Streifzug durch die meistgehypten Edge Rush Prospects im NFL Draft 2022

So wirklich reinkommen in der NFL Draftmaterie werde ich 2022 nicht mehr. Aber es reicht für ein bissl Analyse der Edge Rusher.

Benjamin Robinsons Consensus-Top-100 bei Grinding the Mocks listet momentan…

  • 16 Wide Receiver
  • 14 Edge-Rusher
  • 12 Cornerbacks
  • 10 Linebacker
  • 9 Interior Offensive Liner
  • 8 Defensive Tackles
  • Jeweils 6 Safetys und Quarterbacks
  • 5 Runningbacks
  • Und 4 Tight Ends

…in den Top-100 Rankings. In den letzten drei Wochen hat es dabei praktisch keine Veränderung gegeben. Edge Rusher ist also eine der bestbesetzten Positionen in diesem Draft.

Eine grobe Einordnung

Drei Edge Rusher werden in den Top-10 geführt:

  • Aidan Hutchinson von Michigan, der Wettfavorit auf den #1 Pick overall.
  • Und Travon Walker von Georgia. Er ist die Freakerscheinung.
  • Kayvon Thibodeaux aus Oregon, der lange Zeit als bester Prospect der Klasse gilt, dann auch ganz gute Production und athletische Tests erzielte, aber aus schwummerigen Gründen („führt sich zu selbstbewusst auf“) momentan nur noch als #3 EDGE gilt.

Dahinter gelten Jermaine Johnson (hatte 2022 als Senior seinen Breakout bei Florida State, nachdem er jahrelang bei Georgia in der Rotation versauert war) und George Karlaftis (Purdue) als weitere sichere 1st Rounder.

Hutchinsons Teamkollege David Ojabo wäre ein recht fixer 1st Rounder gewesen, hätte er sich beim Pro Day nicht die Achillessehne gerissen. Boye Mafe aus Minnesota, Arnold Ebiketie von Penn State, Drake Jackson von USC und eventuell auch der oft als Defensive Tackle geführte Logan Hall von Houston sind weitere durchaus denkbare 2nd Rounder, und dahinter folgt noch eine Reihe an Prospects mit guten Chancen, in der dritten oder frühen vierten Runde zu gehen.

Hutchinson und Thibodeaux

Zu behaupten, dass Hutchinson sich mit seiner starken Saison 2022 „aus dem Nichts“ in die Sphären der Elite-Picks hochgespielt hätte, wäre zwar vermessen, schließlich führten ihn viele Big Boards auch schon vor der Saison irgendwo zwischen #10 und #30. Aber spätestens mit seiner fulminanten Dominanz im „The Game“ gegen Ohio State gilt er als Favorit auf den #1 Pick und hat den über Jahre als kommenden Superstar gehypten Thibodeaux von der Spitze verdrängt:

Quelle: Benjamin Robinson

Wenn wir uns die College-Production in Pass-Rush Win-rate (x-Achse) und Run-Stop-Rate (y-Achse) der Top-EDGEs in dieser Klasse anschauen, dann sehen wir: Hutchinson und Thibodeaux hatten beide sehr gute bis exzellente Werte. Beide fabrizierten an die 25% Win-Rate im Passrush, was die meisten Fragezeichen nach ihrer Produktivität auf leise stellt:

(Daten aus dem PFF Draftguide)

Hutchinson gilt dabei als etwas „runderer“ Prospect, der einfach mehr Checkboxen abhakelt und keine echte Schwäche in seinem Spiel hat, während Thibodeaux mit seinem extrem guten Antritt und seinem druckvollen „Bend“ über die Flanke punktet, aber deutliche technische Schwächen im Einsatz seiner Hände besitzen soll.

Hutchinson ist etwas größer (6‘7) und schwerer (260 Pfund) als Thibodeaux (6‘4. 254), hat aber mit nur 32 1/8 auffällig kurze Hände, was in der NFL zum Problem werden *könnte*. Wir hatten ein ähnliches Thema bei den Bosa-Brüdern in den letzten Jahren: Super Athleten, super Techniker, aber etwas kurze Arme, was sie eventuell eindimensional machen könnte, wenn es gegen Offensive Tackles mit Krakenarmen geht. Die Bosa-Brüder haben mit ihrem fantastischen Gesamtpaket in der NFL beide den Durchbruch geschafft, aber beide haben Arme, die länger als 33‘ sind. Und damit um einiges länger als Hutchinson.

Hutchinson wird also nicht umsonst als der T-Rex unter den heurigen Edge-Rushern bezeichnet. Ich weiß nicht, wie viel wir wirklich den kurzen Armen an Wert beimessen sollten, denn Arm-Length korreliert zumindest abseits der Extreme recht wenig mit künftigem NFL-Erfolg. Aber in den letzten Jahren war in Maxx Crosby nur ein einziger junger Passrusher mit kürzeren Armen als 33‘ in der NFL erfolgreich.

Die athletischen Scores

Positiv immerhin: Hutchinson hatte eine ziemlich gute Combine mit exzellenten Beweglichkeitswerten. In den RAS-Scores (athletische Testwerte) ist er historisch gesehen ganz vorn dabei und sogar etwas besser als Thibodeaux…

…aber nicht so gut wie Georgias Travon Walker, der sich mit einer fabulösen Combine in den letzten drei Monaten von einem nur mittelmäßig beachteten 2nd Rounder hoch zu einem Prospect katapultiert hat, der dem Vernehmen nach durchaus in den Top-3 oder knapp danach gedraftet werden könnte:

Travon Walker

Walker ist ein absoluter Freak. Sein RAS-Score von 9.99 ist quasi perfekt und auf einer Linie mit Myles Garrett, Javon Kearse oder „lights out“ Shawne Merriman. Schau mal, wie lange die ganzen Balken bei Walker im PFF Athletic-Profile sind:

Quelle: PFF Draftguide)

Eine echte athletische Schwäche ist bei Walker nicht zu finden, was ihn zu einem feuchten Traum sämtlicher Talentspäher macht. Warum man bei Walker aber durchaus Vorbehalte haben kann, sehen wir im eingangs gezeigten Graphen, der die Produktivität der College-Prospects plottet: Walker hat keine 11% Pass-Rush Win-Rate.

Das ist nicht bloß schwach. Das ist ziemlich unterirdisch für einen Prospect, der als möglicher Top-Pick gehandelt wird. In den letzten Jahren ist nur ein anderer Passrusher in der 1ten Runde gegangen, der eine ähnlich schwache Win-Rate hatte: K’lavon Chaisson vor zwei Jahren in Jacksonville – ein Prospect, der mit 14% mehr Duelle gewonnen hatte, vor dem ich schon deshalb gewarnt hatte und der in der NFL bislang enttäuscht hat.

Letztes Jahr gab es viele Bedenken ob der Produktivität von „Null Sacks Guy“ Odafe Oweh, der ebenso als starker Athlet ohne die ganz großen College-Zahlen in die NFL kam. Aber nur mal so als Vergleich: Oweh hatte am College 18.5% Win-Rate – fast doppelt so viel wie Walker.

Wenn ich das richtig sehe, dann hat unter allen College-Prospects mit einer ähnlich schwachen Win-Rate wie jener Walkers in den letzten ca. zehn Jahren ein einziger wirklich in der NFL eingeschlagen: Danielle Hunter bei den Vikings. Walker zu hypen hat also Anflüge von „unicorn chasing“: Wette auf den Ausreißer.

Walker ist damit ein Fall für ein ganz tiefen Tape-Grind: War er einfach unglücklich eingesetzt – z.B. indem er die meisten Double-Teams bekam? Sind sämtliche Gameplans mit Quick-Passing von ihm weg designt worden?

Oder müssen wir dem Fakt, dass Walker über ein Drittel seiner Snaps (37% um genau zu sein) „innen“ gespielt hat, also dort wo Pressure im Vergleich seltener passiert, während seine Kollegen Hutchinson und Thibodeaux (und etliche andere) an die 95% und mehr Snaps außen spielen durften, einfach noch mehr Bedeutung beimessen? Ist Walker also flexibler? Erhöht das seinen Wert? Erklärt es zumindest zum Teil seine dürftige Production?

Auf der anderen Seite war Walker in einer ziemlich epischen Georgia-Defense, die in den DTs Jordan Davis und Devonte Wyatt, LB Nakobe Dean und DB Lewis Cine noch weitere 1st Rounder sehen könnte (plus den einen oder anderen 2nd Day Guy), wahrscheinlich nur der viert- oder fünftbeste Verteidiger. Vielleicht führte Walker neben diesen Stars ja sogar ein einfacheres Leben als seine Konkurrenten.

Saubere Technik und guten „Bend“ soll er jedenfalls nicht haben und schlampige Beinarbeit führt zu schlechter Balance über die Flanken.

Das alles macht Walker zu einer schwierigen Projection. Natürlich ist es schwer an seinem Potenzial vorbeizuschauen. Aber wir wissen, dass gerade bei Edge-Rushern die College-Produktivität ein wichtiger Bestandteil der Evaluierung sein sollte, denn gute College-Production projected auf dieser Position gut in die NFL. Und so einfach ist Football dann als Spiel auch nicht, dass wir einfach den wahllos besten Athleten der Welt auf das Feld schicken können und erwarten, in einer raffinierten Position wie Edge-Rush groß aufzuspielen.

Summa summarum

In Summe wirkt die Spitze bei den Edge-Rushern heuer auf mich so, als würde ich Thibodeaux als ersten Passrusher draften. Er hat die notwendige Upside bei den gleichzeitig wenigsten Fragezeichen. Bei Hutchinson sind es die kurzen Arme, die ihn in bestimmten Matchups limitieren könnten, bei Walker kann ich nicht an seinen College-Zahlen vorbeischauen und sehe ihn eher als „Region Oweh“ an: Ende erste Runde kannste gern auf so einen Freak zocken.

Auch bei den Jungs hinter diesen größten Namen gibt es die alltäglichen Fragezeichen: Johnson war wie oben ersichtlich nicht wesentlich produktiver als Walker, Karlaftis gilt als super-„runder“, produktiver Prospect, der fast alle Checkboxen abhakelt, aber mit 32‘6 nicht viel längere Arme hat als Hutchinson, Ojabo wird nach seiner brutalen Verletzung erstmal ein paar Monate raus sein und wäre mit seiner schwachen Core-Strength als eh schon großes Fragezeichen in Run-Defense erstmal vor allem Situational-Passrusher gewesen.

Ebiketie ist minimal „undersized„, aber mit seinem ansonsten super RAS-Score und seiner guten Kombination aus Production (siehe oben) und Technik vielleicht ein bald gar nicht mehr so unbekannter Sleeper für einen 1st Round Pick. Er wirkt mir wie ein Prospect, den ich bewerben würde.

Nik Bonitto hat super Produktivität, aber soll eher maues Tape haben. Mafe ist eine coole Socke als „Situational Passrusher“, aber hat nicht viele College-Snaps gespielt.

Alles in allem: Vielleicht sind es in Summe zwar ein paar Fragezeichen weniger als bei den Edge-Rushern der letzten Saison, aber ein bissl werde ich den Eindruck nicht los, dass die Klasse heuer auch deshalb so viele hohe Picks sehen wird, weil es einfach allgemein in der Spitze kein richtig exzellenter Draft-Jahrgang ist. Es fehlen nicht nur die Ausnahme-Quarterbacks, sondern wohl auch die absoluten Ausnahmekönner auf den anderen Premium-Positionen.

2 Kommentare zu “Streifzug durch die meistgehypten Edge Rush Prospects im NFL Draft 2022

  1. Ich weiß nicht ob es nur mir so geht, aber ich komme dieses Jahr auch so gar nicht in die Draftmaterie rein..
    Liegt wohl (auch) an den fehlenden Top-QBs, die ansonsten doch immer am interessantesten an der ganzen Draftsaison sind.

  2. Verstehe es aber nicht ganz. Wenn Bedeutung QB >> Rest ist und wenn Bewertung schwierig, dann sollte es sich doch auch in einem „schlechten QB-JAhrgang“ lohnen, einen QB in Rd1 zu ziehen, der letztes JAhr nur QB Nr 5 gewesen wäre. Es gibt doch auch QB Nr5, die Qualität gezeigt haben. Oder irre ich mich und war R.Wilson als Rd3-er der letzte vor 10 JAhren ???

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.