NFL Sonntagsvorschauer 2022 – Woche 10

Alles Lederhose, oder?

Der eine oder andere wird es mitbekommen haben: Morgen debütiert die NFL mit einem Regular-Season-Spiel in Deutschland: Tampa Bay Buccaneers – Seattle Seahawks. Der Buzz um dieses Matchup herum könnte kaum größer sein. Das Spiel war innerhalb weniger Minuten ausverkauft, und seit Monaten versuchen diverse Outlets um das Spiel herum noch mehr Kapital aus der NFL in Deutschland zu schlagen.

Schon im Frühjahr kontaktierte mich z.B. ein britisches Medium, das eigene Video/Podcast-Serien zum Spiel fahren wollte, um auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Die NFL selbst weiß seit Jahren, dass Deutschland wahrscheinlich noch vor UK ihr größter europäischer Markt ist – u.a., aber nicht nur wegen, der prominenten Platzierung der NFL bei ProSieben/ran sei dank.

Natürlich kriegt Ran, dessen Vertrag bekanntlich nach der Saison ausläuft, daher noch einmal ausgiebige mediale Präsenz rund um dieses Spiel herum. Ich hab schon am Dienstag aufgehört, dem unvermeidlichen Klamauk mit täglichen Kyle-Brandt-Good-Morning-Football-Angry-Runs, offiziellen „NFL-Bierhäusern“ sowie Bier auf Ex („Starke Leistung!und hier aus einer anderen Perspektive) auf dem Marienplatz und biederen Wortspielen („Butt“) zu folgen – da wurden einfach sämtliche Klischees durch den Äther gejagt, dass sich seriösen Journalisten wie Adrian Franke die Nackenhaare aufstellen dürften.

Nicht nur deswegen fühlt sich dieses München-Spiel fühlt ein bisschen wie die „Ran-Show“ an, bei der lokale Figuren außerhalb der ProSieben-Welt eher die Statistenrollen einnehmen.

Aber: Es gibt schlimmeres. Diesen letzten Run (*no pun intended* ) vergönne ich Ran von Herzen, denn sie haben eine meiner am schlechtesten gealterten Prognosen der letzten 12 Jahre widerlegt und haben wohl entscheidend mitgeholfen, mit einem klar definierten Konzept die NFL zu einem Phänomen aus der Nische heraus gemacht.

Letzte Woche hat mich ein Kollege in meiner Musikkapelle drauf angesprochen, dass er meinen Namen beim Thema NFL ergoogelt habe, und während der letzten Superbowls gab es bei uns bis in die entlegeneren Dörfer hinaus Superbowl-Partys in Jugendzentren. Ich denke nicht, dass das ohne die Aufbereitung bei Ran möglich gewesen wäre, so wenig mich deren Konzept persönlich anspricht.

Ich werde morgen vor Ort sein, weil mir Maximilian Länge von den German Seahawkers, den wir auf diesem Blog schon vor acht Jahren kennenlernen durften, dankenswerterweise Tickets zur Verfügung gestellt hat. Ich hatte mich gar nicht darum beworben, aber die Chance, quasi vor der Haustür mal reinzuschnuppern und den GOAT aus der Nähe anzuschauen, nehme ich freilich gern wahr, so wenig mich das Drumherum interessiert.

Tampa Bay Buccaneers – Seattle Seahawks

Es sind zwei Mannschaften, die ich heuer eher selten gesehen habe. Die Ausgangslage ist aber reizvoll, denn wo man im Sommer noch dachte, dass wir hier ein Spiel auf einer schiefen Ebene kriegen, das zur Halbzeit entschieden ist, so gehen die Buccs hier einmal mit dem schwächeren Record rein (4-5 versus 6-3 bei den Hawks) und sind bei den Buchmachern nur knapp favorisiert.

Sind wir ehrlich: Es würde sich auch nicht falsch anfühlen, wäre Seattle hier straight der Favorit, aber eine MEZ Kickoffzeit von 15h30 korrespondiert mit 6h30 lokale Zeit in Seattle. Ob die Athleten innerhalb einer Woche auf so eine Body-Clock getrimmt werden können? Ich bin dafür nicht Experte genug, aber halte es nicht für undenkbar, dass die Seahawks ziemlich geplättet rauskommen.

Spielerisch sind die Hawks ganz eine geile Truppe, und das liegt in allererster Linie an zwei Dingen: Viele der jungen Seahawks-Draftpicks und der unbekannteren Free-Agent-Einkäufe performen auf ganz erstaunlichem Niveau – und natürlich erlebt der 32-jährige QB Geno Smith nach Jahren als Bankdrücker seinen dritten Frühling. Geno, über Jahre eine Punchline in der NFL-Welt, spielt die mit großem Abstand beste Saison seiner Karriere und hat die Offense besser im Griff als z.B. letztes Jahr Russell Wilson.

Derrik Klassen und J.T. O’Sullivan haben die Stärken Genos ganz gut gerausgearbeitet:

  • Geno hat seine Mechanics spielerisch im Griff und wirft damit mit einer technischen Sauberkeit, die zu großartiger Präzision führt
  • Geno ist „in sync“ mit der Shane-Waldron-Offense. Er geht die Progressions durch bis hin zum Checkdown, nutzt dabei auch die Spielfeldmitte, und fackelt auch nicht lange, wenn alles gedeckt ist und sich eine Lücke für einen kurzen Scramble aufmacht
  • Geno hat genug Mobilität um kurze Läufe zu machen und in der Pocket dem Passrush auszuweichen. In letzterem Punkt war er gerade zu Jets-Zeiten ein völlig anderer QB.
  • Geno ist kein Kreator außerhalb der Pocket, aber hat doch genug 2nd-Reaction-Ability, um hie und da bissi was zur Struktur der Waldron-Offense hinzuzufügen.

Geno hat natürlich grandiose Receiver in DK Metcalf und Tyler Lockett. Die beiden habe ich am Donnerstag nicht in meiner „Elite 7“ aufgelistet, aber sie würden in meinem gedanklichen Ranking wahrscheinlich im zweiten Tier meines NFL-Receiver-Rankings folgen.

Beide haben aDOT von über 12 Yards – sie werden also downfield angespielt. Metcalf spielt über 80% außen, aber Lockett wird in über 40% der Snaps in den Slot geschoben – und das könnte heute auch ein vorteilhaftes Matchup für Seattle sein, denn die Buccs-Defense hat wenig Zunder im Slot.

Die Tight Ends Fant & Dizzly sind eher für die kürzeren Routen gedacht – und sie kriegen auch jeweils weniger als die Hälfte Targets wie Metcalf und Lockett.

O-Line ist nicht überragend, aber überraschend. Und zwar überraschend gut. Im letzten Draft scheinen Pete Carroll und John Schneider mit dem Top-10 Pick LT Charles Cross und auch RT Abraham Lucas (3rd Rounder) zwei Glücksgriffe gemacht zu haben. Beide sind noch keine Superstars, aber für Rookies schauen sie schon sehr gesattelt aus, begehen wenige Böcke und sind besser als das meiste an Protection, was Seattle seit Jahren hatte.

Auch das von Carroll über Jahre so kultisch verehrte Laufspiel ist mit dieser Kombination aus solidem, zu respektierenden Passing-Game und einer verbesserten O-Line heuer besser geworden, was auch am harten Laufstil von Rookie-RB Kenneth Walker liegt.

Die Seahawks haben sich heuer aber verabschiedet von düstersten Establish-the-Run-Zeiten aus der Russ-Ära – sie haben die sechsthöchste Pass-Rate in neutralen Early Downs. Allein dass sie das gemacht haben, könnte ein Indiz dafür sein, dass Carroll über Jahre vielleicht doch wusste, was er machte, als er Russell Wilson den Ball nicht zu oft in die Hand drückte. Oder Carroll wusste es nicht, und hat einfach dazu gelernt?

Anyhow: Das Resultat Top-8 Offense nach EPA/Play, da kann den Gesamteindruck auch mein Verweis auf das eine Ausreißer-Spiel gegen die absurdeste aller NFL-Defenses (Detroit) nicht zu sehr trüben.

Schnell zum Lernen für mich die wichtigsten Rückennummern:

#7 Geno
#9 Walker
#14 Metcalf
#16 Lockett
#1 Eskridge
#87 Fant

#67 Cross
#72 Lucas

Die Buccs-Defense ist nicht mehr die Wucht alter Tage, denn sie hat nicht mehr die dominanteste Interior-D-Line Front, und über die Flanken fehlt spätestens seit Shaq Barrett mit Achillessehenriss auf die IR wanderte der Druck. LB White wird zwar immer wieder erfolgreich über Blitzes geschickt, aber dann tut sich auch oft genug eine zusätzliche Lücke in der Deckung auf.

Defensive Backfield ist okay, aber wirkt über den Slot verwundbar, und physisch haben die Buccs keinen Corner, der wirklich gut 1-vs-1 auf Metcalf passt. Wenn Geno Smith keinen kompletten negativen Ausreißer hat, sollte die Seahawks-Defense den Ball ganz ordentlich bewegen können.

Die Buccs-Offense ist heuer einfach traurig, und wir haben oft eruiert, warum: Tom Brady mit 45 Jahren nicht mehr ganz in der Blüte seiner NFL-Karriere und nicht mehr gut genug um die größten Schwächen ohne mit der Wimper zu zucken zu kaschieren. Diese Schwächen sind:

  1. Kritische interior O-Line mit drei Backup-Level Blockern auf Guard und Center
  2. NFL-untaugliches Play-Design und Play-Calling von OffCoord Byron Leftwich
  3. Dünner Receiver-Corps: Chris Godwin ist noch immer nicht bei 100%, auf Tight End fehlt die Vertrautheit mit Gronk, Scotty Miller droppt zu viele Pässe, und Mike Evans allein kann es auch nicht immer richten

Dazu gesellt sich ein unterirdisches Laufspiel mit dem fußlahmen RB Fournette, der nur über die Mitte walzen kann, und das selten für mehr als 2 Yards. Leftwich hat das Laufspiel ziemlich runtergeschraubt, aber auch 10-15 Carries sind in der Qualität 10-15 verschenkte Downs.

Seattles Defense war über Jahre eine Lachnummer, hat sich heuer aber konsolidiert. Der via Wilson-Trade gekommene DT #97 Shelby Harris hat sich als Präsenz in der Mitte etabliert, und über die Flanken hat der von den Chargers gekommene EDGE #10 Uchenna Nwosu eine geradezu erstaunliche Entwicklung genommen (35 Pressures, 7 Sacks über eine halbe Saison sind in etwa so gut wie seine bislang beste volle Saison).

In der Coverage hat sich der Ausfall von Jamal Adams noch gar nicht so negativ bemerkbar gemacht wie befürchtet, u.a. weil Rookie-CB #27 Tarik Woolen (5th Rounder) mehr als solide auftritt.

Wir sehen: Da sind viele Rookies unter den Seahawks-Leistungsträgern, dazu billige, aber überraschend gute Veterans und ein QB jenseits der 30 mit einer Leistungsexplosion. Schwupps haste einen möglichen Contender auf den NFC-West-Gewinn, bzw. einen mittlerweile ziemlich solide aussehenden Playoff-Contender anstatt eines Top-5-Picks.

Das alles macht das heutige Spiel durchaus attraktiv.

Die anderen Spiele

Die anderen Partien wirklich nur im Schnelldurchlauf, weil ich eh nix davon sehen werde.

  • 19h: Buffalo Bills – Minnesota Vikings
  • 19h: Chicago Bears – Detroit Lions
  • 19h: Tennessee Titans – Denver Broncos
  • 19h: Kansas City Chiefs – Jacksonville Jaguars
  • 19: Miami Dolphins – Cleveland Browns
  • 19h: New York Giants – Houston Texans
  • 19h: Pittsburgh Steelers – New Orleans Saints
  • 22h05: Las Vegas Raiders – Indianapolis Colts
  • 22h25: Green Bay Packers – Dallas Cowboys
  • 22h25: Los Angeles Rams – Arizona Cardinals
  • 02h20: San Francisco 49ers – Los Angeles Chargers

Bills – Vikings wäre das Spitzenspiel um 19h: #1 der AFC gegen #2 der NFC. Aber die Vorfreude auf die Partie ist getrübt, weil QB Josh Allen wohl ausfallen wird, und die Storyline „Case Keenum gegen sein Ex-Team, mit dem er 2017/18 fast in den Superbowl gekommen wäre“ ist dann doch nicht so prickelnd.

Buffalo ist trotzdem leichter Favorit, und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Bills mit ihrem Super-Roster das auch mit Backup für sich entscheiden.

Bei Bears – Lions steht Justin Fields‘ Trendlinie im Fokus: Wird er gegen die schwache Lions-Defense das nächste Big-Game raushauen, diesmal vielleicht auch im Passing-Game?

Titans – Broncos klingt wie eine brutal harzige Angelegenheit – mit oder ohne Ryan Tannehill. Denvers Passspiel ist ultra-inkonstant, und wenn die Titans-DL wie schon die letzten Wochen den Run der Broncos stoppen kann, wird das schnell eine eindimensionale Angelegenheit. Auf der Gegenseite hat Denver zwar eine der besten Defenses in der NFL – aber die klare Stärke ist die Passing-Defense. Die Rushing-Defense ist durchaus verwundbar, was zu einigen dicken Derrick-Henry-Runs führen könnte.

Chiefs – Jaguars birgt Potenzial für ein unterhaltsames Spielchen, wenn Trevor Lawrence seine „gute“ Seite mit nach KC nimmt. Die Jaguars sind relativ gut darin, den Ball zu bewegen, aber haben in der Redzone zu wenig Präzision und Punch um ihre guten Drives zu Touchdowns zu verwerten.

Die Chiefs sind natürlich insgesamt das bessere Team und ich wäre schon überrascht, wenn sie das nicht gewinnen.

Dolphins – Browns sieht zwei Wide-zone-Offenses gegeneinander, und weil beide auf fragwürdige Defenses treffen, könnte das viele Yards und Punkte geben. Allerdings: Clevelands Ein-Mann-Abrissbirne Myles Garrett könnte Tua dann doch einheizen, wenn er seine Duelle zu schnell gewinnt.

Bei Raiders-Colts debütiert in Jeff Saturday die Witz-des-Jahres-Anstellung auf Headcoach. Nicht nur die Nerds hinterm Laptop haben Saturdays Anstellung mit irgendwo zwischen Belustigung und Entsetzen zur Kenntnis genommen.

Joe Thomas, einer der besten NFL-Spieler der letzten 15 Jahre, hat das ganze beißend kommentiert. Die drei Minuten kann sich jeder geben – sie malen überdies kein schönes Bild vom Job eines Headcoaches:

Bei Packers – Cowboys ist Aaron Rodgers zuhause mit 5 Punkten Außenseiter. Das hat es lange nicht mehr oder nie gegeben, fühlt sich angesichts der Schwäche der Packers-Offense aber durchaus gerecht an.

Dass die Packers genau gegen den wuchtigen Passrush der Cowboys zu sich finden, ist eher unwahrscheinlich.49ers – Chargers als Sunday Night Game bietet uns eine der am schönsten designten Offenses gegen eine der lahmsten. Justin Herbert hat in den letzten Spielen aber wieder fitter ausgesehen und könnte ein bissl was von den personellen & Coaching-Nachteilen kaschieren, aber auf Right Tackle tut sich ein monströses Mismatch gegen EDGE Nick Bosa auf, das das Potenzial hat, das komplette Spiel zu crashen.

4 Kommentare zu “NFL Sonntagsvorschauer 2022 – Woche 10

  1. Lt der neuen receiver Matrix von 538/Espn (https://projects.fivethirtyeight.com/nfl-receiver-rankings/) ist lockett eim top 5 wr.

    Seattle zahlt diese Saison ja noch 30Millionen für QB, davon halt 26 als Dead Money. Wirklich günstig haben sie die position also nicht. Nach diesem Jahr wird man sicher versuchen mit Geno zu verlängern und wahrscheinlich bei weniger als 30 landen. Für ihn trotzdem profitabel. 40 für 2 oder 50 für 3 Jahre vielleicht?

    Und den Top 5 Pick könnten sie dank Denver immer noch bekommen

  2. „Ich werde morgen vor Ort sein, weil mir Maximilian Länge von den German Seahawkers, den wir auf diesem Blog schon vor acht Jahren kennenlernen durften, dankenswerterweise Tickets zur Verfügung gestellt hat. Ich hatte mich gar nicht darum beworben, aber die Chance, quasi vor der Haustür mal reinzuschnuppern und den GOAT aus der Nähe anzuschauen, nehme ich freilich gern wahr, so wenig mich das Drumherum interessiert.“

    Woah. Als Pats Fan bin ich richtig neidisch. Hätte gerne mal Brady Live gesehen. Gönne ich dir aber von Herzen und wünsche dir wirklich viel Spaß morgen!

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