Der Furchtlose ist tot

Gestern ist die College-Football-Trainerlegende Bobby Bowden 91-jährig verstorben.

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Florida State Seminoles vor der Saison 2014/15

Seminoles-Maskottchen: Chief Osceola und Renegade - Bild: Wikipedia

Seminoles-Maskottchen: Chief Osceola und Renegade – Bild: Wikipedia

Die Florida State Seminoles sind regierender Landesmeister im College-Football und gehen als solcher trotz einiger Änderungen im Kader wieder als großer Favorit auf die National Championship in die anstehende Saison. Dass es überhaupt so weit gekommen ist, daran hatten viele schon gar nicht mehr geglaubt. Weiterlesen

College-Football: Das Thanksgiving-Wochenende (2)

Die kurze Einführung zum sportlich wichtigsten Duell an diesem Wochenende habe ich schon gestern gegeben. Heute folgen zwei Auseinandersetzungen, die sportlich diesmal eher von durchschnittlichem Wert sind.

Backyard Brawl

Zwei Universitäten, die knappe 100km voneinander entfernt liegen, sich also quasi im Hinterhof prügeln können, und seit Urzeiten gegeneinander spielen? Gestatten: Pittsburgh Panthers und West Virginia Mountaineers. 1895 gabs das erste Duell, am Freitag um 18h europäischer Zeit das mittlerweile 103te. Beides sind sehr traditionsgeladene Football-Programme, die sich aufgrund der geographischen Nähe auch beim Recruiting gerne mal fetzen. Die Panthers waren in der Zwischenkriegszeit eine dominante Mannschaft und mehrfach National Champion. Die Mountaineers waren nie Meister, aber gelegentlich in den Top-10 und zuletzt erfolgreicher als die Panthers.

Ich finde das Bild von 1908 ja sehr geil. Schnauzbärte in Lederkappen, Schlapphosen und Stiefeln – die Urzeit des Football. In der Anfangszeit waren es meistens Defensivschlachten, dominiert von den Panthers. Erst seit ca. 30 Jahren haben die Mountaineers die Oberhand gewonnen. Das folgenschwerste Duell fand vor drei Jahren statt, pünktlich zur 100. Ausgabe des Backyard Brawl, als West Virginia mit dem aktuellen Wolverines-Coach Rich Rodriguez und QB Pat White (ja, der Wildcat-White) eine Bombensaison spielte, an #2 gerankt ins letzte Spiel ging. Die Panthers spielten eine schwache Saison (4-7). West Virginia ging als 28,5-Punkte-Favorit ins Spiel, verlor aber sensationell 9-13, u.a. aufgrund zweier verschossener Field Goals und eines White in suboptimaler Form. Kein BCS-Finale für West Virginia.

Die beiden Teams spielen in der Big East Conference, und kommen sich daher auch immer wieder im Kampf um die Einladungen in die großen Bowls in die Quere. So auch diesmal. Pittsburgh (4-1) auf Platz eins, West Virginia (3-2) in Lauerstellung. Die Mountaineers besitzen eine gute Defense und dürften als Favorit in das Spiel gehen. Trotzdem hat West Virginia nur geringe Chancen auf den Gewinn der Big East, da Connecticut (3-2) das Zünglein an der Waage gibt und WVM schon geputzt hat. Sportlich ist es eh eine Farce, dass irgendeine Big-East-Mannschaft in die attraktiven BCS-Bowls einziehen wird: Keine Uni ist in den Top 25 gerankt. Am Freitag werden Pitt und WVM im Retro-Look auftreten. Pittsburgh, um seine Verbundenheit zur Stahl-Stadt zu demonstrieren. West Virginia, um die Opfer des Grubenunglücks vom April zu ehren.

Sunshine Showdown

Tallahassee ist am Samstagabend, 21h30 Schauplatz des florida-internen Showdowns Florida State Seminoles – Florida Gators (als Tape bei ESPN America am Sonntag um 13h). Es ist nicht das traditionellste Derby, nicht mal das Haupt-Derby beider Unis. Aber UF-FSU war dank großer Coaches und großer Mannschaften in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten ein stets sehr gehyptes Spiel. In den 90ern coachten Bobby Bowden an der FSU und Steve „Fun’n’Gun“ Spurrier an der UF alljährliche Titelaspiranten. Nicht selten war das Derby zum Saisonabschluss ausschlaggebend für Titel oder nicht Titel.

Heißes auf den Rängen

American Football FSU Cowgirls
© Taylor McKnight

Ebenfalls ein Faktor: Die beiden Stadien. Sowohl das „Doak“ an der FSU, als auch das „Swamp“ in Gainesville gelten mit ihren mehr als 80.000 Plätzen als furchteinflößende Plätze – und die Fans laufen gerade zu dem Spiel zur Hochform auf. Ich finde die FSU Cowgirls – nicht nur in Dallas gibt es Cowgirls 😉 – ja schon sehr nett… BTW war auch Favre-Freundin Jenn Sterger einst ein FSU-Cowgirl.

Heißes auf dem Spielfeld

1993 putzte die #2 FSU #7 Florida im Swamp 33-21, zog in die Orange Bowl ein und wurde erstmals National Champion.

1994 drehten die Seminoles im Schlussviertel ein 3-31 um, erzielten zu einer Zeit, als Unentschieden noch erlaubt waren, noch den Ausgleich. Das Spiel ist bekannt geworden als „Choke @ The Doak“. Ein paar Wochen später trafen sich die beiden in der Sugar Bowl wieder. Die FSU siegte.

1996 in Tallahassee. #1 Florida @ #2 FSU. Die Noles prügelten Gators-QB Danny Wuerffel aus dem Stadion und siegten 24-21. Ein paar Wochen danach das Re-Match in der Sugar Bowl. #1 FSU vs. #3 Florida. Gators-Coach Spurrier stellte seine Offense um, die Noles konnten Wuerffel nicht mehr niederschlagen und verloren den Titel ausgerechnet an die Gators.

1997 war die FSU erneut an #1 gerankt, verlor aber ein hoch dramatisches Spiel u.a. aufgrund RB Fred Taylors großartiger Leistung mit 29-32 in Gainesville.

1998 in Tallahassee. Schon beim Aufwärmen versammelten sich Gators und Seminoles zu einer Massenschlägerei und Gators-QB Doug Johnson versuchte, Noles-Coach Bowden auszuknocken! Viel böses Blut auch während der Defensivschlacht, mit 23-12-Sieg FSU.

Späte Genugtuung für die Gators 2004. An diesem Abend wurde das FSU-Stadion zu Ehren Bobby Bowdens in Bobby Bowden Field at Doak Campbell Stadium umbenannt. Die Gators kamen mit Spurrier-Nachfolger Ron Zook zum Spiel. Zook war gerade im Begriff, das komplette Gators-Footballprogramm in Grund und Boden zu coachen. Ein süßer Abend also für die FSU? Nope. 20-13-Sensationssieg der Alligatoren. Die Gators-Fan riefen in Anlehnung an die Stadion-Umbenennung „Ron Zook Field!“

In den letzten Jahren hat Florida wieder die Nase vorn, v.a. dank QB Tim Tebow. 2009 wurde Tebow nach vier sensationellen Jahren im Swamp verabschiedet. Es triefte nur so vor Schmalz, als Tebow in der Dämmerung seine letzten Downs spielte und die Kameras über die Tribünen fuhren, wo sich weinende Mädchen in den Armen lagen, wissend um das Ende von Tebows College-Karriere.

Seminoles – Gators 2010

Heuer sind die Seminoles favorisiert. Erstmals seit langer Zeit. Sie sind an #22 gerankt, Florida spielt in der Post-Tebow-Ära unkonstant und ist in der SEC schon lange ohne Titelchance. Die Seminoles werden bei diesem Spiel QB Christian Ponder verabschieden, der in die NFL wechseln wird und als einer der Top-QBs im Draft gilt. Ponder, der Schnösel, der sich von Bodyguards bewachen lässt. Von dem ich persönlich noch nie ein großes Spiel gesehen habe. Ein weiterer FSU-Topmann für den Draft: Offense Liner Rod Hudson, der als dominantester Laufblocker gilt.

Sportlich ist es ziemlich wurscht, was passiert. Die ACC-Finalchancen der Seminoles hängen am Spielausgang von Maryland-NC State. Aber nach sechs Jahren mal wieder gegen Florida zu gewinnen, dürfte Motivation genug sein.

Alles Gute, Bobby Bowden!

Teil 2 der großen Coaches im College Football. Es geht wieder um eine Legende: Bobby Bowden von der Florida State University. Seminole, im Alltag einfach nur Sabine, war so lieb, und hat eine kleine Story über den „King of the Road“ geschrieben. Seminole war vor zwei Jahren selbst für zwei Semester an der FSU Studentin und wurde dort zum Football-Fan.

Für Kamerad Joe Paterno bitte hier klicken. 

Bobby Bowden Field at Doak Campbell Stadium
Das ist Bobby Bowden. Bobby Bowden am 6.9.2008. Nicht der Mann, sondern das Stadion.

Die Florida State University liegt in Tallahassee, Hauptstadt in Florida, und diese Schüssel hört auf den klangvollen Namen Bobby Bowden Field at Doak Campbell Stadium. Wir nennen sie „The Doak“. Doak war vor 60 Jahren Präsident der FSU. Doak Campbell erbaute die Grundmauern des Stadions. Aber die Legende dazu schrieb Bobby Bowden. Nicht das Stadion, sondern The King of the Road.

Bobby, der Wandervogel

Bobby Bowden kommt aus dem tiefsten Süden der USA, aus dem Bible Belt, aus Birmingham in Alabama. Eine Region, christlich durch und durch, voll von Rassismus und lechzend nach Football. Das hat Bowden natürlich geprägt. Ihm wurde das Spiel ungefähr ebenso in die Waage gelegt wie dem Dorfschusterkind das Schusterhandwerk.

Bowden verdingte sich jahrelang als Leichtathletik-Trainer und Assistenztrainer im American Football und zog dabei wie ein Prediger durch die Lande. Anfang der 60er coachte er seine Alma Mater, das footballerisch aberwitzig kleine Howard College (gehört zur Samford Uni) zu ein paar sehr guten Saisons. Anfang der 70er übernahm Bowden dann West Virginia. Als vom ärgsten Rivalen Marshall die komplette Mannschaft im Flugzeug abstürzte, durfte er seine Mannschaft zwar nicht in Marshalls Trikots auflaufen lassen, überließ dafür dem neu zusammengewürfelten Trainerstab haufenweise Filmmaterial, um sich einzugewöhnen.

Bobby, der Indianerhäuptling

1976 ging Bowden an die FSU und begründete eine der dominantesten Epochen jemals. Die FSU war kein traditionelles Football-Programm, aber ambitioniert. Und Bowden coachte die Noles schnell nach oben. Mitte der 80er musste „Doak“ wegen großer Begeisterung erstmals ausgebaut werden. Heute passen über 80.000 ins Stadion, mehr als doppelt so viele wie zu Bowdens Ankunft. Seit ein paar Jahren hat die Uni Bowden damit gewürdigt, ihm einen Teil des Stadionnamens zu widmen, plus eine Bowden-Statue und, und, und.

Bobby Bowdens Legende gründet hauptsächlich auf den späten 80ern und den 90ern. Die Seminoles waren über 14 Jahre stets in den Top 5 landesweit und wurden 1993 und 1999 jeweils National Champion, 99 ungeschlagen. 21 Bowlsiege für Bowden, die meisten davon in den ganz großen Bowls.

Vor allem die Rivalität mit den Miami Hurricanes gründet aus den späten 80ern. 1987 spielten beim Miami-FSU-Spiel unglaubliche 50 spätere NFL-Profis mit! 2006, kurz nach dem Oldie-Duell mit Joe Paterno im Orange Bowl, wurde Bowden in die College Hall of Fame gewählt.

Bowden hat bsp. Deion Sanders, Derrick Brooks, Walter Jones oder Antonio Cromartie herausgebracht. Nur bei Randy Moss macht er einen auf Belichick und feuerte den Mann.

Bobby, der Belichick

Neben Moss gibt es vielleicht eine weitere Parallele zum Patriots-Bill: Einen Skandal. Zwei Jahre, bevor ich an der FSU war, wurde die Footballabteilung dabei erwischt, ihren Spielern Komplettlösungen für Tests gegeben zu haben – ein Unding. Der Ruf der Noles litt, und Bobby Bowden wurden 12 Siege genommen. Statt den tatsächlichen 389 Siegen werden offiziell „nur“ 377 anerkannt – immer noch Zweiter in der Division I. Dass man Bowden auf dem Campus dafür weniger lieben würde, wäre mir nicht aufgefallen.

Daddy Bobby

Bobby Bowden ist seit 1949 verheiratet. Ergebnis: Sechs Kinder. Ein paar davon sind auch Coach geworden, der wichtigste ist Tommy. Tommy war Coach von Clemson, einem Divisionsgegner meiner Seminoles. Amis sind kreativ, und das Daddy-gegen-Sohn-Duell nennt sich „Bowden Bowl“. Bobby konnte fünf von neun gewinnen. Leider, leider trat Tommy im Oktober 2008 zurück. Einen Monat später war ich gegen Clemson im Stadion, aber leider kein Daddy/Son-Spiel miterlebt.

Bobby, der Frührentner

Am 1. Januar 2010 ging Bowden in Ruhestand. Als Achtzigjähriger. Drei Jahre jünger als sein Freund Joe Paterno. Rauschendes Lebewohl beim Bowl-Sieg gegen seine Ex-Mannschaft West Virginia, in Jacksonville. Sehr viel Pathos für einen legendären Trainer. Ich glaube, hätte die NCAA ihm nicht die 12 Siege aberkannt, Bobby Bowden hätte weitergecoacht bis zum Vierhunderter. Ist aber nicht so, daher:

Alles Gute, Bobby Bowden!

Ich bin ein Mädchen. Als ich im August 2008 über den Teich flog, wusste ich fast nix vom Football. An dem 6.9.2008 nahm mich ein Kommilitone mit ins Stadion. Die Seminoles fegten eine Mannschaft aus Carolina 69:0 vom Platz und es blieben ein paar tausend Plätze frei. Aber der alte Mann hat mein Interesse für diesen Sport geweckt. Ich war auch im Stadion, als die Noles Ende November von Tim Tebow niedergemacht wurden. Egal. Ich liebe sie trotzdem. Und Bobby Bowden. Rein sportlich, eh klar.

Am Sonntag, 8. November hatte Bobby Bowden seinen 81. Geburtstag. Ich weiß das, weil die nicht zustande gekommene Bowden Bowl an einem 8.11. stattgefunden hatte. Der Sohn gegen den Vater an dessen Geburtstag? Nada.

Wir wollten den Zweiteiler zum letzten Wochenende präsentieren. Bobby Bowden zum Einundachtzigsten, Joe Paterno zum Vierhundertsten. Life is hell, aber nachträglich gratulieren gilt hoffentlich trotzdem.