New Orleans Saints in der Sezierstunde

Chaotische Offseason für die Saints. Als wäre der quasi verschenkte Superbowl-Ring an der Bucht zu San Francisco nicht schon schlimm genug, verscherzte man es sich nach Saisonschluss erst mit Franchise-QB Drew Bree$, sah inmitten des massiven Bountygate-Skandals Offizielle und Chefcoach auf die NFL-Abschussliste wandern und wird nun die kommende Saison aller Voraussicht nach mit den HeadCoaches Kromer (Spiele 1-6) und Joe Vitt (Spiele 7-16) bestreiten – really?


GM Mickey Loomis ist erst ab Saisonbeginn suspendiert und aktuell noch der Mann am Ruder, daher ist es umso erstaunlicher, wie lange man Brees nun schon hinhält. Wir reden bei Brees nicht von irgendjemandem. Brees ist der mit Abstand erfolgreichste Quarterback in der Saints-Geschichte, eine Ikone, gekommen nach der schwärzesten Stunde der Staatsgeschichte (Hurricane Katrina 2005) und die einstigen Aints mitentscheidend zu Superbowl-Champs transformiert. Brees kommt frisch aus einer Rekordsaison mit 5476 Pass-Yards und ist die zentrale Figur im Angriff. Gemeinhin herrscht Unverständnis über Loomis‘ Umgang mit Brees und Brees scheint die verhasste Franchise-Tag als Affront zu werten.

Man kann trotz alledem davon ausgehen, dass Brees früher oder später, auf alle Fälle aber rechtzeitig, seinen Multimillionenvertrag aufgesetzt bekommen wird, weswegen der Saints-Angriff durchaus auf der Höhe bleiben dürfte. Die beiden nennenswerten Abgänge in der Offseason waren OG Carl Nicks (gen Tampa Bay) und WR Robert Meachem (nach San Diego), unbestritten wichtige Bestandteile, aber aufgrund der hohen Gehälter inkompatibel mit der Salary Cap der Saints.

Nicks wurde durch den etwas billigeren Ben Grubbs aus Baltimore ersetzt, Meachem dürfte durch den einen oder anderen jüngeren Wide Receiver aus den späteren Runden des NFL-Drafts abgelöst werden. Dass „Wide Receiver“ in New Orleans ein Thema bleibt, gilt als sicher, da der für teures Geld gehaltene Marques Colston als Verletzungsrisiko eingestuft wird.

Der schwächere Bestandteil der optisch wunderschönen Spread-Offense der Saints ist das Laufspiel um das Viergestirn Ingram/Thomas/Ivory/Sproles, ein Laufspiel, das jedoch ohnehin nur als Entlastung dient. Gespannt darf man sein, wie Nicks‘ Abgang sich darauf auswirken wird: Nicks wird gemeinhin als Maßstab für aktuelle NFL-Guards angesehen.


Große Problemzone der Saints seit Jahren ist die Defense, die nach dem aufgeflogenen Kopfgeld-Skandal ziemlich im Verruf stehen dürfte. Unter dem mittlerweile geschassten DefCoord Gregg Williams war die Unit als sehr blitzfreudig bekannt, war jedoch immer dann anfällig, wenn nicht 1-2 Turnovers pro Spiel geholt werden konnten. Die Probleme starten schon mit der Defensive Line.

Auftritt Steve Spagnuolo. In St Louis als HeadCoach mit Pauken und Trompeten gescheitert, gilt Spagnuolo seit seiner Zeit bei den Giants als Mann, der das eine beherrscht: Die Schützengräben zu dominieren. Trotz etlicher namhafter Einkäufe und vieler hoher Draftpicks galt New Orleans‘ Defense Line stets als leicht kontrollierbar. Gespannt sein darf man, wie Spagnuolo Rabatz machen möchte. DT Ellis, DE Jordan, DE Smith und der neu eingekaufte Bulldozer DT Broderick Bunkley (Laufspiel-Genie) sind bekannte Namen und gelten als großartige Athleten mit Luft nach oben.

Für die Linebackers hat man sich den Instinktfootballer Hawthorne aus Seattle und Lofton aus Atlanta eingekauft, nachdem man befürchtet, dass MLB Vilma im Zuge von „Bountygate“ noch die eine oder andere spielfreie Woche aufgebrummt bekommen wird. Worüber in New Orleans seit Jahren diskutiert wird, sind die Outside Linebackers, eine Position, der im Spagnuolo’schen System aufgrund zahlreicher Blitzes gen Quarterback für gewöhnlich erhöhte Priorität beigemessen wird. Hawthorne gilt als durchaus spielintelligent und athletisch genug, um die Rolle zu erfüllen, aber es bleiben Verletzungsfragezeichen. Dem Eigenbauprodukt Jonathan Casillas wird große Klasse nachgesagt; allerdings fiel Casillas in der Vergangenheit auch öfters als erwünscht mit Fußverletzungen aus.

Bleibt das Defensive Backfield, das unter Williams massiert blitzen musste, im neuen System aber durchaus häufiger in der Deckung verharren dürfte. Superbowl-Held Tracy Porter ist weg und muss ersetzt werden – bloß wie? Erstrundenpick ist bis zum nächsten Trade in New England, Zweitrundenpick bei der NFL, und man muss sich irgendwo noch um die eigenen Wide Receivers kümmern. CB Greer, CB Peterson und CB/S Malcolm Jenkins gelten allesamt als durchaus hochwertige junge Spieler mit viel Potenzial, jedoch fehlen abseits davon Tiefe und dank SS „big hit“ Roman Harper Verlässlichkeit.


Der Kader ist also trotz einiger Fragezeichen durchaus gut besetzt. Solange Brees motiviert und gesund bleibt, dürfte die Hauptaufgabe der Defense ohnehin bloß sein, mit „bend but don’t break“ die Gegner einzuschlummern. Vermutlich ist die größte Baustelle wirklich die Tiefe im Defensive Backfield: New Orleans wird dank seines eigenen Passfeuerwerks im Angriff durchaus etlichen Pässen in der Defense ins Auge schauen. Entsprechend dürfte ein Vierer- oder wenigstens Dreierpack an akzeptablen Cornerbacks von Vorteil sein.

Bliebe „nur“ noch die Baustelle schlechthin: Head Coach. Sean Payton war der Spielzugansager im Angriff. Wird nun Brees noch mehr Verantwortung bekommen? Welche Rolle wird der eher suspekte OffCoord Carmichael einnehmen? Was ist mit Vitt, dessen Interimszeit in St Louis wenig Denkwürdiges hinterlassen hat? Und dann ist da noch die Führungsfrage: Solange die Bilanz der Saints stimmt, dürfte auch die Atmosphäre passen. Aber wenn der wahre Chef (Payton) irgendwo zweitausend Meilen südlich mit Eisbecher am Strand liegt, möchte man sich nicht ausmalen, wie die verbliebene Führungsriege nach der ersten Dreiniederlagenserie reagieren wird…

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Nach Spygate nun Bountygate: Ob erneut ein Bauernopfer genügt?

Ich bin erstaunt, welche Reaktionen die Kopfgeldjäger von Gregg Williams (u.a. Bills, Titans, Redskins, Saints) hervorrufen, wobei sich ESPN – wo Jon Gruden Woche ein, Monday Night Game aus seine steinzeitlichen Ansichten über illegale legale Hits verbreiten darf – mal wieder an vorderster Front seine Geschütze auffährt.

Ich bin erstaunt deshalb, weil Weiterlesen