Brasilien vs. Belgien – Spiel für die Äonen

Fantastisches Spiel, das als eines der besten, weil intensivsten, in die WM-Geschichte eingehen wird. Belgien eliminiert dank 2:1-Sieg den Turnierfavoriten Brasilien mit viel Geschick, aber auch viel Glück – und nicht gänzlich unerwartet, steht im Halbfinale und hat seinen Statement-Sieg gegen eine große Fußballnation. Weiterlesen

Die finale WM-Caipirinha 2014

Es war ein Endspiel vom ganz oberen Regal, trotz einer überschaubaren Anzahl an erstklassigen Torchancen. Es war ein großes Spiel, das nicht nur von seiner Spannung lebte, sondern vor allem auch von der knisternden Intensität, vom anfangs hohen Tempo, von den hart, aber selten unfair geführten Zweikämpfen, das mit zunehmender Spieldauer dazu führte, dass sich beide Teams zum Schluss nur noch schwer auf den eigenen Beinen halten konnten. Zur Symbolfigur wurde ausgerechnet ein aufopferungsvoll kämpfender Schweinsteiger, vielleicht noch vor Lahm, Podolski, Klose und Mertesacker die Symbolfigur der großen deutschen Generation der letzten Jahre.

Klose… dieses Sinnbild für den fairen Sportsmann. Ich gönne es ihm wie wenigen anderen. Wie Klose gestern mit triefnassen Augen seine Kinder über das Spielfeld chauffierte, werde ich nie vergessen. Es gibt wenige Sportler, mit denen ich mich besser identifizieren kann. Grande Miroslav.

Um den Verlierer ausreichend zu würdigen: Argentina, das war groß. Das war die Wiedergutmachung für das Auftaktspiel gegen Bosnien. Ich erlasse Argentina hiermit die (nicht billige) Rechnung für die verschenkte Lebenszeit für jenen WM-Opener. Die Argentinier waren ein ebenbürtiger Gegner, sie lieferten ihre mit Abstand beste Turnierleistung und hätten mit einer Prise mehr Selbstvertrauen oder einer Prise mehr Abschlussglück durchaus auch den Titel abstauben können. Weiterlesen

WM-Caipirinha 2014: Brasilien – Kolumbien | Viertelfinale

Der Südamerika-Schlager Brasilien vs Kolumbien ist sicher eines der prägenden Spiele des Turniers. So ganz sicher bin ich mir auch zwei Tage danach noch nicht, was ich von ihm halten soll: Ja, es war aus neutraler Sicht ein unterhaltsamer Abend, aber dann musst du aber auch bedenken, dass von den gut 95 Minuten Spielzeit der Ball nur 41 Minuten im Spiel war – der Rest bestand aus Gekloppe und Raustragen von verletzten Spielern.

Brasilien verliert mit diesem Spiel Neymar, seinen wertvollsten, weil definierenden Offensivspieler. Das ist tragisch für den Spieler, aber für die Mannschaft fühlt es sich an wie wer Scheiße sät, wird Scheiße ernten: Scolari ließ seine Mannschaft hyperaggressiv ins Spiel gehen, fast als wäre der einzige Zweck gewesen, den prägenden Spieler des Turniers, #10 James Rodriguez, aus dem Spiel zu treten, ein Plan, den vor allem #5 Fernandinho gut umzusetzen wusste. Weiterlesen

WM-Caipirinha 2014: Das war Gruppe A

Brasilien ging wie erwartet durch, aber alles rosig ist bei der Selecao bei weitem nicht. Gegen Kroatien musste der Schiri nachhelfen, von den Mexikanern bekam man einen epischen Kampf geliefert, der fast in einer Niederlage geendet wäre (und gefühlt eine war), und Kamerun war kein Prüfstein.

Brasilien wirkt wie ein ziemliches one trick pony, was auch an der immergleichen Aufstellung liegt. In der Abwehr ist man trotz Tingeltangel eine recht stabile Unit, das zentrale Mittelfeld mit Paulinho und Gustavo funktioniert auch – bisher – ausreichend, aber vorne ist das nicht immer überzeugend. Man ist relativ abhängig von den Genieblitzen von Neymar, hat ansonsten nicht viel anzubieten: Fred ist bisher ein Ausfall, Oscar hatte auch nur gegen Kroatien wirkliche Spielfreude versprüht, und auf dem rechten Flügel sieht das bisher überhaupt nicht gut aus: Hulk wich in Spiel 1 stark nach links aus. Gegen Mexiko brachte Scolari dann Ramires, was komplett schief ging und schon nach einer Halbzeit mit dem Wechsel endete; Bernard ist keine Idealbesetzung, kann aber immerhin als Joker neue Aggregatszustände bringen; tja, und ganz vorne wäre Jo ein gefühltes Upgrade über Fred, aber so wirklich überzeugend ist ein Jo halt auch nicht.

Jetzt also Chile. Brasilien war bisher immer ein Team, das naive Teams locker schlagen konnte, und man putzte auch vor vier Jahren das abschlussschwache Chile locker 3:0 im Achtelfinale. Diese Chilenen 2014 sind aber dann doch eine furchteinflößende Erscheinung, nicht bloß, weil Ganzkörpertätowierung erstes Nominierungskriterium ist: Es würde mich nicht überraschen, wenn Coach Sampaoli einen Manndecker auf Neymar hetzt und somit die brasilianische Offense hinreichend lahm legt um ein historisches Upset in Angriff zu nehmen…

Platz zwei in der Gruppe: Mexiko! Das freut mich als altem Mexiko-Fan natürlich ganz besonders, umso mehr, weil kein Mensch der Tri was zugetraut hatte. Die Mexikaner spielen ihren alten Stiefel runter: Ganz nett anzuschauen, aber nicht kalt genug und nicht schnell genug im Umschaltspiel, aber: Als Gesamtes ist das schwer überzeugend. Man spielt ein trockenes 5-3-2 mit zwei eher offensiven Außenverteidigern, und man ist vor allem darauf bedacht, die Zentrale stabil zu halten und gleichzeitig das eigene Spiel brutal breit anzulegen.

Die Mexikaner sind eher keine Kandidaten, einen Gegner mit einer Orgie an Torchancen 4:0 an die Wand zu nageln, aber sie können Mehltau: Sich auf den Gegner drüberlegen, ihn langsam einzuschläfern und danach zu ersticken. Sie können fantastisch aus der zweiten Reihe schießen und gegnerisches Aufbauspiel abfangen. Ich frage mich allerdings, wie die eher langsame mexikanische Defensive gegen die holländischen Sprinter um Robben auftreten wird.

Kroatien ist Dritter. Kroatien hatte ich mehr zugetraut. Das Auftaktspiel gegen Brasilien war noch tendenziell sehr gut, ehe man durch einen krassen Schiedsrichterfehler das Spiel verlor und sich hernach weinend in sein Schicksal stürzte ohne noch einmal echte aufbäumende Reaktion zu zeigen. Ja, Kamerun wurde klar geschlagen, aber das war schon keine richtig überzeugende Leistung. Man bekam nie echte Dominanz in ein Mittelfeld, in dem mit Rakitic, Modric und Kovacic internationale Superspieler auftraten, aber sie konnten als Trio nicht gegenhalten, und die zweite Reihe hinter dem Mittelstürmer hatte keinen Punch.

Kamerun war die befürchtete Katastrophe. Ich hätte fast geschrieben, die „erwartete“ Katastrophe, nachdem ich sie im Testspiel gegen Paraguay als komplett inhomogene Mannschaft erlebt hatte, aber dann berappelte man sich in der Vorbereitung doch noch und sah wie ein potenzielles, wenn auch unwahrscheinliches dark horse aus. Nada.

Da war nichts. Es gerüchtelte von Streitereien, einem entmachteten Coach, einem bocklosen Stürmerstar Eto’o (welch Überraschung…) und einem Kurzzeitcoach auf Urlaubstrip. Kamerun zeigte nur phasenweise den Willen, sich gegen das Unheil zu stemmen, fiel aber dann spätestens nach dem ersten groben Patzer, der zu Rückstand führte, in sich zusammen, bei der zweiten WM en suite. Kamerun ist als afrikanisches Team immer eins meiner Favoriten, aber so blind kann niemand sein, noch länger „Credit“ für diese Mannschaften aufzubringen. Schade, aber irgendwann muss man es einsehen.

Caipirinha zum Schlager des Tages: Brasilien – Mexiko | Gruppe A

Das war dann mal ein 0:0 der richtig geilen Sorte. Brasilien – Mexiko war die bislang intensivste Partie des Turniers, vielleicht auch die beste, ein Spiel, dem man seinen Austragungsort (die Schwüle Fortalezas) nur sehr bedingt anmerkte, ein mitreißendes Spiel mit aufopferungsvoll kämpfenden Mexikanern, mit einer brasilianischen Mannschaft, die erneut nur in Spurenelementen ihre Offensiv-Wucht andeutete, aber wenn, dann prüfte sie Keeper Ochoa auf das Äußerste – und Ochoa bestand mit Bestnote. Ein Spiel, dem nur der Orgasmus in Form eines Treffers fehlte. Aber so wirklich verdient wäre der nur im schön aufgeteilten Doppelpack gewesen, als Remis.

Gehen wir sie der Reihe nach durch. Zuerst die Brasilianer. Gleiche Formation von Scolari wie gegen Kroatien, außer dass der verletzte Hulk durch #16 Ramires auf dem rechten Flügel ersetzt wurde – ein Move, der bizarr anmutete und auch nur schief gehen konnte. Zur Pause wechselte Scolari dann auch schon den quirligeren, aber heute glücklosen Bernard ein. Brasilien wirkte heute auch flexibler und noch mehr auf Stabilität bedacht, mit einem Sechser-Pärchen Gustavo/Paulinho, das seinem Namen fast nicht mehr gerecht wurde, so häufig half Gustavo als Art Libero in der Dreierkette aus.

Brasilien hatte Probleme mit dem mexikanischen Pressing, aber Brasilien hatte auch wieder diese charakteristischen eigenen Druckphasen, und die hatten es verdammt noch mal in sich: Wenn diese Armada dann mal für drei, vier Minuten auf dich zurauscht und dich belagert, entweder aus allen Rohren feuert oder mit Verve drei Ballstaffetten zum Abschluss durchzieht, wird dir Angst und Bange. Ich war nie ein ganz großer Fan der brasilianischen Spielweise, aber diese Minuten sind selbst im Sofa schweißtreibend und gehören zu den intensivsten Momenten, die Fußball bieten kann.

Brazil schaffte das heute sogar trotz eines erneut indisponierten Mittelstürmers Fred, der wie schon gegen Kroatien keine Bindung fand und mit Pfiffen verabschiedet wurde. Sein Backup Jo agierte sichtlich tiefer, fast als halber Zehner, und das wirkte sich aus.

Die Mexikaner lauerten, sie guckten sich immer wieder die brasilianischen Offensivaktionen an, warteten, um immer im richtigen Moment dazwischenzuspringen und zig nervtötende Ballgewinne zu provozieren. Was die #6 Herrera heute lieferte, war ganz großer Sport. Mexiko presste zwischendurch immer wieder auch ganz vorn, und erst dachte ich mir, sie nutzen die brasilianischen Ruhepausen aus – aber nein: Sie zwangen die Brasilianer sogar zu diesen Phasen! Sie kombinierten sich immer und immer wieder gemächlich gen Tor, und schlossen mit einer Serie an Superschüssen ab.

Das Mittel, das ich schon nach dem Kroatien-Spiel gefordert hatte – Schüsse auf den Kasten vom nicht fangsicheren Julio Cesar – sie haben es genau studiert und auch so gesehen. Sie haben nur zu selten den Kasten getroffen, auch wenn es oft knapp war. Richtig herausgespielte Chancen hatten die Mexikaner zwar wenige, aber sei’s drum: Sie zeigten allein mit ihrer mannschaftlich geschlossenen Leistung, mit ihrem sehr druckvoll ausgelegten 5-3-2 bzw. ruhig auch 3-5-2, wie man Brasilien an die Wand nageln kann, wie man ihren Spielaufbau mit schnellen Ballgewinnen stören oder zerstören kann.

Der Mann des Tages war trotzdem der neue Dudek, Goalie Ochoa, mit famosen Reflexen und Paraden, im Stil eines Kahn (Neymar-Kopfball, HZ 1 / Silva-Kopfball, HZ 2), aber auch im Stil eines Hockey-Goalies (Neymar-Drehschuss, HZ 2). Ochoa rettete am Ende den Punkt gegen einen Gegner, den man sich super ausgeguckt hatte, der aber trotzdem fantastische Chancen hatte.

Der Schiri. Erstklassige Vorstellung. Gibt überhaupt nichts zu kritisieren, selbst den Marcelo-Elfer gab er nicht. OK, ein Kritikpunkt: Silva hätte für sein rüdes Foul locker auch Rot sehen können, wegen der Härte, aber auch wegen der verkappten Notbremse.

Das Publikum. Die Pfiffe ob des enttäuschenden (aus Brasilien-Sicht) Ergebnisses hielten sich in Grenzen, ja eigentlich war fast mehr Jubel hörbar. Es bleibt aber weiterhin ein Publikum, das bei mir extrem zwiespältige Gefühle auslöst. Es ist ein rein weißes Publikum. Ich meine nicht, dass das überraschend kommt… aber irgendwie doch. Das ist kein brasilianisches Publikum. Das ist struktureller Rassismus, zur Schau gestellt beim größten Ereignis im erfolgreichsten Land des Fußballs: Ganze Bevölkerungsschichten bleiben draußen. Weiße brasilianische Unis. Jetzt auch weiße brasilianische Stadien.

Caipirinha zum WM-Auftakspiel 2014: Brasilien vs Kroaten | Gruppe A

Merkwürdiges Auftaktspiel. Die erste Halbzeit fand ich eigentlich recht ansehnlich, aber nach der Pause war das schon eine zähe Angelegenheit. Die Brasilianer kamen im Gegensatz zum Confed-Cup nicht zweimal mit viel Pressing aus der Pause, sondern groovten sich jeweils langsam ins Spiel rein. In der Offensive gab es vergleichweise vertauschte Rollen mit einem Neymar, der doch mehr Freiheiten genoss als bisher üblich, einem Hulk, der sehr viel über die linke Flügelseite kam, und einem komplett abgeschnittenen Mittelstürmer Fred. Das brasilianische Ausgleichstor war auch eher vom sonstigen Spiel losgekoppelt: Ballgewinn in der Mittelfeldzentrale, 3-4 Schritte von Neymar, und dann geht ein nicht besonders hart getroffener Ball halt zufällig haargenau ins lange Eck, wo der wie ein Sack umfallende Pletikosa nicht mehr ganz rankommt.

Die Kroaten kontrollierten eigentlich weitgehend das Spiel, und auch ihr Tor war „logischer“ als der der Brasilianer: Es war nicht so lange gespielt, aber man war schon zum dritten Mal über einen der Flügel frei zum Flanken gekommen (einmal über rechts, mit Olic-Kopfball, zweimal über links), und folgerichtig fummelte sich der Ball zweimal abgefälscht zum Eigentor Marcelo rein – ein erstes WM-Tor 2014, bei dem keiner der 7 Milliarden Erdbewohner den Schützen korrekt getippt hat.

Die zweite Halbzeit war dann schwach von den Brasilianern. Da kam ja gar nichts mehr. Ich schilderte schon, wie substanzlos diese Mannschaft sein kann, wenn sie nicht mit Führung im Nacken spielt, aber das war erschreckend. Scolari versuchte, sich mit positionsgetreuen Wechseln noch einmal ins Spiel zurückzubringen. Geschafft hat es dann keiner seiner Spieler, sondern der japanische Schiedsrichter.

Der Schiri war nicht „schlecht“ in dem Spiel. Wir fanden in der Stube, er pfiff überraschend neutral. Aber die Schwalbe vom Fred war schon so klar, dass da zwangsläufig die Unkenrufe vom Heim-Schiri auftreten. Es war ein geschenkter Sieg für die Brasilianer, aber ich habe Hoffnung, dass mit diesem Elfergeschenk der ganz große Bonus für die Brasilianer schon verschenkt ist. Wird man sich nochmal trauen, den Brasilianern ein solches Präsent zu überreichen – dann, wenn es vielleicht wirklich notwendig ist, in einem Viertelfinale in der 72ten Minute?

Auch das sensationelle 3:1 von Oscar, das Erinnerungen an das Wundertor von Ronaldo 2002 gegen die Türken weckte, kam nach einem mehr als grenzwertigen Foul im Mittelfeld zustande. Schiri-Diskussion, Fortsetzung folgt?

Ansonsten: Stabile brasilianische Abwehrvorstellung nach den ersten 20 Minuten. Torwart Julio Cesar ist aber ein Unsicherheitsfaktor. Gegen den brauchst du nur sechsmal, siebenmal draufhalten, und wenn er dir die Kugel nicht im ersten Mal reinlässt, prallt er dir irgendwann den Ball direkt vor die Füße ab.

Ein Wort zum Publikum: Im italienischen Fernsehen sind die Ränge meistens eh zurückgedreht, aber so leise wie es im Stadion in Sao Paulo war, herrschte schon fast Geisterstimmung zwischendurch. Die Lästereien vom Eventpublikum werden nicht nachlassen. Auffällig an dem Publikum war für meinen Geschmack auch dessen „helle“ Färbung. Da waren 70.000 Brasilianer aus der oberen Mittelschicht im Stadion…

Brasilien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Die brasilianische Nationalmannschaft gilt als einer der zwei, drei größten Turnierfavoriten vor dieser WM. Dabei ist die Selecao von Coach Felipe Scolari ja gar nicht personell so besetzt, dass du per se von einem kommenden Weltmeister ausgehen würdest. Der Favoritenstatus bei den Brasilianern rührt neben dem Heimvorteil vor allem von dem, was sie diesmal im Vergleich zu anderen Mitfavoriten nicht haben: Eine echte Schwachstelle.

Scolari hat die Mannschaft erst vor 18 Monaten übernommen, aber er hat es geschafft, dem Team ein Gesicht zu geben, das mit jenem der seelenlosen Copa-America 2011 nicht mehr zu vergleichen ist. Brasilien spielt sehr zielstrebig. Schlüssel sind eine wuchtige Defensive und ein völlig unspektakulärer Mittelstürmer Fred, der vorne als Ballbouncer funktioniert, damit die beiden offensiven Außenverteidiger und die beiden Flügelstürmer aus der zweiten Reihe heraus operieren können.

Scolari war nie der ganz große Taktiker. Seine Stärke ist, dass er eine Mannschaft zusammenschweißen kann. Er gilt als player’s coach, dessen oberste Priorität es ist, das Team zu einen. Entsprechend fallen bei Scolari auch Individualisten mit großen Namen durch das Beuteraster und wurden aussortiert. Eine Besonderheit bei Scolari ist, dass er sich relativ schnell auf seinen Kern eingeschossen hat, und nie Diskussionen über Nominierungen und Nichtnominierungen aufkommen ließ. Die Stammelf steht seit gut zwölf Monaten mehr oder weniger in Stein gemeißelt. So wird bei dieser WM ein Team auftreten, das mit dem Siegerteam vom Confed-Cup 2013 nahezu identisch ist.

Mögliche Stammformation von Brasilien im 4-2-3-1

Mögliche Stammformation von Brasilien im 4-2-3-1

Wichtig bei den Brasilianern unter Scolari ist die Stabilität in der Spielfeldmitte: Das künftige Verteidigerpärchen vom PSG, #4 Tingeltangel Luiz / #3 Thiago Silva, dürfte zu den besten im Turnier gehören. Ihnen vorgeschaltet sind mit #17 Luis Gustavo und dem etwas blässlichen, aber fleißigen #18 Paulinho zwei Abräumer, die immer defense first denken.

Für den Angriff sind andere zuständig. Die Flankenläufer #6 Marcelo (links) und #2 Dani Alves (rechts) stoßen immer wieder sehr weit nach vorne und sorgen dafür, dass die nominellen Flügelstürmer #10 Neymar und #19 Hulk immer wieder nach innen ziehen.

Hulk war letztes Jahr beim Confed-Cup nicht wirklich in Form, scheint aber trotzdem gesetzt. Er soll mit seiner physischen Präsenz auch eine Art Absicherung geben, wenn Alves mal wieder zu offensivtrunken wird und seine defensiven Aufgaben vergisst. Der zentrale Mann hinter dem Mittelstürmer dürfte #11 Oscar sein, der einen Schuss Kreativität ins Spiel bringen soll.

Marcelo, Alves, Hulk, Oscar, Neymar: Sie alle suchen immer wieder den Mittelstürmer #9 Fred, der nach gefühlt zehn Jahren als Ergänzungsspieler mit einem Mal der zentrale Offensivspieler ist. Fred spielt mittlerweile bei Fluminense, musste erst letztes Jahr einen Abstieg aus der brasilianischen Liga verkraften und hatte zuletzt recht viele Wehwehchen, aber für Scolari ist er als Abpraller der entscheidende Mann.

Im Confed-Cup fiel bei den Brasilianern auf, wie überfallartig sie ihre Spiele zu beginnen pflegten. Das wahnsinnige Offensivpressing in den ersten Minuten im Endspiel gegen die Spanier steht nur stellvertretend für eine Mannschaft, die in jedem Spiel auf den schnellen Treffer ging. Jeder druckvollen Anfangsphase folgte dann allerdings alsbald auch wieder der Rückzug nach der ersten Viertelstunde oder so. Hatte man den Treffer erzielt – wie gegen Spanien oder gegen Mexiko – gut, wenn nicht, entwickelten sich schon auch eher zähe Angelegenheiten.

Die Mannschaft wirkt kohärent, sie arbeitet vor allem gegen den Ball als eine Einheit. Selbst scheinbar egomanische Künstler wie Neymar leisten Defensivarbeit (Neymar war im Confed-Cup nicht nur der meistgefoulte Spieler; er beging auch die meisten Fouls).

Probleme wird Brasilien vor allem dann bekommen, wenn das schnelle Gegenpressing nicht in frühe Tore umgemünzt werden kann; das Brasilien 2014 ist ein Team, das insbesondere von seiner Qualität, mit einer Führung im Rücken spielen zu können, lebt. Probleme wird Brasilien bekommen, wenn ein Gegner wirklich hochklassig über die rechte Abwehrseite kommt (zum Beispiel Argentinien). Dazu gesellt sich ein guter, aber nicht mehr herausragender Torwart Julio Cesar.

Die Erwartungen sind klar: Der Titel muss es sein. Und der Titel ist nicht unrealistisch. Brasilien stellt keine Zaubermannschaft, aber in den Druckphasen ist das doch ein sehr sehenswertes Team, das ruhig ein paar Runden weit kommen darf.

WM-Caipirinha 2014: Die Rahmenbedingungen

Anpfiff für die Fußball-WM 2014 in Brasilien ist erst am nächsten Donnerstag, 12. Juni, aber das soll uns nicht von einer ausgedehnteren Vorschau auf das beste Sportturnier der Welt abhalten. Den sozialpolitischen Hintergrund mit der befürchteten Protestwelle kann ich dabei nur am Rand tangieren, dafür gibt es bessere, kompetentere Anlaufstellen. Lass uns diese Rahmenbedingungen zum Start einer Preview nicht ganz vergessen. Also, schon einmal aus Eigeninteresse zur Info-Clusterung, eine Caipirinha an WM-Zutaten vor dem eigentlichen sportlichen Start.

Die Stimmung auf den Straßen

Die ersten Massendemonstrationen sind bereits im Gange und es werden wohl mehr im Verlauf des Turniers erwartet. Wird FIFA-Boss Blatter bessere Antworten finden als letztes Jahr beim Confed-Cup? (Kann er überhaupt schlechtere finden?) Wie wird die Polizei reagieren? Es gibt Bürgergruppierungen, die unter dem Schutz des Demonstrationsrechts stehen, und sie werden von der Polizei nicht überhart angegangen werden dürfen.

Was passiert aber mit den Trittbrettfahrern, den autonomen Randalierern, die nur die Plattform „Weltmeisterschaft“ nutzen? Wie wahrscheinlich ist es, dass solche Proteste eskalieren? Wie geht die FIFA damit um, dass möglicherweise ihr Vorzeigeprodukt befleckt wird? Es wäre nun auch nicht so, dass sich die einheimischen Fußballer in Brasilien unberührt von den Protestwellen gezeigt hätten, nein: Sie unterstützen großteils die Bürgerbewegungen. Sie erkennen die Sinnhaftigkeit der Proteste.

Die Infrastruktur

WM-Stadion Sao Paolo - Bild: Wikipedia

WM-Stadion Sao Paolo – Bild: Wikipedia

Thema Stadien: Wie sicher werden sie sein? Wie sicher wird die Umgebung der Stadien sein? Ein Kollege war letztes Jahr in Sao Paolo und er berichtete, dass man sich in Touristengebieten in Brasilien aufgrund massivem Polizeiaufkommen tendenziell sehr sicher fühlen kann. „Fertig“ sind die Stadien eh nicht alle, namentlich zu nennen sei da das Stadion des Eröffnungsspiels in Sao Paolo, das noch nie in voller Auslastung getestet wurde.

Das neue Maracana-Stadion

Das neue Maracana-Stadion

Die Stadien selbst sind architektonisch alle recht hübsche Dinger, auch das sanierte Maracana-Stadion sieht wie ein klassisches, neuartiges Fußball-Stadion aus, aber es bleibt da immer ein schaler Beigeschmack, wenn in solchen Schwellenländern öffentlich mitfinanzierte Kathedralen in der Wüste hingeknallt werden, teuer und ohne weitere Verwendung. Die ersten Hardcore-Fangruppierungen beklagen auch schon den Verlust der Seele der alten brasilianischen Stadien. Ein Maracana-Stadion, viele Jahrzehnte gefeiert dafür, für Arm und Reich gleichermaßen zugänglich zu sein, wird künftig breiten Bevölkerungsschichten verschlossen bleiben: Zu sehr mussten die Eintrittspreise erhöht werden um dem Anspruch des Neuen gerecht zu werden.

In Sachen Infrastruktur sind die Stadien, so überdimensioniert und teuer sie auch sein mögen, aber nicht der wichtigste Punkt. Wichtiger sind Flughäfen, Autobahnnetze und Busverkehr. In vier Städten sollen notwendige Erweiterungen der Flughäfen nicht abgeschlossen sein; in Fortalezas zum Beispiel kann ein ganzer neuer geplanter Terminal nicht zur WM geöffnet werden. Erwartet werden rund eine halbe Million ausländischer Touristen. Wie bewegen sich also die Fans durchs Land? Provisorische Lösungen werden gefunden werden, aber wenn ich lese, dass letzte Woche in Sao Paolo mit 344km Stau schon wieder ein neuer Rekord aufgestellt wurde, wird einem ganz anders.

Achte auf das Zebra

Auf der anderen Seite soll die Vorfreude auf das Fußballturnier selbst im Land schon gewaltig sein. Die Selecao gilt ja mittlerweile als größter Titelfavorit, und mit der starken Leistung letztes Jahr im Confed-Cup ist die Freudenstimmung dann auch im positiven Sinn explodiert.

Explodiert impliziert aber immer noch auch explosiv, heißt: Die Brasilianer dürfen nicht zu früh rausfliegen. Die Welt zu Gast in diesen sündhaft teuren Tempeln, und Neymar liegt schon seit dem Achtelfinale auf den Malediven? Es braucht nicht viel Phantasie, dass es dazu nicht kommen darf. Generell gilt die FIFA als Verein, der kein Interesse an einer WM ohne Veranstalter hat. Die Spielplan-Auslosung lief wie sie gelaufen ist (Brasilien könnte schon im Achtelfinale auf Spanien oder Holland treffen), aber gerade deswegen gilt es, ein Auge auf Schiedsrichteransetzungen und -leistungen zu werfen.

Als jemand, der in Italien lebt, habe ich nur zu gut in Erinnerung, wie vor 12 Jahren ein Gastgeber Südkorea ins Halbfinale durchgepfiffen wurde, und an den Aufschrei danach. Natürlich werden Schiedsrichter allein keinen Weltmeister machen, aber würdest du dagegen wetten, dass nicht im stillen Hinterkämmerlein ein Plan B für alle Notfälle bereit liegt? Kleinigkeiten können den Ausschlag geben, wieso also nicht eine überflüssige gelbe Karte für einen potenziellen nächsten Gegner? Ins Bild passt da auch die merkwürdige Konstellation, dass am dritten Gruppenspieltag wider der alphabetischen Logik die Gruppe B (also die Spanien-Gruppe) vor der Gruppe A (der Brasilien-Gruppe) die Endstände ausgespielt haben wird.

Die Schiedsrichter werden noch aus einem anderen Grund zu beobachten sein: Es gerüchtelt, dass die FIFA massive Anstrengungen unternimmt um die signalisierten Wettmanipulationen vor allem gegen Ende der Gruppenphase soweit es geht zu unterbinden. Es werden Topexperten ins Land geschickt um die Performances in den Stadien im Auge zu halten, aber man behalte immer im Hinterkopf, dass der „andere“ Teil des Wettgeschäfts, der Wettmarkt selbst, vor allem in Asien noch immer quasi nicht überwacht ist.

Der Fluch und das Klima

Europäer haben auf amerikanischem Boden noch keine Weltmeisterschaft gewonnen. Jeder, der sich entfernt für Fußball interessiert, wird schon davon gehört haben. Dass dabei mexikanische Moctezumas oder peruanische Atahualpas ihre Hände im Spiel haben, kann man getrost bezweifeln: Gerade als ein Blog, das großteils auf Statistik baut, muss man darauf hinweisen, dass der angebliche Fluch auf ganzen sieben Turnieren gründet – eine nicht ernst zu nehmende Testmenge.

Real sind aber die zu erwartenden extremen klimatischen Bedingungen. Rio, Belo Horizonte oder Sao Paolo sind verhältnismäßig gemäßigte Klimazonen für diese Jahreszeit (in Brasilien ist aktuell schließlich Spätherbst), aber selbst dort werden auch abends Temperaturen um die 25°C mit massiver Luftfeuchtigkeit erwartet.

Richtig schlimm dürfte es vor allem im Amazonas-Gebiet und im Nordosten des Landes werden, wo es über 30°C haben kann, plus 80% Luftfeuchtigkeit. Jeder, der öfter in solchen Bedingungen spielen musste, weiß wie heftig es werden kann, wenn dir der Schweiß am Körper nicht mehr verdunstet, und wenn du dann auch keinen Windstrom spürst, hilft im Prinzip nur noch das Eine: Trinke über den Durst, auch wenn das Durstgefühl schon lange Stopp schreit.

Letztes Jahr im Confed-Cup merkte man manchen Mannschaften mit zunehmendem Turnierverlauf schon recht deutlich an, wie ihnen der Sprit ausging – und da hast du zwei, drei Runden weniger zu absolvieren. Eine spanische Mannschaft konnte als Beispiel ein ganzes Spiel gegen Tahiti mit der Ersatzmannschaft bestreiten, und dennoch war die A-Elf im Endspiel ein saftloser Haufen, müde und abgehalftert. Teams, die hohes Pressing mit viel Laufbereitschaft spielen wollen, werden es schwer haben in diesem Turnier. Dummerweise gehört Deutschland zumindest in der Theorie zu ihnen, und dummerweise spielt Deutschland in der Praxis zumindest in der Gruppenphase in den klimatisch extremsten Zonen.

Viele erwarten, dass die Südamerikaner durch das Klima einen entscheidenden Vorteil haben werden, aber so sicher bin ich mir nicht. Klar ist, dass die Spieler dort aufgewachsen sind, aber viele von ihnen spielen seit Jahren in Europa, und auch sie werden sich alle wieder umstellen müssen. Ich erwarte eher, dass sich von der Spielanlage eher passive Teams etwas leichter tun werden, sollten sie die erste Runde überstehen. Auf alle Fälle wird die Kondition entscheidend. Es wird nicht passieren, dass ein aufopferungsvoll kämpfendes Team vom Schlage eines Atletico Madrid hier durchmarschiert.

Vor dem Confed-Cup 2013

Das ganz große Highlight folgt mit der WM erst im nächsten Jahr, aber der Confederations-Cup ist schon ein erstes „Vorglühen“, eine Standortbestimmung zwölf Monate vor dem Spektakel. Ich mag den Confed-Cup, weil man zum ersten Mal die neuen WM-Stadien besichtigen kann, weil die Atmosphäre etwas entspannter, weniger aufgebauscht als bei der WM ist und trotzdem Turnierluft versprüht, und weil es Mannschaften gibt, die du danach nie wieder zu Gesicht bekommst. Tahiti, zum Beispiel. Ohne nachgeschaut zu haben, fühlt sich das an wie eine Ferieninsel in der Südsee, Trommelwirbel und Blumenkranz im polynesischen Haar… und Ozeanienmeister! Wir werden über Tahiti lernen und nachdem die Jungs punkt- und torlos in der Vorrunde nach Hause geflogen sind, ein neues Kapitel im Ordner Landeskunde abgelegt haben.

Die letzten Confed-Cups pflegten auch, spielerisch besser zu sein als der große Bruder WM. Die Teams spielten befreiter auf, ein Ausscheiden fiel schließlich nicht so schwer ins Gewicht. Vor allem die Brasilianer zündeten zuletzt ganz andere Feuerwerke als im jeweiligen Jahr darauf, als sie sich von Perreira und Dunga geknebelt in die Hosen schissen. Wie wird es diesmal sein, zuhause, mit dem beispiellosen Druck, in einem Jahr den WM-Pokal stemmen zu müssen?

Die Stimmung im brasilianischen Lager schien in den letzten Jahren ziemlich schlecht zu sein. Viele Trainerwechsel, ziellose Suche nach einem neuen Spielsystem, einer neuen Identität. Der Terminus des „Samba-Fußballs“, obwohl von Kommentatoren wie Bartels immer und immer wieder strapaziert, ist längst veraltet. Samba, das Kleinwichsen zwanzig Meter vorm Strafraum mit plötzlichem vertikalem Spiel aus dem Fußgelenk raus, praktizieren heute nur mehr Teams wie Bayern oder Barcelona. Von den Brasilianern kennt man es allein von den Uralt-Tapes aus den 60ern und 80ern.

Brasilien installierte Ende 2012 mit Luis Felipe Scolari zum was-weiß-ich-wievielten-Male in den letzten Jahren einen neuen Cheftrainer, und Scolari scheint noch nicht so recht zu wissen, wohin die Reise mit seinem Spielermaterial gehen wird. Altstars wie Kaka oder Ronaldinho, aber auch bekannte Namen wie Ramires oder Pato, stehen nicht im Aufgebot des Confed-Cups, dafür eine Liste an Spielern aus der heimischen Liga plus dem einen oder anderen Mann aus Europas Top-Ligen (Dani Alves, Dante, Luis Gustavo, Thiago Silva).

Der Superstar ist diesmal der neue Barca-Wunderknabe Neymar, 21-jährig, und mit so vielen Vorschusslorbeeren bedacht, dass er riskiert, daran zu zerbrechen. Viele Europäer, mich eingeschlossen, werden Neymar zum ersten Mal wirklich live spielen sehen.

Die Brasilianer müssen nicht zaubern, aber sie haben was gutzumachen: Ich habe ihnen diese abstruse WM 2010 noch nicht verziehen, als Dunga seine eigene Mannschaft in seinem Sicherheitswahn komplett knebelte, dass ihnen die Luft ausging. Als großer Innovator und Fußball-Philosoph gilt Scolari zwar auch nicht, aber seine Hauptaufgabe wird eh sein, aus diesem Spielerkern zumindest halbwegs sowas wie eine Mannschaft zu formen, auf der sich in den nächsten 12 Monaten ein Anwärter auf den WM-Pokal formen lässt. Vielleicht kriegen wir in den nächsten zwei Wochen Erstansätze zu sehen.

Die Lage im Land

Es ist kein Geheimnis, dass viele Stadionbauten hinter dem Zeitplan zurückhängen. Zwei wichtige Spielstätten für den Confed-Cup, das WM-Stadion in der Hauptstadt Brasilia und das Maracana von Rio, wurden erst im letzten Monat fertig gestellt, und vor kurzem sorgte ein zeitweiliges Verbot für Spiele im Maracana (BRA-ENG) für helle Aufregung. Die Blamage wurde abgewehrt; das Spiel konnte stattfinden, aber die Episode fügt sich in ein Gesamtbild, das glücklicher sein könnte.

Maracana von innen

Maracana von innen

Immerhin: Im neuen Look macht das Maracana ziemlichen Eindruck als ein schönes Fußballstadion. Die alte Rundung mit dem zwei Kilometer entfernten Spielfeld ließ einen Außenstehenden ja oft fragen, was an dieser Stätte so kultig sein soll. Maracana 2014 – ein würdiger Tempel für die Spiele, fast 80.000 gehen rein.

Ein großes Problem – und das in dem Fußball-Kernland schlechthin! – sind die „weißen Elefanten“ in Brasilia und Manaus – Stadien, die nach der WM 2014 keinen Weiterverwendungszweck haben. Positiv immerhin: Der Kartenvorverkauf für den Confed-Cup soll glänzend verlaufen sein, die Begeisterung ist da, es wird ein Zuschauerrekord für Confed-Cups erwartet. [Qu: Economist].

Am letzten Wochenende habe ich mich zudem ein bissl dem Thema „Schwellenland Brasilien“ gewidmet und dem Impact, den die kommenden Großereignisse wie WM und Olympia 2016 in Rio haben. Grundstimmung, die durch die Dokus transportiert wurde: Ja, es bewegt sich was, und wenn der Staat die rechtsfreien Zonen in den Slums unter Kontrolle kriegt, sind sofortige Besserungen spürbar, aber es geht die Angst um, dass es nach dem Ende von Olympia, wenn sich die Welt wieder anderen Dingen widmet und wegschaut, Rückfälle in alte Zeiten gibt.

Immerhin aber wurde begonnen. In Rio blühen erste Favelas auf und bringen die Kreativität von Einwohnern und Städteplanern an die Oberfläche. Aber es gibt noch viele hunderttausend Menschen, die in Dutzenden weiterhin von der Drogenmafia kontrollierten Gebieten in unwürdigen Bedingungen hausen. In Sao Paolo wird fieberhaft an der Umsetzung eines neuen Verkehrskonzepts gearbeitet, um diesen Moloch vor dem Infarkt zu retten. Ansonsten das typische Phänomen in Schwellenländern: Die Leute strömen in die Städte in der Hoffnung auf besseres Leben, aber diese hoffnungslos überlaufenen Orte haben noch mit Basisproblemen wie Infrastrukturplanung und Kriminalitätsbekämpfung zu beißen (und da beißt sich dann die Katze in den Schwanz).

Das Gute ist, dass Staat, Regionen und Städte durch die Großereignisse gezwungen sind, Hand anzulegen. Und wenn im Jahre, sagen wir, 2016, sieben, acht Jahre fieberhaft an sozialen Verbesserungen gearbeitet worden sein wird (manchmal auch mit brachialer Gewalt), ist es fast „unvermeidlich“, dass langfristige Verbesserungen herauskommen.

Spielorte und Gruppen

Gespielt wird beim Confed-Cup in sechs Städten: Rio, Brasilia, Fortaleza, Belo Horizonte, Recife und Salvador. Nicht gespielt wird zum Beispiel in Sao Paolo, wo gerade erst nach langem Hickhack mit dem Bau einer neuen Arena (Corinthians-Stadion) begonnen wurde und keiner Garantien abgeben möchte, dass hier nächstes Jahr WM gespielt wird.

Die beiden Gruppen sind so verteilt:

GRUPPE A       GRUPPE B
-----------------------
Brasilien      Spanien
Japan          Uruguay
Mexiko         Tahiti
Italien        Nigeria

Eröffnungsspiel ist morgen Brasilien-Japan. Das Halbfinale wird über Kreuz gespielt, das Endspiel findet am 30.6. in Rio statt.

Tahiti

Zum Schluss noch zum kuriosesten Teilnehmer, dem Ozenienmeister Neuseeland Tahiti. Es ist sinnlos, über Spieler oder Trainer zu schreiben: Kein Name jemals gehört. Die meisten Spieler sind vereinslos oder spielen in Amateurvereinen, arbeiten untertags als Regaljungs oder Touristenführer. Als Aufwandsentschädigung für die Confed-Cup-Teilnahme gibt es Mindestlohn für die drei Wochen. In der Vorbereitung wurde u.a. 0:7 gegen die U20-Auswahl von Chile (!) verloren. Mittlerweile weiß ich, dass Tahiti zu Französisch-Polynesien gehört, und dort Teil der Inseln über dem Winde ist. Die Inseln über dem Winde waren in der Vergangenheit immer wieder im Brennpunkt von Auseinandersetzungen, wenn es um Atomtests des französischen Staates ging. Tahiti ist ähnlich wie das „nahe“ Bora-Bora ein hochpreisiges Touristenzentrum und bekannt für Perlenhandel. Sämtliche weiße Sandstrände sind nur gefaked; der natürliche Strand in der Südsee ist schwarz. Kältester Montat ist der August mit frösteligen 28.2°C oberer Durchschnittstemperatur.

Womit wir bestens gerüstet ins Turnier gingen. Ich weiß, wem ich die Daumen drücken werde.