New England Patriots in der Sezierstunde

Die New England Patriots sind gleichzeitig das Murmeltier und das Chamäleon der NFL. Murmeltier, weil sie die gefühlt zwanzigste 12-4 Saison en suite absolviert haben und in der Titelvergabe zumindest leise mitsprachen. Chamäleon, weil diese Mannschaft in den letzten Jahren eigentlich mindestens zehn Mannschaften war. Allein in der abgelaufenen Saison 2013/14 war man mehr oder weniger ohne zeitliche Trennung offensive Trostlosigkeit, defensives Bollwerk, dann wieder offensive Passgewalt mit defensivem offenen Scheunentor, dann wieder ein Wirbelwind von Lauf-Offense mit Hand zur Interception in der Defense. Man war alles in einem – mal wieder.

Die Größe des Head Coaches / General Managers Bill Belichick muss nicht weiter diskutiert werden. Man kann allerdings nicht oft genug unterstreichen, dass diese Kombination aus so langer Erfolgsserie aus 12-4 Saisons aufwärts und der Wandelbarkeit der Belichick-Mannschaften ziemlich einmalig in der Profifootballgeschichte sein dürfte. Dass New England seit mittlerweile zehn Jahren keinen Titel mehr gewonnen hat, ist eigentlich ein Treppenwitz. Im Prinzip wären die Patriots mal wieder dran.

Überblick 2013

Record        12-4    CC
Enge Spiele    7-4
Pythagorean   10.7     8
Power Ranking  0.569  11
Pass-Offense   6.2    15
Pass-Defense   6.3    15
Turnovers      +9

Management

Salary Cap 2014.

2013/14 endete in einer 12-4 Saison mit einem Playoff-Kantersieg gegen Indy und einem gefühlten Playoff-Debakel in Denver. Es hätte aber auch alles ganz anders kommen können. Die vier Pleiten im Grunddurchgang waren allesamt Freakspiele, die leicht auch hätten gen Patriots ausschlagen können. Auf der anderen Seite hatte man auch sieben knappe Siege, darunter umstrittene Dinger wie gegen New Orleans oder Cleveland. Man war am Ende erstaunlich mittelmäßig in den meisten Effizienz-Kategorien, aber vielleicht war man dann doch wieder nur ein paar präzisere tiefe Bomben von der Superbowl entfernt.

Ein Problem der abgelaufenen Saison war unter anderem das enorme Verletzungspech: Zeitweise waren beide Offensive Tackles im Krankenstand, der Corp der Wide Receiver sah jede Woche neu aus, TE Gronkowskis Geschichte ist bekannt, und in der Defense verabschiedeten sich nacheinander LB Mayo, DT Wilfork und immer wenn es um die Wurst ging, wie gewohnt auch der CB Talib.

In der Offseason antwortete Belichick darauf nicht mit dem Versuch, Kadertiefe auszubauen, sondern – ungewohnt für ihn – mit einigen Star-Einkäufen. Im Gegenzug wurde eine ganze Latte an Hinterbänklern oder zu alten Spielern hinausgeschmissen. Und auch nicht charakteristisch: Mit dem abwanderungswilligen DT Wilfork wurde vertraglich nachgebessert. So viel win now Modus waren die Patriots zuletzt im Frühjahr 2007.

Die Story der Offseason war der Einkauf von CB Darrelle Revis, dem besten Manndecker der NFL. Die Auswirkungen des extrem potenten Moves und Vertrags hatte ich schon diskutiert. Fakt ist: Revis ist, wenn schematisch korrekt eingesetzt, konkurrenzlos in der NFL. Er spielt das Spiel auf einem anderen Level als alle anderen Cornerbacks. Er ist der einzige, dem man bedingungslos den besten Receiver des Gegners anvertrauen kann – und das ist ja die Kernbotschaft des Defense-Genius Belichick: Schalte den gefährlichsten gegnerischen Spieler aus.

Revis ist mit seinen einzigartigen Fähigkeiten im direkten 1-vs-1 aber noch mehr: Er ermöglicht einem Coach, seine Safetys schematisch anders einzusetzen. Anstatt jedem Cornerback zumindest theoretisch einen Safety als Absicherung gegen den worst case (= 70yds Touchdown-Pass) in die Nähe zu stellen, kannst du Revis auch vier Viertel plus Overtime allein auf dem Egotrip gegen die Johnsons und Fitzgeralds lassen. Allein auf der Insel. Daher gründet auch Revis Island™.

Revis ist allerdings auch ein finanzielles Risiko: In der Praxis ist er ein 12 Mio./Jahr-Mann, der auch nächstes Jahr auf alle Fälle Geld gegen die Salary-Cap der Patriots zählen wird. Revis wird nur 2014 unter seinem Vertrag in New England spielen. Spätestens im März 2015 muss nachverhandelt werden, oder es kommt die Trennung.

Viel, sehr viel freundlicher ist da der Dreijahresvertrag, der CB Brandon Browner untergejubelt wurde. Browner ist ein original Gründungsmitglied der viel diskutierten Legion of Boom in Seattle, durfte aber in den letzten Monaten aufgrund einer komplizierten Dopingsperre nur noch als Teilzeitkraft mitwirken und geriet fast in Vergessenheit. Browner ist kein Revis, er gilt aber auf der Höhe seines Schaffens als sehr, sehr solider Mann, der der Secondary im schlimmsten Fall Tiefe gibt.

Im Gegenzug wurde CB Talib ziehen gelassen – angesichts des verrückten Vertrags, den Talib in Denver bekam, und Revis/Browner ein guter Move von den Patriots. Der jahrelange Schwachpunkt Defensive Backfield liest sich bei den Patriots mit einem Mal qualitativ hochwertig:

  • CB Revis / CB Browner als Starter außen
  • CB Arrington als Starter im Slot
  • CB Ryan / CB Dennard als Backups
  • FS Devin McCourty
  • SS Wilson / Gregory / Chung als Konkurrenzkampf

Ein Dennard zum Beispiel gilt ja auch nicht als Gurke, höchstens als Knalltüte, der jederzeit mit einem Fuß im Knast steht. Etwas irritierend ist die Rückholung von Chung aus dem Exil in Philadelphia, aber gut. Alles muss man dann auch net verstehen.

„Vorne“ steht mit dem beendeten Vertragsstreit mit dem Ankermann Wilfork sowie der Rückkehr des ILBs Mayo zumindest die Achse wieder. Die Front-Seven der Patriots ist gleichzeitig frustrierend und aufregend, weil sich dort mittlerweile eine einmalige Ansammlung aus Supertalenten tummelt, die aber nie zugleich ihr ganzes Potenzial ausschöpfen können.

Zuerst die Linebackers: Mayo ist mit seiner Spielintelligenz ein Leadertyp, aber spielerisch laufen ihm vielleicht mittlerweile andere schon davon. Der junge DE/OLB Jamie Collins, im Belichick-System zuletzt der Weakside Linebacker, zum Beispiel, ein brutal schneller Mann, der für Momente in seiner Rookiesaison 2013 wie ein Weltklassemann aussah und nur noch besser werden sollte. Oder der Mann, der feuchte Träume wahr werden lässt: LB Dont’a Hightower, einer meiner Lieblingsspieler seit Jahren, der sich in zwei Jahren zu einem kompletten Spieler entwickelt hat. Das ist ein LB-Kern, der allenfalls noch einen oder zwei bessere Backups als Absicherung verträgt.

Dann Defensive Ends: DE Chandler Jones war erst vor zwei Jahren ein Erstrundenpick, und mit seinen 10 Sacks liest sich die Bilanz nicht übel, aber Jones hat immer wieder Aussetzer. Er ist gebaut wie der prototypische End der NFL 2014, und alle bescheinigtem ihm schon immer eine glänzende Zukunft, aber er schaffte es bisher nicht, die extrem hohen Erwartungen zur Zufriedenheit aller zu erfüllen. Mehr geliebt wird da anscheinend der harte Arbeiter auf der anderen Seite, Rob Ninkovich, eine Art neuer Vrabel. Das ist in Kombination guter, aber nicht herausragender Passrush. Es ist höchstens potenziell herausragender Passrush.

Dann Tackle: Wilfork ist, wenn fit, gesetzt. Mit seinem schätzungsweise zwei Zentnern zählt er eigentlich für zwei, und das fühlte sich dann letztes Jahr nach seinem Ausfall auch erstmal so an. Die Lücke, die Wilfork hinterließ, war extrem, auch wenn sich seine Backups um Chris White und Tommy Kelly besser schlugen als befürchtet.

In der Defense sehe ich durchaus die Option für New England, Defensive Tackle und Defensive End hoch zu priorisieren. End als Ergänzung zu Jones/Ninkovich. Tackle mit kurz- (Verletzungen, Kadertiefe), aber auch mittelfristigem Fokus (Wilfork ist 33). Es schadet nie, genügend Line-Männer zu haben, deswegen gehe ich auch bei einem Anarchisten wie Belichick davon aus, dass irgendwann in den ersten ein oder zwei Runden als Minimum ein Defense Liner gezogen wird.

Die Offense ist eine andere Art von Baustelle. Hier wird 24/7 geschraubt und gewerkelt, mit zuletzt immer wechselhafteren Erfolgen. OffCoord McDaniels ist fachlich mittlerweile unumstritten, aber er hat nur begrenzt satisfaktionsfähiges Material zum Arbeiten.

QB Tom Brady ist natürlich der Mann um den sich alles dreht, allerdings wurden die Schwachstellen in Bradys Spiel in der letzten Saison schon phasenweise brutal offen gelegt. Die „Lochpässe“ im AFC-Conference Championship Game in Denver stehen nur stellvertretend für eine Phase in Bradys Footballkarriere, in der er schlicht keinen qualitativ überragenden tiefen Ball mehr werfen kann. Brady war nie der ganz große Bomber – er profitierte halt ein paar Jahre lang von einem Randy Moss in Hochform, der jeden 60yder zum Touchdown verwertete, egal wie präzise oder hart geworfen.

Vielleicht würde Brady diesbezüglich ein deep threat auf Wide Receiver helfen – ein Spieler, der mit Geschwindigkeit die tiefen Routen laufen kann und sich im Idealfall im vollen Sprint an einen suboptimalen Ball anpassen kann. Die WR-Klasse 2014 im Draft ist gut besetzt, und mit Leuten der Güteklasse Cooks/Oregon State sind auch diese tiefen Waffen dabei. Einer von denen stünde den Patriots schon sehr gut zu Gesicht.

Es ist eh Wahnsinn, wie New England mit diesem WR-Corp 2013 überleben konnte. Für 2014 wurde bisher nicht viel geändert. Die Sicherheitsoption Edelman wurde gehalten. Edelman ist der neue Welker, mit 175 Anspielen, 121 Catches für 1229yds und 7 TD. Nur jeder fünfte Pass auf Edelman geht weiter als 15yds. Er ist keiner, der aus eigener Kraft gegen die besseren Cornerbacks durchkommt, aber er ist nervtötend, wenn er im Gewirrl der Spielfeldmitte zum siebten Mal ein 3rd-und-6 mit einem 6yds-Catch verwertet.

Quasi der gleiche Spielertyp, nur etwas explosiver, etwas größeres Potenzial, aber brutal viel mehr Verletzungsgefahr ist Danny Amendola, erst letztes Jahr geholt, und dann wieder vier Spiele mit Zipperlein ausgefallen. Amendola hat einen recht teuren Vertrag, und man munkelt, dass er noch ein Opfer der Salary-Cap werden könnte – vielleicht am 1. Juni. Bleibt er, hat New England zumindest zwei weiße Irrlichter für die Zonen zwischen und um die Hashmarks.

Langfristiger ist da schon der Block um die blutjungen WR Aaron Dobson, WR Kenbrell Thompkins und WR Josh Boyce sowie den eingekauften Brandon LaFell ausgelegt. Erstere zwei sind von der Anlage her klassische Wideouts: Groß, kräftig, sprungstark. Gerade bei Dobson merkte man letztes Jahr aber, dass die Umstellung von einer Conference-USA auf die NFL doch schwieriger ist als angenommen, und Dobson bekam dann auch noch wegen zu vieler Drops in einer anfänglich schlicht nicht funktionierenden Offense auf die Fresse. Es ist zu früh, ihn abzuschreiben.

Fazit: Bei den Wide Receivern ist es schwierig, noch viel zu machen. Man hat viele junge Ressourcen in die Position investiert und angesichts der Eingewöhnungsprobleme auf dieser Position könnte auch ein Rookie erstmal keine allzu große Hilfe sein. Einen Draftpick investieren würde ich allenfalls für einen klassischen deep threat, der die Offense lang machen kann. Sollte dieser deep threat kommen, dürfte ein Amendola in New England Geschichte sein.

Der Seuchenvogel in der Patriots-Offense ist natürlich TE Gronkowski, auf der Höhe seines Schaffens der beste Tight End in der NFL, aber Gronkowski wurde in den letzten Jahren von einer unheimlichen Masse an Verletzungen außer Gefecht gesetzt: Handbruch, Komplikationen nach Handbruch, Kreuzbandriss, und da haben wir noch nicht über die schlimmste gesprochen: Den Rücken. Gronkowski ist körperlich quasi ein Wrack. Du kannst nicht mehr auf ihn als Vollzeit-Starter bauen. Du kannst höchstens hoffen, dass er die Regular Season so gut es geht aussetzt um wenigstens in den Playoffs einsatzfähig zu sein. Ersatzplan ist Hoomanawanui, der trotz schlechter Leistungen gehalten wurde (werden musste?). Wird hier noch nachgebessert?

Bradys Stärke ist seine tödliche Präzision auf den kurzen und mittellangen Routen. Es ist seine jahrelange Erfahrung, sein Wissen um die Intentionen der Defense. Aber Brady hat auch eine Schwäche: Sieht er zu schnell im Spielzug Druck vom Passrush, geht seine Effizienz exponentiell gen „austauschbar“. Letztes Jahr kassierte Brady hinter einer wackeligen Backup-Offense Line 43 Sacks – ein für ihn unerhörter Wert. Mindestens genauso schlimm sind die tausend Incompletions, die Brady in solchen Momenten zu werfen pflegt.

Da ist die Offensive Line gefragt. Die war in New England über viele Jahre immer verlässlich (außer 2013, aber die Gründe sind bekannt). Das lag zum einen am Festhalten an der Strategie, häufig Erst- und Zweitrundenpicks auf OL machen. Zum anderen lag es am harten Hund, dem OL-Coach Dante Scarnecchia, der nach der Saison aber seinen Rücktritt bekannt gab. Wie wird sich sein Verlust auswirken?

Nun sollten LT Solder und RT Vollmer wieder einsatzbereit sein. C Wendell wurde trotz einer viel kritisierten Saison gehalten. LG Mankins ist bis auf seine Superbowl-Einsätze auch ein Spieler, auf den du schon zehn Jahre konstant bauen kannst. Die RG-Position ist noch in der Schwebe, aber wir wissen von Belichick, dass diese seine am niedrigsten priorisierte Position in der Offense ist. Vielleicht wird der Springer Cannon dort eingesetzt. Komplett ausschließen würde ich einen hohen Draftpick-Invest in die Offensive Line bei den Patriots aber nicht: Zum einen macht Belichick das immer gern, zum anderen ist vor allem Vollmer mit seinem Rücken kein verlässlicher Kandidat, alle Spiele bestreiten zu können.

War noch was? Running Backs, anyone? Legarrette Blount wurde wie erwartet ziehen gelassen, aber mit Ridley (trotz Fumble-Anfälligkeit), Bolden und dem „halben Gronkowski“ Shane Vereen gibt es noch etliche gute Backs. Nicht auszuschließen, dass mit einem mittleren Draftpick noch ein kräftiger Power-Back für den Geschwindigkeitswechsel addiert wird. Dann könnte man vielleicht Vereen noch konsequenter das machen lassen, was er letztes Jahr schon tat: Eine Art Gronkowski-Rolle spielen. Würde zwei Fliegen auf einen Schlag schlachten.

Summa summarum sind die Patriots mittlerweile deutlich besser aufgestellt als in der letzten Saison. Die Blutauffrischung in der Defense über die letzten Jahre zahlt sich langsam aus, und mit Revis ist vielleicht das noch fehlende Puzzleteil angekommen um wirklich wieder eine verlässliche Defense aufs Feld schicken zu können. Ich erwarte von der Abwehr in diesem Herbst einen großen Sprung nach vorn. Vielleicht noch ein, zwei hohe Draftpicks für die Rotation in der Line, dann passt das.

Die Offense ist vielleicht nimmer der Juggernaut früherer Tage, aber sie wird auch dann zumindest im Soll liegen, wenn keine tiefe Bedrohung mehr aufzutreiben ist. Alles in allem dürfte New England damit in der AFC wieder auf einer Stufe mit Denver zu sehen sein, sprich: Klarer Mitfavorit auf den Superbowl-Einzug.

Preview Divisional Playoffs – Seahawks@Falcons

2012/13 NFC Divisional Playoffs Preview

(5) Seattle Seahawks (12-5) @ (1) Atlanta Falcons (13-3)

[Sonntag 19.00 Uhr auf ESPN America, Sport1+ und Puls4; kommentiert (über FOX) von Thom Brennaman und Brian Billick (offensichtlich hat FOX Kenny, Moose & Goose als nr.2 crew abgesägt)]

Falcons Offense / Seahawks Defense

Das interessanteste match-up am Sonntag ist das Aufeinandertreffen von Atlantas WRs Roddy White und Julio Jones auf der einen und Seattles Cornerbacks Richard Sherman und Brandon Browner auf der anderen Seite. Sherman und Browner sind das einzige CB-Duo der NFL, das es körperlich mit zwei prototypischen nr.1 wideouts aufnehmen kann. Beide sind größer als 1,90m und spielen extrem physisch. Wie oft Jones, 1,91m, und White, 100kg auf 1,83m, sich gegen Seattles CBs werden durchsetzen können Weiterlesen