Über die weiteren Aussichten der NFL-Quarterback Klasse von 2021

Eins der Dinge, die wir über die Jahre gelernt haben, ist: Der wichtigste NFL Draft vor jeder anstehenden Saison ist der vorletzte. Selbst die besten NFL-Spieler brauchen in der Regel ihre Rookiesaison, um in der NFL wirklich Fuß zu fassen. In der Regel kommt der entscheidende Leistungssprung in Jahr 2.

Und keine Position ist wichtiger als Quarterback. Da trifft sich gut, dass die Draftklasse aus dem letzten Jahr (2021) als eine der meistgehypten QB-Draftklassen in die Geschichte eingegangen ist. Als Rookies haben die meisten von ihnen enttäuscht – aber wir können trotzdem von einigen eine Steigerung erwarten.

Die Aussicht der Klasse von 2021 in ihrem zweiten Jahr ist Thema des heutigen Blogeintrags.

Trevor Lawrence | #1, Jaguars
Zach Wilson
| #2, Jets
Trey Lance
| #3, 49ers
Justin Fields
| #11, Bears
Mac Jones
| #15, Patriots

Manchmal gibt es Jahre, in denen Rookie-Quarterbacks performen wie junge Halbgötter, und jedem ist sofort bewusst: Da wird mehr draus. Matt Ryan oder Russell Wilson zum Beispiel, auch mit Abstrichen Joe Burrow, Justin Herbert oder Andrew Luck. Manchmal sind sie Fake – siehe RG3. Meistens aber durchleben Quarterback-Debütanten eine Achterbahnfahrt von Rookiesaison und kämpfen mit vielen Kinderkrankheiten.

Big Year = Jahr 2. Es gibt Beispiele von späteren Breakouts – Josh Allen (Jahr 3) wäre ein Name, aber davor musst du schon ins Jahr 2004 gehen, als Drew Brees erst im vierten Jahr erstmals andeutete, wie gut er wirklich sein kann.

Die Kunst ist also abzuschätzen, welche Quarterbacks im zweiten Jahr den großen Schritt machen.

NB: Ich habe mich im Folgenden auf die 1st Rounder beschränkt. Das hat Zeitgründe, aber ich hab auch fast nichts von Davis Mills als Rookie gesehen. Ich werde das in der Texans-Preview noch versuchen nachzuholen.

Trevor Lawrence

Dropbacks668 
EPA/Play-0.03#29
PFF Grade59.6#29
Big Time Throw%3.4%#26
Turnover-würdige Würfe3.7%#23
Accuracy%72.4%#28
CPOE-4.9%#32
aDOT8.2#16
Time to Throw2.84 sek#23
Drop Rate9.3% 
Pressure-to-Sack%14.5% #11
Rushing334 yds, 2 TD 

Wir müssen nicht drumherum reden: Lawrences Output im ersten Jahr war schwach. Und doch war seine Performance entschuldbar. Zu absurd waren die Rahmenbedingungen mit einem Urban Meyer auf Headcoach, der schlicht keine Lust oder keine Ahnung hatte und spätestens ab Woche 3 lame duck war.

Lawrence hatte in der ganzen ersten Saisonhälfte nur einen einzigen TD-Pass. Er hatte wenige Highlights, machte viele Fehler und ging mit seiner Offense unter. Und doch wirkte er in Interviews wie der reifste Mann in dem Komödiantenstadel in Jacksonville.

Wir können die schwache Rookiesaison nicht völlig ausklammern, aber ich liste meine großen Hoffnungen auf, dass Lawrence heuer trotzdem den großen Schritt nach vorn macht:

  1. Seine Sample-Size an exzellentem Quarterbacking am College ist groß genug um sie schon jetzt aus dem Fenster zu werfen. Schließlich war Lawrence vor dem Draft 2021 der heißeste Scheiß seit Andrew Luck. Die berühmten „Traits“ sind alle da.
  2. Lawrences Pocket-Präsenz war super. Seine Pressure-to-Sack Rate von 14% gehört zu den besten in der NFL – eine unterschätzte und stabile Metrik. Vom Speed der NFL war er also nicht überrumpelt – nur von der Hoffnungslosigkeit seiner Situation.
  3. Lawrences bestes Spiel kam in Woche 18. Für Jacksonville ging es um nichts mehr, aber nach einer verlorenen Saison den Colts die sicher geglaubten Playoffs mit einer Eiseskälte noch zu entreißen, spricht wie oben gelisteter Punkt 2 für ein intaktes mentales Setup.

Ein weiterer Punkt, der für Lawrence sprechen könnte, kommt aus einer Analyse von Timo Riske vor einem Jahr: Der stärkste Trigger für die Zweite-Jahr-Entwicklung ist die Fähigkeit, viel besser die Spielfeldmitte bespielen zu können. Wo Rookie-QBs sich häufig noch nicht trauen, die vielbevölkerte Zone zwischen den Hashes zu bewerfen, finden die guten jungen QBs ab dem zweiten Jahr dort ihren Groove. Die Spielfeldmitte ist, wenn sie vernünftig attackiert wird, die effizienteste Zone am Feld.

Letztes Jahr war Justin Herbert trotz einiger Regressions-Anzeichen (Pressure-Performance, 3rd Down Performance) für Timo vor allem wegen seiner Route-Kombinations der große Breakout-Kandidat, weil er gute Effizienz trotz weniger Plays über die Mitte erzielte.

Auch Lawrence hat als Rookie nicht viel über die Mitte geworfen, wie das folgende Chart aus dem PFF QB Manual zeigt (so zu lesen: links sind die gelaufenen Routen, rechts die angeworfenen Targets; rote Farbe = viele Routen/Targets, blau = wenige):

Das Chart zeigt einmal: Die Jags-Offense war HOT MESS. Fast keine Routen über die Mitte, alles entlang der Seitenlinien, viele kurze Out-Routes. Das war keine NFL-Offense. Lawrence hat unter diesen Umständen nur 62% seiner Würfe zum ersten Read geworfen – extrem wenig. In satten 13% seiner Würfe musste er zum zweiten Read gehen – unerhört für einen so jungen QB. Das zeigt einmal: Lawrence ging durch die Progressions.

Aber das Chart zeigt auch: Gerade die Zone zwischen 10 und 20 Yards Spielfeldmitte downfield hat Lawrence fast nie angeworfen. Das wäre die effizienteste Zone am Feld. Und es impliziert, dass Lawrences Output noch längst nicht maximiert ist.

Möglicher Knackpunkt bei Lawrence, über den ich schon in seinem Pre-Draft Profile geschrieben hatte:

Diese Verteilung ist weniger problematisch als bei einem Zach Wilson. Der mied in der für den Raum zwischen den Hashmarks eigentlich prädestinierten Wide-Zone-Offense die Mitte, selbst als die Routen dort frei waren. Lawrence bekam im völlig anders erdachten Clemson-System kaum die Chance dorthin zu spielen.

Lawrences Vorgänger am College, Deshaun Watson, hatte vor kurzem kaum größere Probleme mit dem Umstieg in die NFL. Wir können uns ausmalen, dass es auch Lawrence schaffen wird – aber es bleibt ein kleines unbeantwortetes Fragezeichenbis wir es mit eigenen Augen gesehen haben.

Ein letzter großer Hoffnungsschimmer ist der neue Headcoach Doug Pederson, der schon einmal in seiner Karriere eine am Boden liegende Offense innerhalb kürzester Zeit umgekrempelt und auf solide Beine gestellt hat (und im zweiten Jahr dann sogar zum Superbowl-Titel). Pederson hatte damals Carson Wentz. Lawrence ist ein besserer Prospect als Wentz.

Jacksonville hat keine weltbewegende Offensive Line, und weil trotz der Steuervorteile in Florida niemand freiwillig zu den Jaguars geht, auch keinen wirklich guten Receiving-Corps (für den bestenfalls als okayen WR2 durchgehenden Christian Kirk mussten die Jags einen Vertrag zahlen, der in der Folge die Explosion aller WR-Verträge in der Free Agency getriggert hat). Trotzdem erwarte ich von Lawrence, dass er Effizienz in Nähe der Top-12 bis Top-15 in EPA/Play auflegen kann.

Zachary Wilson

Dropbacks444 
EPA/Play-0.14#34
PFF Grade59.3#31
Big Time Throw%2.5%#30
Turnover-würdige Würfe3.8%#25
Accuracy%69.9%#33
CPOE-9.6%#34
aDOT8.0#22
Time to Throw3.05 sek#29
Drop Rate12.7% 
Pressure-to-Sack%26.3% #33
Rushing188yds, 4 TD 

Der Fall Wilson ist deprimierender als Lawrence. Trotz besserer Umstände bei den Jets (ex-Shanny Offense-Designer, mehr Waffen, mehr offene Receiver, bessere OL) hat Wilson fast nichts gezeigt, das uns Hoffnung macht. Wo Lawrence wenigstens eine vernünftige Pocket-Präsenz und ein paar starke Individual-Performances hatte, gibt es bei Wilson: Nichts.

Wilson hatte z.B. die dritthöchste Pressure-to-Sack Rate nach Baker Mayfield und Joe Burrow, aber ohne die Highlights von Burrow. Wilson stand häufig unter Druck, weil er den Ball extrem lange hielt (über 3 sek im Schnitt), kassierte aber selbst dafür extrem viele Sacks:

Und er machte kaum Big Plays. Wilson hat wie Lawrence noch viel Luft nach oben im Spiel über die Mitte, aber im Unterschied zu den Jaguars wäre die Jets-Offense Shanny-typisch zahllose Routen genau dorthin gelaufen:

Und auch das hatte ich schon vor einem Jahr geschrieben: Wilson war schon am College ein QB, der ganz einfach nicht gern in die Mitte warf:

Über die schematischen Tricks, die Wilson Effizienz in ungeahnte Höhen trieben, hat Seth Galina bei PFF geschrieben. Und Benjamin Solak hat beim Draft-Network schon das Pamphlet online gestellt, das die Mär von Wilson als „perfektem Shanahan-System-QB“ beschreibt, ein wenig entblößt. Um als perfekter „Shanahan-QB“ durchzugehen, müsste Wilson deutlich disziplinierter spielen – und deutlich häufiger über die Mitte gehen. Knackiges Timing und saubere Beinarbeit seinen zwar keine Schwächen, aber definitiv auch keine herausragenden Stärken in seinem Spiel. Solak schließt etwas skeptisch:

Wilson is a good prospect—but with one season of explosive play in a tremendous context, his evaluation deserves more doubt than it’s currently receiving.

Dass Rookies viele Fehler machen, ist verzeihbar. Wir alle haben irgendwann Fehler gemacht, als wir die Grenzen ausgelostet haben. Aber Wilsons Spiel hat in seiner ersten NFL-Saison fast keine Upside gezeigt – im Gegenteil: Als im Spiel gegen die Bengals Mike White eingewechselt wurde, schnurrte die Offense von einem Moment auf den anderen und komplettierte Dutzende Pässe en suite. White ist ehemaliger Late Round Pick und Practice Squadder. Er war schnell ausgeguckt – aber in der kurzen Sample besser als fast alles, was Wilson zeigte.

Das einzig Gute: Im Nachgang an jenes Augen öffnende Spiel gegen Cincinnati stellte Wilson sein Spiel auf etwas solidere Beine, nahm häufiger den Checkdown, ging ab von seinem ganz Krassen Hopp-oder-Topp Spiel. Das ist ein Anfang.

Für mich war Wilson schon vor dem Draft nur der QB4 gewesen; die Vergleiche mit Patrick Mahomes waren immer absurd. Wilson ist nicht so mobil wie Mahomes. Er hat lange nicht den Arm. Und er ist nicht so präzise. Turns out: Als Rookie hatte er auch nicht die Eier eines Mahomes.

Was uns zusätzlich zu allen Schwierigkeiten in Wilons Rookiejahr nachdenklich stimmen muss: Die Training-Camp-News. Üblicherweise sprühen sie von rave reviews, die einzig bekannte Farbe ist Rosa. Bei den Jets? War von Anfang an die Rede davon, dass Freaking Joe Flacco den Jungspund an die Wand spielte und eventuell sogar den Starter-Posten bekommt.

Nun war Wilson für mich schon immer kein idealer Fit für die Shanahan-Tree-Wide-Zone-Offense, die New York unter OffCoord Mike LaFleur spielen will (wie auch, wenn Wilson im gleichen System schon am College die Spielfeldmitte mied), aber von Flacco outplayed zu werden, muss endgültig Alarmglocken schrillen lassen.

Vor einigen Tagen verletzte sich Wilson im Training. Kreuzbandriss war es Gott sei es gedankt letztlich keiner, aber die Auszeit kommt trotzdem zum denkbar ungünstigsten Moment für Wilson der jeden Rep gebrauchen kann. Irgendwann zwischen Mitte September und Anfang Oktober könnte Wilson wieder einsatzbereit sein.

Meine Hoffnung, dass er trotz verbessertem Receiver-Corps und einer rapide gefixten Offensive Line (Mekhi Becton runter, Duane Brown als Left Tackle rein) danach einen Breakout hinlegt, ist nicht nur verglichen mit Lawrence extrem gering. Vielleicht stehe ich zu sehr unter dem Eindruck des furchtbaren 2021er Tapes. Aber hinter Wilson stelle ich ein Sternchen.

Trey Lance

Dropbacks86 
EPA/PlayN/A 
PFF Grade59.9#28
Big Time Throw%3.9%#19
Turnover-würdige Würfe4.3%#28
Accuracy%71.4%#32
CPOEN/A 
aDOT10.3#1
Time to Throw3.34 sek#34
Drop Rate8.9% 
Pressure-to-Sack%11.1% N/A
Rushing168yds, 1 TD 

Lance hat keine 100 Dropbacks gespielt, weil Kyle Shanahan zur Saisonmitte endgültig entschied, die Saison mit Jimmy Garoppolo zu Ende zu spielen. Mit JimmyG hatte die Niners-Offense genug Groove um keine Umstellung mitten unter dem Jahr zu riskieren; es reichte um das NFC-Finale erst in letzter Minute zu verlieren.

Jetzt kommt die große Umstellung und Lance wird zum Fixstarter. Und mit ihm kommt eine ganz neue Dimension in die 49ers-Offense: Mobilität und tiefe Bedrohung.

Viele Coaches in der NFL sind austauschbar; Kyle Shanahan ist es nicht. Shanahan war der Trigger für die meisten der wichtigen Entwicklungen der letzten Jahre. Er war der Coach, dessen Wide-Zone und Play-Action Fokussierung Defenses auf Jahre vor unlösbare Probleme stellte. Er war aber auch der Coach, der als erster proaktiv agierte, als Defenses begannen zu verstehen, wie man gegen dieses Scheme verteidigt. Shanahan baute Power ein, fand immer neue Wege um die Nahtstellen der Defenses zu attackieren.

In den letzten beiden Jahren hatte Shanahan das Problem, das Defensive Ends am Edge der D-Line nicht mehr Contain gegen Play-Action spielten, sondern rücksichtslos den QB attackierten„was sind ein paar verschenkte Rushing-Yards im Vergleich zur Chance, mit einem Sack als Big Play den Drive zu zerstören?“

Enter Lance, der dieser Art von Defense einen Riegel vorschiebt, denn Lance ist größer und schneller als die meisten Edge-Rusher und Linebacker. Er kann sie umlaufen oder sogar überlaufen. Lances Mobilität ist auf dem Papier für Shanahans Offense eine so große Waffe, dass wir auf ein paar Prozent an Accuracy und Stabilität im Passspiel verzichten können, und trotzdem eine annähernd so gute Offense wie zuletzt unter JimmyG erwarten sollten.

Remember: Die Niners-Offense war schon mit JimmyG gut genug um regelmäßig die Top-5 in EPA/Play zu knacken, obwohl JimmyG fast keine Big Plays auflegte, obwohl er fast nie tief ging (unter 7% deep throws, zweitniedrigster aDOT aller Starting-QBs), obwohl JimmyG immer mal wieder anfällig war gegen einen seiner patentierten hirntoten Turnover direkt auf einen in der Mitte sitzenden Linebacker.

Disclosure: Ich bin nicht der Meinung, dass der QB in Shanahans Offense austauschbar ist. Garoppolo ist keine Graupe. Mit Garoppolo war die Shanahan-Offense wesentlich effizienter als mit Leuten wie Nick Mullens oder CJ Beathard. Garoppolo hat eine Baseline gesetzt, die Lance erstmal knacken muss.

Und doch bin ich zuversichtlich, dass die Niners mit dem QB-Wechsel den richtigen Schritt machen.

Lance hat den besseren Arm als Garoppolo. Lance hat in einem Fünftel der Dropbacks fast halb so viele tiefe Pässe geworfen als Garoppolo im ganzen Jahr. Lance kann auch outside werfen – Garoppolo hatte die mit Abstand größte Fokussierung auf die Spielfeldmitte aller QBs.

Ich bin ehrlich: Ich war Lance-Fan vom ersten Tag an. Vielleicht sehe ich zu viel Potenzial und zu wenig Risiko, denn immerhin ist Lance zum ersten Mal NFL Vollzeit-Starter. Wir müssen Kinderkrankheiten und unnötige Fehler erwarten. Und immerhin gibt es ein paar Fragezeichen mehr in der Offensive Line als in den letzten Jahren.

Aber kein System war über die letzten 8-10 Jahre besser darin, O-Line-Probleme zu kaschieren. Kein Laufspiel war versierter, flexibler, vielseitiger als jenes von Shanahan, der regelmäßig 6th Rounder wie Superstars ausschauen lässt. Nichts hilft der Effizienz eines Laufspiels so sehr wie ein mobiler QB, der ein Verteidigen von 11-vs-11 erzwingt.

Kein System ist besser darin, Yards nach dem Catch zu kreieren wie jenes von Shanahan. Fast kein Receiving-Corps ist breiter aufgestellt wie jener der Niners, mit TE Kittle, einem offenbar herausragenden WR Aiyuk und WR/RB Deebo Samuel: Ein potenziell atemberaubendes Trio aus Condensed-Formations im Slot, das selbst dann producen wird, wenn Lance sie nicht ganz so genau in den Lauf trifft wie früher Garoppolo.

Shanahan hat zum ersten Mal seit RG3 vor zehn Jahren einen richtig mobilen QB (der nicht auf den Namen Johnny Manziel hört) für sein System. RG3 fühlt sich bis heute wie unfinished business an. Auch wenn Lance nicht ganz so mobil ist wie es RG3 war: Ich glaube kein Wort, dass Shanahan eventuell im Draft lieber Mac Jones gezogen hätte. Ich glaube, Shanahan hat mit eineinhalb Jahren Vorbereitung sehr wohl einen konkreten, detaillieren Plan um Lances Potenzial voll zu entfalten.

Growing Pains sind bei einem QB, der seit Beginn seiner College-Karriere keine 400 Pässe geworfen hat, natürlich zu erwarten. In der Preseason war Lance etwas wackelig in seinen Reads, in seiner Accuracy, und etwas zögerlich im Scrambling. Doch das mag auch an einer O-Line gelegen haben, die selten mit beiden Offensive Tackles spielte. Vielleicht werden wir noch nicht an Tag 1 alle Möglichkeiten in voller Entfaltung sehen, vielleicht ist die gestern gelöste Situation mit einem auf Gehaltsreduktion auf der Bank sitzenden Jimmy Garoppolo bizarr genug um nach jedem Wackel-Spiel eine QB-Controversy heraufzubeschwören, aber Fuck it: Ich bin bereit, all-in zu gehen.

Ich glaube, wir werden einen Lance auf einem anderen Niveau als 2021 sehen, und eine Shanahan-Offense auf einem höheren Level als zuletzt. Das ist klarerweise noch mehr Wertschätzung für Shanahan als für Lance. Lance wie der Kollege Bill Barnwell schon in Nähe des NFL MVP zu schreiben ist mir ein paar Grad zu heiß, aber: Es braucht gar nicht so viel, die 49ers in einer ausgeglichenen NFC ganz dick im Superbowl-Rennen zu sehen. Also why not?

Justin Fields

Dropbacks353 
EPA/Play-0.10#33
PFF Grade64.2#25
Big Time Throw%6.1%#3
Turnover-würdige Würfe3.7%#23
Accuracy%66.9%#34
CPOE-2.0%#26
aDOT10.1#3
Time to Throw3.06 sek#30
Drop Rate7.6% 
Pressure-to-Sack%23.8% #32
Rushing420 yds, 2 TD 

Fields ist ein potenziell tragischer Case. Schon vor dem Draft war Fields der umstrittenste QB der Draftklasse 2021 – von QB2 bis 4th Round Grade war alles dabei. Die Geister schieden sich in erster Linie an Fields‘ Tendenz, den Ball zu lange zu halten. Damit lud Fields unnötige Pressures ein, was gerade in der NFL zu Sack-Orgien führen kann. Das Lager „pro Fields“ (zu dem ich mich zähle) argumentierte: Stimmt, hält den Ball lange, aber das liegt auch/vor allem an den Play-Designs von Ohio State mit langen vertikalen Routen.

Fields spielte in der NFL über 400 Dropbacks, und siehe da: Seine Pressure-to-Sack Rate war von Beginn an ein Problem, und sie war schwerwiegender als am College.

Nach dem berüchtigten Buccaneers-Spiel mit neun überwiegend vom QB verschuldeten Sacks hatte ich schon böse „Bust-Vibes“, und Fields war auch nachher ein QB, dessen Pocket-Präsenz sich nicht mit einem Trevor Lawrence vergleichen lassen kann. Aber mit 25% Pressure-to-sack Rate über die ganze Saison war Fields auch keine Lichtjahre mehr vom NFL-Rest entfernt („nur“ mehr schlecht):

Fields machte als Rookie viele Fehler (viertmeiste Turnover worthy Plays), aber hatte mit einer Rate von 6.1% Big Time Throws die dritthöchste Rate aller Highlight-Plays unter allen QBs. Das heißt: Fields hatte Schatten wie ein Wilson, aber im Gegenzug zu Wilson auch viel Licht, und das obwohl das Scheme von Headcoach Matt Nagy viel Kritik bekam.

Fields bekam unterdurchschnittlich viele Play-Action-Pässe desight, er wurde eher selten als Runner (nur 27 designte Runs), geschemte Würfe hatte er halb so viele wie andere QBs (nur 7%) und wo der durchschnittliche Quarterback über 52% seiner Pässe auf offene Receiver werfen darf, waren es bei Fields nur 46%. Zehn Prozent weniger einfache Würfe als zum Beispiel bei einem Zach Wilson.

Von allen Rookie-QBs hatte Fields ex aequo die beste PFF Clean-Pocket Grade (13t beste), was eine tendenziell stabile Metrik ist. Auch das macht Hoffnung.

Einzig das Route-Scheme sah doch viele Routen über die Mitte – bloß Fields warf dort nie hin. Potenziell hätte er also einfaches Verbesserungspotenzial (am College warf er überdurchschnittlich viele Pässe über die Mitte; er ist also nicht per se avers dagegen):

Jetzt ist Nagy ist weg.

Trotzdem ist Fields vor der Saison 2022 in einer Kacksituation, denn die neue sportliche Leitung hat mit ihren Offseason-Moves deutlich gemacht, dass sie nicht bedingungslos auf Fields baut. Das mag angesichts der Transferpolitik sogar ein Understatement sein.

Teilweise ist Chicagos Transferpolitik klarerweise mit der ungünstigen Cap-Situation erklärbar: Der frühere GM Ryan Pace hatte einen der schlechtesten Jobs der letzten zehn Jahre gemacht.

Aber für die junge QB-Hoffnung Fields hat das neue Regime um GM Ryan Poles und Headcoach Matt Eberflus (ein Defense-Coach) dann doch etwas arg wenig gemacht. Der einzige WR von Format Allen Robinson wurde in Ermangelung von Cap Space ziehen gelassen, der einzige neue WR von „Format“ (die Anführungszeichen muss ich an dieser Stelle mit Absicht setzen) ist der 25jährige 3rd Round Rookie Velus Jones, der als krasser Reach galt.

In der O-Line wurde bis auf den Einkauf vom Durchschnitts-Starter RT Riley Reiff kaum etwas gemacht – dass sich Teven Jenkins nach Gerüchten um einen Trade innerhalb eines Monats zum Right-Guard-Starter hochgearbeitet hat und der LT Braxton Jones tatsächlich gut genug für einen Starting-Spot sein soll, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir bei dieser Line über zahlreiche Unbekannte sprechen. Brandon Thorn rankte sie im Vorfeld als zweitschwächste O-Line der NFL.

Und dahinter soll in Fields ein QB spielen, dessen Pocket-Präsenz gelinde gesagt nicht seine Stärke ist. Das hat Katastrophen-Potenzial. Bei allem Verständnis ob der Salary-Cap-Situation in Chicago: Wenn das schiefgeht, müssen sich die Verantwortlichen den Vorwurf gefallen lassen, ein valides 1st Round Talent den Wölfen zum Fraß vorgeworfen zu haben.

Aber es gibt Hoffnung. In der Preseason sah die Offense wie ein vernünftiger Mix aus Play-Action-Passing über die Tight Ends mit eingestreutem Quick-Game-Passing und mehr QB-Rushing als letztes Jahr aus. Preseason ist nicht Regular Season, doch Fields sah wesentlich komfortabler aus als vor einem Jahr. Vielleicht holen die Bears über das neue Scheme wieder rein, was an Personal verpasst wurde.

In Summe gilt: Die Wahrscheinlichkeit, dass das mit Fields schief geht, ist relativ hoch. Ich fände das für Fields schade, denn er ist ein aufregend anzuschauender QB. In einer NFL, in der alles in Richtung Kurzpassorgien geht, sind solche mobilen Deep-Passer eine angenehme Abwechslung, denen ich in jedem Fall die Daumen drücke.

Mac Jones

Dropbacks609 
EPA/Play0.16#11
PFF Grade80.0#12
Big Time Throw%4.4%#16
Turnover-würdige Würfe2.5%#6
Accuracy%75.0%#18
CPOE2.5%#8
aDOT8.3#14
Time to Throw2.62#9
Drop Rate4.6% 
Pressure-to-Sack%18.2% #22
Rushing147yds, 0 TD 

Die Auguren sind sich einig: Jones hat die beste Rookiesaison aller 2021er QBs gespielt, und doch scheinen die Erwartungen fürs zweite Jahr niedrig zu sein. In Fact: Ich tue mir schwer mich an einen anderen QB zu erinnern, der nach einer so passablen ersten Saison so wenig Hype fürs zweite Jahr generiert hat wie Jones. Das mag dran liegen, dass Jones sowohl als Typ als auch als Spieler schlicht langweilig ist.

Jones ist Max Mustermann. Er ist weder besonders groß noch besonders athletisch. Weder hat er einen rattenscharfen Arm noch die Beweglichkeit, um NFL-Defenses mit seiner Physis einzuschüchtern. Jones ist kein ultrapräziser Kurzpasser, aber auch keiner, der downfield die engsten Fenster traumwandlerisch trifft. Jones ist schlicht und einfach ein guter Processor, ein guter Werfer auf Mitteldistanz-Routen, und ein guter Fehlervermeider. Zumindest war er das in seiner Rookiesaison.

Jones hatte die 16t-höchste Rate an Big Time Throws. Er hatte die 6t-niedrigste Rate an Turnover-würdigen Würfen. Seine Performance aus sauberer Pocket war so gut wie jene von Justin Fields und wesentlich besser als die aller anderen Rookie-QBs.

Und: Jones hatte die fünftbeste Performance unter Druck. Das ist üblicherweise keine stabile Metrik und könnte Regressionsgefahr bieten, zeigt aber zumindest, dass er mit dem Speed der NFL nicht überfordert war.

Aber: Ist Jones schon nahe an „maxed out“?

Die Frage ist nicht unberechtigt, denn wir sehen aus dem Targets-Chart, dass Jones als Rookie wesentlich mehr über die Mitte gemacht hat und ein relativ eindimensionales, linksseitiges Target-Profile hatte. Viele offensichtliche Stellhebel, um noch mehr einfache Würfe zu bekommen, gibt es mit Play-Designern wie Matt „The Bleistift“ Patricia und Joe „2nd Down QB Sneak“ Judge nicht:

Dennoch: Die Liste der QBs, die als Rookies ähnlich souverän in die NFL gecruist sind, ist kurz und mit prominenten Namen gespickt:

Jones ist nach der Rookiesaison der QB aus der Klasse von 2021 mit der besten QB-Projection:

Patriots-Coach Bill Belichick weiß üblicherweise, was er tut, und wird Ideen, die nicht funktionieren, schnell aus dem Fenster werfen. Bloß: Belichick hat schon letzte Saison nicht immer bedingungslos auf Jones gesetzt. Im Windspiel von Buffalo z.B. nahm Belichick Jones mit seinem Playcalling aus freien Stücken selbst aus dem Spiel. Ich glaube nach wie vor, dass das ein leichtes Misstrauensvotum gegenüber dem jungen QB war:

Aber in schwierigen Umständen traute ihm Belichick in einem engen Spiel DREI VERDAMMTE DROPBACKS zu. Es war krasser als „wir sind physischer als du und können dich überpowern“. Belichick ließ mehr als ein 3rd&12 in die Mauer laufen. Wie deutlicher kannst du einem QB den Ball enthalten?

Das war kein genialer Gameplan. Es war ganz einfach Reduktion auf das Minimum in der blanken Not, nicht mehr zur Verfügung zu haben. Minimal bessere Execution vom Gegner in der einen oder anderen Schlüsselsituation hätte zur Niederlage geführt. I’m sorry: Ganz für voll kann ich Jones damit nicht nehmen – schon gar nicht als Top-10 QB.

Das alles macht Jones zu einer schwierigen Projection. Wo ich an Lawrence glaube, weil er den Track-Record hat, Wilson misstraue, weil einfach gar nix kam, an Lance glaube wegen Shanahan und auf Fields mehr hoffe als wirklich glaube, weil ihn seine eigene Mannschaft sabotiert, hab ich bei Jones trotz der größten Sample Size nur wenig Ahnung, was kommen wird: Solides Tier 2 Quarterbacking als nahtlose Fortsetzung der Rookiesaison, oder kritischer Einbruch, weil die ganz großen physischen Elite-Traits sowie in Josh McDaniels der wichtige QB-Einflüsterer und Playcaller fehlen?

So langweilig Jones als Spieler bislang war: Seine weitere Entwicklung ist durchaus faszinierend.

3 Kommentare zu “Über die weiteren Aussichten der NFL-Quarterback Klasse von 2021

  1. NFL Rumors kann man, mit Verlaub, gerne ignorieren. Es gab exakt einen Camp Tag an dem Flacco Wilson outplayed haben soll (laut Connor Hughes oder auch Dennis Waszak, die so mit die beiden glaubwürdigsten Jets Beats sind).
    Ich sehe bei Wilson auch mehr Probleme als Hoffnung bisher, aber dieser Tweet ist absoluter Quark.

  2. Schöner Artikel, nur eine kurze Anmerkung: Fields 9-Sack-Game war gegen die Browns (sein erstes Spiel überhaupt in der NFL), nicht gegen die Bucs (gegen die er auch gar nicht gut aussah)

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