Zur Erweiterung des College Football Playoffs

Das College Football Playoff hat am Donnerstag die Erweiterung auf 12 Mannschaften mit Beginn der Saison 2024/25 bekannt gegeben.

Demnach qualifizieren sich ab der Saison dann:

  • Die sechs höchst-gerankten Conference-Gewinner als „automatic qualifier“
  • Die sechs höchstgerankten Non-Conference-Gewinner als „at large“ Einladungen

Die vier höchstgerankten Conference-Sieger haben ein Playoff-Bye in der ersten Runde, in der die #5 bis #8 in der 1ten Runde zuhause auf die Nummern #9 bis #12 treffen um die Viertelfinalisten auszuspielen.

Viertel- und Halbfinale werden dann in den Stadien der sechs großen Bowls ausgetragen: Peach (Atlanta), Sugar (New Orleans), Orange (Miami), Fiesta (Glendale), Cotton (Dallas/Arlington) und Rose Bowl (Pasadena/Los Angeles). Das National Championship Game wird dann wie bisher Anfang/Mitte Jänner ausgespielt.

Gerade die stets auf Sonderrechte pochende Rose Bowl stemmte sich wohl bis zum Schluss gegen diese Erweiterung, musste am Ende aber kurz vor der Bedeutungslosigkeit stehend einlenken und einsehen, dass das traditionelle Bowl-System am Ende ist. Die Rose Bowl scheint nicht einmal mehr den 23h MEZ-Slot am Neujahrstag garantiert zu bekommen.

Die Erweiterung des Playoffs konnte der Mensch seit Jahren zehn Meter gegen den Wind riechen. Sie ist die logische Fortführung der Entwicklung der letzten mindestens 10-15 Jahre, wahrscheinlich eher 30-40 Jahre.

Über die Geschichte des College Football habe ich ausführlicher in einer Serie vor drei Jahren geschrieben, auf die ich hier noch einmal verweisen möchte.

Jahrzehntelang, eigentlich über ein Jahrhundert lang, war College Football ein Treiben, das am Ausspielen eines Landesmeisters gar nicht so interessiert war. Der Titelträger wurde über diverse Abstimmungen bestimmt – mit der Folge, dass es nicht bloß häufige Kontroversen gab, sondern manchmal auch geteilte Meisterschaften.

Erst in den Neunziger Jahren wurden mit der Bowl Alliance Versuche unternommen, am Saisonende ein direktes Duell zwischen der #1 und der #2 der wichtigsten Rankings auf die Beine zu stellen um endlich einen Titelträger auf dem Feld und nicht in der Hinterkammer auszuspielen. Der Versuch glückte erst in der ab Ende der Neunziger ausgespielten BCS – Bowl Championship Series – mit der Folge, dass sich das Problem nicht mehr auf den Titelträger selbst fokussierte, sondern auf die #3 und #4 im Ranking – jene Teams, denen die Teilnahme am Endspiel verwehrt blieb.

Die BCS wurde zur Saison 2014 durch das momentan bekannte Playoffsystem ersetzt – mit vier Mannschaften. Was sich in den ersten Jahren auch für mich anfühlte wie die „richtige“ Größe für so einen Wettbewerb, weil man ausreichend „würdige“ Mannschaften teilnehmen ließ ohne die Regular Season zu sehr zu entwerten, hatte aber einige unschöne Nebenerscheinungen:

  • Brutale Fokussierung auf einige wenige Mannschaften ganz oben an der Spitze; weniger als eine Handvoll Mannschaften hat weit mehr als die Hälfte aller Playoffeinladungen auf sich zentriert
  • Selbst zwischen der #1 und der #4 hatten wir zuletzt ein derart krasses Leistungsgefälle, dass es schon im Semifinale zu Blowouts von der ersten Minute an kam.
  • Wie erwartet verlagerte sich die Diskussion von #2/#3 auf #4/#5. Besser als unter der BCS, aber weiter nicht ideal, weil die Ausgeladenen zu wenig finanziell profitierten.

Um es möglichst neutral zu sagen: Das komplette Treiben im College Football reduzierte sich spätestens mit dem Playoff auf das Landesmeisterschaftsrennen. Selbst einst große Bowls wie die Rose Bowl waren nur noch von marginalem Interesse, weil es stets Auseinandersetzungen zwischen den „ersten Verlierern“ waren, während sich ganz oben die stets gleichen Teams – Alabama, Clemson, Ohio State, Oklahoma, Georgia – die Titel untereinander zuschachterten.

Anders gesagt: Es war wie UEFA Champions League. Irgendwann kratzt es dich nicht mehr, weil wenn du heuer verlierst, kannst du garantiert sicher sein, dass du nächstes Jahr mit deinem aufgeblusterten Team wieder im Halbfinale stehst, und irgendwann muss es schon per Zufall zum ganz großen Wurf reichen. Saisons hatten keinen Wiedererkennungswert mehr, weil jedes Jahr die gleichen Duelle stattfanden.

Jetzt also 12 Teams.

Ich bin gespalten. Einerseits war klar, dass es so kommen würde, schon allein wegen der finanziellen Interessen. Die BCS war schon ein Kartell, das sich gegen jede unternehmerische Logik den Eigeninteressen der Bowl-Bonzen unterwarf und sich zu lange gegen jede Neuerung stemmte.

Auch einerseits musste etwas passieren, denn das aktuelle Playoffsystem führte den Sport letztlich in eine falsche Richtung. Ebenso einerseits: Das Bowl-System ist bei genauer Betrachtung ein schlechter Witz, der vielleicht vor 40 oder meinentwegen auch 20 Jahren noch funktionierte, als der Sport noch relativ frei von Geld war und die Spieler noch an die Mär vom „Student Athlete“ glaubten.

Doch in 2022 ist College Football längst Big Business geworden, und der Student Athlete ist seit acht Jahren auch formell tot. Die besten Spieler nutzen College Football längst nur noch als Durchgangsstation in die NFL, und es ist nicht weniger als ein Wunder, dass noch kein Top-Prospect im Playoff ausgesetzt hat – während die „normalen“ auch großen Bowls seit Jahren gegen die Bedeutungslosigkeit kämpfen, weil die besten Spieler der Verletzungsgefahr vorbeugen.

Und auch die Regular Season ist bei genauer Betrachtung längst entwertet. Du darfst dir keine zweite Niederlage erlauben? Okay, dann spielt Alabama halt jedes Jahr vor Thanksgiving gegen einen Drittklässlern 45:0 und nimmt die Starter dabei schon Anfang zweite Halbzeit runter. Quasi jedes Topteam füllt seinen out of conference Schedule mit einem oder zwei solchen Stinkern – was die Regular Season mehr entwertet als die Aussicht auf ein 9-3 Team im Play-in fürs Viertelfinale.

Das 12-Team-Playoff hat noch einen weiteren kleinen Nebeneffekt: Es hält zumindest ein kleines bisschen noch die Conference-Championship hoch. Als jemand, der die Conferences und auch die Conference-Championship Games längst abgeschafft hätte und seit Jahren darauf pocht, dass wir einfach mit einem Viertelfinale die Playoffs beginnen, kann ich konstatieren: Unter dem künftigen System habt der Conference-Titel eine höhere Bedeutung als unter dem aktuellen, in dem er schlicht nur noch „Nebeneffekt“ war.

Eine minimal höhere Bedeutung zwar. Aber eine höhere.

Dass die Wettbewerbsprobleme im College Football mit der Playoff-Erweiterung gelöst sind, ist indes alles andere als sicher. Weiter konzentriert sich die komplette Macht „ganz oben“ auf zwei Conferences, die wenn es ganz rasant geht, den kompletten Rest der Welt schon bis 2024 soweit abgehängt haben, dass das neue Playoff nie in der geplanten Form zum Einsatz kommt.

Aber vielleicht erleben wir auch fünf, sechs Jahre unter dem 12-Team-Format, ehe dann 2030 nur noch die Top-4 der Big Ten gegen die Top-4 der SEC antreten, und alle anderen Ligen nur noch die FBS-II und FBS-III bilden. Let’s see. Für jetzt bleiben die bekannten Grundstrukturen erstmal stehen. Weil selbst unter dem neuen System die Bonzen der Bowl-Season noch mit gefüttert werden, hat der ganz radikale Bruch noch nicht stattgefunden.

3 Kommentare zu “Zur Erweiterung des College Football Playoffs

  1. Es könnte wohl eher darauf hinauslaufen, dass es die klassischen Conferences nicht mehr geben wird…

  2. Schon beeindruckend: aktuell live im FreeTV zu sehen – mitentscheidendes Spiel um Einzug in die College PLayoffs. Wäre vor 10 Jahren nicht denkbar gewesen….

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