Paar Gedanken zu Quarterbacks und NFL Draft 2022

Peter King fasst in seiner heutigen Kolumne die allgemeine Unsicherheit zehn Tage vor Beginn des NFL Drafts 2022 zusammen.

Nicht falsch verstehen: NFL Draft ist immer eine Zeit der Unsicherheit. Doch wo man in anderen Jahren – auch in den vermeintlich unübersichtlichen Covid-Jahren – dank klarer Top-QB Prospects zumindest einigermaßen klare Vorstellungen davon hatte, wie die Spitze des Drafts aussehen würde, soll das Big Picture heuer völlig unklar sein.

King hat mit mehreren hochrangigen Vertretern aus der Liga gesprochen. Der allgemeine Tenor: Keine zwei Leute haben den gleichen Top-10 Mock Draft. Durchaus nicht ausgeschlossen, dass es der erste Draft ever wird, in dem kein einziger Skill Player in den Top 10 geht. Völlige Unsicherheit schon beim #1 Pick.

Jacksonville, das diesen Top Pick hält, galt lange als „locked in“ auf EDGE Aiden Hutchinson, aber die Draft-Historie von GM Trent Baalke könnte darauf hindeuten, dass es dann doch der Freak Travon Walker wird. Baalke hatte schon in San Francisco immer wieder (und oft mit dürftigem Erfolg) die Ausnahmeathleten über die produktiven College-Prospects favorisiert – und kein Spieler ist athletischer und gleichzeitig unproduktiver als Walker, der von den befragten GMs überall im Range zwischen #1 und #45 am Big Board gerankt wurde.

An #2 traut man den Lions abhängig vom #1 Pick quasi alles zu – von einem Quarterback-Pick über Walker über Hutchinson. Alles. Lions-Headcoach Dan Campbell hat mit seinen Aussagen von wegen „wir können auch ohne Top-QB Spiele gewinnen“ zusätzliches Öl für Spekulationen ins Feuer geworfen.

Ich habe in den letzten Wochen etliche Mock Drafts mit einem QB Malik Willis an #2 nach Detroit gesehen, aber dem Common Sense nach zu urteilen ist aktuell Carolina an #6 die sicherste Wette, wenn man auf einen QB in den Top 10 setzen möchte.

Carolina hat nur einen einzigen Pick in den ersten drei Runden und ein klares QB-Loch. Der extrem enttäuschende Headcoach Matt Rhule braucht trotz seines Langzeitvertrags schon 2022 einen guten Saisonstart um nicht schon zur Saisonmitte dem Arbeitsmarkt zugeführt zu werden. Gleichzeitig tun sich die Panthers schwer, einen Trade für Baker Mayfield einzufädeln, weil die Erinnerungen an den furchtbar schief gelaufenen Sam-Darnold-Trade zu frisch sind.

Klar ist: Mayfield ist zwei Klassen besser als Darnold (und wohl auch besser als Teddy Bridgewater, der sich 2020 versuchen durfte). Aber mit der Pistole auf der Brust zum dritten Mal hintereinander für einen woanders gefloppten Veteran-QB zu traden, könnte den Verantwortlichen in Carolina eventuell zu heiß sein, weil man ein weiteres Scheitern weder dem Public noch dem Owner schadlos erklären kann.

Die Panthers brauchen OT und QB, könnten einen Veteran-QB aber scheuen. Gehen sie für einen QB, gerüchtelt es, dass sie schnelle Einsatzbereitschaft über langfristiges Entwicklungspotenzial priorisieren könnten.

Nicht ausgeschlossen ist weiter, dass New Orleans oder Pittsburgh hochtraden für einen QB. So schlecht die Klasse sein soll, so habe ich den letzten Tagen immer wieder vernommen, dass Experten dann doch wieder bis zu drei QBs in der ersten Runde erwarten.

King führt weiters aus, dass die Klasse zwar nur wenig absolutes High-End-Potenzial habe, dafür aber brutal tief sei. Dritte, vierte, fünfte Runde: Alles Runden, in denen man exzellentes Talent zum Arbeiten kriege. Das liege u.a. an der verkürzten Covid-Saison 2020, nach der viele Anwärter erstmal ein weiteres Jahr am College geblieben seien um ihr Profil zu schärfen. Jetzt spüle der College Football die reifste Klasse seit längerem in die NFL.

Es soll ein Draft der Trenches werden – Offensive und Defensive Line dominieren die frühen Runden so krass, dass ein Center (Taylor Linderbaum aus Iowa) immer wieder als hoher 1st Rounder genannt wird.

Runningbacks haben wohl kaum Aussichten auf 1st Round Picks. Receiver sollen zwar recht tief besetzt sein, aber es gibt keinen einzigen echten WR1 Guy – und so ist der #10 Pick der Jets der erste, an dem wirklich häufiger ein Receiver gemockt wird.

Die Tight Ends sind horrend besetzt. Die Linebacker sind angeführt von Nakobe Dean aus Georgia richtig gut, aber weil es keine Premium-Position ist, glaubt man, dass sie eher erst ab Ende 1te bis Ende 3te Runde gehen werden. Cornerback ist ziemlich dünn. Bei vielen ist Ahmad Gardner aus Cincinnati die #1, aber als hoch aufgeschossener CB ist er eher untypisch gebaut. Der andere Top-CB, Derek Stingley jr, hat seit seinem famosen Breakout-Jahr als College-Debütant 2019 nichts mehr gezeigt und gilt vielen als suspekt.

Ob es noch viele Trades geben wird, ist umstritten. 2022 ist schon allein deshalb ein außergewöhnliches Jahr, weil gleich deren acht Mannschaften ihren 1st Rounder bereits verkauft haben:

  • Chicago Bears (#7 Pick an die Giants im Justin-Fields-Trade aus 2021)
  • Denver Broncos (#9 Pick an die Seahawks im Russell-Wilson-Trade)
  • Cleveland Browns (#13 Pick an die Texans im Deshaun-Watson-Trade)
  • Miami Dolphins (#15 Pick an die Eagles im Jaylen-Waddle-Trade aus 2021)
  • Indianapolis Colts (#16 Pick ist nach zwei Trades mittlerweile bei den Saints angekommen)
  • Las Vegas Raiders (#22 Pick an die Packers im Davante-Adams-Trade)
  • San Francisco 49ers (#29 Pick ist nach zwei Trades mittlerweile bei den Chiefs)
  • Los Angeles Rams (#32 Pick an die Lions im Matthew-Stafford-Trade aus 2021)

Damit halten nur 24 Mannschaften einen 1st Rounder – so wenige wie noch nie, seit die NFL in den Modus mit 32 Mannschaften gegangen ist.

Sicher scheint nur: Weitere Trades werden wohl eher mittelmäßigen Tauschwert einbringen, da es einfach nicht die notwendigen Quarterback-Prospects gibt, die wirklich krasse Deals rechtfertigen.

Was aber möglich scheint: Der Versuch, hohe 2022er Picks in 1st Rounder für 2023 umzumünzen, weil die Quarterback-Klasse dann besser ist. Das ist etwas, was die Eagles vor ein paar Tagen gemacht haben, als sie im Tausch mit den Saints ihren 1st Rounder 2022 in einen 1st Rounder 2023 verwertet und mit zusätzlichen 2nd und 3rd Roundern vergoldet haben. Es war ein grandioser Trade von Howie Roseman.

Eventuell würde ich mir sowas auch von den Lions erhoffen – wenn es denn einen Abnehmer gibt.

Damit zu den Quarterbacks 2022

Wer sich auch nur entfernt mit der Materie befasst, hat es in der Murmeltierschleife gehört: Die QB-Klasse von 2022 gilt als richtig schwach. Wahrscheinlich ist es die schwächste Klasse seit 2013, als mit E.J. Manuel nur ein einziger QB in der ersten Runde ging. Sie gilt auch schwächer als 2014, als Blake Bortles, Teddy Bridgewater und Johnny Manziel die 1st Rounder waren.

Möglicherweise ist der schwache Jahrgang auch mitschuldig daran, dass der Draft 2022 bis jetzt so gar keinen Hype heraufbeschwört und die ganze Berichterstattung ziemlich müde wirkt. Ohne wildes QB-Ringelreihen auch keine wilde Gerüchteküche. Und ohne Gerüchteküche seit Tagen keine Aufsehen erregenden Neuigkeiten mehr. Die Vorgeschichte zum Draft ist quasi auserzählt, weil eh keiner vernünftige Insides mehr hat, was denn nächste Woche passieren wird.

Mit der kolportierten Schwäche des Jahrgangs geht eine absolute Unsicherheit einher, wie die fünf bis sechs besten Prospects zu ranken seien. Die alphabetische Reihung ist die einzige, auf die sich der Common Sense einigen konnte:

  • Matt Corral von Ole Miss
  • Sam Howell von UNC
  • Kenny Pickett aus Pittsburgh
  • Desmond Ridder von Cincinnati
  • Carson Strong aus Nevada
  • Malik Willis von Liberty

Willis, Pickett und Corral sind auf Benjamin Robinsons Public Board momentan die 1st Rounder, Ridder und Howell die 2nd Rounder, Strong der 3rd Rounder, aber ich schwöre, ich habe aus diesem Sextett schon jede mögliche Kombination als Ranking gesehen.

Willis ist als eine Art „neuer Lamar Jackson“ der QB mit dem größten Potenzial: Super mobil, brutaler Wurfarm. Aber Willis hat bei Hugh Freezes Liberty nicht ansatzweise sowas wie eine NFL-ähnliche Offense gesehen. Er hat deutliche Schwächen in der Antizipation und die Präzision einer Schrotflinte. Willis ist als Senior auch kein jugendlicher Prospect mehr.

Ehrlicherweise finde ich die oft aufpoppenden Lamar-Jackson-Vergleiche auch nicht unbedingt passend, denn während Jackson als Finesse-Runner so ziemlich der rationalste Scrambler ist, den ich jemals gesehen habe, ist Willis eher ein Typ Power-Runner, der über den Gegner drüberläuft als drumherum.

An ihm kann man auch den Diskurs der „Pro-Readiness“ ablesen: Die einen sagen, er hat den weitesten Weg bis zum NFL-Starter vor sich, weil er noch nie NFL-Konzepte gesehen hat. Die anderen betonen, dass seine Mobilität ihm per sofort immensen „margin for error“ erkauft und Beispiele wie eben Jackson oder auch Jalen Hurts zeigen, wie man Offenses gerade zu Karrierebeginn für solche QB-Typen erfolgreich umbauen kann.

Pickett ist der QB mit der besten statistischen Saison 2021, aber gleichzeitig einer ohne herausstechendes physisches Attribut. Er gilt als möglicherweise bereits „maxed out“ und hat Hände in der Größenordnung eines 12jährigen. Damit kannst du Schneebälle festhalten, aber kein pigskin.

Ridder soll mental am weitesten sein, aber angesichts der völlig unterschiedlichen Aufgabenstellungen zwischen College und NFL mag das fast gar nichts zu bedeuten haben. Außerdem mag er ein one year wonder sein, denn 2021 war sein viertes und einziges starkes Jahr als College-Starter.

Howell galt mit seinem starken Wurfarm vor einem Jahr noch als möglicher Top-Prospect, aber nach dem Abgang all seiner Waffen in die NFL im letzten Jahr spielte er einen schwachen Herbst 2021 und wurde als deutlich eindimensionaler Werfer enttarnt. Was man Howell aber eventuell zugutehalten kann: Er hat angesichts der Umstände neue Wege zum Erfolg gefunden und überraschende läuferische Fähigkeiten gezeigt (an die 1000 Rushing Yards).

Das mag etwas zu bedeuten haben – oder auch nicht. Einerseits gilt Howell nicht als athletisch genug um solches Rushing auch auf einem NFL-Feld produktiv umzusetzen. Andererseits zeigt es seine mentale Stärke und die Selbstlosigkeit, auch gegen seine Natur das zu machen, was seiner Offense am besten hilft.

Was bei Howell und Willis jeweils zu beachten ist: Verhindern von Sacks ist eine der Eigenschaften, die mit am besten vom College in eine erfolgreiche NFL-Karriere transferiert – und beide waren horrend darin:

Corral ist vielleicht das größte Mysterium, weil er in seiner Offense bei Ole Miss fast nur RPOs gespielt hat. Er hat gute Anlagen, aber angesichts seiner Mickimaus-Offense unter Lane Kiffins Anleitung ist es unmöglich zu prognostizieren, ob er NFL-Konzepte umsetzen kann.

Klar ist: RPO sind in der NFL längst angekommen und fixer Bestandteil vieler Playbooks. Aber sie sind nicht der entscheidende Teil einer Offense. Sie sind eher ein Goodie. Ein Team wie Miami, das mit Tua die letzten eineinhalb Jahre RPO als Kernkonzept spielte (oder angesichts von Tuas Limitierungen spielen musste) und darin auch richtig gut war, brachte trotzdem keine vernünftige Offense auf das Feld, weil es in den Kernelementen einer Passing-Offense versagte.

Gutes RPO-Passing ist wie gutes Laufspiel: Nett, wenn man es hat. Aber entscheidend sind andere Aspekte.

Ob Corral diese anderen Dinge drauf hat, wird sich erst zeigen, wenn er auf dem Spielfeld steht. Wahrscheinlich ist er der QB, bei dem die Pre-Draft-Interviews heuer am spannendsten waren, weil es dringend herauszufinden galt, ob er zumindest theoretisch die Konzepte intus hat.

Strong ist der Old-schooler: Fetter Wurfarm, immobil wie korsakoff mit zwei Klotzen Beton an den Füßen.

In Summe bleibt auch festzustellen: Quarterback-Evaluierung bleibt bis zur Unmöglichkeit schwierig. Was allein in den letzten Jahren für krasse Bolzen in der QB-Selektion passiert sind, macht deutlich wie schwer sich die NFL mit der Projection noch immer tut.

Mitchell Trubisky ging an #2, während Patrick Mahomes und Deshaun Watson auf #10 und #12 fielen. Baker Mayfield ging vor den weithin verdammten Josh Allen (an #7) und „Wide Receiver“ Lamar Jackson (an #32) als Top-Pick. Für Josh Rosen zahlte die NFL einen Up-Trade und #10 Overall Pick.

Tua ging direkt vor Justin Herbert vom Board. Und die letztes Jahr so hoch gehypte QB-Klasse hat im Debütjahr fast gar nichts gezeigt.

Bei all diesen Punkten stecke ich selbst knietief in der Scheiße. Wie die NFL habe ich eine dem Auswürfeln ähnliche Trefferquote. Ich liebte Watson, Lamar Jackson, Joe Burrow oder Kyler Murray und hasste Trubisky, Darnold oder Jordan Love. Aber ich liebte auch Tua und hätte von Justin Herbert, Patrick Mahomes oder Josh Allen eher bis definitiv die Finger gelassen.

Ich hätte Josh Rosen und den letzten Woche leider bei einem Unfall verstorbenen Dwayne Haskins overdraftet und Teddy Bridgewater als #1 gezogen.

Aber in einem war die NFL in den letzten Jahren gut: Sie hat die schwachen QB-Prospects gnadenlos aussortiert. Es gibt praktisch keine Quarterbacks mehr, die von außerhalb der ersten Runde kommen und Erfolg haben. Es mag an der limitierten Entwicklungszeit liegen – aber auch daran, dass die NFL den Pool an verwertbaren QBs recht gut eingrenzt, ehe sie dann aus dem vorselektierten Pool an High Potentials halt nach wie vor im Trüben fischt.

Anders: Die NFL grenzt den Pool sehr gut ein und hofft dann dort auf einen Treffer. Das spricht nicht für viel Hoffnung im QB-Draft 2022. Andererseits gibt es schon allein der Wert der QB-Position her, bei kleiner Erfolgsaussicht einen hohen Pick zu investieren. Denn das Potenzial, das ein gelungener QB-Pick birgt, ist größer als der Schaden, den ein misslungener QB-Pick anrichtet. Das ist auch der Grund, warum ich gleich wie mit oben angedeuteten Verschieben des QB-Picks in 2023 kein Problem damit hätte, wenn es „meine“ Lions trotz aller Fragezeichen schon heuer einfach mal mit einem QB probieren.

3 Kommentare zu “Paar Gedanken zu Quarterbacks und NFL Draft 2022

  1. Angesichts das es keine NFL tauglichen QBs außerhalb der ersten Runde gibt muss man vielleicht retrospektiv ein Lob an die Falcon aussprechen die tatsächlich seit Matt Ryan nicht einen einzigen Pick in QB investiert haben.

    Wo ich mir noch nicht so sicher bin: Sind alle QBs in die sich Scouts nicht genug für 1st Round verlieben könne einfach grottig oder bekommen alle QBs die nicht als QB1 geplant sind garnicht erst genug Reps um sich in fähige starter zu verwandeln? Die hitrate wird nicht hoch sien aber wer nicht sucht wird einen neuen Tony Romo auch nicht finden.
    Allerdings. Wenn man die Backups sowieso nicht etwickelt braucht man auch keine draften.

  2. Fast sicher ist es eine Kombination aus beidem.

    Natürlich bekommen höher gedraftete QBs erstmal mehr Chancen sich zu entwickeln – man hat sie von vorne herein höher bewertet, man hat mehr Ressourcen in ihre Verpflichtung gesteckt, aber es spricht auch extrem viel dafür, dass die NFL einfach ganz gut im Aussortieren geworden ist.

    Beim Thema QB-Entwickeln muss man sagen, dass seit der neuen Rookie Wage Scale mit den gedeckelten Verträgen viel weniger Anreiz besteht, QB-Hinterbänkler zu entwickeln, weil man sich viel einfacher von hoch gedrafteten QB-Busts trennen kann. Zu Zeiten von Jamarcus Russell oder Sam Bradford war dort noch jahrelanges Committment notwendig um nicht die Salary Cap zu torpedieren.

    Außerdem zu beachten: Seit ca. 2011 gibt es keine 3QB Designation mehr an Spieltagen. Teams halten sich vielfach einfach einen QB weniger im Kader.

  3. Pingback: Kurze NFL Draft-Einführung 2022: Offense | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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