NFL Vorschau 2022: NFC South

Lasset uns heute auf die NFC South schauen.

Es ist eine Division, die schon an die Zeit nach Tom Brady dachte, ehe der GOAT im Frühjahr einen Sinneswandel hinlegte, seinen Rücktritt zurücknahm und die Hormone in den Büros von Saints, Panthers und Falcons verrücktspielen ließ: Plötzlich wollten alle mit Verve Deshaun Watson.

Wir sollten das nicht vergessen bei all dem Shit, den die Browns in der Offseason für die Verpflichtung Watsons abbekommen haben: Atlanta Falcons, New Orleans Saints und Carolina Panthers waren alle drei bereit, fast das gleiche für Watson hinzublättern wie die Browns – mehrere 1st Rounder und einen rekordverdächtigen Vertrag.

Atlanta Falcons

PFF Playoff-Chance: 13%
Superbowl-Chance: 0.1%
Over/Under 4.5 Siege
Schedule #16

Die Falcons waren letztes Jahr trotz einer 7-10 Bilanz eins der schwächsten Teams in der NFL. Sie hatten mit einem Punktverhältnis von -146 Punkten einen Pythagorean von 4.7 Siegen und waren die #30 in DVOA. In der Offseason vergraulten sie mit ihrem Streben nach Watson den langjährigen Franchise-QB Matt Ryan, den sie erst vor einem Jahr teuer verlängert hatten um noch 1-2 Jahre in what-ever-welchem „Fenster“ spielen zu können.

Jetzt folgt mit einem Jahr Verzögerung der Umbruch auch auf der QB-Position, womit nach 2021 auch 2022 droht, zu einem verlorenen Jahr zu werden. Die Falcons haben auf jeden Fall mal eins der niedrigsten Win Totals mit 4.5 Siegen.

Das liegt zuallererst an der QB-Position. Ryan war nicht mehr der QB mit dem fettesten Arm, aber er sorgte erstmal dafür, dass ein gewisses (gutes) Niveau nicht unterschritten wird. Heuer wird auf QB entweder spielen: Der in der NFL bislang krachend gescheiterte Ex-#2 Overall Pick Marcus Mariota oder Mid-Round Rookie Desmond Ridder.

Ridder, von dem es schon vor dem Draft hieß, er sei „pro ready“, soll in der Preseason durchaus passabel ausgeschaut haben und könnte eventuell mehr Einsatzzeit bekommen als wir noch vor ein paar Wochen dachten. Momentan aber schaut es eher nach vielen Snaps für Mariota aus.

Mariota war mal ein Top-QB-Prospect, weil er neben einem starken Arm auch exzellente Mobilität aufwies. In der NFL hat er seine PS aber nie auf den Boden gebracht, u.a. weil er einfach nicht das richtige Mindset hat. Mariota attackiert mit seinem konservativen Spielstil viel zu selten die kritischen Zonen. Damit verhindert er zwar Turnover-Orgien, aber gleichzeitig ist seine Upside einfach limitiert.

Wie er damit zum Skill-Corps der Falcons passt, ist mir momentan schleierhaft, denn in TE/WR1 Kyle Pitts und WR2 Drake London (Rookie) sind die beiden kolportierten Top-Waffen Hünen, die weniger durch exzellente Separation glänzen, sondern vielmehr durch Dominanz am Catchpoint. Auch ein „Overtime T.O.“ Bryan Edwards, jüngst aus Las Vegas gekommen, hat ein ähnliches Profil.

Einzig Cordarelle Patterson, der Irrwisch, der alles zwischen Gadget-Receiver und Gadget-Runningback macht, ist ein „space player“, aber auf Patterson würde ich a priori erstmal nicht allzu viel geben. Er könnte nach vielen Jahren Mittelmaß auch ein one year wonder gewesen sein.

Nicht falsch verstehen: Pitts ist ein exzellenter Prospect und hat bis auf seine bizarr niedrige Touchdown-Anzahl (ein einziger) eine ansonsten hervorragende Rookiesaison gespielt, und London ist als #8 Pick ebenso ein Top-10 Draftpick. Die beiden sollten einiges auf dem Kasten haben. Aber sie brauchen auch einen QB mit einem lockeren Abzugshändchen, und das war Mariota in den bisherigen sieben Jahren in der NFL nicht.

Wenn wir uns anschauen, was die Falcons-Offense 2021 für Routen gelaufen hat und wohin Ryan noch geworfen hat, sehen wir: Pitts war häufig im Seam und entlang der tiefen Routen unterwegs – aber angeworfen wurde er zu selten. Das ist es, was mich etwas skeptisch macht, denn Mariota war in der NFL nun wirklich kein QB für solche Routes:

O-Line ist auch eher das Gegenteil dessen, womit man sich brüsten könnte: Brandon Thorn rankt sie an #30 der NFL. Der einzige passable Starter ist LT Jake Matthews, der langsam in die Jahre kommt. RG Chris Lindstrom wird so langsam seinem Draft-Status gerecht, aber die anderen drei Positionen sind komplette Wildcards:

  • LG Jalen Mayfield soll als Rookie horrend ausgesehen haben; er wird eventuell nicht mal einen Starting-Job bekommen
  • Center ist mit Matt Hennessy oder Drew Dalman bestenfalls Mittelmaß
  • Auf Right Tackle hat der ehemalige 1st Rounder Kaleb McGary bislang derbe enttäuscht, dass er vielleicht nicht mal seinen Stammplatz halten kann.

Personell hat das Front Office trotzdem wenig gemacht. Damit haben wir mit hoher Wahrscheinlichkeit neben dem bizarren Fit zwischen dem QB und seinen Waffen auch eine wackelige O-Line für die eher suspekten Quarterbacks. Klingt nicht danach, als ob diese Offense viel besser als unterstes NFL-Viertel aufspielen kann.

Die Defense ist ein noch größeres Fragezeichen. Nur vier Starter kehren zurück – was angesichts einer Bottom-3 Defense erstmal nicht das schlechteste Vorzeichen ist. Aber da ist auch fast nichts geholt worden um die Probleme zu fixen.

In CB A.J. Terrell gibt es nur einen hochklassigen Starter mit All-Pro Potenzial. DT Grady Jarrett wäre eventuell der andere, aber Jarrett kommt langsam in die Jahre. LB Deion Jones, vor Jahren gefeiert als der nächste heiße Scheiß der NFL, ist seit längerem eine Enttäuschung.

Das wird nur dann besser als Bodensatz, wenn der in Free Agency geholte CB2 Casey Hayward auf seine alten Tage nochmal eine gescheite Saison raushaut und die jungen Mid-Round Passrusher Lorenzo Carter/Arnold Ebiketie besser zünden als gedacht.

In Summe wird das eine Saison, in der Atlanta näher am #1 Pick performt als an den Playoffs.

Carolina Panthers

PFF Playoff-Chance: 12%
Superbowl-Chance: 0.1%
Over/Under 6.5 Siege
Schedule #15

Bei Carolina Panthers müssen wir unterscheiden zwischen meiner Meinung über das Front Office und meiner Meinung zur Leistungsfähigkeit in der anstehenden Saison.

Die sportliche Leitung halte ich für horrend. Matt Rhule hätte ich niemals für diese „lame duck“ Saison behalten, denn wirklich nichts an seinen ersten beiden Spielzeiten als Headcoach hat gezeigt, dass er zu höheren NFL-Ambitionen taugt. Im Gegenteil. Da deutet alles in die falsche Richtung – bzw. alles in die Richtung, die in der Wirtschaftstheorie als „stuck in the middle“ abgekanzelt wird.

Aber gleichzeitig haben die Panthers vielleicht mit dem billigen Einkauf von QB Baker Mayfield im Juli einen Glücksgriff gemacht, der die Offense vom Level der völligen Inkompetenz ins Mittelfeld hoch hievt. Und dann haben wir plötzlich ein 8-9 Team, in dem der Headcoach ohne viel eigenes Zutun einen validen Case für sich und seine Zukunft ausmalen kann, und die Panthers verlieren zwei weitere Jahre in ihrer Entwicklung.

Was schade wäre – denn die Defense hätte Potenzial, und auch in der Offense ist nicht alles schlecht. Bloß zur Gesamtausrichtung unter Rhule habe ich null Vertrauen.

Aber ich bin fair: Der sportlichen Leitung unter Rhule und GM Scott Fitterer ist zugute zu halten, dass sie in der laufenden Offseason, vor allem im Draft, angesichts ihrer Optionen noch das beste gemacht haben: Nicht gepanicked an #6 und einen Offensive Tackle gedraftet, und dann das Glück der Welt genutzt um in der 3ten Runde einen QB zu ziehen. Dass dieser QB (Matt Corral) in der Preseason furchtbar ausgesehen hat: Pech. Aber immerhin nicht komplett gereached, sondern die vielbeschworenen Wahrscheinlichkeiten gespielt.

Aber insgesamt: Kacksituation. Weil man in Darnold Investitionen in den falschen QB gemacht hat (was allerdings jeder bei normalen Hausverstand hätte wissen können) und ihm auch noch völlig unnötig die 5th Year Option gab, musste man in der Offseason den starken Passrusher Haason Reddick ziehen lassen. Damit verliert die Defense einen ihrer wichtigsten Playmaker.

Es war eine Defense, die aufgrund eines schwachen Schedules wochenlang in den Top-5 nach EPA/Play performte und die Saison schließlich als #7 durchaus passabel beendete. Es ist auch eine Defense mit einigen spannenden Leistungsträgern:

  • EDGE Brian Burns ist einer der besten Passrusher geworden und ist als einer dieser hoch aufgeschossenen, ranken Defensive Ends auch ästhetisch ein Genuss. Er ist für 50 Pressures und 10 Sacks gemacht.
  • DT Derrick Brown hat sich zu einem soliden Anker entwickelt.
  • LB Shaq Thompson ist in den lichten Momenten einer der besseren Linebacker in der NFL
  • CB Jaycee Horn hat als Rookie nur drei Wochen lang gespielt, sah darin aber wie ein junger Halbgott aus, noch besser als sein Draftstatus als Top-10 Pick
  • FS Jeremy Chinn ist einer der coolsten versatilen Safetys in der NFL, kann als echte Schachfigur mehrere Rollen spielen und ist damit eins der liebsten Spielzeuge für einen DefCoord

Allein: Es fehlt überall bissi Tiefe. Ohne Reddick im Passrush muss jetzt der große Schritt von Yetur Gross-Matos kommen, von dem zu wenig zu sehen war. CB2 ist in C.J. Henderson ein ehemaliger 1st Round Bust aus Jacksonville. Und ob Horn als CB1 über eine ganze Saison das bestätigen kann, was letztes Jahr der Routinier Stephon Gilmore machte, ist auch noch nicht sicher. Und Tiefe im Defensive Backfield so gut wie inexistent.

In der Offense wackelt auch das Gebälk. O-Line könnte linksseitig von RT Tyler Moton auf vier Positionen verändert werden. LT Ikem Ekwonu war der 1st Rounder, aber ob er die notwendige Klasse in Pass-Protection hat um schon 2022 zu einem Top-Starter zu werden? Da darf man getrost skeptisch sein. Inside ist nur dann einigermaßen beruhigend besetzt, wenn RG Corbett fit bleibt und Center Bradley Bozeman fit wird.

Der Skill-Corps hätte zwar Potenzial – RB Christian McCaffrey kehrt nach langen Verletzungssorgen zurück, WR1 D.J. Moore ist einer der besten Receiver in der NFL, Robby Anderson ist ein solider Deep-Threat und der Irrwisch Laviska Shenault taugt für eine Gadget-Rolle und kurze Routen im Slot. Aber dann wiederum gibt es keinen Tight End von Format, und ob der neue Offensive Coordiantor Ben McAdoo ohne seinen Pornoschnäuzer von einst nun vernünftige Spielzüge designt – Footballporno statt normalem Porno, quasi? Call me brutal skeptisch.

McAdoo ist bei mir verschrieen als einer der konservativsten OffCoords in der NFL. Wirf mit in den Mixer, dass in McCaffrey der teure Runningback wieder fit ist und Rhule ohnehin sich beim Gedanken an Laufspiel einen runterholt, und wir müssen über die Gefahr reden, dass diese Offense sich selbst mit zu viel Vorsicht kastriert.

Bleibt der QB: Baker Mayfield. Mayfield ist einer der umstrittensten QBs in der NFL, seit er die Bühne als überraschender #1 Pick bei den Browns betreten hat. Das mag an seiner Cockiness liegen, aber auch daran, dass er mit nur 1,83m einfach etwas anders aussieht als man sich einen typischen QB vorstellt.

Als Starting-QB hat Mayfield fast vier Jahre gespielt. Zwei davon waren ziemlich passabel – sein Rookiejahr 2018 und nach einigen Anlaufschwierigkeiten 2020. Die anderen waren das Freddie-Kitchens-Chaosjahr 2019 sowie 2021, als Mayfield mit kaputter Schulter durchspielte und sich dabei keinen Gefallen machte.

Wir müssen nicht drüber streiten: Mayfields 2021 war nicht gut. Aber zumindest seine In-Game-Entscheidungen würde ich teilweise entschuldigen. Wir haben das schon bei Elite-QBs wie Peyton Manning gesehen: In dem Moment, in dem der Körper nicht mehr das Gewohnte zulässt, gerät das sensible Gleichgewicht eines QBs aus den Fugen – es ist der Moment, in dem gewohnte Decision-Making-Prozesse nicht mehr in gewohntem Maße umsetzbar sind.

Ich erwarte, dass ein geheilter Mayfield ein deutliches Upgrade zu Darnold 2021 darstellt, und die Panthers mit ihm funktionable Offense spielen werden. Wie gut es am Ende wird, hängt freilich auch am Grad der Verbesserung der O-Line, und natürlich am Scheme von McAdoo.

In Summe erwarte ich von Carolina keine Luftsprünge. Eher so ein graues 7-10.

New Orleans Saints

PFF Playoff-Chance: 39%
Superbowl-Chance: 3%
Over/Under 8.5 Siege
Schedule #25

Zu den Saints, die in Jahr 1 nach Sean Payton in eine neue Zeitrechnung starten. Oder nicht? Schließlich ist ansonsten vieles gleich geblieben: Zum neuen Headcoach wurde DefCoord Dennis Allen befördert. Im Offense-Trainerstab bleiben bis auf den O-Line Coach alle Trainer gleich, und selbst der OL-Posten wurde intern nachbesetzt.

Selbst im Kadermanagement hat sich wenig geändert: Mal wieder hat GM Mickey Loomis versucht, so viele Starter wie nur irgendwie möglich zu halten (S Marcus Williams, Slot-CB/S Chauncey Gardner-Johnson und LT Terron Armstead musste er aber ziehen lassen), und mal wieder hat Loomis im Draft einen teuren Trade-Up eingefädelt (für WR Chris Olave) und unbezahlbar scheinende Free Agents geholt (Marcus Maye, Tyrann Mathieu).

Weil für 2022 der zuletzt am Kreuzband verletzte Jameis Winston auf Quarterback zurückkehrt, haben die Saints für 2022 einen potenziell starken ersten Anzug, der locker für die Playoffs reichen könnte. Aber mit neuem Playcaller in der Offense und einer gefährlich dünnen Auswechselbank ist es unwahrscheinlich, dass New Orleans im Dezember und Jänner noch genug Kadertiefe mitbringt, um ein lauteres Wörtchen in der NFC-Playoffs mitzureden.

Zuerst zur Defense. Allen galt in den letzten Jahren als einer der besten Schemer in der NFL, der maßgeschneiderte Gameplans für die Gegner ausarbeitet (insbesondere für Tom Brady und die Buccaneers). Wie Allen nun ohne vielseitige Leute wie Williams oder gerade Gardner-Johnson vorgehen wird, müssen wir abwarten. Aber Talent ist auf alle Fälle noch da.

Die Secondary bleibt eine der nominell besseren in der NFL. CB1 Marshon Lattimore und CB2 Paulson Adebo formen ein famoses Cornerback-Pärchen, und das Safety-Duo Mathieu/ Maye hat nicht bloß sportlich Upside, sondern ist auch finanziell erstaunlich billig dafür, dass da zwei nicht unbekannte Veterans geholt wurden.

Maye hat zwar momentan einen Personal-Conduct Fall an der Backe und wird vielleicht das eine oder andere Spiel verpassen. Aber Mathieu ist auch auf seine älteren Tage noch immer ein wichtiger Spieler. Einmal kommt er genau aus der Region um Louisiana und gilt als Leadertyp, der einen Locker-Room zusammenhalten kann. Und dann ist Mathieu vor allem auch vielseitig – nicht ganz so extrem wie Gardner-Johnson, aber er kann auch tief spielen, im Slot, in Run-Support.

Auf Linebacker gilt Demario Davis seit Jahren als eher unterschätzte Präsenz, und der letztes Jahr gedraftete Pete Warner hat eine geradezu erstaunliche Rookiesaison gespielt.

Aber letztlich braucht diese Defense wahrscheinlich umso mehr als in den letzten Jahren einen dominanten Passrush. Cam Jordan ist eine fantastische Präsenz, aber es wird mehr brauchen von den Depth-Playern. Einmal natürlich der letztjährige 1st Rounder Payton Turner, der als Rookie kaum gespielt hat.

Aber dann eben auch von EDGE Marcus Davenport. Davenport ist der Mann, für den die Saints 2018 zwei 1st Rounder gezahlt haben. In den ersten vier Jahren war er alles andere als ein schwacher Passrusher (und ein sehr guter run-Defender):

  • 2018 -> 416 Snaps, 28 Pressures, 5 Sacks
  • 2019 -> 533 Snaps, 51 Pressures, 6 Sacks
  • 2020 -> 374 Snaps, 34 Pressures, 2 Sacks
  • 2021 -> 437 Snaps, 42 Pressures, 9 Sacks

Aber wir sehen es an der Snap-Zahl: Davenport hat noch keine Saison wirklich durchgespielt. Das waren meistens um die maximal 50% der Snaps. Er muss endlich fit bleiben um sein ganzes Potenzial auf den Platz zu bringen. Schafft er das, kann die Saints-Defense auch mit gefährlich dünner Personaldecke in den Top-10 oder Top-5 performen. Schafft er es nicht, dann wird irgendwann der Punch fehlen, und die besseren Offenses werden gegen diese Unit wahrscheinlich mehr Punkte scoren als die Offense nachlegen kann.

In jener Offense ist das erste Fragezeichen, wie wertvoll OffCoord Pete Carmichael war und ist. Carmichael war vor 16 Jahren mit Payton zu den Saints gekommen und hat die OC-Rolle seit 2009 inne. Über ihn ist trotzdem kaum etwas bekannt, weil Payton und Drew Brees über Jahre alles überstrahlt haben.

Trotz Brees galt Payton über Jahre als eine Art Offense-Genie, der kleine Matchup-Vorteile an allen Ecken und Enden kreiert und diese gefinkelte Offense auf das absolute Spitzenniveau hievte. Carmichael hat kein ganz einfaches Erbe.

QB ist der berüchtigte Jameis Winston. Ich mag solche QBs wie Winston, die lieber mal eine Spur zu viel Aggressivität aufs Feld bringen und einen Turnover auf der Suche nach einem Deep-Ball verursachen, als den Ball langweilig das Feld „runterzuwichsen“. Winston ist aber kein klassischer Deep-Passer, sondern am effizientesten in der Zone zwischen 10 und 19 Yards downfield.

Er war letztes Jahr in limitierter Sample-Size von nur 204 Dropbacks bis zum Kreuzbandriss der #4 QB nach EPA/Play. Er hat es also drauf. Aber bei Winston ist der Grad zwischen Genie und Wahnsinn stets ein schmaler – und wirklich niedrig war seine Rate an Turnover-würdigen Plays auch nicht.

Winston soll noch an einigen Zipperlein laborieren, die nicht direkt in Zusammenhang mit der ACL stehen. Das ist für 2022 das eine Fragezeichen. Das andere ist das Offense-Scheme und Winstons generelle Volatilität. Wie kanalisiert man Winstons Angriffigkeit am besten, ohne dass der Schuss zu weit nach hinten losgeht?

Vorteil: Winston hat den potenziell besten Skill-Corps der Saints seit Jahren zur Verfügung.

Einmal kehrt der 2019 Offense-Player des Jahres Michael Thomas nach mehr als einjähriger Verletzungspause zurück. Dann haben die Saints in der Free Agency Jarvis Landry heimgeholt – und schließlich im Draft in Chris Olave einen der smoothesten Route-Runner gedraftet, den man sich vorstellen kann. Dieses Trio liest sich auf dem Papier schon ziemlich geil:

  • Landry für die kurzen Routen
  • Thomas für die Mitteldistanz
  • Olave deep

Leute wie ein Marquez Callaway werden plötzlich auf die sehr viel passendere Rolle als WR4 geschoben, womit wir plötzlich einen sehr tiefen Receiver-Corps haben.

Natürlich aber kann das auch alles so gelesen werden: Thomas ist der „Slant Boy“, dessen tödliche Effizienz vor allem vom System Payton/Brees getriggert wurde und der seit zwei Jahren keinen echten Football mehr gespielt hat. Olave = Rookie mit einem extrem schmalen Körperbau, der erst lernen muss wie er seine Beweglichkeit gegen NFL-DBs einsetzt um sein Fliegengewicht zu kaschieren. Und Landry = alt und zuletzt meh.

Dazu kommt: Die O-Line ist nicht mehr so gut wie früher. Armstead mag jedes Jahr ein paar Spiele verpasst haben, aber wenn fit war er einer der besten seines Fachs; er wird nun in Trevor Penning durch jenen Rookie ersetzt, der sich im Trainingslager mit Schlägereien und übertriebener Härte versuchte, einen Namen zu machen: Erfolglos. Penning kommt von einem kleinen College. Er gilt als athletische Versprechung (wie einst auch Armstead). Aber eine echte Stammrolle könnte noch zu früh für ihn kommen bzw. für die Saints zu allzu vielen Strafen führen.

RT Ryan Ramczyk und Center Erik McCory sind Klasseleute, aber neben Penning sind beide Guard-Positionen eher suspekt besetzt: LG Peat und RG Ruiz. Im dünnsten Fall kackt die linke Seite der Line komplett ab und Winston steht mit seinem Laserauge ständig unter Druck, und dann müssen wir abwarten ob er den Checkdown auf Alvin Kamara oft genug auspackt um nicht wieder unter einer Orgie an Interceptions zu kollabieren.

In Summe erwarte ich von den Saints eine Playoffqualifikation, sofern Winston einigermaßen gesund bleibt. Wären wir sicher, dass alle Starter bis zum Ende fit bleiben, sähe ich sie sogar als eines der besten NFC-Teams. Aber wir wissen, dass NFL für Not For Long steht, und deshalb ist anzunehmen, dass der Verletzungsteufel früher oder später die Tiefe dieses Kaders testen wird. Und die will von allen Teams am allerwenigsten in New Orleans getestet werden.

Tampa Bay Buccaneers

PFF Playoff-Chance: 86%
Superbowl-Chance: 14%
Over/Under 11.5 Siege
Schedule #25

Bleiben die Buccs. Sie sind einer der größten Superbowl-Favoriten und haben in der PFF-Simulation sogar die höchste Titelchance aller Mannschaften. Sie haben auch einen der besten und komplettesten Kader. Und trotzdem fühlt sich einiges an diesem Team merkwürdig genug an, um am Topfavoriten-Status zu zweifeln.

Da ist einmal Tom Brady. Keine Frage: Bradys 2021er Saison hat einmal mehr kaum Anzeichen gegeben, dass dieser Mann vor einer Leistungsimplosion steht. Es war einmal mehr nicht anders als faszinierend, wie Brady mit 44 Lenzen noch auf Topniveau performte – und ehrlicherweise hätte den NFL MVP bekommen müssen.

Aber dann folgte Bradys Rücktritt, und Rücktritt vom Rücktritt, gepaart mit einem ungewöhnlich späten Trainerwechsel von Bruce Arians auf den bisherigen DefCoord Todd Bowles.

Und dann folgte die eigenartige Absenz in der Preseason, als Brady kommentarlos für 10 Tage auf die Bahamas verschwand. Ob es sich um einen Auftritt in einer Fox-Reality-Show oder den ewig geplanten Familienurlaub oder gar ernsthaftere familiäre Probleme handelte, ist gar nicht so wichtig. Fakt ist: Brady stellte sich hinterher den Fragen der Presse, und ohne was zu sagen, sagte er viel. Sehr viel:

Ich hab Brady in 20 Jahren nicht so gesehen. Vielleicht war es hollywoodreife Schauspiel-Leistung, vielleicht ist die Erklärung für Bradys Absenz so harmlos, dass wir hinterher darüber schallend lachen können, aber irgendwas an dem Mann fühlte sich „anders“ an. Anyfuck. Ich schreibe seit Jahren über bald bevorstehende Alterserscheinungen bei Tom Brady, und bis jetzt lag ich immer falsch. Gut möglich, dass es trotz der bizarren Vorzeichen sportlich nahtlos weitergeht.

Dann ist da die Verpflichtung von Julio Jones. Jones ist 33 und erlebte letzte Saison die Receiver-Implosion, die fast alle nach dem 32ten Geburtstag mitmachen. Vielleiht hat Jones noch irgendwas im Tank um als WR4 oder WR5 ein paar kritische Catches zu machen, doch die Verpflichtung unterstreicht nur, wie „all in“ und am Ende des Zyklus sich die Bucs anfühlen.

Dann ist da die Verletzung von Chris Godwin: Der Superstar-Receiver wird den Saisonstart verpassen. Seine Präsenz als 50/50 Slot/Wideout an der Seite von Mike Evans ist fundamental für Tampas Offense – gerade jetzt, wo ein anderer Block-starker Mann in Rente gegangen ist: Rob Gronkowski. Godwin könnte in Woche 1 schon einsatzbereit sein. Aber könnte ist nicht „wird“. Überstürzen sollten die Bucs besser nix.

Gronkowskis Nachfolger ist (zumindest bis zu Gronks Comeback irgendwann im Dezember) in Kyle Rudolph ein durchschnittlicher Mann, der zudem langsam in die Jahre kommt. WR3 ist in Russell Gage aus Atlanta ein okayer Mann, aber kein Burner. Der geht dieser Buccs-Offense sowieso ab, wenn Scotty Miller nicht den Weg aus Tom Bradys „Doghouse“ schafft.

Dann ist da die O-Line, die erst OG Alex Cappa an die Bengals verlor, dann OG Ali Marpet durch Rücktritt, und schließlich Center Ryan Jensen auf die Verletztenliste. Jensen fehlt wahrscheinlich das ganze Jahr. Auf Tackle ist die Line nach wie vor erstklassig besetzt, aber wenn Brady in den 20 Jahren in der NFL eine nennenswerte Schwäche hatte, dann war es interior pressure.

Brady hatte in beiden Spielzeiten in Tampa erstaunliche Splits:

  • 2020: drittschnellste Time to Throw, zweit-tiefste Pässe
  • 2021: zweitschnellste Time to Throw, immer noch 16t-tiefster aDOT

Üblicherweise bewegen sich diese beiden Kennzahlen an gegenübergesetzten Enden des Spektrums. Brady hilft also mit seinem QB-Processing jeder O-Line zum Teil aus der Patsche. Und doch war zu schnelle interior pressure das Hauptthema einiger seiner größten Niederlagen.

Tampa gelang ein Coup durch den billigen Trade für New Englands Shaq Mason, den Brady noch von den Patriots kennt. Aber LG Aaron Stinnie und Backup-Center Robert Hainsey bleiben zwei Knackpunkte.

Dann wäre da die Defense. JPP ist also zweiter Passrusher nicht mehr da und sein Nachfolger, der junge Joe Tryon, hat als Rookie eher wenig gezeigt. Auf Defensive Tackle wird in Logan Hall ein Rookie signifikante Snaps sehen. Auf Linebacker kommt Lavonte David langsam in die Jahre, während Devin White Woche für Woche damit kämpft, dass Offensive Schemes seine Überaggressivität im Play-Action-Spiel anvisieren.

Das Defensive Backfield verliert in Safety Jordan Whitehead eine zentrale Präsenz in der Rushing-Defense, die nicht ersetzt wurde. Auf Cornerback ist Tampa Bay nach wie vor passabel (und tief) besetzt, was den Schaden etwas mindert. Aber ob Bowles sein Defense-Scheme mit modifiziertem Personal weiter so aggressiv spielen kann: Abwarten und Tee trinken.

Das Gute: Bowles ist ein Mann mit Headcoach-Erfahrung, und er wird sich nicht allzu stark in die Offense einmischen. OffCoord bleibt Byron Leftwich, den ich oft kritisiert habe, aber Leftwich schient seit Ende 2020 einen Groove mit Brady gefunden zu haben – Experten wie Ollie Connelly sehen in der Bucs-Offense sogar einen Prototypen, wie man Spacing und sogar RPO-Konzepte mit einem immobilen QB in der heutigen NFL produktiv umsetzen kann.

Also ja: Tampa bleibt der Favorit in der NFC South. Bleibt Brady ein weiteres Jahr in etwa auf dem Niveau von 2021, dann sind die Buccs ein „automatic qualifier“ für die Post-Season – zumindest solange Gisele nicht den Moralischen kriegt und ihren 45-jährigen Ehemann zum Kindermädchen beruft.

Wie eingangs geschrieben: Die Hard Facts sprechen bis auf Bradys Alter dafür, dass Tampa weiter competet. Aber wenn sich letzte Saison schon so stark wie „am Ende des Zyklus“ anfühlte, wie soll es dann heuer weitergehen? Soll ich wirklich dran glauben, dass sich dieser Kern noch einmal zusammenreißt und kompromisslos bis zum Ende durchzieht? Ich bin mir nicht so sicher.

Tipp

#1 Buccaneers (11-6)
#2 Saints (9-8)
#3 Panthers (7-10)
#4 Falcons (6-11)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..