Tausche Spieler

Der NFL Free-Agency-Start Anfang nächster Woche wirft weiter Schatten voraus.

Quarterback-Markt

Dass Aaron Rodgers in Green Bay bleibt und Russell Wilson relativ preiswert von Denver aus Seattle ertradet wurde, hatten wir schon kurz besprochen. Es gibt an der Stelle vielleicht zu ergänzen, dass Wilson wohl auch bereit gewesen wäre, nach Washington zu wechseln, aber obwohl das Dan-Snyder-Team mit neuem Namen Commanders angeblich mehr bezahlt hätte als Denver, wollten die Seahawks Wilson auf jeden Fall in die andere Conference verfrachten.

Man muss bei solchen recht ungesicherten Gerüchten immer vorsichtig sein, aber wenn diese Berichte zutreffen, dann ist das ziemliches „bad business“ von den Hawks, die sowieso erstmal kaum konkurrenzfähig sein werden (es sei denn, sie holen Deshaun Watson oder holen zwei superbe Draftklassen hintereinander).

Anyhow: Die beiden „big dogs“ Rodgers und Wilson haben das QB-Karussell in Schwung gebracht.

Commander Wentz

Der dritte Mann war Carson Wentz, der gestern von den Indianapolis Colts an jene Commanders verkauft wurde, denen Wilson durch die Lappen gegangen war. Gegenwert, wenn ich das richtig auf dem Schirm habe: Zwei 3rd Rounder, einer davon „conditional“ und ein Pick-Tausch in der zweiten Runde:

Wentz muss mit dem Trade zu den Spielern gehören, für die über die Karriere mit am meisten Trade-Kapital verscherbelt wurde:

Dass Wentz nach aller Negativität der letzten Jahre noch immer für solche Trade-Werte durch die NFL gejagt wird, ist prinzipiell erstaunlich und ein weiteres Indiz, wie hoch gedraftete NFL-Quarterbacks, die zu Beginn ihrer Karriere gezeigt haben, dass sie bissl was auf dem Kasten haben, selbst nach absurdesten Performances auf Jahre begehrt bleiben.

Wentz hat prinzipiell seit seiner Breakout-Saison 2017 nichts mehr gezeigt, was höherklassiges QB-Kaliber andeutet. 2020 war er in Philly einer der übelsten Quarterbacks in der NFL. 2021 spielte er bei den Colts wochenlang auf einigermaßen solidem Niveau, aber nicht ohne zwischendurch immer mal wieder und ganz am Ende komplett zu implodieren.

Glauben wir den Berichten aus dem Umfeld des Colts-Beats, war Wentz‘ Abgang schon vor seinem Meltdown um die Weihnachtsfeiertage besiegelt. Der Bericht von Zak Keefer liest sich an einigen Stellen richtig brutal:

As for the Colts, the issues with Wentz stretched back to before the season began, one source said, and over the course of the year, some grew frustrated at what they deemed a lack of leadership, a resistance to hard coaching and a reckless style of play, which had a role in several close losses this year.

But this wasn’t just a football move. Wentz’s play, inconsistent as it was to close the year, wasn’t the deciding factor. Colts brass simply didn’t trust him to be the franchise quarterback moving forward, and they weren’t willing to bring him back in 2022 and hope for better. Thus, the decision was made swiftly after the Week 18 debacle in Jacksonville: Wentz wouldn’t return for a second season in Indianapolis.

[…]

In other words, with a QB in place besides Wentz, some believe, the gutting late-season collapse the Colts suffered would have never happened.

Wentz was never the right fit, some were convinced, and the dreadful finish to the season only confirmed it.

[…]

According to one source, the Colts’ divorce with Wentz this offseason was only a matter of time. All that needed to be decided was whether the team would trade or cut him.

And the fact that the Colts were willing to move on from him without a viable Plan B in place — not to mention a thin free-agent class and no first-round draft choice — is especially telling. That’s how determined the Colts were in their decision.

They were moving on from Wentz, period.

Bäm. Wentz hatte schon im Sommer einen übelst schweren Stand im Colts-Beat, und wenn das in Washington jetzt nicht schnell mit ihm als Starting-QB klappt, dann sitzt er in spätestens zwei Jahren auf der Straße, denn als Backup scheint dieser Mann charakterlich ganz einfach nicht geeignet.

Die Commanders sind das dritte Team hintereinander, das Wentz noch eine Chance gibt. Nachdem Wentz zuletzt aber auch als Experiment unter seinem Mentor Frank Reich gefloppt ist, sind zurecht nur noch wenige bereit, noch irgendwelche Jetons auf ein Wentz-Comeback als passabler NFL-Starter zu wetten. Vielleicht rutscht dem Mann noch ein vernünftiges Jahr aus. Aber damit rechnen würde ich nicht mehr.

Bei den Colts betreibt GM Chris Ballard mit dem Wentz-Verkauf Schadensbegrenzung. Ballard ist fraglos einer der besseren GMs in der NFL, aber seit dem Rücktritt von Andrew Luck ist er ein rastlos Suchender – und zwar nach einem QB. Sein Wentz-Einkauf vor einem Jahr war ganz einfach zu teuer – das wussten wir schon vorher. Ballard hat sich noch eine Chance verdient – aber der Fall Ballard zeigt ganz einfach brutal auf, wie unmöglich es ist in der NFL ist, ohne zumindest überdurchschnittliches Quarterbacking zum Erfolg zu kommen. In der AFC, in der mehr als eine Handvoll Mannschaften exzellente Quarterbacks aufbieten, stehen die Sterne umso schlechter.

All in

Die QB-Position gelöst haben die Chargers – wenn auch ihr Case zeigt, wie glücklich das laufen kann: Vor zwei Jahren saßen sie im Draft an #6, bewegten sich kaum, wollten wohl eigentlich Tua draften, aber den schnappten sich einen Pick vorher die Miami Dolphins, und so fiel ihnen Justin Herbert in den Schoß. 23 Monate später sieht es so aus, als sei Herbert der grandioseste QB aus jenem Draft – und mit einem Herbert (und LT Rashawn Slater) auf Rookie-Deal hat sich bei den Bolts ein Superbowl-Fenster weit aufgetan.

Ich habe nach Herberts famoser zweiter Saison eigentlich kaum Zweifel, dass wir bei ihm über einen Top-5 QB sprechen – vielleicht mehr. Die Bolts verpassten heuer die Playoffs knapp, aber sie haben großes Cap-Budget und einfach zu behebende Kader-Schwachstellen.

Die größte von allen ist die Run-Defense, die im stark auf Passing-Defense fokussierten Scheme von Brandon Staley 2021 ganz einfach personell nicht gut genug besetzt war um die numerische Unterzahl in der Box zu kaschieren.

Die Bolts haben letzte Nacht mit dem Einkauf von EDGE Khalil Mack einen monströsen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Mack kommt für einen 2nd Rounder aus Chicago:

Mack war über die Jahre einer der besten Verteidiger der NFL. Vor vier Jahren war er für zwei 1st Rounder aus Oakland zu den Bears gestoßen und einer der Ankermänner hinter einer der besten Defenses gewesen. Dass er so „billig“ über den Ladentisch geht, liegt u.a. an seinem Alter: Mit 31 Lenzen hat er den gefährlichen Dreißiger schon überschritten.

Ich mag den Trade eigentlich aus Sicht beider Teams. Die Chargers brauchen jeden höherklassigen Individualisten in der Front Seven, und können sich auch teurere Spieler leisten. Einen 2nd Round Pick in eine bekannte Größe zu investieren ist mit Rookieverträgen auf QB und Left Tackle eine sehr gute Idee. Wenn jetzt noch a bissl was auf Defensive Tackle passiert, wird sich das „drop eight“ System von Staley bald auszahlen.

Die Bears haben auf den allerersten Blick vielleicht einen Tick zu wenig für Mack bekommen, aber auch aus ihrer Sicht kann ich den Deal leicht nachvollziehen.

Denn Chicago hat für 2022 (und darüber hinaus auch für 2023 und 2024) ein einziges, großes Ziel: Entwickle Justin Fields. Mack als Verteidiger hat mit der Erreichung dieses Ziels eher weniger zu tun – und die Bears, die vom ex-GM Ryan Pace über die Jahre ausgeblutet wurden, brauchen jeden Liter Frischblut, den sie kriegen können um die Infrastruktur der Offense zu upgraden.

Dazu kommt: Mack war einfach auch teuer. Die nächsten drei Jahre hätte er über 60 Mio. gekostet – mit Boni hätte es auf über 70 Mio. gehen können. Für eine Mannschaft mit noch nicht gesicherten QB-Position ist das viel Holz für einen dann 32- oder 33-jährigen Passrusher.

Jetzt kriegt man für Mack noch etwas. In einem Jahr wäre das vielleicht schon anders gewesen. Sollte sich Fields als „the man“ erweisen, hat man 2023 und 2024 noch zwei Jahre, in denen man dicke Investments in die Mannschaft stecken kann.

Ausblick

Ab Montag geht es dann dick mit der Free Agency los. Abhängig von der Entwicklung vor Gericht könnte die Personalie Deshaun Watson in den nächsten Tagen von Interesse bleiben, aber insbesondere interessiert mich, was nächste Woche die Contender machen.

Vor allem die Chiefs: Broncos und Chargers rüsten mächtig auf – was Kansas City eventuell in Bedrängnis bringen könnte. Gerade die letzte Saison hat nochmal in aller Deutlichkeit gezeigt, was wir eh schon wussten: Dass auch die Chiefs-Offense vor Probleme gestellt werden kann, wenn die Waffen #1 und #2 (Tyreek Hill und Travis Kelce) aus dem Spiel genommen werden. Wird Kansas City, das wohl Safety und „Defensive Leader“ Tyrann Mathieu verlieren wird, offensiv im Skill-Corps nachbessern – vielleicht sogar mit einer Granate wie Amari Cooper, der in Dallas entbehrlich zu werden scheint?

Werden die Chargers nochmal nachlegen, z.B. mit CB J.C. Jackson, der die Patriots verlässt? Werden andere Contender angreifen? Werden die Bengals ihre O-Line-Probleme aggressiv oder eher passiv-aggressiv angehen? Kehrt Von Miller tatsächlich zu den Broncos zurück?

Es werden spannende Tage.

7 Kommentare zu “Tausche Spieler

  1. Ist der Trade wirklich so gut für die Bears? Mack war schon noch ein guter Passrusher und CHI hatte keine Cap Sorgen auch nicht in 2023 oder 2024, da ist ein #2 doch etwas wenig ROI wenn man gleichzeitig den Dead Money Impact von 24 Mio berücksichtigt.

    Verstehe schon ein paar deiner Gedanken, aber ich hätte ihn nur abgegeben, wenn es mehr Trade Value gibt. Was ist wenn Fields einschlägt, dann muss man in einem Jahr den Fokus drauf legen… so einen Khalil Mack wieder zu holen 😉

  2. Ein Schritt nach dem anderen.

    Erstmal schauen, dass die QB-Position passt. Jede einzelne Ressource dafür hilft, und es ist nicht so, dass die Bears in Ressourcen schwimmen^^

    Mack ist 31, kommt von einer Saison mit einigen Verletzungen und hätte massivste Cap-Hits gekostet. Der Dead-Cap ist eher wenig relevant, da es sich um bereits gezahlte Kosten handelt, die nur noch abzuschreiben waren. Der Dead-Cap ist IMHO sogar niedriger als sein Cap-Hit im Kader der Bears gewesen wäre.

    Einen 1st hätte es für Mack mit den Voraussetzungen niemals gegeben. Der 2nd der Bolts 2022 ist um #50 herum platziert, was nicht schlecht ist.

    Die Bears sind 2022 auf keinen Fall soweit, Green Bay anzugreifen – auch nicht mit der besten Entwicklung von Fields. Sie dürfen nicht auf 12 Monate denken, sondern auf 3 Jahre. Lieber die teure alte Ressource früher loswerden als zu spät.

    Für die Chargers, die all das schon haben, was die Bears auch irgendwann mal haben wollen, ist Mack so viel bedeutender. Gäbe es keine Zweifel mehr an Fields‘ Qualität als Top-QB, würde ich übrigens auch argumentieren, dass man Mack hätte halten sollen.

  3. Zu den Seahawks werden ihn die 49ers wohl eher nicht traden, also tippe ich auf die Colts.

    Als Tradewert würde ich jetzt mal einen 2nd Rounder tippen, vielleicht verrechnet mit irgendeinem Late Rounder wie 5th o.ä.

    Alternativ 3rd + 4th, aber ich denke die Niners würden Szenario 1 bevorzugen.

  4. Irgendwie glaub ich nicht, dass JC Jackson geht, solange es nicht bestätigt ist. Ja, er hat keinen Tag bekommen, aber wieso n Top 3 Corner gehen lassen. Klar, die Patriots zahlen oft anders als andere Teams, aber n Gillmore wurde auch hochbezahlt.

  5. Sorry, aber Fields ist für mich ein weiterer dieser im Draftprozess eigentlich unangemessen ‚hoch gejazzten‘ Quarterbacks, der bislang in der NFL eher wenig bis gar nichts gezeigt hat. Aber hier ist der Hausherr – für ihn eigentlich ungewöhnlich – immer noch auf dem ‚Hypetrain‘. Man sollte aber nicht vergessen, wie viel die Bears für ihn investiert haben und, dass ihm immerhin 3 andere Quarterbacks im letzten Draft vorgezogen wurden (wobei die Jets vermutlich auch ‚verwachst‘ haben 😕 ) und er nach dem teuren Uptrade der Bears erst an 11. Stelle einberufen wurde. Sollte sich in der kommenden Saison zeigen, dass er doch besser als allenfalls Mittelmaß ist, wäre ich überrascht …

  6. Pingback: Gedanken zum Start der NFL Free Agency 2022 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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