Chips Rückkehr

Chip Kelly war einst der heißeste Scheiß in der Szene des American Football. Fünfeinhalb Jahre nach seinem Wechsel vom College Football in die NFL kehrt er in den College Football zurück. Weiterlesen

Trainerkarussell – College Football 2017/18

Das Trainerkarussell im College Football dreht sich dieser Tage massiv. Hier die Liste der Trainersessel, die dieser Tage neu besetzt werden – und dabei schauen wir nur auf die großen Conferences: Weiterlesen

NFL 2016 – Sonntagsvorschauer Woche 2

Letzte Woche hat jede Mannschaft von den Footballgöttern ein weißes Blatt Papier bekommen, auf denen sie nun ihre Saison 2016 verewigen können. Erkennen kann man darauf bis jetzt nur undefinierte Formen und vereinzelte Farbkleckse. Diese Woche wird freudig weitergemalt. Noch gibt es viel weiß. Weiterlesen

Die Zukunft des American Football

Zwei der drei dominierenden Offense-Philosophien in der NFL sind die Air-Coryell Offense, deren Grundgedanke darauf abzielt, die Defense vertikal auseinanderzuziehen, und die West Coast Offense, die es in horizontaler Form versucht. Seit zirka zehn Jahren ist eine Entwicklung am Laufen, die das beste aus beiden Elementen kombiniert – die nächste Stufe der Evolution: Die Spread-Offense. Sie dehnt die Defense auf der horizontalen und auf der vertikalen Achse. Weiterlesen

Montagsvorschauer, Week 1 | NFL 2015

Abschluss des ersten Spieltags der NFL-Saison 2015/16 mit dem traditionellen Doubleheader bei Monday Night Football: Zwei Partien, einmal ab 1h, dann ab 4h15. SPOX.com und der kostenpflichtige Gamepass streamen jeweils live und in Originalkommentar. Weiterlesen

Chipadelphia

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich auf diesem Blog ein loses Transkript einer Pressekonferenz von Chip Kelly. Seither hat sich einiges getan in Philadelphia: Die Eagles spielten erneut 10-6, diesmal mit verpassten Playoffs und etwas lahmerer Gesamtleistung. In der Folge gewann Kelly den internen Machtkampf und wurde zur zentralen Figur im sportlichen Bereich befördert. Es folgte eine Bizarro-Offseason, in der Kelly eine Reihe von hinterfragenswerten Entscheidungen traf. Weiterlesen

Philadelphia Eagles in der Sezierstunde

Chip Kelly und seine Philadelphia Eagles bekommen den Preis für die markanteste, weil umstrittenste, Offseason der NFL 2015 – mit Recht. Kelly hatte im Jänner bekanntlich den hausinternen Machtkampf mit dem ehemaligen GM Howie Roseman gewonnen und die volle Kontrolle über den Spielerkader bekommen, und im Lauf der nächsten Wochen in Ed Markowynski einen Strohmann als GM eingestellt sowie mehrere Roseman-Vertraute zum Teufel gejagt. Aber das ist mit „umstritten“ nicht gemeint… Weiterlesen

Chat mit Chip: Ansichten des besten (oder zweitbesten) Coaches der Welt

Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass ich der Spielweise und den Methoden des Eagles-Headcoaches Chip Kelly [1][2] sehr positive gegenüber stehe. Kelly ist aber nicht bloß ein exzellenter innovativer Coach, er versteht es auch, seine Ideen an den Mann zu bringen – und damit meine ich nicht nur die Mannschaft, sondern auch die Fans. Chip ist kein Politiker in seinen Aussagen. Seine Aussagen haben Hand und Fuß. Er verzichtet auf Floskeln und kommt schnell zum Punkt.

Insofern ist das Interview, das er letzte Woche im Zuge des Trainingslagers mit Radio Sirius XM geführt hat, nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Tonlage sehr angenehm und hörenswert. Ross Tocker („RTF Podcast“) und Bill Polian (ehemaliger GM der Bills und Colts und der Mann, der Peyton Manning draften durfte) haben sich mit ihm zusammengesetzt. Weiterlesen

Philadelphia Eagles in der Sezierstunde

Zweifellos eine der spektakulärsten Mannschaften des Jahres waren die Philadelphia Eagles: Ihre erste Saison unter dem neuen Head Coach Chip Kelly endete in einem Divisionssieg und einer knappen Playoff-Niederlage – was deutlich mehr war als erwartet. Alle Befürchtungen von wegen „Chips Offense funktioniert in der NFL nicht“ wurden vorerst auf Eis gelegt. Im Gegenteil: Chips spektakuläre und manchmal unkonventionelle Spielweise begeisterte die Fans quer durch das Land, obwohl der Inbegriff des aufregenden Quarterbacks, Michael Vick, sogar nur eine Handvoll Spiele absolvieren konnte ehe er sich mal wieder auf die Verletztenliste verabschiedete.

Überblick 2013

Record        10-6    WC
Enge Spiele    4-2
Pythagorean    9.3    11
Power Ranking  0.693   5
Pass-Offense   7.3     3
Pass-Defense   6.6    22
Turnovers      +12

Management

Salary Cap 2014.

Das Positive an den Eagles: Sie waren in Pass-Offense (7.3 NY/A, #3 der Liga) und Lauf-Offense (49% Success-Rate, #1) unter den absolut effizientesten Mannschaftsteilen. Vorsicht ist aber in gewisser Hinsicht geboten: Die Turnover-Ratios sind sowohl für Interceptions als auch für Fumbles so abstrus gering, dass sie nicht zu halten sein werden, selbst für ein Team, dessen Headcoach seinem Team einbläut nur ja nie den Ball aus dem Fokus zu verlieren.

Auf der anderen Seite übertraf in Philadelphia auch die Defense die – allerdings niedrigen – Erwartungen. Aber „übertreffen“ liest sich immer noch mickrig: 6.6 NY/A gegen den Pass und 56% Erfolgsquote gegen den Lauf sind jeweils nur die 22t-beste Werte ligaweit. So ganz nachvollziehbar ist Chips Systemwechsel auf eine 3-4 Defensive-Front auch nach dem Jahr eins noch nicht.

Beginnen wir in der Offense.

Michael Vick war nie als Langzeitlösung gedacht, und entsprechend wurde er nach Saisonende auch ziehen gelassen. Entgegen kam den Eagles dabei der Fakt, dass Vicks Zögling, Nick Foles, trotz seines so fassungslos konträrem Spielstil einen so erfolgreichen Einstand als Mann am Ruder hatte: Foles brachte in der weiten Spread-Offense 226 von 350 Pässen an den Mann (64% Completion-Rate) für – Achtung! – durchschnittlich 7.6 NY/A (Sacks inklusive). Das sind monströse Werte.

Nun gibt es durchaus einige Warnsignale bezüglich Foles. Die erste ist die nicht zu haltende INT-Rate von 2 Fehlpässen in 350 Versuchen. Eine 0.6%-Rate über mehr als eine Saison zu halten wäre einmalig in der NFL-Historie. Foles‘ Workload in der abgelaufenen Saison war dann auch prinzipiell mit 350 Pässen nur etwas mehr als eine halbe Saison nach heutigem Standard… man sollte also Foles Fähigkeit, Interceptions zu vermeiden nicht überbewerten beim Blick auf die Zukunft.

Das andere Problem ist die zum Teil berechtigte Frage, ob Foles nicht ein Produkt des Systems in Philadelphia ist, der viel gescholtene System-QB. Natürlich muss ein Quarterback erst einmal alle ihm zugeteilten Aufgaben soweit erfüllen, dass dabei 7.6 NY/A herausspringen, aber es sind bei Foles durchaus noch lange nicht alle Fragen beantwortet. Mit einem nur durchschnittlichen Wurfarm darf man sich schon noch wundern, ob man mit ihm seine ganze Latte an Plays auspacken kann, oder ob man darauf beschränkt wird, den Pass als ergänzendes Element zum Lauf zu interpretieren.

Für 2014 hat sich Foles gewiss die Chance mehr als verdient. Als seine neue Nummer 2 wurde der in New York gefloppte Mark Sanchez geholt, ein Mann mit zumindest physisch sehr guten Voraussetzungen. Die Nummer 3 bleibt wohl erstmal Matt Barkley, dessen Kurzeinsätze als Debütant jedoch nicht viel Gutes erwarten ließen.

Foles wird im Draft 2014 mit hoher Wahrscheinlichkeit einen neuen Top-Wide Receiver zur Seite gestellt bekommen: Diese Position ist seit der Entlassung von DeSean Jackson letzte Woche vakant. Jackson war nie „der“ unumstrittene Schlüsselspieler vom Schlage eines Calvin Johnson, aber er war mit seiner Explosivität und seinem Näschen für die 70yds-Catches stets der Mann, der wie kein anderer die Eagles-Offense in die Länge zu ziehen vermochte. Jackson wurde wegen Verdachts auf Beziehungen zu den Straßengangs der atlantischen Megalopolis vom sehr auf Disziplin bedachten Kelly gefeuert; er scheint zumindest nicht wichtig genug gewesen zu sein um seine gelegentlichen Aussetzer sowie die potenziellen Störungen durch die Rapper-Community zu überstrahlen.

Vielleicht war Jackson auch mit seinen knapp 10 Mio/Jahr zu teuer. Die Eagles haben zwar noch Cap-Space, aber sie werden in absehbarer Zeit einige Eckpunkte auf anderen Positionen mit neuen Verträgen ausstatten müssen – und möglicherweise war die Rapper-Story ein willkommener Anlass um einen sehr guten, aber nicht sensationellen und nicht billigen Offensivspieler loszuwerden. Auf der WR-Position könnte Chip durchaus Selbstvertrauen genug haben, um dank „seinem“ System auch mit billigeren Alternativen durchzukommen.

Philadelphia gehen mit Jackson nicht bloß 25% der gesamten Anspiele der Mannschaft, 85 Catches für 1385yds, 9 TD und 41% tiefe Anspiele verloren, sondern auch ein exzellenter Returner. Es gilt, diese Eigenschaft zu ersetzen, ob in der ersten oder zweiten Runde des Drafts.

Auch der heiß geliebte Jason Avant wurde entbehrlich. Dafür bekam Riley Cooper eine Vertragsverlängerung um fünf Jahre (25 Mio. Dollar Gesamtwert). Es scheint sich zu bewahrheiten, was ich letztes Jahr unter Protesten der anderen in der Big-Show raushaute: Die Zeit heilt die Wunden. Cooper („I will fight every nigger out there“) schaffte mit hohem Arbeitsethos eine Resozialisierung und spaltete entgegen der Befürchtungen nicht den Kader. Cooper ist aber trotz seiner sehr guten Zahlen kein Mann um den du deine Offense gebaut haben möchtest; er ist ein guter Ergänzungsspieler als Nummer 2 oder 3.

Eine etwas andere Art von Ergänzungsspieler ist der frisch aus New Orleans eingekaufte Alleskönner Darren Sproles, mit mittlerweile 30 Lenzen nicht mehr der Allerjüngste, aber noch immer effizient. Ich habe das Gefühl, Kelly holte sich Sproles weniger als Ballträger (dort ist man hervorragend besetzt), sondern mehr als eine Art verkappter Slot-WR, ein beweglicherer Vereen für die kurzen Checkdowns aus dem Backfield heraus, um dem Quarterback so oft wie möglich eine Sicherheitsoption zu geben und die Defense automatisch gedanklich in der Nähe der Anspiellinie zu halten.

Die Schachfigur Sproles verlangt aber immer noch nach einem deep threat, das ja nun mit Jackson abhanden gekommen ist. Der Rest der Skill-Positionen kann mit Breit-Grinsen abgehakt werden: WR Maclin konnte „dank“ dessen Verletzung spottbillig für einen Einjahresvertrag gehalten werden; Tight Ends passt in Philadelphia; Running Back passt sogar sehr gut – der explosive RB McCoy passt mit seinem hasenfüßigen Spiel wie Arsch auf Eimer in diese so gern im offenen Spielfeld operierende Offense, und auch sein Backup RB Brown ist kein Schlechter.

Wo es nach aktuellem Erkenntnisstand weder in der Spitze noch in der Breite Nachholbedarf gibt: Offensive Line, die nach den Idealen des Chip Kelly zusammengestellt ist – groß, kräftig, bullig. „Aktueller Erkenntnisstand“ ist aber so eine Sache und gilt nur für die Annahme, dass der OG Evan Mathis es mit seinem Holdout nicht auf die Spitze treiben will und einen ernsthaften Vertragsstreit provozieren möchte.

Mathis ist ein Guard, der lange Zeit als verkannter Ergänzungsspieler durch die Liga tingelte, und erst mit 30 Frühlingen auf dem Buckel in Philadelphia eine Bleibe fand. Unter Andy Reid entwickelte er sich dort zu einem sehr verlässlichen Stammspieler; Pro Football Focus sieht in Mathis sogar seit Jahren den um Lichtjahre besten Spieler auf seiner Position. Mathis unterschrieb erst vor zwei Jahren einen langfristigen Vertrag – insofern kommt seine schnelle Forderung wie Aasgeier ins Land. Andererseits. Mathis kann mit 33 nicht hoffen, in weiteren zwei Jahren noch einmal einen Lebensvertrag abzuschließen. Zweiseitiges Schwert mit offenem Ausgang.

Diese Diskussionspunkte um die Offense sind Luxusprobleme verglichen mit der Defense von DefCoord Billy Davis, die guten Gewissens das Label „Baustelle“ verdient. Wie schon geschrieben, sie hielt sich etwas besser als befürchtet.

Der bessere Teil war die Arbeit gegen den Lauf: Philadelphias Front ist weniger aggressiv denn mitdenkend. Man schießt nicht sofort die Gaps mit acht Mann zu, sondern wartet erst einmal, wie sich der Spielzug entwickelt. Das funktionierte streckenweise gut genug. Dagegen schnappte die Pass-Defense als Unit nie so richtig.

Das erste Problem gingen die Eagles schon in der Free-Agency an: Safety. Es wurde zwar keiner der ganz großen Namen wie Ward oder Byrd geholt, dafür aber für durchschnittliche Moneten der Free-Safety der Saints, Malcolm Jenkins (3 Jahre, 16 Mio, 8.5M guaranteed). Jenkins ist ein Upgrade über alles an Safetys, was die Eagles seit Jahren hatten, und er ist als gelernter Cornerback einer mit Fokus auf die tiefen Zonen des Feldes. Jenkins gilt zwar nach wie vor als Enttäuschung gemessen an seinem Status als ehemaliger 1st-Rounder und er soll nicht immer sicher tackeln, aber er dürfte zumindest Stabilität in die schlimmste Zone der Eagles bringen.

Möglicherweise reicht ein Jenkins noch nicht. Möglicherweise braucht es via Draft noch einen zweiten, und relativ sicher ist, dass auch Cornerback zumindest keine Position ist, auf der man sich nicht noch nach potenziellen Upgrades umschauen sollte.

Die Front-Seven ist der eher stärkere Part der Eagles-Defense, auch wenn sie nicht kritikfrei ist. Eines der Probleme ist noch immer das 3-4 System, das eher deplatziert wirkt… oder das Spielermaterial ist deplatziert… auf alle Fälle wirkt das ganze noch nicht so kongruent.

Nose Tackle ist der untersetzte, aber quicke Bennie Logan, der als Rookie gar keine so schlechte Figur gemacht haben soll. Als seine Nebenleute agieren der famose Jungspund Fletcher Cox (spielte meistens die rechte Seite 3-4 End) und Thornton, nachdem der Hüne DE Gaethers ziehen gelassen wurde.

Die beiden Inside Linebacker hinter der Line sind DeMeco Ryans und Mychal Kendricks. Vor allem von Kendricks verspricht man sich noch mehr. Er soll tendenziell den Weakside Linebacker für einhundertsiebzig Tackles pro Saison geben, aber Kendricks (Draftklasse 2012) ist noch immer in der Einlernphase. Ryans genießt noch einen guten Ruf, weil er vor vielen Jahren mal Defensiv-Rookie des Jahres in Houston war, aber unterschwellig versuchte man ihn schon zu ersetzen – passiert ist das noch nicht, weil die Prioritäten erstmal noch andernorts lagen. Für’n Fall, dass Ersatz gefunden wird: Ryans könnte ohne dead money entlassen werden, und dann würden die Eagles gut 7 Mio. einsparen.

Sehr fraglicher Punkt sind die Edge-Rusher: Trent Cole sagte man eine sehr gute Saison nach, aber Cole ist jenseits der 30er-Marke und hatte zuvor nicht mehr immer geglänzt. Der andere OLB Barwin gilt nicht als Mann für sehr viel Passrush. Und dann ist da noch OLB Brandon Graham, erst vor wenigen Jahren ein 1st-Rounder der Eagles, der aber nie so recht eingeschlagen ist – und auf der anderen Seite immer wieder genügend Potenzial andeutet, dass man ihn nicht zum Teufel jagen möchte. Graham ist vom Spielstil her kein klassischer Outside Linebacker, und manch einer würde den Eagles doch raten, Graham an ein 4-3 Team zu verkaufen um noch den einen oder anderen Draftpick Gegenwert zu erhalten, bevor es nächstes Jahr zu spät ist.

Rein auf die kommende Saison gerichtet brauchen die Eagles noch relativ dringend:

  • Einen Cornerback mit Kaliber zum Stammspieler.
  • Zumindest noch einen sehr schnellen Wide Receiver für die längeren Routen.
  • Einen weiteren Safety.

Sollte es das Moment im Draft hergeben und das „richtige“ Talent griffbereit liegen, kann man in Philadelphia durchaus auch mit einem Auge auf die Positionen Outside-Passrusher und Inside Linebacker schauen um auch schon einen mittelfristigen Fokus in den Laden zu bringen. Chip Kelly wird das sowieso tun. Er liebt es, auf allen Positionen Konkurrenzkampf zu schüren, und könnte durchaus für die eine oder andere Überraschung zu haben sein.

Wer sollte Coach des Jahres 2013/14 werden?

Der Award „Coach des Jahres“ verhält sich in der NFL anders als alle anderen Awards. Denn während der NFL MVP oder Rookie-des-Jahres Preis tatsächlich an den Spieler vergeben werden, der nach common sense die beste Saison hatte (wie auch immer das definiert sein mag), so wird der Coach-Preis für gewöhnlich an den Coach gegeben, der an ihn gehegten Erwartungen vom Sommer am meisten übertrifft.

Die Wildcard gleich zu Beginn geht an John Fox von den Denver Broncos. Fox ist manchmal etwas nervtötend, weil er so konservativ ist, aber man kann ihm eines nicht absprechen: Dass seine Mannschaften nicht souverän spielen. Sie tackeln sicher. Sie begehen zwar Strafen, aber nicht viele Phantom-Tackles. Trotzdem spricht es Bände, dass der Coach, der seine Mannschaft dieses Jahr in die Superbowl geführt hat (Fox schaffte das schon vor zehn Jahren mit den Panthers), eigentlich kaum Presse. Denver wird als Peyton Mannings Team wahrgenommen. Aber allein mit Manning fährst du nicht in die Superbowl. Was Fox allerdings in dieser Liste knapp raus schießt: Er verpasste vier Spiele im November mit Herzproblemen. Klingt makaber, aber es gibt heuer genügend gute Coaching-Leistungen, dass ich das mal als Entschuldigung her ziehe. Ebenso knapp draußen: Sean Payton und Jim Harbaugh. Würde ich eine Top-10 Liste machen, zwei dieser drei hätten sie komplettiert.

#8 Andy Reid (Kansas City Chiefs)

Die Chiefs drehten ihre Bilanz innerhalb eines Jahres von 2-14 und Top-Draftpick auf 11-5 und Playoff-Qualifikation. Sie sind damit das zweite Team in Folge, dem das gelang (2012 schaffte es Indianapolis), und damals gewann der Colts-Headcoach den offiziellen Award. Andy Reid ist einer der Topfavoriten in diesem Jahr. Aber Hand aufs Herz: Reids Job war relativ einfach. Er fand zu seiner Einstellung vor einem Jahr einen Kader mit etlichen Pro Bowlern und vielen ehemals hohen Draftpicks vor, dem nur zwei Dinge abgegangen waren: Quarterback und Coaching. Zufällig sind das die wichtigsten Dinge im Football. Zufällig waren die Chiefs in diesen Bereichen nicht bloß schlecht, sondern unterirdisch.

Reid kam, und musste „nur“ zwei Dinge verändern. Er holte sich QB Alex Smith aus Kansas City. Es war wie erwartet das einflussreichste QB-Upgrade des Jahres. Und natürlich Reid selbst. Die Chiefs waren nicht besonders effizient nach Downs (Power-Ranking: untere Tabellenhälfte), aber weil sie mit der risikolosen Spielweise kaum Turnovers begingen, landeten sie doch bei 6.1 Punkten über Durchschnitt im SRS (#7 der Liga) und bei einem hervorragenden Pythagorean von 11.2 Siegen (#5 der Liga).

#7 Mike McCoy (San Diego Chargers)

Die Auswahl von Mike McCoy ist weniger ergebnisgetrieben als sie nach dem kurzen, aber doch überraschenden Playoff-Lauf aussieht. Ich hatte McCoy schon Ende November ganz weit oben auf meiner Short-List, und ich glaube, dass er einen echt guten Job als Rookie-Coach bei den Chargers gemacht hat.

Das Auffälligste an seinem Wirken war die Revitalisierung einer Chargers-Offense, die zuletzt nichtmal mehr Norv Turner formen konnte. Es war nicht bloß eine „gute“ Chargers-Offense 2013/14. Es war eine fantastische. Eine Offense Line bestehend aus Rookies und längst abgeschriebenen Altstars war gut genug um landesweit Aufmerksamkeit zu erregen. Ein QB Rivers blühte auf. Leute wie RB Mathews, der schon als Bust abgeschrieben war, gehörten plötzlich zu den ligaweit besten auf ihren Positionen. Rookie-WR Keenan Allen kam aus der dritten Runde und war per Knopfdruck einer der besten Wide Receivers in der NFL.

Ich glaube, man kann McCoy nicht daran aufhängen, dass die Defense so lange so absurd war; sie war schließlich unterirdisch besetzt. Es gibt personell keine NFL-Defense, die weniger an Spielermaterial hatte. Der einzige Verteidiger von NFL-Format, OLB Ingram, war fast die ganze Saison auf der Verletztenliste. Trotzdem wurde um dieses Problem herum gewerkelt, und in den letzten Wochen hatte San Diego dann sogar eine zumindest brauchbare Defense, und prompt ging es in die Playoffs.

Ein insgesamt sehr guter Job von McCoy, dessen Mannschaft momentan in den Top-10 des Power-Rankings rangiert. Die nach SRS 2.7 Punkte besser als der Liga-Durchschnitt ist. Der mit einem guten GamePlan auswärts ein Superbowl-Kaliber schlagen konnte (Cincinnati). Der am Ende aber ein Playoffspiel in Denver abschenkte, weil man zu lange zu starr an seinem längst gescheiterten Plan fest hielt.

#6 Bruce Arians (Arizona Cardinals)

Der amtierende Coach des Jahres. Arians gewann 2012 in Indianapolis als Interimscoach, ging aber im Anschluss daran zu den Arizona Cardinals um sich ca. 60jährig doch noch erstmals als Head Coach zu versuchen. Ich geben zu, ich war skeptisch. Aber Arians schaffte das, wofür er geholt wurde: Die Offense um QB Palmer beging zwar viele Turnovers, aber sie war immerhin wettbewerbsfähig genug um den schlafenden Riesen Arizona zu wecken.

Remember: Die Cards-Defense war schon in den letzten Jahren großartig gewesen; Arians‘ Coaching-Stab konnte den Level auch nach Abgang von DefCoord Horton sogar noch eine Stufe höher schrauben. Der Schlüssel aber war die Offense: QB Palmer warf zwar 22 INTs, aber er erlebte zumindest annähernd sowas wie einen dritten Frühling, als dass er Pässe für mehr als 6.5 NY/A an den Mann brachte – ein Wert, der Welten besser ist als alles was die Cards die letzten Jahre hatten.

Arizona war eines der besten und gefürchtetsten Teams der Liga in den letzten Wochen; niemand hätte gerne gegen die Cards in den Playoffs gespielt (sie verpassten diese trotz 11-5 Bilanz in der bockstarken NFC-West). Platz 7 im Power-Ranking, Platz neun im Pythagorean, Platz sechs im SRS: Das war ein komplettes Team.

Er formte WR Michael Floyd zur NFL-Tauglichkeit. Er machte die Offense zumindest glaubwürdig. Allein die viel zu geringe Einsatzzeit für den sensationellen Rookie-RB Ellington sowie ein katastrophales Game-Management (Field Goal bei -18?) gegen Seattle ziehen das Gesamtbild Arians‘ runter.

#5 Marv Lewis (Cincinnati Bengals)

Marv Lewis ist die graue Maus unter den NFL-Coaches: Ein stilles, schwarzes Männlein im leisesten Markt der Liga in Cincinnati, wo sich die eigene Bevölkerung nicht um die Mannschaft schert, weil sie den Owner hasst. Dieser Owner ist Mike Brown, und Mike Brown war vor drei Jahren nach dem Ende eines 4-12 Kollapses und zerbrochener Träume schlau genug um Marv Lewis nicht bloß nicht zu entlassen, sondern ihm sogar eine Vertragsverlängerung mit Kompetenzen-Zuwachs zu verschaffen. Als Resultat gibt es seither bis auf vielleicht Belichick in New England keinen Head Coach in der Liga, der ein breitere Themenfeld abdeckt als Marv.

Marv hatte 2013 sein bisher bestes Produkt auf dem Feld: Die Bengals gewannen mit 11-5 Siegen die AFC North und beendeten die Regular Season an #4 im Power-Ranking. Sie beendeten das Jahr mit nur 305 Gegenpunkten, fünftbester Wert der Liga. Und das, obwohl die beiden wichtigsten Spieler der Abwehr, DT Geno Atkins und CB Leon Hall, sich beide schon in den ersten zwei, drei Wochen verletzt in den Winter verabschiedeten. Einiges an der Defense-Arbeit mag an DefCoord Mike Zimmer liegen, und Zimmer konnte das kürzlich in seinen verdienten ersten Cheftrainerposten (in Minnesota) ummünzen.

Marv Lewis hat sich als quasi-GM einen famosen Kader zusammengestellt – und das ohne echte Free-Agency Aktivität. Er hatte das Team in hohen Höhen trotz eines mittelmäßigen QB um den herum gebastelt werden musste. Schade, dass die Saison letztlich so seelenlos gegen San Diego zu Ende ging.

#4 Chip Kelly (Philadelphia Eagles)

Die größten Befürchtungen erwiesen sich als nicht angebracht, zumindest nicht im ersten Jahr: Chip Kellys Offense hatte einen guten Einstand in der NFL. Er schaffte es, viele Konzepte seiner äußerst ansehnlichen Oregon-Ducks Offense in der NFL erfolgreich zu implementieren, und er schaffte es, obwohl er seinen Quarterback wechseln musste.

Nick Foles hatte ein extrem gutes Jahr als QB-Notnagel und als QB-Typ, der eigentlich alles andere als zum „klassischen“ Chip-QB taugte. Foles hat Limitierungen, die ihn möglicherweise eine Karriere als legitimer Franchise-QB kosten werden, aber Chip baute um ihn herum eine doch sehr ansehnliche Offense. Die Offense wurde nach seinen Vorstellungen zusammengestellt: Draften von massiven Offense Tackles, Draften von groß gewachsenen Tight Ends usw. Das ist Chip-Football par excellence, und es funktionierte.

Die Defense war bestenfalls unteres Mittelmaß, aber Chip musste auch erstmal mit einem Spielermaterial arbeiten, das für eine andere Art von Abwehr (die 4-3 Defense) gebaut war. Via Free-Agency wurden einige bessere Backups wie Sopoaga oder Cary Williams verpflichtet, aber mehr war in einer einzigen Offseason noch nicht drin.

Kellys Eagles sind im Efficiency-Ranking (Power-Ranking) die #5 der Liga. Das SRS ist okay, aber nicht überragend (1.9 Punkte über NFL-Schnitt). Die 10-6 Bilanz in der Regular Season ist es – zumindest gemessen an den Erwartungen, die den Eagles ca. ein 7-9 oder 8-8 prognostiziert hatten. Mische Kellys vergleichsweise aggressives Coaching in 3rd-Downs und 4th-Downs mit rein, wird die Coaching-Leistung noch besser. Verbesserungswürdig ist sein Handling mit der roten Flagge sowie war das eine oder andere Auszeiten-Ziehen suboptimal, aber es reicht locker für einen verdienten vierten Platz – aber nicht zu einer Medaille.

#3 Pete Carroll (Seattle Seahawks)

Pete Carroll hat in Seattle eine Mannschaft nach seinem Antlitz geformt. Das ist bemerkenswert, weil es so wenigen Coaches gelingt. Das geht nicht ohne ein Quäntchen Glück (wie z.B. die Glücksgriffe wie Chancellor oder Sherman, oder aber auch QB Wilson), aber du musst trotzdem eine funktionierende Einheit basteln.

Carrolls Seahawks von 2013 strahlen nicht mehr diesen Begeisterungsfaktor aus, der sie letztes Jahr berühmt machte, aber dafür sind sie insgesamt noch solider, tiefer besetzt und gehen zumindest nicht als Außenseiter in die Super Bowl.

Seattle beendete die Regular Season mit 13-3 Bilanz. Normalerweise ist eine 13-3 Bilanz ohne etwas Glück nicht leicht erreichbar, aber der Pythagorean behauptet, Seattle habe die Performance einer Mannschaft erbracht, die im Schnitt 12.9 Spiele gewinnt. Das ist nur ein Jota unter der schwarzen Zahl. Seattle ist die #1 im Power-Ranking. Seattle ist die #1 im Simple Ranking System mit 13.0 Punkten über NFL-Schnitt.

Die Seahawks waren das dominanteste Team des Jahres, und sie sind nach dem Abbild des ehemaligen Defensive-Backs Coaches Pete Carroll gebaut. Die große Stärke ist die Legion of Boom, die Secondary, in der Carrolls Schützlinge Earl Thomas und Richard Sherman Angst und Schrecken verbreiten.

Carroll hätte zwingend schon im letzten Jahr den Coach-des-Jahres Preis gewinnen müssen. Dieses Jahr gibt es aber zwei Kandidaten, die ich knapp vor Carroll sehe.

#2 Bill Belichick (New England Patriots)

Letzte Woche wurde ich im Podcast bei den Sofa-Quarterbacks um eine Einschätzung zu Bill Belichick gefragt, und ich kann das, was ich dort verzapfte, nur noch einmal wiederholen: Man hat sich an die Größe Bill Belichicks gewöhnt, so sehr, dass eine erneute 12-4 Saison des alten Mannes keine Sensation mehr ist. Es gibt keinen besseren Coach da draußen. Vielleicht gab es noch nie einen so guten Coach da draußen. Vielleicht ist Belichick der beste NFL-Headcoach aller Zeiten. Aber man registriert es gar nicht mehr. Belichick ist ein Opfer seines eigenen Erfolgs geworden.

Drei Superbowl-Siege sind das eine. Viel bemerkenswerter ist die Tatsache, dass es Belichick in einer Ära, in der alles auf Gleichheit getrimmt wird, jedes verdammte einzelne Jahr ein Produkt aufs Feld schickt, das um den Titel mitspielt. Ohne Unterbrechung. Belichick verpasste seit seinem ersten Titel 2001/02 nur zweimal die Playoffs – beide Male mit Winning-Record. Einmal davon mit 11-5 Bilanz und Durchwursteln mit einem Quarterback, von dem nie zuvor jemals jemand was gehört hatte (Matt Cassel war sogar am College nur Backup gewesen).

Belichick erfindet sich jedes Jahr von neuem. Aber 2013 mag sein bisher markantestes gewesen sein. Eine Offense, die nach einer Lawine an schlechten Nachrichten in der Offseason und anfänglichen Schwierigkeiten durchaus wieder phasenweise exzellente Spiele hatte. Eine Defense, die bis zum Zuschlagen des Verletzungsteufels mit einem Male wieder Top-Team würdig war. Ein konstant wandelnder GamePlan, der um diese Probleme herum dokterte.

Am Ende war New England ein Top-10 Team nach Effizienz, was angesichts der Kaderqualität bemerkenswert ist. New England war 5.9 Punkte besser als der Durchschnitt nach SRS (#8der Liga). #8 nach Pythagorean. 12-4 Siege, und es hätten je nach Ausgang einiger Zufalls-Plays in den letzten Sekunden auch 10 oder sogar 14 sein können. Das müsste eigentlich reichen für den COTY, aber…

#1 Ron Rivera (Carolina Panthers)

Ich löse mein Versprechen ein und küre den Coach, der wie kein anderer für die neue Welle an aggressiven (besser: rational richtigen) 4th-Down Calls stand: Riverboat Ron. Ron Rivera ist mehr als die paar 4th-Downs. Ron Rivera war der Hauptgrund, weswegen die Carolina Panthers in der vorangegangenen Saison 2012 so „schlecht“ abschnitten: Wegen seines üblen „in-Game Managements“. Dass Rivera aus einem Schrotthaufen von Mannschaft, die er 2011 übernommen hatte, innerhalb von kürzester Zeit eine titelfähige Mannschaft gebastelt hat, habe ich nie abgestritten; Carolina hatte schon 2012 eine Superbowl-fähige Mannschaft, aber einen Top-Draftpick würdigen Coach.

Rivera war der Hauptgrund, besser: der alleinige Grund, weswegen ich Carolina im Sommer knapp außerhalb der Playoffs gesehen hatte. Bei allem Respekt für seine sicherlich exzellente Trainings- und Vorbereitungsarbeit, aber er hatte sie so oft mit inaktzeptablen in-Game Entscheidungen negiert, dass diese kein Zufall sein konnten. Weil Menschen Gewohnheitstiere sind und sich – wenn überhaupt – nur seeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeehr langsam ändern, hatte ich Rivera bereits als hoffnungslosen Fall abgeschrieben.

Woche 2 gegen Buffalo, und Rivera machte nahtlos weiter mit seinem „Punt in 4th-und-kurz“. Resultat: Zwei Saison-Pleite im zweiten Spiel.

Aber dann muss sich etwas bei Rivera getan haben, denn quasi über Nacht mutierte Rivera vom konservativsten Head Coach der NFL zu einem, der 4th-Down auf 4th-Down auf 4th-Down ausspielen ließ und damit mehr als eine Partie zu Gunsten seiner Mannschaft drehte. Carolina war am Ende 12-4, in etwa die Bilanz, die die Panthers schon 2012 hätten einfahren müssen. Man war ein Top-8 Team nach Effizienz-Stats. Man war die #4 der Liga im SRS mit 9.1 Punkten über Liga-Schnitt. Man stellt mit 11.7 Siegen das drittbeste Team nach Pythagorean.

Und mehr: Die Panthers funktionieren mittlerweile wie eine Mannschaft nach Riveras Vorstellungen: Massive Front-Seven, okayes Defensive Backfield. Rivera und sein Staff machten in der Offseason genau die richtigen Moves um den letztjährigen Underachiever zu upgraden. Das größte Upgrade aber war Rivera selbst – und das verdient ihm den Sideline Reporter Coach oft he Year 2013/14 Award.