Ein neuer Ansatz für die Defensive-Front Seven

Die Offense-Positionen im Draft-2014 sind in allen möglichen Facetten abgearbeitet, so lasset uns zur Defense kommen. Wenn wir schon bei manchen Angriffsspielern Probleme haben, zwischen Back, Slotmann und Receiver zu unterscheiden, dann ist das, was sich in der Front-Seven der Defense offenbart, nichts anderes als Kraut und Rüben.

Ich halte es mittlerweile mit den Vorschlägen von Bill Barnwell und Robert Mays, die in ihren Grantland-Podcasts schon seit längerem versuchen, von den traditionellen NFL-Positionsbezeichnungen wie Defensive Tackle, Defensive End, Inside und Outside Linebacker wegzukommen. Diese alten Bezeichnungen haben zwar schon noch ihre Berechtigung, aber um Draft-Prospects zu kategorisieren, ist es viel, viel einfacher, eine neue Klassifizierung einzuführen:

  • Defensive Interior
  • Edge Rusher
  • Linebacker („Off-Ball Linebacker“)

Wichtig ist dafür, das Konzept der Gaps und Techniques verstanden zu haben, das ich im Sommer zu erklären versuchte (ein bisschen Formations-Häppchen kann man übrigens immer unter unserer Rubrik Football erklärt nachlesen).

Defensive Interior würde ich klassifizieren als den klassischen 3-4 Nose Tackle (0-technique), den 4-3 Nose Tackle (1-technique), den Defensive Tackle in der 4-3 Defense (3-technique), und die 3-4 Defensive Ends (häufig ein 5-technique) Spielertypen.

Edge Rusher sind für mich in erster Linie die klassischen Defensive Ends (5-technique in der 4-3, 9-technique) und die Outside-Linebackers in einer 3-4 Defense, deren primäre Aufgabe das Passrushen ist.

Linebacker im klassischen Sinn, also die Arbeit hinter der Defensive Line, sind für mich eher die 4-3 OLBs, der 4-3 Middle Linebacker (Mike / MLB) und die 3-4 ILBs, wobei bei den 4-3 OLB und 3-4 ILB durchaus zwischen Strongside (dort, wo der Tight End steht) und Weakside (dort, wo mehr Raum zum Operieren gegeben ist) zu unterscheiden ist: Der Strongside-Spieler ist oft eher der kräftige Typ, der Weakside-Spieler eher der wendige, der im offeneren Feld operiert. (Update 2017: Es kommt immer stärker der Begriff „Off-Ball Linebacker“ zu dieser Position auf)

Ich versuche mal, meine Interpretation der Front-Seven in zwei neuen Schemata farblich zu kennzeichnen. Die traditionellen Positionskennungen sind schriftlich festgehalten, die neue Interpretation ist farblich festgehalten.

3-4 Defense

3-4 Defense in neuem Look

3-4 Defense in neuem Look


4-3 Defense

4-3 Defense in neuem Look

4-3 Defense in neuem Look

Die Tech-Bezeichnungen sind nicht in Stein gemeißelt. Für gewöhnlich ist nur fix oder fast fix:

  • Der 3-4 NT ist ein 0-tech
  • Der 4-3 NT ist ein 1-tech
  • Der 4-3 DT mit Fokus Passrush ist ein 3-tech
  • Der 4-3 DE mit Fokus Passrush ist ein 5-tech bis 9-tech

Alles andere ist flexibel und hängt von der Auslegung des Abwehr-Trainerstabs ab. Damit sollte in wenigen Worten die Grundlage geschaffen sein für meine Drafteinträge zur Front-Seven… ab morgen.

Was ist die 4-3 Under Defense?

Passverteidigungen sind uns nun klar. Wir haben gehört, dass das Cover-2 System stark darauf vertraut, dass die Defensive Line ohne Blitz-Unterstützung Druck gen Quarterback auf die Reihe kriegt. Ein System, das unter anderem dafür kreiert wurde, diesen Passrush zustande zu kriegen, ist die 4-3 Under Defense, die in einer generischen Form so aussieht:

Defensive Line in der 4-3 Under Defense

Defensive Line in der 4-3 Under Defense

Wichtigstes Charakteristikum ist, dass die Defense Line vom Tight End weg konzipiert ist (das Gegenstück dazu ist die 4-3 Over Defense, die zum Tight End hin aufgestellt ist.): Der 3-technique DT ist auf der Gegenseite des Tight Ends aufgestellt (quasi ein weak side DT); Der Defensive End (5-technique) wird auf der äußeren Schulter des „weakside“ Tackles aufgestellt.

Neben dem 3-technique DT spielt der Nose Tackle als 1-technique: Seine primäre Aufgabe ist es, dem Center auf die Eier zu gehen. Er steht im A-Gap, also nicht direkt in der Fratze des Centers, und das hat zwei wichtige Ziele:

  1. Ungünstiger Winkel für den Center: Der Center muss im Moment des Snaps brutal flink sein, um einen guten Block-Winkel gegen den NT zu erlangen.
  2. Der NT steht gleichzeitig auch dem Guard quasi „im Weg“. Ziel des Guards ist es, einen Linebacker zu blocken, aber wenn der NT quick genug ist, entsteht in dieser Situation für die entscheidenden Sekundenbruchteile ein double team quasi per Design.

Der Nose Tackle sollte aus diesem Grund in diesem Schema kein fetter, unbeweglicher Bolzen sein; er sollte vielmehr wendig genug sein, um den Center lange genug zu beschäftigen und automatisch den Weg des Guards zu blockieren. Der DT-Kollege nebenan (also der 4-3 Under DT) profitiert von dieser Aufstellung insofern, dass der Center und der „strong side“ lange genug Guard beschäftigt sind.

Ziel des ganzen Zaubers ist es, auf der weak side ein Matchup 2-gegen-2 zu erzwingen:

  • Blockt die Offense Line mit OG und OT den Defensive Tackle, hat der End freie Bahn.
  • Blockt die Line die Passrusher mit jeweils einem Mann, gibt es zweimal eine 1-gegen-1 Situation.

Grundvoraussetzung für die Abwehrseite ist natürlich, dass der 3-technique DT (4-3 Under DT) ein extrem guter Passrusher ist: Er wird etliche 1-vs-1 Duelle sehen und hat die Hauptaufgabe, für Druck über die Innenseite zu sorgen. Der Defensive End, der direkt neben ihm spielt, ist idealerweise ein Passrusher, der nicht von einem Tight End im Alleingang handlebar ist.

Letzteres ist eine wichtige Einschränkung, denn: Wäre dem so, könnte die Offense beruhigt per motion kurz vor  dem Snap den Tight End auf diesen End abstellen und mit Tackle und Guard den 3-technique DT doppelt blocken.

Der Schlüsselspieler ist der 3-technique Defensive Tackle. Um seine Stärken herum ist dieses Abwehrschema konzipiert, und er muss mit massivem Druck über die Innenseite antworten. Das Paradebeispiel in der heutigen NFL ist Tampa Bays #93 Gerald McCoy, ein wahnsinnig guter Tackle im 1-vs-1. Man sehe sich das Buccs-Tape vom letzten Jahr an: McCoy zerbröselt seine Guards reihenweise im Alleingang. In NT Roy Miller hatte er einen soliden, aber längst nicht überragenden, Nebenmann, der haargenau ausreichend genug Wirbel machte, um McCoy den Rücken freizuhalten. Das Buccs-Problem im letzten Jahr war eher die suboptimale, weil zu wetterwendische Vorstellung der Defensive Ends.

Die beste 4-3 Under Defense Line aller Zeiten gab es einst auch in Tampa, vor 10-15 Jahren, als DT Warren Sapp aus der 3-technique Aufstellung heraus zum Hall of Famer wurde. Tampa hatte damals auch „nur“ einen funktionierenden Nose Tackle (Culpepper oder Booger McFarland), keinen dominanten, aber den brauchte es nicht. Dafür hatte Sapp in DE Simeron Rice einen fantastischen Passrusher mit HoF-Qualitäten neben sich.

Gemeinsam schufen die beiden mit ihrem Dampf die Voraussetzungen für eine der besten Defenses in der Footballgeschichte: Die sieben Mann in der Back-7 konnten sich drauf verlassen, dass vorne ohne Blitz-Unterstützung Druck gemacht wurde, und sie konnten sich allein auf ihre Deckungs- und Laufaufgaben kümmern. Tampa gewann mit dieser Herangehensweise eine Superbowl trotz maximal durchschnittlicher Offense, und Tampa wurde vor allem zum Vorreiter für ein Jahrzehnt, in dem viele NFL-Teams versuchten ebenso 4-3 Defense zu spielen.

Wie sieht eine Passverteidigung in der NFL aus?

Die Passverteidigung ist nach der Pass-Offense der zweitwichtigste Erfolgsfaktor in der National Football League. Sie ist brutal abhängig vom Funktionieren sämtlicher Elemente in der Wirkungskette („10 Mann machen alles richtig, 1 etwas falsch = Touchdown“), und es gibt sehr viele unterschiedliche Wege zum Erfolg:

  • Primärer Fokus auf Zonendeckung.
  • Primärer Fokus auf Manndeckung.
  • Scheiß auf Deckung, wir bringen Passrush!
  • Kombinierte Systeme.

Es gibt kein Patentrezept: Mehrere der besten Pass-Defenses der NFL sind konzeptionell völlig unterschiedlich aufgebaut. Wenn du Pittsburgh mit Chicago mit NY Jets vergleichst, sind das für NFL-Verhältnisse Welten. Es gilt aber nicht, sofort voll reinzutauchen, sondern erstmal die wichtigsten Ideen der Deckung zu präsentieren. „Deckung“, das ist in erster Linie die Aufgabe der Defensive Backs, also Cornerbacks und Safetys, die gemeinsam die Secondary (oder auch: Defensive Backfield) bilden.

Ich schrieb oben: 1 etwas falsch = Touchdown. So krass ist es nun auch nicht immer, denn wir werden sehen: Es gibt unterschiedliche Schemen, und während manche anfälliger sind gegen Big-Plays (hopp-oder-topp), sind andere anfälliger gegen kurze, beständige Raumgewinne (Jargon: bend but don’t break). Es ist immer ein Trade-Off und eine Frage: Welchen Tod sterbe ich lieber? Will ich überhaupt sterben?

Cover = Abdecken

Es gibt prinzipiell fünf Deckungs-Schemen, die mit „Cover minus Ziffer“ gekennzeichnet werden; es läuft von Cover-0 bis Cover-4. Die Zahl hinter dem „Cover“ gibt die Anzahl der tiefen Zonen („deep zones“), die die Secondary deckt, an. Cover-0 zum Beispiel ist ein Abwehrsystem ohne tiefe Zonen, oder, die Mitdenkenden werden es schon gecheckt haben: Reine Manndeckung. Auch Cover-1 gilt noch als Manndeckungssystem, weil nur der Free Safety ganz hinten eine Zone absichert. Cover-2, 3 und 4 gelten landläufig als Zonendeckung.

Wichtig: Die Ziffer kennzeichnet nur die „tiefen Zonen“. Die Cover-2 Defense z.B. deckt zwei tiefe Zonen, kann aber auch in der Front-7 welche decken. Das sind dann die Zonen vor den Linebackers. Genannt werden diese die underneath zones („untere Zonen“). Das sind meist die, in denen Tight Ends oder Slot-Receiver operieren. Yards underneath tun einer Defense weh, aber nicht annähernd so sehr wie ein erfolgreicher tiefer Pass in die Secondary rein. Eine Offense braucht viel Geduld, um ausschließlich über underneath zones zu operieren; deshalb kann man alles ab Cover-2 auch in Spurenelementen als sowas wie eine bend but don’t break-Defense bezeichnen: Wichtig ist, dass ich mal hinten absichere. Wenn ich in den vorderen Zonen nur drei Yards kassiere, ist das erstmal ein kleiner Erfolg für mich.

Wie decke ich die gegnerische Offense?

Die Manndeckung ist keine große Philosophie, sondern verlässt sich auf die individuelle Klasse der Cornerbacks und Safetys. Wie schon der Name es sagt, ist der Deckungsspieler allein oder größtenteils allein verantwortlich für seinen Gegenspieler in der Offense. Man sagt immer, er muss „in-phase“ sein, d.h. idealerweise ist er einen Schritt vor dem Gegenspieler und einen Schritt nach innen versetzt – somit wird das Vorbeirauschen verhindert und es kann jede Route des Receivers antizipiert werden.

Es gibt zwei Arten von Manndeckung: press coverage (oder tight/on coverage), wo der Defensive Back an der Anspiellinie direkt gegenüber dem Receiver steht und versucht, mit Körperkontakt und schlechtem Mundgeruch das Timing zu stören; Körperkontakt ist dabei nicht das einzig Erstebenswerte – viel wichtiger ist das Halten der Balance, damit der Receiver nicht locker vorbeimarschiert. Die zweite Manndeckung ist die off coverage (oder auch: catch), wo sich der DB zirka 8-10yds hinter die Line of Scrimmage stellt und erstmal abwartet, was der Receiver macht; fliegt der Ball, wird – vereinfacht gesagt – die Interception oder pass deflection versucht. Letztere Manndeckungs-Art ist eher eine reaktive, während erstere versucht, aktiv früh im Spielzug zu stören.

Die Zonenverteidigung ist in Sachen Denksport schon ein dickeres Brett: Verteidiger müssen, wenn wir es mal simpel ausdrücken, jeweils einen Raum am Spielfeld verteidigen (z.B. den Luftraum von sieben Yards links der Anspiellinie bis vierzehn Yards links davon bis sieben Yards hinter die Anspiellinie, also eine Zone mit Grundfläche von 49m²) – und nur diesen Raum. Verlässt der Receiver diesen Raum, gibt es keine Notwendigkeit ihm zu folgen, da die nächste Zone von einem anderen Verteidiger gedeckt wird. Zonenverteidigung ist nicht einfach zu implementieren und setzt gute Harmonie in der Defense voraus.

Bei dem Cover-Dings geht es aber in erster Linie – ich betone es nochmal, um völlige Verwirrung zu vermeiden – um die tiefen Zonen, die deep zones.

Cover-0

Cover-0: Ein jeder deckt nur seinen Mann.

Cover-0: Ein jeder deckt nur seinen Mann.

Die reinste Form der Manndeckung: Es gibt keine Safetys, die „hinten“ aufpassen, dafür wird vorne Druck mit minimum fünf, sechs Leuten gen Quarterback (also Blitzes) veranstaltet. Die Cornerbacks und Safetys spielen alle 1-vs-1 gegen die Receiver. Cover-0 ist mittlerweile fast ausgestorben, weil sie eine riskante Verteidigung ist: Du brauchst im Extremfall 4-5 starke Cornerbacks, denn wenn auch nur einer sich übertölpeln lässt und der Receiver durchkommt, ist es aufgrund der fehlenden Absicherung durch einen Safety ein fast sicherer Touchdown. Es gibt aber manchmal eine Cover-0 Defense, wenn ein DefCoord das weiße Fähchen hisst und in einer Art Verzweiflungsmove darin die einzige und letzte Chance sieht, die Offense irgendwie einzubremsen (alles-oder-nichts).

Cover-1

Cover-1 Defense: Ein Free Safety sichert hinten ab.

Cover-1 Defense: Ein Free Safety sichert hinten ab.

Das ist Manndeckung gepaart mit einem Free Safety, der hinten in der Spielfeldmitte steht und diese tiefe Zone („deep center of the field“) abdeckt. Der Strong Safety steht in der Box als Support für entweder einen Blitz oder die Verteidigung einer Zone oder eines direkten Gegenspielers nahe der Anspiellinie. Cover-1 wird gerne auch mit einem four men rush gespielt, also bloß vier Passrushern, kann aber auch kombiniert werden mit zone blitzes. Der große Vorteil liegt bei den Cornerbacks und Linebackers in der Spielfeldmitte (auch genannt Slot): Sie wissen, dass hinten noch der Free Safety steht, und können sich darauf konzentrieren, die Slot-WRs und Tight Ends auf den kurzen Distanzen und Out-Routen zu decken.

Cover-1 braucht mindestens einen exzellenten manndeckenden Cornerback und/oder einen Safety mit viiiiiiel „range“. Oder anders: Habe ich einen Revis, spiele ich Cover-1, da ich meinem zweiten Outside-CB den Free Safety als Unterstützung geben kann. Schau dir alte Jets-Tapes an und du wirst sehen: Der Free Safety steht nicht „in der Mitte“, sondern 10m versetzt Richtung zweitem CB, weil Revis sein Ding allein durchziehen kann. Leider gibt es nur einen einzigen Revis.

Cover-2

Die berühmteste Deckung im Football, und die erste echte Zonendeckung. Dabei stehen hinten zwei Safetys, die jeweils eine Hälfte der tiefen Zone abdecken. Fünf Linebackers/Cornerbacks decken die vorderen Gebiete ab, und Druck kommt meist nur mit der Defensive Line. Es gibt unendlich viele Variantionen, was man mit einer klassischen Cover-2 Defense in diesen underneath-Zonen anstellen kann: In den Version Cover-2 Zone (s. Bild) decken die LBs/CBs Zonen ab. Es gibt aber auch Cover-2 Man, wo im Gebiet zwischen DL und Defensive Backfield via Manndeckung operiert wird. Es gibt auch Zwitter-Systeme dazwischen. Gemein ist allen, dass sie mit diversen Personal-Paketen funktionieren können, und – anders als viele glauben – auch aus der 3-4 Defense heraus machbar ist. Cover-2 Prinzipien können auch gegen spezielle Offense-Pakete mit der Basis-Defense umgesetzt werden.

Die Idee der Cover-2 Defense ist in erster Linie danach ausgerichtet, die ganz großen Raumgewinne zu verhindern: Cornerbacks können sich auf die Hilfe der hinten stehenden Safetys verlassen, und können damit recht aggressiv die kurzen Routen attackieren.

Die Cover-2 Defense verlässt sich darauf, dass die D-Line konstant mit vier Leuten genügend Druck zustande bringt und es nur selten zusätzliche Unterstützung durch Blitzes braucht (zusätzliche Blitzes kann es auch kaum geben, weil alle sieben restlichen Verteidiger wichtige anderweitige Aufgaben erfüllen müssen). Aus diesem Grund ist für die Defense Line dringend der Fokus auf den Passrush zu legen.

Die Tampa-2 Defense ist auch eine Art "Cover-2"

Die Tampa-2 Defense ist auch eine Art „Cover-2“

Ein großer Nachteil ist, dass die Spielfeldmitte gerne blank steht, weil sich die Safetys auseinanderbewegen. Als leichte Abwandlung wurde daher in den 90ern von Tony Dungy die Tampa-2 Defense kreiert, wo der Middle Linebacker sich in der Spielfeldmitte zurückfallen lässt um das Loch zu decken, als quasi „halber Safety“ (Tampa 2 ist fast eine Cover-3). Diese Defense braucht brutal schnelle Leute. Der etwas untersetzte, aber geschwindige LB Derrick Brooks war dafür genau der richtige Spielertyp; er wurde in Dungys System in Tampa Bay zum sicheren Hall of Famer.

Ein zweiter Nachteil betrifft zwar nicht die Passverteidigung, aber sie sei kurz angesprochen: Lauf-Defense. Da beide Safetys hinten drin stehen, ist die „Box“ um die Anspiellinie herum im Regelfall mit maximal sieben Leuten besetzt, was u.U. zu wenig ist. Die Outside-CBs sind also auch gefragt, zumindest gegen das Laufspiel mitzuhelfen. Schwächlinge auf CBs sind in der Cover-2 tödlich.

Cover-3

Die Cover-3 Defense mit drei tiefen Zonen.

Die Cover-3 Defense mit drei tiefen Zonen.

Wie bei der Cover-1 Defense bewegt sich hier der Strong-Safety mit dem Snap in Richtung Anspiellinie (meistens auf der Strong-Side beim Tight End), während der Free-Safety hinten die Zone in der Spielfeldmitte abdeckt. Die beiden tiefen Zonen nahe den Seitenlinien werden von den Cornerbacks an den Außenrändern abgedeckt, womit wir bei der Deckung von mittlerweile drei tiefen Zonen („Cover-3“) angelangt wären.

Vorteil ist eine gut gefüllt „Box“ in den Schützengräben (11 minus 3 = 8 Leute), eine gute Absicherung über die Spielfeldmitte durch den Free Safety und viele Möglichkeiten zum Blitzen. Anfällig ist die Cover-3 vor allem in der Mitteldistanz-Zone zwischen OLBs und Free Safety („seams“) und auf ganz flachen Routen von Slot-WRs und Tight Ends nach außen (die sog. „flat zone“) – die Anfälligkeit in den underneath zones, wie ich schon oben schrieb.

Außerdem verlässt sich dieses Schema stark darauf, dass die Outside-Cornerbacks ihre Zonen exzellent im Griff haben. Die Cover-3 unterscheidet sich hier von der Cover-1, dass diese Outside-CBs nicht direkt Mann-gegen-Mann spielen, sondern aufgrund ihrer Verantwortung für ihre tiefe Zone schauen müssen, dass der Receiver nur ja nicht außen an ihnen vorbei kommt. Innen geht grad noch, weil ja der Free Safety noch helfen kann, das Allerschlimmste zu verhindern.

Cover-3 funktioniert meistens sehr gut gegen den Lauf und geht in der Pass-Defense schon in Richtung „Prevent-Defense“, weil man tief gut absichern kann. Das geht allerdings auf Kosten der relativ ungesicherten kürzeren Passrouten. Gegen Brady willste also nicht so spielen.

Cover-4

Die Quarters-Defense mit vier tiefen Zonen.

Die Quarters-Defense mit vier tiefen Zonen.

Wir sind in der „Prevent-Defense“ angelangt: Cover-4, oder, um mir die Nackenhaare aufzustellen: „Quarters“-Defense. Bei der Cover-4 Defense besagt die Theorie, dass jeweils die beiden Safetys und die beiden Outside-CBs für die tiefen Zonen zuständig sind, d.h. jeder verteidigt 1/4 des Spielfelds downfield. Dabei helfen sich Safety und Cornerback jeweils gegenseitig, sobald ein Wideout oder Slot-WR tief gehen.

Die Cover-4 ist anfällig gegen kurze Routen und Checkdowns. Es gibt nur wenige Teams, bei denen die DefCoords die Safetys in der Cover-4 aggressiver und weiter vorne spielen lassen, um auch noch diese schnellen Pässe zu unterbinden, weil die dafür extrem dynamischen Safetys mit so „range“ ganz einfach nur alle paar Jahre zu kriegen sind (Reed und Polamalu gibt es nur zweimal pro Jahrzehnt). Aber meistens wird die Hardcoreversion der Quarters-Defense eh erst ab 60sek vor Halbzeit oder Spielende gespielt, wenn man sich nur ja keine Hail Mary mehr einfangen will, weil man grad 7 Punkte vorn liegt.

Cover-6 und Cover-7

Es gibt noch weitere Versionen wie Cover-6 oder Cover-7 (letzteres als Spezialvariante von Cover-1). Cover-6 ist ein System, das Dick LeBeau ganz gerne spielen lässt, aber es braucht spezielle Spieler. Es ist ein Thema für einen anderen Tag, daher nur ganz kurz: Cover-6 richtet sich weniger am Gegner aus, sondern mehr danach, wo der Ball beim Snap liegt (linke oder rechte Hash Mark). Die breite Seite der Defense spielt Cover-4, die schmale Spielfeldseite spielt Cover-2. Das maximiert auf jeder Spielfeldseite die Stärken der jeweiligen Coverage, aber entblößt auch umso stärker die Schwachpunkte. Ohne einen sensationellen Safety biste damit verloren.

Die 4-3 Defense in gebotener Kürze

Wir kennen nun die Basis-Terminologie und die 3-4 Defense und wissen, was Gaps und Techniques sind. Heute dran: Die Defense, die die 2000er dominierte, die 4-3 Defense, erfunden in den 50er und 60er Jahren. Sie hat, völlig überraschend, vier Linemänner an der Anspiellinie mit Händen im Dreck: Zwei Defensive Tackles und zwei Defensive Ends. Dahinter drei Linebackers, zwei Outside Linebackers (OLB) und einen Middle Linebacker (MLB, „Mike“).

Grafik aus der Wikipedia

Grafik aus der Wikipedia

Das ist die rudimentärste Form der 4-3 Defense, in US-Fachkreisen „4-3 Stack“ geschimpft. Sie ist meist so aufgestellt:

  • Ein DT spielt als 3-technique zwischen Guard und Tackle und ist für das B-Gap verantwortlich.
  • Der andere DT spielt als 2-technique gegenüber dem anderen Guard und ist für A- und B-Gap verantwortlich.
  • Der DE auf der Weakside (also auf der Gegenseite vom Tight End) beginnt den Spielzug an den Außenschulter des Offense Tackles (5-technique).
  • Der DE auf der Strongside (also dort, wo der Tight End steht) spielt als 5-technique auf der Außenschulter des Offense Tackles oder als 9-technique auf der Außenschulter des Tight Ends – je nach Situation verschieden.

Die drei Linebackers dahinter stellen sich in die Zwischenräume zwischen den eigenen DTs und DEs. Der MLB wird häufig „MIKE“ genannt. Der OLB, der auf der Strongside spielt, wird oft SAM genannt, der auf der Weakside WILL. Oft kratzen sich DefCoords auch einen Feuchten um solchen Schmarren wie Tight Ends, und stellen ihre OLBs einfach nach geographischen Gegenbenheiten auf; dann heißt das einfach ROLB („right OLB“) und LOLB (erraten, „left OLB“). Also nicht durcheinanderbringen lassen durch den ganzen Abkürzungssalat mit OLB, ROLB, ILB, LB, MLB, MIKE, SAM, LOLB, WILL usw.

Ein Problem der 4-3 Defense: Sie ist steifer als die 3-4 Defense, weniger flexibel. Zum Funktionieren brauchst du mindestens einen überragenden Passrusher auf DT oder DE. Ohne bist du größtenteils verloren, selbst mit schematischen Kniffen. Und weil s’Leben ein Arschloch ist, gibt es nicht genügend herausragende Defensive Ends (5-technique) für die NFL. Julius Peppers war einer, Jason Pierre-Paul ist einer. Ein Dwight Freeney in Indianapolis war z.B. eindimensionaler als ein Kochdeckel, aber er konnte einen Passrush-Move, und er konnte ihn herausragend. Grottenschlechter Lauf-Verteidiger, aber überragender Passrusher: Das reichte. Es gibt aber leider kaum Peppers, JPPs oder Freeneys. Deswegen scheitern so viele 4-3 Defenses.

Komplett steif ist die 4-3 aber zwar auch nicht: Es gibt schon viele Abwandlungen, und die tragen dann solche komischen Namen wie „4-3 Under“ oder „4-3 Over“ oder „Wide 9“, und sind in sich in all ihren kleinen Details wieder irre pingelig, aber es gibt immer ein, zwei Kernideen, um die herum DefCoords solche Schemen kreieren:

  1. Alle Gaps müssen dicht sein.
  2. Deine besten Passrusher sollen sich nicht in sinnlosen 1-vs-2 Matchups aufreiben, sondern idealerweise möglichst einfache 1-vs-1 Duelle gegen den als gegnerischen Schwachpunkt ausgemachten Spieler bekommen (häufig ein TE oder RT für DEs oder OLBs, oder ein Guard für DTs).

Du bist aber abhängiger vom Spielermaterial als in der 3-4. Ich werde fortfahren mit der 4-3 Under Defense als ein erstes Beispiel, wie DefCoords versuchten, schematisch an der 4-3 Defense zu werkeln, um Schwächen zu kaschieren bzw. Stärken zu optimieren. Zuerst aber folgt noch ein Eintrag über Passdeckungs-Systeme, um zu verstehen, weswegen es manchmal lebenswichtig ist, dass deine Defensive Line ohne Unterstützung Druck gen Quarterback hinkriegt – sei es mit drei oder vier Leuten.

Die 3-4 Defense in gebotener Kürze

Gestern habe ich versucht, in einem 20-Minuten-Beitrag die grundlegendsten Bezeichnungen an der Line of Scrimmage für Gaps und technique-Positionierungen zu geben. Heute setzen wir das theoretisch Erlernte mal auf dem Spielfeld um. Nochmal zu Beginn das uns schon bekannte Schmierbild:

Offensiv-Positionen in blau, Gaps in rot, Defensiv-Techniques in grün: So geht es an der Line of Scrimmage zu

Offensiv-Positionen in blau, Gaps in rot, Defensiv-Techniques in grün: So geht es an der Line of Scrimmage zu

Die 3-4 Defense bietet, haben wir ja gestern schon gelesen, drei Line-Männer an der Anspiellinie auf; im Regelfall haben diese Jungs ihre Hände am Boden bzw. im Dreck (down linemen). Die absolut rudimentärste Version der 3-4 Defense hat einen Nose Tackle (0-technique) und zwei Defensive Ends (5-technique). Die drei Männer haben häufig Verantwortung für jeweils zwei Gaps (two gap responsibility):

  • Der NT darf sich als 0-technique direkt am Mundgeruch des Centers des Centers erfreuen und muss die beiden A-Gaps zwischen dem Center und den beiden Guards kontrollieren, d.h. für den gegnerischen Running Back darf sich dort keine Lücke auftun. Weil der NT somit gegen extrem kräftige Bolzen gematcht wird, sollte er in dieser Formation selbst an die 320 Pfund auf die Waage bringen, um nicht wie ein Fähnchen durch die Luft geschoben zu werden.
  • Die DEs stellen sich für gewöhnlich an der Außenschulter der Offensive Tackles auf (5-technique) und sie müssen die B- und C-Gaps kontrollieren (also die Löcher zwischen Guard und Tackle sowie zwischen Tackle und evtl. aufgestelltem Tight End).

Hauptaufgabe der Line-Männer ist es, den Linebackers den Rücken freizuhalten. Sie sind nicht dafür gedacht, auf dem Stat-Sheet mit 80 Tackles und 12 Sacks in die Sommerpause zu gehen. Dafür sind die Linebacker zuständig. Die Outside Linebackers kriegen durch diese Aufstellung häufig 1-vs-1 Matchups gegen Tight Ends oder Running Backs, Duelle, die sie als starke Passrusher gewinnen sollten, um dauerhaft Druck auf den gegnerischen Quarterback ausüben zu können. Die Inside Linebackers sollten freie Hand haben und in ihrer Hauptarbeit (dem Tackling gegen Ballträger oder dem Decken von Tight Ends) nicht durch einen lästigen Offensive Guard gestört werden (denn der Guard wird ja vom NT oder einem DE beeiert).

Das sind die Grundideen der 3-4 Defense.

Es gibt aber Abwandlungen. Zum Beispiel fällt auf, dass der jetztige DefCoord der Eagles, Billy Davis, auf seinen bisherigen Stationen seinen Nose Tackle nur selten als 0-technique aufstellt, sondern als 1-technique etwas versetzt zum Center. Der ganze Zauber wird zum Beispiel veranstaltet, um auf einer Seite der Line ein Übergewicht zu bekommen und dem OLB, der ein extrem guter Passrusher sein sollte, zu einem besonders einfachen 1-vs-1 Duell zu verhelfen, und einem der Linebackers (oft der Weakside Linebacker, also der, der auf der Gegenseite vom Tight End steht) einen komplett ungestörten Aktionsradius zu verschaffen.

Eine sehr spezielle 3-4 Defense spielen in der NFL auch die Houston Texans unter DefCoord Wade Phillips, deren 3-4 total auf one-gap-Prinzipien ausgerichtet ist: Kein Defense Liner ist für zwei Gaps verantwortlich wie in obig beschriebener ursprünglicher 3-4 Philosophie. Manchmal muss einer der OLBs ein two-gap-System spielen. Das Schema sieht dann in etwa so aus:

Vereinfachtes Schema in der Defense von Wade Phillips

Vereinfachtes Schema in der Defense von Wade Phillips

Der NT ist ein 1-technique, ein DE ein 3-technique und einer ein 5-technique, die OLBs sind entweder 5-, 7- oder 9-techniques (der OLB auf der Gegenseite vom Tight End, also der Weakside Linebacker, ist in dem Schema oft ein reinrassiger Passrusher, der nur Dampf gen QB machen soll). Man könnte das Schema auch als 5-2 statt als 3-4 bezeichnen. Auf alle Fälle ist es optisch attraktiv anzuschauen: Houstons Defense fackelt nicht lange. Sie ist zügig, straight und kompromisslos.

So, und wer jetzt nix verstanden hat: Aufmerksamkeitsdefizit. Hinsetzen. Sechs.

Football-Terminologie: Was hat es mit Gaps und Techs auf sich?

Die Anspiellinie („Line of Scrimmage“) im American Football ist Motiv zahlloser dramaturgisch aufbereiteter Filmszenen. Was man im Film so schön aufbereiten kann, ist im laufenden Spiel oft von entscheidender Bedeutung über Sieg und Niederlage: Offense Line gegen Defense Line, das Duell in den trenches, wo gewaltigere Kräfte wirken als überall sonst auf dem Spielfeld. Hinter den rohen Menschenmassen versteckt sich aber eine raffinierte Terminologie, die es zumindest in Grundzügen zu verstehen gilt.

Die Offensive Line besteht, wie wir wissen, aus fünf Leuten: Left Tackles (LT), Left Guard (LG), Center (C), Right Guard (RG) und Right Tackles (RT). Manchmal ist an einer oder beiden Seiten der Line noch ein zusätzlicher Spieler aufgestellt: Der Tight End (TE). Diese Jungs müssen für das Laufspiel Wege für den Running Back freiblocken und bei Passspielzügen einen Schutzwall für ihren eigenen Quarterback bilden. Sie stehen jedoch nicht Körper-an-Körper, sondern ein paar Zentimeter voneinander getrennt an der Anspiellinie.

Diese kleinen Löcher werden im Football „Gaps“ (Freiraum) genannt – und diese Gaps sind von essenzieller Bedeutung. Oft hört man Trainer oder Co-Kommentatoren sagen „he’s a one gap player“ oder „he has two-gap responsiblity“. Der Grundgedanke dahinter ist: Die Abwehrspieler (Defensive Line und Linebacker) müssen jeweils eines oder zwei Gaps pro Spielzug kontrollieren, damit entweder kein Ballträger durchflutschen kann oder Druck auf den Quarterback ausgeübt wird oder die dahinter stehenden Linebackers freie Hand zum Tackeln haben.

Die Gaps sind von innen nach außen durchbuchstabiert: Die A-Gaps sind die Löcher zwischen Center und Guard. B-Gaps sind zwischen Guard und Offensive Tackle; C-Gaps zwischen Offensive Tackle und Tight End, D-Gaps alles außerhalb der Tight Ends. Die A- und B-Gaps werden meistens von Defensive Tackles beackert; die C- und D-Gaps von Defensive Ends oder Outside Linebackers (OLB), je nach Formation der Abwehr (4-3 oder 3-4). Die Aufgabe der Spieler in der Defensive Line und OLBs ist es, diese Löcher zu stopfen (im Laufspiel) oder durchzurasseln (im Passspiel).

Spielt eine Defense 4-3, also mit vier down linemen (Defensive Liner mit den Händen im Boden), sind die Spieler meistens für jeweils ein Gap (one-gap responsibility) zuständig; in einer 3-4 Defense (wo entsprechend nur drei down linemen stehen) haben die Spieler oft zwei Gaps pro Kopf zu bearbeiten, damit die Outside Linebackers eine 1-vs-1 Situation kriegen. Dazu aber vielleicht in einem anderen Blogeintrag mehr. Wir wollen uns hier um Basis-Terminologie kümmern.

Offensiv-Positionen in grau, Gaps in orange, Defensiv-Techniques in grün: So geht es an der Line of Scrimmage zu

Offensiv-Positionen in grau, Gaps in orange, Defensiv-Techniques in grün: So geht es an der Line of Scrimmage zu

Wir wissen nun, wer die Spieler sind und welche Gaps sie bearbeiten – aber wir wissen noch nicht, wo sie starten. Dafür ist der etwas irreführende Begriff „[x]-technique“ eingeführt worden. technique (oder kurz: tech) nicht im Sinne einer „Technik“, sondern als der Ort, an dem der Spieler im Moment des Snaps aufgestellt ist.

Die techniques werden nicht mit Buchstaben, sondern mit Zahlen durchnumeriert, in (fast) aufsteigender Reihenfolge von innen nach außen. Gerade Zahlen (0, 2, 4, 6) sind die techniques, wo der Abwehrspieler direkt vor der Fresse des Offensive Liners aufgestellt ist (0-technique zum Beispiel ist der klassische Nose Tackle). Die ungeraden Zahlen kennzeichnen die techniques an den Außenschultern der jeweiligen Offensive Liner, mit Ausnahme der 7-technique, die die Innenschulter des Tight Ends anzeigt. Die anderen Innenseiten werden durch ein nachgeschaltetes „i“ (für innen) gekennzeichnet.

Diese Klassifizierung der techniques ist die landläufigste. Sie ist irgendwann in den 60er oder 70ern vom Coach der College-Mannschaft Alabama Crimson Tide eingeführt worden, Bear Bryant, einem urigen Suffkopp, und wenige seither hatten die Eier, daraus eine kongruente und durchgängig sinnvolle Bezeichnung zu machen – so blieb es in den meisten Trainerstäben bis heute die meistbenutzte Bezeichnung (es gibt auch leicht abgewandelte).

Bleibt noch anzumerken, dass typischerweise die Seite, auf der der Tight End aufgestellt ist, als „Strong-Side“ klassifiziert wird, also in obiger billiger Handzeichnung die linke Seite (aus Defense-Sicht). Stellt die Defense nicht nach örtlichen Gegebenheiten oder dem Wetterbericht auf, wird der Outside Linebacker (OLB), der auf dieser Seite spielt, oft „Strongside-Linebacker“ oder SAM (wie Samuel) genannt. Die andere Seite, also oben im Bild rechts und ohne TE, hört dann zu, wenn „Weak-Side“ gerufen wird, die schwache Seite. Der schwächliche OLB ist in entsprechender Defense der „Weakside-Linebacker“ oder WILL (wie Willi). Der, der sich nicht entscheiden kann, gilt als MIKE (wie Michl), der steht in der Spielfeldmitte und hofft drauf, dass ihm die eigene Defense Line wenigstens einen potenziellen Ballträger zum Tackeln überlässt. Die Linebacker kriegen aber üblicherweise keine techniques zugewiesen, sondern nur Gap-Verantwortung (meistens für eines der A- oder B-Gaps, oder das D-Gap).

Typische Positionen in Kurzfassung

0-technique ist typischerweise der Nose Tackle (NT) in der 3-4 Defense. Er ist ein two-gap player, also verantwortlich für zwei Gaps (die beiden A-Gaps). Er ist im Idealfall ein schwerer Bolzen (150kg aufwärts), da er sich oftmals im direkten Duell mit Center und Guard quälen muss, den gewichtigsten Jungs beim Gegner.

1-technique ist oft der Nose Tackle in der 4-3 Defense oder bei manchen DefCoords auch der Nose Tackle der 3-4 Defense. Er ist typischerweise ein one gap player (A-Gap), der in der Geschmacksrichtung 4-3 Defense idealerweise gleich noch den Guard beeiert, weil er ihm im Weg aufgestellt ist. Der 1-technique ist ein faszinierender Spieler für spezielle Abwehrformationen wie die „4-3 Under Defense“, auf die ich in einem separaten Blogeintrag zu sprechen kommen werde. Er muss nicht zwingend ein Fettsack sein; in manchen der legendärsten Defenses der Footballgeschichte war der 1-technique ein untersetzter, flinker Mann.

3-technique ist oftmals einer der Defensive Tackles in der 4-3 Defense. Er hat Verantwortung für das B-Gap. Er spielt meist gegen den Guard im 1-vs-1; er wiegt zwischen 130 und 140kg und muss antrittsschnell sein. Im richtigen Spielsystem kann er gigantische Tackle- und Sack-Zahlen einfahren und als landläufig bekannter Name in die Hall of Fame wandern (Beispiel: Warren Sapp). Alles weitere in eigenen Blogeinträgen.

4- und 5-technique ist für gewöhnlich die Position, in der die Defensive Tackles und Defensive Ends in der 3-4 Defense spielen. Sie haben Verantwortung für jeweils zwei Gaps (B und C) und ziehen häufig die Arschkarte, weil sie ackern und beißen, aber nach der kompletten Saison nur 7 Tackles auf der Visitenkarte stehen haben. Ihre Hauptaufgabe ist es, einem Guard und Tackle auf die Eier zu steigen, Löcher zu stopfen, das Feld für die OLBs zu bereiten.

5-technique kann aber auch die glamouröseste Position in der Defense sein, dann nämlich, wenn es die 4-3 Defense ist: Dann sprechen wir hier über den Defensive End, der nur ein Gap bearbeiten muss und häufig der beste Passrusher der Mannschaft ist, der die zweistelligen Sack-Zahlen und Werbeverträge einheimst. Der beste von allen im letzten Jahrzehnt war Julius Peppers (Panthers, Bears), der von dieser Position aus vermutlich den Weg in die Hall of Fame gefunden hat. Problem beim 4-3 DE in der 5-technique: Sie müssen häufig gegen den besten Offensive Tackle beim Gegner spielen, und es gibt insgesamt nur 1-2 Spieler pro Jahrgang, die das konstant draufhaben.

9-technique sind in Schemen wie der berühmt-berüchtigten „Wide-9“ Defense die Defensive Ends, die sehr weit außerhalb der Tackles (und an der Außenseite des Tight Ends) stehen und daher im Idealfall kleine, brutal flinke Spieler sind. Die sind dann natürlich anfällig, bei Laufspielzügen durch die Landschaft geschoben zu werden.

5- oder 9-techniques können aber auch Outside Linebackers in der 3-4 Defense sein. Die Variantionsmöglichkeiten sind so unendlich, dass manchmal ein DefCoord vor lauter Wald die Bäume nicht mehr sieht, Gras frisst und in der Folge sich so übel verzettelt, dass es doch gescheiter gewesen wäre, auf all den Schmarrn zu verzichten und seine Bullen einfach machen lassen. Aber nur manchmal. Meistens ist die Defense mit unendlichem Tuning und schlichter Disziplin der Front-7 Spieler am besten dran.

Oftmals sind es absolute Feinheiten, eine Positionierung fuffzehn Zentimeter weiter links oder rechts, die einen mittelmäßigen Spieler zu einem Superstar werden lassen. Die Kunst von DefCoords und Positionscoaches ist es, für das vorhandene Spielermaterial die richtige Feinjustierung zu finden. Es gibt für viele technique-Positionen und Abwehrformationen Prototypen, aber es passiert auch immer wieder, dass ein Trainerstab ein unkonventionelles Detail findet, einen untypischen Spieler in eine gewisse Position steckt und daraus eine neue Innovation im Kleinen stattfindet. Konzeptionell (also im Großen) sind die Spielsysteme in der NFL heute fast alle gleich oder ähnlich, aber im Kleinen gibt es immer wieder Neuerungen, die dann von anderen kopiert und weiterentwickelt werden.