Drecksstadt

Lektüre im letzten Flieger: Muck City – Winning and Losing in Football’s Forgotten Town, geschrieben 2012 von Bryan Mealer. Eine Story, die als harter Tobak daherkommt. Muck City, das ist Belle Glade, eine Stadt nahe des Lake Okeechobee in den Everglade-Sümpfen von Florida, gelegen inmitten eines der fruchtbarsten Gebiete in den Vereinigten Staaten mit ihren tiefschwarzen Böden („wie Talkumpuder oder einfach nur verstreuter Espresso“). Weiterlesen

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Wahre Liebe: „The Essential Smart Football“ (Chris Brown)

The Essential Smart Football Review

The Essential Smart Football von Chris Brown

Ganz ehrlich: Es war mein erstes Buch über American Football. Dass ich es überhaupt las, hat einen Grund: Den Autor. Und man kann keinen Gedanken zu diesem Buch schreiben, ohne nicht auf dessen absolut fantastische Weblog zu verweisen: Smart Football. Auf diesen Namen hört die Privatseite von Chris B. Brown, seines Zeichens Football-Pragmatiker und Strategiespezialist, in seiner Freizeit einem Beruf auf juristischem Gebiet nachgehend.

The Essential Smart Football ist im Grunde eine Aneinanderreihung mancher von Chris Browns besten Blogeinträgen, plus einigem neuer Inhalt (Verhältnis 2/3 Blog zu 1/3 wirklich Neuem). Als Problem empfand ich das nicht. Irgendwie ist es schön, den einen oder anderen lieb gewordenen Eintrag auf Papier neu zu entdecken, in den Händen zu halten und vor dem Einschlummern aufzusaugen.


Das Buch beginnt mit einer einleitendem Hymne auf den Football und ich gestehe: So einen Text wollte ich auch schon immer schreiben. Ich habe es nur nie annähernd so hinbekommen. Das ist wahre Liebe. Nicht blinde Liebe. Wahre Liebe. Da heißt es:

This interplay of mind and muscle – of the raw physics of bodies flying across a field as a result of some combination of planning, preparation and geometry – has long fascinated me. Of course, we cannot forget that football is a game, and no matter the hyperbole in the media, coaches are not geniuses because they can draw up a pass play, and players are not heroes because they scored a touchdown.

(!!!)

Und:

But I am convinced that football is too rich a subject not to be examined in detail. In the essays that follow, I try to speak to two audiences: football coaches and interested fans.

Der komplette Text hängt bei mir neben dem Schreibtisch. Was folgt, ist klassischer Smartfootball-Stil: Auf kurzen und knackigen acht bis zehn Seiten werden eine Reihe an Konzepten aus der Footballhistorie mit Browns charakteristischen Graphiken versehen in einem flockigen Englisch abgearbeitet, und in jedem Satz spürt der Leser Browns Bewunderung für diesen Sport.

Wir erfahren, warum Mike Leach ein Genie ist, weshalb Superbowl 45 die Kulmination von Entwicklungen auf der Abwehrseite war, wieso keine Offense jemals (okay, fast nie) den Ball spiken sollte, worin der Clou der 3-3-5 Defense liegt und weswegen Ed Reed und Polamalu wirkliche Superstars über die Epochen hinaus sind. Innovation ist oft ein Zufallsprodukt aus right place at the right time, und keiner weiß, wie viele Superspieler da draußen in der Anonymität verbrannt wurden.

Chris Brown hat mich vor etlichen Jahren mit seiner Sichtweise der Spieltheorie („Football and Decision Making“) sowie der Struktur einer Offense („The Constraint Theory of Football“) dazu gebracht, Football mit anderen Augen zu sehen. Und das war lange, nachdem ich dank Brown begriffen hatte, wie viel Zufall da draußen eigentlich herrscht.

Ich möchte nicht zu stark in Lobeshymnen verfallen. Ich hege einen Tick weniger Vertrauen in Browns Ausführungen über die Defense und manch einer mag ausgerechnet im allerletzten Kapitel über die Entwicklung hin zu Wilfork, Belichick und der Schönheit ihrer vielseitigen Patriots-Defense geschichtliche Schwächen des Autors erkennen. Aber nichtsdestotrotz lohnt sich die Lektüre.

Serviert werden nebst Einleitung 19 leicht lesbare, weil kurz und knackig gehaltene Essays von NFL über Entscheidungstheorie bis zu Nischenthemen aus dem tiefsten Süden des College Footballs, und auch wenn es nirgendwo stundenlang ins Detail führt, bietet dieses fast zusammengewürfelte Sammelsurium The Essential Smart Football für locker vertretbare Münze beste Unterhaltung für den einen oder anderen verregneten Sommernachmittag – bei Amazon (ca. €7) oder auch bei Kindle (ca. €4).

Wir lesen (3) – Bill Walsh. The Genius (David Harris)

[Nummer 3 in unserer Buchreihe: David Harris: The Genius. How Bill Walsh Reinvented Football and Created an NFL Dynasty. Random House: New York 2008. Als Taschenbuch zum Beispiel hier schon ab 12,95 Taler. Teil 1 und 2 der Bücherreihe hier und hier. Leseproben auf der Internetseite von David Harris hier.]

Bis Bill Walsh das Label “Genie” um den Hals gehängt bekam, hat er in seinem Leben viele Niederlagen einstecken müssen. Der Linkshänder wollte Quarterback werden, da aber seine Eltern, mit denen er in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, oft umzogen, konnte er in keiner der mehreren High Schools einen Stammplatz ergattern und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nachdem er sich für eine Trainerlaufbahn entschied, konnte er lange Zeit keinen besseren Job als High-School-Trainer ergattern. Schließlich bekam er nach einem beeindruckenden Interview beim damaligen Head Coach der University of California, Marv Levy, einen Job als Assistant an einem guten College. Von dort aus gelang ihm 1966 das erste Mal der Sprung in die NFL – als RBs-Coach bei den Oakland Raiders. Das war aber – schon damals – ein derartiger Sauhaufen, daß Walsh schon nach einem Jahr keine Lust mehr darauf hatte.

So verbrachte er zwei Jahre ohne Football, bevor sich ganz überraschend eine neue Chance auftat. In der Bay Area hatte sich Walsh durch Jobs bei San Jose State, Cal und schließlich den Raiders einen guten Ruf erarbeitet. Jemand seiner Kollegen – neben Levy zum Beispiel Dick Vermeil und Al Davis – mußte ihn Paul Brown empfohlen haben, der in Cincinnati 1968 eine neue Franchise aus dem Boden stampfte. Walsh überzeugte Brown sofort und wurde Quarterbacks Coach.

Innerhalb kurzer Zeit bekam Walsh immer mehr Verantwortung. Er entwickelte eine Offense, mit der auch die limitierten QBs der Bengals erfolgreich sein konnten. Ein neuer Ansatz war, die gesamte Breite des Feldes zu nutzen (statt nur die Tiefe); ergänzt wurde dieser durch die Konzentration auf perfektes Timing und milimetergenaue Abstimmung zwischen QB und Wide Receivers – der Kern der Philosophie, die später als “West Coast Offense” das Spiel revolutionieren sollte. Folgerichtig wurde er auch Offensive Coordinator und Mitte der 70er Jahre, als sich das Ende von Browns Trainerkarriere abzeichnete, weithin als der logische Nachfolger für den Cheftrainerposten gesehen.

Nur hatte Brown anderes im Sinn. Er mochte Walsh nicht besonders, gab sich, als der Erfolg allzu deutlich geworden war, selber als Vater der neuen Offensivphilosophie aus und hielt Walsh für keinen geeigneten Head Coach, weil dieser sich mehr als Lehrer seiner Spieler sah und weniger als Drill Instructor, wie es damals üblich war. Brown machte Offensive Line Coach Tiger Johnson zum Head Coach ab der Saison 1976. Daß Walsh nach diesem “greatest disappointment of my life” nicht als OC unter dem neuen Chef bleiben wollte, legte ihm Brown als unerhörte Illoyalität aus und erzählte allen Teams, die Walsh als Kandidaten für ihren Cheftrainerposten interviewen wollten, daß er zu soft und überhaupt völlig ungeeignet als HC wäre. Browns Wort zählte viel damals.

Zwischen Riesenenttäuschung und neuer Chance

Nach einer Saison als OC bei den Chargers, in der er den jungen Dan Fouts unter seinen Fittichen hatte, bekam er immerhin auf dem College-Level die Chance, eine Mannschaft zu führen. Auch wenn es nur Stanford war, die mehr Wert auf akademische denn auf sportliche Leistungen legten. Aber passenderweise waren die vergleichsweise klugen Studenten der Eliteuni wie gemacht für Walshs modernen Ansatz, der sehr sophisticated war im Gegensatz zu vorherrschenden Meinung, daß immer der größere und stärkere mit “3 yards and a cloud of dust” gewinnen müsste. In seinen zwei Jahren, 1977 und ´78, führte der schon damals weißhaarige Head Coach die Cardinal zu 9-3- bzw. 8-4-Bilanzen mit zwei Siegen im Sun Bowl und im Bluebonnet Bowl.

Danach, im Alter von 47 Jahren, bekommt Bill Walsh 1979 endlich die Chance, Head Coach in der NFL zu werden – von einem 32-jährigen. Edward DeBartolo, Jr. hatte die San Francisco 49ers zwei Jahre zuvor von seinem Vater als Spielzeug geschenkt bekommen. Die miese Franchise hat er in dieser Zeit noch schlechter gemacht. Er übergibt dem neuen Cheftrainer und General Manager Bill Walsh den schlechtesten Kader der Liga, der 1978 zwei von 16 Spielen gewonnen hat.

Alle diese Stationen in Walshs Leben bettet David Harris wunderbar in die damit verworbenen Geschichten ein. Die rückständige Bay Area der 40er und 50er Jahre; das Leben als Lehrer und Coach an einer High School; die Schwierigkeiten, die “Coaching-Ladder” hinaufzusteigen; die Expansion Franchise Bengals mit ihrem Gründer Paul Brown; und nicht zuletzt die Familie DeBartolo und die Franchise 49ers. Harris hat einen wunderbaren Schreibstil, der zwar seine – auch persönliche – Nähe zu Walsh nicht versteckt, aber zu keinem Zeitpunkt in hymnische Töne oder Abfeierei abrutscht. Der Buchtitel „The Genius“ ist schon das höchste aller Gefühle.

Die Nähe zu Walsh ist entstanden durch zahlreiche Interviews, die Harris in den Monaten vor Walshs Tod im Sommer 2007 mit ihm führen konnte. Diese persönlichen Gespräche bilden den Kern des umfangreichen Quellenmaterials, das Harris für die Biographie ausgewertet hat. Dazu gehören unzählige Interviews mit Weggefährten wie auch Gegnern, als auch zahlreiche Zeitzeugnisse wie Zeitungsartikel und Fernsehsendungen. Ausweislich seiner eigenen Biographie ist Harris Journalist, aber bei einem derart qualifizierten Umgang mit Quellen würde es mich nicht wundern, wenn er in der Uni auch ein paar Seminare bei den Historikern belegt hat. Was nur immer mal wieder unangenehm aufstößt, ist seine Eigenart, einfach Namen wegzulassen und stattdessen nur die Position anzugeben.

Das Vermächtnis 49ers

Ab 1979 beginnt schließlich Bill Walshs Vermächtnis rasend schnell zu wachsen. Er übernimmt eine Franchise, die nicht nur vom Spielermaterial her am Boden liegt, sondern auch ein lächerliches Teamquartier und Trainingsbedingungen hat. Viele Colleges hatten schon damals bessere Trainingseinrichtungen; die 49ers hatten nicht einmal ein 100 Yards langes Trainingsfeld, sondern nur zwei nebeneinander liegende 50 Yards lange Hälften. Von Anfang an nimmt Walsh alles selber in die Hand und übernimmt auch die Verantwortung. Vom Starting Quarterback bis hin zu schiefen Bildern auf den Fluren gibt es nichts, an das er nicht Hand anlegen würde. Sein großes Mantra, nach dem er die gesamte Franchise organisiert, lautet Control. Control. Control. „He was king“ sagen schon frühe Weggenossen.

So ein Führungsstil funktioniert nur, wenn man ein Genie als King hat. Und selbst dann nicht immer. Nicht nur der Lorbeer gehört dem König im Erfolgsfall, sondern viel mehr noch trägt er Verantwortung auch für die Schande. Nicht nur für völlig verkorkste Jahre wie 1982 oder das schockierende Playoff-Aus ´87, sondern auch für jede einzelne Niederlage in der Regular Season hat Walsh sich manchmal derartig fertiggemacht, daß sein Team ihn zwei, drei Tage lang nicht zu sehen bekam oder er sogar seine Mannschaft nach dem letzten verlorenen Saisonspiel ohne Wort und Gruß einfach stehenließ.

Bis zum Schluß litt er unter Versagensängsten. Geschürt hat Walsh diese nicht nur selbst, auch sein zeitweise völlig durchgeknallter Boss, DeBartolo, hat ihn – manchmal nüchtern, meistens nicht – rund gemacht wie einen Buslenker. Dabei war es Mr. D auch völlig egal, ob sie unter vier Augen, vor der Mannschaft oder vor Geschäftsfreunden waren. Auch Walshs persönlichen Beziehungen gerade zu seinen besten und wichtigsten Spielern wie Joe Montana und Ronnie Lott waren schwierig.

Neben seiner Control-Obsession hatte Walsh noch zwei weitere Prinzipien, die über allen anderen standen: „attention to detail“ und den Anspruch, alles „first class“ zu machen. Es war kein Wunder, daß sie am Ende seiner Amtszeit 1988, nach dem dritten Super Bowl Erfolg, die besten Stars hatten; die beste Mannschaftstiefe hatten; den besten Coaching Staff hatten; und aus dem Kreisliga-Trainingsgelände ein State-of-the-Art-Komplex wurde.

Control(Genie) * Detail = First Class

In seinen zehn Jahren als Head Coach und General Manager in der NFL hat er tatsächlich viele Dinge auf ein ganz neues Level gehoben. Dazu gehören Aspekte des Coaching, Personalmanagement, Talentscouting, game planning, Trainingsgestaltung und Organisation von Training Camps. Das liest man besten alles selber nach. Als pars pro toto aber dazu vielleicht eine Geschichte der Draft 1986:

Bill traded the number eighteen pick in the first round to Dallas for its pick at number twenty plus a fifth-rounder. Then he packaged the Dallas pick, plus one of his own in the tenth round, to Buffalo for their second- and third-round picks. He also moved another second-round pick to Washington for their first-rounder in 1987. Along the way, the Philadelphia Eagles called to ask if the apparently crazy Forty Niners president [Walsh] would trade his backup Quarterback, Matt Cavanaugh, for a third-rounder now plus a second-round pick next year. Putting that proposal on hold, [Quarterbacks Coach] Mike Holmgren remembered, ‚Bill hung up the phone and said he had a chance to trade Cavanaugh, and to a man, every coach in the room said, ‚Don´t do it‘. Bill listened politely and then said, ‚You guys don´t know anything‘, picking up the phone and says, ‚Trade him‘.‘ To cover that sudden vacancy on the roster, Walsh then moved one of his third-rounders from Detroit to the Rams for two fourths and backup quarterback Jeff Kemp.

All told, Bill had made six trades, leaving him with one choice in the second round, three in the third, three in the fourth, one each in the fifth and sixth, and another five between round eight and ten. […] In round two, he selected Larry Roberts, a defensive end out of Alabama, whom the Niners would have taken with their first-round pick if they had kept it. In round three, Bill chose fullback Tom Rathman of Nebraska, cornerback Tim KcKyer from Texas-Arlington, and wide receiver John Taylor from Delaware State. Round four yielded linebacker and pass rush specialist Charles Haley out of James Madison, offensive tackle Steve Wallace from Auburn, and Miami defensive tackle Kevin Fagan. In round six, he picked up cornerback Don Griffin from Middle Tennessee State. All eight would become starters for the Forty Niners – the two corners in their rookie year – and five of them would eventually be selected for the Pro Bowl.

Die Wege auf denen „Personaler“ wie Andy Reid oder Bill Belichick heute wandeln, wurden von Bill Walsh etabliert. Auch wie man ein Team umbaut und verjüngt und gleichzeitig trotzdem erfolgreich ist, haben die heutigen Maestros in dieser Disziplin – Reid und Belichick – in vielen Teilen sicherlich von Walsh gelernt. Nicht zufällig ist Walshs Buch „Finding the Winning Edge“ so etwas wie die Bibel unter den Managementratgebern für Personnel Men in der NFL. Walsh hat seine 49ers in einem Jahrzehnt dreimal umgebaut. Aus einem wild zusammengewürfelten Haufen aus „Castoffs“ und jungen Draftpicks hat Walsh den Super Bowl Sieger der Saison 1981 gemacht. Einen kleiner Kern bildetet den Ursprung für die schon viel bessere Mannschaft, die 1984 nach 15-1 Regular Season die Lombardi Trophy gewann. Diese hat er dann nochmal über den Haufen geworfen und mit Spielern wie Jerry Rice und per Draft 1986 (s.o.) zu einem Godzilla mutieren lassen. Das muss man sich mal überlegen: die 1984er Niners, eine der besten Mannschaften aller Zeiten, wurde verstärkt um Spieler wie Jerry Rice, Tom Rathman, John Taylor, Don Griffin, Charley Haley und Steve Wallace.

David Harris fokussiert sich zwar auf die sportliche Seite, aber auch der persönliche Walsh kommt nicht zu kurz. Von Episoden, in denen sein trockener Humor deutlich wird bis zu seiner Affaire mit dem Playmate des Monats September 1974, Kristine Hanson, (nicht im Büro googlen!) und seinem schwierigen Verhältnis zu seinen Kindern kommt alles vor, was man wissen will – ohne aber zu intim zu werden. Überhaupt ist das dies eine Biographie wie aus dem Lehrbuch. Tiefgründigste Recherche, tolle Schreibe und weder zu sehr Krönung noch Demütigung des Mannes, der im Mittelpunkt steht. Man hat das Gefühl, das man viel mehr Gehaltvolles gar nicht in einer Biographie über einen Menschen schreiben kann. Das einzige, was komischerweise fehlt, ist der Mann, den Walsh selber zu seinem Nachfolger erwählte, nachdem er ihm viele Jahre als Coordinator wertvolle Arbeit geleistet hat – George Seifert. Seifert wird irritierenderweise nur zwei, drei Male am Rand erwähnt.

Absolute Kaufempfehlung für den NFL-freien Frühling.

Wir lesen (2) – Blood, Sweat and Chalk (Tim Layden)

[Nummer 2 in unserer Buchreihe: Tim Layden: Blood, Sweat and Chalk. Inside Football´s Playbook. How the Great Coaches Built Today´s Game. Sports Illustrated Books: New York 2010. Als Taschenbuch zum Beispiel hier schon ab 12,50€. Teil 1 der Bücherreihe hier.]

Nachdem wir Teil 1 unserer Bücherreihe mit dem strengen Lehrer Pat Kirwan und seinem trockenen, aber hochinformativen „Take your Eyes off the Ball“ begonnen haben, kommen wir heute zu etwas leichterer, aber nicht minder informativer Kost. Tim Layden, seit 1994 bei Sports Illustrated erzählt von der seit mehr als 100 Jahre stetig andauernden Evolution von Strategie und Taktik im American Football. Er macht dies in seinem Buch „Blood, Sweat and Chalk“ in einem angenehmen Plauderton statt in Kirwan´schem Hauptseminarduktus.

SLayden hat dabei trotzdem äußerlich ein ziemlich strenges Gerüst. Er erzählt die Geschichte anhand bestimmter taktischer Neuerungen und innovativen Veränderungen. Dabei bekommt jede Innovation sein eigenes Kapitel. Es beginnt bei der Single Wing Offense, geht über Wishbone, die West Coast Offense, Zone Blocking und der Spread Option bis hin zu defensiven Strategien à la Tampa 2 oder dem „Double A Gap Blitz“. (Inhaltsverzeichnis und Vorwort hier und hier das Kapitel „The Ryan Family Defense“ als Auszug.)

Das Spinnennetz der Geschichte

Jedes Kapitel ist dabei in sich abgeschlossen, auch wenn es manchmal einige Überschneidungen gibt. Schließlich bauen viele neue Strategien auf alten auf oder wurden in direkter Abgrenzung zu ihnen entwickelt. Zu beinahe jedem Kapitel findet Layden tolle Geschichten. Der Kern der Geschichte ist dabei immer ein Coach oder ein bestimmtes Spiel. Von da aus werden erzählerisch Linien gezogen und zurückgeschielt, bei welchen Teams der jeweilige Innovator vorher gespielt hat und unter wem er trainiert hat – also wo und vom wem er beeinflusst wurde. Oder was das jeweilige Team in den letzten Jahren durchgemacht hat und welche Spieler eine bedeutende Rolle spielen.

Auf einer anderen Ebene, die aber erzählerisch damit verbunden ist, wird zur Seite geschaut und beschrieben, was für Systeme und Taktiken zu der bestimmten Zeit gerade en vouge waren. Es wird also in bester Storyteller-Manier ein Netz gesponnen – vertikal (Zeit) und horizontal (Football-Landschaft). So entsteht ein anschauliches Bild davon, wie der Football zu jener Zeit ausgesehen hat und welche Philosophien gerade angesagt waren.

Layden hat dafür Interviews mit mehr als 100 Experten geführt, hauptsächlich (Ex-)Trainer und Spieler. Die Liste reicht von Howard Mudd über Bill Belichick bis hin zum unvermeidlichen Jon Gruden. Für einige Kapitel hat er auch die wichtigen Exponenten getroffen und ausführlich mit ihnen gesprochen. So trifft er beispielsweise Don Coryell (Kapitel 6 „Air Coryell“) in seinem Haus an einem kleinen See in Washington State; Buddy Ryan auf seiner Pferdefarm in Kentucky („The Ryan Family Defense“), Mouse Davis zum Frühstück an seiner Wirkungsstätte Portland State („The Spread Offense“) oder Dick LeBeau beim Trainingscamp der Pittsbugh Steelers („The Zone Blitz“).

Fokus und Muster

Bei der Fülle an Material und dem riesigen zu beackernden Feld – Footballstrategie von Pop Warner um die Zeit der Jahrhundertwende bis zur A-11-Offense im Jahre 2010 – ist es eine mehr als beachtliche Leistung, alles auf knapp 250 gut lesbaren Seiten unterzubringen. Layden schafft das, indem er sich für jede Innovation einen Coach oder eine Mannschaft als Fokus nimmt, um diesen herum seine Geschichte erzählt und an manchen Stellen auf ein tieferes Einsteigen in die (taktische) Materie verzichtet. Das wurde Layden mancherorts vorgeworfen. Es sei nicht tief genug, das Konzept und die Strategie fehlt undsoweiter. Aber das gehört zu Laydens Konzept – und es ist ein gutes Konzept. In seinen eigenen Worten:

Since modern football first began taking shape not long after the turn of the 20th century, hundreds of offenses and defenses have been tried. Fourteen of them, some with variations, are examined in this book. It´s not a comprehensive selection but a representativ one, exalting those systems that have either endured or profoundly impacted the game. Beyond the X´s and O´s though these pages tell the story of the men who held the chalk.“

Wir wollen hier keine umfassende inhaltliche Zusammenfassung geben, lesen muss schon jeder selber. Aber es schälen sich ein paar Muster heraus, die immer wieder auftauchen und bestätigt werden.

  • Innovationen und große Veränderungen sind meist die Folge von fehlendem Talent (Mouse Davis zum Beispiel hatte nur „pissants„, also hat er sich überlegt, wie er die ganzen Zwerge sinnvoll einsetzen kann)
  • jede bestimmte Offense und Defense ist „the product of everyone who has touched it“ – es gibt nicht die West Coast Offense oder die Spread Option
  • Entwicklungen verlaufen zyklisch + niemals geht etwas so ganz (Teile/Überbleibsel bestimmter Systeme überleben in anderen Systemen und werden von ihnen integriert; manche kommen sogar prominent zurück, zum Beispiel die Single Wing-Philosophie in Form der Wildcat)
  • Neuerungen gehen meistens den Weg vom High-School-/Small-College-Level über Division-I hin zur NFL; selten, daß etwas in der NFL erfunden wird
  • Innovation entstehen oft aus  der Motivation, vorherige Innovationen zu kontern (z.B. Tampa Two als Antwort auf West-Coast-Offense oder Zone Blitz als Antwort auf Passing Game der Live Ball Era)

Zwischendrin wird von Zeit zu Zeit alles mit Anekdoten aufgelockert, von denen man auch noch lernt. Wer weiß zum Beispiel, wie die West Coast Offense tatsächlich zu ihrem Namen gekommen ist und was der Dallas Cowboy Bernie Kosar damit zu tun hat. Oder wie Rich Rodriguez zufällig die Spread Option erfunden hat, als sein Quarterback in Glenville State im Training gestolpert ist. Zu Beginn jedes Kapitels gibt es eine taktische Zeichnung auf einer Tafel, die einen typischen Spielzug des jeweiligen Systems  zeigen. Auch das macht Laydens Buch zu einer schönen Geschichtsstunde in Sachen Football. Layden bringt die meisten Dinge so anschaulich und begeisternd rüber, daß man sofort in seinem Archiv stöbern oder das Internet durchsuchen möchte und sich ein Spiel der 70er Oklahoma Soones, der 90er Nebraska Cornhuskers oder der K-Gun Buffalo Bills ansehen. Man lernt eine ganze Menge über Systeme und Taktiken und die Coaches, Spieler und Mannschaften dahinter. Kombiniert mit dem plaudernden Erzählstil ist dieses Buch genau das Richtige für einen Frühlingsnachmittag in der Offseason. Die Schwachpunkte der mangelnden Tiefe und daß die Defense mit nur fünf Kapiteln (von 21) unterrepräsentiert ist, tut dem Vergnügen keinen Abbruch.

Wir lesen (1) – Take Your Eyes Off The Ball (Pat Kirwan)

[Um die Offseason etwas kürzer zu machen, werden hier in den kommenden Wochen in loser Folge Bücher vorgestellt, die sich um das Ei drehen. Nr. 1: Pat Kirwan with David Seigerman: Take your eyes off the ball: how to watch football by knowing where to look. Triumph Books: Chicago 2010. Zum Beispiel hier.]

Pat Kirwan ist heute bekannt als Kolumnist für NFL.com und mit seiner Radioshow „Movin´ the Chains“ bei Sirius Radio. Er war Trainer im High-School- und College-Bereich (u.a. Offensive Coordinator bei Hofstra) und später als Coach, Scout und im Management bei verschiedenen NFL Teams (Cardinals, Jets, Buccaneers). Sympathischerweise hat dieses Buch ein ganz klares Ziel, ein ganz bestimmtes Anliegen. (Anstatt einfach ungeordnet alles Wissen und witzige Anektoden runterzuleiern, die „Ex-NFL-soundso“ in seiner langen und echt voll einzigartigen Karriere gemacht hat, wie das leider oft bei Büchern früherer Sportler und Trainer ist.)

Wie der Untertitel selbsterklärend besagt: „how to watch Football by knowing where to look“; Kirwan beschreibt das Ziel des Buches in der Einleitung ausführlicher:

For too long, watching Football has been sort of like visiting an unfamiliar city. When you first find yourself in the middle of Paris or Rome or even New York, you recognize a couple of familiar sights, but it´s easy to feel in over your head as your senes get overwhelmed by the swirl of activity and energy. It´s not until you start learning the language and recognizing certain neighbourhood landmarks that you feel acclimated and comfortable. And the the fun can really begin.

Und damit der Fun dann auch sogleich beginnen kann, macht Kirwan etwas recht trockenes. Das gesamte erste Kapitel dreht sich nur darum, welche verfügbaren Informationen alle beachtet werden sollten, die helfen können zu antizipieren, was als nächstes passieren wird. Dazu schlägt er vor, mittels eines Charts mitzuschreiben, wer überhaupt auf dem Feld ist (Personnel) und was diese Aufstellung dann macht (Paß/Lauf). Man baue sich also eine Tabelle und führe diese als Strichliste: in der linken Spalte „Personnel“, in der zweiten „Run“ und in der dritten „Pass“. Personnel kann man kurz mit zwei Ziffern angeben, die sich danach richten, wie viele Running Backs im Spiel sind (erste Ziffer) und wie viele Tight Ends im Spiel sind (zweite Ziffer). 11 Personnel sind also 1RB, 1TE, 3WR und 01 sind 1TE und 4WR usw.

Wenn man das mal macht, bekommt man tatsächlich ein viel besseres Gespür „for the flow of the game“. Einige offensichtliche Dinge kann man schnell verifizieren (zum Beispiel spielt die Colts-Offense unter Peyton Maninng fast ausschließlich mit zwei Aufstellungen, 70% „11“ und 30% „12“), einige je nach Erfahrung mehr oder weniger bekannte Dinge werden schnell deutlich (zum Beispiel, daß die Patriots viel öfter als man denkt aus „11“ laufen) und daß dieser Chart bei Teams wie New Orleans total sinnlos ist, weil sie im Laufe eines Spiels alle nur erdenklichen Formationen spielen und aus dene heraus ohne klare Tendenz sowohl laufen als auch passen. Daneben geht er auch auf alle anderen Informationen ein, die auch der Zuschauer hat und die es zu bedenken gilt: Zeit, Score, Down&Distance.

Anschließend daran beschreibt Kirwan, wie im Laufe einer Offseason das Playbook zusammengestellt wird und was dabei alles eine Rolle spielt (Rookies, neue Free Agents, neue Coaches, der Quarterback). Die ersten Ideen für das Playbook werden dann während der Offseason in OTAs installiert, ausprobiert und je nach Erfolg wieder verworfen und Neues dazu genommen. Schließlich wird das fertige Ding im Juni gedruckt und während des Training Camps jedem Spieler wieder und wieder eingehämmert.

Aus diesem Playbook wird dann in der Saison je nach Gegner ein passender Gameplan destilliert, der unter der Woche zwischen den Spielen installiert wird. Die typische NFL-Trainings-Woche wird vorgestellt und erläutert, was Coaches und Spieler an welchem Tag der Woche jeweils machen. Kein Tag gleicht dem anderen.

Jetzt weiß man, wie der Gameplan entsteht, auf was Coaches und Scouts alles achten, auf was man selbst alles achten kann und was die Spieler tatsächlich zwischen den Spielen trainieren. Darauf aufbauend dreht sich der längste Teil des Buches um die Spieler. Jede Position wird ausführlich erläutert im Sinne von: was sind die Aufgaben eines QB oder eines LT; wie sollte er prototypisch gebaut sein; welche Unterschiede gibt es je nach „Philosophie“ (z.B. Linemen in 3-4 vs. Linemen in 4-3-D) und wie sich die Rolle der Position im Laufe der Jahre entwickelt hat.

Das gerät manchmal etwas trocken. Zeitweise hat man das Gefühl, wie in der Schule ein Lehrbuch zu lesen, in dem erklärt wird, wie Photosynthese funktioniert oder warum es zum Ersten Weltkrieg kam. Ein besserer Ghostwriter hatte das sicher ansprechender formulieren können. Aufgelockert wird das Ganze immerhin durch Kästen, in denen Kirwan knapp Fragen beantwortet wie „What´s the biggest adjustment college receivers face when they get to the NFL?“. Auch die Fragen sind wie das ganze Buch teils wirklich simpel und für Anfänger; teils ziemlich „sophisticated“, wie die Fragen zur „Sprache“ der Quarterbacks und Playcalling.

Nachdem die Positionen alle durch sind, gibt es auch noch Kapitel zum Coaching, zur Organisation des Managements und zum Draft-Prozeß. Dabei merkt man deutlich, daß Kirwan sehr viel Erfahrung hat und weiß wovon er redet. Auch der selbsternannte „Experte“ unter den Lesern kann hier noch was lernen. Insgesamt bekommt man mit dem Buch sehr viele Informationen auf gerade mal 200 Seiten, wodurch es mehr als Nachschlagewerk geeignet ist.

Falls man nicht gerade selbst schon mal in einem NFL-Staff garbeitet hat, ist Kirwans Buch trotz seiner Schwächen eine lohnende Investition. Am besten geeignet ist es wohl für Fans, die erst seit einem oder zwei Jahren Football-Spiele schauen und mehr wissen wollen. Besser verstehen wollen, was sie sehen und auch verstehen wollen, was die Mannschaften da überhaupt gerade machen und warum sie das machen. Für schmale 12,50€ gehört die Mischung aus Nachschlagewerk und Lehrbuch aber auch in jeden „Experten-Haushalt“, um schnell nochmal nachzuschauen, woran man denn jetzt pre-snap erkennt, ob der Cornerback Zone- oder Man-Coverage spielt oder um in der Combine-Vorbereitung sich nochmal schnell zu vergewissern, daß man auch die Formel für die „Explosion Number“ bei Pass Rushers nicht durcheinander gebracht hat.

Kauft´s, lest´s, werdet´s schlauer.