Geschichtsstunde, Teil 2: Die wahre Wiege des American Football

Der 6. November 1869 wird häufig als offizielles Geburtsdatum des American Football genannt. Es war der Tag, an dem die beiden Universitätsmannschaften von Princeton und Rutgers zum ersten Mal gegeneinander spielten. Rutgers gewann 6-4. Doch wurde an diesem Tag wirklich Football gespielt – und wenn ja: War es wirklich das erste Footballspiel?

Die Antwort ist nicht ganz klar. Weiterlesen

Football-History, Teil 1: Die fünf Fußbälle

American Football ist nicht aus dem Nirvana entstanden. Ein Blick auf die historische Entwicklung der großen Ballsportarten. Es gibt heute weltweit fünf große Abspaltungen derjenigen „Ur-Sportart“, die die Briten vor Jahrhunderten Football tauften:

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Gegen den Strom

Das Präludium zum heutigen Eintrag habe ich auf diesem Blog schon geschrieben: In Das beste Team aller Zeiten und ihre zwei Sternchen wurde das Thema der Segregation in der Nachkriegszeit der Vereinigten Staaten des US-Südens aufgegriffen. Schon vor zweieinhalb Jahren habe ich in Notre Dame University und ihr Fußvolk das politische Klima der 1960er Jahre geschildert, und wie es 1966 die Meisterschafts-Entscheidung beeinflusst hat. Weiterlesen

Als der College Football durch die Hölle ging

Vorwort: Ich habe letztes Jahr ganz sachte anhand von US-Autoren wie Michael Weinreb (Sports on Earth) eine kleine Miniserie über die Geschichte des College-Footballs angestoßen, die auf mehr Anklang in der Leserschaft gestoßen ist als gedacht. Schreiben über Schlüsselmomente in der Vergangenheit des Sports, den wir lieben, macht zugegebenermaßen Spaß. Viel ist bloße Auseinandersetzung mit dem Fabrizierten von Michael Weinreb, aber das ist uns ja wurscht. Heute: Die Nacht, in der College Football die Hölle erlebte.


Michael Weinreb, das muss man wissen, kommt aus dem US-Nordosten. Sein Vater war Professor an der Penn State University, und so verbrachte Weinreb einen Großteil seiner Kindheit und Jugend in State College, dem Dörfchen mitten in der Prärie von Pennsylvania, das nur dank der Uni existiert. Weinreb schrieb oft über seine Verbindung zur Uni, und man bekommt in den vielen Artikeln ein gutes Gefühl für die Beziehung eines Amerikaners zu „seiner“ Alma-Mater. Seit dem Sandusky-Skandal arbeitete Weinreb in einigen exzellenten Artikeln, die ich hier oft verlinkte, seine Gefühlswelt auf – seine Einstellung zu Ort, Zeit und Paterno. Dieser Artikel The Night College Football Went Through Hell ist aus dem Jahre 2007, also vor dem Auffliegen von Sandusky, also nicht wundern, wenn Leute wie Paterno oder Sandusky da in einem Licht erscheinen, das heute ein Spur anders ist.

Wir schreiben den 2. Jänner 1987, ein Montag. Tag des inoffiziellen National Championship Games, das es damals noch nicht gab. Den Part hatte an diesem Tag die Fiesta Bowl in Tempe/Arizona über, eine bis dahin als zweitklassig angesehene Veranstaltung im Schatten der großen Giganten wie Rose Bowl, Sugar, Cotton oder Orange Bowl. Die Fiesta Bowl hatte aber gegenüber diesen arrivierten, alles überstrahlenden Neujahrs-Bowls den Vorteil, nicht vertraglich an eine oder mehrere Conferences gebunden zu sein. Während die Rose Bowl verpflichtet war, die Sieger von Big Ten und Pac-10 zu holen, die Sugar Bowl den SEC-Champ nehmen musste und die Cotton Bowl den Meister der SWC, war das Gremium der Fiesta Bowl unabhängig. Weiterlesen

Notre Dame University und ihr Fußvolk

Im letzten Beitrag zu den „Jahrhundertspielen“ im College-Football fragte Kommentator habesha4live, was an Tom Osbornes Entscheidung, aufs Ganze zu gehen, so großartig gewesen sein soll, kostete es doch letztlich den quasi sicheren National Title.

Nun, es hatte 17 Jahre zuvor eine vergleichbare Situation gegeben, im November 1966 zwischen den #1 Notre Dame Fighting Irish und den #2 Michigan State Spartans, und Michael Weinreb – oh Wunder – schrieb auch da schon drüber. Es ist ein politisches Stück, eine Abhandlung über Rassentrennung, den Süden, mediale Rezeption, und den Anti-Osborne.

Die 60er Jahre waren die Zeit, in der die Menschenrechtsbewegungen in den Vereinigten Staaten mächtig Aufwind bekamen. Es war die Zeit des Malcolm X, Martin Luther King und Mississippi Burning. Der zutiefst rassistische Süden gegen den sich öffnenden Norden. Radikale gegen Gemäßigte. Und der College-Football als Spiegelbild der Zeit.

#3 Alabama Crimson Tide

Die #3 Alabama Crimson Tide stellten die dominante Mannschaft des Landes, aber da enden die Ähnlichkeiten mit der heutigen Bama-Truppe: Der Head Coach war Bear Bryant, ein hoffnungsloser Alkoholiker und eine der berühmtesten Gestalten der amerikanischen Football-Mythologie, sowas wie der Sepp Herberger des US-Football. Die Videoaufnahmen von Bryants Mannschaften wirken heute so bizarr, dass man im ersten Moment gar nicht glauben möchte, was man da sieht: Kleine, schmale weiße Jungs, selbst die Offense Liner brachten kaum 100kg auf die Waage, und schwarze Spieler suchte man mitten im Herzen des Bible-Belt vergeblich.

George Wallace war der Gouvernor (bzw. späterer Gatte der Gouverneurin) des Bundesstaates Alabama, und Wallace war bis in die letzte Vene Rassist und einer der letzten Hardcore-Verfechter der Rassentrennung. Wallace galt als einziger Mann im Bundesstaat, dem sich Bear Bryant beugen musste. Bryant durfte keine Schwarzen in sein Team aufnehmen. Er wusste 1966, dass dies wohl seine letzte rein weiße Mannschaft war, mit der er um die Meisterschaft spielen konnte. Er wusste, dass sich die Zeit auch im rückständigen Alabama nicht aufhalten lassen würde. Er wusste, dass die dominierenden nationalen Medien „da droben“ (New York und Umgebung) seine Crimson Tide verachteten und dass das National Title Race auch von der Politik mitentschieden werden würde.

#2 Michigan State Spartans

Aber noch durfte er seine Truppe unter Druck der Politik nicht färben. Die besten Schwarzen aus seinem Staat empfahl Bryant an seinen Kollegen Duffy Daugherty weiter. Der war Head Coach an der Michigan State University, die landesweite #2 in diesem November 1966. Daugherty hatte im demokratisch dominierten Michigan keine Scheu, eine überwiegend schwarze Mannschaft auf das Spielfeld zu schicken, mit Athleten aus dem tiefen Süden, aus dem fernen Kalifornien oder Hawaii. Die Spartans von 1966 waren der erste mehrheitlich schwarze Titel-Anwärter ever. Und viele spotteten, Michigan State sei der „wahre Vertreter des Südens“, im Gegensatz zu den knäbischen Milchbubis von Bryants University of Alabama.

Michigan State spielte die vielleicht beste Saison seiner Geschichte, man war drauf und dran, die perfect season zu komplettieren (man war 9-0-0), aber das war auch noch eine andere Mannschaft. Nicht irgendeine, sondern die #1 Notre Dame Fighting Irish, denen ein Ruf wie ein Donnerhall vorauseilte, und die als das Footballprogramm schlechthin galten: Geliebt von den katholisch dominierten großen New Yorker Medien, und mit ihrer taktischen Lage unweit von Chicago (Notre Dame hat seinen Campus in South Bend in Indiana) auch mit der Nähe zu einem zweiten großen Markt gesegnet.

#1 Notre Dame Fighting Irish

#1 Notre Dame ging wie #2 Michigan State und #3 Alabama ungeschlagen (8-0-0) in dieses sein vorletztes Spiel der Regular Season, um das es in diesem Beitrag eigentlich geht: Das Rivalry-Game gegen Michigan State. Jeder wusste, dass Michigan State gewinnen musste, um an den Fighting Irish vorbeizuziehen, denn jeder wusste, dass die meisten Stimmberechtigten in der Entscheidung um den Titel katholisch waren. Während Alabama sich beklagte, aufgrund seiner Weißheit (nicht „Weisheit“) benachteiligt zu werden, witterte man bei Michigan State eine Verschwörung, weil man zu schwarz sei.

Notre Dame war das Mittelding. Man hatte einen schwarzen Starter, aber im Herzen war man weiß. Die Konfession der Uni war die richtige. Jeder wusste: Notre Dame musste geschlagen werden, wollte man den National-Title gewinnen. Das war schon immer das Problem im College-Football: Die Meisterschaft ist abhängig von einer Abstimmung. Und es ist nicht wie im Turmspringen, wo die Jury vom Beckenrand aus zuglotzt. Nein, es ist College-Football in den Sechzigern, wo du 95% des Geschehens nur über ein Zeitungspapier mitkriegst, und du dir dein Bild nicht von dem machst was war, sondern was du liest was war, denn nur ein einziges Spiel einer jeden Mannschaft durfte landesweit übertragen werden.

Das ist dann auch der Witz an dieser Sache: #1 Notre Dame – #2 Michigan State durfte nicht landesweit gezeigt werden, weil beide ihr Kontingent schon erschöpft hatten. Eine 50.000 Unterschriften starke Fan-Petition erwirkte zumindest eine zeitversetzte Ausstrahlung im ABC-Network, aber live sahen nur wenige Hunderttausend in der Region um die Großen Seen das Treiben in South Bend.

An jenem verdammten Samstag

Nochmal: Alabama würde mit 11-0 durch die Saison gehen, war zweifacher Titelverteidiger, aber die politische Stimmung drückte die Crimson Tide auf #3. #2 Michigan State war 9-0-0 und ging in sein letztes Regular Season Spiel. #1 Notre Dame war 8-0-0 und erwartete nach dem Lokalderby noch den Rivalen USC.

Die Ausgangslage durch die Polls ist also geklärt. Zumindest zwischen Irish und Spartans konnte man eine sportliche Meisterschaftsentscheidung erwarten… dachte man.

Viertes Viertel.

Längst schwer angeknockte Irish mit einem zuckerkranken Ergänzungsspieler als notgedrungenem Starting-QB wurstelten sich durch die letzten Minuten. Spielstand 10-10. Michigan State hatte gerade innerhalb der letzten 120 Sekunden bei 4th-und-4 gepuntet, und Notre Dame hatte die Chance, den Sack zuzumachen.

Aber Head Coach Ara Parseghian, ein ehrenwerter Mann nach allem, was man über ihn liest, ließ die Uhr runtertickern und sagte Run-Plays an im Wissen, dass er mit einem Sieg über USC in einer Woche den National Title wohl sichern würde. Parseghian spielte auf unentschieden. Das Spiel endete 10-10. Ara Parseghian nahm das Schicksal über den Titel nicht wie 17 Jahre später Tom Osborne selbst in die Hand, sondern er legte es in die Hände der Voter.

Eine Woche später bügelte Notre Dame die USC Trojans mit 51-0 nieder. Tage später wurde Notre Dame zum National-Champion der Saison 1966 erklärt.

Das Wesen des Sports

Sieht so eine ehrliche Meisterschaftsfindung aus? Stellt uns das wirklich zufrieden? Ara Parseghian machte den richtigen Call, weil er den Titel holte. Aber ist der Titel wirklich alles? Können wir es einfach so hinnehmen, dass die politische Lage die Meisterschaft entscheidet? Weiße beschuldigen Schwarze beschuldigen Katholiken, dass der Titel über die Menschenrechtskämpfe entschieden wurde. Und das alles, weil der Head Coach der Notre Dame „Tying Irish“ das Schicksal über den Titel in die Hände von Journalisten und Trainern legte, anstelle es wenigstens zu versuchen.

Parseghian nutzte die komplett rückständigen Strukturen im College Football aus, und man möchte fast nichtmal ihm die Schuld dafür geben. Und doch ist es auch fast fünf Jahrzehnte später schade, dass es Ara Parseghian zuließ, den Titel vom Zeitgeist vergeben zu lassen. Die Hauptschuld trug indes freilich das Wesen des College-Footballs, dem Parseghian direkt in die Karten spielte:

Of course, what Ara did was not driven by antiestablishment thought; it was driven by just the opposite. What he did appealed directly to the establishment, which at that point happened to consist of that rarefied group of people who voted in college football polls. Notre Dame finished first in every poll that mattered in 1966. By playing to his base, Ara won the election.

Ausgerechnet der größte Traditionalist, der Option-Freak Tom Osborne aus dem ländlichen Nebraska, spielte 17 Jahre später genau gegen dieses Establishment. Alle Achtung.

Go for the Win

Michael Weinreb schreibt auf Grantland.com über einen der größten Momente in der Geschichte des US-College Sports: Die Orange Bowl von 1984, die zwischen den ungeschlagenen #1 Nebraska Cornhuskers und den #2 Miami Hurricanes (eine Niederlage) in der Miami Orange Bowl ausgetragen wurde. Auf dem Spiel: Der National Title.

Es war eine wilde Zeit im College-Football. Jedes Jahr flogen 1-2 renommierte Programme durch zu üble Bestechungen und Recruiting-Verletzungen auf. Die Conferences waren gerade inmitten eines Vermarkuntgs-Streits mit der NCAA. Korruption in NCAA, Bowl-Veranstaltern und Universitäten war mit der von heute kaum vergleichbar (das heißt was!). Und an der University of Miami („The U“) war gerade ein neureiches Programm drauf und dran, unter dem schrulligen Head Coach Howard Schnellenberger nach oben zu stürmen.

Okay. Orange Bowl 1984, Halbzeit eins: Nebraskas PlayCalling tanzt Rock’n’Roll, und die Huskers scorten mit dem l-e-g-e-n-d-ä-r-e-n Fumblerooski, einem Spielzug, den man bei uns dank The Longest Yard und so als eher kitschig aufnehmen würde – aber, Nope: Das Ding wurde wirklich mal in nem quasi-National Championship Game angesagt! Aber das ist hier nicht mal der Punkt, denn der kommt jetzt.

Das ganze Spiel

Miami/FL – Nebraska 1984

Miami führte vor dem letzten Drive der Huskers 31-24. Nebraska marschierte in den letzten 107 Sekunden downfield, ohne seinen besten Running Back Mike Rozier. Einmal mitten im Drive ließ der beste Wide Receiver der Universitätsgeschichte, Irving Fryar, späterer NFL-Star, einen sicheren Touchdown so absurd beschissen fallen, dass es keine andere rationale logische Erklärung als „Schiebung“ gibt. Die drei Meter hinter Fryar in der EndZone vor Freude über den Drop tanzenden Veranstalter (!) der Orange Bowl geben eines der bizarrsten Bilder, die ich im Sport kenne – und sie sind Symbol für die komplett verschobenen Strukturen jener Zeit.

Tom Osbourne

Tom Osbourne

Nebraska scorte schließlich den Touchdown zum 31-30, und Nebraskas Head Coach Tom Osbourne, ein als langweilig empfundener Traditionalist, machte den geilsten Call, den du als Head Coach in dem Moment machen kannst: Go for two. Man muss wissen, dass es zu jener Zeit keine Verlängerung gab, und das Spiel remis geendet hätte. Ein erfolgreicher P.A.T. hätte die Partie ausgeglichen, und weil Nebraska als #1 ins Spiel gegangen war und von der #2 Miami in deren Stadion nicht bezwungen werden konnte, hätte ein 31-31 den sicheren National Title bedeutet – den ersten für Nebraska seit Äonen, den ersten überhaupt für Osbourne.

Er ging trotzdem auf den Sieg – und scheiterte.

(Man sieht eingangs dieses Videos übrigens auch noch einmal den wahnwitzigen Drop von Fryar und links oben die tanzenden Offiziellen) 

Der Newcomer Miami/FL wurde infolge des Überraschungssiegs erstmals zum National-Champion gewählt, auch dank einer Entscheidung, die die Landschaft im College Football nachhaltig und für immer veränderte. Eine neue Supermacht war geboren, und sie hatte eine alte Supermacht geschlagen.

Obwohl: Osbourne war kein Verlierer. Er bewies Courage. Go for the win. Leider murksen heute viel zu viele Coaches in blanker Angst um ihren Job und drücken sich, und verschieben die Entscheidung auf die Verlängerung. Osbourne wurde erst elf Jahre später belohnt: Ungeschlagen und punktgleich mit Penn State, und die Voter gaben Nebraska die Stimme und den Titel der Saison 1994/95, in erster Linie, weil Osbourne auch dann noch titellos gewesen war.

Die Entscheidung, auf das remis zu verzichten, half auch langfristig, den Meisterfindungsprozess, der im College-Football ja schon immer sagenhaft beknackt gewesen war, war, und ist (und möglicherweise auch sein wird), zu verändern. Wie schreibt Weinreb nochmal?

Osborne’s choice did not alter anything overnight, because college football seems to pride itself on the glacial nature of its decision-making process. But it moved us steadily forward, toward the realization that the current system was inherently flawed and purposefully nebulous — that it almost seemed designed to punish those who pushed for any sort of definitive resolution. It set us on a path toward overtime and toward the BCS and eventually toward a playoff system, and it rewarded Osborne with a lifetime of solid karma from the people of his state.

Für den, der sich für die Football-Folklore aus der guten, alten Zeit interessiert, hier nochmal: Tom Osbourne Goes for Two.