Wie sieht eine Passverteidigung in der NFL aus?

Die Passverteidigung ist nach der Pass-Offense der zweitwichtigste Erfolgsfaktor in der National Football League. Sie ist brutal abhängig vom Funktionieren sämtlicher Elemente in der Wirkungskette („10 Mann machen alles richtig, 1 etwas falsch = Touchdown“), und es gibt sehr viele unterschiedliche Wege zum Erfolg:

  • Primärer Fokus auf Zonendeckung.
  • Primärer Fokus auf Manndeckung.
  • Scheiß auf Deckung, wir bringen Passrush!
  • Kombinierte Systeme.

Es gibt kein Patentrezept: Mehrere der besten Pass-Defenses der NFL sind konzeptionell völlig unterschiedlich aufgebaut. Wenn du Pittsburgh mit Chicago mit NY Jets vergleichst, sind das für NFL-Verhältnisse Welten. Es gilt aber nicht, sofort voll reinzutauchen, sondern erstmal die wichtigsten Ideen der Deckung zu präsentieren. „Deckung“, das ist in erster Linie die Aufgabe der Defensive Backs, also Cornerbacks und Safetys, die gemeinsam die Secondary (oder auch: Defensive Backfield) bilden.

Ich schrieb oben: 1 etwas falsch = Touchdown. So krass ist es nun auch nicht immer, denn wir werden sehen: Es gibt unterschiedliche Schemen, und während manche anfälliger sind gegen Big-Plays (hopp-oder-topp), sind andere anfälliger gegen kurze, beständige Raumgewinne (Jargon: bend but don’t break). Es ist immer ein Trade-Off und eine Frage: Welchen Tod sterbe ich lieber? Will ich überhaupt sterben?

Cover = Abdecken

Es gibt prinzipiell fünf Deckungs-Schemen, die mit „Cover minus Ziffer“ gekennzeichnet werden; es läuft von Cover-0 bis Cover-4. Die Zahl hinter dem „Cover“ gibt die Anzahl der tiefen Zonen („deep zones“), die die Secondary deckt, an. Cover-0 zum Beispiel ist ein Abwehrsystem ohne tiefe Zonen, oder, die Mitdenkenden werden es schon gecheckt haben: Reine Manndeckung. Auch Cover-1 gilt noch als Manndeckungssystem, weil nur der Free Safety ganz hinten eine Zone absichert. Cover-2, 3 und 4 gelten landläufig als Zonendeckung.

Wichtig: Die Ziffer kennzeichnet nur die „tiefen Zonen“. Die Cover-2 Defense z.B. deckt zwei tiefe Zonen, kann aber auch in der Front-7 welche decken. Das sind dann die Zonen vor den Linebackers. Genannt werden diese die underneath zones („untere Zonen“). Das sind meist die, in denen Tight Ends oder Slot-Receiver operieren. Yards underneath tun einer Defense weh, aber nicht annähernd so sehr wie ein erfolgreicher tiefer Pass in die Secondary rein. Eine Offense braucht viel Geduld, um ausschließlich über underneath zones zu operieren; deshalb kann man alles ab Cover-2 auch in Spurenelementen als sowas wie eine bend but don’t break-Defense bezeichnen: Wichtig ist, dass ich mal hinten absichere. Wenn ich in den vorderen Zonen nur drei Yards kassiere, ist das erstmal ein kleiner Erfolg für mich.

Wie decke ich die gegnerische Offense?

Die Manndeckung ist keine große Philosophie, sondern verlässt sich auf die individuelle Klasse der Cornerbacks und Safetys. Wie schon der Name es sagt, ist der Deckungsspieler allein oder größtenteils allein verantwortlich für seinen Gegenspieler in der Offense. Man sagt immer, er muss „in-phase“ sein, d.h. idealerweise ist er einen Schritt vor dem Gegenspieler und einen Schritt nach innen versetzt – somit wird das Vorbeirauschen verhindert und es kann jede Route des Receivers antizipiert werden.

Es gibt zwei Arten von Manndeckung: press coverage (oder tight/on coverage), wo der Defensive Back an der Anspiellinie direkt gegenüber dem Receiver steht und versucht, mit Körperkontakt und schlechtem Mundgeruch das Timing zu stören; Körperkontakt ist dabei nicht das einzig Erstebenswerte – viel wichtiger ist das Halten der Balance, damit der Receiver nicht locker vorbeimarschiert. Die zweite Manndeckung ist die off coverage (oder auch: catch), wo sich der DB zirka 8-10yds hinter die Line of Scrimmage stellt und erstmal abwartet, was der Receiver macht; fliegt der Ball, wird – vereinfacht gesagt – die Interception oder pass deflection versucht. Letztere Manndeckungs-Art ist eher eine reaktive, während erstere versucht, aktiv früh im Spielzug zu stören.

Die Zonenverteidigung ist in Sachen Denksport schon ein dickeres Brett: Verteidiger müssen, wenn wir es mal simpel ausdrücken, jeweils einen Raum am Spielfeld verteidigen (z.B. den Luftraum von sieben Yards links der Anspiellinie bis vierzehn Yards links davon bis sieben Yards hinter die Anspiellinie, also eine Zone mit Grundfläche von 49m²) – und nur diesen Raum. Verlässt der Receiver diesen Raum, gibt es keine Notwendigkeit ihm zu folgen, da die nächste Zone von einem anderen Verteidiger gedeckt wird. Zonenverteidigung ist nicht einfach zu implementieren und setzt gute Harmonie in der Defense voraus.

Bei dem Cover-Dings geht es aber in erster Linie – ich betone es nochmal, um völlige Verwirrung zu vermeiden – um die tiefen Zonen, die deep zones.

Cover-0

Cover-0: Ein jeder deckt nur seinen Mann.

Cover-0: Ein jeder deckt nur seinen Mann.

Die reinste Form der Manndeckung: Es gibt keine Safetys, die „hinten“ aufpassen, dafür wird vorne Druck mit minimum fünf, sechs Leuten gen Quarterback (also Blitzes) veranstaltet. Die Cornerbacks und Safetys spielen alle 1-vs-1 gegen die Receiver. Cover-0 ist mittlerweile fast ausgestorben, weil sie eine riskante Verteidigung ist: Du brauchst im Extremfall 4-5 starke Cornerbacks, denn wenn auch nur einer sich übertölpeln lässt und der Receiver durchkommt, ist es aufgrund der fehlenden Absicherung durch einen Safety ein fast sicherer Touchdown. Es gibt aber manchmal eine Cover-0 Defense, wenn ein DefCoord das weiße Fähchen hisst und in einer Art Verzweiflungsmove darin die einzige und letzte Chance sieht, die Offense irgendwie einzubremsen (alles-oder-nichts).

Cover-1

Cover-1 Defense: Ein Free Safety sichert hinten ab.

Cover-1 Defense: Ein Free Safety sichert hinten ab.

Das ist Manndeckung gepaart mit einem Free Safety, der hinten in der Spielfeldmitte steht und diese tiefe Zone („deep center of the field“) abdeckt. Der Strong Safety steht in der Box als Support für entweder einen Blitz oder die Verteidigung einer Zone oder eines direkten Gegenspielers nahe der Anspiellinie. Cover-1 wird gerne auch mit einem four men rush gespielt, also bloß vier Passrushern, kann aber auch kombiniert werden mit zone blitzes. Der große Vorteil liegt bei den Cornerbacks und Linebackers in der Spielfeldmitte (auch genannt Slot): Sie wissen, dass hinten noch der Free Safety steht, und können sich darauf konzentrieren, die Slot-WRs und Tight Ends auf den kurzen Distanzen und Out-Routen zu decken.

Cover-1 braucht mindestens einen exzellenten manndeckenden Cornerback und/oder einen Safety mit viiiiiiel „range“. Oder anders: Habe ich einen Revis, spiele ich Cover-1, da ich meinem zweiten Outside-CB den Free Safety als Unterstützung geben kann. Schau dir alte Jets-Tapes an und du wirst sehen: Der Free Safety steht nicht „in der Mitte“, sondern 10m versetzt Richtung zweitem CB, weil Revis sein Ding allein durchziehen kann. Leider gibt es nur einen einzigen Revis.

Cover-2

Die berühmteste Deckung im Football, und die erste echte Zonendeckung. Dabei stehen hinten zwei Safetys, die jeweils eine Hälfte der tiefen Zone abdecken. Fünf Linebackers/Cornerbacks decken die vorderen Gebiete ab, und Druck kommt meist nur mit der Defensive Line. Es gibt unendlich viele Variantionen, was man mit einer klassischen Cover-2 Defense in diesen underneath-Zonen anstellen kann: In den Version Cover-2 Zone (s. Bild) decken die LBs/CBs Zonen ab. Es gibt aber auch Cover-2 Man, wo im Gebiet zwischen DL und Defensive Backfield via Manndeckung operiert wird. Es gibt auch Zwitter-Systeme dazwischen. Gemein ist allen, dass sie mit diversen Personal-Paketen funktionieren können, und – anders als viele glauben – auch aus der 3-4 Defense heraus machbar ist. Cover-2 Prinzipien können auch gegen spezielle Offense-Pakete mit der Basis-Defense umgesetzt werden.

Die Idee der Cover-2 Defense ist in erster Linie danach ausgerichtet, die ganz großen Raumgewinne zu verhindern: Cornerbacks können sich auf die Hilfe der hinten stehenden Safetys verlassen, und können damit recht aggressiv die kurzen Routen attackieren.

Die Cover-2 Defense verlässt sich darauf, dass die D-Line konstant mit vier Leuten genügend Druck zustande bringt und es nur selten zusätzliche Unterstützung durch Blitzes braucht (zusätzliche Blitzes kann es auch kaum geben, weil alle sieben restlichen Verteidiger wichtige anderweitige Aufgaben erfüllen müssen). Aus diesem Grund ist für die Defense Line dringend der Fokus auf den Passrush zu legen.

Die Tampa-2 Defense ist auch eine Art "Cover-2"

Die Tampa-2 Defense ist auch eine Art „Cover-2“

Ein großer Nachteil ist, dass die Spielfeldmitte gerne blank steht, weil sich die Safetys auseinanderbewegen. Als leichte Abwandlung wurde daher in den 90ern von Tony Dungy die Tampa-2 Defense kreiert, wo der Middle Linebacker sich in der Spielfeldmitte zurückfallen lässt um das Loch zu decken, als quasi „halber Safety“ (Tampa 2 ist fast eine Cover-3). Diese Defense braucht brutal schnelle Leute. Der etwas untersetzte, aber geschwindige LB Derrick Brooks war dafür genau der richtige Spielertyp; er wurde in Dungys System in Tampa Bay zum sicheren Hall of Famer.

Ein zweiter Nachteil betrifft zwar nicht die Passverteidigung, aber sie sei kurz angesprochen: Lauf-Defense. Da beide Safetys hinten drin stehen, ist die „Box“ um die Anspiellinie herum im Regelfall mit maximal sieben Leuten besetzt, was u.U. zu wenig ist. Die Outside-CBs sind also auch gefragt, zumindest gegen das Laufspiel mitzuhelfen. Schwächlinge auf CBs sind in der Cover-2 tödlich.

Cover-3

Die Cover-3 Defense mit drei tiefen Zonen.

Die Cover-3 Defense mit drei tiefen Zonen.

Wie bei der Cover-1 Defense bewegt sich hier der Strong-Safety mit dem Snap in Richtung Anspiellinie (meistens auf der Strong-Side beim Tight End), während der Free-Safety hinten die Zone in der Spielfeldmitte abdeckt. Die beiden tiefen Zonen nahe den Seitenlinien werden von den Cornerbacks an den Außenrändern abgedeckt, womit wir bei der Deckung von mittlerweile drei tiefen Zonen („Cover-3“) angelangt wären.

Vorteil ist eine gut gefüllt „Box“ in den Schützengräben (11 minus 3 = 8 Leute), eine gute Absicherung über die Spielfeldmitte durch den Free Safety und viele Möglichkeiten zum Blitzen. Anfällig ist die Cover-3 vor allem in der Mitteldistanz-Zone zwischen OLBs und Free Safety („seams“) und auf ganz flachen Routen von Slot-WRs und Tight Ends nach außen (die sog. „flat zone“) – die Anfälligkeit in den underneath zones, wie ich schon oben schrieb.

Außerdem verlässt sich dieses Schema stark darauf, dass die Outside-Cornerbacks ihre Zonen exzellent im Griff haben. Die Cover-3 unterscheidet sich hier von der Cover-1, dass diese Outside-CBs nicht direkt Mann-gegen-Mann spielen, sondern aufgrund ihrer Verantwortung für ihre tiefe Zone schauen müssen, dass der Receiver nur ja nicht außen an ihnen vorbei kommt. Innen geht grad noch, weil ja der Free Safety noch helfen kann, das Allerschlimmste zu verhindern.

Cover-3 funktioniert meistens sehr gut gegen den Lauf und geht in der Pass-Defense schon in Richtung „Prevent-Defense“, weil man tief gut absichern kann. Das geht allerdings auf Kosten der relativ ungesicherten kürzeren Passrouten. Gegen Brady willste also nicht so spielen.

Cover-4

Die Quarters-Defense mit vier tiefen Zonen.

Die Quarters-Defense mit vier tiefen Zonen.

Wir sind in der „Prevent-Defense“ angelangt: Cover-4, oder, um mir die Nackenhaare aufzustellen: „Quarters“-Defense. Bei der Cover-4 Defense besagt die Theorie, dass jeweils die beiden Safetys und die beiden Outside-CBs für die tiefen Zonen zuständig sind, d.h. jeder verteidigt 1/4 des Spielfelds downfield. Dabei helfen sich Safety und Cornerback jeweils gegenseitig, sobald ein Wideout oder Slot-WR tief gehen.

Die Cover-4 ist anfällig gegen kurze Routen und Checkdowns. Es gibt nur wenige Teams, bei denen die DefCoords die Safetys in der Cover-4 aggressiver und weiter vorne spielen lassen, um auch noch diese schnellen Pässe zu unterbinden, weil die dafür extrem dynamischen Safetys mit so „range“ ganz einfach nur alle paar Jahre zu kriegen sind (Reed und Polamalu gibt es nur zweimal pro Jahrzehnt). Aber meistens wird die Hardcoreversion der Quarters-Defense eh erst ab 60sek vor Halbzeit oder Spielende gespielt, wenn man sich nur ja keine Hail Mary mehr einfangen will, weil man grad 7 Punkte vorn liegt.

Cover-6 und Cover-7

Es gibt noch weitere Versionen wie Cover-6 oder Cover-7 (letzteres als Spezialvariante von Cover-1). Cover-6 ist ein System, das Dick LeBeau ganz gerne spielen lässt, aber es braucht spezielle Spieler. Es ist ein Thema für einen anderen Tag, daher nur ganz kurz: Cover-6 richtet sich weniger am Gegner aus, sondern mehr danach, wo der Ball beim Snap liegt (linke oder rechte Hash Mark). Die breite Seite der Defense spielt Cover-4, die schmale Spielfeldseite spielt Cover-2. Das maximiert auf jeder Spielfeldseite die Stärken der jeweiligen Coverage, aber entblößt auch umso stärker die Schwachpunkte. Ohne einen sensationellen Safety biste damit verloren.