Warum mir am College Football zunehmend der Reiz fehlt

An diesem Wochenende beginnt die College-Football-Saison 2022/23.

Es hat nicht nur zeitliche Gründe, weswegen ich College Football längst nicht mehr so intensiv verfolge wie früher. Der Sport ist für mich in vielen Aspekten schlicht über die Jahre uninteressant geworden.

Was ich früher reizvoll fand, habe ich über die Jahre immer stärker abzulehnen begonnen: Die chaotische Organisation von Conferences und National Title Race, den Amateurstatus der Spieler, das sinnfreie (bzw. korrupte) Bowl-System – alles Konstrukte um den Profit nicht in die Taschen zu wirtschaften, die am meisten zum Gesamtprodukt beitragen (die Spieler), sondern den Coaches und Bürokraten im Hintergrund.

Vor acht Jahren hat die Elite des College Football schließlich und endlich ein kleines Playoff-System eingeführt um die BCS abzulösen, aber weil nach wie vor dieselben Leute nach denselben Kriterien entschieden und die Konzentration von Umsatz und Profit nur weiter zentralisiert wurde, haben wir heute ein Machtgefüge, in dem zwei Conferences und nicht mehr als eine Handvoll Mannschaften alle anderen über Jahre dominieren.

Dieses Gefüge wird sich in den nächsten Jahren nur weiter zuspitzen: Die SEC inhaliert in Kürze die beiden Flagship-Programme der Big 12 (Texas und Oklahoma), womit die Big 12 als Power-Conference nahezu irrelevant wird, und die Big Ten hat in einem an Absurdität kaum zu überbietenden Move im Juni die beiden größten Unis aus Los Angeles (!), USC und UCLA, ab 2025 abgeworben. Remember: Die Big Ten ist die Conference, die historisch gesehen um die Großen Seen herum platziert war, und integriert jetzt zwei Mannschaften vom anderen Ende des Kontinents. Die Spieler (Studenten) stehen bei uns im Mittelpunkt. Diesen Satz sagen College-Bürokraten oft, wenn sie ihre Moves erklären. Dass sie dabei nicht in schallendes Gelächter verfallen, sollte sie eigentlich automatisch für Hollywood qualifizieren.

Diese Entwicklung war spätestens seit Einführung des Playoffs immer absehbar – aber es hätte nicht zwingend so kommen müssen. Bloß ist das passiert, was am College Football über Jahrzehnte gleichzeitig Stärke wie Schwäche war: Es gibt keine regulierende Instanz, und so entschied allein die Macht der TV-Gelder über den Lauf der Dinge.

Nie war dieses Gefälle so deutlich wie im Vorfeld der Saison 2022. Drei Teams – Alabama, Ohio State und Georgia – summieren 75% der 100% Wettquoten auf den Landesmeistertitel auf sich. Allein Alabama hat 33% Titelchance. Für den kompletten Rest bleibt prinzipiell nur der vierte Platz im Playoff übrig.

Alabama stand letztes Jahr in einem klaren Rebuilding-Jahr im Endspiel um den Titel, und hätte das auch gewonnen, wenn sich nicht der Star-WR Jameson Williams das Kreuzband gerissen hätte (im vorangegangenen SEC-Finale hatte Alabama Georgia noch mühelos an die Wand gespielt). In Bryce Young hat Alabama den regierenden Heisman-Gewinner auf QB, in EDGE Will Anderson den Spieler, der den Heisman hätte gewinnen müssen (wenn er denn jemals wieder an einen Verteidiger vergeben wird), und dazu hat die Defense das Potenzial, die beste seit mehreren Jahren zu werden.

Georgia, die Uni mit den besten Ressourcen im ganzen College Football, verlor die halbe Starting-Defense an die 1te Runde des NFL Drafts, und bringt trotzdem einige der besten Performer vom letzten Jahr zurück. Ohio State hat nach wie vor vielleicht den Top-QB Pick im kommenden Draft (C.J. Stroud) und trotz zweier Top-12 WR-Picks seinen besten Receiver vom letzten Jahr im Kader (Jaxson Smith-Njigba).

Für den Rest bleiben Krümel. USC gilt als einer der gefährlichen Außenseiter, seit es im Winter Headcoach Lincoln Riley von einem anderen Blaublüter (Oklahoma) loseisen konnte. Das Offensiv-Genie Riley nahm gleich mal die wesentlichen Performer seiner Offense mit nach Los Angeles.

Clemson will nach einem Jahr Pause wieder oben angreifen, aber das Team von Dabo Swinney, das in den letzten 6-7 Jahren das kleine Wunder geschafft und die Phalanx der Spitzenteams mit zwei National Titles und zwei weiteren Finalqualifikationen gebrochen hat, verliert beide Coordinators und schleift ein massives Fragezeichen auf QB mit: Der als Supertalent geltende D.J. Uiagalelei spielte letztes Jahr absurd schwach.

Michigan von Headcoach Jim Harbaugh hat zwar beide Top-Passrusher (Aidan Hutchinson und David Ojabo) verloren, aber der Rest vom Kader soll nach wie vor okay sein. Berühmt für ihre Offensivkünste wird die Mannschaft nicht mehr werden – weswegen die Wolverines als klare Außenseiter gegen Ohio State ins Rennen gehen.

Notre Dame wäre auch ein Kandidat, aber nach dem Abgang von Headcoach Brian Kelly geht die Katholiken-Traditionsuni mit einem Rookie-Headcoach Marcus Freeman ins Rennen.

Wie brutal das Gefälle zwischen den drei Top-Unis und dem kompletten Rest ist, dokumentiert übrigens der Spread für das morgige Auftaktspiel zwischen #2 Ohio State und #5 Notre Dame. Ohio State ist gegen ein Team, das nur minimal außerhalb der Playoffs gerankt ist, mit 17 (in Worten: siebzehn) Punkten favorisiert. Heimvorteil hin oder her: In der NFL sprechen wir bei solchen Spreads von Superbowl-Favorit gegen Bodensatz. Im College Football von #2 gegen #5 (von 130).

Oben angesprochener Kelly ging übrigens in einem vieldiskutierten Move mitten im laufenden Vertrag zu LSU. Die Kombination vom stocksteifen Kelly und der Südstaaten-Uni LSU ist eine derjenigen, wo du dir einfach kein Szenario ausmalen kannst, dass das gut geht. Kelly trat bei der Vorstellung in der Basketball-Halle so unauthentisch mit gekünsteltem Südstaaten-Slang auf – no way, dass der Mann in vier Jahren noch dieses Team coacht.

Glaubst du alles nicht? Dann hab ich noch dieses Nugget für dich:

Sonstige mögliche Kandidaten für den vierten Playoff-Spot: Texas A&M, weil immense finanzielle Ressourcen und großer Coach (Jimbo Fisher), aber halt auch ewiger Underperformer. Und vielleicht noch Oklahoma, trotz Verlust von Headcoach und Quarterback – weil eben Oklahoma: Seit 15 Jahren immer gut genug um mal als #4 Team von den Granden abgeschossen zu werden.

Alle anderen Teams sind unvorstellbar. Pitt verliert seinen Starting-QB Kenny Pickett. Cincinnati verliert den Starting-QB (Desmond Ridder) und den besten Cornerback (Sauce Gardner). Oklahoma State verliert seinen Defensive Coordinator.

Texas von Steve Sarkisian ist noch mindestens ein Jahr weg und höchstens ein optischer Schmaus wegen der Vohukila-Frisur seines QBs Quinn Ewers. Utah könnte eventuell überraschen, aber die Tiefe reicht nicht um die Big-3 zu ärgern. Tennessee ist ein böser Stolperstein, aber bestimmt nicht konstant genug für einen Run.

Und so weiter. Es wird eine Saison, die auf die Spitze zentriert ist. Wer sich schon für den Draft interessiert, kann zig gute QB-Prospects scouten. Young und Stroud sind nur zwei von ihnen. Der wie ein Tight End gebaute Will Levis aus Kentucky bekommt viel Buzz, war aber bislang mehr Athlet als QB. Tyler van Dyke von Miami/FL und Anthony Richardson von Florida sind zwei Außenseiter für einen 1st Rounder. Dazu Tanner McKey aus Stanford: Die Auswahl ist eine große, und wenn uns die Geschichte eines gelehrt hat, dann dass es meistens nicht lange dauert, bis aus dem Nichts ein zusätzlicher No-Name die Phalanx der Großen aufmischt.

Okay. Viel geschrieben, aber ich habe nicht mehr anzubieten. Ich habe aber dem Kollegen Jan Weckwerth beim Lead-Blogger einige Fragen zur Gesamt-Situation im College und zum Ausblick der interessantesten Mannschaften gestellt – und natürlich ausführliche Antworten erhalten:

Viel Spaß.

3 Kommentare zu “Warum mir am College Football zunehmend der Reiz fehlt

  1. College-Football wird halt von der Wettbewerbsfähigkeit und der Geldschere dem europäischen Fußball immer ähnlicher.

    Deswegen bin ich auch schon seit längerer Zeit klar bei der NFL.

  2. Playoff-Erweiterung ist keine Überraschung mehr, höchstens, dass sie es jetzt so schnell gemacht haben.

    Conferences werden damit nur weiter entwertet, ich kehre wieder zurück zu meinem Punkt, dass ich anstatt der Conference-Finals einfach ein Playoff-Viertelfinale gespielt hätte, weil es jetzt eh wurscht ist, wer welche Conference gewinnt (die AQs sind eh in 90% der Fälle in den Top12 gerankt und die #12 wird eh spätestens im Semifinale abgeschlachtet).

    An der Zuspitzung ganz an der Spitze wird sich eh nicht viel ändern. Aber zumindest wird das Rennen um die erste Playoffrunde für ein paar mehr Teams als 6-7 interessanter.

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