Was vom Donnerstagsspiel Chiefs – Chargers übrig bleibt

Recap zum NFL Week 2 Knaller Chiefs – Chargers.

Die Chiefs haben das Spiel 27:24 gewonnen, aber machen wir uns nichts vor: Sie sind von der Schippe gesprungen, denn die Chargers fühlten sich vor allem in der ersten Halbzeit wie das klar bessere Team an.

Es war ein Spiel, anhand dessen sich das Turnover-Glück in der NFL einfach erklärt lässt. Beide QBs, Patrick Mahomes wie Justin Herbert, hatten ein paar wilde Momente in ihrem Spiel. Mahomes warf drei Interception-würdige Pässe, Justin Herbert einen oder zwei.

Doch während Mahomes ohne Ballverlust davonkam – eine INT wurde wegen einer merkwürdigen Holding-Strafe zurückgepfiffen, eine andere von CB Asante Samuel etwas unglücklich gedroppt – bekam Justin Herbert für den einzigen echten Fehler gleich die Höchststrafe aufgebrummt: 99 Yards Pick Six. Es war die entscheidende Spielsituation in diesen nicht hochklassigen, aber durchaus knackigen Spitzenspiel.

Der Pick Six war auch eine bizarre Situation: TE Gerald Everett hatte gerade einen scharfen Herbert-Pass mit mehreren broken tackles durch die Chargers-Defense an die 3 Yards Line gewuchtet. Der nach Luft japsende Everett wollte sich nach dem Play für eine kurze Verschnaufpause auswechseln lassen, doch die No-Huddle-Offense der Chargers hielt ihn am Feld.

Nächster snap: Everett rennt sowas ähnliches wie eine Hitch-Route – ich nehme an, es war eine Hitch-Route, denn keine Offense liebt die Hitch-Route mehr als Joe freaking Lombardi – aber Everett läuft sie mit wenig Verve, scheint schon mitten in der Route erschöpft auszutraben.

Herbert wirft ihn trotzdem an, leicht unpräzise nach hinten, Rookie-CB Jaylen Watson springt in die Wurfbahn und trägt den Ball unberührt das ganze Spielfeld runter zum Touchdown. Statt 24-17 nun 17-24 aus Sicht der Chargers.

Das Win-Probability-Chart muss noch nichtmal erklärt werden – ein Kleinkind sieht den Turning-Point in dieser Partie, den Moment, in dem die Siegwahrscheinlichkeit der Chargers von 70% auf 15% kollabiert:

Zum Ende raus wurde es trotz zwischenzeitlicher 10-Punkte-Führung der Chiefs noch einmal spannend, weil der nach mehreren Hits gegen die Rippen schwer angeschlagene Herbert grandiose 4th-Down-Granaten aus dem Arm schnackelte, aber es reichte nicht. Chiefs sind 2-0, Chargers 1-1 und fragen sich, wohin die Reise geht.

Chargers: Where yo go?

Zuerst Herbert, die „Rippe der Nation„. Herbert hatte Eier, am Ende drinzubleiben, aber ich gebe zu: Das war schon scary. Herbert wurde nach dem Ausfall von RT Pipkins und C Linsley in der zweiten Halbzeit von den Chiefs-D-Linern förmlich abgeschossen, kassierte 18 Hits und stand im vierten Viertel nach Hits von DT Chris Jones und DT Michael Danna seeehr langsam auf.

Nach nur einem Play kam Herbert wieder rein und kassierte umgehend den nächsten Shot. Im nächsten Play – einem 3rd Down – hätte Herbert mit offenem Feld nur 3 Yards über die gelbe Linie laufen müssen, aber er konnte nicht, warf den Ball in den Boden – eine erschreckende Szene, bei der mir der kalte Schauer den Rücken runter lief.

Aber Herbert ist Herbert, und so wurde es im direkt nächsten Snap wieder warm ums Herz: Furchtloser Downfield-Shot in perfekte Coverage für WR DeAndre Carter zum 1st & Goal, und vier Plays später das nächste 4th Down, und der nächste Magic-Moment mit Herberts TD zum 24-27.

Amerikaner lieben solche Performances, in denen halb kaputte Athleten gegen alle Wetten und trotz aller Schmerzen groß aufzuspielen, aber ich weiß nicht ob es schlau von den Chargers-Coaches um Brandon Staley war, Herbert am Feld zu lassen. Es war vielleicht das wichtigste Regular-Season-Spiel der Bolts – auswärts beim mutmaßlich größten Rivalen aus der eigenen Division. Doch auch wenn der Spielstand noch machbar war: Es war riskant und ehrlicherweise für Staley auch untypisch, seinen Franchise-QB hinter einer desolaten O-Line noch am Feld zu lassen.

Es hätte noch schlimmer ins Auge gehen können. Jetzt bleibt abzuwarten, wie es weitergeht. Gebrochen ist offensichtlich bei Herbert nichts, aber Rippen sind immer eine unschöne Sache, weil man so wenig dagegen machen kann – und weil sie in jeder Bewegung beansprucht werden. Aus rein egoistischer Sicht hoffe ich, dass Herbert bald wieder bei 100% ist. Sicher ist das freilich nicht. Herbert könnte auf Wochen eingeschränkt sein – und das wäre ein Jammer.

Chargers-Offense: Eine Orgie an Hitch-Routes und aufgegebenen Pressures. Herbert hatte mal wieder niedrigen aDOT, und die Tape-Analysten waren gestern schnell darin aufzuzeigen, wie wenige Tiefe das Spiel der Chargers hatte:

Die eine Frage ist natürlich: Liegt es allein an OffCoord Lombardi? Oder sind eventuell auch die Receiver ein Problem? Keenan Allen war out, Mike Williams ist zwar ein fantastischer Deep-Catcher, aber kein Sprinter im klassischen Sinne, und auch alle anderen Receiver-Optionen brauchen Ewigkeiten, bis sie mal die imaginären 20 Yards downfield überlaufen haben.

Zeit, die diese Offense nicht bekommt, wenn die O-Line so wackelt wie am Sonntag. Gerade nachdem Center und Right Tackle draußen waren, implodierte die Chargers-Pocket gefährlicher Regelmäßigkeit. Auch RG Zion Johnson hatte einen schwachen NFL-Einstand.


Chargers-Defense: Der große Lichtblick in dieser Partie. Bosa/Mack sind ein brandgefährliches Passrusher-Duo, das im zweiten Spiel die zweite Pocket crashte. Vor allem Bosa war gefühlt in jedem dritten Snap in der Pocket. Derwin James spielt schon wieder auf All-Pro-Niveau und war überall zu finden. Die Cornerbacks (diesmal auch wieder mit JC Jackson) hielten viel besser dagegen, aber droppten halt die Interceptions.

Es war eine Klassevorstellung. Staley hatte vor einem Jahr echt enttäuschende Defense. Freilich können wir sagen, mit Bosa, Mack und Derwin ist leicht groß zu scheißen, aber dass eine Defense nacheinander Carr und Mahomes so weit es in der NFL 2022 irgendwie möglich ist abgewürgt hat (und das hat sie – dass Mahomes trotzdem einige Plays machen würde, ist nicht zu verhindern), ist schon ein dickes Ausrufezeichen.


That said: Staleys Defense mag glänzen, aber es ist trotzdem disastro. Staleys 4th-Down-Aggressivität der letzten Saison hat sich leider komplett in Luft aufgelöst. Gestern hatte Staley eine furchtbare Aufstellung an 4th Down (und 2pts) Entscheidungen:

Drei Punts bei 4th&2 2, einer bei 4th&4, einer bei 4th&6 mit sieben Punkten Rückstand, und am Ende der Partie mit einem kaputten Justin Herbert auf Overtime gespielt: Das ist nicht mehr mein Brandon Staley.

Noch bitterer: Staley legte hinterher auf der Pressekonferenz noch nach:

the way the defense was playing… Das ist übelstes Defense-Coordinator-turned-Headcoach-Gelaber, Bullshit den ich nach 20 Jahren NFL einfach nicht mehr hören kann, und das gegen PATRICK MAHOMES.

Andy Reid hat auf der anderen Seite noch schlimmere 4th-Down-Entscheidungen getroffen (u.a. zwei 4th-&-1 Punts und ein Fieldgoal von der 1 Yards Line), aber bei ihm habe ich vor Jahren resigniert. Staley war noch ein Hoffnungsträger. Bis jetzt. Schon Ende letzter Saison schien Staley gegen den massiven Gegenwind aus den Medien von seinem allzu optimistischen 4th-Down-Management abzugehen, letzte Woche war kacke, Donnerstag war verheerend.

Staley hat sich die Niederlage verdient. Und wo wir vor Wochen noch dran glauben durften, dass Staley = 4th Down Optimierer und brauchte nur die personellen Verbesserungen für vernünftige Defense, können wir jetzt auch sagen: Staley hat Joe Lombardi eigenhändig zum OC bestellt und ist die gleiche 4th Down Katastrophe wie alle anderen.

Zu pessimistisch? Ich hoffe. Aber die Zeichen deuten in die falsche Richtung.

Chiefs

Mahomes war alles andere als perfekt, aber es hat sich mal wieder gezeigt, dass eine Mannschaft mit Mahomes auf QB niemals aus dem Spiel ist. Mahomes servierte z.B. eine grandiose Bombe für einen Depth-Receiver Justin Watson in perfekter Deckung vom besten Chargers-Corner Jackson bei 3rd&10 zu einem 40 Yards Touchdown.

Mahomes war hinterher zum Scherzen aufgelegt:

Doch Reid wie er haben verstanden, welches Glück sie in dieser Partie hatten. Laufspiel war über weite Strecken erbärmlich, holte nicht mehr heraus als die Blocker freigaben.

Der Receiver-Corps sah eine Woche nach dem Auftakt in Arizona völlig undynamisch aus. Juju, vor einer Woche noch oft angespielt, wirkte wie ein Fremdkörper. Bezüglich Rookie Skyy Moore fiel auf, dass er selbst dann nicht spielte, als Mecole Hardman verletzt draußen war – der 5th-Stringer Watson bekam viel mehr Snaps.

Liegt der Grund darin, dass die Chiefs mit ihren Zillionen Durchschnitts-Receivern punktgenaue Gameplans für die jeweiligen Gegner machen, wodurch jede Woche ein anderer in den Brennpunkt geraten kann? Oder ist Moore einfach noch nicht so weit?

Positiv für KC: Die Defense spielte viel besser als erwartet. EDGE Karlaftis schaut schon zu Beginn seiner NFL-Karriere aus wie ein echter Volltreffer. Chris Jones war die gewohnte Abrissbirne, bloß jetzt flankiert von NFL-tauglichen Passrushern.

Die Secondary machte die Schotten so gut dicht wie es gegen einen Herbert nur geht, und auch die Linebacker hatten bei einigen verpassten Tackles (WILLIE GAY!) auch Big-Pressure-Plays in Form von Blitzes (Rookie Leo Chenal). Normalerweise brauchten die Spanguolo-Defenses in den letzten Jahren mehrere Wochen bis sie auf NFL-Betriebstemperatur angekommen waren. Heuer scheint es schon im September soweit zu sein – und das muss den Chiefs Hoffnung machen.

Also wie geht es weiter

Chiefs haben den Big Point geholt, aber noch einmal gewinnen sie so ein Spiel (Kevin Cole hat einen normalisierten Score von 26-15 pro Chargers errechnet, was sich passend anfühlt) eher nicht. Die Chargers fühlen sich glaube ich wie immer: Sie sind dran, aber es reichte halt aus irgendwelchen Gründen nicht.

Hauptgrund war diesmal der Pick Six – aber sie hätten es trotz des Pick Six gewinnen können, wenn Staley in 4th Downs nicht komplett versagt hätte. Das Gute: Pick Sixes sind fluky. Das Schlechte: Herberts Rippen. Der Fight in der AFC West bleibt heiß.

Ein Kommentar zu “Was vom Donnerstagsspiel Chiefs – Chargers übrig bleibt

  1. “ Das ist übelstes Defense-Coordinator-turned-Headcoach-Gelaber“

    Ich frage mich bei solchen Kommentaren immer, wie man sich da als Offense Spieler fühlt, wenn man so etwas hört. Speziell wenn man ihnen in den kritischen Situationen gar keine Chance gab.

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