NFL-Franchises im Kurzporträt, #16: San Diego Chargers

Pleiten, Pech und Pannen unter Palmen… oder so. Ein paar der größten Spieler aller Zeiten haben in San Diego gewirkt. Erfolge hat die Franchise indes kaum vorzuweisen.

Erste Stromschläge

Gegründet 1959 als Los Angeles Chargers, ist die Franchise schnell nach San Diego runtergezogen und spielte fortan ein Jahrzehnt in der American Football League. Einmal reichte es dabei sogar zum Titel – 1963 in einem lächerlichen Endspielkantersieg über New England. Allerdings waren die „Football unter Palmen“-Chargers schon immer eher die Schönwetterspieler und absolvierten immer periodisch eine gute und dann wieder 2-3 schlechte Jahre.

Die Jahre von „Air Coryell“

Ab Mitte der 70er quarterbackte der Kalifornier Dan Fouts die Chargers und mit Beginn der 80er war man ein hoch respektiertes Team, das allerdings zweimal das AFC-Finale verlor. Diese Jahre sind in den NFL-Annalen als die Jahre der spektakulären, vertikalen Offense „Air Coryell“ verankert, eine für die damalige Zeit revolutionäre Offense mit starker Einbindung des Tight Ends Kellen Winslow sr. – Vorläufer der von Joe Gibbs, Norv Turner oder Mike Martz veranstalteten Angriffsspektakel.

Vor allem die 81er-Mannschaft lieferte zwei ganz nette Anekdoten für die Footballhistorie – zuerst mit einer gewonnenen, spektakulären Offensivschlacht in Miami. Und dann mit dem AFC-Finale.

Es war ein lauer Vorfühlingstag bitterbitterkalter Abend in Cincinnati, so kalt, ich höre Echo des klirrenden Fensterscheiben immer noch. Gemütliche -22°C bei Windstille und Windchill -50°Celsius.

Minus fuffzich.

Ich musste mal bei -24° (Windchill nicht reingerechnet) zehn-zwölf Minuten sturmbedingt auf einem Skilift ausharren. Ich kann garantieren, dass das nicht so angenehm ist (hint: schamlose Untertreibung). Wer da ohne Handschuhe Football spielt oder mit Handschuhen auf der Tribüne sitzt, hat einen Knicks in der linken Gehirnhälfte. San Diego ging 7-27 „baden“.

Danach war man jahrelang ein eher verspottetes Team, bis 1992 Bobby Ross neuer Head Coach wurde und nach einem Fehlstart innerhalb weniger Jahre um den legendären Linebacker Junior Seau eine höheren Ansprüchen genügende Mannschaft baute. Dass die AFC eine schwache Conference war – geschenkt. 1994 wurstelte man sich sogar bis in die Super Bowl durch. Ergebnis: Eine verheerende Schlappe gegen San Francisco, und nur deshalb 23-Punkte-Niederlage, weil die 49ers auf halbem Weg keine Lust mehr hatten.

Der Aufschwung war nur von kurzer Dauer. San Diego begab sich in der Folge wieder in die kuscheligen Niederungen der AFC West. Unglaublich: Schon jetzt sind acht (!) Mitglieder der Superbowl-Mannschaft der Chargers gestorben. Und es sind bizarre Tode: Selbstmorde (Junior Seau), Blitzeinschläge, Flugzeugabstürze – letzterer betraf einen besonders gruseliger Fall in die Everglades, die Sümpfe Floridas. Über Flug ValuJet 592, den Absturz und die Suchaktion danach, habe ich mal eine Dokumentation gesehen, ich werde noch heute beim Gedanken daran vom Schauer übermannt.

Talentvergeudung at its worst

1998 hatte man im Draft die zweite Wahl und holte QB Ryan Leaf. Leaf galt als so gut wie der direkt vor ihm genommene Peyton Manning. Resultat: Manning gilt heute als einer der besten QBs ever. Leaf gilt als einer der größten Flops ever, verscherzte es sich mit alles und jedem und machte nur noch als Modelficker und Drogendealer Schlagzeilen.

Der Flop Leaf führte auch dazu, dass die besten Jahre des kurz danach geholten RB LaDainian Tomlinson einfach verschenkt wurden, da der QB Drew Brees zu lange brauchte, um sich zu entwickeln und seine Blütezeit dann woanders erlebte. San Diego hatte so schlechtes Ansehen, dass 2004 der von den Chargers auserwählte Eli Manning fast Rotz und Wasser heulte, als ihn S.D. an #1 draftete.

Marty Schottenheimer coachte San Diego aber immerhin zu respektablen Saisons – 2006/07 war man das beste Team der NFL, nur um das erste Playoffspiel daheim zu vergeigen. Seither coacht Norv Turner. Resultat: Fast jedes Jahr starten die Bolts katastrophal, erreichen dann dank Kraftakt die Post Season, gewinnen dort ein Spiel und fliegen dann raus. QB Philip Rivers gehört zu den besten, aber das Fenster des Erfolgs schließt sich langsam.

QUALCOMM Stadium

Qualcomm Stadium

Qualcomm Stadium

San Diegos Footballstadion hat gewaltige Ausmaße für seine 67.000 Plätze, gilt aber trotz seiner wehenden Fähnchen und FootballunterPalmen-Image als langweilig und veraltet. Im vergangenen Winter war das Stadion sogar mal überflutet. Lange spielen die Chargers nicht mehr hier.

Rivalitäten

Die ganz großen Rivalitäten haben die Chargers nicht entwickelt. Selbst in den klassischen Auseinander-„Fetzungen“ der AFC West ist man eher der Außenseiter. Am ehesten waren in den vergangenen Jahren die Denver Broncos der größte Konkurrent, wenn auch „nur“ sportlicher Natur. Diverse Playoffgeschichten lieferte man im abgelaufenen Jahrzehnt mit Jets, Patriots und Colts, aber von einer echten Rivalität zu sprechen, wäre glaube ich vermessen.

Gesichter der Franchise

  • Dan Fouts – QB mit tiefsten Bomben Anfang der 80er, als die Chargers ihre erste Glanzzeit hatten.
  • Junior Seau – LB. Legendärer Linebacker und der Star schlechthin der Chargers in den 90ern. Nahm sich vor wenigen Wochen das Leben und dürfte posthum in die Hall of Fame gewählt werden.
  • Rodney Harrison – SS. Lange Zeit ein Idol in San Diego, ehe er dann in New England zwei Superbowls holte und einen dritten knapp verpasste – weil sein Gegenspieler den Ball mit dem Helm fing.
  • Ryan Leaf – QB und legendärer Bust im 1998er-Draft. Ich finde es ja witzig, dass sämtliche Pundits auf die Chargers und den Leaf-Pick als kolossale Dummheit so einprügeln, nachdem es vor dem Draft Konsens gewesen war, dass Leaf die #2 locker wert sei. Klassischer Fall von hindsight bias.
  • LaDainian Tomlinson – RB. Gilt als einer der besten Running Backs aller Zeiten. Persönlichkeit mit Klasse, deren sportliche Höchstleistungen in San Diego aufgrund zahlreicher anderweitiger Probleme regelrecht verschenkt wurden.
  • Philip Rivers – QB. Spielt noch nicht lange, darf aber als einer der erfolgreichsten Luftjäger angesehen werden.

korsakoffs Highlight

Playoffspiel 2006/07 gegen die Patriots – Marty Schottenheimer at his best. San Diego dominierte nach Strich und Faden und hätte die Patriots zur Halbzeit unter der Erde haben müssen. Aber als Brady innerhalb von Sekunden einen rattenscharfen Drive das Spielfeld hinunterorchestierte, war klar: Die Patriots bleiben im Spiel. Schlussviertel, Brady auf der Suche nach dem Comeback: Interception der Defense, Spiel AUS…

Wait! Der Verteidiger McCree mit dem Fumble beim Return, der das Spiel gewinnen muss (!!!). Brady kriegt die zweite Chance, gleicht aus, dreht Minuten später die Partie und mit auslaufender Uhr verschießen die Chargers das Field Goal und verlieren als deutlich besseres, aber weniger abgewichstes Team daheim 21-24, trotz Acht-Punkte-Führung und Interception.

Eckdaten

Gegründet: 1959
Besitzer: Alex Spanos (Immobilien)
Division: AFC West
Erfolge: Superbowl-Verlierer 1994, AFL-Champion 1963, 17x Playoffs (10-16)