hat. War Wilsons zu Beginn seiner Karriere noch *eher* ein extrem hochklassiger cog in the machine gewesen, so war Wilson spätestens ab 2016 die Einmann-Offense, die über Jahre von Pete Carrolls eingestellten Steinzeit-Coaches torpediert wurde.

Ich habe über die Jahre Meinungen gehört, dass die Wilson-Ära mit „nur“ einem Superbowl-Sieg eine Enttäuschung gewesen ist, und angesichts von Malcolm Butler oder vier #1 Finishes in DVOA in Folge zwischen 2012 und 2015 mag daran sogar etwas dran sein. Aber es ist nicht zu bestreiten, dass die Seahawks mit Wilson eine grandios erfolgreiche Mannschaft waren – und das lag nicht wie weithin gedacht nur an Marshawn Lynch oder den superben Defensive Backs.

Jetzt, wo Wilson zu dem Team wechselt, gegen das er einst die Superbowl gewonnen hat, bleibt festzuhalten: Einen so guten QB werden die Hawks so schnell nicht mehr finden. Mit Lock kannst du nicht in die nächste Saison gehen, es sei denn du willst den Texans Konkurrenz um den #1 Pick machen. Lösungen wie Jimmy Garoppolo oder Jameis Winston klingen zwar ganz nice, aber mit dem kaputten Kader führt das auch erstmal zu nix, und bis die ganzen neuen Picks spielfähig sind, dauert noch eineinhalb Jahre.

Kommt also ein QB im Draft? Malik Willis soll sich in den letzten Wochen zur #1 Option hochgearbeitet haben, aber kannst du ernsthaft einen langfristigen Umbruch mit dem über 70 Jahre alten Pete Carroll einfädeln? Ick weiß ja nicht… Gut denkbar, dass Carroll und GM John Schneider ohne den Deckmantel Wilsons als Kaiser ohne Kleider enttarnt werden.

Der Ausverkauf geht wahrscheinlich weiter: WR Tyler Lockett soll schon auf dem Trade-Block sein. Möglicherweise ein guter Zeitpunkt für ein Team wie Kansas City, eventuell sogar nach DK Metcalf zu fragen?

Und sonst?

Den Reaktionen auf Twitter von Leuten wie Peter Schrager nach zu urteilen, waren Rodgers und Wilson nicht die einzigen unmittelbar bevorstehenden QB-Moves.

Originelle Prognose: In Kürze folgt da noch ein weiterer Deal – vielleicht noch heute Nacht. Keine Ahnung ob ich morgen imstande sein werde, das zu kommentieren. Ich hab seit Wochen einfach zu viel um die Ohren.

Franchise Tags sind übrigens auch schon alle vergeben. Es sind diesmal drei Tight Ends dabei (Dalton Schultz in Dallas, Mike Gesicki in Miami und überraschenderweise David Njoku in Cleveland), ein Offensive Tackle (Orlando Brown musste Brett Veach einfach halten um nicht sein Gesicht zu verlieren).

Auch drei Stars haben die Tag bekommen: Cincinnatis Playoff-Hero Jessie Bates (Safety) und die beiden Supertar-Receiver Adams in Green Bay und Chris Godwin in Tampa Bay. Godwin mag die Tag nach seiner schweren Verletzung eventuell sogar in den Kram passen, kriegt er doch 120% Aufschlag wegen der zweiten Tag in Folge, und kann seine Free-Agent-Verhandlungen ein Jahr aufschieben, wenn er hoffentlich wieder fit ist. Mit 27 wartet dann ein Monster-Deal auf dieses Receiver-Juwel.

Adams bleibt Aaron Rodgers‘ Go-To-Guy in Green Bay. Bei ihm ist eine langfristige Lösung zu erwarten. Die hat Deep-Threat Mike Williams bei den Chargers schon bekommen: 3 Jahre, 60 Mio. Das mag teuer wirken, aber die Bolts können sich solche Aggressivität leisten, nachdem in Quarterback und Left Tackle (Rashawn Slater) zwei junge Stars auf Rookie-Vertrag spielen.

Keine Franchise Tag haben u.a. Patriots-CB J.C. Jackson und Bears-WR Allen Robinson bekommen. Gerade bei Jackson mag das überraschend wirken, aber vielleicht war Jackson auch nur „dank“ der Cornerback-Varianz einer der besten Defensive Backs der letzten Saison und Belichick steht in einem Jahr ein weiteres Mal als Meister der Personalpolitik da.

Am Montag beginnt dann ein paar Stunden nachdem bei mir die Bagger anrollen die Tampering-Periode vor der NFL Free Agency.

11 Kommentare zu “Wilson! Wiiiillson!

  1. Wow ich bin echt überrascht, dass es Wilson geworden ist. Bin aber auf jeden Fall froh dass ich jetzt nicht AR in meinem Team hab. Bin echt gespannt auf die neue Saison und das ist nach den letzten Spielzeiten nicht selbstverständlich. Preis imo in Ordnung, wir hätten eh keinen qb mit den picks gefunden 😀

  2. 🔥🔥🔥

  3. Den Vertrag für rodgers finde ich zu teuer für sein Alter. Soviel Geld auf brady 2 zu setzen, ist extrem wagemutig. Wirkt nach einem Jahr superbowl Chance, danach 3 Jahre cap Hölle.

  4. Ja, ich dachte mir schon gestern, das muss sehr nahe an der Grenze des Erlaubten sein, schließlich dürfen Teams *offiziell* die Trades noch gar nicht bekannt geben (das geht dann erst mit der Trade-Deadline)

    Ich fand es aber eine recht coole Idee 🙂

  5. Und jetzt auch noch Bobby Wagner entlassen. Damit wohl kompletter ReBuild in Seattle. K.a. wie das mit Carol gehen soll oder obber jetzt noch ein Jahr Übergang macht.

    In Zeiten von Tom Brady darf sich keine andere Franchise beschweren, ’nur‘ einen Titel geholt zu haben. Drin gewesen wöre vielleicht mehr, aber das denken sie in GreeBay und New Orleans auch.

  6. Irgendwie scheinen ja fast alle davon auszugehen, dass Washington mit dem Wentz-Trade im Draft keinen QB mehr nehmen wird.
    Aber Wentz ist definitiv keine sichere Bank, selbst nicht wenn Du erstmal mit Mittelmaß zufrieden bist – da sind zu viele Katastrophen in seinem Spiel. Garoppolo und Winston bieten da mMn mehr wenn man keinen Rookie möchte.
    Insofern kann ich mir Wentz eigentlich nur erklären wenn man zweigleisig fahren will und parallel zu ihm sein Glück mit einem der unsicheren Kandidaten aus dem Draft probiert.

  7. @Milaidin: aber hätte es dafür nicht auch ein Free Agent getan? Picks für einen gar nicht mal so guten QB abgeben UND einen QB draften, finde ich ein bisschen Verschwendung…

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