Der Moment, der Tony Romo berühmt machte

Tony Romo ist heute bekannt als einer der besten NFL-Kommentatoren. Dem war nicht immer so. Weiterlesen

Groove to the Super Bowl 2013

[23h45] Lange genug gegroovt. Die Frühstückstische für morgen sind auch alle gedeckt. Was folgt, ist der Umzug ins Wohnzimmer. Ich werde gleich das Liveblogging zum Spiel eröffnen.

Ein Stern mit Namen Kaepernick

[22h41] Neben Ray Lewis und dem Bruderduell lässt sich die größte Stoyline um diesen Superbowl um den Quarterback der San Francisco 49ers stricken: Colin Kaepernick. Kaepernick hat eine filmreife Vita hinter sich, als Mischlingskind zweier Teenager geboren und zur Adoption frei gegeben, von einem Ehepaar aufgenommen, dessen zwei jüngste Kinder wegen eines Gendefekts gestorben waren, mit denen nach Kalifornien umgezogen, als superber „Multisport“-Athlet nur ein einziges Div-IA/FBS-Stipendium angeboten bekommen. Kaepernick, der sich einst auch bei Boise State (erfolglos) beworben hatte, wurde im Nevada Wolfpack von Head Coach Chris Ault zu einer Legende im College Football, der Mann, der die Pistol-Offense revolutionierte.

Das beste Footballspiel des Colin Kaepernick im College erlebte ich mit wildesten Zahnschmerzen in den Morgenstunden des „Black Friday“ 2010, als Kaepernicks Wolfpack gemeinsam mit RB Vai Taua das wohl beste Team der Saison 2010/11, Boise State, in der zweiten Halbzeit in seine Einzelteile zerlegte und nach Brotzmans schon legendären Fehlkicks noch gewann. Es war die erste große Sternstunde des Colin Kaepernick.

Trotzdem: Nie hätte ich gedacht, dass der Mann sich in der NFL so schnell durchsetzen kann. Nie hätte ich überhaupt gedacht, dass er in der zweiten Runde gedraftet werden würde. Und dann, nach eineinhalb Jahren Reifeprozess so schnell einzuschlagen… bisher ungesehen. Kaepernick personifiziert so vieles, was man bisher nicht mit Quarterbacks assoziiert hatte, dass man ihm nur Erfolg wünschen kann, Stichwort Vorurteile einreißen.

[22h33] Die Bierpreise bei der Superbowl sind kaum mehr zu verantworten. Laut Paolo Bandini/Guardian mittlerweile bei $12 für eine Flasche, die mir nicht nach mehr als 0,50l ausschaut. Das Oktoberfest erstarrt in Ehrfurcht.

[22h20] Gerade aus dem Livestream der Sofa-QBs aufgeschnappt: Jim Harbaughs Sohn Jay coacht im Trainerstab der Ravens. Mit seinem Onkel. Gegen seinen Vater.

Radio an: Sofa-QBs aus München

[21h31] Sendung ist an.

[21h25] In wenigen Minuten soll es losgehen: Die Sofa-Quarterbacks werden live aus der Münchner TonHalle von der Superbowl-Party der Munich Cowboys & ESPN America auftreten. Andreas Renner/SKY wird moderieren, und ebenso dabei sein sollen u.a. Nicolas Martin/GFL-TV und Manfred Groitl/fantasy-football.de.

Live zu hören ist das Ganze hier: GFL-Radio.de.

Oder als MP3-Stream hier.

[20h53] Completely useless fact: Obama ist Linkshänder.

[20h43] Unsere Leser kennen die Clips ja mittlerweile [s. 15h00], aber trotzdem:

[20h38] Zirka eine Stunde noch bis zum Livestream der Sofa-QBs aus München. Über @sportradio360 und Facebook können noch Fragen geschickt werden.

Predictions für Superbowl XLVII

[20h31] Herrmann hat die taktische Seite schon im Detail erklärt [1] [2]. Herrmann tippt auf die 49ers:

Ich sehe die 49ers klar im Vorteil. Es gibt zu viele match-ups, die sie ausnutzen können. Das Laufspiel sollte rollen wie eh und je und zwischendurch kann mit Kaepernicks Raketenarm und Moss/Crabtree/Davis Baltimores Base-D auch tief attackiert werden. Es gibt aber einen wichtigen Punkt, der gerne übersehen wird: Kaepernick hat erst neun NFL-Starts und damit kaum Erfahrung. Die Ravens sollte die Hölle aus ihm blitzen, versuchen ihn zu dummen Entscheidungen zu zwingen und hoffen, daß er nicht ganz trocken im Super Bowl mit Pässen macht, was er gegen Green Bay mit Läufen gemacht hat

Seminole sieht es kurz und knackig anders:

Ich laufe gewiss nie Gefahr, zu tief in die Analyse-Pipette zu gucken. San Francisco ist besser, aber was heißt das schon? Die Ravens sind im Formhoch und sie haben die Abgebrühtheit, den jungen Colin Kaepernick in die Falle tappen zu lassen. Die Ravens werden beißen, sie werden kratzen. Sie werden gewinnen. Und zwar mit vier Punkten.

Ich will mich auch nicht um eine Mini-Vorschau drum herum drücken. Das ganze Jahr schon schreibe ich von der mittelmäßigen Qualität der Ravens und wie gut die 49ers schon unter Alex Smith waren und wie viel besser sie mit Colin Kaepernick sind. Das Power-Ranking, das fast 70% seiner Tipps richtig hinkriegt (und in den Playoffs bisher 7:3 ist), sieht dann auch heute einen Vorteil von 65:35 pro San Francisco 49ers (also fast 2:1).

Die San Francisco 49ers hatte ich im Sommer nichtmal als Playoffteam gesetzt gehabt. Um das nochmal zu begründen: 2011 war San Francisco ein Ausreißer gewesen, der gegen einen schwachen Schedule mit schwacher Offense (inexistentes Passspiel, schlechte Offense Line, unterdurchschnittliches Laufspiel), viel Turnoverglück und einem guten Record in engen Spielen eine 13-3 Saison hingelegt hatte. Das Team roch, nein, es schrie nach „Regression zur Mitte“.

Und die kam: Statt +28 nur noch +9 bei den Turnovers, statt 6-2 in engen Spielen nur mehr 2-1-1, statt 13-3 Siege nur mehr 11-4-1.  Was aber auch geschah: Die Mannschaft war um Welten besser. Eine plötzlich überragende Offensive Line. Ein vor allem in den ersten Wochen sensationelles Laufspiel. Ein effizienter QB Alex Smith. Die 49ers waren schon seit Anfang Oktober stets an #1 oder #2 im Power-Ranking gereiht. Sie hielten in der Folge einem außergewöhnlich schweren Schedule stand.

Umso mutiger fand ich den QB-Wechsel. Die Intention dahinter war stets klar: Noch mehr Explosivität. Aber eben auch mehr Risiko. Risiko, das Teams der Qualität der 49ers von 2012 üblicherweise nicht eingehen müssen. Harbaugh tat es, und er wurde belohnt. Kaepernick spielte zwar anfangs wechselhaft, aber der Angriff war noch potenter, unausrechenbarer.

Und noch etwas half: Verletzungsglück. Praktisch null Wechsel in der Offensive Line und bis auf die Zipperlein bei DE Justin Smith so gut wie keine Ausfälle in der Defense.

Die Ravens mauserten sich mit waidwunder Verteidigung, einer gewohnt unkonstanten Offense, teilweise sensationeller Special Teams und vielen unwahrscheinlich knappen Siegen (4th und 29, Baby!) durch und waren auch in den Playoffs nicht die Killer früherer Tage. Aber sie hingen wie Parasiten drin, sie warteten und schlagen dann zu, wenn es der Gegner erlaubte. Erst in der zweiten Halbzeit in New England war das eine über Beharrungsvermögen hinaus überzeugende Ravens-Vorstellung. Insgesamt war die Ravens-Truppe in den drei Playoffspielen ein „playoff-würdiges“ Kaliber, ein Team, das nach monatelanger Formkrise zeigte: Wir gehören hierher.

Jetzt also Superbowl 47.

Ich habe es während des Sofa-Quarterback Podcasts schon angedeutet: Ich erwarte kein überaus enges Spiel. Der Spread von nur 4.5 Punkten pro San Francisco (Opening Line) überrascht mich, denn ich halte die 49ers für weit klarer favorisiert. San Francisco ist fast durch die Bank qualitativ besser besetzt und auch mehrere Schlüsselmatchups dürften gut auf die Stärken und Schwächen der 49ers zugeschnitten sein. Wenn Kaepernick nicht plötzlich einfällt, dass er nun unter dem Lichte der Superbowl nervös werden sollte und seine Mannschaft mit einer Latte an Fumbles und Interceptions in die Scheiße reitet, sehe ich (erneut) wenig Chancen für die Ravens, dieses Spiel, diesen Titel zu gewinnen.

Wie im CL-Finale favorisiertes, überlegenes Rot gegen überaltertes, mittelarmes Blau/Lila. Damals gewann Blau. Diesmal gewinnt Rot.

San Francisco mit 10.

Rückblende 2002: Superbowl XXXVI

[18h39] New Orleans war Heimat von bisher sieben Superbowls (sechs davon im Superdome). Die bisher letzte fand vor elf Jahren dort statt: Als erstes Endspiel nach 9/11 von außergewöhnlichem Flair umweht. Beobachter erzählen noch heute von einem sehr bizarren Ambiente: Hardcore-Sicherheitseinrichtungen rund ums Stadion und alle Events, eine hektargroße US-Flagge vor dem Kickoff, so viele Tränen zur US-Hymne, dass der Mississippi zum Bergbach verblassen würde, eine noch heute als episch beschriebene Halftime-Show von U2, und überhaupt U-S-A überall. Da war es nur passend, dass mit dem lieblichen Underdog New England Patriots auch ein entsprechender Nobody in den Landesfarben blau-weiß-rot qualifiziert war, und als erste Superbowlmannschaft ever geschlossen als Team ins Stadion einlief – etwas, das sich seither als Standard etablierte.

Superbowl XXXVI war auch mein erstes Footballspiel. Beiläufig im Sportteil nach einem Skitag gelesen, dass da eine Geschichte David vs. Goliath anstand. Beim Überfliegen blieb ich stecken. Da gab es einen Namenskollegen, Tom Brady. Noch viel besser: Der andere Quarterback hieß Kurt Warner. Kurt Warner. Ein Name wie ein Donnerhall. Ein Amerikaner konnte „Kurt“ heißen! Kurt war wohl der Hauptgrund, weswegen ich mir die Partie gab. Nicht live. Ich war zu jung und musste nächsten Tach zur Schule. Also zeichnete ich die Übertragung des ORF auf.

Superbowl 36 war ein kleines Schlüsselerlebnis für mich, fesselnde Kommentierung, enges, umkämpftes Spiel. Punch, Gegenpunch, entschieden in der Schlusssekunde, mit gutem Ausgang für den krassen Außenseiter. Mein erstes Footballspiel. Und wie es so ist mit dem ersten Mal: Man vergisst es nicht.

Superbowl 36 gilt immer noch als legendär und eine der spannendsten der Superbowl-Geschichte, die Geburtsstunde der großen Patriots-Dynastie des letzten Jahrzehnts, aber sie kam im Laufe der Jahre auch in Verruf, da sich Belichick wohl im Vorfeld umstrittener Methoden (Stichwort: Spy Gate) bedient hatte. Es war gleichzeitig das vielleicht letzte Zucken der Greatest Show on Turf der Rams, die eine der markantesten Offenses mit etlichen Superstars spielten, aber Warner nur eineinhalb Jahre später wie eine heiße Semmel fallen ließen und in der Folge jahrelang in ein tiefes sportliches Loch fielen, aus dem sie jetzt noch nicht vollends wieder raus sind.

Ich sehe mir diese Superbowl 36 quasi als Einstimmung gerade im Archiv des NFL-Gamepass an, und es hätte Potenzial, mehrere Blogeinträge an Analyse zu füllen. Die U2-Halbzeitshow ist leider rausgeschnitten, aber ansonsten kommt die Atmosphäre gut rüber. In wenigen Minuten wird der legendäre Cokommentator John Madden einen seiner berühmtesten Sätze sagen:

And now with no timeouts I think that the Patriots with this field position you have to just run the clock out, you have to play for overtime now. I don’t think they wanna force anything here, you don’t want to do anything stupid because you have no timeouts and you are backed up.

Die Geschichte danach ist mir schon bekannt: Brady nimmt das Ei an der eigenen 17 mit 1:21 Minuten verbleibend auf, Spielstand 17-17, orchestriert ein Kurzpassgewichse über RB J.R. “blitz-Blocker” Redmond und WR Troy Brown, und Vinatieri kickt mit auslaufender (well, die letzten 2 Sekunden wurden den Rams gestohlen) das entscheidende Field Goal.

Retrospektiv muss man festhalten: Brady wurde MVP, aber ein waschechter MVP sieht anders aus. Brady warf zu 95% kurze Pässe, ließ die Receiver für die Yards arbeiten, machte nicht mehr als die sprichwörtliche Fehlervermeidung. Wenn schon aus dieser Mannschaft ein MVP, dann entweder in der Offense Troy Brown (6 Catches für 89yds ist aber keine MVP-verdächtige Stat-Line), oder, viel besser, ein Mann aus dem Defensive Backfield.

S #34 Tebucky Jones fällt raus, weil fürchterlich dilettantisch beim Ausgleichs-TD der Rams (und sein Fumble-TD wurde zurückgepfiffen). Der bekannte S #36 Lawyer Milloy fiel auch nicht auf. Bleiben CB #38 Otis Smith oder CB #24 Ty Law (Law returnierte eine INT zum TD) als richtige Kandidaten: Das WR-Duo Holt/Bruce mehr oder weniger komplett neutralisiert, Rams-Offense für weit über drei Viertel auf 3 Punkte gehalten.

Vielleicht werde ich mir das Spiel mal etwas genauer vornehmen. Heute ist nicht der Tag dafür.

NFL-Crush & Six Nations

[18h06] Auf Walter Reiterers neuester NFL-Seite „NFL-Crush“ gibt es eine Video-Preview: Crush-TV Volume 1, Superbowl Preview (Reiterer, Marko Markovic). Hatte Walter Reiterer Angst, dass es zu blendend wird, oder warum braucht man im Studio Sonnenbrillen? Ist aber auf alle Fälle gelungen.

[17h58] Die Italiener werden heute bei der Superbowl bestens gelaunt sein. Rugby-Italien gewinnt sein Auftaktspiel in den Six Nations 2013 gegen die Franzosen sensationell 23-18 trotz Unterzahl in den letzten Minuten. Man hielt den letzten Angriffen der Franzosen stand. Die Stimmung im italienischen TV und im Stadion ist überschwänglich. Soll erst der zweite Pflichtspielsieg ever über Frankreich gewesen sein.

[16h58] Jetzt wird auch an prominenterer Stelle gegroovt.

Sideline Reporter Drinking Game 2013

[16h52] Dieses Jahr also keine Uni-Klausur am Montag. Ergo kehrt das Drinking Game zu Sideline Reporter zurück. Die erforderlichen Zutaten sind:

  • Bier (Pils)
  • Weißbier
  • Schnaps in Form von Shots (Wahl des Getränks bleibt frei; Klarer ist erlaubt)

Nur in begründeten Ausnahmefällen sind Ausnahmen erlaubt (z.B. wer kein Weißbier lagernd hat darf sich am Pils probieren). Die Regeln, je nachdem auf welchem Kanal Sie die Partie gucken, sind folgende:

Ein Schluck Pils

  • Jedes Mal, wenn ein Kommentator „Superbowl 47“ (in Worten: Superbowl siebenundvierzig) sagt
  • Jedes Mal, wenn ein Kommentator „Momentum“ sagt
  • Jedes Mal, wenn ein Kommentator „Harbaugh“ sagt
  • Jedes Mal, wenn ein Kommentator „HarBowl“ sagt
  • Jedes Mal, wenn Phil Simms „talked about“ sagt

Ein Schluck Weißbier

  • Jedes Mal, wenn ein Kommentator sagt, die 49ers haben noch keinen Superbowl verloren
  • Jedes Mal, wenn der Kameraschwenk auf Harbaughs Dad geht
  • Jedes Mal, wenn „Joe Flacco“ und „Elite“ im selben Atemzug genannt werden
  • Jedes Mal, wenn „Ray Lewis“ und „Hall of Fame“ im selben Atemzug genannt werden
  • Jedes Mal, wenn Joe Theisman „really nice play“ sagt

Ein Shot

  • Für Münzwurf HEADS
  • Für Münzwurf TAILS
  • Für jede Nennung des Rücktritts von Ray Lewis
  • Für jede Nennung der Motivationskünste von Ray Lewis
  • Für jeden Turnover
  • Für jeden Punt
  • Für jede Einblendung von Alex Smith am Seitenrand
  • Pro Overtime (für die erste einen, für die zweite zwei, usw.)
  • Jedes Mal, wenn Kaepernick bei der „read-option“ den Ball selbst behält
  • Für jeden Sack für oder gegen einen Spieler mit Nachnamen Smith
  • Für jedes verkickte Field Goal
  • Wenn die 49ers gewinnen.
  • Wenn ein QB MVP wird

Zwei Shots

  • Wenn die Hymne über 100 Sekunden dauert
  • Jedes Mal, wenn die Kamera auf die Bourbon Street gerichtet ist
  • Jedes Mal, wenn Jim Caldwell im Bild ist
  • Für jedes geglückte Field Goal von David Akers.
  • Wenn die Ravens gewinnen.
  • Wenn kein QB MVP wird

Drei Shots

  • Für jede unterlaubte Challenge (vulgo „für jeden Schwartz“)
  • Für jeden Harbaugh beim Siegerinterview

Vier Shots

  • Für jeden Textfehler in der Hymne von Alicia Keys
  • Für jeden Stromausfall in der Halftime Show

Pils auf Ex

  • Jedes Mal, wenn Sie grad vom Kotzen aus dem Klo kommen

Weißbier auf Ex

  • Wenn Colin Kaepernick vor dem letzten Drive für Alex Smith gebencht wird

Prost.

Jürgen Kalwa bei DRadio Wissen

[16h03] Der in New York lebende Journalist „King“ Jürgen Kalwa gilt als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet des US-Sports. Kalwa hat in einem sechsminütigen Segment bei DRadio Wissen über die Superbowl und das Problem der Gehirnerschütterungen referiert. Mit dabei auch O-Töne der deutschen NFL-Hoffnungen Kuhn/Werner, die bedenklich wenig Empathie für ihre Hirnkästen aufbringen.

DRadio Wissen: Verstecktes Trauma.

Die Gesichter des Superbowls 2013

[15h43] Superbowl-Vorschau for people who don’t know football (2013 edition):

Flacco

Then again, despite his physical gifts, Joe has never appeared to be elite. His high school team never had a winning record. His college team, the Delaware Blue Hens, didn’t even make him a captain (and quarterbacks are almost always captains). In the practices for the 2008 Senior Bowl, he showed all the talent in the world, but in his NFL career he has the tendency to completely disappear. With the exception of week 14 against the Redskins, Joe’s road record in 2012 was like seven incontinent toddlers in a bounce house.

Ray Lewis

After his acquittal, he immediately helped lead his team to the Super Bowl in 2001, so being a suspect in a yet-unsolved (and still unsolved) murder didn’t slow him down much. Ray has also since found Jesus in a serious way, fathered six kids with four different women, starred in some surreal Right Guard commercials, played video games on TV with Paul Rudd, and been a famously emotive linebacker for the same team his entire career.

Justin Smith

He’s known in the NFL as “Cowboy,” and not because he likes country music or calls every pair of shoes “shitkickers” or says things like “Cowboy Up!” when he’s in the cereal aisle. He grew up on a 1400-acre cattle farm in rural Missouri, spent his entire life doing the hard work of raising Hereford truebred cattle, and when he wasn’t lifting hay bales, he was in the gym, lifting weights. It’s where he met his wife, then a varsity long-distance runner, in college.

Und weiter mit Kaepernick, dem Maler Vernon Davis und Brendon Ayandeb…. Ady… Ayandadejo („The Activist“). Kann man sich schon mal zu Gemüte führen.

Super Bowl Ads: Früher und heute

[15h00] (Achtung, die Superbowl-Ads von heute Nacht werden gespoilert!)

Die Superbowl-Werbeclips in den Staaten sind legendär kostspielig. CBS wird heute Nacht wohl zum ersten Mal die Schallmauer von $4 Mio. pro 30sek Werbezeit knacken. Viele der Clips aufgrund ihrer Originalität in die Popkultur ein. Ein paar sehr gute Momente gibt es nachfolgend im eingebetteten Video zu sehen.

Einer meiner ganz großen Favoriten ist bei allem Pathos-Gehabe immer noch der Budweiser-Tribut an 9/11:

Budweiser wird heute nach Forbes-Informationen folgenden Clip zeigen:

Überhaupt: Bei Youtube ist schon eine Videostrecke für die heutigen Superbowl-Werbungen geschaltet: Superbowl Commercials 2013.

Im NFL-Gamepass soll auf alle Fälle die CBS-übertragung laufen. Ich nehme an, mit Werbung.

Louisiana Superdome

Der abgedeckte Superdome wurde zum Symbol für New Orleans und Katrina

Der abgedeckte Superdome wurde zum Symbol für New Orleans und Katrina

[14h37] So sehr Football Freiluftsport ist und mir die Hallenatmosphäre widerstrebt, so sehr mag ich den „Mercedes-Benz“ Louisina Superdome als einzige NFL-Halle. Er ist eine architektonische Meisterleistung. Mitte der 70er Jahre in einem spektkulären Projekt auf Stelzen in die Sümpfe des Mississippi-Deltas gebaut, hatte er jahrzehntelang die weltweit größte Kuppel und das Stadion mit dem besten Namen weltweit.

Über die Landesgrenzen hinaus berühmt geworden ist die Halle durch den Hurrikan Katrina anno 2005, als sie als Unterkunft für tausende Obdachlose fungierte. Die halb abgedeckte weiße Kuppel des Superdomes wurde zum Symbol der Stadt und ihrem Katastrophenmanagement.

Im Sport ist die Halle seit fast 40 Jahren Heimat der New Orleans Saints und des Sugar Bowls um die Neujahrstage, und war auch mehrmals Austragungsorts für Super Bowls, meistens wie es der Zufall wollte, als die Patriots sich dafür qualifizierten. Der Bau gilt für heutige Verhältnisse nicht mehr als state of the art, dürfte aber aufgrund der Symbolik fürs Erste unangetastet bleiben.

Dixie zum Begräbnis

[13h28] Als Musikant war New Orleans für mich stets für seine Begräbniskultur und deren Verlinkung hinein in die Musikszene bekannt. Man muss sich das so vorstellen: Die Stadt liegt im Mississippi-Delta, teilweise unterhalb des Meeresspiegels in sumpfähnlichen Gebieten. Aufgrund der schieren Feuchtigkeit in den Böden können die Toten nicht in Friedhöfen begraben werden, da durch den Verwesungsprozess Seuchen drohen würden. Man schuf also im Lauf der Jahrhunderte sogenannte „Totenstädte“, Mausoleen zur Bestattung der Toten. Passend zu diesen eher unüblichen Orten der letzten Ruhe entstanden ganz eigene Begräbnis-Rituale.

Langsame, mollige Choräle auf dem Weg in die Totenstadt, aber nach der Verabschiedung der Gestorbenen geht es mit der „Second Line“ (z.B. Schaulustige) rund: Weltlicher Dixie, Tänze, s’Leben geht weiter. Bekannt dürfte diese sogenannte „Jazz-Beerdigung“ vielen Fans von James Bond aus dem Filmklassiker „Leben und sterben lassen“ sein:

Der gespielte Choral ist in diesem Falle Just A Closer Walk with Thee, das weltliche Stück danach der Second Line March (auch: Joe Avery’s Piece).

Zwischenstation New Orleans

[12h01] Ein Freund tourt gerade mit seiner Künftigen durch die Welt. Eine der Stationen war im Spätsommer New Orleans. Sein Fazit: Die Stadt ist immer noch heruntergekommen, halb verfallen, vor allem die Altstadt („French Quarter“); superbes Essen, aber nachts eher exklusives Volk auf den Straßen: Besoffene, Nutten und viele Junggesellenabschiede. Die Stripclubs („Barely Legal Hustler Club“) in der Bourbon Street sind wohl nicht zu übersehen… von den früher so üblichen Ausritten einiger Superbowl-Spieler in den Tagen vor dem Großen Spiel war diese Woche aber wenig zu hören.

Zu einem jüngeren Gewerbe: Der Fotographie. Impressionen aus New Orleans, original und ©Alexander Lechner.

Auf dem Weg nach New Orleans: Autobahn in gewohnter US-Qualität - ©Alexander Lechner

Auf dem Weg nach New Orleans: Autobahn in gewohnter US-Qualität – ©Alexander Lechner

Ze Sümpfe vor den Toren von New Orleans - ©Alexander Lechner

Ze Sümpfe vor den Toren von New Orleans – ©Alexander Lechner

Central Business District und unser Superdome im Sichtfeld - ©Alexander Lechner

Central Business District und unser Superdome im Sichtfeld – ©Alexander Lechner

Die Warnung voraus - ©Alexander Lechner

Die Warnung voraus – ©Alexander Lechner

French Quarter - ©Alexander Lechner

French Quarter – ©Alexander Lechner

Auch am berühmten Napoleon House in der Chartres Street sind die Spätfolgen von Katrina unübersehbar - ©Alexander Lechner

Auch am berühmten Napoleon House in der Chartres Street sind die Spätfolgen von Katrina unübersehbar – ©Alexander Lechner

Jackson Square an der Chartres Strees unweit des Mississippi - ©Alexander Lechner

Jackson Square an der Chartres Strees unweit des Mississippi – ©Alexander Lechner

Der Reiter - ©Alexander Lechner

Der Reiter – ©Alexander Lechner

Eine Straße von Bourbon entfernt - Hotel Chateau LeMoyne - ©Alexander Lechner

Eine Straße von Bourbon entfernt – Hotel Chateau LeMoyne – ©Alexander Lechner

Und schließlich: Lecker Futter - ©Alexander Lechner

Und schließlich: Lecker Futter – ©Alexander Lechner

Bissl mehr zu sehen gibt es im Original-Blogeintrag der Reisenden.  Geschrieben Wort auf Blatt „Grand Tour 2012“ wird dann im Eigenverlag erscheinen – maybe.

Katrina

[08h55] Bei diesem Superbowl 2013 kann man nicht am Hurrikan Katrina aus dem Sommer 2005 vorbeischauen. Die Bilder von mehreren komplett überfluteten Stadtteilen waren ebenso beeindruckend wie bedrückend und der Gedanke, dass ein Ort mit mehr als 400.000 Einwohnern quasi über Nacht zur Geisterstadt mutieren kann, ist immer noch gespenstisch.

Katrina war mehr als eine Naturkatastrophe. Katrina legte auch offen, wie unterdimensioniert die Schutzwalle für New Orleans waren (man bedenke, dass die Stadt zum Teil meterweit unter Meeresspiegel bzw. unter Spiegel des nahen Lake Pontchatrain liegt) und wie ineffektiv Teilprojekte ohne ein ausgefeiltes Gesamtsystem (wieder: es gab kein ganzheitliches Schutzwallsystem) sein können. Und Katrina war schließlich auch die Gelegenheit zu einem Diskurs über Rassen und soziale Klassen, nachdem New Orleans wie so viele amerikanische Städte massive Probleme mit Suburbanisierung hat, die während der Evakuation vor aller Welt zu Tage traten.

In jeder Katastrophe steckt die Möglichkeit, ohne tagtägliche politische Grabenkämpfe an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Katrina bot in New Orleans auch neue Möglichkeiten. Die technischen und logistischen Herausforderungen, die der Wiederaufbau eines Dammsystems stellte (aber auch bot), habe ich erst im Rahmen meines Studiums abzuschätzen gelernt. Anbei ein anschauliches Video, wie das in New Orleans von Statten ging und noch immer geht:

Diverse andere Probleme bleiben. Die Stadt sinkt im Sumpf des Mississippi-Deltas weiter leicht ab und weil viele, Obdachlose, aber auch „normale“ Familien, nicht mehr nach New Orleans zurückkehrten, liegen weite Teile brach. Gleich mehrere Stadtviertel sind immer noch trostlos und verfallen.

Die Superbowl XLVII wird heute im symbolträchtigen Superdome ausgespielt, der für mehrere hundert Millionen Dollar saniert wurde, und sie wird allein an diesem Wochenende eine geschätzte halbe Milliarde Umsatz in der Stadt generieren.

MVP-Wahlen 2013

[08h17] Neben der Hall of Fame wurden heute Nacht auch die NFL-Awards 2012/13 bekannt gegeben:

  • NFL MVP: RB Adrian Peterson/Vikings. Dass ich es für Unsinn halte, einen Running Back zum MVP zu wählen, muss ich nicht mehr wiederholen. Aber der größte Eckpunkt einer 10-6 Mannschaft scheint wichtiger zu sein als noch viel eckigere Eckpunkte von 13-3 oder 12-4 Teams. Das Wildcard-Playoffspiel war Beweis genug.
  • Offensivspielers des Jahres: Peterson. Gab dieses Jahr eine Serie an möglichen Kandidaten, aber Peterson mit seinem fast-Rekord kann man an dieser Stelle verteidigen.
  • Defensivspieler des Jahres: DE J.J. Watt/Texans. Stand nie zur Diskussion.
  • Offensivrookie des Jahres: RG3. RG3 > Luck > Wilson: Den Sieger würde ich dieses Jahr unterschreiben.
  • Defensivrookie des Jahres: LB Luke Kuechly/Panthers.
  • Comeback des Jahres: QB Peyton Manning/Broncos. Der andere Kandidat wäre Peterson gewesen. Scheint so was wie ein Ausgleich für die MVP-Ungerechtigkeit zu sein.
  • Coach des Jahres: Bruce Arians/Colts. War klar, dass Arians den Pokal kriegen würde, aber ich stimme trotzdem nicht zu. Eine Mannschaft mit Grotten-Record mittelmäßig zu machen ist eine kleinere Errungenschaft als ein mittelmäßiges Team zu einem Killer zu machen. Insofern wären Jim Harbaugh oder Carroll bessere Wahlen gewesen.

Die unsrigen Wahlen gab es schon vor einem Monat.

Hall of Fame Class 2013

[07h15] Die Hall-of-Fame-Class im Football ist dieses Jahr sieben Mann stark und damit sieben Mann stärker als jene im Baseball. Kurz die Gewählten, denen dann im Sommer in Canton/OH eine Büste aufgestellt wird:

  • Bill Parcells, Headcoach. Parcells war so was wie ein Obermufti, der von Franchise zu Franchise zog, aus Trümmern eine akzeptable Mannschaft bastelte, aber dann stets vor Vertragsende keine Lust mehr hatte und den Brocken hinwarf. In den 80ern holte er mit den Giants zwei Superbowls, ging dann nach New England, schnitzte dort aus dem schlechtesten Team der Liga innerhalb von drei Jahren einen Superbowl-Teilnehmer, ging zu den Jets, formte aus dem schlechtesten Team der Liga innerhalb von zwei Jahren einen AFC-Finalisten, schmiss alles hin, ging zu den kränkelnden Cowboys, führte diese in die Playoffs zurück, hörte auf, ging als Sanierer und GM nach Miami, machte aus dem schlechtesten Team der Liga innerhalb eines Jahres den vermutlich einzigen Divisionssieger in der AFC East dieses Jahrzehnt, der nicht New England hieß. Parcells’ bekanntestes Statement („you are what your record indicates“) zeigt bedenklich viel Ignoranz für die vielen Zufälle in der NFL. Auf der anderen Seite ist sein Trainer-Baum riesig, u.a. mit dem Lieblingsschüler Belichick.
  • Larry Allen, Guard. Von Allen zu „stärkster Mann unter der Sonne“ war der Sprung nie der größte. Allen ist in gleich zwei Teams des Jahrzehnts (90er und 2000er Jahre).
  • Jonathan Ogden, Left Tackle. Galt als bester Offense Tackle seiner Zeit (1996 bei den Ravens gedraftet, 2000/01 Superbowl-Champ). Man fragte sich bei der Qualität der Quarterbacks in Baltimore bloß, wen beschützte der Mann eigentlich?
  • Cris Carter, Wide Receiver. Wie viele Jahre war die Rage in den Medien nun groß, dass Carter mal wieder am Cut gescheitert war? Zehn Jahre? Fünfzehn? Carter ist einer der drei oder vier Leute mit den moisten Catches in der Geschichte, und es wurde überfällig, ihn in die Hall of Fame zu wählen, da in wenigen Jahren eine Flut an Receivern und Tight Ends mit großartigen Stats anklopfen wird.
  • Warren Sapp, Großmaul. Sapp war knapp vor meiner Zeit ein dominanter Defensive Tackle bei den Buccs, und mehr: Er war neben Derrick Brooks das Gesicht der Buccs. Das klingt erstmal nach wenig, aber die Buccs galten in den zwei Jahrzehnten vor Sapp und Brooks als eines der schlechtesten Teams der US-Sporthistorie. 2002/03 gewannen sie den Superbowl. Danach verdingte sich Sapp zum Karriereausklang bei den Raiders und mutierte in den letzten Jahren bis zu seinem finanziellen Ruin zum Studio-Pundit.
  • Curley Culp, Defensive Tackle und Dave Robinson, Linebacker sind die beiden „Senior Inductees“. Spielten, als das Farbfernsehen zu laufen begann.

Am finalen Cut gescheitert sind u.a. WR Andre Reed (Bills), RB Jerome Bettis („The Bus“, Colts/Steelers), DE Michael Strahan („Die Zahnlücke“, Giants) und DE Charley Haley („ein Ring für jeden Finger“, 49ers/Cowboys). Auch der Wandervogel DB Aeneas Williams und WR Tim „mein Coach ist ein Arschloch“ Brown sind nicht dabei. Zwei namhafte Owner – beide mit Verbindungen zu den heutigen Superbowl-Teilnehmern – sind auch durchgefallen, und man vermutet, dass bei beiden die „Skandale“ eine große Rolle gespielt haben: Art Modell (Browns/Ravens, der wie oft diskutiert die Browns aus Cleveland abzog) posthum, und Eddie DeBartolo (49ers, war in einen Schmiergeldskandal verwickelt).

Am Morgen vor der langen Nacht

[07h00] Diese Saison ging an die Grenzen. Ich sah dank Gamepass so viele Spiele wie noch nie, aber die condensed-Option raubte mir auch den Thrill der Nacht, die Seele des Spiels. Es war notwendig. Ich hatte wenig Zeit. Job und Vereinsleben fraßen mich auf. Qualität und Tiefe der Artikel auf diesem Blog litten. Ganze Themenbereiche musste ich komplett undiskutiert lassen. Eine Flut an eMail-Anfragen ignorieren. Manchmal antwortete ich wenigstens vertröstend. Häufig nicht. Das tut mir leid. Aber wenn die Seite wächst, wächst die Arbeit. Wenn sie über den Kopf wächst, muss einer dran glauben. In diesem Fall das Blog. Am heutigen Superbowl-Sunday steht bis auf ein paar Stunden auf der Skipiste aber nix zwischen uns und der Superbowl. Siebzehneinhalb Stunden bis zum Kickoff, Baby.

Die zweite Reihe: Kevin Gilbride

Jerry Reese, Steve Spagnuolo, Kevin Gilbride &...

Image via Wikipedia - Gilbride mit weißem Haar und weißem Shirt

[In der Serie „Die zweite Reihe“ werden Spieler, Trainer und Taktiken vorgestellt, die für den Erfolg einer Mannschaft essentiell sind, aber nicht im Rampenlicht stehen. In Teil 1 war Jets´ Safety Jim Leonhard dran. Für Teil 2 tritt heute Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants, aus der zweiten Reihe ins erste Glied.]

Coordinators stehen ja in der Regel ohnehin nicht in der ersten Reihe. Aber wenn sie erfolgreich oder einigermaßen spektakulär spielen, stehen sie schnell im Rampenlicht und werden für alle möglichen Cheftrainerposten gehandelt. Die Patriots-Offense bricht 2007 alle Rekorde? Sofort wird Offensive Coordinator Josh McDaniels das Schild „wunderkind“ umgehängt. Die Giants brechen dieser Offense im Super Bowl die Beine? Schon ist Defensive Coordinator Steve Spagnuolo das heißeste Dinge seit Erfindung des Forward-Passes und bekommt eine eigene Mannschaft als Head Coach. Es gibt aber auch viele Gameplan- und Taktik-Gurus, die immer im Hintergrund bleiben. Unser heutiger Kandidat aus der zweiten Reihe steht sogar in seiner Heimat New York im Schatten des anderen New Yorker OCs. Seltsam, aber wahr: Brian Trottelheimer Schottenheimer, ab nächster Saison bei den Rams, weil für die Jets zu schlecht, ist bekannter und gefragter als Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants.

Komischerweise ist Gilbride sogar bei vielen Fans der Giants nicht gerade wohlgelitten, wie Spitznamen à la „Kevin Killdrive“ und die alljährlichen Rufe nach seinem Kopf beweisen. Dabei war New Yorks Offense in den letzten vier Jahren jeweils unter den Top-9 und bis jetzt sind zwei Super Bowl Ringe dabei herausgesprungen. Und nicht zuletzt Gilbride hat aus Eli Manning gemacht, was er heute ist. Komischerweise auch hat der Giants-Angriff einen ziemlich lahmen Ruf, was vor allem daher rührt, daß Gilbride mit aller Macht versucht, möglichst nahe an eine 50/50 Run-Paß-Balance zu kommen. Dabei kommt der typisch ostküstenmännisch aussehende Mann mit den weißen Haaren aus einer der aufregendsten Offensiv-Schulen aller Zeiten: der Run-and-Shoot Offense.

Die Run-and-Shoot Wurzeln

Die Run-and-Shoot Offense, die von Tiger Ellison und Mouse Davis erfunden wurde, war in den 60er und 70er Jahren an High Schools und in den 80er Jahren in der College-Welt die alle Rekorde zerschmetternde Revolution. Bei den Houston Gamblers der kurzlebigen USFL hat Mouse Davis die Offense dem Head Coach Jack Pardee und Offensive Assistant John Jenkins näher gebracht (Quarterback übrigens Jim Kelly). Nachdem die USFL 1986 den Bach runtergegangen ist, hat Pardee, ehemaliger NFL-Linebacker, Jenkins und die Run-and-Shoot-Idee mitgenommen und wurde 1987 Head Coach der Houston Cougars. Pardee und Jenkins waren mit den Cougars 1988 und 1989 dermaßen aufregend und erfolgreich, daß Pardee Head Coach der Houston Oilers wurde und Jenkins sein Nachfolger als HC der Cougars.

Als Pardee seinen neuen Posten bei den Oilers 1990 antrat, fand er dort einen Quarterbacks Coach vor, der ihm so sehr imponierte, daß er ihn prompt zum Offensive Coordinator machte. Der damals 39 Jahre alte Gilbride hatte gerade sein erstes Jahr in der NFL hinter sich. Vorher hatte er sich lange Zeit als Assistant an Colleges wie Tufts, American International und East Carolina durchgeschlagen; zwei Jahre verbrachte er in der CFL bei den Ottawa Rough Riders und fünf Jahre lange, von 1980 bis 84, war er Head Coach seiner Alma Mater: Southern Connecticut State.

Bei den Houston Oilers

In den folgenden vier Spielzeiten gewannen die Oilers 42 Spiele und hatten jede Saison eine Top-3-Offense. Die Offense um Quarterback Warren Moon, der hinter zwei der besten Offensive Lineman aller Zeiten spielte, Bruce Matthews und Mike Munchack (jetzt HC der Titans) war Super-Bowl-würdig. Spätestens als Houston dann aber in den 92er Wild-Card-Playoffs auf der falschen Seite des größten Comebacks aller Zeiten stand, mußte sich dringend etwas ändern. Also holte man sich eines der besten Defensive Minds und einen der härtesten Trainer als Zeiten für den Posten des Defensive Coordinators: Buddy Ryan. Ryan hatte in den 80ern die legendäre Bears-Defense gebaut, Head Coach Mike Ditka hatte ihm auf dieser Seite des Balles freie Hand gelassen. Die Verteidigung der 85er Bears gilt bis heute als beste aller Zeiten. Ryan war aber schon immer ein eigenwilliger Kopf und hatte keine Lust mehr, die zweite Geige hinter Ditka zu spielen, also war er ganz glücklich, 1986 Cheftrainer der Philadelphia Eagles werden zu dürfen. Er hat in Philly zwar kein Playoffspiel gewonnen, aber eine erstklassige Defense hat er aus den mäßigen Eagles fast aus dem Stand gemacht. Dessen erinnerten sich also die Oilers 1993 und verpflichteten ihn als DC.

An was sich die Verantwortlichen in Houston augenscheinlich nicht erinnerten, war die Tatsache, daß Ryan als Mensch einen noch viel größeren Dachschaden hatte als seine beiden Söhne Rex und Rob und außerdem Offensivspieler und -trainer generell für Idioten und Weicheier hielt. So war es ihm ziemlich egal, daß Houstons Angriff unter Gilbride auch 1993 wieder die drittbeste Offense der Liga hatte. Ryan hielt es für unverantwortlich, „seine“ Spieler ständig wieder aufs Feld schicken zu müssen, weil die Offense zu schnell und aggressiv spielte. Im letzten Spiel der regulären Saison – die Oilers hatten die letzten zehn Spiele in Folge gewonnen – war es dann so weit: Ryan platzte der Kragen und er reichte Gilbride an der Seitenlinie Eine durch – sauber an die Schläfe, vor aller Augen bei einem Monday Night Game. Eine der verrücktesten Dinge, die je in der NFL passiert sind.

Mit elf aufeinanderfolgenden Siegen ging man nichtsdestotrotz mit einem Freilos im Rücken in die Playoffs und verlor mal wieder das erste Spiel, dieses Mal gegen Joe Montana und die Kansas City Chiefs. In der 94er Saison war Gilbride zwar noch in Houston, aber Moon und Ryan nicht mehr; nach dem 1-9-Start trat Pardee zurück und der junge DC Jeff Fisher, der sein Handwerk unter Buddy Ryan in Philadelphia erlernt hatte, nahm auf dem Cheftrainerstuhl Platz.

Über Coughlin zum Head Coach ins Niemandsland

Das folgende allgemeine Ausmisten ging auch an Gilbride nicht vorbei. Weil er aber als großartiger Offensive Coordinator galt, holte Tom Coughlin, Head Coach des Expansion Teams Jacksonville Jaguars, Gilbride als OC mit an Board.Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte Gilbride den blutjungen QB Mark Brunell soweit, bereits in seiner zweiten Saison als Starter für fast 4400 Yards zu werfen und die Jags ins AFC Championship Game zu führen.

Mit sieben derart erfolgreichen Jahren im Resumée wurde es Zeit, selber eine Mannschaft zu übernehmen – leider waren es die 97er San Diego Chargers. Das größte Problem war der fehlende Franchise Quarterback. 1997 waren Craig Whelihan, Stan Humphries, Jim Everett und Todd Philcox under center. Mit diesem Personal war kein Blumentopf zu gewinnen. Also nutzte man den zweiten Pick in der NFL Draft 1998 um ein riesiges Quarterback Talent zu draften, das die Zukunft der Franchise werden sollte, sein Name: Ryan Leaf. Alles weitere ist bekannt. Nach sechs Spielen ´98 mußte Gilbride gehen.

1999 und 2000 hat Gilbride dann wieder mal eine neue Erfahrung mitgemacht, als er unter Bill Cowher OC der Pittsburgh Steelers war. Dort hat er gemäß der alten Steelers-Tradition lauflastige Game Plans zusammengebastelt und eine Top-10 Rushing Attack auf die Beine gestellt. 2001 wollte Cowher dann lieber Mike Mularkey als OC und es wurde etwas stiller um Gilbride. 2001 nahm er eine Auszeit, bevor er 2002 und 03 im NFL-Niemandsland Buffalo den Angriff übernahm. Als Bills-HC Gregg Williams vor der Saison 2004 von Mike Mularkey abgelöst wurde und dieser selber die Offense übernahm, erinnerte sich Tom Coughlin, der gerade die New York Giants übernommen hatte, an seinen alten Buddy und übertrug ihm die Aufgabe, sich als Quarterbacks-Coach um den Rookie Eli Manning zu kümmern.

Mit Eli in New York

Das hat er ziemlich gut gemacht. Aus dem jungen Eil wurde langsam, aber sicher (aber vor allem langsam) zuerst ein richtiger Quarterback und später dann einer der besten QBs der Liga. Ab 2007 hatte Gilbride endlich wieder den Posten, der ihm am meisten behagt – Offensive Coordinator. Während dieser Zeit war die einzige Konstante Eli. Irgendwann war es dann auch egal, ob die Ballempfänger Plaxico Burress, Amani Toomer, Jermey Shockey, Sinorice Moss, Domenik Hixon, Steve Smith, Kevin Boss, Hakeem Nicks, Victor Cruz, Jake Ballard oder Mario Manningham hießen – seit 2008 war es immer eine Top-10-Offense. Es ist nicht zuletzt ein großes Verdienst Gilbrides,  alle diese WRs entdeckt oder/und so eingesetzt zu haben, daß sie ligaweit ein Begriff sind.

Es fällt heute ziemlich schwer, Kevin Gilbrides Offense in irgendeine Schublade zu stecken. Es steckt auf jeden Fall noch ein großes Stück Run-and-Shoot drin, aber ohne Rücksicht auf Verluste setzt Gilbride jedes Spiel über auch auf das Running-Game. Das hat er zum Teil sicherlich auch aus der Run-and-Shoot, denn dort war jeder Spielzug so angelegt, daß ein Laufspielzug immer so aussieht wie ein Paßspielzug und umgekehrt. Aber seine Laufspielzüge sind dann doch andere als die alten Läufe aus 4-WR-Sets. In diesem Sinne wird Gilbride sicher einiges aus Pittsburgh mitgenommen haben und, noch viel sicherer, wird er eine ordentliche Dosis von Coughlin eingehämmert bekommen haben. Schließlich kommt Coughlin aus der alten 80er-Jahre Bill-Parcells-Schule. Leider steht Gilbride nicht so im Rampenlicht, daß es viel Literatur über ihn gäbe oder daß er ständig von Kameras und Mikrofonen umzingelt wäre. Charakteristisch ist vor allem, daß die G-Men unter Gilbride eine der wenigen Mannschaften sind, die eine große Portion vertikales Paßspiel (à la Mike Martz´ Rams) in ihrem Arsenal haben, während die meisten Mannschaften hauptsächlich auf kurze Timing-Routen setzen, was alles mehr oder weniger eine Weiterentwicklung der Bill-Walsh-/West-Coast-Offense ist.

Trotz seiner Erfolge und seiner vielfältigen Erfahrungen in den verschiedensten Umfeldern mit den verschiedensten Trainern hat sich auch nach dem letzten Super Bowl Sieg über die New England Patriots keine trainerlose Mannschaft bei ihm gemeldet, er hatte nicht mal eine Anfrage für einen Head-Coaching-Job. (Sein Sohn dagegen, Kevin Gilbride, Jr. wurde gerade vom Quality Control Assistant zum Wide Receivers Coach befördert, nachdem die Giants anderen Teams untersagt haben, mit ihm in Kontakt zu treten.) Am Ende werden alle Beteiligten von Coughlin bis Manning froh sein, daß Kevin Gilbride weiterhin im Big Apple bleibt – wenn auch nur in der zweiten Reihe.