Washington Harassers

Die seit Tagen angekündigte Bombe in Washington ist gestern am späten Abend geplatzt. Die Washington Post hat in einem mittlerweile frei zugänglichen Artikel („From Dreamjob to nightmare – 15 women accuse then-Redskins employees of sexual harassment“) detailliert die Kultur der sexuellen Belästigung in der Footballfranchise, die ehemals als Redskins bekannt war, aufgezeichnet. Weiterlesen

Der neue Weg der Washington Redskins

Die Washington Redskins haben vergangene Woche ihren neuen General Manager vorgestellt, und es ist ein Mann, bei dem das Prädikat „interessant“ ein Understatement sein dürfte: Scot McCloughan, ein Mann, der die Geister scheidet. Weiterlesen

NFL-Franchises im Kurzporträt, #7: Washington Redskins

Rückständig, stolz, gesichtslos, profitabel: Die Redskins waren und sind ein Team der Widersprüche und die Widersprüchlichkeit hat noch kein Ende genommen. Aber lesen Sie selbst.

Bis 1945: Erfolge und Debakel

1932 als Boston Braves gegründet, zogen die Braves (ab Jahr zwei bitteschön: Redskins) 1937 in die Hauptstadt um und waren fortan die Washington Redskins, die sich in den ersten Jahren unter QB/P/Verteidiger Sammy Baugh einen Namen als alljährlicher Titelkandidat machten: Zwei Titelgewinne, aber auch die verheerendste Finalniederlage ever: 0-73 gegen die Chicago Bears 1940. Bis heute „unerreicht“.

Die Rassisten – oder?

Die Redskins waren danach unter dem eigenwilligen Owner George Preston Marshall eine außerordentlich stolze, ambitionierte Mannschaft, die um jeden Preis Erfolge haben wollte. Marshall lachte sich eine Reihe höchst bekannter Coaches an (u.a. Lambeau und Lombardi) – alle floppten. Kann jemand eine Parallele zu Dan Snyder erkennen?

Marshall war aber noch schlimmer: Zwar ließ er die Umbenennung des neuen Stadions in D.C. nach dem Demokraten Robert F. Kennedy zu, aber Marshall war Rassist durch und durch und weigerte sich fast bis zum Ende seine Regentschaft Ende der 60er, einen schwarzen Spieler einzukaufen.

Es folgten 70er mit einer Superbowl-Teilnahme, aber ansonsten eher Graues. Bis der Mehrheitseigentümer Jack Kent Cooke endlich beschloss, auch operativ tätig zu werden. Cooke installierte recht schnell den OffCoord der Chargers: Joe Gibbs.

Die Dekade des Erfolgs

Gibbs, der Mann mit der hellen Stimme, machte sich schnell einen Namen damit, gesichtslose Mannschaften ohne Franchise-Quarterbacks zu Topmannschaften zu coachen. Aufbauend auf dominanten Offensive Lines („The Hogs“) waren die Redskins eine Macht, der schwer beizukommen war, selbst in einer Division mit dem großartigsten aller Pass Rusher, OLB Lawrence Taylor (Giants).

Gibbs holte sich (neben einer Endspielniederlage 1983) drei Superbowls (1982, 1987, 1991) mit drei verschiedenen Quarterbacks: Joe Theisman, Doug Williams und dem Kanadier Mark Rypien.

Bizarr: Williams war der erste schwarze QB, der die Super Bowl holte – für die Franchise, die einst als letzte schwarze Spieler akzeptiert hatte. Rypien war der erste ausländische QB mit Ring am Finger – in der Hauptstadt der ultrapatriotischen US-Nation. Stars der Mannschaft über die Jahre waren aber nicht die QBs, sondern WR Art Monk und CB Darrell Green.

Nach dem Abschied Gibbs‘ in Richtung NASCAR ging es abwärts und die Redskins waren abseits des Spielfelds in den Schlagzeilen. Man buhte den jungen QB Heath Shuler gnadenlos zurück nach Carolina.

Skandal! Beleidigung! Richter!

Noch wüster: Die amerikanische Unsitte, aus alles und jedem eine Klage konstruieren zu müssen, um aus nichts Profit schlagen zu können, sorgte für lange Prozesse der amerikanischen Ureinwohner („Indianer“) gegen Name, Logo und Farben der Redskins („Rothäute“). Nichts gegen Minderheitenschutz (ich bin selbst Teil einer Minderheit), aber sowas ist, nun ja, etwas sehr peinlich.

Auch, weil a) die „Indianer“ fast 60 Jahre warteten mit der Klage und fast 25 Jahre nach der offiziellen Patentierung, was schalen Beigeschmack hinterlässt und b) die Mehrheit der Minderheit gar nicht hinter dem Aufsehen stand: 91% der Indianer finden „Redskins“ abkeptabel. Richtiger Entscheid: Abweisung der Klage. Zu lange mit der Profitgier gewartet.

Die unsägliche Ära Dan Snyder

Seit Dan Snyder Ende der 90er Owner der Redskins ist, hat sich der Unternehmenswert der Redskins verixfacht. Allein: Sportlich ist davon wenig zu merken. Man kriecht seit gefühlten Ewigkeiten im unteren NFL-Drittel, nicht zuletzt auch, weil Snyder viel zu ungeduldig ist und sich häufig in die personellen Entscheidungen einmischte. Snyder kaufte gerne teure und lernresistente Stars ein, die ihre Verträge mit nach Hause nahmen und den eigenen Rookies den Platz wegnahmen.

Selbst der reaktivierte Joe Gibbs konnte die Redskins nicht entscheidend nach vorne entwickeln und mittlerweile ist man beim alten Broncos-Superbowlsieger Mike Shanahan angelangt, dessen erste Monate auch nicht das allergrößte Versprechen waren.

Was mich hoffnungsfroh stimmen würde: Snyder kümmert sich nun weniger um das Tagesgeschäft.

Das Stadion

Redskins Stadium

FedEx Field (90.000 Plätze) ist das größte Stadion der NFL. Und eines der seelenlosesten. Gelegen ist es draußen in Landover/Maryland, nicht mal in D.C. Zum Stadion hin führt eine U-Bahn und wer mit dem Auto anreist, riskiert, drei Stunden im Stau stecken zu bleiben. Vor dem Stadion angelangt, sollte man sich vorsehen, um nicht wahlweise niedergeschossen oder -geknüppelt zu werden: FedEx Field liegt in einer sehr unguten Umgebung.

Putzig: Die Farbkombination zwischen den rot-gelben Rängen und dem hellgrün-lila von Sponsor FedEx. Alles in allem ein eher verunglücktes Stadion an einem unglücklichen Ort, würde ich sagen.

Rivalitäten

Die Rivalität zwischen Redskins und Dallas Cowboys ist so alt und so intensiv, auch in sportlich nicht allzu wichtigen Spielen, dass im Zuge der Neusortierung der Divisionen 2002 hinsichtlich der Geographie eine Ausnahme gemacht wurde: Dallas, das auf der Landkarte mehr West denn Ost ist, blieb in der AFC East, um weiterhin 2x/Jahr gegen die Redskins spielen zu können. Ursprung der Rivalität: Skins-Owner Harrison wollte einst um jeden Preis die Gründung der Cowboys verhindern, da er mit seinen stolzen Rothäuptern allein den „Süden der NFL“ repräsentieren wollte. Kleinkarierte Denke mit dem Resultat: Gründung Cowboys, hitzige Feindschaft.

Ansonsten sind es natürlich die anderen beiden NFC-East-Gegner Philadelphia und NY Giants, gegen die man in Washington immer ganz besonders gerne spielt. Lokalrivale wäre Baltimore, aber gegen die Ravens spielt man nur einmal alle vier Jahre.

Gesichter der Franchise

  • Joe Gibbs – Head Coach und dreifacher Superbowl-Champion. Machte aus gesichtslosen Mannschaften ohne große Stars schier unschlagbare Mannschaften und gilt deswegen als einer der besten Coaches überhaupt.
  • Sammy Baugh – Punter, Quarterback, Abwehrspieler in Personalunion und bis heute der einzige Spieler, der in einer Saison die meisten Yards im Passspiel und Punten hatte, sowie auch noch die meisten Interceptions.
  • Darrell Green – CB, von 1983 bis 2000 17 Jahre lang auf hohem Niveau unterwegs und zweimal Superbowl-Champ.

korsakoffs Highlight

Ist es möglich, dass diese Rubrik leer bleibt? Bis auf ein 7-52 gegen New England vor ein paar Jahren haben die Redskins noch nicht Denkwürdiges produziert. Und mit „7-52“ möchte man ja nicht wirklich in Erinnerung bleiben.

Eckdaten

Gegründet: 1932 als Boston Braves
Besitzer: Dan Snyder (Finanzhai)
Division: NFC East
Erfolge: Superbowl-Champ 1982, 1987, 1991, Superbowl-Niederlage 1972, 1983, dazu NFL-Champ 1937, 1942, 23x Playoffs (23-18) – Stand 2013

Washington Redskins in der Sezierstunde

Voran meine grandiose Saison-Prognose:

Ich traue Washington 2010 durchaus die Playoffs zu, selbst in der schwierigen NFC East. Wenn Snyder die Klappe hält und seine Coaches machen lässt, wenn die Defense so weiter spielt und die Offense unter Shanahan/McNabb den Erwartungen gerecht wird, sind die Redskins für mich sogar Favorit in dieser Division.

Ich werde mich an der Stelle nicht auf das Wörtchen „wenn“ hinausreden. Die Prognose steht neben meinen Schuhen – so geht es, wenn man aus blanker Not, nachher als Genie dazustehen – den Risikotipp rausposaunt.

Wobei: Im Prinzip war alles gegeben. Neuer Headcoach mit Sachverstand, ein eigenhändig mundtot gemachter Owner und ein hochkarätiger, neuer Quarterback. Sogar die NFC East erwies sich als erwarteter Rohrkrepierer.

Trotzdem war Washington am Ende mit 6-10 Tabellenletzter. Frage: Wie waren die Probleme gelagert?

Antwort: Vielschichtig.

Mike Shanahan

Mike Shanahan - ©Flickr

Mike Shanahan machte von Beginn an einen auf Disziplin-Nazi und vergraulte damit den faulen und überbezahlten DT Albert Haynesworth. Im Lauf der Saison verärgerte Shanahan dann auch noch QB Donovan McNabb, indem er ihn mehrfach öffentlich demontierte.

Sportlich war Washingtons Offense hilfloser als erwartet, weil das Laufspiel schnell kollabierte und McNabb nicht dauerhaft in der Lage war, das Problem zu übertünchen. Das 16-13 (OT) gegen die Packers Anfang Oktober ist mir dabei im Gedächtnis geblieben: Trotz Sieg eine extrem maue Vorstellung, weil das Laufspiel in all seinen Facetten abgewürgt war.

Weil es immer noch schlechter geht, bitteschön – die Defensiv-Statistiken: DVOA #25 overall, #18 Lauf, #27 Pass. In absoluten Zahlen: #31 overall, #26 Lauf, #31 Pass. Schande der Saison war natürlich die desaströse Heimschlappe gegen Vicks Eagles Mitte November (mit 59 kassierten Punkten noch gut bedient).

Was tun?

Zuerst: Eine Umstellung auf eine 3-4 Defense ist bekanntlich nicht einfach, und nachdem Haynesworth sich unfähig zeigte, den Nose Tackle zu spielen, war das System erstmal fürn Arsch. Für Shanahan muss die oberallererste Priorität lauten: Passende Spieler für die Systemumstellung einkaufen. Shanahan scheint auch über diesen Weg seine Defense in den Griff bekommen zu wollen, denn der Trainerstab blieb unangetastet.

Wichtigste Positionen dabei IMHO: Nose Tackle, Pass Rusher (Hey, alle wollen Pass Rusher!), Cornerbacks (aufgrund vieler auslaufender Verträge ist die Position arg dünn besetzt).

Gute Nose Tackles sind schwer zu finden, aber ich glaube kaum, dass der eigensinnige Shanahan nochmal mit Haynesworth probieren wird. Pass Rusher sollte dagegen weniger ein Problem darstellen – der Jahrgang gilt im Draft als reich bestückt. In der Secondary ist mit O.J. Atogwe schon ein guter Safety eingekauft worden, die Cornerbacks (Buchanon, Rogers) sollten nach Bedarf gehalten werden.

Problematischer ist die Offense: QB McNabb ist in Landover vermutlich verbrannt. Ob Shanahan wirklich mit REX GROSSMAN die Saison bestreiten wird? Und: Wo sind die Abnehmer für des Quarterbacks Pässe?

Es könnte auch einen Running Back brauchen – Clinton Portis ist raus. Shanahan war in der Vergangenheit dafür bekannt, No Names zu Top-Running Backs zu machen. Ryan Torain war über Phasen auch so einer. Aber eben nur über Phasen.

Draftpick #10

Die Redskins sind zur Zeit sowas wie das dark horse an der #10 im Draft – gesegnet damit, alle Optionen offen zu haben: Einer der fünftausenvierhundertsechsundsechzig Quarterbacks wird auf alle Fälle frei sein, vermutlich auch einer der beiden Top-WRs (Julio Jones, A.J. Green), die beide den Skins gut zu Gesicht stünden. Ein Trade nach unten sollte ebenso eine Option sein wie ein Trade hinauf.

Der Gedanke, einen QB zu draften, sollte nicht ganz abgewiesen werden. Locker, Gabbert und vor allem Newton – drei mobile Quarterbacks, die den Ball ein paar Dutzend Yards das Spielfeld hinunter jagen können. Wie war datt nochmal mit den Elways, Plummers und Cutlers dieser Welt?

Sollte Washington sein Auge auf einen speziellen der drei werfen, könnte ein Trade in eine bessere Draftposition von Nöten sein. Sollte kein CBA bis zum Draft unterzeichnet werden, kann man allerdings keinen McNabb als Handelsware einsetzen…

Ausblick

Ich bin einigermaßen schockiert über die gezeigten Leistungen der Redskins. Ich hatte die Mannschaft deutlich „runder“ erwartet – aber die Defensivumstellung war wohl ärger als erwartet und wenn dein Laufspiel so abschmiert, ist „6-10“ vorprogrammiert.

Da die Löcher eher breit gestreut sind und aktuell schwer vorhersehbar ist, in welche Richtung die größten Bemühungen angestrengt werden, ist eine Prognose schwierig. Schwer vorstellbar, dass Grossman der QB #1 sein wird oder dass McNabb noch einen Funzen Bock auf Shanahan hat, von daher ist QB in Runde 1 vielleicht wirklich am wahrscheinlichsten.

Cam Newton-Show in Landover?

Weitere „Sezierstunde“-Ausgaben gibt es hier.