Glaskugel 2013: San Diego Chargers

Nach sechs Jahren Norv Turner ging in San Diego eine Was-wäre-nur-gewesen-wenn-Ära zu Ende wie es nur wenige Was-wäre-nur-gewesen-wenn-Ären gegeben hat. In ehernem Gedenken daher mit einer etwas größeren Ausholbewegung der Griff zur Glaskugel 2013.

Die San Diego Chargers unter Norv Turner haben sich ausgezeichnet durch eine einzigartige Unbeständigkeit. Höhen und Tiefen sind bei jedem NFL-Team normal; hohe Kantersiege und überraschend hohe Schlappen gehören bei jedem Team dazu, einfach weil manchmal sehr wenige (big) plays wie Interceptions oder Special-Teams-Touchdowns schnell aus einem engen Spiel einen scheinbaren blowout machen.

Allein: bei den Chargers umschlich in den letzten Jahren selbst wohlgesonnen Beobachtern manchmal das Gefühl, sie litten unter gefährlichem Konzentrationsmangel infolge zuviel Sonne und einem Überangebot an hübschen Mädchen am Pazifikstrand.

2007 – 2009

Stats 2012

record: 7-9
no playoffs
Pythagorean: 8.0 (16)
DVOA O -10,1% (24)
DVOA D: 2,0% (18)
Sezierstunde korsakoff

Es fing 2007 unter Turner noch richtig stark an: nur die Patriots waren im AFC Championship Game besser. Eine Saison später rieb man sich das erste Mal verwundert die Augen, als Ende November 8 Niederlagen nur 4 Siege gegenüberstehen. Machte aber nix: kurz mal am Riemen gerissen und 160 Punkten in den letzten vier Spielen später war man selbst in den Playoffs und nebenbei Tampas Jon Gruden und Denvers Mike Shanahan in die Arbeitslosigkeit befördert. Mit högschter Konzentration wurden dann sogar Peyton Mannings Colts bezwungen, bevor nur der spätere Super-Bowl-Champion aus Pittsburgh die Sunnyboys in den Schatten stellte.

2009: wieder lausiger Start (2-3), dann aber 11 Siege in Folge mit phantastischer Offense. In den Playoffs folgte aber direkt eine Niederlage gegen die damals noch gefürchtete Rex-Ryan-/Mark-Sanchez-Combo. Es sollte ihr letztes Playoffspiel unter Turner sein

2010 – 2012

Im Jahr darauf stellen Turners Chargers Rekorde für die Ewigkeit auf: Offense und Defense sind nach Yards die besten der Liga – und man verpaßt die Playoffs; die Chargers setzten 74 verschieden Spieler ein; vier Punts werden geblockt und drei Kickoffs läßt man zu Touchdowns zurücktragen.

SD unter Turner

– 2007-2012
– nach erzielten Punkten
immer in den Top5 –
außer 2012 (20.)
– nur einmal negative
Saisonbilanz: 2012

In der Spielzeit 2011 startet San Diego überraschend konzentriert mit vier Siegen in den ersten fünf Spielen – dafür kommt der nächste Sieg dann erst wieder im Dezember, als mit einer 4-7-Bilanz kaum noch Chancen auf die Playoffs bestehen.

Die signature games der letzten Saison waren schließlich das erste Aufeinandertreffen mit den Broncos und das Spiel gegen den späteren Champion aus Baltimore. Gegen Mannings Broncos führt San Diego zur Halbzeit 24-0 – und verliert in der zweiten Hälfte bei sechs Drives fünf Mal den Ball und die Partie 24-35. Baltimore verwandelt kurz vor Schluß einen 4th&29 (in Worten vierter Versuch und neunundzwanwzig Yards zu gehen), rettet sich so in die Verlängerung und gewinnt letztendlich.

What a ride.

Der neue Head Coach Mike McCoy findet nun einen Kader vor, dem es auf wichtigen Positionen in der Offense an Tiefe fehlt; und auf wichtigen Positionen in der Defense an impact players.

Offense

Es ist nur schwer vorstellbar, daß der Angriff besser sein könnte, als letztes Jahr. So madig man auch Quarterback Philip Rivers ob seiner 35 Interceptions in den letzten beiden Jahren machen mag – er kannte Turners Offense aus dem Effeff, fühlte sich in ihr wohl und hatte einige ganz starke Jahre. Jetzt muß er sich in einem neuen System zurechtfinden.

McCoys QBs

2007 Vinny Testaverde
2008 Jake Delhomme
2009 Kyle Orton
2010 Kyle Orton
2011 Tim Tebow
2012 Peyton Manning

Wie das aussehen wird, ist schwer zu prognostizieren. Head Coach McCoy hat lange Jahre unter der Run-First-Old-School-Combo John Fox und Jeff Davidson in Carolina gelernt; dann mit Josh McDaniels aus Kyle Orton einen Quarterback gemacht, der jetzt $5 Millionen als backup verdient; nur kurze Zeit später einen Steinzeitangriff mit Tim Tebow auf die Beine gestellt; bevor Tebow von Peyton Manning ersetzt wurde und McCoy nur noch dessen Assistent war.

Als Offensive Coordinator hat sich McCoy Arizonas Ex-Head-Coach Ken Whisenhunt nach Kalifornien geholt. Die offensive Philosophie wird wohl, vage gesprochen, eher Richtung paßlastig gehen. Zumal das Laufspiel 2012 auch katastrophal war.

Laufspiel und Offensive Line

Der ehemalige 1st-rd pick Ryan Matthews kämpft konstant mit Verletzungs- und Fumblesorgen. Sein backup ist Ronnie “ich-bin-31-Jahre-alt-und-immer-noch-NFL-Running-Back” Brown. Immerhin haben die Chargers jetzt, Jahre zu spät, endlich einen Ersatz für Darren Sproles gefunden. Mit Danny Woodhead kommt aus New England einen quicker space player, der, vielseitig einsetzbar, ein hervorragender 3rd-down-back ist.

Das größte Problem für das Laufspiel war aber die Offensive Line. Hier hat vor allem die Tiefe gefehlt. Die vielen Verletzungen sind natürlich einfach nur großes Pech, aber die backups waren dermaßen unterirdisch, daß Rivers und Matthews wohl keine Krankenversicherung gefunden hätten, die sich dieses Risiko antäte. Aber wenn ein völligst überforderter ungedrafteter Rookie wie Mike Harris der Ersatz des Lazaret-Dauergastes Jared Gaither ist, hat der GM etwas falsch gemacht.

Wie sehr der gesamten Offensive Line Tiefe fehlt, erkennt man daran, daß der nach der Saison 2012 gefeuerte GM A.J. Smith seit 2007 keinen 1st- oder 2nd-rd pick in einen Linienspieler investiert hat und nur einen 3-rd- und einen 4th-rd pick. Diese beiden sind jetzt auch noch weg. Bei Ty Green ist das nicht weiter tragisch, aber Louis Vasquez ist ein Verlust. Auf den Guard-Positionen tummeln sich nur no-Names.

Der diesjährige 1st-rounder wurde in Alabamas Offensive Tackle D.J. Fluker investiert. Er sollte sofort starten, sind doch seine Konkurrenten die unauffälig Handelsreisenden Max Starks (ehemals Pittsburgh) und der riesige, aber recht hüftsteife King Dunlap. Wenn fit, sollten man aus diesen Dreien ein halbwegs taugliches Tackle-Duo machen können. Allerdings sind Dunlap und Starks arbeitslos geworden, weil sie eher selten voll fit waren.

Wide Receivers und Rivers

Einige wahre Juwelen hingegen könnten bei den WRs zu finden sein. Nach vielen Verletzungen hat Danario Alexander ab November auf sich aufmerksam gemacht. Er ist groß und kräftig und hat seine Stärken after the catch. Daneben sorgt Vincent Brown für allerhand vorzeitige Aufregung. Ihm wird enormes Talent nachgesagt; die letzte Saison hat er wegen eines gebrochenen Knöchels gefehlt. Da wird sich Veteran Malcolm Floyd strecken müssen, seinen Stammplatz zu behalten.

Mit dem neuen System von McCoy und Whisenhunt sollte auch Eddie Royal seine Stärken im Slot ausspielen können. Es soll wohl mehr auf kurze, schnelle Pässen gesetzt werden. Richtig groß raus kommen könnte Royal, wenn Tight End Antonio Gates noch eine starke Saison im Tank hätte. Mit zunehmendem Alter (33) und immer mehr Wehwechen ist er nurmehr ein Schatten seiner selbst. 2-Meter-Mann Ladarius Green als Paßfänger und Neuzugang John Philipps als Blocker sollen sich daneben gegenseitig und auch Gates die Snaps streitig machen.

Bleibt noch Quarterback Philip Rivers. Rivers, der den Football wirft wie ein betrunkener Kugelstoßer, war bis mindestens Anfang Saison 2011 unbestritten ein Top-10 Quarterback. Nach 20 INTs 2011 und nichtmal 4000 Yards 2012 ist angeblich nicht einmal ausgeschlossen, daß die Chargers in der nächsten Draft einen neuen QB suchen. Das Talent hat Rivers zweifellos, aber am jetzigen Scheideweg seiner Karriere muß er richtig abbiegen.

Defense

Was Smith bei der Offensive Line falsch gemacht hat, hat er auf der anderen Seite goldrichtig gemacht. Mit Kendall Ryes, Core Liuget (34-DEs) und Cam Thomas (NT) versammelt sich hier eine ganz starke und junge Linie. Wenn Melvin Ingram sich nicht im Frühling das Kreuzband gerissen hätte, wär sogar noch ein passabler pass rusher mit an Board.

Dahinter spielen zwei ebenso junge und talentierte ILB: Donald Butler und Manti Te´o. Bei den OLB finden man dann die ersten Vertreter der Generation Ü25. Dwight Freeney und Jarret Johnson haben als einzige ernsthafte Konkurrenz Denvers ehemaligen 1st-rd bust Larry English im Nacken. Hier ist die Besetzung deutlich zu dünn. Reyes und Liuget sind zwar auch gute pass rusher; aber einen richtigen edge rusher braucht es schon. Das war aber Johnson noch nie und Freeney nicht mehr.

Die Secondary

Schedule

WK1 vs HOU (MNF)
Wk2 @ PHI
Wk3 @ TEN
Wk4 vs DAL
Wk5 @ OAK
Wk6 vs IND (MNF)
Wk7 @ JAX
Wk8 BYE
Wk9 @ WAS
Wk10 vs DEN
Wk11 @ MIA
Wk12 @ KC
Wk13 vs CIN
Wk14 vs NYG
Wk15 @ DEN (TNF)
Wk16 vs OAK
Wk17 vs KC

Eric Weddle, der auch erst 28 ist, führt die Secondary an und wird gemeinhin als bester Free Safety der Liga gepriesen. Neben ihm wird es dann richtig jung. Sophmore Brandon Taylor (3rd-rd pick 2012) wird wahrscheinlich den anderen Safety geben.

Marcus Gilchrist (2nd-rd pick 2011), der im Slot ganz anständig aussah, wird nach den Abgängen der beiden langjährigen Starter an den Seitenlinien Quentin Jammer und Antoine Cason der Nr.1 corner sein. Auf der anderen Seite wird wahrscheinlich der lange Derek Cox spielen, der immerhin vier Jahre Stammspieler war – wenn auch nur in Jacksonville. Um den Platz im Slot streiten sich Shareece Wright (3rd-rd pick 2011) und Johnny Patrick, der ebenfalls 2011 in der dritten Runde gedraftet wurde, aber schon nach zwei Jahren in New Orleans´ secondary keine Zukunft mehr hatte.

San Diegos Defense hat also vor allem viel junges Blut. Wenn ILB Donald Butler, der sehr gute Ansätze gezeigt hat, einen weiteren Schritt nach vorne machen kann und/oder Te´o einschlägt, sind in allen drei levels difference makers am Start. Da John Pagano als Defensive Coordinator gehalten wurde, muß kein neues System einstudiert werden, was der Verteidigung zu Gute kommen sollte.

Ausblick

Den personellen Umbruch, der in den letzten Jahren so mustergültig auf der defensive Seite eingeleitet wurde, hat man auf der anderen Seite leider verschlafen. Sollten die WRs Brown und Alexander richtig steil aus der Kurve kommen, Rivers sich gut zurecht finden in dem neuen System und die Offensive-Tackle-Position nach der katastrophalen letzten Saison stabilisiert werden können, kann der Angriff ganz gut werden.

Und wenn die neuen Cornerbacks nicht baden gehen und Pagano irgendwie auch noch einen vernünftigen Pass Rush herzaubert, sieht auch die Defense gut aus. Einige Wenns sind also dabei. Laufen zwei, drei dieser Wenns falsch, ist das ein 5-11-Team. Andernfalls können die Chargers bis zum Schluß um die Playoffs mitspielen, zumal in einer Division mit Kansas City und Oakland.

Preview Divisional Playoffs – Texans@Patriots

[Sonntag, 22.30Uhr auf ESPN America, Sport1+ und Puls4; kommentiert (über CBS) von Jim Nantz und Phil Simms.]

Statt einer ausführlichen Vorschau, die kommt am Wochenende noch von korsakoff, konzentriere ich mich hier auf drei match-ups, die am Sonntag entscheidend werden könnten.

Patriots LBs vs Texans TEs

Cincinnatis Defense hat letzte Woche gegen Houston größtenteils sehr gut ausgesehen. Vor allem die Defensive Line und die Secondary haben den Texanern das Leben sehr schwer gemacht. Houstons Rettungsanker waren die fürchterlichen Linebackers. Ray Maualuga sah zeitweise aus wie Weiterlesen

Notizblock NFL Woche 11 – MNF Chiefs/Patriots

Kansas City Chiefs (4-5) @ New England Patriots (6-3) [Gamecenter] [Gamebook]

[inactives: DE Glenn Dorsey; S Pat Chung, CB Devin McCourtey, LB Brandon Spikes]

– wie jede Woche hat Belichick seine Secondary durch die Zauberkugel geschickt und diesesmal kommen als Starter aufs Feld: Julian Edelman (Really. Als Nickelback), CB Kyle Arrington, CB Antwaun Molden, S James Ihedigbo, S Sterling Moore

QB Tyler Palko macht mit 28 Jahren seinen ersten NFL start; er hat 30 NFL Snaps und wurde sogar in der UFL und CFL gecuttet

– als im zweiten Drive auch noch S Ihedgibo verletzt an der Seite steht, laufen die Chiefs No-Huddle-Offense und die Pats wissen gar nicht, wo sie stehen sollen

– Q1/1:30: nach einem mit Wildcat- und QB-Draw garnierten No-Huddle-Drive machen die Chiefs mit einem FG die ersten Punkte 3-0

– und im Anschluß versuchen die Chiefs einen Onside Kick, der aber nicht erfolgreich ist

Nate Solder spielt wie schon so oft in dieser Saison als TE und FB

– Q2/14:49 Wallace Gilberry sackt Brady von hinten, der sich komischerweise sicher fühlte, KC sichert den Fumble; das ist das vierte Spiel in Folge mit einem Fumble von Brady

– Q2/10:07 der dritte Sack gegen Brady; diesesmal läuft Tamba Hali problemlos an Vollmer vorbei; die OLine sieht bis jetzt richtig schlecht aus, vor allem RT Vollmer, C Conolly und LG Mankins

DE Andre Carter macht bis jetzt schon wieder ein unglaubliches Spiel gegen Paß und Lauf

– Tyler Palko ist ziemlich mutig und die Chiefs haben auch Vertrauen in ihn, er hat offensichtlich einen „richtigen“ Gameplan und das volle Playbook; nicht nur Screens und andere kurze Pässe, wie man es sonst bei unerfahrenen QBs sieht

– Q2/7:36: DB Edelman gets off a block und macht einen wichtigen Tackle on 3rd Down

– Q2/4:18: aus irgendeinem Grund verteidigt niemand TE Gronkowski und diese Woche müssen die Pats nicht mal in die Redzone, damit Gronk seinen obligatorischen TD macht; das ist wirklich dumm von den Chiefs, sie haben das bis jetzt sehr gut verteidigt, machen aber diesen einen Risenfehler und liegen 3-7 hinten; 52-Yd-TD; in der Wiederholung siehts aus, als hätte LB Johnson ihn einfach aus den Augen verloren, was ziemlich schwierig ist, wenn man jemanden verteidigen soll, der fast 2 Meter groß und ligaweit als Go-to-guy bekannt ist

– Q2/2:01: nach mehreren guten Pässen von Palko wirft er einen etwas ungenauen Ball, den WR Breaston nicht fetshalten kann und von Arrington  intercepted wird

– im folgenden Pats-Drive sitzt auch noch Backup Dan Conolly verletzt draußen und Ryan Wendell spielt Center

RB Woodhead mit viel Raumgewinn bei zwei Läufen und einem Paß, FG NE 10-3 kurz vor dem Pfiff zur Halbzeit

– Kansas City hat tatsächlich besser als New England gespielt, aber wegen zwei dummen Fehler (Gronk-TD und INT) liegen sie 3-10 hinten

Zweite Halbzeit

– zu Beginn der zweiten Hälfte spielt New Englands OLine viel besser, vor allem im Laufspiel; NE läuft und läuft und läuft und dann in der Redzone ignoriert Gronkowski einfach zwei Tackleversuche und springt in die Endzone 17-3 Q3/10:27

– Q3/9:24 WR/CB/PR Edelman macht aus dem Punt nach KCs 3&out einen Devin-Hester-Erlebnis und ganz plötzlich steht es 24-3

– Q3/4:47: Arrington fängt schon wieder einen abgefälschten Ball ab und führt die NFL jetzt mit 7 INT an- game over

– in der zweiten Halbzeit laufen die Patriots nur noch; meistens aus ihrem 2-TE-set mit Gronkowski und Solder; ab und zu wird mal ein play-action Paß eingestreut und zum Ende des dritten Viertels stehts nach Ghostkowskis zweiten FG 27-3

– die DEs Andre Carter und Mark Anderson machen mal wieder ganz starke Spiele

– Q4/10:50: Palko hat ganz anständig gespielt und auch in diesem Drive KC wieder in die RZ geführt und dann passiert wieder einer dieser Fehler mit total überflüssiger Interception zu Phillip Adams in der Endzone

– WR Deion Branch ist bis jetzt der einzige Pats-WR der einen Ball gefangen hat, 0 Catches für Welker, Price, Edelman und Ochocinco

– Rookie OT Marcus Cannon macht sein erstes Spiel in dieser Saison nach seiner Chemotherapie, nachdem Matt Light verletzt rausgeht

– Rookie RB Shane Vereen darf im vierten Viertel auch endlich mal spielen, aber warum zur Hölle ist Tom Brady noch im Spiel?

Letztendlich haben sich die Chiefs das Spiel selber kaputt gemacht. Erst Strafen in der Redzone, dann zwei dumme Fehler, die zu zehn Punkte geführt haben und als Highlight der Beginn der zweiten Hälfte: erst überrannt von New England und dann den Punt Return. Ganz gut gespielt, Ergebnis 3-24. Das ist Clever&Smart gegen Dumm&Dümmer. Wie auch schon letzte Woche gegen die Jets ist New Englands Ergebnis viel zu hoch ausgefallen und täuscht über die vielen Schwächen in der Defense und auch in der Offense (!) hinweg.

Notizblock NFL Woche 10 Patriots/Jets

New England Patriots (5-3) @ New York Jets (5-3) [Gamecenter] [Gamebook]

Patriots Offense / Jets Defense

– RT Vollmer hat jetzt wohl endgültig seinen Startplatz zurück, nachdem in den letzten Wochen nach der Verletzungspause auch mal mit Solder rotiert worden war; Solder spielt dafür wieder den dritten TE

– Q1/8:10: 50-Yd-FG Ghostkowski; nach Pässen zu TE Gronkowski, TE Hernandez und WR Ochocino wirft Brady eine INT zu CB Kyle Wilson, die dieser aber nicht festhalten kann; Brady sieht wieder so schlecht aus wie in den letzten zwei, drei Wochen

– was ist denn mit Ochocino passiert? gleich der nächste Catch, dieses Mal für 53 Yards – nachdem er Darrelle Revis stehenläßt; Q1/2:31: anschließend ist RB Woodhead offen in der Endzone und Brady wirft wieder einen von seinen Mark-Sanchez-Pässe; irgendwas stimmt mit Brady nicht, jetzt im vierten Spiel in Folge; keine Accuracy  und mangelndes Timing, wie ich es von ihm noch nie gesehen habe

– Anfang Q2: jetzt schon das dritte Mal, daß in der Jets-D große Verwirrung herrscht und keiner so recht weiß, wo er sich aufstellen soll, Ergebnis: zwei 1st Downs und eine verschenkte Auszeit

– nach seinen Accuracy-Probleme klappt jetzt nicht mal der Center-QB-Exchange, Safety, 6-2 New England

– die Jets bringen fast ausschließlich drei oder vier Pass Rusher; Revis ist überragend gegen Welker

– Brady nach dem TD der Jets mit gutem 2-min-drive, immerhin das funktioniert noch; und am Ende kann niemand in der Redzone Gronkowski verteidigen; das ist der 15te Redzone-TD in anderthalb Saison für den 1,95m-Typen; 13-9 zur Halbzeit

– nach dem zweiten 3&out zum Start der zweiten Hälfte bekommt die Pats-O Hilfe von den Special Teams; Joe McKnight kann den Punt nicht fangen und Koutuvides recovered an NYJ18, Brady entkommt 3 Jets-Verteidigern und „looks like a finalist on Dancing With The Stars“ (Al Michaels) und natürlich macht Gronkowski den TD; äh, doch nicht, Gronk stand vorher im Aus, FG statt TD 16-9 New England (Q3/9:55)

– Q3/4:44: jetzt gehts Schlag auf Schlag: nach dem Fumble und der Interception überfordert Brady die Jets mit seiner No-Huddle-Offense und sieht endlich wieder aus wie der Alte; und jetzt macht Gronk auch tatsächlich seinen TD, 23-9 NE

– ich glaub, die Jets haben nicht einen Snap mit weniger als 5 DBs gespielt und die Run-D sieht trotzdem richtig gut aus, bis dann im vierten Viertel die No-Huddle-Offense Wirkung zeigt und die Verteidiger zunehmend ausgelaugter sind; die Pats in der zweiten Hälfte auch viel öfter mit Trips-Formationen um die Mann-Mann-Verteidigung zu kontern; nach 13 Plays und 84 Yards macht WR Branch dann den TD gegen Kyle Wilson und Brady ist auch ganz augenscheinlich wieder einer der besten QBs der Liga; 30-16 (Q4/8:05); direkt im Anschluß fängt Ninkovich noch eine Interception und spaziert in die Endzone 37-16 game over

Jets Offense / Patriots Defense

– Q1/11:38 die Jets fangen an wie die Feuerwehr, QB Sanchez zerlegt die Patchwork-Secondary der Pats – und dann vergibt K Folk ein 24-Yd-FG-Versuch

– Rookie Sterling Moore spielt als Safety durch durch (Pat Chung ist verletzt, Josh Barrett auf IR); die Spielzeit der verletzten LB Gary Guyton und Brandon Spikes teilen sich Tracy White und Jeff Tarpinian. Moore, White und Tarpinian waren undrafted, genau wie die beiden Starter CB Kyle Arrington und DT Kyle Love. Was will New England eigentlich immer mit den ganzen extra Draft Picks, wenn am Ende nur Free Agents spielen? Hmm…

– im zweiten Drive sieht New Englands D viel besser aus – und Sanchez viel schlechter; die Pats haben sogar sowas wie ´nen Pass Rush

DE Andre Carter mit seinem zweiten Sack im ersten Viertel, dieses mal weil Sanchez seine Protection nicht übersieht

– New England hat jetzt ganz offiziell einen Pass Rush! DE Carter spielt wie Terrell Suggs und auch DE Mark Anderson hat jetzt einen Sack (den er allerdings größtenteils der Coverage zu verdanken hat)

– das Laufspiel der Jets ist gar nicht so schlecht, aber dafür haben Carter/Anderson schon vier Sacks, RT Hunter ist so schlecht wie immer und Sanchez scheint Probleme mit den Protection Calls zu haben (macht eigentlich Sanchez oder C Mangold die Protection Calls, weiß das jemand?)

– Mitte des zweiten Viertels muß CB McCourty mit Schulterverletzung raus; damit hat NE jetzt nur noch drei CBs mit Arrington, Antwaun Molden und Philipp Adams

– die Jets kommen wieder bis in die Redzone und dieses Mal hält die Defense nicht, Sanchez läuft in die EZ zum 9-6

– Q3/7:36: nach den Special Teams hilft jetzt auch die D: LB Ninkovich intercepted einen mehrfach abgefälschten Ball; New England spielt bei ersten und zweiten Versuche fast ausschließlich ihre Base-D und lädt Sanchez ein, die Patchwork-Secondary zu schreddern, der daraus aber kein Kapital schlagen kann

– Q4/14:55: endlich marschieren die Jets mal wieder das Feld runter und Plax macht den Anschluß zum 16-23

New England Patriots in der Sezierstunde

Die Patriots – eines meiner Lieblingsthemen: Eine spannende Mannschaft mit spannendem Coach und einer interessanten, nicht begeisternden, Spielweise. 2010/11 hat ESPN America sagenhafte 12 Spiele in der Regular Season mit den Patriots LIVE übertragen. Das sind 75% der Regular Season. Das liegt zum einen daran, dass die Patriots stets ein Titelanwärter sind. Und zum anderen, dass die Patriots in dieser Saison einen sehr attraktiven, wie auch richtig schwierigen Spielplan bestehen mussten.

Rückwirkend betrachtet liest sich meine im September aufgestellte Prognose gar nicht so übel:

Es sieht irgendwie so aus, als würde Belichick hier eine junge Defense heranzüchten, die in ein bis zwei Jahren wieder Topniveau erreichen kann. Bis dahin muss die Pass-Offense um QB Tom Brady die Gegner outscoren.

Etwas weiter unten, Kommentar #11, schrieb ich:

Für mich sieht es damit danach aus, als würde Belichick auf 2011 oder 2012 spekulieren, um dann mit einer gereiften, dominanten Defense und einem QB Brady sein letztes Halali blasend noch ein- bis zweimal einen Angriff auf den Titel starten und sich dann in Rente begeben.

Wobei ich auch für diese Saison an eine gefährliche Patriots-Mannschaft erwarte. Ich weigere mich, Brady/Belichik aus dem Titelrennen auszuklammern, trotz Baltimore.

QB Tom Brady, Patriots

Tom Brady - ©Wikipedia

Zu dem Zeitpunkt konnte man das Fiasko Moss nur vage vorausahnen. Umso beeindruckender, wie die Patriots nach der Umstellung der Offense funktionierten: Ein paar abgewichste Spiele (Baltimore, San Diego), die mit Glück, Geschick und dreißig Kilo Eiern in der Hose gewonnen wurden, und dann eine zweite Saisonhälfte vom Allerfeinsten. Wie die Patriots gegen Pittsburgh aufs Spielfeld marschierten und ohne Rücksicht auf ihr Laufspiel mit einer Orgie an Kurzpässen zack-zack-zack die beste Defense der NFL zertrümmerten, das war methodischer Offensiv-Football in seiner reinsten Form.

Basis von allem: Eine herausragende Offensive Line, die trotz des zickigen OG Logan Mankins blockte Gegenspieler wie sonst nur die Republikaner Reformen, und QB Tom Brady alle Zeit der Welt gab. Brady konnte sich in Ruhe einen seiner 527 Passempfänger ausgucken – und fand fast immer sein Ziel. Bradys absolute Zahlen sind irre: 3900yds (okay), 36 TDs (sehr, sehr stark), 4 INTs (Bitte neuen Superlativ erfinden).

Im Schlepptau des Pass-Spiels und der O-Line funktionierte auch das Laufspiel, trotz völlig unbekannter Spieler wie Green-Ellis oder Woodhead. Überhaupt Woodhead: Der Mann kann exemplarisch für das System „Bill Belichick“ hingestellt werden. Ein Mann aus dem Gar Nichts, von der Straße aufgeklaubt und so perfekt in ein System eingebaut, dass gegnerische Defenses den flinken Woodhead, den einst keiner wollte, eigens abdecken mussten. Oder halt die Nadelstiche zu spüren bekamen. Wie New England in den letzten Wochen der Regular Season die Wunden der gegnerischen Defenses offenlegte, das hatte was.

Das DVOA für die Patriots-Offense 2010/11 in der Regular Season: 46,1%, ein Wert ohne Worte, besser noch als derjenige der 2007er Patriots, und der beste ever (ich habe nur die letzten 15 Jahre eingespeist) laut Datenbank. Immerhin wurden Defenses wie Pittsburgh, Jets, Chicago, Green Bay oder Minnesota in Grund und Boden gespielt.

Was ist also schief gelaufen?

As expected: Die Defense. Man kann mit dem Einen argumentieren:

…aber sie haben doch Turnovers gemacht!

Leser von Sideline Reporter wissen: Turnovers sind wichtig. Aber ich würde bei meiner Defense nicht darauf vertrauen, dass sie drei Dutzend Turnovers (oder mehr) produziert. New England machte eines: Sie holten sich starke 25 INTs und schnappten 13 Fumbles. Top-Werte. Aber wenn deine Defense #11 gegen den Lauf ist und gar nur #30 gegen den Pass, dann reicht eben einmal ein Tag, an dem kein Turnover produziert wird, für eine überraschende Niederlage.

Gepaart mit einer etwas überrumpelten Offense nicht in Bestverfassung bedeutet das in der ultraengen AFC schon mal das schnelle Aus. So geschehen gegen die New York Jets. Kein Turnover gegen einen opportunistischen Gegner gemacht. Und raus.

Wo den Hebel ansetzen?

Beginnend mit der Offense, gibt es durchaus Fragezeichen. Die Basis der Patriots wackelt – die Offensive Line. LT Matt Light wird ein Top-Jahr nachgesagt. Light ist vertragslos. OG Mankins gilt als einer der Allerbesten. Mankins spielt seit Jahren unterbezahlt und möchte nun finanziell aussorgen, sprich: Einen Topvertrag. In New England oder sonst wo. Jetzt hat man ihm das Preisschild (Franchise Tag) aufgesetzt. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen…

Womöglich gibt New England Light seinen Vertrag und lässt Mankins ziehen. Oder umgekehrt. Schwer vorstellbar mit New Englands Geschichte im Hinterkopf, dass wirklich beide zu adäquatem Saldo gehalten werden können. Oder wollen.

Auf der RB-Position sind 4 Männer ohne Vertrag: Green-Ellis wird sicherlich bleiben, aber dann? Fred Taylor? Sammy Morris? Kevin Faulk könnte als Publikumsliebling zurücktreten, und weiterhin in der Organisation mitarbeiten. Im Prinzip halte ich es auch nicht für ausgeschlossen, dass sich Belichick mit einem seiner fünftausend Draftpicks einen Running Back einkauft (Carolina zum Beispiel weiß nicht, was sie mit Williams und Stewart anfangen sollen).

Jerod Mayo

Jerod Mayo - ©Flickr

Die Defense sitzt auf dem kürzeren Hebel. Hier braucht es Verstärkungen. Die Defense Line ist gut, aber seit Seymours Abgang nicht Spitze. Die Linebacker sind dafür sehr junge und haben mit ILB Jerod Mayo den neuen Anführer gefunden, mit Cunningham und Spikes zwei junge Talente. Aber der dominante Pass Rusher, den New England so dringend braucht, der fehlt.

Die Secondary könnte IMHO einen oder zwei Topmänner brauchen. CB McCourty scheint höheren Ansprüchen irgendwann genügen zu können (7 INTs, aber auch recht oft böse verbraten worden), aber dahinter wird es schnell eng und CB Butler wird so schnell keine Starts mehr machen. Offenses mit mehreren Wide Receivers haben Feiertage gegen die Patriots veranstaltet (um dann mit Kater, sprich INT, aufzuwachen, aber das ist wie gehört ein anderes Thema).

Die Lösungsansätze

Jeder NFL-Interessierte wird das Kommende schon x-mal gehört haben: Bill Belichick hat sechs Draftpicks in den ersten drei Runden, je zwei pro Runde und insgesamt die #17, #28, #33, #60, #74 und #92. Belichick hatte jahrelang mäßige Drafts, aber 2010 war ein Bombenjahr: CB McCourty, die LBs Cunningham und Spikes, die TEs Gronkowski und Hernandez und der sensationelle Punter Zoltan Mesko waren in dieser Saison Haupt-Protagonisten eines 14-2 Teams.

Wenn Belichick diesmal gut draftet, wird New England für die Zukunft happig, zumal Brady noch 3-4 Jahre spielen wird. Am Draft-Tag ist mal wieder alles möglich: Belichick, der nach oben tradet, um einen großen Namen zu holen. Oder nach unten tradet, um auch 2012 wieder 386 Picks zu haben. Sicher ist nur: Belichick wird nicht ruhen.

Die Prioritätenliste würde ich in etwa so verorten:

a) Pass Rusher (im Optimalfall ein hybrider Mann DE/OLB)
b) Cornerback (zumindest für die Tiefe des Kaders)
c) Offense Line (Guard oder Tackle)
d) Safety (Strong Safety)
e) Wide Receiver (falls zufällig vorhanden ein #1-Mann wie Moss)

Same procedure as every year: New Englands Kader schaut schon jetzt gefährlich wettbewerbsfähig aus. Belichick ist bekannt dafür, aus dem vorhandenen Material immer mehr zu machen als andere Coaches. Daher werde ich nicht von meiner allerersten Wettregel abweichen, die da lautet: Setze niemals gegen die New England Patriots.

Andere Teams in der Sezierstunde gibt es hier.