Bengals – Dolphins Recap: Schlappschwänze

Kurzer Recap zum Thursday Night Game.

Es war trotz einiger interessanter Storylines kein schönes Spiel. Cincinnati hat 27-15 gewonnen, weil es das etwas fittere, weniger verletzte Team war, und weil diesmal das fehlende Adjustment bei den gegnerischen Coaches übler war.

Miami wirkte mehr als eine Halbzeit lang wie das bessere, gefährlichere Team. Die Offense war wieder schön designt, zahllose Pre-Snap Motions parallel zur Line of Scrimmage rissen die notwendigen Lücken in die Defense, und vor allem Tyreek Hill wirkte in fast jedem Play meterweit offen. Wir haben jetzt vier Spiele von den Dolphins gesehen: Mal sehen wir grüne Weideflächen für Hill, mal für Waddle – je nachdem, wen die Defense konzentrierter beschattet. Letzte Nacht hatte Hill die offenen Räume.

Cincinnatis Offense war kein Jota verbessert im Vergleich zu den letzten Wochen, und die Hoffnung, dass Zac Taylor noch irgendwas im Petto hat um das Scheme zu erweitern, können wir getrost zu Grabe tragen.

Bei Taylor gilt: Hält er sich ganz raus, ist besser als wenn er Input gibt. Leider hatte er letzte Nacht wieder einigen Input:

  • Bengals machten mit Early-Down-Passing +0.30 EPA/Play. Early-Down-Rushing verlor -0.25 EPA/Run – eine Differenz von mehr als einem halben Punkt pro Play! Und die Ratio: 25 Pässe, 20 Runs in einem Spiel, das fast die ganze Dauer über knapp war.
  • Die Bengals begannen zehn Angriffsserien mit einem Pass. 80% dieser Serien endeten in einem weiteren 1st Down oder Touchdown. Sie begannen 13 Serien mit einem Run. Nur 61% endeten in einem weiteren 1st Down oder Touchdown.

Darüber hinaus ließ Taylor von der 1 Yards Line Fieldgoal schießen. Es war also ein typisches Taylor-Spiel.

Cincinnati gewann trotzdem, weil Miamis Headcoach McDaniel ebenso großen 4th-Down-Mist veranstaltete, weil Miamis Defense zunehmend die Puste ausging und zum Ende raus quasi jeder Starting-Corner verletzt runter musste, ohne dass DefCoord Poyer irgendwas umgestellt hätte.

Am Ende musste ein völlig unbekannter Backup-Corner ohne Safety-Hilfe WR Ja’Marr Chase im 1-vs-1 covern – mit vorhersehbarem Ergebnis:

Es war der Spielzug, der den Touchdown zum 27-15 vorbereitete.

Chase war ansonsten weitgehend unsichtbar. Er fing noch einen Trick-Play von Tyler Boyd, aber ansonsten fokussierte sich das meiste am Bengals-Passing-Game auf den anderen Star-WR Tee Higgins. Der bekam auch einen tiefen Catch im 1-vs-1, allerdings noch gegen den später verletzten CB1 Xavien Howard, und trug den trotz leichtem „Underthrow“ von QB Joe Burrow zum 60 Yards TD.

Den dritten fetten Pass-Play fing Tyler Boyd. Das sind die Reminder, dass eine von Elite-Pass-Catchern zusammengestellte Offense auch dann brandgefährlich bleibt, wenn das Coaching versagt. Miami hatte nicht genug schematische Flexibilität um diese Big-Plays zu verhindern – es wäre das einzig Notwendige gewesen an dem Tag um Cincinnati am Scoren zu hindern, denn viel mehr als dreimal offene Receiver downfield anzuspielen machte Burrow den Rest vom Spiel nicht.

Aber das war nicht die Story des Spiels.

Denn die war Tua.

Tua wurde in der ersten Halbzeit nach einem Hit in der Pocket am Stretcher vom Feld gefahren. Er musste ins Krankenhaus, und auch wenn es nach dem Spiel sowas wie „Entwarnung“ gab (Tua könne die Extremitäten bewegen), bleibt es eine erschreckende Szene.

Die Geschichte hat zu viele Layer um sie vollumfänglich aus der Perspektive eines medizinischen Laien en detail zu erörtern.

Aber ich habe gesehen, wie Tua am Sonntag am Feld zusammengebrochen ist. Wie der Twitter-Account der Dolphins über seine „Brain injury“ geschrieben hat. Wie Tua nachher wieder aufs Feld kam. Wie Dolphins, NFL und alle Steigbügelhalter ihr Narrativ auf eine „Rückenverletzung“ umstellen.

Wie ab Montag über eine „Knöchelverletzung“ geschrieben wurde. Wie Tua letzte Nacht nur vier Tage nach dem Kollaps wieder startete. Und wie er erneut abgeschossen und auf der Bahre vom Feld gefahren wurde.

What the Fuck.

Ich glaube sofort, dass Tua problemlos von den medizinischen Protokollen der NFL gecleart wurde, doch mir scheint damit keine Entlastung der Verantwortlichen möglich zu sein. Viel wahrscheinlicher erscheint mir die Notwendigkeit einer Anpassung dieser Protokolle.

Mike McDaniel, so gut er als Play-Designer auch sein mag, machte auf der Pressekonferenz nach dem Spiel einen erbärmlichen Eindruck. Er wirkte echt unangenehm tokkiert, wie ein Mann, dem zum ersten Mal bewusst wurde, dass er auch über die Spielfeldgrenze hinaus Verantwortung für seine Leute trägt.

McDaniel ergänzte in einem Nebensatz, dass neben dem medizinischen Personal „auch der Spieler konsultiert wurde ob er denn einsatzfähig sei“. Was für ein Bullshit.

Spieler werden von kleinauf gedrillt toughe Guys zu sein. Jedes Zeichen von Schwäche wird gerade in einer testosterongeschwängerten Sportart wie Football als Pussy ausgelegt, und zu erwarten, dass ausgerechnet Tua nach all den Jahren beißenden Spotts in Miami sich selbst aus der Gleichung nehmen würde, ist lachhaft.

McDaniel hätte sich hinstellen sollen und sagen was Sache ist: Ich habe es verkackt. Ich habe meine Pflicht als Leader dieses Teams nicht wahrgenommen, habe nur auf meinen Erfolg gedacht und ignoriert, was jedes kleine Kind mit seinen Augen am Sonntag gesehen hat. Ich hätte meine Ärzte härter grillen sollen, hätte genauer nachfragen müssen, hätte Tua heute nicht spielen lassen sollen. Ich versuche nicht, mich hinter der Fassade von „Protokollen“ zu verstecken, sondern nehme meine Verantwortung wahr.

McDaniel machte das nicht, und dass wahrscheinlich 31 von 31 anderen NFL-Headcoaches genau wie er reagiert hätten, macht die Sache nicht besser.

Tua wurde nachher sogar in den Fliegen nach Miami gesetzt, und wird jetzt wieder in die Obhut der gleichen Teamärzte gegeben, die sich schon seit Sonntag als Schlappschwänze erwiesen haben.

Man kann nur hoffen, dass diese Fast-Katastrophe letzte Nacht die NFL ein bisschen aufrüttelt, denn es hätte bitterböse enden können, und nur weil das Thema Gehirnerschütterungen primär eins für Langzeitfolgen ist, heißt nicht, dass am Umgang mit Kopfverletzungen nicht sehr vieles zu verbessern ist.

Die NFLPA reagierte leider nur mit wachsweichen Parolen, die Mitch Schwartz am besten von allen kommentiert hat:

To be continued.

8 Kommentare zu “Bengals – Dolphins Recap: Schlappschwänze

  1. Mit Verlaub, die Kritik an McDaniel und das gewünschte Statement empfinde ich als leicht übertrieben. Es ist bekannt, dass der medical staff den entscheidenden Einfluss, quasi das Veto für den Einsatz eines jeden Spielers hat. Wenn hier grünes Licht gegeben wird, spielt er. McDaniel ist kein Neurologe (ich glaube du auch nicht) und muss sich auf seine Leute verlassen können. Scheinbar hat er hier nicht die richtigen, denn jedes Kind weiß, dass ein L in diesem Game um Tua zu schonen verkraftbarer wäre, als den Rest der Saison mit Teddy zu gurken. Sich auf seine Verantwortung als HC zu berufen, ist demnach bedingt angebracht. Es gilt also die Ausübung dieser Funktionen zu hinterfragen, sowie natürlich die Verfahrensweise der NFL… letztlich stimmt es, die Bilder sind selbst für Laien heftig…

  2. Also ich bin auch kein Neurologe, aber wenn das am Sonntag keine Gehirnerschütterung war, gebe ich gerne meine Approbation zurück und besser als der Kommentar von Michael Schwartz kann man es nicht ausdrücken. Was da läuft ist große Scheiße.

  3. Was ich vergessen habe zu erwähnen:

    Alle betonen ja, dass die Nfl Mediziner eine Gehirnerschütterung ausgeschlossen haben.

    Selbst wenn ich als Coach diese Information bekomme, frage ich mich, was dazu führt, dass meinem Spieler die Beine wegknicken. Selbst wenn ich sage: okay vielleicht ist es keine Gehirnerschütterung aber was ist es dann bitte dann? Achso. Nur der Rücken/Nacken. Ja dann ist ja alles ok.

  4. Muss man sich vielleicht langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass Tua nicht für die NFL gebaut ist? Sowohl gegen die Bills als auch gegen die Bangles waren die schubser/tackles eher am unteren ende dessen, dass ich in den letzten zehn Jahren an QB-Hits gesehen haben. Was soll erst passieren, wenn er mal einen Hit wie Cam Newton abbekommt? Auch die Hüftverletztung war bei einem eher harmlosen Play, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Erinnert mich ein bisschen an einen Boxer mir Glaskinn. Und ich werfe ihm da auch gar nichts vor, manchmal passt es einfach nicht

  5. Alle sind sich einig: Die NFL-Regeln sind zu lax. Der Podcast mit der Expertin Rachel Hearn ist diesbezüglich auch sehr erhellend:

    https://readoptional.substack.com/p/podcast-rachael-hearn-on-tua-tagovailoa

    Hearn betont u.a., dass die Forschung beim Thema Concussion und CTE noch in den Kinderschuhen steckt und sehr viele Folgen gar nicht richtig beschrieben sind und dass es aufgrund der großen individuellen Unterschiede bei Gehirnerschütterungen angepasste und nicht allgemeingültige Prozeduren bräuchte.

    Viele Mediziner stehen ihr zufolge zu oft mit dem Rücken zur Wand, weil es nicht ausreichend gute Informationen für präzise Diagnosen gibt.

    Das alles entschuldigt McDaniel und die Dolphins und ihren Medizinstab in diesem speziellen Fall nicht. Experten für Gehirnerschütterung wie Chris Nowinski haben den Fall vom Sonntag deutlich beschrieben:

    Gestern sah das so aus:

    Eine Heilungsdauer ist laut Hearn nicht klar zu benennen. Zwischen 14 Tagen und einem Monat sei eine Faustregel, aber auch hier: Es gibt nicht genug Studien.

    Und was sollte gelten, wenn es nicht genug Infos gibt? Richtig: Vorsichtsprinzip. Und hier diagnostiziere ich kollektives Versagen.

    Dass die NFL im Allgemeinen das Thema zu lange heruntergespielt hat, ist keine Entschuldigung für die in diesem Fall Betroffenen.

    Schon beim Fall vom Sonntag gibt es kein Verstecken mehr hinter „Prozeduren“. Irgendwann muss auch für einen fürs Gewinnen bezahlten Headcoach der Mensch im Vordergrund stehen.

    Ich glaube, McDaniel hat sich gestern auf der PK schrecklich gefühlt, auch weil er sein persönliches Versagen erahnt hat. Ich hoffe es zumindest.

  6. @Rusty
    Was soll McDaniel sonst machen, entweder er vertraut seinem Staff inklusive den Medizinern oder
    es gibt in den Organisation noch weitere Probleme.
    Dazu gibt es genug Fälle in denen Spieler mit kaputten Rücken, Rippen oder Nacken gespielt haben.
    Ich würde hier eher am Protokoll zweifeln, da es möglicherweise zu leicht ist zu schummeln.
    Gilt auch für andere Sportarten, so hat Bisping einen Teil seiner Kämpfe mit nur einem funktionierenden Auge bestritten. Was laut Regelwerk nicht erlaubt ist.

    Ich muss auch sagen für mich klingt dieses Statement hier ehrlich

    Müsste man mal mit seinen Aussagen der Vergangenheit vergleichen.

    Dazu ist McDaniel ein 1yr HC, dass man da in solche Situation überfordert ist, ist verständlich.

  7. Der Sündenbock ist gefunden und entlassen:

    Tuas/NFLPAs Anwälte wetzen die Messer in drei, zwei, eins…

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