Fuck Up

Letzte Station im Fall Deshaun Watson: Die NFL, respektive Commissioner Roger Goodell, haben Watson im nun wohl endgültigen Urteil für elf Spiele gesperrt. An diese Sperre angeflanscht wurden 5 Mio. USD Strafzahlung und die Verpflichtung, an einer Verhaltenstherapie teilzunehmen.

Watsons Rückkehr ist geplant für – Achtung, festhalten: Woche 13 @ Houston (sic!). Einzige Kondition für das reinstatement: Watson muss an der Therapie teilnehmen. Wir sind so nah dran an einer bedingungslosen zweiten Chance.

Recap: Causa Watson

Die unsägliche Geschichte kommt damit zu einem vorläufigen Ende. Watson war im Urteil der unabhängigen Gutachterin Sue Robinson vor einigen Wochen für nur sechs Spiele gesperrt worden, weil der Kollektivvertrag zwischen NFL und Spielergewerkschaft keine höhere Strafe vorgesehen hatte. Robinson hatte zwar die erdrückende Beweislast für Watsons sexuelle Übergriffe betont und ihn aufgrund des offensichtlichen Fehlens von Reue als Gefahr für Frauen gebrandmarkt, aber sie hatte keine Verhaltenstherapie vorgeschlagen und letztlich das milde Urteil mit Präzedenzfällen und dem CBA (Kollektivvertrag) gerechtfertigt.

Die NFL sah das nach dem öffentlichen Aufschrei etwas anders: Watsons Fall sei für sich so krass, dass er selbst einen neuen Präzedenzfall stelle. Und so zog sie die Klausel, dass das allerletzte Wort dann doch beim Commissioner liegt.

Herausgekommen ist ein Wischiwaschi-Urteil: Hälfte zwischen den sechs Spielen aus dem CBA/Robinson-Urteil und der von der NFL angestrebten ganzen Saison – aber dann doch nicht ganz die Hälfte, denn elf ist kleiner als zweimal sechs – möglicherweise, wie Robert Mays im heutigen Podcast mit Jenny Vrentas angemerkt hat, um Watson die „eligibility“ (Spielberechtigung) für sechs Saisonspiele zu ermöglichen.

Sechs Spiele im Kader zu stehen ist rein zufällig die Schwelle, ab der einem NFL-Veteran eine „accrued season“ gutgeschrieben wird. Das wiederum könnte Watson später auf dem Free-Agency-Markt zugutekommen.

Diese elf Spiele bedeuten jetzt freilich, dass Watson ausgerechnet in Woche 13 sein Comeback feiert – in Houston, direkt vor den Augen seiner Opfer. Die Pointe hat es unbedingt noch gebraucht.

Wenn ich mir die Reaktionen aus dem Watson- und Browns-Lager vor Augen führe, dann hätte ich eine weitere Pointe für angebracht gehalten: Wenn schon nur elf Spiele, dann doch bitte die nächsten elf Playoffspiele.

Watson und Browns: Jetzt lass uns doch endlich nach vorn schauen

Ich hab es im Zuge dieses wie auch früherer Fälle schon oft betont: Ich tue mir mit allzu deutlicher Vorverurteilung wie auch mit allzu langem Fingerzeigen schwer. Irgendwann muss genug sein – in Südtirol sagen wir: Es gibt den Punkt, an dem man alle Fünfe grad sein lassen muss.

Aber: Das mit dem Gerade sein lassen darf nicht ohne Bedingung sein. Es darf nicht ohne Einsehen sein, nicht ohne Reue, nicht ohne Aufarbeitung. Die sehe ich in diesem Fall weder bei Watson noch bei den Cleveland Browns. Im Gegenteil: Deren „Aufarbeitung“ ist geradezu himmelschreiend schlimm, so übel, dass man den beiden Parteien am liebsten die Pest an den Hals wünschen würde.

Die Browns ließen Watson vor ein paar Tagen im ersten Preseason-Spiel für einige wenige Alibi-Snaps auflaufen. Zweck war allein, im Vorfeld ein offizielles Statement auf den Social-Media-Feeds rausschießen zu können, in dem ein total genervter Watson sich von einer Beat-Writerin einige wenige halbgare Sätze von wegen „tut mir Leid, Ladys“ entlocken ließ:

Sehr viel lauter als diese rausgemurfelte „Entschuldigung“ war die Reaktion nach dem Urteil.

„he regrets putting HIMSELF in the position“

What the Fuck.

Wir werden uns damit abfinden müssen, dass es Watson nicht einsieht. Das hinterlässt einen extrem bitteren Nachgeschmack; die Chance, Watson auf persönlicher Ebene noch einmal vergeben zu können, sinkt damit auf quasi null.

Die Zeit heilt alle Wunden – meistens zumindest – aber ich weiß nicht, ob atemberaubende 50-yds Touchdowns und Playoff-Glorie jemals noch diese Scheiße zudecken können, dass hier ein Serientäter fast straflos und mit 200+ Mio mehr in der Tasche davongekommen ist.

Die Browns bleiben vom Owner herab bei ihrer Haltung, Watsons Verpflichtung mit „zweite Chance für jeden“ zu begründen – ohne Bedingungen zu nennen – und freuen sich darauf, noch in diesem Herbst ihren ersten echten Franchise-QB seit Erfindung des Weißbrots aufs Feld stellen zu können:

Botschaft: Lasset uns wieder zum wirklich Wichtigen kommen.

Okay, vorletzter Einschub

Eine Sache, die mir an dem Fall noch hängen bleiben wird: Watson ist von den juridischen Instanzen trotz erdrückender Indizienlage schon vor Eröffnung eines Strafprozesses freigesprochen wurde bzw. hat auf zivilrechtlicher Ebene außergerichtliche Einigung mit fast allen Klägerinnen abgeschlossen.

Ich bin Laie, aber das wirft kein gutes Bild auf das Rechtssystem. Ohne selbst eine adäquate Lösung anbieten zu können scheint mir die Beweisführung bei Sexualstraftaten komplett aufgeschmissen zu sein.

Die NFL hat in dem ganzen Fall kein gutes Bild abgegeben. Im Gegensatz zum Staat hat sie aber zumindest irgendwas Konkretes getan – wenn auch zu wenig, und nur auf öffentlichen Druck hin. Und sie hat sich ein längeres Gerichtsverfahren gespart. Sich nicht weh getan, anderen nicht weh getan, Bild gewahrt. Einigermaßen zumindest.

Beenden wir das Thema hiermit

Vier Gedanken noch von meiner Seite:

  1. Sowohl die Browns („gib ihm die zweite Chance„) als auch die NFL (keine Massagen außerhalb der Team-Facilities ohne Zustimmung der Browns) sind sich bewusst, dass Watson schuldig und ein potenziell weiter gefährlicher Wiederholungstäter ist
  2. Trotzdem haben sie ihn verpflichtet bzw. nicht aus der Liga geworfen, weil er eben ein super Footballer, Zugpferd und Quarterback ist
  3. Watson zeigt keinerlei Reue, wird kaum bestraft, und niemand ist ernsthaft überrascht.
  4. Money rules. Alle profitieren finanziell. Die Browns haben ihr neues Zugpferd und werden durch sportlichen Erfolg im Wert steigen. Watsons Vertrag ist beyond zynisch. Die NFL behält einen ihrer größten Stars. Sie erlebt bald Playoff für eins der traditionsreichsten Teams mit den leidenschaftlichsten Fans. Und sie hat doch zumindest ein bissl was out of the box gemacht um einen außergewöhnlichen Fall zu den Akten zu bringen – nur fürs Protokoll. Sogar die meisten Opfer haben das Geld der außergerichtlichen Einigung genommen um einem monatelangen öffentlichen Spießrutenlauf im Zivilprozess aus dem Weg zu gehen.

Die richtige Vokabel dafür ist fucked up.

Sollten wir nicht mehr zuschauen? Dann nehmen wir uns das, was uns am meisten Freude macht.

Das hier ist ein Football-Blog

12 Spiele Sperre bedeutet: Die Browns verlieren ihren teuren Starting-QB für 2/3 einer Saison, die in der langfristigen Planung der Franchise schon lange eine wichtige Rolle spielt. Zahlreiche Verträge sind so gestaltet worden, dass sie heuer besonders wettbewerbsfähig um Playoffs und eventuell die Superbowl mitspielen können. Sechs Spiele lang hätte Cleveland eventuell einen Backup wie Jacoby Brissett durchschleifen können. Aber Brissett bis Woche 13 in einer knallharten AFC?

Heißt: Die Browns könnten sich evtl. nach einer QB-Option wie Jimmy Garoppolo umsehen, der bei den 49ers zum Verkauf steht und theoretisch (wenn auch erstmal nicht finanziell) perfekt ins Shanahan-ähnliche System von Browns-Coach Stefanski passt. Das „Risiko“, dass JimmyG gut genug performt um eine QB-Controversy heraufzubeschwören (Watson ist ja per se ein komplett anderes Spielsystem gewohnt), dürfte eher Chance als Problem sein. QB-Controversy ist man in Cleveland eher zwischen Option schlecht und grausam schlecht gewohnt.

Einzig der Preis für JimmyG wird aufgrund des Browns-Needs steigen. Ein Beleg dafür, dass Teams wie die Niners gut beraten darin sind, solche Assets wie Garoppolo im Roster zu behalten, weil immer kurz vor Saisonstart irgendwo Panik auf der QB-Position ausbricht.

Womit wir voll im nächsten Thema wären. Ich muss meine in den letzten Tagen gesammelten Infos schön langsam zu einem Preseason/Preview-Bild zusammenstellen. Langsam kommt der Drang zurück, sich mit NFL-Football zu beschäftigen, und jetzt sind die Stakes auch wieder entsprechend: Ich weiß zwar in der NFL nie, wem ich die Daumen drücken werden, aber jetzt zumindest, gegen wen ich sie drücken werde.

10 Kommentare zu “Fuck Up

  1. Danke für den wie immer sachlichen und fairen Kommentar.

    Ich wünsche den Cleveland Browns, dass sie auch mit ihrem neuen Quarterback ihre spektakuläre Erfolgssträhne der letzten 30 Jahre fortsetzen können. Mögen die Browns die Browns bleiben.

  2. Alle Verfahren hinsichtlich sexualisierter Gewalt sind der Horror. Die Gesetzeslage ist für Opfer miserabel.
    Du willst als Opfer fast nie Primär die Entschädigung, sondern ein Abschluss, ein Urteil, eine Entschuldigung. Eben das Gefühl, dass du nicht als Opfer falsch bist (das ist nämlich die Täter-Strategie: sich selbst als wichtig, unaustauschbar darzustellen und das Opfer als unglaubwürdig zu diskreditieren).
    Dad klappt so gut wie nie. Wenn du kannst, nimmst du als Opfer das Geld … und fühlst dich halt weiter dein lebenlang „falsch“.
    Es ist einfach ekelhaft.
    Eigentlich müssten alle Reporter die Browns ghosten bis watson weg ist.
    Aber für mich ist es auch klar: immer gegen die Browns. Die Haltung wird nur dazu führen, dass viele Brownsfans „immer-alle-gegen-uns/jetzt-erst-recht-denken“

  3. Hi!
    Ich bin relativ neu und deshalb nicht so ganz vertraut mit des Fakten, deshalb würde es mich interessieren, wie du den Fall Watson im Verhältnis zu Kaepernik einschätzt. Ich musste daran denken, weil Kaepernik (so wie ich den Fall mitbekommen habe) nach einem Verhalten, dass gegen die scheinbar vorherrschenden Normen in der nfl verstoßen hat, relativ effektiv ausgegrenzt wurde obwohl auch er eigentlich ziemlich gut gewesen zu sein schien. Könnte man also sagen, dass sexuelle Gewalt in der nfl weniger als Verstoß gegen Normen wahrgenommen wird als der Kampf gegen Rassismus? Kann man das wirklich so vergleichen oder gibts da noch andere Faktoren?
    Irgendwie musste ich einfach daran denken und hat den Fall für mich irgendwie noch ärgerlicher gemacht. Würde mich interessieren, wie du das siehst! Danke

  4. Kaep hat die befindlichkeiten reicher alter Säcke gestört. Das ist in der NFL ein Vergehen.
    Die Gefühle von Masseurinnen verletzt und das ist den reichen alten Säcken scheißegal.

    Das die NFL wirklich nichts tut wenn diese reichen alten Säcke z.B. ihre eigenen angestellten Cheerleader belästigen hat einen Anteil daran das Watsons strafe relativ gering ausfiel.

  5. Was blub sagt, plus:

    1. Kaep war wirtschaftlich schädlicher als Watson, was auch immer das über die US Gesellschaft aussagt

    2. Watson ist einfach ein klar besserer QB als es Kaep zum Ende raus war

    In Summe einfach ein Armutszeugnis.

  6. Ich fand den Artikel im Ringer dazu extrem passend: Das Urteil der Schiedsfrau sagt ganz klar, dass sie es als erwiesen ansieht dass Watson den Frauen sexualisierte Gewalt angetan hat. Die NFL hielt es trotzdem für angemessen einen Deal für ihn auszuhandeln. Das sagt eigentlich alles.
    Sie wollten dass es vorbei ist. Die Öffentlichkeit sollte eine verschärfte Strafe kriegen, aber NFLPA und Watson sollten ebenfalls keinen Grund haben noch Ärger zu machen. Nur darum ging es.

    Und dann ist es auch egal dass es eigentlich nicht Aufgabe des Arbeitgebers ist strafbares Verhalten aufzuklären und die NFL hier eh nicht im Sinne oder anstatt der Justiz für Gerechtigkeit sorgen kann. Dann geht es elementar um die moralische Frage ob Du bei sexualisierter Gewalt auf der Seite der Opfer stehst oder nicht.

  7. @Hannes Kommeroh
    Problem in Amerika ist…das ist dort kaum möglich.
    Jedenfalls nicht wenn eine Partei vermögend ist. Denn diese kann sich nicht nur die besten Anwälte holen, sondern auch die Kosten tragen.

    Etwas das die Frauen nicht können.
    Sie mussten sich zusammentun, alles auf eine Karte/Anwalt setzen, dieser zahlt dann alles auch erstmal aus eigener Tasche und man kann nur hoffen das die gegnerischen Anwälte es nicht in die Länge ziehen.

    Sollte es zu einer Verurteilung kommen wird gleich in Berufung gegangen und es wieder in die Länge gezogen…kurz…keine Chance je wirklich zum Urteil zu kommen da einfach nicht das finanzielle Durchhaltevermögen da ist.

    Und der Anwalt will seine Kosten ja auch erstattet sehen / was daran verdienen. Kann man von halten was man will, aber ich glaube die wenigsten von uns arbeiten umsonst. Ich zumindest nicht.

    Und bei solchen Fällen in denen…welch Überraschung…der Täter nur loslegt wenn man alleine ist, da kann man eigentlich nur auf einen Vergleich hoffen. Wäre es ein 08/15 Typ der über 20 Frauen hätte die ihn beschuldigten sähe es anders aus, da ihm auch nur mittelmäßige finanzielle Mittel zur Verfügung stehen würden, aber so…da Bestand nie eine Chance.

    Sie R. Kelly was da alles passieren musste damit es überhaupt endlich mal losging. Und da war es sogar noch deutlicher. Aber er ist vermögend, da werden die richtigen Zahnräder geschmiert und alle schauen weg.

    Ich hoffe nur das keine einzige Frau bei den Browns gezwungen ist alleine mit dem Typ im Raum zu bleiben. Oder wenn, hochauflösende Kameras mit perfekter Bildqualität alles aufzeichnen. Damit, sollte er doch wieder übergriffig werden, gleich eine aufs Maul bekommt.

    Ansonsten…hoffe die Browns fallen richtig schön auf die Nase.

  8. Nur Detail: Watson hatte beim TWitter-Video die ganze Zeit die Hände in den Hosentaschen. War ihm total egal.

  9. Naja das ist nun aber einfach Unsinn.
    Mag durchaus sein, dass es ihm egal war, (bzw. die Gutachterin hat fest gelten, dass es ihm egal ist) aber das kann man nicht daran ablesen, dass die Hände in den Hosentaschen sind

  10. Wäre es nicht einfach zu warten bis die 9ers Jimmy G entlassen? Es glaubt doch eh keiner, dass die ihn mit 24 Mio Cap behalten, und Garop kostet in FA um die Hälfte weniger und keinen Draft Pick.

    Die Browns haben doch eh keinen Mitbieter auf Trades, an die Hawks werden die 9ers ihn nicht traden und sonst hat keiner einen Need für Garop.

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