Warum Deshaun Watson nur sechs Spiele gesperrt wurde

Cleveland-Browns-QB Deshaun Watson ist gestern für sechs Spiele gesperrt worden. Ein ganz kurzer Überblick.

Vorab: Die NFL hat die Sperre nicht selbst verhängt. Es war die von der NFL eingesetzte unabhängige Richterin Sue Robinson, die seit Wochen an dem Fall arbeitet. Für den Fall wurden auch nicht alle 20+ Klägerinnen angehört, sondern nur deren fünf (so nebenbei: bis auf einen Fall wurden für alle anderen Zivilklagen mittlerweile außergerichtliche Einigungen getroffen).

Nur sechs Spiele Sperre liest sich wie ein gigantischer Gewinn für Watson und die Browns – auch, wenn wir uns an das zynische Detail aus dem Watson-Vertrag denken, der Watson pro Spiel Sperre nur 1/16 von einer einzigen Million Dollar Grundgehalt von seinem 230-Mio-Deal abzieht.

Die NFL wollte eine Sperre von mindestens 12 Spiele bis einem Jahr – und argumentierte dabei:

  1. Es handelt sich um sexuelle Belästigung
  2. Fehlverhalten, das andere in eine extrem unangenehme Situation gebracht hat
  3. Verstoß gegen die Verhaltensrichtlinien der NFL

Die Richterin schloss in ihrem Bericht, dass Watsons Verhalten von expliziter sexueller Gewalt (wie Vergewaltigung) zwar abzugrenzen sei, dass der Fall aber trotzdem aufgrund der schieren Anzahl an Fällen krasser sei als andere Fälle von sexuellem Fehlverhalten. Und sie schloss, dass Watson keine Reue gezeigt habe.

Warum sind es also trotzdem nur sechs Spiele Sperre?

Prinzipiell argumentiert die Richterin, dass sie keinen Präzedenzfall schaffen konnte oder wollte. Sie hielt sich dabei strikt an die im CBA (Collective Bargaining Agreement = Kollektivvertrag) definierte Policy und argumentiert, dass die NFL wie schon in vergangenen Fällen wie Ray Rice erst auf öffentlichen Druck hin aktiv geworden sei und nun v.a. aus Publicity-Gründen eine hohe Sperre von mindestens einem Jahr angestrebt habe.

Oder anders: Die Strafe hätte genauso gut ein Siebenjähriger ausstellen können, wenn er den nur die entsprechenden Zeilen im CBA zur Personal Conduct Policy gelesen habe. Detaillierter ist das hier beschrieben:

Versuchen wir es dann doch zu verstehen

Prinzipiell ist im CBA für einen Fall wie jenen von Watson eine Basis von sechs Spielen Sperre festgelegtohne „erschwerende Umstände“. Die „erschwerenden Umstände“ sind aber wohl formell so definiert, dass es sich um eine vorherige Bestrafung handeln muss – und nicht als reine Aufsummierung an Anklagen in einem laufenden Verfahren. Das CBA war wohl einfach nicht für die schiere Anzahl an Klagen wie im Fall Watson ausgelegt – zumindest nicht, bis es zu einer ersten Bestrafung bekommen ist.

Klarer: Wir sprechen über Juristendeutsch. Leider nicht meine Sprache.

Durchaus aufschlussreich ist unter diesem Gesichtspunkt auch die Fußnote 51 in dem Abschlussbericht. Die NFL sei demnach dem CBA nach zu urteilen verpflichtet, Spieler und Owner gleich zu behandeln, aber bei ähnlichen oder härteren Fällen (Dan Snyder, Jerry Richardson, Jerry Jones, Bob Kraft usw.) habe die NFL ihre Owner mit Seidenhandschuhen angefasst bzw. erst gar nicht richtig hingeschaut.

Die Sperre von sechs Spielen ist damit zwar die härteste, die jemals in der NFL für einen „first offender“ im Bereich von sexualisierter Gewalt ausgestellt wurde, fühlt sich gemessen an der schieren Unzahl aber dennoch gering an – und ist damit ein Schlag ins Gesicht für die bis jetzt beim Thema sexuelle Gewalt eher desinteressierte NFL.

Einen exzellenten Thread zum Thema hat gestern Drew Davenport geschrieben. Ich empfehle ihn als vertiefende Lektüre zu dem Fall:

Wie geht es weiter?

Die NFL kann natürlich noch Einspruch einlegen, auch wenn sowohl die Browns als auch die NFLPA bereits in den letzten Tagen aktiv Meldungen veröffentlichten, die nach Akzeptanz für die Entscheidung der unabhängigen Richterin gerufen haben.

Die NFL hat jetzt drei Tage Zeit, um Einspruch gegen eine Sperre einzulegen, die im Einklang mit ihrer eigenen Politik steht. Roger Goodell steht damit zwischen zwei Stühlen: Auf der einen Seite gibt es auf den Deckel, weil man das Problem viel zu lange ignoriert hat. Doch auf der anderen Seite müsste Goodell primär aus Marketing-Gründen gegen das Urteil einer unabhängig eingesetzten Richterin Einspruch erheben – und dabei riskieren, dass das Fehlverhalten seiner eigenen Arbeitgeber ein weiteres Mal aufgerollt und wie die Sau durchs Dorf getrieben wird.

Also: Gerechte Strafe, wenn wir Paragraphen reiten. Gerecht anfühlende Strafe? Naja.

Watson wird damit weiter am Trainingslager teilnehmen können, und dann ab Anfang September für sechs Spieltage aus dem Verkehr gezogen. Er kann sich wie ein Gewinner fühlen – auch finanziell. Die Tür, einen eventuell reuigen Watson nach Absitzen einer sich gerecht anfühlenden (!) Strafe doch noch einmal in einem anderen Licht zu sehen, sieht für mich jetzt ziemlich geschlossen aus.

6 Kommentare zu “Warum Deshaun Watson nur sechs Spiele gesperrt wurde

  1. Die entscheidende Frage wäre ja auch, ob Watson sein Verhalten geändert hat. Was ich angesichts dessen was man bisher kennt, fast ausschließe. Die NFL hätte deshalb die Möglichkeit die jetzige Strafhöhe zu akzeptieren, gleichzeitig aber bei Wiederholung ein wesentlich verschärftes Strafmaß zu verhängen.

  2. Das hört sich ja schon echt traurig an…. Wäre ja auch für deutlich höhere Geldstrafen seitens NFL. Vertraglich wäre das natürlich auch schön gewesen aber wenn man den schlechten Mann vorher schon mit so einem dicken Vertrag ausstattet, wird man das wohl nicht mit in den Vertrag aufnehmen…
    Hab das auch immer nur häppchenweise aufgeschnappt korrigiert mich gerne falls es doch so gewesen ist.
    Kann man nur hoffen das er schlecht Spielt

  3. Schon ganz spannend, dass die Richterin sagt: “Ich lasse mich jetzt nicht fûr eure PR einfangen und gebe eine Hohe Strafe, damit die NFL gut aussieht. Wenn ihr höhere Strafen wollt, dann bitte für alle – Rosinen picken ist nicht.”

    Wirkt sicherlich erstmal schwer nachvollziehbar, aber eigentlich eine akzeptable Haltung, sich für eine bessere Gesetzgebung einzusetzen anstatt ein Exempel zu statuieren.

  4. Mir war tatsächlich nicht klar, dass die Personal Conduct Policy und der mögliche Strafrahmen für diverse Fehltritte im CBA halbwegs detailliert (bzw. in diesem Fall offensichtlich unzureichend) geregelt sind und gar nicht einfach von Fall zu Fall von der NFL/Goodell nach eigenem Ermessen über Strafen entschieden wird.
    In diesem Fall hatte die Richterin ja gar keine andere Aufgabe als das bestehende Regelwerk korrekt zu exekutieren.
    Sollte es der NFL mit einer Forderung nach verschärften Strafen für sexuelle Belästigung ernst sein, müsste sie sich also offensiv um Änderungen der Personal Conduct Policy (und dem entsprechenden Strafrahmen) im CBA bemühen. Und sie müsste diesen Strafrahmen, dann natürlich auch gegenüber den Ownern einfordern …

  5. Emotional ist mir das Urteil auch zu mild.
    Allerdings habe ich in der Vergangenheit festgestellt, dass es wohl für Berufsorganisationen (wie die NFL) juristisch schwieirg ist, sehr harte Strafen auszusprechen, da die Hürden für ein BERUFSVERBOT wogl sehr hoch sind. In Anbetracht der Länge von NFL-Karrieren (auch QB: Luck ist whrschl eher die Regel als Brady) ist eine mehrjährige Sperre de facto ein Berufsverbot. Praktisches Beispiel: Irgendwann mal hat ein ATP-Profi einen Schiri vom Stuhl geholt und verdroschen. Erstaunlicherweise wurde er relativ kurze Zeit gesperrt, meiner Erinnerung nach.
    Natürlich wirkt meine Argumentation albern bei Berücksichtigung von Colin Kaepernick 😦 .

  6. Prinzipiell finde ich das Ergebnis gut.

    Man kann natürlich moralisch sechs Spiele zu wenig finden, aber die Gutachterin hat relativ klar gemacht, dass sie die absolute Höchststrafe, die ihr nach CBA möglich ist, verhängt hat. Höchstmögliche Strafe klingt dann doch wesentlich besser als sechs Spiele.

    Gleichzeitig hat sie in der Urteilsbegründung klar definiert, dass:
    – Watson die Qualifikationen der Masseurinnen egal waren (es ihm also nicht um eine Sportmassage ging)
    – er aktiv Situationen herbeigeführt hat, in denen er Masseurinnen mit seinem Penis berührt hat
    – ihm bewusst war, dass diese Berührung unerwünscht ist
    – er keinerlei Reue zeigt

    Damit muss man mit den ganzen „NiChT vErUrTeIlT“ und „KeInE bEwEiSe“ Schwachmaten nicht mehr diskutieren, da sie faktisch Unrecht haben und kann Ihnen einfach die 16 Seiten Bericht schicken.

    Am ekelhaftesten finde ich die Browns. Alleine das offizielle Statement reicht, um ihnen für die nächsten 20 Jahre die gleiche Scheiße an den Schuh zu wünschen, die Ihrem Namen die letzten 20 Jahre alle Ehre gemacht hat.

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