Wir lesen (2) – Blood, Sweat and Chalk (Tim Layden)

[Nummer 2 in unserer Buchreihe: Tim Layden: Blood, Sweat and Chalk. Inside Football´s Playbook. How the Great Coaches Built Today´s Game. Sports Illustrated Books: New York 2010. Als Taschenbuch zum Beispiel hier schon ab 12,50€. Teil 1 der Bücherreihe hier.]

Nachdem wir Teil 1 unserer Bücherreihe mit dem strengen Lehrer Pat Kirwan und seinem trockenen, aber hochinformativen „Take your Eyes off the Ball“ begonnen haben, kommen wir heute zu etwas leichterer, aber nicht minder informativer Kost. Tim Layden, seit 1994 bei Sports Illustrated erzählt von der seit mehr als 100 Jahre stetig andauernden Evolution von Strategie und Taktik im American Football. Er macht dies in seinem Buch „Blood, Sweat and Chalk“ in einem angenehmen Plauderton statt in Kirwan´schem Hauptseminarduktus.

SLayden hat dabei trotzdem äußerlich ein ziemlich strenges Gerüst. Er erzählt die Geschichte anhand bestimmter taktischer Neuerungen und innovativen Veränderungen. Dabei bekommt jede Innovation sein eigenes Kapitel. Es beginnt bei der Single Wing Offense, geht über Wishbone, die West Coast Offense, Zone Blocking und der Spread Option bis hin zu defensiven Strategien à la Tampa 2 oder dem „Double A Gap Blitz“. (Inhaltsverzeichnis und Vorwort hier und hier das Kapitel „The Ryan Family Defense“ als Auszug.)

Das Spinnennetz der Geschichte

Jedes Kapitel ist dabei in sich abgeschlossen, auch wenn es manchmal einige Überschneidungen gibt. Schließlich bauen viele neue Strategien auf alten auf oder wurden in direkter Abgrenzung zu ihnen entwickelt. Zu beinahe jedem Kapitel findet Layden tolle Geschichten. Der Kern der Geschichte ist dabei immer ein Coach oder ein bestimmtes Spiel. Von da aus werden erzählerisch Linien gezogen und zurückgeschielt, bei welchen Teams der jeweilige Innovator vorher gespielt hat und unter wem er trainiert hat – also wo und vom wem er beeinflusst wurde. Oder was das jeweilige Team in den letzten Jahren durchgemacht hat und welche Spieler eine bedeutende Rolle spielen.

Auf einer anderen Ebene, die aber erzählerisch damit verbunden ist, wird zur Seite geschaut und beschrieben, was für Systeme und Taktiken zu der bestimmten Zeit gerade en vouge waren. Es wird also in bester Storyteller-Manier ein Netz gesponnen – vertikal (Zeit) und horizontal (Football-Landschaft). So entsteht ein anschauliches Bild davon, wie der Football zu jener Zeit ausgesehen hat und welche Philosophien gerade angesagt waren.

Layden hat dafür Interviews mit mehr als 100 Experten geführt, hauptsächlich (Ex-)Trainer und Spieler. Die Liste reicht von Howard Mudd über Bill Belichick bis hin zum unvermeidlichen Jon Gruden. Für einige Kapitel hat er auch die wichtigen Exponenten getroffen und ausführlich mit ihnen gesprochen. So trifft er beispielsweise Don Coryell (Kapitel 6 „Air Coryell“) in seinem Haus an einem kleinen See in Washington State; Buddy Ryan auf seiner Pferdefarm in Kentucky („The Ryan Family Defense“), Mouse Davis zum Frühstück an seiner Wirkungsstätte Portland State („The Spread Offense“) oder Dick LeBeau beim Trainingscamp der Pittsbugh Steelers („The Zone Blitz“).

Fokus und Muster

Bei der Fülle an Material und dem riesigen zu beackernden Feld – Footballstrategie von Pop Warner um die Zeit der Jahrhundertwende bis zur A-11-Offense im Jahre 2010 – ist es eine mehr als beachtliche Leistung, alles auf knapp 250 gut lesbaren Seiten unterzubringen. Layden schafft das, indem er sich für jede Innovation einen Coach oder eine Mannschaft als Fokus nimmt, um diesen herum seine Geschichte erzählt und an manchen Stellen auf ein tieferes Einsteigen in die (taktische) Materie verzichtet. Das wurde Layden mancherorts vorgeworfen. Es sei nicht tief genug, das Konzept und die Strategie fehlt undsoweiter. Aber das gehört zu Laydens Konzept – und es ist ein gutes Konzept. In seinen eigenen Worten:

Since modern football first began taking shape not long after the turn of the 20th century, hundreds of offenses and defenses have been tried. Fourteen of them, some with variations, are examined in this book. It´s not a comprehensive selection but a representativ one, exalting those systems that have either endured or profoundly impacted the game. Beyond the X´s and O´s though these pages tell the story of the men who held the chalk.“

Wir wollen hier keine umfassende inhaltliche Zusammenfassung geben, lesen muss schon jeder selber. Aber es schälen sich ein paar Muster heraus, die immer wieder auftauchen und bestätigt werden.

  • Innovationen und große Veränderungen sind meist die Folge von fehlendem Talent (Mouse Davis zum Beispiel hatte nur „pissants„, also hat er sich überlegt, wie er die ganzen Zwerge sinnvoll einsetzen kann)
  • jede bestimmte Offense und Defense ist „the product of everyone who has touched it“ – es gibt nicht die West Coast Offense oder die Spread Option
  • Entwicklungen verlaufen zyklisch + niemals geht etwas so ganz (Teile/Überbleibsel bestimmter Systeme überleben in anderen Systemen und werden von ihnen integriert; manche kommen sogar prominent zurück, zum Beispiel die Single Wing-Philosophie in Form der Wildcat)
  • Neuerungen gehen meistens den Weg vom High-School-/Small-College-Level über Division-I hin zur NFL; selten, daß etwas in der NFL erfunden wird
  • Innovation entstehen oft aus  der Motivation, vorherige Innovationen zu kontern (z.B. Tampa Two als Antwort auf West-Coast-Offense oder Zone Blitz als Antwort auf Passing Game der Live Ball Era)

Zwischendrin wird von Zeit zu Zeit alles mit Anekdoten aufgelockert, von denen man auch noch lernt. Wer weiß zum Beispiel, wie die West Coast Offense tatsächlich zu ihrem Namen gekommen ist und was der Dallas Cowboy Bernie Kosar damit zu tun hat. Oder wie Rich Rodriguez zufällig die Spread Option erfunden hat, als sein Quarterback in Glenville State im Training gestolpert ist. Zu Beginn jedes Kapitels gibt es eine taktische Zeichnung auf einer Tafel, die einen typischen Spielzug des jeweiligen Systems  zeigen. Auch das macht Laydens Buch zu einer schönen Geschichtsstunde in Sachen Football. Layden bringt die meisten Dinge so anschaulich und begeisternd rüber, daß man sofort in seinem Archiv stöbern oder das Internet durchsuchen möchte und sich ein Spiel der 70er Oklahoma Soones, der 90er Nebraska Cornhuskers oder der K-Gun Buffalo Bills ansehen. Man lernt eine ganze Menge über Systeme und Taktiken und die Coaches, Spieler und Mannschaften dahinter. Kombiniert mit dem plaudernden Erzählstil ist dieses Buch genau das Richtige für einen Frühlingsnachmittag in der Offseason. Die Schwachpunkte der mangelnden Tiefe und daß die Defense mit nur fünf Kapiteln (von 21) unterrepräsentiert ist, tut dem Vergnügen keinen Abbruch.

Die zweite Reihe: Kevin Gilbride

Jerry Reese, Steve Spagnuolo, Kevin Gilbride &...

Image via Wikipedia - Gilbride mit weißem Haar und weißem Shirt

[In der Serie „Die zweite Reihe“ werden Spieler, Trainer und Taktiken vorgestellt, die für den Erfolg einer Mannschaft essentiell sind, aber nicht im Rampenlicht stehen. In Teil 1 war Jets´ Safety Jim Leonhard dran. Für Teil 2 tritt heute Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants, aus der zweiten Reihe ins erste Glied.]

Coordinators stehen ja in der Regel ohnehin nicht in der ersten Reihe. Aber wenn sie erfolgreich oder einigermaßen spektakulär spielen, stehen sie schnell im Rampenlicht und werden für alle möglichen Cheftrainerposten gehandelt. Die Patriots-Offense bricht 2007 alle Rekorde? Sofort wird Offensive Coordinator Josh McDaniels das Schild „wunderkind“ umgehängt. Die Giants brechen dieser Offense im Super Bowl die Beine? Schon ist Defensive Coordinator Steve Spagnuolo das heißeste Dinge seit Erfindung des Forward-Passes und bekommt eine eigene Mannschaft als Head Coach. Es gibt aber auch viele Gameplan- und Taktik-Gurus, die immer im Hintergrund bleiben. Unser heutiger Kandidat aus der zweiten Reihe steht sogar in seiner Heimat New York im Schatten des anderen New Yorker OCs. Seltsam, aber wahr: Brian Trottelheimer Schottenheimer, ab nächster Saison bei den Rams, weil für die Jets zu schlecht, ist bekannter und gefragter als Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants.

Komischerweise ist Gilbride sogar bei vielen Fans der Giants nicht gerade wohlgelitten, wie Spitznamen à la „Kevin Killdrive“ und die alljährlichen Rufe nach seinem Kopf beweisen. Dabei war New Yorks Offense in den letzten vier Jahren jeweils unter den Top-9 und bis jetzt sind zwei Super Bowl Ringe dabei herausgesprungen. Und nicht zuletzt Gilbride hat aus Eli Manning gemacht, was er heute ist. Komischerweise auch hat der Giants-Angriff einen ziemlich lahmen Ruf, was vor allem daher rührt, daß Gilbride mit aller Macht versucht, möglichst nahe an eine 50/50 Run-Paß-Balance zu kommen. Dabei kommt der typisch ostküstenmännisch aussehende Mann mit den weißen Haaren aus einer der aufregendsten Offensiv-Schulen aller Zeiten: der Run-and-Shoot Offense.

Die Run-and-Shoot Wurzeln

Die Run-and-Shoot Offense, die von Tiger Ellison und Mouse Davis erfunden wurde, war in den 60er und 70er Jahren an High Schools und in den 80er Jahren in der College-Welt die alle Rekorde zerschmetternde Revolution. Bei den Houston Gamblers der kurzlebigen USFL hat Mouse Davis die Offense dem Head Coach Jack Pardee und Offensive Assistant John Jenkins näher gebracht (Quarterback übrigens Jim Kelly). Nachdem die USFL 1986 den Bach runtergegangen ist, hat Pardee, ehemaliger NFL-Linebacker, Jenkins und die Run-and-Shoot-Idee mitgenommen und wurde 1987 Head Coach der Houston Cougars. Pardee und Jenkins waren mit den Cougars 1988 und 1989 dermaßen aufregend und erfolgreich, daß Pardee Head Coach der Houston Oilers wurde und Jenkins sein Nachfolger als HC der Cougars.

Als Pardee seinen neuen Posten bei den Oilers 1990 antrat, fand er dort einen Quarterbacks Coach vor, der ihm so sehr imponierte, daß er ihn prompt zum Offensive Coordinator machte. Der damals 39 Jahre alte Gilbride hatte gerade sein erstes Jahr in der NFL hinter sich. Vorher hatte er sich lange Zeit als Assistant an Colleges wie Tufts, American International und East Carolina durchgeschlagen; zwei Jahre verbrachte er in der CFL bei den Ottawa Rough Riders und fünf Jahre lange, von 1980 bis 84, war er Head Coach seiner Alma Mater: Southern Connecticut State.

Bei den Houston Oilers

In den folgenden vier Spielzeiten gewannen die Oilers 42 Spiele und hatten jede Saison eine Top-3-Offense. Die Offense um Quarterback Warren Moon, der hinter zwei der besten Offensive Lineman aller Zeiten spielte, Bruce Matthews und Mike Munchack (jetzt HC der Titans) war Super-Bowl-würdig. Spätestens als Houston dann aber in den 92er Wild-Card-Playoffs auf der falschen Seite des größten Comebacks aller Zeiten stand, mußte sich dringend etwas ändern. Also holte man sich eines der besten Defensive Minds und einen der härtesten Trainer als Zeiten für den Posten des Defensive Coordinators: Buddy Ryan. Ryan hatte in den 80ern die legendäre Bears-Defense gebaut, Head Coach Mike Ditka hatte ihm auf dieser Seite des Balles freie Hand gelassen. Die Verteidigung der 85er Bears gilt bis heute als beste aller Zeiten. Ryan war aber schon immer ein eigenwilliger Kopf und hatte keine Lust mehr, die zweite Geige hinter Ditka zu spielen, also war er ganz glücklich, 1986 Cheftrainer der Philadelphia Eagles werden zu dürfen. Er hat in Philly zwar kein Playoffspiel gewonnen, aber eine erstklassige Defense hat er aus den mäßigen Eagles fast aus dem Stand gemacht. Dessen erinnerten sich also die Oilers 1993 und verpflichteten ihn als DC.

An was sich die Verantwortlichen in Houston augenscheinlich nicht erinnerten, war die Tatsache, daß Ryan als Mensch einen noch viel größeren Dachschaden hatte als seine beiden Söhne Rex und Rob und außerdem Offensivspieler und -trainer generell für Idioten und Weicheier hielt. So war es ihm ziemlich egal, daß Houstons Angriff unter Gilbride auch 1993 wieder die drittbeste Offense der Liga hatte. Ryan hielt es für unverantwortlich, „seine“ Spieler ständig wieder aufs Feld schicken zu müssen, weil die Offense zu schnell und aggressiv spielte. Im letzten Spiel der regulären Saison – die Oilers hatten die letzten zehn Spiele in Folge gewonnen – war es dann so weit: Ryan platzte der Kragen und er reichte Gilbride an der Seitenlinie Eine durch – sauber an die Schläfe, vor aller Augen bei einem Monday Night Game. Eine der verrücktesten Dinge, die je in der NFL passiert sind.

Mit elf aufeinanderfolgenden Siegen ging man nichtsdestotrotz mit einem Freilos im Rücken in die Playoffs und verlor mal wieder das erste Spiel, dieses Mal gegen Joe Montana und die Kansas City Chiefs. In der 94er Saison war Gilbride zwar noch in Houston, aber Moon und Ryan nicht mehr; nach dem 1-9-Start trat Pardee zurück und der junge DC Jeff Fisher, der sein Handwerk unter Buddy Ryan in Philadelphia erlernt hatte, nahm auf dem Cheftrainerstuhl Platz.

Über Coughlin zum Head Coach ins Niemandsland

Das folgende allgemeine Ausmisten ging auch an Gilbride nicht vorbei. Weil er aber als großartiger Offensive Coordinator galt, holte Tom Coughlin, Head Coach des Expansion Teams Jacksonville Jaguars, Gilbride als OC mit an Board.Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte Gilbride den blutjungen QB Mark Brunell soweit, bereits in seiner zweiten Saison als Starter für fast 4400 Yards zu werfen und die Jags ins AFC Championship Game zu führen.

Mit sieben derart erfolgreichen Jahren im Resumée wurde es Zeit, selber eine Mannschaft zu übernehmen – leider waren es die 97er San Diego Chargers. Das größte Problem war der fehlende Franchise Quarterback. 1997 waren Craig Whelihan, Stan Humphries, Jim Everett und Todd Philcox under center. Mit diesem Personal war kein Blumentopf zu gewinnen. Also nutzte man den zweiten Pick in der NFL Draft 1998 um ein riesiges Quarterback Talent zu draften, das die Zukunft der Franchise werden sollte, sein Name: Ryan Leaf. Alles weitere ist bekannt. Nach sechs Spielen ´98 mußte Gilbride gehen.

1999 und 2000 hat Gilbride dann wieder mal eine neue Erfahrung mitgemacht, als er unter Bill Cowher OC der Pittsburgh Steelers war. Dort hat er gemäß der alten Steelers-Tradition lauflastige Game Plans zusammengebastelt und eine Top-10 Rushing Attack auf die Beine gestellt. 2001 wollte Cowher dann lieber Mike Mularkey als OC und es wurde etwas stiller um Gilbride. 2001 nahm er eine Auszeit, bevor er 2002 und 03 im NFL-Niemandsland Buffalo den Angriff übernahm. Als Bills-HC Gregg Williams vor der Saison 2004 von Mike Mularkey abgelöst wurde und dieser selber die Offense übernahm, erinnerte sich Tom Coughlin, der gerade die New York Giants übernommen hatte, an seinen alten Buddy und übertrug ihm die Aufgabe, sich als Quarterbacks-Coach um den Rookie Eli Manning zu kümmern.

Mit Eli in New York

Das hat er ziemlich gut gemacht. Aus dem jungen Eil wurde langsam, aber sicher (aber vor allem langsam) zuerst ein richtiger Quarterback und später dann einer der besten QBs der Liga. Ab 2007 hatte Gilbride endlich wieder den Posten, der ihm am meisten behagt – Offensive Coordinator. Während dieser Zeit war die einzige Konstante Eli. Irgendwann war es dann auch egal, ob die Ballempfänger Plaxico Burress, Amani Toomer, Jermey Shockey, Sinorice Moss, Domenik Hixon, Steve Smith, Kevin Boss, Hakeem Nicks, Victor Cruz, Jake Ballard oder Mario Manningham hießen – seit 2008 war es immer eine Top-10-Offense. Es ist nicht zuletzt ein großes Verdienst Gilbrides,  alle diese WRs entdeckt oder/und so eingesetzt zu haben, daß sie ligaweit ein Begriff sind.

Es fällt heute ziemlich schwer, Kevin Gilbrides Offense in irgendeine Schublade zu stecken. Es steckt auf jeden Fall noch ein großes Stück Run-and-Shoot drin, aber ohne Rücksicht auf Verluste setzt Gilbride jedes Spiel über auch auf das Running-Game. Das hat er zum Teil sicherlich auch aus der Run-and-Shoot, denn dort war jeder Spielzug so angelegt, daß ein Laufspielzug immer so aussieht wie ein Paßspielzug und umgekehrt. Aber seine Laufspielzüge sind dann doch andere als die alten Läufe aus 4-WR-Sets. In diesem Sinne wird Gilbride sicher einiges aus Pittsburgh mitgenommen haben und, noch viel sicherer, wird er eine ordentliche Dosis von Coughlin eingehämmert bekommen haben. Schließlich kommt Coughlin aus der alten 80er-Jahre Bill-Parcells-Schule. Leider steht Gilbride nicht so im Rampenlicht, daß es viel Literatur über ihn gäbe oder daß er ständig von Kameras und Mikrofonen umzingelt wäre. Charakteristisch ist vor allem, daß die G-Men unter Gilbride eine der wenigen Mannschaften sind, die eine große Portion vertikales Paßspiel (à la Mike Martz´ Rams) in ihrem Arsenal haben, während die meisten Mannschaften hauptsächlich auf kurze Timing-Routen setzen, was alles mehr oder weniger eine Weiterentwicklung der Bill-Walsh-/West-Coast-Offense ist.

Trotz seiner Erfolge und seiner vielfältigen Erfahrungen in den verschiedensten Umfeldern mit den verschiedensten Trainern hat sich auch nach dem letzten Super Bowl Sieg über die New England Patriots keine trainerlose Mannschaft bei ihm gemeldet, er hatte nicht mal eine Anfrage für einen Head-Coaching-Job. (Sein Sohn dagegen, Kevin Gilbride, Jr. wurde gerade vom Quality Control Assistant zum Wide Receivers Coach befördert, nachdem die Giants anderen Teams untersagt haben, mit ihm in Kontakt zu treten.) Am Ende werden alle Beteiligten von Coughlin bis Manning froh sein, daß Kevin Gilbride weiterhin im Big Apple bleibt – wenn auch nur in der zweiten Reihe.

Superbowl XLV: Auf der Suche nach der besten Geschichte

Morgen werden die beiden Superbowl-Teilnehmer ausgespielt – will heißen: Es gibt im Moment noch vier mögliche Matchups und einige massive Storylines für das Endspiel. Welche ist die beste?

Ryan Bowl

Bears vs. Jets. Rex Ryan ist aktuell der Head Coach der New York Jets. Das war nicht immer so: Rex war als Kind Ballbub bei den Chicago Bears, und das nicht ohne Grund: Sein Dad ist der legendäre Buddy Ryan, einst Defensive Coordinator der Bears und Architekt der Bears-Defense Mitte der 80er, die als eine der besten und aufgund vieler Charakterköpfe auch als eine der geschichtsträchtigsten ever gilt und im Jänner 86 maßgeblich am einzigen Superbowl-Championat der Bears beteiligt war. Damit nicht genug: Buddy war als Defensive Coordinator auch am Superbowl-Sieg der Jets (1968) nicht „schuldlos“.

Obama Bowl

Bears vs. Steelers. Die beiden Teams eint trotz ihrer Tradition kaum gemeinsame Geschichte, außer, dass sie seit Äonen in Familienbesitz sind. Interessanter ist da schon der politische Faktor: US-Präsident Barack Obama kommt aus Chicago und ist naturgemäß Bears-Fan. Aber Obama dürfte auch nicht wenig Empathie für die Pittsburgh Steelers empfinden, schließlich war Steelers-Owner Art Rooney einer der ersten, die Obama im Wahlkampf öffentlich unterstützt haben.

Title Bowl

Oder so. Packers vs. Steelers. Der NFL-Rekordchamp Green Bay (13 Titel) gegen den Superbowl-Rekordchamp Pittsburgh (6 Ringe), etwas, wovon die Amerikaner gerne behaupten, das ware ein Matchup for the ages. Zwei Städte, die Football im Wappen tragen müssten. Es gibt noch andere Geschichten nebenbei: Die QBs Roethlisberger und Rodgers, die einst in ihren Drafts 2004 und 2005 übergangen worden sind, die Top-Offense der Packers gegen die Top-Defense der Steelers und ein paar persönliche Verlinkungen: Packers-Coach McCarthy stammt aus der Region um Pittsburgh. Und wer sich den Trainerstab der Packers anschaut, dem fällt der eine Name auf: Kevin Greene, einst testosterongeschwängerter Linebacker und Defensiv-Leader bei den Pittsburgh Steelers.

Favre Bowl oder Green Bowl oder Wild Card Superbowl

Je nachdem, wie man’s nimmt, und das sind nicht die einzigen Geschichtchen. Packers vs. Jets. Ein Superbowl-Matchup, bei dem Claudia Roth ihre hellste Freude haben würde: Die Farbe grün dominiert.

Zweiter Fun Fact: Es wäre eine Superbowl der AFC-#6 Jets gegen die NFC-#6 Packers – ein Novum und angesichts der Playoffgeschichte bis Mitte der 2000er eine Sensation. Es wäre gleichzeitig die erste Superbowl zweier Wildcard-Teams.

Das alles hat aber keine Chance gegen diese eine Geschichte: Im Frühjahr 2008 hatte Ted Thompson genug gesehen. Er jagte die Packers-Legende Brett Favre nach Jahren des Fang-mich-Spielchens vom Hof, um dem aufstrebenden QB Aaron Rodgers eine Chance zu geben. Eine Majestätsbeleidigung und um ein Haar GM-Selbstmord in Green Bay. Favre spielte sein Ego-Theater zum ersten Mal, wechselte beleidigt nach New York und wurde Jets-QB. Im Großen Apfel avancierte Favre erst zum Hero, als die Jets wie die kommenden Champs aussahen, und dann zum Sündenbock, als die Jets mit einer Niederlagenserie noch aus der Playoffzone flogen. Favre wiederholte sein elendiges Spielchen, und ging nach Minnesota, wo er eine Dummheit von der Superbowl entfernt war. Im vergangenen Sommer, 2010, Kapitel [bitte beliebige Zahl x>3 einsetzen], Favre auf dem letzten Halali für den Titelgewinn. Es wurde nichts.

Bei Packers vs. Jets würden Dallas die beiden Teams gegeneinander um den Titel spielen, die einst Favre vor nicht allzu langer Zeit im Streit und egogekränkt verlassen hat. Für mich storyline-mäßig gesehen das Top-Matchup für Superbowl XLV.

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