Kurzer Ausblick auf morgen

Der zweite NFL-Spieltag ist immer besonders aufregend. Viele Überraschungen aus Woche 1 führen zu vorschnellen Schlüssen, was nicht selten zu bösem Erwachen in Woche 2 führt. Doch zu den Matchups kommen wir erst morgen.

Lass uns heute noch kurz auf die Geschichten des zweiten Spieltags schauen, denn die NFL bietet hier wirklich vieles an. Kramen wir zum 100sten mal in den NFL-Annalen. Weiterlesen

NFL-Franchises im Kurzporträt, #19: San Francisco 49ers

Eine der stolzesten Franchises – mit Recht. Verantwortlich dafür sind vor allem jene Leute, die in den 80ern den Football revolutioniert haben und deren Nachwirkungen bis heute in verschiedensten Ausprägungen zu spüren sind.

Goldgräberzeiten

1849 kamen an der Westküste die ersten Goldgräber an und setzen einen wahren Goldrausch in Gang. Knapp 100 Jahre später, 1946, wurde in San Francisco eine Footballmannschaft gegründet. In Gedenken an die alten Zeiten wurde sie San Francisco 49ers genannt – Pioniere an der profisportarmen Westküste.

Million Dollar Backfield

Erfolge gab es zuerst kaum zu vermelden. Trotz teurer Hall of Famer wie QB Y.A. Tittle oder RB Joe Perry blieben die 49ers jahr(zehnt)elang unter Erfolgs-Verschluss. Die Philosophie, teure Altstars wie RB O.J. Simpson einzukaufen, sorgte nur dafür, dass die kleinen Kids selbst auf der „richtigen Seite“ der Bucht keine Lust hatten, in 49ers-Cappies herumzustreunen und dafür lieber den Totenkopf der Raiders trugen.

Die West Coast Offense

Den Umschwung – auch in der Denke – brachte der ehemalige Stanford-Coach Bill Walsh, der 1978 installiert wurde. Walsh setzte auf ein revolutionäres, jahrelang unter Verschluss gehaltenes, Konzept: Die West Coast Offense. Ein attraktives Angriffssystem, auf schnelles Kurzpassspiel und Timing setzend. Walsh brauchte dafür spezielle Spieler. Spieler wie QB Joe Montana, der als physisch limitiert galt. Für die West Coast Offense hatte Montana aber genau die richtigen Voraussetzungen: Wiff, präzise, kurzentschlossen.

Und Montana hatte Klöten aus Eis. Selbst in hautengen Spielen wie dem NFC-Finale 1981/82 brachte er den entscheidenden Pass an den Mann – Dwight Clark klaubte sich den rattenscharfen, aber etwas hoch geworfenen Ball aus der Luft. „The Catch“ war geboren – noch heute eine Legende. Eine Woche später war San Francisco Weltmeister, dank 26-21-Krimi über Cincinnati.

Die Goldenen Jahre

Das Ende der Fahnenstange war noch längst nicht erreicht. Walsh entwickelte seine Mannschaft. Er implementierte eine immer dominanter werdende Defense rund um Safety Ronnie Lott und entwickelte die Kurzpass-Offense weiter, hin zu einer ausbalancierten Angriffsmaschine, die mal kurz, mal lang spielen konnte. Alles, was das Footballherz begehrt. Mitten drin: Der Mitte der 80er gedraftete WR Jerry Rice.

Ende der 80er war die Mannschaft so gut, dass sie neben Halbgott Montana noch einen zweiten künftigen Hall of Famer, Steve Young, als QB in der Hinterhand hatte! 1984, 1988 und 1989 wurden die Titel 2, 3 und 4 geholt – mal mit dominanten Siegen über die berühmten QBs Marino und Elway, mal in hauchzarten Klassikern gegen die kleinen Cincinnati Bengals.

Montana wurde jedoch immer verletzungsanfälliger und schließlich zu Beginn der 90er von Young ersetzt und nach Kansas City abgeschoben. Young dominierte die Liga weiter, scheiterte aber immer wieder in den Playoffs an Dallas, weswegen er nach wenigen Jahren in der eigenen Stadt als Bust galt, weil er alles konnte außer den Titel zu gewinnen. So waren die Ansprüche im San Francisco der 90er.

Walshs Nachfolger George Seifert reagierte und implementierte mehr Laufspiel. Resultat: Der fünfte Titelgewinn 1994/95 in einem Rekord-Sieg über San Diego – Young hatte es geschafft, und er staubte sich in den Schlussminuten von Superbowl 29 symbolisch die Affen vom Buckel.

Ende der Goldenen Zeiten

Nach Youngs x-ter Gehirnerschütterung und Jerry Rices Abgang übernahm eine neuere, heikle Generation an der rot-goldenen Seite der Bucht. Unter QB Jeff Garcia und WR Terrell Owens bot man Unterhaltung auf und neben dem Feld – leider ohne entsprechende Resultate von 49ers-Güteklasse: Playoffs ja, aber die Meisterschaften holten andere.

Im abgelaufenen Jahrzehnt der 2000er sorgte man mit fast alljährlich rotierenden Head Coaches für wenig Stabilität und verbrannte mit QB Alex Smith sogar einen #1-Pick. Man verlor zwischenzeitlich sogar die eigene Identität, als man mit knochentrockenem, physischen Laufspiel die eigenen Fans auf die Barrikaden brachte.

Aufbruch zu neuen Ufern

Der neueste Head Coach an der Seitenlinie ist seit 2011 Jim Harbaugh, wie einst Walsh von der nahen Stanford University gekommen, und der schaffte im zweiten Jahr seiner Regentschaft, mit dem QB-Talent Colin Kaepernick wieder eine optisch attraktive Offense zu implementieren. Der Lohn war die Qualifikation für Super Bowl 47, die nach dramatischem Spielverlauf erst in den letzten Momenten gegen die Baltimore Ravens verloren wurde – die Ravens, die von Jims Bruder John trainiert wurden…

Das Stadion

Candlestick Park - Ort des Geschehens unzähliger Playoffdramen

Candlestick Park – Ort des Geschehens unzähliger Playoffdramen

Candlestick Park ist eines der ältesten Stadien der NFL und gilt, obwohl es viele legendäre Spiele erlebt hat, als langweilig. Grund: Es ist eines der letzten Multifunktionalstadien der NFL – obwohl seit dem Auszug der Baseball-Giants nur noch Football gespielt wird. Die 49ers drängten viele Jahre auf einen Stadion-Neubau – dieser kam, aber nicht in San Francisco. Die 49ers werden also im Sommer 2014 endgültig aus ihrer Heimatstadt ausziehen, ins neue Levi’s Stadium in Santa Clara, ein Tempel der Technologien.

Gesichter der Franchise

  • Bill Walsh – Head Coach und hier von Herrmann portraitiert. Walsh gilt als einer der einflussreichsten Gestalten in der Footballhistorie und prägte das Bild vom Offensivspiel so nachhaltig, dass Elemente aus seiner Offense noch heute in fast jedem Playbook zu finden sind.
  • Joe Montana – QB, meist verehrter Spieler und Stratege hinter vier Superbowlsiegen. Galt als coolster Mann unter der Sonne, wenn es ein Comeback brauchte. Montana war extrem oft verletzt und seine Statistiken sind längst nicht in den Sphären eines Peyton Manning oder Brett Favre, und trotzdem wird Montana von Millionen Fans als bester QB ever angehimmelt. Jeder 49ers-QB muss sich mit ihm messen lassen.
  • Jerry Rice – WR. Hält so ziemlich alle Rekorde, die man halten kann und wird als einer der besten Footballspieler ever angesehen, wenn nicht als der beste. Rice fuhr mal 22 Touchdowns in 12 Saisonspielen ein, und er gaste auch mit 40 Lenze noch zu 1000yds-Saisons.
  • Steve Young – QB. Als er den Titel holte, zeigte er an: The monkeys are off my back. Die bösen Geister – hatte einen schweren Stand als Montana-Nachfolger und wird, so bös das klingt für einen Mann, der die Offense auf ein noch höheres Level als Montana gehievt hatte, nur wegen des Titelgewinns von den Fans akzeptiert und geliebt.

Rivalitäten

Die Erfolgsstory der 49ers hat erst Anfang der 80er Fahrt aufgenommen. Die 49ers haben immer mehr auf sich selbst geschaut als auf andere, daher gibt es im Prinzip nur drei „echte“ Rivalitäten. Die erste ist jene mit den Dallas Cowboys, die eine überwiegend sportliche ist: Das „The Catch“-Spiel Anfang der 80er ist berühmt und in den 90ern gab es jahrelang nur 49ers und Cowboys, die für den Titelgewinn in Frage kamen – und sich entsprechend oft in den NFC-Playoffs matchten.

Die zweite ist die Rivalität mit den Oakland Raiders, die geographisch bedingt ist: Die Raiders spielen auf der anderen Seite der Großen Bucht und sind mit ihrem Ruf als Rüpel der Gegenentwurf zu den Gentlemen aus San Fran. Die traditionelle Rivalität ist die mit den St Louis Rams, noch gründend auf den alten Zeiten in Los Angeles. Gegen die Rams spielen die 49ers seit 58 Jahren 2x pro Jahr. Aktueller Stand: 62-61-2 für die Niners.

Ansonsten haben die 49ers divisionsintern eher wenig Rivalität aufgebaut, wohl auch, weil sie jahrelang ganz einfach zu dominant für die anderen waren. In den letzten Jahren mussten sie etwas vom hohen Ross runtersteigen und sich in die Niederungen von hitzigen Auseinandersetzungen mit den Arizona Cardinals herab begeben. Ein Duell, das man als temporäre „Rivalität“ sehen konnte.

Wie auch die Cincinnati Bengals, aus einem anderen Grund: Niners und Bengals haben sich in den 80ern zwei Superbowls geliefert, die zu Klassikern zählen. Beide Male siegten die 49ers äußerst knapp. Natürlich nie in der Super bowl, aber häufig in den Playoffs, haben Niners und New York Giants gespielt. Vor zirka einem Jahrzehnt gewannen die Niners nach einem haarsträubenden Schiri-Call („ineligible man downfield“), der in die Folklore einging. „Haarsträubend“ waren auch die entnervten Knie des Ergänzungsspielers Kyle Williams im NFC-Finale 2011/12, als San Francisco ein eingetütetes Spiel aufgrund zweier bizarrer Fumbles gegen den späteren Superbowl-Champ New York verlor.

korsakoffs Highlights

Super Bowl 1988/89 gegen die Bengals – im NFL-Gamepass lässt sich die Partie abrufen, und man kann den berühmten letzten Drive Joe Montanas noch einmal miterleben. Rasiermesserscharf führte Montana seine 49ers das Spielfeld hinunter, und man kann zumindest einen Teil der leuchtenden Augen nachvollziehen, die viele Menschen beim Gedanken an die Niners der Achtziger noch heute bekommen.

Wildcard-Spiel 2002/03 gegen die Giants – Die Giants führten bereits mit 24 Punkten, als die 49ers angeführt vom phänomenalen QB Jeff Garcia eine sensationelle Aufholjagd starteten. Das Spiel wurde gegen Ende immer hitziger, in der letzten Minute teilweise Schlägereien nach jedem Spielzug. Letzte Spielsekunde, 49ers führen mit 39-38. Versuchtes Field Goal Giants. Der Snap wird verschissen, der Holder mit einem Verzweiflungspass in die Endzone auf einen Offense Liner, der umgerissen wird. PI? Nope – die Refs vergaßen, dass der Mann eligible war und beendeten das Spiel mit dem berüchtigten Spruch ineligible man downfield. Eine Fehlentscheidung, die die Giants die Wiederholung des Kicks zum möglichen Sieg verwehrte.

Divisional Playoff 2012/13 gegen die Packers – es war die Partie, in der Colin Kaepernicks Stern alle überstrahlte. Nie, nie, nie habe ich so begeistert ein Team verfolgt, das bei mir an einem lauen Sommertag kein Wimperzucken hervorruft.

Vertiefende Inhalte

Eckdaten

Gegründet: 1946
Besitzer: Jed York (Hauptberuf Erbe)
Division: NFC West
Erfolge: Superbowl-Champ 1981, 1984, 1988, 1989, 1994, Superbowl-Verlierer 2012, 25x Playoffs (29-20) – Stand 2013

Im neuen Look: Die San Francisco 49ers am Tor zu einer neuen Ära

Im Gegensatz zu den Ravens gehören die San Francisco 49ers zu den klassischeren Franchises der NFL. Wie die Ravens sind die 49ers keine alltägliche Marke, sondern stehen für eine Philosophie, die von der Bucht aus die komplette NFL überrollte.

Dieses Bild der 49ers wurde überwiegend in den letzten 35 Jahren geschaffen. Vorher war man ein lieblicher Verlierer unter vielen gewesen. Titel und Schlagzeilen hatte der ungehobelte Nachbar auf der anderen Seite der Bucht, Al Davis mit seinen Raiders, abgestaubt, und die Kids in der Schule hatten Käppis mit Totenkopf getragen.

Der änderte sich Ende der 70er mit der Franchise-Übernahme des jungen Wilden Eddie DaBartolo und dessen Verpflichtung von Stanfords Head Coach (kommt uns bekannt vor, oder?) Bill Walsh, einem Offensivgeist, der die Denke des „dunklen“ Jahrzehnts („Run, Run, Run“) auf den Kopf stellte und den Profifootball von Grund auf revolutionierte: Statt Passspiel nur im dritten Down und mehr als 15yds to go implementierte Walsh ein attraktives Kurzpassspiel („West Coast Offense“) mit vielen Yards after Catch, und machte die 49ers innerhalb kürzester Zeit zu alljährlichen Superbowl-Anwärtern.

Walsh ist eine der NFL-Figuren, die wirklich nicht nur eine Franchise umkrempelten, sondern über die Epochen hinaus die komplette Liga revolutionierten. Um nicht mehr zu viel zu wiederholen, lege ich für eine detaillierte Auseinandersetzung mit Walsh eine Buch-Rezension von Herrmann aus dem letzten Jahr ans Herz: Wir lesen (3) – Bill Walsh. The Genius (David Harris).

Zur Implementierung von Walshs neuen Ideen brauchte es in allererster Linie einen passenden (durchaus im doppelten Sinne gemeint) Quarterback; Walsh bekam ihn in QB Joe Montana, einem Charismatiker, „nur“ in der dritten Runde gedraftet und mit hohem Spielverständnis und viel Präzision als besten Attributen – den großartigen Wurfarm für die vertikale Offense hatte Montana nicht.

Auch Montana profitierte: Er hatte genau eine Chance, in der NFL zu bestehen, und er fand sie in der West Coast Offense. Und Montana hatte Eiswasser in seinen Venen. Mit „Joe Cool“ als Spielmacher waren die 49ers nicht bloß ein Augenschmaus zum Anschauen, sondern schnell zweimal Superbowl-Sieger. Montana war auch nie um einen gelungenen Spruch verlegen, und so mutierte das Team schnell zum willkommenen Gegenentwurf zu den Westküstenrabauken der mittlerweile nach Los Angeles umgezogenen Raiders.

In oben verlinkter Walsh-Biographie wird wunderschön beschrieben, wie sich Walsh um jedes Detail kümmerte, bis hinein in die unscheinbarsten Draft-Belange. Er hatte Erfolg. Man muss sich das vorstellen: San Francisco war in der Saison 1984/85 bei 15-1 Siegen Superbowlsieger und addierte im folgenden Draft WR Jerry Rice zum Kader! In Zeiten, in denen 3000yds-Passjahre eine Seltenheit waren, fuhren die 49ers mit ihrer Armada jahrein, jahraus über die Konkurrenz drüber und staubten Ende der 80er zwei weitere Superbowls ab. Man war so fassungslos gut besetzt, dass man den Rücktritt Walshs und den Verkauf Montanas verkraften konnte und fast ein weiteres Jahrzehnt heißer Titelanwärter blieb!

Auf Montana folgte dessen Backup Steve Young, ein mobiler Linkshänder, der die 49ers-Offensive noch einmal um einen Level höher treiben konnte. Und obwohl man mit Young vermutlich besser war als jemals mit Montana, sehen die Fans Steve Young als leichte Enttäuschung, weil er nur einen Superbowl holen konnte – mehr muss man zur Erwartungshaltung der Fans zu dieser Zeit nicht mehr sagen. Mehr muss man auch nicht zur Qualität dieser Dynastie über fast zwei Jahrzehnte nicht sagen. Man blieb selbst dann noch ganz oben, als schon die halbe Liga im Trainerstab San Franciscos gewildert hatte und diese Coaches andernorts die „West-Coast“-Ideen verfeinerten (z.B. Holmgren in Green Bay).

Erst gegen Ende der Neunziger bröckelte das Gebilde: Owner DeBartolo musste nach Betrugsvorwürfen und familieninternen Streitereien die Franchise an seinen Schwiegersohn Jed York übergeben, und der milchgesichtige Jüngling York, keine 25 Lenze, hatte kein gutes Händchen beim Auswählen von Coaches und Draftpicks. Folge: Die einst dominanten 49ers quälten sich nach dem Karriereende Youngs (Gehirnerschütterungen) noch das eine oder andere Jahr mit dem ehemaligen CFL-Quarterback QB Jeff Garcia in Playoffnähe herum, aber schließlich fiel Mitte der 2000er das ganze Gebilde um Head Coach Erickson, Egomane Terrell Owens und Garcia in sich zusammen.

Neustart.

Auftritt Mike Nolan, seines Zeichens stets elegant gekleideter Defensive Coordinator der Baltimore Ravens. Nolan griff gleich mit seinem allerersten Draftpick, dem QB Alex Smith von der University of Utah, ins Klo und musste fortan bis zu seiner Entlassung um eine massive Identitätskrise herum basteln. Smith erwies sich nicht bloß als verletzungsanfällig, sondern galt in einem undefinierten Spielsystem mit ständigen Coordinator-Wechseln auch als schnell völlig verunsichert.

Folge: San Francisco mutierte zu einer ground’n’pound-Offense. Alte Schule. Siebziger Jahre. Genau das, was 49ers-Legende Walsh einst niedergerissen hatte. Die mutlosen Jahre unter Nolan und dessen Nachfolger, der Linebacker-Legende Mike Singeltary, sind das, was neuen Fans der letzten Jahre vielleicht geläufig ist, aber nichts an ihnen schrie nach „San Francisco 49ers“.

Singletary wurde schließlich vor zwei Jahren gefeuert, und York ging zurück zu den Wurzeln, an die nahe gelegene Stanfory University, und kaufte wie einst DeBartolo deren Chefcoach ein: Den ehemaligen NFL-Quarterback Jim Harbaugh. Harbaugh stand für drei Werte: Disziplin, Pragmatismus, Physis.

Im ersten Jahr würgte man sich mit einer vermeide-den-Fehler-um-jeden-Preis-Philosophie noch eher unansehnlich durch bis ins Conference-Finale, aber es war dieser abgelaufene Herbst, in dem Harbaugh sein Meisterstück ablieferte: Er sägte QB Alex Smith bei der erstbesten Gelegenheit ab und ersetzte ihn durch sein Ziehkind, den laufstarken Quarterback Colin Kaepernick.

Auch bei Kaepernick erinnert erstmal wenig an die 49ers-Geschichte: Ein Mischlingskind, tätowiert bis auf die Knochen, Granate von Wurfarm für tiefe Bälle nonstop, Sprinter vor dem Herrn. Aber unter Kaepernick schaffte man das eine: Die 49ers werden wieder über ihre Offense definiert.

Es ist kein Kurzpassspiel mehr, das an der Bucht praktiziert wird, sondern spektakuläres downfieldPassspiel kombiniert mit physischem Laufspiel und eingestreuten Elementen verschiedener College-Offenses („read option“) aus verschiedenen Aufstellungen („pistol“). Ein Angriff, der sich innerhalb weniger Monate von effizient und langweilig auf effizient und aufregend transformierte.

Sollte Harbaugh am Sonntag mit Kaepernick den sechsten Superbowl-Ring für seine Franchise holen, könnte das das erste Geläut auf dem Weg in eine neue prägende 49ers-Ära sein. Ohne West Coast Offense, dafür mit Tattoos, Option-Offense und downfield-Granaten.

Wir lesen (3) – Bill Walsh. The Genius (David Harris)

[Nummer 3 in unserer Buchreihe: David Harris: The Genius. How Bill Walsh Reinvented Football and Created an NFL Dynasty. Random House: New York 2008. Als Taschenbuch zum Beispiel hier schon ab 12,95 Taler. Teil 1 und 2 der Bücherreihe hier und hier. Leseproben auf der Internetseite von David Harris hier.]

Bis Bill Walsh das Label “Genie” um den Hals gehängt bekam, hat er in seinem Leben viele Niederlagen einstecken müssen. Der Linkshänder wollte Quarterback werden, da aber seine Eltern, mit denen er in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, oft umzogen, konnte er in keiner der mehreren High Schools einen Stammplatz ergattern und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nachdem er sich für eine Trainerlaufbahn entschied, konnte er lange Zeit keinen besseren Job als High-School-Trainer ergattern. Schließlich bekam er nach einem beeindruckenden Interview beim damaligen Head Coach der University of California, Marv Levy, einen Job als Assistant an einem guten College. Von dort aus gelang ihm 1966 das erste Mal der Sprung in die NFL – als RBs-Coach bei den Oakland Raiders. Das war aber – schon damals – ein derartiger Sauhaufen, daß Walsh schon nach einem Jahr keine Lust mehr darauf hatte.

So verbrachte er zwei Jahre ohne Football, bevor sich ganz überraschend eine neue Chance auftat. In der Bay Area hatte sich Walsh durch Jobs bei San Jose State, Cal und schließlich den Raiders einen guten Ruf erarbeitet. Jemand seiner Kollegen – neben Levy zum Beispiel Dick Vermeil und Al Davis – mußte ihn Paul Brown empfohlen haben, der in Cincinnati 1968 eine neue Franchise aus dem Boden stampfte. Walsh überzeugte Brown sofort und wurde Quarterbacks Coach.

Innerhalb kurzer Zeit bekam Walsh immer mehr Verantwortung. Er entwickelte eine Offense, mit der auch die limitierten QBs der Bengals erfolgreich sein konnten. Ein neuer Ansatz war, die gesamte Breite des Feldes zu nutzen (statt nur die Tiefe); ergänzt wurde dieser durch die Konzentration auf perfektes Timing und milimetergenaue Abstimmung zwischen QB und Wide Receivers – der Kern der Philosophie, die später als “West Coast Offense” das Spiel revolutionieren sollte. Folgerichtig wurde er auch Offensive Coordinator und Mitte der 70er Jahre, als sich das Ende von Browns Trainerkarriere abzeichnete, weithin als der logische Nachfolger für den Cheftrainerposten gesehen.

Nur hatte Brown anderes im Sinn. Er mochte Walsh nicht besonders, gab sich, als der Erfolg allzu deutlich geworden war, selber als Vater der neuen Offensivphilosophie aus und hielt Walsh für keinen geeigneten Head Coach, weil dieser sich mehr als Lehrer seiner Spieler sah und weniger als Drill Instructor, wie es damals üblich war. Brown machte Offensive Line Coach Tiger Johnson zum Head Coach ab der Saison 1976. Daß Walsh nach diesem “greatest disappointment of my life” nicht als OC unter dem neuen Chef bleiben wollte, legte ihm Brown als unerhörte Illoyalität aus und erzählte allen Teams, die Walsh als Kandidaten für ihren Cheftrainerposten interviewen wollten, daß er zu soft und überhaupt völlig ungeeignet als HC wäre. Browns Wort zählte viel damals.

Zwischen Riesenenttäuschung und neuer Chance

Nach einer Saison als OC bei den Chargers, in der er den jungen Dan Fouts unter seinen Fittichen hatte, bekam er immerhin auf dem College-Level die Chance, eine Mannschaft zu führen. Auch wenn es nur Stanford war, die mehr Wert auf akademische denn auf sportliche Leistungen legten. Aber passenderweise waren die vergleichsweise klugen Studenten der Eliteuni wie gemacht für Walshs modernen Ansatz, der sehr sophisticated war im Gegensatz zu vorherrschenden Meinung, daß immer der größere und stärkere mit “3 yards and a cloud of dust” gewinnen müsste. In seinen zwei Jahren, 1977 und ´78, führte der schon damals weißhaarige Head Coach die Cardinal zu 9-3- bzw. 8-4-Bilanzen mit zwei Siegen im Sun Bowl und im Bluebonnet Bowl.

Danach, im Alter von 47 Jahren, bekommt Bill Walsh 1979 endlich die Chance, Head Coach in der NFL zu werden – von einem 32-jährigen. Edward DeBartolo, Jr. hatte die San Francisco 49ers zwei Jahre zuvor von seinem Vater als Spielzeug geschenkt bekommen. Die miese Franchise hat er in dieser Zeit noch schlechter gemacht. Er übergibt dem neuen Cheftrainer und General Manager Bill Walsh den schlechtesten Kader der Liga, der 1978 zwei von 16 Spielen gewonnen hat.

Alle diese Stationen in Walshs Leben bettet David Harris wunderbar in die damit verworbenen Geschichten ein. Die rückständige Bay Area der 40er und 50er Jahre; das Leben als Lehrer und Coach an einer High School; die Schwierigkeiten, die “Coaching-Ladder” hinaufzusteigen; die Expansion Franchise Bengals mit ihrem Gründer Paul Brown; und nicht zuletzt die Familie DeBartolo und die Franchise 49ers. Harris hat einen wunderbaren Schreibstil, der zwar seine – auch persönliche – Nähe zu Walsh nicht versteckt, aber zu keinem Zeitpunkt in hymnische Töne oder Abfeierei abrutscht. Der Buchtitel „The Genius“ ist schon das höchste aller Gefühle.

Die Nähe zu Walsh ist entstanden durch zahlreiche Interviews, die Harris in den Monaten vor Walshs Tod im Sommer 2007 mit ihm führen konnte. Diese persönlichen Gespräche bilden den Kern des umfangreichen Quellenmaterials, das Harris für die Biographie ausgewertet hat. Dazu gehören unzählige Interviews mit Weggefährten wie auch Gegnern, als auch zahlreiche Zeitzeugnisse wie Zeitungsartikel und Fernsehsendungen. Ausweislich seiner eigenen Biographie ist Harris Journalist, aber bei einem derart qualifizierten Umgang mit Quellen würde es mich nicht wundern, wenn er in der Uni auch ein paar Seminare bei den Historikern belegt hat. Was nur immer mal wieder unangenehm aufstößt, ist seine Eigenart, einfach Namen wegzulassen und stattdessen nur die Position anzugeben.

Das Vermächtnis 49ers

Ab 1979 beginnt schließlich Bill Walshs Vermächtnis rasend schnell zu wachsen. Er übernimmt eine Franchise, die nicht nur vom Spielermaterial her am Boden liegt, sondern auch ein lächerliches Teamquartier und Trainingsbedingungen hat. Viele Colleges hatten schon damals bessere Trainingseinrichtungen; die 49ers hatten nicht einmal ein 100 Yards langes Trainingsfeld, sondern nur zwei nebeneinander liegende 50 Yards lange Hälften. Von Anfang an nimmt Walsh alles selber in die Hand und übernimmt auch die Verantwortung. Vom Starting Quarterback bis hin zu schiefen Bildern auf den Fluren gibt es nichts, an das er nicht Hand anlegen würde. Sein großes Mantra, nach dem er die gesamte Franchise organisiert, lautet Control. Control. Control. „He was king“ sagen schon frühe Weggenossen.

So ein Führungsstil funktioniert nur, wenn man ein Genie als King hat. Und selbst dann nicht immer. Nicht nur der Lorbeer gehört dem König im Erfolgsfall, sondern viel mehr noch trägt er Verantwortung auch für die Schande. Nicht nur für völlig verkorkste Jahre wie 1982 oder das schockierende Playoff-Aus ´87, sondern auch für jede einzelne Niederlage in der Regular Season hat Walsh sich manchmal derartig fertiggemacht, daß sein Team ihn zwei, drei Tage lang nicht zu sehen bekam oder er sogar seine Mannschaft nach dem letzten verlorenen Saisonspiel ohne Wort und Gruß einfach stehenließ.

Bis zum Schluß litt er unter Versagensängsten. Geschürt hat Walsh diese nicht nur selbst, auch sein zeitweise völlig durchgeknallter Boss, DeBartolo, hat ihn – manchmal nüchtern, meistens nicht – rund gemacht wie einen Buslenker. Dabei war es Mr. D auch völlig egal, ob sie unter vier Augen, vor der Mannschaft oder vor Geschäftsfreunden waren. Auch Walshs persönlichen Beziehungen gerade zu seinen besten und wichtigsten Spielern wie Joe Montana und Ronnie Lott waren schwierig.

Neben seiner Control-Obsession hatte Walsh noch zwei weitere Prinzipien, die über allen anderen standen: „attention to detail“ und den Anspruch, alles „first class“ zu machen. Es war kein Wunder, daß sie am Ende seiner Amtszeit 1988, nach dem dritten Super Bowl Erfolg, die besten Stars hatten; die beste Mannschaftstiefe hatten; den besten Coaching Staff hatten; und aus dem Kreisliga-Trainingsgelände ein State-of-the-Art-Komplex wurde.

Control(Genie) * Detail = First Class

In seinen zehn Jahren als Head Coach und General Manager in der NFL hat er tatsächlich viele Dinge auf ein ganz neues Level gehoben. Dazu gehören Aspekte des Coaching, Personalmanagement, Talentscouting, game planning, Trainingsgestaltung und Organisation von Training Camps. Das liest man besten alles selber nach. Als pars pro toto aber dazu vielleicht eine Geschichte der Draft 1986:

Bill traded the number eighteen pick in the first round to Dallas for its pick at number twenty plus a fifth-rounder. Then he packaged the Dallas pick, plus one of his own in the tenth round, to Buffalo for their second- and third-round picks. He also moved another second-round pick to Washington for their first-rounder in 1987. Along the way, the Philadelphia Eagles called to ask if the apparently crazy Forty Niners president [Walsh] would trade his backup Quarterback, Matt Cavanaugh, for a third-rounder now plus a second-round pick next year. Putting that proposal on hold, [Quarterbacks Coach] Mike Holmgren remembered, ‚Bill hung up the phone and said he had a chance to trade Cavanaugh, and to a man, every coach in the room said, ‚Don´t do it‘. Bill listened politely and then said, ‚You guys don´t know anything‘, picking up the phone and says, ‚Trade him‘.‘ To cover that sudden vacancy on the roster, Walsh then moved one of his third-rounders from Detroit to the Rams for two fourths and backup quarterback Jeff Kemp.

All told, Bill had made six trades, leaving him with one choice in the second round, three in the third, three in the fourth, one each in the fifth and sixth, and another five between round eight and ten. […] In round two, he selected Larry Roberts, a defensive end out of Alabama, whom the Niners would have taken with their first-round pick if they had kept it. In round three, Bill chose fullback Tom Rathman of Nebraska, cornerback Tim KcKyer from Texas-Arlington, and wide receiver John Taylor from Delaware State. Round four yielded linebacker and pass rush specialist Charles Haley out of James Madison, offensive tackle Steve Wallace from Auburn, and Miami defensive tackle Kevin Fagan. In round six, he picked up cornerback Don Griffin from Middle Tennessee State. All eight would become starters for the Forty Niners – the two corners in their rookie year – and five of them would eventually be selected for the Pro Bowl.

Die Wege auf denen „Personaler“ wie Andy Reid oder Bill Belichick heute wandeln, wurden von Bill Walsh etabliert. Auch wie man ein Team umbaut und verjüngt und gleichzeitig trotzdem erfolgreich ist, haben die heutigen Maestros in dieser Disziplin – Reid und Belichick – in vielen Teilen sicherlich von Walsh gelernt. Nicht zufällig ist Walshs Buch „Finding the Winning Edge“ so etwas wie die Bibel unter den Managementratgebern für Personnel Men in der NFL. Walsh hat seine 49ers in einem Jahrzehnt dreimal umgebaut. Aus einem wild zusammengewürfelten Haufen aus „Castoffs“ und jungen Draftpicks hat Walsh den Super Bowl Sieger der Saison 1981 gemacht. Einen kleiner Kern bildetet den Ursprung für die schon viel bessere Mannschaft, die 1984 nach 15-1 Regular Season die Lombardi Trophy gewann. Diese hat er dann nochmal über den Haufen geworfen und mit Spielern wie Jerry Rice und per Draft 1986 (s.o.) zu einem Godzilla mutieren lassen. Das muss man sich mal überlegen: die 1984er Niners, eine der besten Mannschaften aller Zeiten, wurde verstärkt um Spieler wie Jerry Rice, Tom Rathman, John Taylor, Don Griffin, Charley Haley und Steve Wallace.

David Harris fokussiert sich zwar auf die sportliche Seite, aber auch der persönliche Walsh kommt nicht zu kurz. Von Episoden, in denen sein trockener Humor deutlich wird bis zu seiner Affaire mit dem Playmate des Monats September 1974, Kristine Hanson, (nicht im Büro googlen!) und seinem schwierigen Verhältnis zu seinen Kindern kommt alles vor, was man wissen will – ohne aber zu intim zu werden. Überhaupt ist das dies eine Biographie wie aus dem Lehrbuch. Tiefgründigste Recherche, tolle Schreibe und weder zu sehr Krönung noch Demütigung des Mannes, der im Mittelpunkt steht. Man hat das Gefühl, das man viel mehr Gehaltvolles gar nicht in einer Biographie über einen Menschen schreiben kann. Das einzige, was komischerweise fehlt, ist der Mann, den Walsh selber zu seinem Nachfolger erwählte, nachdem er ihm viele Jahre als Coordinator wertvolle Arbeit geleistet hat – George Seifert. Seifert wird irritierenderweise nur zwei, drei Male am Rand erwähnt.

Absolute Kaufempfehlung für den NFL-freien Frühling.

Die zweite Reihe – Jim Zorn

[In der Serie „Die zweite Reihe“ werden Spieler, Trainer und Taktiken vorgestellt, die für den Erfolg einer Mannschaft essentiell sind, aber nicht im Rampenlicht stehen. Die ersten drei Folgen der Serie – Jimmy Leonhard, Kevin Gilbride und Jeff Saturday – gibt es hier. Für Teil 4 tritt heute Jim Zorn, Quarterbacks-Coach der Kansas City Chiefs, aus der zweiten Reihe ins erste Glied.]

Es gibt nicht viele gute Spieler, die später erfolgreiche Cheftrainer auf dem NFL-Level wurden. Herm Edwards und Mike Ditka fallen in dieser Kategorie sofort ein, aber das war es dann auch schon fast. Jim Harbaugh könen wir nach nur einer Saison ein wenig voreilig vielleicht auch schon mit dazu zählen. Jim Zorn, den wir heute aus der zweite Reihe ins Rampenlicht zerren wollen, hatte vor wenigen Jahren auch mal die Chance dazu – leider in Washington unter der Fuchtel des verrückten Besitzers Dan Snyder. Die zwei Spielzeiten 2008 und ´09 gingen – nach einem kurzen erfolgversprechenden Start- fürchterlich in die Hose.

Wenn man an die (Coaching-)Karriere Zors von einer anderen Seite her angeht, ist sein Aufstieg nicht sonderlich selten. In der Zeit nach seiner aktiven Karriere wurde er ligaweit hoch geschätzt als hervorragender Quarterbacks-Coach. Von dieser Position aus sind schon viele mehr oder weniger erfolgreiche Head Coaches hervorgegangen. Man denke nur an Mike Holmgren, Jon Gruden, Sean Payton, Josh McDaniels und nicht zuletzt Mike McCarthy.

Mit dem wohl erfolgreichsten – Mike Holmgren – begann dann auch sein Coaching-Stern am NFL-Himmel aufzugehen.

Quarterbacking in Seattle

2001, Zorn war zu diesem Zeitpunkt schon 47 Jahre alt, verpflichtete Seattles Head Coach Jim Zorn als Quarterbacks Coach um den neuen Starting QB Matt Hasselbeck unter seine Fittiche zu nehmen. Mit Quarterbacking in Seattle kannte sich Zorn ziemlich gut aus, schließlich war er selbst 13 Jahre lang der Signal Caller der Hawks.

Verpflichtet wurde er im 1976 von der Expansion Franchise im Nordwesten der USA. Schnell wurde der Linkshänder ein Publikumsliebling, auch wenn er nie zur Elite der NFL-QBs gehören sollte. Er wurde zwar zum NFC Offensive Rookie of the Year gewählt (ja, damals gehörten die `Hawks noch der NFC an), aber das geschah hauptsächlich mangels Konkurrenz. In den 14 Spielen seiner Rookie Saison warf er 27 Interceptions, vervollständigte gerade mal 47% seiner Pässe und sein QB-Rating betrug weniger als 50. Von den 14 Spielen gingen 12 verloren.

Er blieb dann immerhin noch sieben Jahre lang Starter und war neben der Legende WR Steve Largent das Aushängeschild der jungen Franchise; aber die Stats wurden nicht viel besser. Seine beste Saison hatte er 1979 mit 3661 erworfenen Yards bei einer Completion Percentage von 56,4. Kombiniert mit 20 Touchdowns und 18 Interceptions reichte das für ein QB-Rating von 77,7.

Bis zu seinem Abstieg zum Backup im Jahre 1983 errangen die Seahawks in keiner Spielzeit mehr als 9 Siege und schafften es nicht ein einziges Mal in die Playoffs. Das sollte sich erst mit dem neuen Helden at the helm Dave Krieg ändern. Nichtsdestotrotz war er bei den Fans so beliebt, daß er heute einer von zehn ehemaligen Spielern ist, die einen Platz im Ring of Honor haben.

Zorn blieb bis Ende der Saison 1984 Backup und tingelte dann zum Abschluß seiner aktiven Karriere noch ein bißchen über die Dörfer. Über die Packers und die Winnipeg Blue Bombers der kanadischen CFL landete er zu seiner endgültig letzten Saison 1987 bei den Tampa Bay Buccaneers.

Direkt im Anschluß begann der seine Coaching Karriere im College Bereich als Quarterbacks Coach bei den Boise State Broncos. Nach vier Jahren wurde ihm bereits der Posten des Offensive Coordinators bei Utah State angetragen, wo er in einem Staff mit Gary Patterson und Dick Bumpas arbeitete. Als der Staff um Head Coach Charlie Weatherbie nach der Saison 1994 umgebaut wurde, kam Zorn als QB-Coach in der Big Ten bei Minnesota unter, bevor er zwei Jahre später von Cheftrainer Dennis Erickson zurück in die NFL an seine alte Wirkungsstätte Seattle geholt wurde.

Dort wurde der Staff allerdings nach einem Jahre ausgemistet und auch bei seiner nächsten Station in Detroit wurde Zorn schon bald Opfer einer großen Umstrukturierung, nachdem HC Bobby Ross während der Saison 2000 hingeschmissen hatte. 1998 war Rookie-QB Charlie Batch unter Zorn ein ganz passabler Starter und 1999 führte er sie das letzte Mal in die Playoffs, bevor die gesamte Franchise den Bach runterging.

Von Washington nach Washington

Seine Leistungen aber hatte Holmgren überzeugt und von 2001 bis 2007 saugte Zorn die West Coast Offense, die Holmgren selbst als QBs-Coach bei Bill Walsh himself studiert hat, in sich auf und machte Matt Hasselbeck zu einem der besten QBs der Liga. Die Seahawks hatten in dieser Zeit nur eine losing season, erreichten aber fünf Mal die Playoffs und standen nach der Saison 2005 im Super Bowl. Zorn war zu dieser Zeit schon sehr kreativ in seinen Trainingsmethoden. In einem seiner berühmtesten Drills bewirft er den Quarterback mit Bällen, denen dieser ausweichen muß, dabei aber immer seine Augen downfield hat und seine Receiver anvisiert.

2008 hatte Zorn schon einen hervorragenden Ruf in der Liga und mehrere Teams boten ihm den Posten als Offensive Coordinator an. Er entschied sich für die Washington Redskins – was, seit Dan Snyder als deren Besitzer zeichnet, selten eine gute Idee für Spieler oder Trainer ist. Nachdem die Hauptstadtlegende Joe Gibbs, dreimaliger Super Bowl Champion mit den ´Skins, nach der Saison 2007 endgültig in Ruhestand ging, war Snyder auf der Suche nach einem neuen Cheftrainer. Weil aber Snyder mit Zorn und Defensive Coordinator Greg Blache die beiden wichtigsten Assistentenposten schon mal freihändig vergeben hatte, war der heiße Stuhl nicht allzu beliebt. Nachdem Steve Mariucci und Favorit Steve Spagnuolo abgewunken hatten, machte Synder – in einer Mischung aus ein wenig Geniestreich und viel Verzweiflungstat – kurzerhand Jim Zorn zum Head Coach.

Über diese Zeit kann man getrost den Mantel des Schweigens legen. Zorn verband das übriggebliebene Laufspiel-Konzept mit seiner Version der West Coast Offense und hinter QB Jason Campbell und RB Clinton Portis gewannen die `Skins sechs der ersten acht Spiele. Danach hatten sie allerdings erhebliche Probleme, Punkte auf die Anzeigetafel zu bringen. Nur zweimal gelangen noch mehr als 13 Punkte und so beendete man die Saison mit einer 8-8-Bilanz.

Die nächste Saison wurde nicht gerade mit hohen Erwartungen angegangen, aber selbst die wurden enttäuscht. Clinton Portis mit seinen 28 Jahren war nur noch ein Schatten seiner selbst und Jason Campbell ist einfach kein Quarterback, der eine Offense tragen kann. In den ersten sechs Spielen machte Washingtons Angriff nur 79 Punkte und GM Vinny Cerrato entriß Zorn kurzerhand die Macht, die Plays zu callen. Ein Vorgang, den man außerhalb Washingtons nur sehr selten in der NFL sieht. Mit Sherman Lewis hat Cerrato, der mit Zorn von Anfang an nicht auf einen grünen Zweig kam, einen neuen OC vorgesetzt und von da an ging es richtig abwärts. Im Dezember kündigte Cerrato überraschend, nachdem er über viele Jahre Snyders rechte Hand gewesen war. Nach der letzten Niederlage in Woche 17, der zwölften, hatte Snyder mal wieder den Besen rausgeholt und zum Großreinemachen angesetzt. Vater und Sohn Shanahan übernahmen den Coaching Staff und haben bis heute auch nicht mehr auf die Beine gestellt als Zorn. Zumindest sieht die Zukunft jetzt wieder ein bißchen besser aus.

Zurück zu den Quarterbacks

Für Zorn persönlich gab es gleich eine neue Chance. Die Baltimore Ravens suchten für ihren jungen talentierten, aber strauchelnden QB Joe Flacco einen guten Lehrmeister und stellten ihn sofort ein. Flaccos Saison 2010 war dann auch prompt die beste seiner bis heute vierjährigen Karriere. Aus nicht ganz geklärten Gründen wollten HC John Harbaugh und OC Cam Cameron nicht meht weiterarbeiten. Wahrscheinlich hatte es mit den unterschiedlichen Vorstellungen im Playdesign zu tun: Cameron hat seine Ausbildung bei Norv Turner gemacht und liebt das vertikale Spiel, während Zorn aus der alten Bill-Walsh-Schule kommt und mehr Wert auf Timing-Routes legt und darauf, daß Spielfeld eher in seiner ganzen Breite als in ganzer Länge zu nutzen. Flacco machte seinen Ärger über Zorns Rauswurf sogar laut und deutlich öffentlich, konnte seinen Abgang aber nicht verhindern. Seine Zahlen 2011 gingen steil nach unten: 5 Prozentpunkte bei der Completion percentage (58% statt 63%); 6,7Y/Paßversuch statt 7,4Y/P und ein Rating von 80,9, das 2010 noch 93,6 betragen hatte.

Mit Matt Cassel in Kansas City bekam aber gleich der nächste strauchelnde Quarterback den Tutor Zorn. Leider verlief die Saison dann etwas anders, als sich die Chiefs das vorgestellt hatten. Cassel konnte aufgrund von Verletzungen nur neun Spiele machen und Zorn mußte daher die Herren Tyler Palko und Kyle Orton auf Todd Haleys Offense einschwören. Haley wurde schließlich entlassen und für die nächste Saison hat der neue Chef Romeo Crennel seinen alten Patriots-Buddy Brian Daboll als OC installiert – und nicht Zorn. Daß er bis zuletzt ein heißer Kandidat auf den Posten war, zeigt, daß er trotz des Debakels in Washington noch Chancen hat, bei einem Team das Playcalling zu übernehmen. Jetzt hat er erstmal alle Hände damit zu tun, „seinen“ Cassel in einer Division mit Philip Rivers und Payton Manning nicht allzu alt aussehen zu lassen.

Die zweite Reihe: Kevin Gilbride

Jerry Reese, Steve Spagnuolo, Kevin Gilbride &...

Image via Wikipedia - Gilbride mit weißem Haar und weißem Shirt

[In der Serie „Die zweite Reihe“ werden Spieler, Trainer und Taktiken vorgestellt, die für den Erfolg einer Mannschaft essentiell sind, aber nicht im Rampenlicht stehen. In Teil 1 war Jets´ Safety Jim Leonhard dran. Für Teil 2 tritt heute Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants, aus der zweiten Reihe ins erste Glied.]

Coordinators stehen ja in der Regel ohnehin nicht in der ersten Reihe. Aber wenn sie erfolgreich oder einigermaßen spektakulär spielen, stehen sie schnell im Rampenlicht und werden für alle möglichen Cheftrainerposten gehandelt. Die Patriots-Offense bricht 2007 alle Rekorde? Sofort wird Offensive Coordinator Josh McDaniels das Schild „wunderkind“ umgehängt. Die Giants brechen dieser Offense im Super Bowl die Beine? Schon ist Defensive Coordinator Steve Spagnuolo das heißeste Dinge seit Erfindung des Forward-Passes und bekommt eine eigene Mannschaft als Head Coach. Es gibt aber auch viele Gameplan- und Taktik-Gurus, die immer im Hintergrund bleiben. Unser heutiger Kandidat aus der zweiten Reihe steht sogar in seiner Heimat New York im Schatten des anderen New Yorker OCs. Seltsam, aber wahr: Brian Trottelheimer Schottenheimer, ab nächster Saison bei den Rams, weil für die Jets zu schlecht, ist bekannter und gefragter als Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants.

Komischerweise ist Gilbride sogar bei vielen Fans der Giants nicht gerade wohlgelitten, wie Spitznamen à la „Kevin Killdrive“ und die alljährlichen Rufe nach seinem Kopf beweisen. Dabei war New Yorks Offense in den letzten vier Jahren jeweils unter den Top-9 und bis jetzt sind zwei Super Bowl Ringe dabei herausgesprungen. Und nicht zuletzt Gilbride hat aus Eli Manning gemacht, was er heute ist. Komischerweise auch hat der Giants-Angriff einen ziemlich lahmen Ruf, was vor allem daher rührt, daß Gilbride mit aller Macht versucht, möglichst nahe an eine 50/50 Run-Paß-Balance zu kommen. Dabei kommt der typisch ostküstenmännisch aussehende Mann mit den weißen Haaren aus einer der aufregendsten Offensiv-Schulen aller Zeiten: der Run-and-Shoot Offense.

Die Run-and-Shoot Wurzeln

Die Run-and-Shoot Offense, die von Tiger Ellison und Mouse Davis erfunden wurde, war in den 60er und 70er Jahren an High Schools und in den 80er Jahren in der College-Welt die alle Rekorde zerschmetternde Revolution. Bei den Houston Gamblers der kurzlebigen USFL hat Mouse Davis die Offense dem Head Coach Jack Pardee und Offensive Assistant John Jenkins näher gebracht (Quarterback übrigens Jim Kelly). Nachdem die USFL 1986 den Bach runtergegangen ist, hat Pardee, ehemaliger NFL-Linebacker, Jenkins und die Run-and-Shoot-Idee mitgenommen und wurde 1987 Head Coach der Houston Cougars. Pardee und Jenkins waren mit den Cougars 1988 und 1989 dermaßen aufregend und erfolgreich, daß Pardee Head Coach der Houston Oilers wurde und Jenkins sein Nachfolger als HC der Cougars.

Als Pardee seinen neuen Posten bei den Oilers 1990 antrat, fand er dort einen Quarterbacks Coach vor, der ihm so sehr imponierte, daß er ihn prompt zum Offensive Coordinator machte. Der damals 39 Jahre alte Gilbride hatte gerade sein erstes Jahr in der NFL hinter sich. Vorher hatte er sich lange Zeit als Assistant an Colleges wie Tufts, American International und East Carolina durchgeschlagen; zwei Jahre verbrachte er in der CFL bei den Ottawa Rough Riders und fünf Jahre lange, von 1980 bis 84, war er Head Coach seiner Alma Mater: Southern Connecticut State.

Bei den Houston Oilers

In den folgenden vier Spielzeiten gewannen die Oilers 42 Spiele und hatten jede Saison eine Top-3-Offense. Die Offense um Quarterback Warren Moon, der hinter zwei der besten Offensive Lineman aller Zeiten spielte, Bruce Matthews und Mike Munchack (jetzt HC der Titans) war Super-Bowl-würdig. Spätestens als Houston dann aber in den 92er Wild-Card-Playoffs auf der falschen Seite des größten Comebacks aller Zeiten stand, mußte sich dringend etwas ändern. Also holte man sich eines der besten Defensive Minds und einen der härtesten Trainer als Zeiten für den Posten des Defensive Coordinators: Buddy Ryan. Ryan hatte in den 80ern die legendäre Bears-Defense gebaut, Head Coach Mike Ditka hatte ihm auf dieser Seite des Balles freie Hand gelassen. Die Verteidigung der 85er Bears gilt bis heute als beste aller Zeiten. Ryan war aber schon immer ein eigenwilliger Kopf und hatte keine Lust mehr, die zweite Geige hinter Ditka zu spielen, also war er ganz glücklich, 1986 Cheftrainer der Philadelphia Eagles werden zu dürfen. Er hat in Philly zwar kein Playoffspiel gewonnen, aber eine erstklassige Defense hat er aus den mäßigen Eagles fast aus dem Stand gemacht. Dessen erinnerten sich also die Oilers 1993 und verpflichteten ihn als DC.

An was sich die Verantwortlichen in Houston augenscheinlich nicht erinnerten, war die Tatsache, daß Ryan als Mensch einen noch viel größeren Dachschaden hatte als seine beiden Söhne Rex und Rob und außerdem Offensivspieler und -trainer generell für Idioten und Weicheier hielt. So war es ihm ziemlich egal, daß Houstons Angriff unter Gilbride auch 1993 wieder die drittbeste Offense der Liga hatte. Ryan hielt es für unverantwortlich, „seine“ Spieler ständig wieder aufs Feld schicken zu müssen, weil die Offense zu schnell und aggressiv spielte. Im letzten Spiel der regulären Saison – die Oilers hatten die letzten zehn Spiele in Folge gewonnen – war es dann so weit: Ryan platzte der Kragen und er reichte Gilbride an der Seitenlinie Eine durch – sauber an die Schläfe, vor aller Augen bei einem Monday Night Game. Eine der verrücktesten Dinge, die je in der NFL passiert sind.

Mit elf aufeinanderfolgenden Siegen ging man nichtsdestotrotz mit einem Freilos im Rücken in die Playoffs und verlor mal wieder das erste Spiel, dieses Mal gegen Joe Montana und die Kansas City Chiefs. In der 94er Saison war Gilbride zwar noch in Houston, aber Moon und Ryan nicht mehr; nach dem 1-9-Start trat Pardee zurück und der junge DC Jeff Fisher, der sein Handwerk unter Buddy Ryan in Philadelphia erlernt hatte, nahm auf dem Cheftrainerstuhl Platz.

Über Coughlin zum Head Coach ins Niemandsland

Das folgende allgemeine Ausmisten ging auch an Gilbride nicht vorbei. Weil er aber als großartiger Offensive Coordinator galt, holte Tom Coughlin, Head Coach des Expansion Teams Jacksonville Jaguars, Gilbride als OC mit an Board.Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte Gilbride den blutjungen QB Mark Brunell soweit, bereits in seiner zweiten Saison als Starter für fast 4400 Yards zu werfen und die Jags ins AFC Championship Game zu führen.

Mit sieben derart erfolgreichen Jahren im Resumée wurde es Zeit, selber eine Mannschaft zu übernehmen – leider waren es die 97er San Diego Chargers. Das größte Problem war der fehlende Franchise Quarterback. 1997 waren Craig Whelihan, Stan Humphries, Jim Everett und Todd Philcox under center. Mit diesem Personal war kein Blumentopf zu gewinnen. Also nutzte man den zweiten Pick in der NFL Draft 1998 um ein riesiges Quarterback Talent zu draften, das die Zukunft der Franchise werden sollte, sein Name: Ryan Leaf. Alles weitere ist bekannt. Nach sechs Spielen ´98 mußte Gilbride gehen.

1999 und 2000 hat Gilbride dann wieder mal eine neue Erfahrung mitgemacht, als er unter Bill Cowher OC der Pittsburgh Steelers war. Dort hat er gemäß der alten Steelers-Tradition lauflastige Game Plans zusammengebastelt und eine Top-10 Rushing Attack auf die Beine gestellt. 2001 wollte Cowher dann lieber Mike Mularkey als OC und es wurde etwas stiller um Gilbride. 2001 nahm er eine Auszeit, bevor er 2002 und 03 im NFL-Niemandsland Buffalo den Angriff übernahm. Als Bills-HC Gregg Williams vor der Saison 2004 von Mike Mularkey abgelöst wurde und dieser selber die Offense übernahm, erinnerte sich Tom Coughlin, der gerade die New York Giants übernommen hatte, an seinen alten Buddy und übertrug ihm die Aufgabe, sich als Quarterbacks-Coach um den Rookie Eli Manning zu kümmern.

Mit Eli in New York

Das hat er ziemlich gut gemacht. Aus dem jungen Eil wurde langsam, aber sicher (aber vor allem langsam) zuerst ein richtiger Quarterback und später dann einer der besten QBs der Liga. Ab 2007 hatte Gilbride endlich wieder den Posten, der ihm am meisten behagt – Offensive Coordinator. Während dieser Zeit war die einzige Konstante Eli. Irgendwann war es dann auch egal, ob die Ballempfänger Plaxico Burress, Amani Toomer, Jermey Shockey, Sinorice Moss, Domenik Hixon, Steve Smith, Kevin Boss, Hakeem Nicks, Victor Cruz, Jake Ballard oder Mario Manningham hießen – seit 2008 war es immer eine Top-10-Offense. Es ist nicht zuletzt ein großes Verdienst Gilbrides,  alle diese WRs entdeckt oder/und so eingesetzt zu haben, daß sie ligaweit ein Begriff sind.

Es fällt heute ziemlich schwer, Kevin Gilbrides Offense in irgendeine Schublade zu stecken. Es steckt auf jeden Fall noch ein großes Stück Run-and-Shoot drin, aber ohne Rücksicht auf Verluste setzt Gilbride jedes Spiel über auch auf das Running-Game. Das hat er zum Teil sicherlich auch aus der Run-and-Shoot, denn dort war jeder Spielzug so angelegt, daß ein Laufspielzug immer so aussieht wie ein Paßspielzug und umgekehrt. Aber seine Laufspielzüge sind dann doch andere als die alten Läufe aus 4-WR-Sets. In diesem Sinne wird Gilbride sicher einiges aus Pittsburgh mitgenommen haben und, noch viel sicherer, wird er eine ordentliche Dosis von Coughlin eingehämmert bekommen haben. Schließlich kommt Coughlin aus der alten 80er-Jahre Bill-Parcells-Schule. Leider steht Gilbride nicht so im Rampenlicht, daß es viel Literatur über ihn gäbe oder daß er ständig von Kameras und Mikrofonen umzingelt wäre. Charakteristisch ist vor allem, daß die G-Men unter Gilbride eine der wenigen Mannschaften sind, die eine große Portion vertikales Paßspiel (à la Mike Martz´ Rams) in ihrem Arsenal haben, während die meisten Mannschaften hauptsächlich auf kurze Timing-Routen setzen, was alles mehr oder weniger eine Weiterentwicklung der Bill-Walsh-/West-Coast-Offense ist.

Trotz seiner Erfolge und seiner vielfältigen Erfahrungen in den verschiedensten Umfeldern mit den verschiedensten Trainern hat sich auch nach dem letzten Super Bowl Sieg über die New England Patriots keine trainerlose Mannschaft bei ihm gemeldet, er hatte nicht mal eine Anfrage für einen Head-Coaching-Job. (Sein Sohn dagegen, Kevin Gilbride, Jr. wurde gerade vom Quality Control Assistant zum Wide Receivers Coach befördert, nachdem die Giants anderen Teams untersagt haben, mit ihm in Kontakt zu treten.) Am Ende werden alle Beteiligten von Coughlin bis Manning froh sein, daß Kevin Gilbride weiterhin im Big Apple bleibt – wenn auch nur in der zweiten Reihe.