Detroit Lions in der Frischzellenkur

Die große Frage der Sezierstunde wurde klar beantwortet: DT Ndamukong Suh wanderte ab. GM Mayhew bot Suh Gerüchten zufolge einen Mega-Deal an, der fast an das Angebot der Dolphins herangereicht hätte, aber Suh zog Miami letztlich vor. Überraschender kommt, dass man Suhs Kollegen, DT Nick Fairley, ebenso gehen ließ. Fairley war manchmal ein fauler Sack, aber auf der Höhe galt er als Top-Spieler, einer der besten in der Liga. Schon letztes Jahr probte Mayhew die Situation, als er Fairleys Vertragsoption nicht zog – um ihn zu motiviere. Fairley spielte dann ein ordentliches Jahr, bis er sich verletzte. In St Louis unterschrieb er für laue Kohle. Weiterlesen

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Frischzellenkur 2014: Buffalo Bills

Vieles ist gerade im Fluss bei den Bills. Nach dem Tod vom Teamgründer und langjährigen Owner Ralph Wilson jr. kocht die Gerüchteküche, wer denn nun neuer Owner wird und ob der die Franchise in der unattraktiven Arbeiterstadt Buffalo halten wird. Der jüngste Mitbieter im Rennen um die Nachfolge Wilsons soll Tom Golisano sein, ehemals Owner der Buffalo Sabres, ein Mann aus der Region. Bei einem Golisano ginge man fest davon aus, dass der Mann den Laden in Buffalo halten würde, kommt der Mann doch aus Rochester gleich ums Eck. Golisano versuchte sich allerdings nach dem Verkauf der Sabres vor zwei bis drei Jahren an einem Einsteigen bei den Los Angeles Dodgers (MLB), scheiterte dort.

Es gilt als sicher, dass die Bills ein neues Stadion brauchen, wollen sie in Buffalo bleiben. Das Ralph Wilson Stadium ist zwar eines der letzten in dieser klassischen old-style Schüsselform, aber es gilt als nicht mehr profitabel genug.

Just in diese Stimmung hinein heizte am vergangenen Samstag der Kolumnist Tim Graham in der Buffalo News einen detaillierten Artikel über die eine mögliche und immer wieder angenommene Abwanderung der Bills nach Los Angeles. Grahams Schlussfolgerung: Keine Chance. Die NFL will gar nicht nach Los Angeles. Die Bills werden den Bundesstaat New York nicht verlassen, schon deswegen nicht, weil sie politisch zu wichtig sind für den Gouverneur, der das einzige in New York ansässige Team im Staat halten möchte. Die von Graham angedeutete Bezuschussung eines Stadionbaus mit öffentlichen Geldern wehrte die Bundesregierung allerdings dieser Tage wirsch ab. Mal schauen.

Sportlich scheint man in der Organisation zu glauben, nur noch ein kleines Stück von den Weltklassemannschaften entfernt zu sein: GM Doug Whaley verkaufte im Draft 2014 Haus und Hof um sich von Draftplatz #9 auf Draftplatz #4 hochzukaufen und WR Sammy Watkins zu ziehen. Watkins gilt als monströses Talent, als einer der ersten eher kleinen Wide Receiver (1.83m), den du in der NFL-Historie wirklich bedenkenlos ganz hoch einberufst. Watkins ist keine sichere Tüte, aber in der Hochgeschwindigkeitsoffense der Bills eine Schachfigur, die gewiss kein Bremsklotz werden wird.

Mit den WRs Watkins, Woods und Goodwin, dem QB Manuel und dem RB-Sprinter Spiller sieht die Bills-Offense mehr und mehr aus wie eine von einem Madden-Zocker zusammengestellte Offense. Jedes Speed-Rating unter 95 wird verscherbelt, und nur die ganz Schnellen dürfen bleiben.

Ich weiß nicht. Einem jungen QB wie Manuel Hilfe zur Seite zu stellen, ist keine schlechte Idee, aber dafür einen 1st-Rounder im nächsten Jahr zu opfern? Hätte ich nicht gemacht. Es ist kein pragmatischer Move. Es ist ein Move, den ein Team machen kann, das nur noch einen oder zwei Bausteine vom Durchbruch entfernt ist. Buffalo ist einen oder zwei Bausteine davon entfernt, ein Playoff-Team zu werden, aber so wirklich ganz nach oben fehlt doch gefühlt noch ein bissl mehr. Watkins muss gewaltig einschlagen um den Preis zu rechtfertigen.

Wie ein besserer Move sieht da die Einberufung von OT Kouandjio in der zweiten Runde aus: Kouandjio kommt aus Alabama und galt lange Zeit als sichere Tüte für die erste Runde, bis er wegen Kniebeschwerden durchrutschte. Kouandjio ist vielleicht ein Verletzungsrisiko, aber solche Spieler kannst du immer nehmen, denn sie sind das Risiko wert: Im Optimalfall haben die Bills ihre langjährige Problemzone an der rechten Flanke der Offense Line gelöst, im schlimmsten Fall einen 2nd-Rounder verschlissen. Auch hier: Hilfe für den jungen QB, und diesmal sogar für einen akzeptablen Preis.

Offense Line gingen die Bills noch einmal später in der fünften Runde mit dem OG Cyril Richardson von Baylor, einem unbeweglichen Brocken von Mann. Richardson muss in der Innenseite der Line nicht sofort eingewechselt werden, kann eingelernt werden. Er galt lange als Mann, den man zwar haben möchte, aber den man nicht sofort haben möchte. Buffalo kann sich hier nach dem Einkauf des Guards Williams aus St Louis den Luxus des Einlernens leisten, insofern eine gelungene Idee, wie ich finde.

Sonst war da noch a bissi Defense für den neuen DefCoord Jim Schwartz. Personell kann ich nicht viel zu sagen, außer dass man natürlich gespannt darauf wartet, wie der 4-3 Freak Schwartz („nur die Defense Line zählt“) mit einer Abwehr arbeitet, die zuletzt unter Mike Pettine so variabel auftrat wie kaum eine zweite in der Liga. Schwartz stand bisher eher für one trick ponys denn für Variabilität.

Eine Draftklasse mit einigen guten Ideen und vielen guten Spielern, aber der beste kam für einen Preis, den er fast nicht rechtfertigen kann – insofern ist es eine Klasse, die auf Genosse Glück hofft, Glück, dass aus Watkins ein fulminanter Superstar wird. Du wirst immer Glück brauchen, aber die Pragmatischen brauchen weniger Glück. Die Bills dagegen brauchen mehr.

Frischzellenkur 2014: Jacksonville Jaguars

Die Jacksonville Jaguars haben im Draft 2014 ziemlich genau die Richtung eingeschlagen, die ich schon letzten Oktober im Zuge des Wembley-Spiels diskutiert hatte, allerdings damals mit einem anderen Quarterback im Zentrum.

Sie zogen QB Blake Bortles mit dem dritten Pick overall. Eine große Überraschung, galten die Jaguars doch längst aus dem Rennen um einen Quarterback, weil sie im Vorfeld des Drafts keinen Mucks von sich hören ließen. GM David Caldwell galt mit seiner Truppe als sehr entschlossen, den Advanced-Metrics zu folgen, und da hättest du alles erwartet, nur nicht den riskantesten Quarterback an einer Stelle, an der du noch zwei der „Big-Four“ (WR Sammy Watkins und Edge-Rusher Khalil Mack) hättest bekommen können.

Ein Team wie Jacksonville braucht händeringend Waffen. Es braucht die bestmöglichen Talente. Aber es brauchte eben auch einen QB. Caldwell zog Bortles, und hörte man sich hernach die Begründungen an, so geht es dabei durchaus um Advanced-Metrics: Bortles sei nicht nur der physisch begabteste Quarterback der Draftklasse gewesen, nein, er hätte alle anderen regelrecht pulverisiert, wenn es um seine Effizienz in Downs mit Druck auf die Pocket gab (mit 7.8 NY/A sei er in solchen Fällen fast ein Yard besser gewesen als der nächstbeste).

Der Bortles-Pick wirkt retrospektiv auch angesichts des lauen QB-Rennens in der ersten Runde eher unstet: Manziels Fall durch die Boards beschwor Quotenrekorde, aber fütterte nur die Unkenrufe von wegen schwache QB-Klasse an, Bridgewater ging gerade noch so in der ersten Runde. Bortles ging an #3, und somit an einem Platz, an dem man von ihm Großes erwartet.

Kann er liefern? Man darf spektisch sein. Er ist der Mann, der mehr aussieht wie ein guter QB als er schon einer ist. Er hat eine horrende Wurftechnik, die erstmal zurecht gebogen werden muss. Er wird hinter einer eher suspekten Offensive Line arbeiten müssen. Er wird in eine Mannschaft kommen, die noch immer gröbere Defensiv-Probleme hat. In solchen Situationen sind schon bessere Prospects verbrannt worden.

Immerhin: Jacksonville setzte bedingungslos auf Offense in diesem Draft. Weil das WR-Talent Justin Blackmon immer auf dem Sprung zur nächsten NFL-Sperre ist, holte Jacksonville in der zweiten Runde haufenweise Receiver: Zuerst den soliden, aber unspektakulären Marquise Lee, danach den wuchtigen Allen Robinson.

Bei Lee argumentierte das Front-Office der Jaguars wie folgt: 2012 wäre er ein Super-Prospect gewesen, aber er hatte ein mäßiges Jahr 2013, weil er verletzt war. Dadurch fiel sein Draft-Stock, aber das ist eigentlich ungerecht, denn die Verletzung die er hatte, war zwar eine Knieverletzung, aber keine, die seine mittelfristige Zukunft beeinträchtigen wird. Man ist sich sicher, einen fixen 1st-Rounder an #39 bekommen zu haben, der aus diversen Gründen zum Glück durch das Board fiel. Lee ist kein Burner, er ist kein Riese, aber er ist präzise und gilt als kompletter Spieler.

Bei Robinson soll es vor allem seine Fähigkeit, Kurzpässe zu guten Raumgewinnen zu transformieren, gewesen sein. OffCoord Jedd Fisch lässt in Jacksonville zwar nicht wirklich eine echte Kurzpass-Offense spielen, sondern bevorzugt durchaus auch mal den eher längeren Ball, aber eine Sicherheits-Option ist nie eine schlechte Idee.

Insofern haben die Jaguars ein Jahr nach dem OT Luke Joeckel erneut massiv in die Offense investiert. Wenn diese Jungs einschlagen, hat man vielleicht tatsächlich mal sowas wie einen echten Offense-Kern beisammen.

Man sollte nicht vergessen, dass man mit OG Brandon Linder (3. Runde) und RB Storm Johnson (Bortles-Teamkollege am College) aus der 6. Runde noch weitere Optionen zog, und hernach mit RB Blankenship einen durchaus interessanten Mann vom UDFA-Markt aufkaufte. Das ist neues Frischblut für eine zuletzt extrem leblose Offensive.

Entsprechend euphorisch war die Stimmung in Jacksonville dann auch dieser Tage bei den ersten Sichtungstrainings mit den neuen Jungstars: 6000-8000 Leute sollen zugeschaut haben. Das sind irre Zahlen, die z.B. eine deutsche Nationalmannschaft in den nächsten Tagen im Südtiroler WM-Trainingslager allerhöchstwahrscheinlich nicht annähernd wird erreichen können.

Vom Draft der Jaguars bin ich nicht begeistert, da ich einen Bortles nicht angerührt hätte, aber immerhin stimmt die Richtung: Offense, Offense, Offense. So baust du heute Interesse an einer Mannschaft, die seit minimum sieben Jahren kein Interesse mehr wecken konnte. Dass du mit einigen Routiniers und deinem Defensiv-Spezialisten auf Head Coach (Gus Bradley) versuchst, zumindest anständige Defense hinzubekommen um deinen jungen Angriff nicht zu überstrapazieren, kann nur unterstützt werden.

Jacksonville Jaguars 2014-2016: Ich bin gespannt.

Frischzellenkur 2014: Houston Texans

Die Houston Texans waren eine der Mannschaften, die im Draft 2014 kein Feuerwerk an Trades veranstaltet haben, aber sie hatten, wie ich finde, trotzdem ein bemerkenswertes Wochenende, was nicht nur daran lag, dass sie den Draft mit dem Top-Pick eröffneten und mit dem letzten Pick („Mr. Irrelevant“) auch abschlossen. Der neue Head Coach ist Bill O’Brien, aber O’Brien ließ hernach keinen Zweifel, dass der GM Rick Smith die Fäden in der Hand hielt.

Es gilt als offenes Geheimnis, dass die Texans am liebsten ihren Top-Pick verkauft hätten, aber weil sich offenbar kein Abnehmer fand, der ein hinreichend zufriedenstellendes Angebot abgegeben hat, zog man DE Jadeveon Clowney. Man muss nicht weiter über Clowneys Vorzüge schreiben: Gepaart mit einem J.J. Watt ist das eine Traumvorstellung von Defensive Front Seven. Die Hoffnung ist, dass DefCoord Romeo Crennel genügend Ideen im Petto hat, wie er die beiden einsetzen möchte.

Bei den Texans 2013 sagte man: Watt war auf sich allein gestellt. Er sah Doppeldeckungen in jedem Play und war als einziger echter Playmaker in der Front-Seven auf verlorenem Posten. Mit Clowney kriegt Watt nun einen Mitspieler an der Gegenflanke, der ihm Druck wegnehmen wird, um umgekehrt, Watts Präsenz wird auch Druck von Clowney, diesem zu schleifenden Rohdiamanten, nehmen.

Crennel will eine Art hybrides 3-4/4-3 System spielen, analog seiner späten Zeit in New England, wo er durchaus auch schon 4-3 Abwehrformationen einbaute. Crennel gilt allerdings im gleichen Atemzug auch als Verfechter vom 2-gap System in der 3-4 Defense Line – ein System, das Watt zu stark neutralisieren würde. Man muss also aufpassen, dass man sich nicht verzettelt. Als hausgemacht gilt, dass man Clowney tendenziell als 3-4 OLB aufstellen möchte, also als wendigen Edge-Rusher, der ab und an auch Deckungsarbeit wird übernehmen müssen; in entsprechenden Passrush-Situationen wird man Clowney auch als Defensive Tackle einsetzen, um Druck von innen zu erzeugen.

Houston bekam in der dritten Runde noch einen zweiten Mann für die Front-Seven geschenkt, der landesweit bekannt ist: DT Louis Nix III von Notre Dame, der wohl wegen seiner Knieprobleme so weit durchgerutscht ist. Nix ist gewiss keine sichere Tüte, aber es gab Pundits, die ihn in Nähe der ersten Runde verortet hatten, und entsprechend kann man die Personalie Nix mit heutigem Wissensstand erstmal unter „Schnäppchen“ einordnen.

Nix dürfte im Idealfall mit seinen 150kg eine Art Nose Tackle geben können. Nose Tackle wird zwar in der Texans-Defense aufgrund des hohen Anteils an „nickel-Defense“ ein eher begrenzt wichtiger Mann sein, aber für die 30-35% der Spielzüge, die er gebraucht wird, kann Nix sicher erstmal einspringen. Wenn nicht, dann sollte er zumindest für die Rotation bei den Defensive-Interiors zu gebrauchen sein – eine Position des „Needs“ für Houston unabhängig von der gedrafteten Personalie. Später kam übrigens auch noch der mir nicht bekannte DE Jeoff Pagan in der sechsten Runde hinzu.

Nix und Clowney sind zumindest eineinhalb Fixsterne im Umbau der Front-Seven in Houston. Man hat in OLB Whitney Mercilus bereits einen jungen Edge-Rusher, der als ehemaliger 1st-Rounder bisher als Enttäuschung gilt, aber einen Mercilus willst du noch nicht ganz abschreiben. Mercilus könnte an der Flanke des J.J. Watt eingeplant sein, mit dem Gegenüber Clowney. Clowney dürfte dort in der Stammformation Brooks Reed verdrängen; Reed war 2011 ein 2nd-Rounder, der die Erwartungen nicht erfüllen konnte. Mit ihm hat der Trainerstab aber einige Pläne, wenn man die Pressekonferenzen der Texans-Führung richtig deutet: Es kann gut sein, dass man Reed nach innen zieht, als zweiten ILB neben Brian Cushing, der von seiner schweren Verletzung zurückkommt.

In der Offense ist weniger interessant, was die Texans gemacht haben als das, was sie nicht gemacht haben. Sie blieben gegen Ende der ersten Runde erstaunlich inaktiv. So inaktiv, dass ihnen im allerletzten Abdrücker die Vikings reinrutschten, sich auf #32 hochkauften und QB Teddy Bridgewater vor der Nase wegschnappten. Nun weiß man nicht, ob Houston an #33 wirklich Bridgewater gezogen hätte; O’Brien soll nicht Teddys größter Fan gewesen sein, aber viele glauben, dass Houston doch ganz gerne Bridgewater geholt hätte. Der Preis wäre verkraftbar gewesen: Minnesota gab nur einen zusätzlichen 5th-Rounder auf.

Gegen die These, dass Houston Bridgewater geholt hätte, spricht der Mann, den sie „an seiner Stelle“ später in der vierten Runde holten: QB Tom Savage, den Hünen mit dem Monsterarm von Pitt, bei dem irgendwie alle davon ausgehen, dass er zum Bust wird, weil zu unpräzise. Savage ist ein diametral anderer Spielertyp als Bridgewater, und wenn du einen Savage holst, ist es zumindest nicht der naheliegendste Gedanke, dass du gleich heiß auf einen Bridgewater sein konntest. O’Brien gab hernach zu, dass Savage sich in der Pocket einleben wird müssen und dass er seine Wurfbewegung stabilisieren müsse. O’Brien sprach auch von einem starken (okay), akkuraten (!) Wurfarm, womit er Fragen aufwarf, ob er Savage überhaupt hat einmal spielen sehen.

Gut. O’Brien gilt als QB-Guru. Er hätte Savage als Penn State-Coach letztes Jahr fast rekrutiert. Die Offense hat zwei sehr gute Wide Receiver, einen sehr guten Runningback und eine gute Offensive Line. Für Savage ist das zumindest die bestmögliche Situation, in die er kommen konnte. Wie gut es für Houston ist, bleibt die Frage, denn der Depth-Chart auf QB ist weiterhin eher mau: Rookie Savage, der noch viel lernen muss, Ryan Fitzpatrick, der bis auf ein paar gute Spiele in Buffalo als ewiger Backup gilt, und der wuselige Case Keenum, der letztes Jahr nach ein paar starken Auftaktspielen schnell an seine Grenzen stieß.

Manche vermuten, dass Houston in den nächsten Tagen noch einen Trade für New Englands Backup-QB Ryan Mallett anstreben wird – ein Trade, der nach New Englands Einberufung von Rookie-QB Garroppolo Sinn machen würde. Aber: O’Brien kennt Mallett aus gemeinsamen Zeiten in Foxboro, und er versuchte bisher nicht mit mehr Nachdruck, Mallett zu holen. So 100%ig überzeugt sieht das nicht aus. Und wenn du Mallett holst, hast du mit ihm nächstes Jahr einen Free-Agent. Das dürfte zwar den Trade-Preis drücken, aber potenziell musst du dann einen schweren Vertrag auszahlen. Und: Richtig weit sollen die Transfergespräche noch nicht geführt haben.

Die QB-Situation wurde also eher mit begrenzten Mitteln angegangen, aber dafür hat man in Houston neben der bereits beschriebenen Defense Line auch versucht, in der Offense „up front“ Frischblut zu holen.

Houston zog mit dem Pick #33, mit dem eigentlich alle den Teddy erhofft hatten, OG Xavier Sua‘-Filo, den besten Guard in einer guten Guard-Klasse. Ob das nach Bridgewaters Verschwinden eine Notlösung war oder von Anfang an der Plan war, darüber kann man nur spekulieren. Abwegig ist der Pick jedoch nicht: XSF wird neben dem LT Duane Brown Platz nehmen und die Offense Line, einen der Schwachpunkte 2013, sofort verstärken. Alle bescheinigen ihm, in der Entwicklung schon relativ weit zu sein, deswegen: Ein recht logischer Pick.

In der dritten Runde zog man noch TE C.J. Fiedorowicz, einen kompletten Spieler. Fiedorowicz ist kein Tight End der neuen Schule, sondern eher einer, der erstmal vor allem über das Lauf-Blocking kommen wird. Das riecht ein wenig nach der Rückkehr des Laufspiels bei den Texans (Foster wird wieder fit sein, und Rookie-RB Blue aus der sechste Runde könnte den Backup geben), a) um die vermutlich eher limitierten QBs zu entlasten und b) um wieder ein wenig Physis und Drive in die Offense zu bringen.

Zwei Jahre danach: Cameron Newton

Eines ist fix: QB Cameron Newton von den Carolina Panthers ist einer der Footballer, die die Geister scheiden. Er war es von Anfang an. Cameron Newton war einst in Florida der Backup von Tim Tebow und als solcher hätte er eigentlich dessen Nachfolger werden sollen, doch der Teenie Newton war unreif, stahl Laptops und wurde selbst vom laxesten aller Coaches, Urban Meyer, von der Uni geschmissen. Erst fast zwei Jahre später, im Spätsommer 2010, tauchte Cam Newton wieder auf der Bildfläche auf, als potenzieller Sleeper auf den Quarterback-Job an der Auburn University, einem Kult-College aus einer Kleinstadt in Alabama, das alle zwei Wochen ein Stadion füllen kann, das locker doppelt so groß ist wie die Stadt selbst.

Newton gewann den Job als #1-Quarterback, und der Rest ist Geschichte: Newton dominierte den College Football wie nie ein Spieler vor ihm. Als 1,96m-Mann, geschmeidiger Scrambler und sehr gute Wurftechnik pulverisierte Newton Schul- und Conference-Rekorde in der hochklassigsten aller College-Ligen, der SEC, und er machte es ohne adäquaten Supporting-Cast: Der Running Back war gut, aber alles andere waren solide Spieler, nicht mehr. Auburn hatte ein Team, das bei gutem Saisonverlauf 8-4 gegangen wäre und an #22 in irgendeiner Silvester-Bowl gespielt hätte – ohne Newton.

Mit ihm gewann Auburn 2010/11 die BCS-National Championship. Auburn scorte 65 Punkte gegen die Arkansas Razorbacks. Auburn drehte ein legendäres Spiel in Alabama, nur das verrückteste von vielen Comebacks. Auburn war nicht dominant, aber Newton war es. Und Newton fand sich alsbald mitten drin in einem Recruiting-Skandal, der ihn fast seine Reputation, Auburn fast den Titel, und die Heisman-Trophy fast ihre Integrität gekostet hätte. Es gilt als sicher, dass Newtons Vater eine sechsstellige Summe von Auburns Boostern für die Dienste seines Sohnes kassierte, dass zumindest einige Dinge nicht rechtens gelaufen waren. Newton kam damit durch, mutierte zwar nicht zu einem Helden der Güteklasse Tebow (der mit sehr viel stärkeren Mannschaftskollegen ähnlich dominant am College war), aber Cam Newton konnte sicher sein, dass er NFL-Talent hatte.

Am College hatte er in der offenen spread offense von Guru Gus Malzahn gespielt, eine Art one read-System, das dem Quarterback sein Leben stark vereinfacht. Trotzdem war nicht zu übersehen, dass der Hüne Newton mit seiner Beweglichkeit und seiner Wurftechnik gutes NFL-Potenzial besaß. Im Draft-Prozess 2011 machte er vieles falsch („Ich werde eine Ikone sein“) und wurde immer und immer wieder als großer Unsympath porträtiert, und am Ende wanderte er tatsächlich, längst nicht von allen erwartet, mit dem Top-Pick an #1 nach Carolina.

Ich gestehe, ich habe Newton gehasst wie die Pest und ich fand, dass Carolinas Trümmerhaufen von Offense vieles vertragen würde, aber an einem unerfahrenen und nur bedingt reifen Rookie-Quarterback, sei er noch so talentiert, zu knabbern haben würde. Ich schrieb:

Bis zu allerletzt hatte ich es nicht geglaubt, aber die Carolina Panthers haben sich unter dem neuen Head Coach Ron Rivera tatsächlich entschieden, gleich zu Beginn die Football-Variante von Russisch Roulette zu spielen. Cameron Newton hat kaum 300 Bälle geworfen und ist nun #1-Pick.

Der Amerikaner sagt dazu: high risk, high reward. Newton ist ein Entwicklungsprojekt für die nächsten Jahre und wird eine sehr speziell auf ihn zugeschnittene Offense brauchen. Carolina hat mit diesem Pick den QBs Matt Moore und vor allem Jimmy Clausen mit beiden Fäusten in die Fresse geschlagen. Der Gedanke hinter diesem Pick ist: Alles oder nichts. Kann zweifellos funktionieren. Aber das Gefühl sagt eher: Nope.

Zwei Jahre später spaltet Newton die Massen noch immer. Seine Mobilität ist unbestritten ein gigantisches asset, und der Trainerstab machte einen exzellenten Job um Newtons Talente zu maximieren. Seine Statistiken sind gewaltig, und Carolina hatte in beiden Saisons mit Newton eine der besten Pass-Offenses mit über 7 NY/A, obwohl es außer einem alternden Steve Smith nicht einen einzigen weiteren Ballfänger von Format gibt. Carolina verlor mehr Spiele, als es gewann, aber die Hauptschuld ist eindeutig an anderen Orten zu suchen: Die Defense zeigte erst ab Mitte Saison 2012 Anzeichen von Leben, und Head Coach Ron Rivera geht in engen Spielen nicht bloß der Killerinstinkt ab, sondern regelrecht die Muffe.

Die, die Newton spielen sehen sehen, berichten ganz gerne kritischere Dinge. Es ist unbestritten, dass der Mann nicht der feingeschliffenste Werfer ist, der jeden Ball sauber in die Dreifachdeckung bekommt. Eindeutig geht Newton auch der letzte Zapfen Spielintelligenz ab und er lässt sich ganz gern auch mal von einfacheren Abwehrschemen verarschen. Newton ist nicht der große Student des Spiels und ist manchmal aufreizend lässig, aber hey: Er kann sich das leisten.

Beweglichkeit und, noch besser, die Option auf 1A-Scrambles, sind Voraussetzungen, die viele dieser Probleme kaschieren. Sie sind positive Attribute, die ein NFL-Quarterback haben kann. Newton hat sie, und es ist dadurch kein allzu großer Schaden, wenn er nicht die präzisesten Pässe der Liga wirft: Carolina kann nämlich die Offense so designen, dass sie offener wird als mit einem generischen Pocket-Passer. Beweis sind die letzten beiden Jahre und die Offensivsysteme, die mittlerweile in anderen Orten Einzug gehalten haben. Wie lange der Trend anhält und ob die Defenses darauf eine schnelle Antwort finden, bleibt abzuwarten, aber ein gewisses Maß an Vorsprung haben sich Scramble-QBs immer schon erarbeitet.

Newton ist auch kein Fragilchen wie ein RG3, um dessen Knochen man bei jeden Sprung ins Getümmel Angst haben muss. Newton ist selbst ein Brocken von Mann, der austeilt. Und er scrambelt intelligent, geht den übelsten Hits ganz gut aus dem Weg, rennt nicht mit 180 Sachen blindlings in die Scheiße. Verletzungsgefahr bleibt, aber sie ist bei Newton minimiert.

Es bleibt festzuhalten, dass Newton nach zwei Jahren gewaltige Effizienz-Zahlen eingefahren hat, noch dazu mit einem bestenfalls lauwarmen Supporting-Cast. Newton hat eine durchschnittliche Turnover-Anfälligkeit. Ballsicherheit und Risikomanagement sind ausbaufähig, aber nix nervös zu werden. Newton ist noch längst nicht mit der Konstanz da, wo ein Rodgers oder Brees sind, aber er bietet einem Coach an, eine Offense allein um ihn herum zu bauen – ein Luxus, den nur wenige Teams haben; zum Beispiel ist das nichtmal in Atlanta der Fall, wo man Matt Ryan teure Waffen geben musste um ähnlich effizient zu spielen.

Newton ist einer der faszinierenden Spieler vor dieser Saison 2013. Er hat alle Tools der Welt. Er muss allerdings mit zwei Schwierigkeiten fertig werden: Erstmals hat er nach Chudzinskis Abgang einen neuen Offensive Coordinator. Und dann ist da noch die Lokalpresse, die sich immer mal wieder gerne auf Newton einschießt – die alte Leier bei Jungs, die ihren eigenen Kopf haben und nicht nach der Pipe der Journaille tanzen. Bei arroganten Jungs wie Newton sicher noch schwerer.

Cameron Newton hat bei mir schon gewonnen. Er hat in den zwei Jahren ausreichend gezeigt, dass die meisten Befürchtungen überflüssig waren. Er hat genügend angedeutet um einen #1-Draftpick zu rechtfertigen. Der letzte Schritt zum Elite-QB (sagen wir: Top-5 auf Jahre hinaus) fehlt freilich noch, aber wenn wir das nach zwei Jahren erwarten, legen wir die Latte bei ihm höher als bei allen anderen.

Vielleicht schafft er den Sprung dorthin nie (nur fünf können die Top-5 bilden!), aber das Experiment Cam Newton ist den Versuch wert und noch besser: Auf gutem Wege, zu gelingen.

Frischzellenkur in St Louis: Mountaineer Pride

Der WR-Corp der St Louis Rams wird seit drei Jahren aufgemotzt, dass ein Matt Millen nur bass erstaunt zuschauen kann: Dieses Jahr kamen zwei neue Wide Receiver im Draft dazu, nachdem schon in den zwei Jahren vier Wide Receivers und einen Tight End gedraftet worden waren. GM Les Snead und Head Coach Jeff Fisher scheinen sehr darauf bedacht, dem Quarterback ihres Vertrauens, Sam Bradford (Top-Draftpick 2010), eine Armada zu geben, mit der sich arbeiten lässt.

Snead und Fisher holten diesmal die beiden Hauptprotagonisten der Air-Raid-Offense der West Virginia Mountaineers, Tavon Austin (Pick #8) und Stedman Bailey (Pick #92) neu hinzu. Damit zählen wir über die letzten drei Jahre sechs Wide Receiver und einen Tight End, die St Louis via Draft holte, plus dieses Jahr mit TE Jared Cook erstmals auch eine Waffe via Free-Agency.

Der Offensiv-Gameplan nimmt also Formen an. Fisher installierte in seinen ersten beiden Offseasons in St Louis alle Elemente, die dem Vorgänger-Duo Spagnuolo/Devaney entweder entgangen oder missglückt waren:

  • OffCoord Brian Schottenheimer, manchmal ein bisschen übermütig, aber insgesamt solide und West Coast-affin.
  • Schnelle Receiver (Austin, Bailey, Givens) und groß gewachsene Receiver (Cook, Quick)
  • Blockstarker Tight End (Kendricks)
  • Left Tackle (Jake Long) und ein erfahrener Center, der viele Protection-Calls machen kann (Chris Wells)
  • Fangstarker Running Back (Isaiah Peed)

Das liest sich nicht schlecht, obwohl auch jedes Jahr 1-2 Kernbausteine den Verein verließen (Steven Jackson, Amendola, Brandon Lloyd).

Der Move für das Kronjuwel Austin hinterlässt mich leicht zwiegespalten: Prinzipiell ist er mit seinen 1.73m kein Mann, um den man eine NFL-Offense bauen möchte, sondern mehr der Typ „Luxus-Schachfigur“, der zwischendurch die Nadelstiche setzt, aber mit seinen 9-Catches-für-72yds, 3-Endarounds-für-21yds und 2-Puntreturns-für-76yds-und-ein-TD-Spielen nicht das zentrale tragende Element eines Angriffs sein kann. Harvin kam letzte Saison in Minnesota bis zu seiner Verletzung nahe dran an die Wunschvorstellung „Slot-WR trägt seine Offense allein“. Aber es waren nur wenige Spiele bis zu seiner Verletzung.

Austin sehen viele als mehr als einen Slot-WR. Am College wurde er tatsächlich überall eingesetzt, vorne, hinten, als Wideout, im Slot, im Backfield, fing Bälle für über 150yds, erlief über 300yds in einem einzigen Spiel (!) usw. Aber ein klassischer Wideout ist Austin nicht. Einen klassischen, prototypischen #1-Wideout gibt es in St Louis vielleicht trotz der vielen Picks immer noch nicht.

Brian Quick mag noch am nächsten dran sein: Letztes Jahr an #33 von einem aberwitzig kleinen College gedraftet, schaffte Quick den Entwicklungssprung im Rookiejahr nicht ganz. Quick ist groß gewachsen, physisch, hat aber noch etliche Unsauberkeiten in seinem Spiel. Die Idealvorstellung wäre, dass sich Austin und Quick gegenseitig ergänzen: Des einen Präsenz bringt den anderen weiter und umgekehrt.

Chris Givens (letztes Jahr: Vierte Runde) gilt als speedster für die tiefen Routen. Typ Torrey Smith: Nicht präsent genug für eine richtige Führungsrolle, aber einer mit der Standard-Statline 3 Catches für 86yds, TD. Nicht oft am Ball, niedrige Catch-Rate, aber wenn er ihn fängt, ist es mehr als Zündeln in der Secodary.

Vielleicht braucht es den „Führungsspieler“ auch gar nicht, denn zu diesem interessanten Trio gesellt sich mit dem Rookie Bailey vielleicht der Spieler, den diese Offense noch brauchte. Bailey ist keine 1,80m groß, aber extrem kräftig und war in der Mountaineers-Offense noch produktiver als Austin. Gemeinsam mit einem TE-Hünen Cook könnten Bailey und Austin ein gefährliches Trio für die Spielfeldmitte bilden. Cook gilt nicht als der allerkonstanteste, hat aber immerhin den Körper für die Zweikämpfe mit den kräftigsten Linebackers.

Das alles, und durch die sofortige Verbesserung der Protection (Long) und eine Entlastung der Fänger-Rolle für Kendricks dürften die Rams in der NFC West aufgeholt haben und haben zumindest auf dem Papier eine weitaus mächtigere Offense als noch vor zwölf Monaten. 2012/13 war beachtlich von den Rams im Angesicht des schweren Schedules und der Qualität ihres Kaders, und nun ist der Angriff erstmals seit fast einem Jahrzehnt wieder so aufgestellt, um mehr als bloß Achtungserfolge einzufahren.

(Fast) alles DB in Tampa

Die Tampa Bay Buccaneers – ich schrieb es schon in der Sezierstunde – hatten 2012/13 genau eine große Schwachstelle: Die Pass-Verteidigung, und die war wirklich schwach. Die Pass-Defense besteht im Kern aus zwei Teilen: Passrush und Passdeckung. Die Buccs gingen in der Offseason vor allem letzteres an. Die Secondary wurde ihrem Namen nicht gerecht, denn sie war die Primary.

Die Einkäufe sind massiv: CB Darrelle Revis für einen Erstrundenpick (und zwei weitere Picks), mit Sechsjahresvertrag über 96 Millionen Dollar ohne Handgeld ist einer der größten Trades der letzten Jahre, vielleicht noch höher einzuschätzen als der Harvin-Trade nach Seattle. Revis gilt als bester Manndecker der letzten 10-15 Jahre, als einer, der auf der Höhe seines Schaffens eine ganze Saison lang jeweils den Top-WR des Gegners kaltstellen kann. Revis war der wichtigste Spieler in der Defense der Jets, nein, er war der definierende Spieler der Jets-Defense, der Mann, der möglich machte, was Rex Ryan sich mit seinen gewagten Zone-Blitzings traute. Revis kommt von einer Knieverletzung, aber er dürfte im Herbst wieder voll wiederhergestellt sein und ist dann immer noch erst 27. Es gibt in der Secondary keine schnellere sofortige Verbesserung als Revis einzukaufen.

Via Free Agency wurde der Hitter Dashon Goldson, ein Strong Safety, vom Superbowl-Verlierer San Francisco eingekauft. Goldson war teuer, aber ein Billigteam wie Tampa kann sich den einen oder anderen überbezahlten Spieler leisten. Um aller guten Dinge gleich drei zu machen, kam im Draft dann auch noch CB Johnthan Banks von Mississippi State in der zweiten Runde. Banks‘ größter Negativpunkt war sein fehlender Highend-Speed, alles andere an diesem Prospect soll schon sehr fortgeschritten sein.

Eine Starter-Reihe CBs Revis/Banks und Safetys Mark Barron/Goldson kann sich schon sehen lassen. Die Backups Eric Wright und Myron Lewis könnten auch schlechter besetzt sein. „Vorne“ wurde der Abgang von Passrush-Spezialist Michael Bennett eher schulterzuckend hingenommen. Man scheint darauf zu hoffen, dass die jungen DEs Da’quan Bowers und Adrian Clayborn in ihrem jeweils dritten Jahr endlich ihre Verletzungsprobleme abschütteln und ihrem Draft-Status gerecht werden.


Etwas kurios war im Angriff die Einberufung von QB Mike Glennon in der dritten Runde. Was für ‘n Signal sendet das denn bitte? Es war eh schon bekannt, dass HC Schiano nicht der größte Freund vom Starter Josh Freeman ist und dass man probierte, über diverse Kanäle einen Ersatzmann aufzutreiben (Mallett, anyone?). Persönlich halte ich Freeman für mittlerweile massiv unterschätzt: Die Offense der Buccaneers bringt immer wieder großartige Effizienz-Stats trotz niedriger Completion-Rate zustande, also what? Der Angriff ist um Freemans Monsterarm und die pfeilschnellen WRs Jackson/Williams konzipiert, also warum holt man sich im Draft mit einem recht wertvollen Pick (der ein 3rd-Rounder zweifellos ist) eine unfertigere, schlechtere Kopie Freemans, die jener als offene Kampfansage aus dem eigenen Trainerstab interpretieren muss? Die Einberufung Glennons gehört zu den unkonventionelleren Draftpicks in diesem Jahr.

Frischkellykur in Philadelphia mit Blick auf die Offense

Der erste Eagles-Draftpick dieses Jahr war an #4 in der ersten Runde OT Lane Johnson, der super-athletische Blocker von den Oklahoma Sooners. Ein Pick wie eine Impersonalisierung Chip Kellys: Hünenhaft, kann mithelfen, aus einem potenziellen Fragezeichen im Eagles-Kader eine potenzielle Stärke zu machen. Eine Tackle-Combo Peters/Johnson mit einem Backup Herremans oder Dennis Kelly liest sich im schlechtesten Falle „okay“, im besten aber „exzellent“. Eine extrem athletische Line als Basis des Angriffs. Wenn der bisher gescheiterte OG Watkins es doch noch packt – und neben einem Athleten wie Johnson ist das nicht ausgeschlossen – umso besser.

Die angedachte neue Eagles-Offenseline sieht wohl erstmal so aus:

LT Peters  LG Mathis  C Kelce  RG Herremans  RT Johnson

Für den Moment ist das ein “schwebendes Verfahren”, da vier von den Jungs gerade alte Verletzungen auskurieren und der fünfte in Johnson ein Rookie ist. Peters gilt in fittem Zustand als Granate und vollkommen sicherer Pro Bowler, aber ein Achillessehnenriss ist nix zum Spaßen. Kelce kuriert auch eine alte Verletzung aus und Evan Mathis wurde erst Anfang Mai operiert. Stand heute ist davon auszugehen, dass alle Jungs zum Saisonstart halbwegs wiederhergestellt sein werden.

In den ersten Trainingslagern durfte statt Mathis Danny Watkins spielen, der mittlerweile 28jährige Erstrundenpick von 2011. Watkins gilt als Bust, aber man hält ihm zugute, bisher falsch aufgebaut und trainiert worden zu sein. Watkins gilt vom Körperbau her als fast reiner Lauf-Blocker, aber die Eagles waren unter Andy Reid überwiegend eine Pass-Offense. Es erwartet jeder, dass dies unter Kelly anders sein wird, und das könnte die letzte Chance für Watkins sein, sich zu beweisen.

Konkurrenzkampf bei den Ballfängern

Die Block-Schemen in der Offense Line sind integraler Bestandteil jeder Kelly-Offense, aber damit nicht genug: Kelly verlangt von allen, auch seinen Skill-Players, dass sie beim Blocken mithelfen. Die ersten Trainingseinheiten sollen bereits Block-Schulungen für die Wide Receiver beinhaltet haben. Bisher quasi gescheiterte Existenzen wie der aus Tampa eingekaufte Arrelius Benn dürften sich auf solchen Gebieten profilieren können.

Benn ist ein Mann, gesegnet mit allen Talenten der Welt, aber verfolgt vom Verletzungspech. Am College wurde der Superathlet Benn in einer fast reinen Lauf-Offense verschenkt, und bei den Buccs schlug der Verletzungsteufel zu schnell zu. Benn sagt man ungebrochenen Kampfgeist und Bereitschaft zum Ausführen der schmutzigen Dinge wie eben Blocken nach. Dass sich Leute wie Avant, Maclin oder DeSean Jackson in der Vergangenheit zu schön für solche Dinge waren, könnte einem Benn auf seiner zweiten und vielleicht schon letzten Karrierestation entgegen kommen. (Avant soll von Belichick Kelly zuletzt sogar ins Defensive Backfield versetzt worden sein!)

Kelly überging im Draft die Möglichkeit, Tavon Austin zu holen. Weil der Slot für einen Chip aber immer von Wichtigkeit ist, kam in der zweiten Runde TE Zach Ertz. Ertz ist nicht unbedingt ein Vertreter der „neuen“ TE-Generation, aber gilt als ausreichend solider Ballfänger und vor allem als physischer Vorblocker, mit dem Kelly am College oft genug Bekanntschaft machte (Ertz stapfte beim großen Oregon-Konkurrenten Stanford über das Feld).

Ertz ist 100%ig auch als wichtiger Fänger eingeplant, aber noch mehr wird er Bedeutung für das Lauf-Blocking haben. Möglich, dass Ertz daher sehr viele Snaps sehen wird, da er geschliffener als Benn ist und die anderen wie eben geschrieben nicht als große Vorblocker vor dem Herrn gelten.

Ein X-Faktor könnte Ifeanyi Momah werden, so ein Zwitterwesen zwischen extrem schnellem Tight End und butterfingrigem Wide Receiver. Momah ist ein Hüne und vielleicht nur für die Special Teams angedacht, aber Momah ist im Prinzip genau der Typ Athlet, den Kelly in seine flexible Offense eingebauen könnte. Man sei nicht überrascht, wenn WR/TE Momah es bei Kelly packt und dafür ein Avant rausfliegt.

Frischkellykur in Philadelphia: Eine Statue für Chip

Denken wir nochmal dran zurück, was wir von Chip Kelly bereits wussten: Er gilt als Meister der schnellen Offense, liebt groß gewachsene Athleten und hybride Defensiv-Aufstellungen. Was wir nicht in Betracht gezogen hatten: Chip Kelly kann einen reinrassigen Pocket-Passer holen.

Vor lauter Fokussierung auf die wendigen Quarterbacks auf flinken Füßen hatte ein Move wie die Einberufung von QB Matt Barkley mit dem ersten Pick der vierten Runde (98ter Pick overall) völlig ausgeschlossen geschienen. Kelly begründete Barkley mit lieber einen gescheiten Pocket-Passer als einen lauwarmen Scrambler. Ein Move, der total unerwartet kam, aber was wissen wir schon, wie die Eagles ihre Offense tatsächlich gestalten werden. Den Reaktionen nach zu urteilen hatten die Eagles Barkley als Top-50 Spieler gesehen und ergo an #98 erfreut zugegriffen. Pocket-Passer und No-Huddle schließen sich ja nicht grundsätzlich aus.

Das Quarterback-Karussell

Der Move für Barkley schiebt Michael Vick in Philadelphia gewaltig ins Abseits. Bisher hatte es so ausgesehen, als sei QB Nick Foles, Drittrundenpick im letzten Jahr, die lame duck, als eher hüftsteifer Werfer ohne große Scramble-Fähigkeiten. Mit der Ankunft von Barkley und dem nicht passierten Verkauf von Foles sendete Kelly ein Signal: Keine prinzipielle Abneigung gegen die Statuen. Vick ist maximal noch Statthalter, bis sich die beiden Jungen den Starter untereinander ausgeschnapst haben.

Das dürfte kein großes Problem sein. Vick gilt als menschlich gereift und es ist unwahrscheinlich, dass ein Vick im Kader zu einem Krebsgeschwür á la McNabb wird. Die Mitspieler lieben Vick und den Support, den er in den letzten Jahren auch von der Bank gab. Sollte Kelly bereits kurzfristig ohne Vick planen, könnte dessen Entlassung dank dessen billigen Vertrags immer noch erfolgen.

Vick ist 33 und hatte zuletzt zwei extrem fehleranfällige Jahre. Er ist noch flott bei Fuß und seine Rakete von Arm ist noch intakt, aber da Vick nie wirklich lernte, wie man Defenses liest, und stets auf seine herausragende Athletik baute, sind kleinste Alterserscheinungen tödlich für so einen QB-Typus. Vick ist ein brutal harter Knochen, der nicht zurückstecken wird. Mann kann ihm alles vorwerfe, aber nicht, dass er nicht immer vollen Einsatz bringt. Trotzdem ist er maximal die Gegenwart, aber gewiss nicht die Zukunft bei den Iggles.

Kelly liebt es, im Training Konkurrenzkampf zu schüren. Mit Dennis Dixon gibt es noch ein dark horse als vierten Mann, ein ehemaliger Oregon Duck, der einst kurzzeitig bis zu einer schweren Verletzung für den damaligen OffCoord Kelly gespielt hatte. Würde ich raten, so hat Barkley als der Kelly-Mann von 2013 einen leichten Kreditvorsprung, aber gleich dahinter kommt Foles als möglicher Erbe Vicks.

Matt Barkley

Matt Barkley - Bild: Wikipedia

Matt Barkley – Bild: Wikipedia

Für Barkley selbst dürfte Philadelphia eines der bestmöglichen Szenarien sein. Er kann sich sicher sein, dass sein Coach besser als die meisten anderen um seine Stärken und Schwächen weiß, schließlich musste sich Kelly am College einmal pro Jahr auf Barkley und seine USC Trojans vorbereiten.

Barkley ist kein unreifer Jüngling, der mit überzogenen Erwartungen in die NFL kommt. Spätestens der letzte Herbst dürfte ihm die Illusionen von einem beschwinglichen Leben als Profi genommen haben, aber Barkley hatte schon vorher einen Haufen Scheiße gesehen. Wenn du ans College kommst und plötzlich ist da nicht mehr „dein“ Coach, der dich rekrutiert hat, sondern ein beratungsresistenter Windhund wie Lane Kiffin dein Vorgesetzter, ist das eines. Wenn aber dann deiner Mannschaft Dutzende Stipendien und der BCS-Traum aberkannt werden und du wider Erwartungen zwei Jahre außer Konkurrenz in der Anonymität (ein relativer Begriff für USC, ich weiß) spielen musst, ist das schon was anderes.

Wenn du deines Traumes vom BCS National Championship willens dein letztes Jahr am College bleibst und einen Status als quasi fixer Top-10 Pick aufgibst, und dann mit deinem hochgejazzten Footballteam auf die Grausige abschmierst und in die vierte Runde des Draft fällst, weißt du, dass dir fortan nichts mehr geschenkt wird.

Matt Barkley dürfte ein reifer Mann sein. Er ist auf alle Fälle gewandt im Umgang mit den Medien, den er an einem der hitzigsten Colleges besser als alle anderen erlernen durfte – da ist USC sicher die beste Schule dafür. Und guter Umgang mit den Medien ist in einem Haifischbecken wie Philadelphia niemals eine zu unterschätzende Voraussetzung.

Dass Matt Barkley als Workaholic gilt, kann ihm im Ansehen des Trainerstabs nicht schaden; Kelly liebt Arbeiter, und er versuchte schon am College, auch für die besten Spieler gute Schüler als Backups zu rekrutieren, um den Konkurrenzkampf immer und immer wieder neu zu beleben. Und Konkurrenzkampf dürfte in Philly mit dieser QB-Situation durchaus massiv sein.

Das heißt nicht, dass Barkley es schaffen wird, oder dass er schon dieses Jahr der Starter sein wird. Es heißt bloß: Die erste Profistation hätte für Barkley eine weitaus schlimmere sein können. Barkley ist kein Wurftalent wie Luck oder RG3, seine besten Eigenschaften sind die, die ich eben beschrieb, und sie sind nicht direkt Football-lastig.

Aber ich würde doch mehr als ein paar Cents drauf wetten, dass Kelly mit Barkleys Football-Voraussetzungen – schneller Release, gute Wurfpräzision auf Mittel- und Langdistanzen, Spielintelligenz – etwas anzufangen weiß, das einem Eagles-Quarterback Barkley zumindest eine gute Chance zum Erfolg gibt.

Frischzellenkur rewind: Der Seahawks-Draft von 2010

Die Wurzeln des Seahawks-Aufstiegs sind Ende der Saison 2009/10 zu finden, als der Besitzer der Seahawks, Paul Allen, den Head Coach Jim Mora jr., der schon in Atlanta einen schlechten Job gemacht hatte, und GM Tim Ruskell rauswarf und sich anschickte, die seit Jahren dümpelnden Hawks wieder auf Vordermann zu bringen. Allen installierte den neuen GM John Schneider aus dem Personalbüro der Green Bay Packers, und holte Pete Carroll zurück vom College in die NFL. Für Carroll war das damals nicht bloß die Chance, es nach einer nur mäßig erfolgreichen Zeit in den 90ern noch einmal der NFL zu beweisen, sondern auch willkommene Gelegenheit, die University of Southern California rechtzeitig zu verlassen, bevor ein halbes Jahr später der Hammer der NCAA im Fall Reggie Bush zuschlug.

Erster großer Auftritt der neuen Seahawks-Leitung war der NFL-Draft 2010 – und drei Jahre später kann man ein exzellentes Zeugnis für diese Draftklasse ausstellen. Zugegeben, mit dem ersten Erstrundenpick (Pick #6) konnte Seattle damals nix falsch machen. Die Mannschaft war ein Scherbenhaufen, es gab keine „würdigen“ Quarterbacks (obwohl Tebow aufm Tablett war) und Seattle holte sich den Muskelberg LT Russell Okung von der Oklahoma State University. Die Tackle-Klasse von 2010 hatte als massiv gut besetzt gegolten, und Okung war auf den meisten Boards der höchstbewertete Tackle gewesen; als Washington an #4 OT Trent Williams zog, war eigentlich allen klar: Seattle würde in der Lotterie Okung ziehen. Es war ein einfacher Pick, den jeder Holzkopf geschafft hätte, und alle konnten die Logik nachvollziehen. Okung hatte in der NFL zwar viele Zipperlein, weil immer wieder Muskeln rissen und die Wade zwickte, gilt aber unisono anerkannt als einer der besten seiner Zunft.

Wenn du eine Draftklasse von Prädikat ganz groß haben willst, musst du auch ein wenig Glück haben. Seattle hatte das in Form eines letzten Geschenks des alten Regimes, das anno 2009 via Trade mit dem grünschnäbeligen Head Coach Josh McDaniels (Denver Broncos) einen Erstrundenpick für einen Zweitrundenpick generieren konnte! So durften die Hawks 2010 auch noch an #14 picken – und sie schlugen zu: S Earl Thomas von der University of Texas ist heute ein dynamischer Playmaker, einer meiner Lieblingsspieler, der an die besten Zeiten des besten Safetys ever, Ed Reed, erinnert. Thomas ist ein Freelancer und begeht als solcher naturgemäß viele Fehler – gescheiterte Blitzes, schlechte Coverage – macht das aber mit dem wett, was Scouts range nennen: Der Mann ist so schnell, so flink, dass er vom Gegner als ständige Bedrohung wahrgenommen wird, der man extra Aufmerksamkeit in der Vorbereitung schenken muss.

Der Thomas-Pick war seinerzeit nicht ohne Nebengeräusche, da alle Welt von Carroll erwartet hatte, dass er „seinen“ Schützling vom College, S Taylor Mays, mit diesem Pick holen würde. Das ist so ein gängiges Gerede vor dem Draft: Coach X holt Spieler Y, weil er den am College unter seinen Fittichen gehabt hatte. Stimmt manchmal, oft aber nicht: Carroll kannte die Schwächen des undisziplinierten Mays und überging die Sentimentalitäten. Es ist eine vergleichbare Situation mit der Nassib/Marrone-Geschichte bei den Bills dieses Jahr. Mays ging dann übrigens in der zweiten Runde nach Cincinnati, wo man seither versucht, ihn irgendwie ins System einzubauen.

Mit dem Zweitrundenpick (#60) bekamen die Seahawks WR Golden Tate, dessen berühmteste Szene bisher sicher der Freak-Touchdown bei der Hail Mary gegen Green Bay war. Niemand hält Tate heute für den besten Receiver der Liga, aber in einem kompletten WR-Corp ist Tate durchaus ein wertvoller Baustein, ein Spieler, für den es sich lohnt, einen so hohen Draftpick zu investieren.

Was beim Blick auf die Seahawks-Klasse von 2010 auffällt, ist, dass sie viele Trades machten: Nur der Okung-Pick war einer, der ursprünglich den Hawks gehört hatte; alle anderen wurden entweder gegen andere Picks eingetauscht oder von der NFL in Form von Compensatory Picks geschenkt. So hatte Seattle keinen Drittrundenpick, was in der Retrospektive nicht übel ist, da die dritte Runde von 2010 nur wenige wirklich herausragende Spieler produzierte (LB Bowman und TE Graham sind die mit Abstand besten).

Der dritte Tag des Drafts 2010, also ab vierte Runde, tut in der Rücksicht etwas weh, da die Seahawks Granaten wie DT Geno Atkins oder TE Aaron Hernandez verpassten, obwohl beide Positionen als große Needs gegolten hatten. Gerade ein Hernandez hätte wunderbar in die Carroll-Philosophie gepasst, Spieler zu holen, die alles Potenzial der Welt hatten, aber charakterliche Zeitbomben sind. Man lasse sich heute nicht davon täuschen: Hernandez war ein Knallkopf, der allerhand Probleme mit der Justiz hatte und sich mehr als einmal die Woche die Birne zukiffte. Aber er hatte auch als fantastisches sportliches Prospect gegolten, fiel dann aber wohl wegen der Bedenken in die vierte Runde. New England sagte danke. Seattle holte seinen Tight End erst in der sechsten Runde in Form von TE Anthony McCoy, und der war ein Carroll-Schützling vom College; McCoy ist kein Mann, um den du deine Offense baust, aber das verlangt von einem Sechstrundenpick auch niemand.

Seattle verpasste Hernandez also in der vierten Runde, und das gleich zweimal (Seattle hatte zwei 4th-Rounder). Mit dem ersten Viertrundenpick holte das Front-Office CB Walter Thurmond, der auch ins Schema des Carroll passte: Eigentlich ein Talent für die höheren Runden, aber ein großes Verletzungsfragezeichen nach einer horrenden Knieverletzung mit mehreren Bänderrissen. Thurmond ist drei Jahre später ein wertvoller Cornerback für die Rotation. Starter ist er keiner, da die Hawks ein Jahr später Browner und Sherman vom Schrotthaufen aufklaubten, und bei den Jungs muss sich keiner grämen, wenn er nicht dran vorbei kommt. Der andere Viertrundenpick der Seahawks war DE E.J. Wilson, ein längst vergessener Mann.

Die Klasse ist bisher schon sehr gut, aber das Kronjuwel fehlt noch: SS Kam Chancellor, der in der fünften Runde mit dem 133ten Pick kam und im Grunde eine Markt-Ineffizienz offen legte. Die NFL war zu dieser Zeit gefangen in ihren immergleichen Deckungssystemen, und Chancellor war so ein Spieler, der nirgendwo richtig reinpasste: Zu klein für einen Linebacker, zu groß für einen Safety, zu wenig Spezialist, zu viel Generalist. Der Typ Spieler, den du in den letzten Runden draftest eben. Oder auch nicht.

Es mag Zufall sein, und vielleicht waren Carroll und DefCoord Gus Bradley überrascht, dass Chancellor so gewaltig einschlug, aber es ist schwierig zu leugnen, dass Carroll/Bradley einen Plan für ihre Defense hatten. Der Plan legte wert auf Aggressivität und Physis an der Anspiellinie. Aggressivität, Physis und superbe Lauf-Defense sind die größten Assets des Kam Chancellor, der gern auch mal über die Strenge schlägt und nicht weit davon entfernt ist, das Label des nächsten großen Hard Hitters übergestülpt zu bekommen. Für den Gedanken, dass sie einen Plan hatten, steht auch die Einberufung von CB Richard Sherman ein Jahr später: Sherman war ein ähnlicher Spielertyp und kam in der fünften Runde.

Chancellor war also in gewissem Sinne auch ein Trendsetter. Heute, nur drei Jahren später, werden solche Spielertypen in der zweiten und dritten Runde gedraftet, sind also sehr viel teurer. Die Pioniere profitierten noch vom ineffizienten Markt.

(Man muss an der Stelle allerdings auch anmerken, dass die überwiegende Mehrzahl der Pioniere mit ihren unkonventionellen Ideen scheitert und nur die paar wenigen gelungenen Neuerungen wie eben Chancellor am Ende herausragen. Der Draft 2010 hatte auch ein bekanntes Negativbeispiel: Tim Tebow)

Buffalo Bills 2013: So schnell wie der Wind

Seit im Winter Owner Ralph Wilson jr. mit der Mistgabel durch den Laden lief und den nur unwesentlich jüngeren Al Davis von Petris Pforte zum neuen General Manager beförderte, steht in Buffalos Offense der sechste Gang hoch im Kurs: Die an sich schon sehr schnelle Offense wurde im Draft 2013 um eine ganze Latte an explosiven Playmakern gänzt. Nach der Einberufung von QB E.J. Manuel (16ter Pick), WR Robert Woods (41ter Pick) und WR Marquise Goodwin (78ter Pick) liest sich der Bills-Angriff mit einem Mal erstaunlich spektakulär:

QB – Manuel, Kevin Kolb

RB – C.J. Spiller, Fred Jackson

WR – Stevie Johnson, Woods, Goodwin, Da’Rick Rogers

Es war ja einer der Hauptkritikpunkte an Chan Gailey gewesen, dass er zuviel Energie in das Bauen der Fundamente (Lines und Linebackers) gesteckt und in diesem Zug komplett vergessen hatte, dass Football ja eigentlich mit Eiern und Händen gespielt wird und ausgerechnet dort, bei den Skill Players (also Quarterbacks, Runningbacks, Wide Receivers, Tight Ends), kaum Hochkarätiges aufgeboten wurde. Das führte zwar in jedem Jahr zu Lobpreisungen von wegen „sie haben es drauf, ein Team zu bauen“, aber mehr als die 6-10 und 7-9 Jahre sprangen nicht heraus, weil die richtigen Granaten außerhalb der Lines fehlten.

Der neue Approach unter Head Coach Doug Marrone scheint eher in Richtung Hochgeschwindigkeits-Offense zu gehen. Spiller und Goodwin gehören zu den schnellsten Spielern ligaweit, und QB Manuel ist auch einer der Quarterbacks, die etwas flotter auf den Füßen sind. Es wird gemunkelt, dass Buffalo Elemente der read-option Offense einbauen will, eine Offense, die Marrone an seiner vorherigen Station am College in Syracuse immer wieder versuchte zu implementieren, aber nicht die richtigen Spieler dafür hatte.

Manuel ist als Spielertyp wie gemacht dafür: Nicht der allerpräziseste und geschliffenste Werfer unter der Sonne, aber genügend Gefahr als Scrambler ausstrahlend um für voll genommen zu werden, wenn ein Option-Spielzug ansteht. Manuel wird mittelfristig das Zepter in Buffalo übernehmen, nachdem der eingekaufte Free Agent-QB Kolb meistens nur drei Wochen von der ersten Gehirnerschütterung entfernt ist oder mit einer Lawine von Incompletions selbst für seine Degradierung sorgt.

Auch für den brutal explosiven Spiller, der auch ein guter Fänger ist und der die effizienteste Saison 2012/13 aller Running Backs spielte, und den Arbeitstier-RB Fred Jackson dürfte ein mobiler Quarterback wie Manuel Vorteile bringen: Historisch gesehen helfen flotte Quarterbacks dem Laufspiel, selbst wenn sie keine 65% Completion-Rate einfahren.

Der WR-Corp liest sich auf dem Papier auch ganz ordentlich: Johnson ist als Charakter zwar nicht unumstritten und galt als Buddy vom gefeuerten QB Fitzpatrick, dürfte aber vom Einkauf des possession receivers Woods profitieren: Woods ist kein Sprinter, kam aber in der zweiten Runde des Drafts und gilt als cleverer und abgewichster Mann. Sein Fallen in die zweite Runde wird unglücklichen Umständen zugeschrieben, nachdem es bei USC, seinem College, im abgelaufenen Herbst teilweise Auflösungserscheinungen zu beklagen gab. Als ungedrafteter Rookie-Free Agent (UDFA) kommt Da’Rick Rogers von Tennessee bzw. Tennessee Tech. Rogers gilt als physisch allen Cornerbacks dieser Welt gewachsen und pfeilschnell, aber als charakterliche Zeitbombe.

Bei Goodwin weiß keiner so recht, was uns erwartet. Lt. Mayock ist das ein „Leichtathlet, der Football spielt“. Das liest sich nicht per sofort als einsatzbereit, aber Goodwin (ein Olympionike im Weitsprung) offeriert Antrittsschnelligkeit und Ausdauer auch für die langen Sprints. Dass sich Goodwin durchsetzen wird, gilt als längst nicht sicher, aber die Herangehensweise der Bills ist eindeutig: Speed, Speed, Speed, und damit passt er zumindest konzeptionell in diesen Wirbelwind von Angriff, der in den nächsten Jahren über Orchard Park/NY fegen soll.

Der Nachwuchs der Detroit Lions 2013

Es dürfte sich herumgesprochen haben, welcher NFL-Mannschaft ich in erster Linie die Daumen drücke. Daher heute mal etwas ungewöhnlich ein etwas genauerer Blick auf die einzelnen Moves und der Versuch, die angeknackste sportliche Leitung einzuordnen. Die einzelnen Picks im Überblick:

DE Ziggy Ansah. Ich schrieb schon direkt nach dem Draft, warum ich Ansah mag. Der Spieler selbst gilt als exorbitantes Risiko: Riesentalent, aber noch wenig Zeit im Vorlesungssaal verbracht. Am College mag dieser „Theorie ist nicht gleich Praxis“-Ansatz gut gegangen sein, weil Ansah kleine Jungs übers Feld schieben durfte. In der NFL ist die Konkurrenz eine andere, und reine körperliche Wucht reicht nicht mehr. Die Hoffnung ist, dass der hoch geschätzte DL-Coach Jim Washburn und HC Jim Schwartz, der von der Defense Line kommt, Ansah innerhalb von zwei, drei Jahren fit kriegt. Der Knackpunkt ist aber, dass Schwartz dead man walking ist und schneller als gedacht auf dem Markt sein wird, wenn dieses Jahr erneut eine unterdurchschnittliche Bilanz eingefahren wird.

Detroit hat zu wenig Kadertiefe, um Ansah gemächlich an die NFL heranzuführen. Die Ends sind teuflisch dünn besetzt, wenn schon Leute wie Young und Jason Jones, eigentlich eher Tackles als Ends, die großen Starter geben müssen. Ziggy wird mehr Snaps sehen als man einem Rohdiamanten seiner Güteklasse zumuten möchte. Dass er sich dabei nur nicht verbrennt.

CB Darius Slay. Wie Ansah auf Defensive End ist auch der Cornerback Slay ein Prospect, das eine seit Jahren offene Baustelle schließen soll. Slay gilt als fassungslos schnell und lernbereit, aber das zeigte sich im Spiel bei Mississippi State nur allzu selten. Die anhaltenden Knieprobleme sind ein weiterer Punkt mit Fragezeichen für einen Spieler auf einer Position, auf der Detroit zuletzt extrem viele Verletzungsausfälle hatte und wo man endlich Stabilität braucht. Die Moves der Offseason waren immerhin allesamt gut: Der bei mir hoch geschätzte FS Louis Delmas wurde gehalten, mit S Glover Quin kommt etwas Erfahrung aus Houston, S Spievey als Backup – nimmste gern. Bei den Cornerbacks bleibt Chris Houston der erste Starter, dahinter dürfte sich Slay mit den Youngsters Bentley, Greenwood und Green um die Hackordnung balgen. Letzteres Trio geht ins zweite Jahr NFL, und die Jungs hinterließen offenbar genügend Eindruck, dass Detroit keine weiteren Defensive Backs nach dem Abgang von Lacey holte.

Eine Art Zusatzaufgabe schimmert bei Slay auch schon durch: Return-Spiel als Ergänzungsspieler für Reggie Bush und Stefon Logan.

RG Larry Warford. Warford ist ein Spieler, bei dem sich Mike Mayock gar nicht mehr einkriegen konnte, als er gedraftet wurde. Soll ein gigantisches Talent sein, ein extrem muskulös gebauter Mann für die seit Jahren vakante Guard-Position in der Line der Detroit Lions. Ich kann nachvollziehen, warum man selbst nach dem Rücktritt von LT Backus und RT Cherilus keinen Tackle holte: QB Matt Stafford kriegt den Ball wenn nötig schnell genug aus der Pocket, weil es kaum einen Quarterback gibt, der schneller beim Rausfeuern ist. Stafford ist allerdings immer dann gefährdet, wenn der Spielzug gewollt (per Design) oder ungewollt (also wenn Druck über die Mitte kommt) aus der Pocket hinausführt. Und da kommen die Guards ins Spiel. Nicht nur für offenere Bahnen im Laufspiel, sondern auch für bessere Pass-Protection gegen Defensive Tackles oder blitzende Linebackers. Das Fragezeichen ist freilich, weshalb der offenbar so großartige Warford in Runde drei purzelte, aber wollen wir im Zweifel doch mit Mayock gehen.

DE Devin Taylor. Taylor ist der erste der Spieler in diesem Lions-Draft, die für diese Saison nicht als Starter eingeplant sind. Taylor ist ein 2m-Hüne mit Armlänge einer Spinne, und schaut eigentlich aus wie der Prototyp von Defense End, den die NFL immer sucht. Ich hab Taylor bei den South Carolina Gamecocks häufig gesehen und hatte stets eine gute Meinung von diesem Prospect, aber er soll nicht agil, nicht sauber genug für die NFL sein. Taylor könnte wie Ansah ein Fall für das Feintuning bei Coach Washburn sein, aber der Punkt, dass Taylor es in vier Jahren am College nicht hinbekam, zumindest NFL-ähnliche Technik zu entwickeln, hinterlässt mich doch stutzig und fragend ob seines NFL-Potenzials. Liest sich wie der nächste Spieler, der in Detroit vor allem deswegen gedraftet wurde, weil er was werden könnte. Irgendwann.

Taylor ist immerhin ein „need“-Pick für die Kadertiefe, für 15 bis 25 Snaps jedes Spiel zum langsamen Einlernen. Ein kluger Plan könnte sein, Taylor, Ansah und den ebenso noch jungen DE Ronnell Lewis (letztes Jahr gedraftet) jeweils in Teilen einzusetzen und so langsam an die NFL zu führen. Mit einem situational player wie DE Willie Young und an der Seite der Tackle-Giganten Suh und Fairley sollten es diese jungen Spieler auch einfacher haben, sich bei den Profis einzugewöhnen.

P Sam Martin. Bei angeblichen number’s guys wie GM Mayhew und Jim Schwartz ist es immer überraschend, wenn sie einen Punter draften. Keine Frage: Das Punt-Spiel der Lions war letztes Jahr schwach, und es ist seit Jahren ein kleines Ärgernis. Insofern kann man die Intention hinter diesem Pick durchaus verstehen. Es ist mehr… alle Zahlen weisen drauf hin, dass a) die Produktivität eines Punters extrem schwer messbar ist und b) die Leistungen von Puntern aufgrund der geringen Anzahl an Versuchen extrem schwankt. Das macht den Punter zu einer verhältnismäßig wertarmen Position, oder wie es ein amerikanischer Kollege mal ausdrückte: Wenn durchschnittliche Teams Punter draften, stellen sie sicher, dass diese auch gebraucht werden. Dass ein Mathe-Stratege und Schachspieler wie Schwartz so stark an Sam Martin interessiert war, dass er ihn per Draftpick golte, überrascht.

WR Corey Fuller. Dafür, dass Detroit seit Jahren konsequent ein bis zwei Wide Receiver draftet, ist die Position immer noch enttäuschend besetzt. Fuller könnte sich bei gutem Verlauf schneller als gedacht etwas Spielzeit kaufen: Calvin Johnson ist gesetzt, aber dahinter ist vieles im Flow. Nate Burleson ist rekonvaleszent und wird nicht jünger, Ryan Broyles hatte zuletzt zwei Kreuzbandrisse en suite, Kris Durham und Mike Thomas sind auch nicht die Granaten, um die du mit heutigem Wissen bauen willst. Fuller wäre das sechste Rad am Wagen, aber bitte nicht überrascht sein, wenn vor Saisonstart entweder Durham oder Thomas zu seinen Gunsten fliegen.

RB Theo Riddick. Es ist zwar eigenartig, einen Running Back zu holen, aber immerhin passt bei Riddick die Anlage: Wendig, fangstark, quick. Riddick ist gebaut wie der typische role player auf Runningback. Problem ist nur, dass mit Reggie Bush schon ein ähnlicher Spielertyp im Kader steht (und, so er die 2%ige Chance nochmal fit zu werden nutzen kann, auch Jahvid Best). Riddick riecht etwas wie ein Streichkandidat und möglicherweise hättest du lieber einen Offense Liner für die Kadertiefe gehabt.

TE Michael Williams und LB Brandon Hepburn kommen aus der siebten Runde und sind größtenteils unbeschriebene Blätter. Williams kommt aus dem stärksten aller Football-Colleges (Alabama), fiel dort aber in Dutzenden Übertragungen fast gar nicht auf. Sehr selten, dass ich von NFL-Kalibern solcher Unis nicht eine einzige Notiz über die Jahre gemacht habe; bei Williams ist das der Fall. Hepburn kommt von Florida A&M, was bei einem Basketballspieler nach dieser March Madness eine coole Geschichte abgeben würde, aber übers Footballteam kann ich wenig bis nix schreiben: Nie gesehen. Beide Positionen waren zudem nicht wirklich problematisch in Sachen depth.

Bei den ungedrafteten Free Agents (UDFA) sticht der Name von QB Alex Carder heraus, der Mann von Western Michigan: Ein wuseliges double threat mit relativ guter Wurftechnik, und einer meiner Lieblingsspieler in den letzten zwei Jahren. Carder war vielleicht der beste, aufregendste Quarterback in der Mid-American Conference, die immerhin auch einen Zac Dysert in diesem Draft schickte. Carder könnte Kellen Moore den Platz als dritter Quarterback im Roster streitig machen.


Man sieht, dass Mayhew/Schwartz unter Druck sind: Die meisten Picks sind auf die großen Baustellen im Kader ausgerichtet, auch wenn sie nicht die risikofreiesten Spieler sind. Die komplette sportliche Leitung muss hoffen, irgendwie eine akzeptable Saisonbilanz (Güteklasse 8-8 bis 10-6) hinzukriegen und nebenbei bei Leuten wie Ansah, Slay oder Taylor wenigstens ein paar Schleifspuren zu hinterlassen. Ich habe prinzipiell nix gegen den Versuch, mögliche All-Pros wie Ansah oder Slay zu holen auf das Risiko hin, dass die Jungs es nicht packen und als Mega-Busts in die Geschichte eingehen. Auf solch wichtigen Positionen willst du möglichst hohes „Upside“. Allerdings ist das Einberufen solch unreifer Prospects normalerweise eine bessere Idee bei eh schon gut besetzten Teams, die sich ein langsames Heranführen leisten können. Detroit ist kein solches Team.

Alle Indizien deuten bei Ansah und Slay auf eher geringe denn höhere Chancen hin, dass sie jemals ihr Potenzial voll ausschöpfen können, aber immerhin haben Mayhew/Schwartz erstmals wirklich mit Nachdruck versucht, an diesen beiden großen Baustellen zu arbeiten.

Sämtliche Neueinkäufe plus Draftees dieser Offseason gelten aber immerhin als einwandfreie oder zumindest nicht skandalträchtige Charaktere. Das ist wichtig, nachdem Detroit zum wiederholten Male mit seinem Versuch, die bad boys II aufzubauen, gescheitert ist. Vielleicht wird es also doch noch was.

Frischzellenkur in Jacksonville: Grundsteinlegung

Grundsteinlegung ist das Thema, unter das man die Draftklasse der Jaguars von 2013 einordnen kann. Der erste Draft vom neuen Gespann um die Owner-Familie Khan, GM David Caldwell und Headcoach Gus Bradley litt unter dem Fehlen des so händeringend gesuchten Top-Quarterbacks, aber angesichts der unglücklichen Umstände, dass du dir mit dem zweiten Pick overall eigentlich nix kaufen kannst, gefällt mir das, was Jacksonville so alles unter Dach und Fach brachte, extrem.

OT Luke Joeckel gilt als relativ unspektakulärer, solider Pick, der die Ecken der Offense Line sicherer gestaltet. LT Eugene Monroe, einstiger hoher Pick von 2009, arbeitete sich in den letzten beiden Jahren in die Sphären der besten Pass-Blocker nach vorn, aber sein Vertrag läuft nächsten Winter aus. Behalten die Jags Monroe, dürfte das Tackle-Duo auf Jahre gesichert sein. Geht Monroe, ist zumindest der wichtige Left Tackle in Form von Joeckel bereits im Kader. Wer auch immer nächstes Jahr den Quarterback gibt, er dürfte es hinter einer Offense Line tun, die wenig Raum für Ausreden lässt. Wenn der 2te Draftpick overall erstmal nur als Right Tackle eingeplant ist, kannst du nix anderes schreiben.

Wenn es schon keinen QB gibt, dann verbessere wenigstens neben der Offense Line noch die Anspielstationen: In der vierten Runde kam in WR Ace Saunders ein Prospect für den Slot, in der fünften Runde schoben Caldwell und Co. in einem der interessantesten Moves Denard Robinson nach. Es ist nicht sicher, ob Robinson NFL-fit auf Wide Receiver gebracht werden kann (Stichwort: Routenlaufen und Ball festhalten), aber die Coaches gehören zum Teufel, wenn sie nicht irgendein Einsatzgebiet für den Weltklasseathleten Robinson (als Jungendlicher 10,44sek über 100m) finden. Vielleicht wird er auch ein change of pace-RB. Würzig ist der Pick auch, weil Robinson aus der Gegend stammt (sein Heimatdorf liegt ein paar Kilometer südlich von Jacksonville) und dort immer noch als kleiner Volksheld gilt. Ein WR-Corp aus Justin Blackmon (sofern er nach verpasstem Drogentest nicht rausgeschmissen wird), Cecil Shorts, Saunders und möglicherweise Robinson plus ein halbwegs brauchbarer Tight End in Marcedes Lewis könnte schon NFL-würdig sein.

Die klare Message dürfte in aller erster Linie QB Blaine Gabbert verstanden haben: Die Zeit der Ausreden und des Fingerzeigens auf die Mitspieler ist vorbei. Der lethargische Gabbert, bisher übel gefloppter 1st round pick von 2011, kriegt wohl zumindest noch die ersten Wochen der neuen Saison, um sich zu beweisen. Und immerhin ist Gabbert erst 23, ein Alter, in dem andere Jungs wie ein Tyler Wilson noch am College waren.

Gabbert wird sich erstmal gegen Backup Chad Henne durchsetzen müssen, und in der Hinterhand wartet mit dem ungedrafteten Free Agent-QB Matt Scott ein Junge, auf den QB-Coach Scelfo höchstpersönlich angeblich scharf war: Scelfo war Scotts Coach am College, als Scott dort den Backup für Nick Foles geben durfte. Scott ist technisch unausgegoren, aber wuselig und ein Krieger von Spieler, und es ist nicht ausgeschlossen, dass er ein Jahr Lernzeit im Training kriegt und wir nächstes Jahr nochmal drüber diskutieren, ob aus ihm mittelfristig was werden kann. Der vierte Mann im Quarterback-Bunde ist ebenso UDFA (undrafted rookie free agent) Jordan Rodgers von Vanderbilt. Rodgers? Yup, Aarons Bruder. Mit 25 Lenze schon etwas betagt für einen Rookie, sah aber durchaus NFL-kompatibel in seiner Wurfbewegung aus. Scott und Rodgers könnten sich um den letzten Platz im Roster prügeln.

Jacksonville hat gewiss einen langen Weg zu gehen, aber die Tatsache, dass hier nicht verzweifelt einen Quarterback-Nachfolger für Gabbert abgegriffen wurde, lässt mich hoffen, dass das neue Regime dort die Geduld hat, Caldwell/Bradley erstmal arbeiten zu lassen. Für Gabbert ist es der dritte Trainerstab, sicherlich suboptimal, aber wenn er es jetzt nicht schafft, kannst du den #10-Draftpick guten Gewissens auf die Straße setzen und fast sicher in einem Jahr in den Top-10 startend erneut auf die QB-Jagd gehen. Dann werden auch wieder reifere QB-Prospects erhältlich sein.


In der Defense bekommt Bradley den interessantesten Safety des Jahres: Jonathan Cyprien von Florida International. Ich kenne Cyprien nicht, aber die Scouting-Reports lassen einen enorm dynamischen, kraftvollen Spieler erwarten. Dynamisch? Kraftvoll? Riecht hier irgendwas nach Earl Thomas, Bradleys Super-Safety in Seattle? Cyprien war mit dem 33ten Pick noch zu haben, und glaubt man den Experten, war das ein Schnäppchen für die Jaguars.

In Josh Evans von der nahen University of Florida kam in den späten Runden noch ein weiterer Safety, in Dwayne Gretz und Jeremy Harris in den mittleren und späten Runden zwei Cornerbacks. Bradley bastelt an der Secondary, die schon in Seattle den Kern seiner Abwehr bildete. „Vorne“ scheint es erstmal mit vorhandenem Personal und Scheming weiterzugehen.

Geno Smith und die New York Jets

Die Einberufung von QB Geno Smith mit dem 39ten Pick zu den New York Jets war eine der weitreichendsten Entscheidungen in diesem Draftwochenende 2013. Meine erste Reaktion war „also doch“. Ich war nicht wirklich überrascht, auch wenn jedem sofort bewusst war, wie heikel die Entscheidung der Jets war.

Ma überlege: Geno Smith ist alles andere als ein fertiges Produkt. Die Skill-Player sind selbst nach dem Trade für RB Chris Ivory maximal lauwarm besetzt, die Offense Line ist eher so naaaaaaaja, der Trainerstuhl des Rex Ryan ist schon an zwei Beinen quasi durchgesägt. Oben drauf kommt noch die aggressivste Boulevard-Presse und ein Publikum, dessen Geduld nun zwei Jahre überstrapaziert wurde. Entsprechend schaumgebremst guckte Geno auf der Vorstellungspressekonferenz dann auch aus der Wäsche.

Geno Smiths Einberufung bedeutet auch: Er ist quasi per sofort der beste Quarterback im Jets-Kader. Ob er deswegen auch gleich ins Getümmel geschmissen werden sollte, ist eine andere Frage: Man riskiert, ihn zu verbrennen. OffCoord Marty Mornhinweg ist kein unterirdischer Mann, aber es galt als Konsens, dass Geno als Rookie einige Zeit zum Einlernen brauchen würde. Bloß: Von wem willste lernen?

Weil die Jets Quarterbacks sammeln wie andere Bierdeckel, war Geno Smith der sechste Quarterback im Jets-Kader. Wir sind mittlerweile bei fünf, da Tebow wie lange erwartet am Montag gefeuert wurde. Der Tebow-Einkauf letztes Jahr wird ein Mysterium bleiben, der letzte oder vorletzte Bock des ehemaligen GMs Tannenbaum. Tebows Entlassung kostet 1.5 Mio. Cap-Penalty, spart aber insgesamt 1 Mio. Platz unter der Cap ein (Tebow schreibt momentan zirka 2.5M an). Auch Matt Simms können wir als sicheren Streichkandidaten eintragen.

Vielleicht kann David Garrard als Art Mentor fungieren. Garrard geht auf die 40 zu und hat seit gut drei Jahren nicht mehr gespielt. Wenn schon Mentor, kann der Mann auch gleich einen auf Assistenzcoach geben und als solcher eingestellt werden. Greg McElroy ist noch jung und zwar blass, aber keinesfalls so unterirdisch, dass man ihn unbedingt rausschmeißen möchte. McElroys Entlassung käme aber praktisch gratis (nur 32k Cap-Penalty).

Bleibt The Sanchize, Mark Sanchez, der nach vier Jahren Stagnation als komplett verhasst in der Anhängerschaft gilt. Seine Vorstellungen schreien seit zweieinhalb Jahren nach „entlasse! Entlasse!“, aber weil ihm Tannenbaum letztes Jahr einen Deal aufsetzte, wie ihn nur ein Wahnsinniger ausschreiben kann, ist Sanchez nicht schlecht gegen den Rauswurf versichert: Er schreibt 2013/14 mit 12 Mio. Dollar unter der Salary Cap an – ein Wahnsinnspreis, aber nix gegen die Kosten, die seine Entlassung noch vor der Saison kosten würde: Die dead money würde 17 Mio. betragen, also mehr als Sanchez‘ Gehalt!

Jedem ist klar, dass Sanchez nicht die Zukunft ist. Bisher war man davon ausgegangen, dass er aufgrund des idiotischen Vertrags aber zumindest noch eine Saison überleben würde. Nach Geno Smiths Einberufung sind Zweifel angebracht: Sanchez muss sich trotz der dead money-Absicherung Sorgen machen um seine Jobsicherheit. Ein Rauswurf wäre der beste Move für die Jets.

Am günstigsten wäre eine Abschreibung noch vor dem 1. Juni, also keine Verschiffung von dead money in die nächste Saison. Die Jets würden eine Saison 2013/14 in der Hölle durchleben, aber sie hätten in einem Jahr millionenweise Platz unter der Salary Cap (locker 40-50 Mio.) – ausreichend Platz um einen Neustart zu iniziieren, ob mit oder ohne einen Head Coach Rex Ryan.


Ich sehe den Jets-Pick für Geno Smith optimistischer als andere Beobachter. Alle waren der Meinung, dass Smith die Voraussetzungen hat, eine Franchise zu führen, dass er aber Zeit brauche und man von ihm keine Luck’schen Wunderdinge erwarten dürfe. Die Jets verbrannten keine wertvollen hohen Draftpicks für die Wundertüte Geno, sondern den relativ risikofreien Pick in der zweiten Runde. Das ist insofern wichtig, da es immerhin finanziell und medial deutlich weniger heikel ist, einen Quarterback aus der zweiten Runde zu bekommen. Freilich wäre das Jahr Einlernzeit für Geno der beste Fall, aber sofern man nächstes Jahr durchstarten möchte, sollte man Sanchez entlassen und mit dem Rookie Geno in die Saison gehen. Die Offense kann eh nicht mehr unterirdischer werden und wenn alle Stricke reißen, wartet nächstes Jahr eine interessantere Quarterback-Gruppe in den Top-10.