Date am Donnerstag #10: Washington Redskins @ Minnesota Vikings

Vor der Saison hatten sich das die Spielplanmacher der NFL bestimmt so richtig schön ausgemalt: Washington als das Schwergewicht einer NFC East im Umbruch, mit einem aufregenden Robert Griffin, der zu neuen Höhen aufläuft gegen die Minnesota Vikings, die nach einem easy early schedule (nur ein letztjähriger Playoffteilnehmer) noch voll drin sind im Wild-Card-Rennen, vielleicht sogar noch im Kampf um die NFC North. Adrian Peterson, erneut auf der Jagd nach dem rushing record gegen RGIII, der wie AP ein Jahr zuvor spektakulärer denn je aus der Reha zurückkommt. Aber nun ist es einfach nur grauer Ligaalltag.

Die Minnesota Vikings (1-7) spielen nur noch um die goldenen Ananas. Aber die will Head Coach Lezlie Frazier anscheinend ganz dringend gewinnen: letzten Sonntag, dreieinhalb Minuten vor Schluß beim Stand von 23-20 an Dallas´ 36-Yard-Linie läßt er punten. Natürlich verlieren die Vikes und scouten jetzt schon was das Zeug hält. Vor allem den eigenen Quarterback. Chris Ponder, 1st-rd pick 2011, spielt so schlecht wie letztes Jahr, kam auf die Bank und hat den großen BUST-Stempel am Hals. Dann spielte mal Matt Cassel (der gar das einzige Spiel der Saison gewann) bevor man Josh Freeman von der Straße auflas und ihn ohne jede Vorbereitung sofort den Giants vorwarf, auf daß diese sich endlich mal ein wenig Selbstvertrauen holen.

Und dann war Freeman verletzt und dann dann kam Ponder wieder und jetzt ist Freeman wohl wieder fit und Ponder spielt trotzdem. Daß Ponder nicht der Mann für die Zukunft ist, wissen alle. Ob Freeman das vielleicht sein könnte, sollte man herausfinden, aber da ist wohl niemand dran interessiert in Minnesota. Komischerweise. Allein durch dieses QB-Geeier war die Saison bereits ziemlich früh im Eimer.

Dabei sah es so gut aus im Sommer: gleich drei 1st-rd picks zogen sich die Wikinger! Mit WR/KR Cordarrelle Patterson und DT Sahrrif Floyd sogar zwei Spieler, die bei den meisten pundits vom Talent her Top-10-Kaliber waren. Patterson fiel aufgrund von character concerns, Floyd war in den 20ern dann tatsächlich besser aufgehoben als in den Top-10, wie man jetzt sieht. Der dritte in diesem Bund, CB Xavier Rhodes, sah oftmals ein wenig vertrottelt aus, wenn ich ihn bisher gesehen habe (was aber durchaus üblich ist bei Rookie-CBs).

In Minnys Verteidigung halten zwei unauffällige Spieler den Laden zusammen. Die Linebackers Erin Henderson und Chad Greenway sind so erfahren und solide, wie man sich Männer in der Mitte nur wünschen kann. Durch ihre gute Arbeit in der Paßverteidigung spielen sie auch alle Downs und Minnesota kommt ohne dime personell aus (wofür sie im übrigen auch gar keine fähigen DBs hätten). Für den Zuschauer heißt es bei den Minnesota also: Hobbyscouting der Rookies (und hoffen auf ein, zwei spektakuläre Returns von Patterson) und die Klasse Adrian Petersons bewundern.

Für die Redskins geht es immerhin noch um irgendwas. Mit ihrer 3-5 Bilanz sind sie nur 1,5 Spiele hinter dem Divisionleader aus Dallas (5-4). Es hängt für einen Sieg alles an einer starken Leistung von RGKnee. Mittlerweile läuft er schon wieder besser, aber mit dem Passen hapert es wie eh und je. Letztes Jahr ist das nicht so sonderlich aufgefallen, weil seine WRs oft mutterseeelenallein irgendwo rumstanden. Mittlerweile fallen die Verteidiger nicht mehr auf jeden play fake rein und lassen lieber einen Lauf zu als einen tiefen Paß.

Allein durch das Laufspiel (zweitbester Wert ligaweit nach Yards/attempt) sollte Washington hier einen klaren Vorteil gegen Minny haben. Zumal die große Schwäche der Skins, das peinliche Defensive Backfield (zweitschlechtester Wert nach Y/A), eben nur Ponder gegen sich hat.

Interessanter Nebenaspekt an diesem match-up: Washingtons relative Schwäche rührt auch daher, daß sie so viele (hohe) picks für Girffin eingetauscht haben. Nun fehlen ein zweiter guter WRs, geschätzt sechs gute Defensive Backs und depth auf vielen Positionen. Minnesota hatte in den letzten Jahren diese vielen hohen Draftpicks und trotzdem müssen sie schon an die nächste Saison denken. Was lernen wir daraus? Es gibt verschiedene Strategien einen guten Kader zusammenzustellen. Aber egal, für welche man sich entscheidet: man sollte sich dabei nicht doof anstellen. Oder so.

Washington mit dem Glauben an die Divisionskrone läuft das hier nach Hause.

Herrmann

Haben die Minnesota Vikings richtig gehandelt?

Die Minnesota Vikings haben am Donnerstag die dicken Klöten ausgepackt und als erstes Team seit Äonen gleich drei Erstrundenpicks gedraftet. Zwei hatten sie bereits vor dem Donnerstag gehalten (#23 und #25 für den Harvin-Trade), ein dritter kam ganz am Ende hinzu, als sie sich den 29ten Pick von den New England Patriots kauften, um WR Cordarelle Patterson einzuberufen. Der Gegenwert: Pick #52 (Runde 2), Pick #83 (Runde 3), Pick #102 (Runde 4) und Pick #229 (Runde 7).

Die Vikings holten sich mit den Picks Patterson, DT Sharrif Floyd und CB Xavier Rhodes – allesamt Spieler, die im unteren Drittel der ersten Runde als „guter Value“ eingestuft werden und die Needs der Vikes stopfen. Aber war der Trade rational betrachtet eine gute Entscheidung?

Case Massey präsentierte auf der Sportkonferenz auf der SLOAN (MIT), einer Tagung der amerikanischen Mathleten, das Ergebnis einer Studie über den Zeitraum 1991-2004, das prinzipiell zwei Dinge besagt:

  • Ja, die Prospects in den frühen Draftrunden werden bessere Spieler als jene in den späteren Runden.
  • Zwischen den 32 Teams aber gibt es kaum Unterschiede in der Effizienz, der Qualität der Spieler, die die Teams draften.

Letzteres mag überraschen. Andererseits aber auch nicht: Der Draft ist ein relativ geschlossenes System, in dem alle Teams mehr oder weniger die gleichen Zugänge haben (Tapes, Combines, Pro Days) und mehr oder weniger die gleichen Informationsquellen (Scouting-Netzwerke, Interviews). Dazu kommt der schwer prognostizierbare Prozess am Draftwochenende, mit etlichen unkontrollierbaren Faktoren („hab keinen Tau, ob das Team vor mir meinen Favoriten vor der Nase wegschnappt“).

Das heißt im Umkehrschluss: Teams, die mal zwischendurch bedeutend besser draften, sind in erster Linie glücklich. Teams, die mal schlecht draften, hatten hauptsächlich Pech. Und es ist was dran: Gute Draft-Teams werden immer und immer wieder plötzlich zu schlechten und umgekehrt. Auch schlechte Front-Offices zaubern immer mal wieder einen sensationell guten Draft aus der Tüte. Indianapolis mutierte unter GM Bill Polian von einem Tag auf den anderen von einer der besten zur vielleicht schlechtesten Draft-Organisation. Dito San Diego unter GM Smith. Belichick war vor zehn Jahren das Genie, produzierte dann fünf Drafts nur Müll.

Wenn wir – dank Masseys Studie kann man sagen: richtigerweise – davon ausgehen, dass Erfolg und Misserfolg eines Draftpicks größtenteils dem Zufall zuzuschreiben ist, ist die beste Strategie einer Mannschaft, möglichst viele Picks zu sammeln, denn: Zweimal 1/10 Chance ist besser als einmal 1/7 (denn 2/10 oder 1/5 > 1/7).

Ich wette, viele im Scouting ist verbesserungswürdig (zum Beispiel die Entwicklung einer Franchise-eigenen Spielphilosophie und das Abstellen der hire and fire-Mentalität in den Scoutingabteilungen). Aber wenn alle 32 Teams so weiterwursteln wie bisher, macht es Bill Belichick am besten: Macht per Trade einen 1st rounder zu drei bis vier Picks in der zweiten bis vierten Runde und kann sich zwei komplette Flops erlauben und steht am Ende immer noch besser da als vorher.

Insofern: Natürlich kann Patterson wie eine Granate einschlagen. Aber man vergesse nicht die Opportunity Costs der verkauften Picks und auch nicht, dass man seine Chancen am meisten dann verbessert, wenn man viele mittelhohe anstelle von wenigen hohen Picks sammelt. Die beobachteten Daten (s. oben verlinkte Massey-Studie) sprechen eine klare Sprache.

Ich schrieb schon mal auf diesem Blog, dass das von vielen Franchises benützte Jimmy-Johnson-Rechenmodell ein längst überholtes ist, da es die hohen Picks massiv überschätzt, und die klügeren Teams längst andere Modelle benutzen. Chase Stuart zum Beispiel kreierte ein Modell, das den Karrierewert von Draftpicks besser annähert. Den Trade gewannen *Überraschung* die Patriots um Längen (ROI: 159% für die Pats!).

Fazit: Minnesota machte rational betrachtet einen Fehler auf vielen Fronten.


Sie auch: Advanced NFL Stats mit dem ursprünglichen Kommentar zur Massey-Studie und HardCount Blog, wo Flo Zielbauer heute Nachmittag einen Artikel veröffentlichte, der die Gegenseite vertritt, vor allem mit dem Argument der limitierten Roster Spots. Wie schon geschrieben: Der zum Exzess getriebene Trade nach unten ist nicht ratsam, da die hohen Picks höheren Wert besitzen. Aber alle empirischen Daten deuten im Falle des Patriots/Vikes-Trade darauf hin, dass Belichick Spielman/Frazier übern Tisch gezogen hat. Cordarrelle Patterson legt mal besser eine deutlich überdurchschnittliche Karriere für einen 29ten Draftpick hin.

Edit 6. Mai 2013: Die Angaben zur Sportkonferenz stimmten ursprünglich nicht. Die SLOAN ist natürlich die Business-School des MIT und nicht die Konferenz selbst. Danke an Leser Ben für die Korrektur.