NFL in Reinform: Pittsburgh Steelers – Baltimore Ravens 2015 im Rückspiegel

Pittsburgh Steelers gegen Baltimore Ravens – eine faszinierendes Divisionsduell seit vielen Jahren. Auch diesmal wieder mit dezent dramatisch angehauchter Tonalität. Weiterlesen

NFL-Sonntagsvorschauer 2013, Week 10: die 19.00-Uhr-Spiele

[Update, So 12h36] Ich habe unten dran den Sendeplan ergänzt. – korsakoff [/Update]


[Danke an die vielen Gratulanten von gestern und auch nochmal ein großes Danke an korsakoff für den Spielplatz, den Du mir hier immer noch zur Verfügung stellt!]

Um 19.00 Uhr werden die New York Giants (2-6) die Oakland Raiders (3-5) aus den Meadowlands schießen und damit weiterhin so tun, als könnten sie tatsächlich noch nach einem 0-6-Start in die Saison ihre Division gewinnen (nur 2,5 Spiele Rückstand auf Dallas). Daneben versuchen die Falken in Atlanta (2 Siege, 6 Niederlagen, 20 Verletzte) den Seeadlern aus Seattle (8 Siege, 1 Niederlage mit 1/2 Kraft) ein Bein zu stellen. Vergebens. Seattle spielt wie ein Super-Bowl-Sieger: Locker anrollen und häßlich gewinnen im Spätsommer; langsam warm laufen im Herbst und dann mit durchdrehenden Rädern im Januar erschöpfte Gegner überfahren. Neben diesen beiden Spielen versuchen zur europäischen Abendbrotzeit drei Divisionen, jetzt endlich mal ihre Hackordnung festzulegen.

AFC North

Cincinnati Bengals (6-3) @ Baltimores Ravens (3-5)
Buffalo Bills (3-6) @ Pittsburgh Steelers (2-6)
Cleveland Browns (4-5): BYE

Record /DivGames

  1. Cincinnati 6-3 / 1-1
  2. Cleveland 4-5 / 2-1
  3. Baltimore 3-5 / 1-2
  4. Pittsburgh 2-6 / 1-1

Die NFC East ist ja bekanntlich die Lachnummer dieser Saison, aber spätestens seit fast alle Pro Bowler der harten Bengals-D im Lazarett sind, mischt auch die AFC North kräftig im Bodensatz mit. Cincinnati (6-3) ist hier zwar ziemlich deutlich die stärkste Mannschaft, aber ohne ihre beiden Superstars DT Geno Atkins und CB Leon Hall sind sie erst mal eine Stufe unterhalb von großartig. Mit den Baltimore Ravens (3-5), die letzte Woche in Cleveland verloren haben, bekommen sie jetzt zum Glück erst mal einen Aufbaugegner vor dir Flinte. Baltimores Angriff stottert so vor sich hin. Ausgangspunkt des ganzen Elends ist – wie so oft – die Offensive Line. Verletzte (Guard Osemele), mitten in der Saison neu gekommene Starter (LT Monroe) und ein Center in seinem ersten Jahr als Starter (Gradkowski) sind zu viele Schwachstellen. Darunter leidet das Laufspiel (70 Yards/Spiel, 2,8Yds/carry; oder ist Ray Rice jetzt schon zu alt?) und darunter leidet der Quarterback, der dieses Jahr schon 25 Mal gesackt wurde. Joe Flacco leidet außerdem unter dem Fehlen von zwei sicheren Notfalloptionen. WR Anquan Boldin und TE Dennis Pitta können von UDFA Marlon Brown und Opa Dallas Clark nicht ersetzt werden. Die große Schwachstelle, die O-Line, wird auch gegen Cincy der Knackpunkt sein. Denn auch wenn Atkins verletzt fehlt, sind mit Michael Johnson, Carlos Dunlap und mit Abstrichen und Wallace Gilberry und Margus Hunt noch genügend QB-Jäger dabei, die Flaccos Rübe zum Klingeln bringen werden. Vor allem ist dieses Spiel die Möglichkeit für QB Andy Dalton, ein Ausrufezeichen zu setzen und deutlich zu machen, wem jetzt die AFC gehört. Die Bengals sollten es nicht unnötig spannend machen.

Die Pittsburgh Steelers (2-6) warten nur auf so einen Durchhänger. Die Steelers spielen zwar immer besser, aber sie verlieren trotzdem. Mal durch dämliche Ballverluste, mal durch verschossene kurze Field Goals und mal, weil sie zufällig in Tom Bradys „I´m-not-done-yet-game“ geraten sind. Jetzt kommt ein Rookie-QB direkt aus der Reha ins Heinz Field. Das ist die perfekte Möglichkeit für ihr eigenes „we´re-not-done-yet-game„. Zu spät? Pittsburgh hat nur 2,5 Spiele Rückstand auf eine Wild Card. Diese Wild Card hätten im Moment die New York Jets. Ohne Scheiß.

AFC South

St. Louis Rams (3-6) @ Indianapolis Colts (6-2)
Jacksonville Jaguars (0-8) @ Tennessee Titans (4-4)
[22.25Uhr: Houston Texans (2-6) @ Arizona Cardinals (4-4)]

Record /DivGames

  1. Indianapolis 6-2 / 2-0
  2. Tennessee 4-4 / 0-1
  3. Houston 2-6 / 1-1
  4. Jacksonville 0-8 / 0-1

Gar nur ein halbes Spiel hinter Gang Green sind die Tennessee Titans (4-4). Ich hab keine Ahnung, wie diese Titans einzuschätzen sind. DC Gregg Williams blitzt wie eh und je. Und auf der anderen Seite versucht sich QB Jake Locker semi-erfolgreich daran, ein richtiger NFL-QB zu werden. Da Tennessee diese Woche die Jacksonville Jaguars (0-8) empfängt, wird man nicht sehen können, wo sie wirklich stehen. Der Lackmustest kommt dann am Donnerstag gegen Indy.

Die Indianapolis Colts (6-2) spielen geradezu grotesk über ihre Verhältnisse. Mit Seattle, San Francisco, Denver und Houston haben sie schon vier Mannschaften geschlagen, die letztes Jahr in der zweiten Playoff-Runde waren. Der Hauptgrund dafür ist natürlich Wunderkind Andrew Luck. Auch ohne Reggie Wayne (und Dwayne Allen) hat er letzte Woche einen 3-21-Rückstand zur Halbzeit noch gedreht. Immer besser wird dabei auch die Verteidigung. Diese lebt hauptsächlich von DE Robert Mathis, der die Saison seines Lebens spielt. CB Vontae Davis und der schnelle LB Jerrell Freeman haben auch immer wieder lichte Momente und wenn auf der anderen Seite eben Luck steht, reicht das aus. Luck muß nur aufpassen, daß er sich nicht verletzt mit seinem wilden Spielstil gegen zwei kreuzgefährliche pass rushers in Robert Quinn und Chris Long. Solange er nicht mit einer Gehirnerschütterung raus muß, sollten Kellen Clemens & Co hier keine Gefahr darstellen.

Houston (2-6) spielt dann später am Abend noch in Arizona (4-4). Eine der gefährlichsten Verteidigungen bekommt zum Spielen einen kleinen Quarterback in seinem dreitten Start zum Fraß vorgeworfen. Jener Case Keenum war bisher aber nicht nur sehr unterhaltsam, sondern richtig effektiv. Der QB auf der anderen Seite, Carson Palmer, ist alles andere als effektiv. Das wird eine aggressive Verteidigungsschlacht: JJ Watt, Calais Campbell, Daryl Washington und mittendrin der Honey Badger – spektakuläre Plays sind hier garantiert.

NFC North

Detroit Lions (5-3) @ Chicago Bears (5-3)
Philadelphia Eagles (4-5) @ Green Bay Packers (5-3)
[bereits Donnerstag: Minnesota Vikings 34, Washington Redskins 27]

Record /DivGames

  1. Chicago 5-3 / 2-1
  2. Detroit 5-3 / 2-1
  3. Green Bay 5-3 /2-1
  4. Minnesota 2-7 / 0-3

In der NFC North haben wir plötzlich eine völlig neue Spielsituation. QB Aaron Rodgers hat sich im Monday Night Game das Schlüsselbein gebrochen und fällt für mehrere Wochen aus. Er wird vorerst vertreten von Seneca Wallace, der nicht mal im Trainings Camp war. Alle Welt wartet natürlich darauf, daß die Green Bay Packers (5-3) jetzt den arbeitlosen Matt Flynn wieder verpflichten (in seinem letzten Spiel für GB, 2011: 480 Yards, 6 TDs), aber mindestens diesen Sonntag bekommt nochmal Wallce eine Chance. Erleichtert wird Wallace die Sache immerhin von einem immer besser werden Laufspiel. Am Montag gegen die Bears waren es 200 Yards auf dem Boden. Heute Abend gegen die wilden Vögel aus Philadelphia ist alles möglich. Letzte Woche hat Nick Foles sieben Touchdowns geworfen; in den zwei Wochen zuvor hat die gesamte Offense nur drei Punkte gemacht.

Wenn die Cheeseheads Glück haben mit ein paar big plays und Fumbles, die zufällig in die eigenen Hände springen, sind die Playoffs gar nicht so fürchterlich weit weg. Ebenfalls um eins spielen die Detroit Lions (5-3) im Soldier Field bei den Chicago Bears (5-3). Diese haben besagtes Monday Night Game mit Josh McCown gewonnen, der richtig anständig ausssah (auch weil bei den Packers nicht nur der QB, sondern auch etliche Verteidiger verletzt fehlten). McCown mußte Jay Cutler vertreten – die Black&Blue-Division wird diese Saison ihrem Namen mehr als gerecht. Wahrscheinlich ist Cutler heute wieder am Start, aber wichtiger für den Angriff sind die beiden WRs Brandon Marshall und Alshon Jeffrey, die eher die Figur eines Tight Ends haben. In Kombination mit ihrem TE Martellus Bennett, der die Figur eines dicken Defensive Ends hat, bieten die Bears ein wirklich furchteinfößendes Trio (zusammen 130 catches für fast 1700 Yards auf fast sechs Metern Körperlänge und 330kg), das jede Secondary körperlich überragt. Matt Forte hat nun auch schon 1000 yards from scrimmage.

Es ist beeindruckend, wie der neue HC Marc Trestman die Puzzleteile so zusammengefügt hat, daß bei den Bears das erste Mal seit Jahren die Offense die Defense mitschleppt – und nicht andersrum. Dieser Haufen ist mittlerweile unter aller Kanone (schlechteste Mannschaft nach passing yards/attempt, 24. nach rushing yards/attempt), was nur manchmal noch von den vielen provozierten Ballverlusten kaschiert wird. In Woche vier haben die Lions den Bears 400 Yards und 40 Punkte eingeschenkt. Nichts spricht dafür, daß es heute abend gegen Megatron und seinen Raketenwerfer Stafford weniger werden. Detroits Verteidigung ist auch über kaum einen Zweifel erhaben, aber mit dem wiederbelebten Reggie Bush und den beiden 2-Meter-Männern Kris Durham und Joseph Fauria (bei keinem anderen Spiel laufen so viele so große skill players rum) neben Megatron kann Detroit jeden shoot-out gewinnen. Mit Rodgers´ Verletzung ist die NFC North wieder sperrangelweit offen – jetzt muß nur noch jemand zugreifen.

Nachtrag – der Sendeplan

SPORT 1 US mit folgendem Plan:

19h    Chicago Bears - Detroit Lions
19h    Baltimore Ravens - Cincinnati Bengals (*)
22h05  San Francisco 49ers - Carolina Panthers
22h25  Arizona Cardinals - Houston Texans (*)
02h25  New Orleans Saints - Dallas Cowboys

PULS4 bringt diesmal in Österreich ab 22h35 die Partie San Francisco – Carolina; der Gamepass ist erneut für eine Woche gratis abonnierbar. Nicht vergessen, dass bei Gratis-Registrierung eine Kündigung vor 15.11.2013 erfolgen muss, oder die Gebühr wird doch eingehoben.

Cleveland Browns in der Sezierstunde

Teil 2 der Gastautoren-Woche. Diesmal dran: Der uns schon von den Miami Dolphins bekannte Herrmann von Vier Viertel plus Nachspielzeit, der das daß vehement gegen das dass verteidigt. Viel Vergnügen.

mike holmgren browns

Dauergriesgram Mike Holmgren - ©HDEX

Und am Ende stand für die Browns dann doch ein großer Umbruch. Mal wieder. Nach nur zwei Jahren hat das Regime Eric Mangini sein Ende gefunden.  Das „Mangenius“  ergeht sich nun erstmal in einem Sabbatical während für seinen Defensive Coordinator Rob Ryan (in gleicher Position bei den Dallas Cowboys) und seinen Offensive Coordinator Brian Daboll (in gleicher Position bei den Miami Dolphins; warum auch immer) neue Aufgaben warten. Es ist nicht so, daß Mangini mit seinem Staff furchtbar schlechte Arbeit abgeliefert hätte, aber unterm Strich waren es in zwei Spielzeiten nur 10 Siege und jetzt will anscheinend der 2010 angeheuerte Team President Mike Holmgren, der Manginis Gruppe übernommen hatte, alle wichtige Position mit seinen Leuten besetzen.

Umbau

Aus St. Louis hat Holmgren sich den Offensive Coordinator Pat Shurmur geangelt und ihm den Cheftrainerposten übertragen. Der Plan hinter dieser Verpflichtung scheint klar zu sein: Holmgren will das System,  in dem er seine ganze Karriere verbracht hat, auch in Cleveland installieren – die West Coast Offense.  Shurmur scheint dafür die Idealbesetzung zu sein. Von 1999 bis 2008 war er Quarterbacks Coach bei den Philadelphia Eagles, wo er die West Coast Offense unter Head Coach Andy Reid von der Pike auf lernte. Nicht ganz zufällig hat Reid selber das System bei den Green Bay Packers aufgesogen – unter dem HC Mike Holmgren. Der Fokus liegt also auf der Offense.

Secondary

Die Defense war auch nicht das Riesenproblem. Prunkstück war die Secondary mit den beiden soliden Cornerbacks Sheldon Brown und Eric Wright. Letzterer hat im November seinen Platz in der Startelf an 1st-round pick Joe Haden verloren – der eine Offenbarung war.  Den junge Mann von der University von Florida hat sich mit Wide Receivern wie Mike Sims-Walker, Brandon Marshall, Steve Smith (Carolina) , T.O.cho und Mike Wallace auf Augenhöhe gemessen. 

Was in der Pass-D schmerzlich vermißt wurde, war ein aggressiver Pass Rusher. In Teilen konnte das durch die komplexen Systeme und Blitzes von Rob „ich bin auch ein Verteidigungsgenie wie Rex“ Ryan wettgemacht werden. Im Laufe der Saison gaben die Browns nur drei Mal mehr als 300 Yards durch die Luft ab: bei den beiden Siegen gegen die Bengals (Woche 4) und gegen die Saints (Woche 7) sowie im letzten, völlig lustlosen Auftritt im Dawg Pound gegen die Steelers.  Vor allem dieser Part der Defense hat Ryan seinen neuen lukrativen Posten bei den Cowboys beschert.

Lauf-D

Sehr mäßig dagegen war die Arbeit gegen den Lauf.  Anstelle einer Festung hatte man dort nur eine Sandburg.  Lediglich dreimal hielt man den Gegner unter 100 Yards, darunter waren auch die beiden Siege gegen Cincinnati und New England. Ansonsten konnten die Gegner die gute Secondary getrost ignorieren, weil man problemlos ein 1st Down nach dem andern erlief.  Der riesige – und mittlerweile alte – Shaun Rogers schickte an seiner statt immer nur eine schwächliche Kopie des alten Rogers aufs Feld, der talentierte DT Ahtyba Rubin muß unbedingt DT in einer 4-3-D spielen und nicht Nose Tackle in einer 34 und auch die beiden DEs Schaefering und Coleman sind in einer 3-man-front Fehlbesetzungen. Die LBs Eric Barton, Chris Gocong und Matt Roth sind gut, aber in einer Division mit Pittsburgh und Baltimore reichen nur „gute“ LBs nicht aus.

In der Front Seven herrscht dringender Verbesserungsbedarf. Immerhin wird unter dem neuen DC Dick Jauron, der schon seit gefühlt 1000 Jahren in der NFL coacht, wieder auf die 4-Mann-Linie umgestellt, in welche die meisten Spieler wahrscheinlich besser passen werden.

Offense

Wenn man aber Spiele verliert, in denen die Defense sechs Ballverluste verursacht ( in Jacksonville), die gegnerische Mannschaft nur 17 Punkte macht (in Tampa Bay), 16 (gegen Kansas City),  19 (in Cincinnati) oder gar nur 13 (in Buffalo), dann merkt man sehr schnell, daß die Offense die große Problemzone ist.  Gelitten hat der Angriff unter chronischer Eindimensionalität, Kreativlosigkeit, Ballverlusten, den vielen Wechseln auf der Quarterback-Position und Verletzungspech.

Quarterbacks

Weil der Fisch ja bekanntlich immer vom Kopfe her stinkt, zuerst zur Spielmacherposition. Aus nicht erfindlichen Gründen haben die Browns vor der Saison Jake „Turnover“ Delhomme für $7 Millionen verpflichtet; zusammen mit den $12,7 Millionen, welche die Panthers ihm noch schuldeten, aber gerne berappten, um ihn loszuwerden, summierte sich Delhommes Einkommen für die Saison 2010 auf fast $20 Millionen.  Am Ende hat er nur die Erwartungen in Sachen Interceptions erfüllt – sieben in fünf Spielen .

Colt McCoy

Noch etwas grün, aber mutig: Ex-Longhorn Colt McCoy - ©Wikipedia

Weil er sich aber gleich im ersten Spiel verletzt hatte,  durfte sich zwischendurch  Seneca Wallace, vor der Saison von Holmgrens ehemaligem Brötchengeber Seattle Seahawks gekommen, für vier Spiele als Starting-QB  versuchen.  Ab Woche 6, nach Verletzung von Wallace, durfte dann auch mal Rookie Colt McCoy als Starter ran. McCoys ersten vier NFL-Starts waren gegen die Kaliber Pittsburgh, New Orleans, New England und die NY Jets. Nach vier Niederlagen in den ersten fünf Spielen war es dann doch überraschend, daß Cleveland von diesen vier Spielen zwei, gegen die Saints und Patriots, gewinnen konnten und es gegen die Jets dann immerhin in die Overtime schafften.

Anschließend hat sich dann aber auch McCoy am Knöchel verletzt, wie vorher schon die anderen beiden QBs. So hat Delhomme nochmal für sein Geld gearbeitet, bevor McCoy in den letzten drei Spielen der Saison wieder das Zepter in die Hand bekommen hat. McCoy war nicht überragend, aber er hat immerhin oft genug so gut ausgesehen, daß die Browns mit ihm als Starter in die nächste Saison ziehen sollten.

Zurück in Holmgrens Zukunft?

peyton hillis

Neuer Browns-Star: Peyton Hillis, ex-Broncos - ©Flickr

Durch die Instabilität und durch das ikarusgleiche Aufsteigen von Running Back Peyton Hillis hat man die Offensivstrategie um das Laufspiel herum aufgebaut. Hillis kam vor der Saison im Tausch für ein Paar Schuhe und einen Satz Turnhosen aus Denver, wo man meinte, auf seine Talente verzichten zu können.  Der ehemalige Fullback mit seinem bulligen Körper hat für alle Beteiligten und Beobachter völlig überraschend gespielt wie Brandon Jacobs in den Träumen aller Giants-Fans. Er rennt Verteidiger einfach über den Haufen, trampelt über sie hinweg und schubst seine Gegner aus dem Weg als wäre er der Linebacker, und nicht der arme Typ, der versucht, ihn zu tacklen.

Daß so eine Leistung auch in Cleveland niemand erwartet hätte, verdeutlicht die Verpflichtung Montario Hardestys, der letztes Jahr in der zweiten Runde gedraftet wurde, um den Feature-Back zu geben. Nur hat dieser sich leider verletzt und konnte nicht einen Snap spielen.

Jetzt ganz plötzlich sieht es aus, als hätte der Weltgeist (oder Holmgren) ein Bild gemalt – und die Vorlage waren die San Francisco 49ers der 80er Jahre. Im Backfield  hat man zwei Brecher, die sowhohl laufen, überlaufen und fangen können (Hillis hatte neben seinen 1177 Rushing Yards auch 61 Receptions für 477 Yards) mit Hillis und Hardesty (Roger Craig und Tom Rathman), der Quarterback ist ein wenig zu klein geratener 3rd-round Pick, der für die West Coast Offense geschaffen wurde mit Colt MCCoy (Joe Montana) und eine O-Line die zumindest auf der linken Seite junge hervorragende Leute hat mit Left Tackle Joe Thomas,  LG Eric Steinbach und C Alex Mack.

Dazu kommt der neue HC Pat Shurmur aus der West-Coast-Schule Andy Reids, der sein Handwerk bei Mike Holmgren gelernt hat, der, genau, seine Ausbildung in den 80ern bei den 49ers genossen hat. So schließt sich der Kreis. Was fehlt ist Stabilität auf der rechten Seite der Linie und mindestens ein großartiger Wide Receiver, es muß nicht gleich ein Jerry Rice sein, ein Dwight Clark würde für den Anfang reichen.

Achterbahn

Wir sind, bis auf kurze Einschübe, gar nicht auf die Spiele an sich eingegangen.  Man kann die Saison 2010 der Browns dreiteilen.  In den ersten sechs Wochen gewann Manginis Truppe nur ein Spiel; die Offense produzierte mehr Turnovers (12) als Touchdowns (10).  Nach diesem 1-5-Start war die Saison im Grunde schon wieder zu Ende. Cleveland aber rappelte sich auf und gewann nacheinander in New Orleans und gegen New England.  In der darauffolgenden Woche kämpfte man die Jets bin die Verlängerung,  die leider in die Hose ging bevor man einen Sonntag später gegen Jacksonville ein unerklärliches Spiel verschenkte:  die Defense sorgte für sechs Turnovers plus einen Fumble-Return-TD, aber die Offense wußte damit nichts anzufangen und die Jags siegten 24-20.

Mittlerweile sahen die Braunen aus Ohio wie ein richtiges Team aus, eines mit schwächlicher Offense zwar, aber man konnte gegen alle Kontrahenten mithalten und nach Erfolgen gegen Carolina und Miami hatte man vier der letzten sechs Spiele gewonnen.  Den dritten Teil der Saison bildeten dann aber vier Schlappen in Folge, zuerst ein peinliches 6-13 in Buffalo, danach gegen die drei Divisionsrivalen Bengals, Ravens und Steelers. In diesen vier Matches schafften es nur 42 Punkte auf die Anzeigetafel.

Aussichten

Der Entwicklungsprozeß von Colt McCoy, der seiner jungen Receiver Brian Robiskie, Mohamed Massaquoi und des 2,01m großen TE Evan Moore sowie das Einsteigen des letztjährigen 2nd-round pick RB Montario Hardesty, sollte unter der neuen Offensivphilosophie von Cheftrainer Pat Shurmur deutlich besser werden. Wenn dann auch noch Allzweckwaffe Joshua Cribbs besser eingebunden wird, ist Clevelands Angriff auf einem gutenWeg. Das einzig große Manko ist der fehlende Deep Threat und No.1-WR.

Zuallererst braucht man aber Beef für die D-Line, die unter dem neuen Defensive Coordinator Dick Jauron wieder zu viert auftreten wird, nachdem man unter Rob Ryan vorne mit der 34 stand. So verlockend es auch ist, mit dem sechsten Pick der Draft die Talente A.J. Green oder  Julio Joners zu draften, sollte man einen 4-3-DE wie Robert Quinn draften oder Marcell Dareus beziehungsweise Nick Fairley picken, so sie denn noch verfügbar sind.  Später, ab Runde zwei, muß man sich dann um einen WR, einen LB  und Verstärkung für die rechte Seite der O-Line kümmern.  Die Browns können nächstes Jahr dann durchaus bis November oder Dezember um die Playoff-Plätze mitspielen, nur für den großen Erfolg reicht das Spielermaterial noch nicht aus. Aber das Fundament ist gelegt.

Weitere Sezierstunden: Hier entlang.

Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

Rashard Mendenhall RB Steelers NFL

Rashard Mendenhall - ©Wikipedia

Es war eine merkwürdige Saison für die Pittsburgh Steelers. Zuerst musste man auf QB Ben Roethlisberger verzichten, dann kam die Offense nicht in Gang, dann floppte die Defense – und am Ende stand man trotz einer heiß/kalten Post Season in der Super Bowl. Die wurde dann verloren. Obwohl sie eigentlich locker „gewinnbar“ gewesen wäre.

Problem der Steelers 2010/11: Sie waren nicht beständig. Sie waren Sekundengenies. Eine Mannschaft, die pro Spiel erst drei Momentum Changes überstehen musste, ehe es am Ende zwei Kilo Eier in Head Coach Mike Tomlins Unterhosen brauchte, um das Spiel zu drehen oder einen Vorsprung über die Zeit zu wursteln.

Die Offense von Bruce Arians

Es ist eine Offense, die nicht Spektakel veranstaltet, sondern rational, effizient arbeiten möchte. Basierend auf Laufspiel möchte man QB Big Ben Roethlisberger Gestaltungsmöglichkeiten im Passspiel geben und Roethlisbergers Fähigkeit zur Improvisation nutzen.

Problem: Dadurch, dass die Offensive Line seit Jahren stiefmütterlich behandelt wird, werden gleich die ersten paar Prozent Effizienz abgezogen. Mit C Maurkice Pouncey hat man die Mitte gestärkt, aber alles drum herum ist und bleibt Stückwerk. Pittsburgh kann IMHO Verstärkungen bei Guards und Tackles brauchen. Treppenwitz wäre natürlich eine Draft-Verpflichtung von G Mike Pouncey, Maurkices Bruder.

Der Running Back heißt Rashard Mendenhall. Er ist als Arbeitstier gedacht. Mendenhall ist allerdings sehr eindimensional und kein guter Fänger. Irgendwann wird ein vielseitigerer Back eingekauft werden müssen. Priorität aber vorerst (noch) nicht allzu hoch.

Die Passempfänger sind gut aufgestellt. Roethlisberger verfügt über einen ausbalancierten Mix aus kräftigen Receivers und Tight Ends sowie pfeilschnellen Leuten und guten Blockern. Von Running-Back-Seite ist Mewelde Moore der Mann, der in Pass-Situationen eingesetzt wird (der aber kein zuverlässiger Rusher ist). Ich sehe den enttäuschenden Limas Sweed kurz vor der Entlassung. Sweeds Bilanz in drei Jahren: 7 Catches, 69yds, 1 Fumble. Auch der eisenharte Hines Ward wird nicht jünger und wird immer häufiger von Wehwehchen gezwickt – Weltsensation, bei so einem Spielstil.

Die Defense von Dick LeBeau

Das Prunkstück der Steelers. Es ist eine Defense, die sich durch gnadenlosen Zug zum Quarterback auszeichnet, vielseitig blitzend und mit einigen der spektakulärsten Spieler auf allen Positionen topp aufgestellt. Auf fast allen.

Die Cornerbacks gelten seit Jahren als nicht höchsten Ansprüchen genügend. Entweder via Draft oder Free Agency wird ein Starting-CB gesucht werden. Steelers-Philosophie hieße „via Draft“.

Dazu könnte die eine oder andere Gelegenheit genützt werden, einen Verjüngungsprozess einzuleiten. NT Casey Hampton wird 34, OLB James Harrison ist auch schon 33 und ILB James Farrior sogar auf dem Sprung zum 36. Geburtstag. Das sind drei Schlüsselspieler, die nicht mehr allzu lange auf höchstem Niveau spielen können. Es riecht nach Frischzellenkur am zweiten oder dritten Tag im Draft. Stichwort: Langsames Heranführen an den Kader.

Ausblick

Die Mannschaft braucht dringend bessere Offensive Line. Für mich liegt darin der Schlüssel für mehr Balance und folglich den Erfolg. Mike Tomlin wird sich gewiss in dieser Hinsicht bewegen. Deswegen wird Pittsburgh auch im Rennen um Divisionssieg und Superbowl bleiben, trotz der aufkommenden divisionsinternen Konkurrenz.

Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Die testosterongeschwängerten Ravens sollten IMHO enttäuscht sein mit ihrer Saison. Potenziell hat John Harbaugh da einen Superbowl-Champ beisammen, der seit drei Jahren stets anklopft, aber nie reingelassen wird. So auch heuer. 14-Punkte-Führung IN Pittsburgh, nur um am Ende völlig uncharakteristisch einzugehen und das Spiel noch abzuschenken.

Joe Cool

Baltimore Ravens Joe Flacco

Joe Flacco - ©Flickr

Alle Ingredienzien für einen Durchmarsch in die Super Bowl sind gegeben: Bomben-Defense, ausbalancierte Offense, ein Quarterback, der hohen Ansprüchen genügt, ein geduldiges Umfeld und loyale Fans und ein junger, brillanter Head Coach.

Schlüsselstelle für die, die genau lesen: Das Attribut für den Quarterback wird nur im Positiv benutzt. Joe Flacco. Ich bin noch nicht restlos von Flacco überzeugt. Ich meine, Flacco ist ein vortrefflicher QB, macht fast keine Fehler und gehört schon nach dem dritten Jahr (!!) zu den erfolgreichsten Quarterbacks in der Playoffgeschichte, wenn es um Auswärtsspiele geht.

Aber das allerletzte Quäntchen Überzeugungskraft fehlt bei Flacco – noch. Flacco ist noch ausgesprochen jung und hat noch Zeit zum Reifen. Allerdings könnte es bis dahin zu spät sein, da die Defense altert und die Mannschaft zu den teureren der Liga gehören sollte.

Für Unruhe sorgte auch der Fakt, dass die Ravens QB-Coach Jim Zorn rausgeschmissen haben. Flacco selbst kritisierte öffentlich den überraschenden Move des Managements. Zorn mag ein verheerender Head Coach gewesen sein. Als Positionstrainer genießt der Mann prinzipiell einen exzellenten Ruf – Matt Cassell und die Chiefs wird es freuen.

Die Offense

Flacco hatte in den Playoffs aber auch wenig Hilfe von seinen Wide Receivers – zumindest im Pittsburgh-Spiel. Dabei hatte man extra Anquan Boldin und T.J. Houshmanzadeh eingekauft, um Flacco noch mehr Waffen zu geben. Nach dem Steelers-Spiel meinte ein Analyst, Baltimore könnte dringend einen blitzschnellen Receiver gebrauchen, um eine Defense im Notfall auseinanderziehen zu können. Macht Sinn. Houshmanzadeh und der alte Stallworth sind Free Agents.

Baltimores Offenses ist vieles, aber sie ist nicht explosiv. Irgendwo ein Sprinter für die tiefen Routen zu finden? Sidney Rice, anyone?

Die Offensive Line könnte auf der rechten Seite Abgänge verzeichnen: Wenn ich das recht überblicke, sind RG Chris Chester und RT Marshal Yanda Free Agents. Yanda war mehrfach Objekt von Kritik.

Die Defense

Eine potenzielle Sollbruchstelle tut sich in der Secondary auf. Die CBs Chris Carr, Fabian Washington und Josh Wilson haben auslaufende Verträge. Jeder für sich ist kein schlimmer Verlust, aber die drei Top-CBs (neben Ladarius Webb) auf einmal womöglich zu verlieren, könnte heftig sein. Wenig hilfreich ist auch, dass Superstar-Safety Ed Reed seit Jahren verletzungsanfälliger wird und schon mehrfach mit Rücktritt kokettiert hat.

Der Rest der Defense gehört zum Feinsten (bzw. Heftigsten), was die NFL aufzubieten hat – wäre da nicht das Alter. MLB Ray Lewis wird heuer 36 und schön langsam sollte man daran denken, einen Nachfolger für die scheinbar zeitlose Legende Lewis aufzubauen. Irgendwann wird aber auch Lewis das Alter merken. Für Baltimore ein doppelter Verlust: Top-Spieler und über alles erhabener Leadertyp.

In der Defensive Line hat NT Haloti Ngata die Franchise Tag bekommen. Die Ends sind während der Übertragungen immer mal wieder kritisiert worden. Ich hätte dazu nicht viel Grund gesehen. Notfalls kann man den dicklichen NT Terrance Cody in die Mitte stellen und Ngata zum End mutieren lassen.

Was tun?

Offense und Defense bereiten in Baltimore eine bärenstarke Basis. Am Ende hängt es an Joe Flacco, die Mannschaft von „bärenstark“ zu „Champion“ zu machen. Baltimore gehört für mich auf alle Fälle zu den 2-3 engsten Titelfavoriten. Schon jetzt. Bevor mit Ozzie Newsome einer der anerkannt besten Draft-Strategen Hand anlegt beim Verbessern des Kaders.

Baltimore Ravens – early favourite to win (at least) the division, würden die Amerikaner sagen.

Zu weiteren Sezierstunde-Ausgabern geht es an dieser Stelle, oder unter dem Tag Sezierstunde.