Super Bowl 46 – Würdigung New York Giants

In vielen Nachbetrachtungen ist jetzt zu lesen, daß die New York Giants besonders glücklich gewesen wären und von vielen Zufällen profitiert haben. Das kann ich so nicht nachvollziehen. Eher ist es so, daß sie gerade zu Saisonbeginn sehr viel Pech hatten. Vor allem Verletzungspech. Aber sie haben an ihr Konzept und an sich selbst geglaubt und sind ein würdiger Super Bowl Champion.

Schon bevor der erste Snap der Regular Season gespielt wurde hat sich Terrell Thomas, der als No.2-CB eingeplant war, mit einem Kreuzbandriß auf IR verabschiedet. Unglücklicherweise brach sich zusätzlich auch noch der hochgehandelte Rookie Cornerback Prince Amukamara das Bein und fiel bis November aus. Die ohnehin schwache Offensive Line verlor mit Left Tackle Will Beatty im November ihren besten Mann; sein Ersatz Stacy Andrews mußte kurz darauf die Segel streichen. So mußte der schon als Guard überforderte David Diehl wieder den Left Tackle geben. Kurz vor dem ersten Saisonspiel riß auch das Kreuzband von MLB Jonathan Goff, für den die Rolle des defensiven QBs vorgesehen war. Weil auch Michael Boley einige Wochen verletzt aussetzen mußte, haben die G-Men einige Spiele mit drei Rookies im Linebacking-Corps gespielt. Matthias Kiwanuka konnte dort nicht spielen, denn er wurde als Defensive End gebraucht, da auch die essentiell wichtigen Justin Tuck und Osi Umenyiora von Verletzungen nicht verschont blieben. Um dem noch die Krone aufzusetzen, ist auch 2nd-rd pick Marvin Austin schon im August auf IR gelandet.

Auf der anderen Seite des Balles hat das für Big Blue so wichtige Laufspiel nicht nur unter den Verletzungen der O-Line gelitten, sondern auch unter der verletzungsbedingten Abwesenheit von Ahmad Bradshaw. Domenix Hixon, als Nr.3-WR vorgesehen hat sich in Woche 2 ins Lazarett verabschiedet. Das war nicht so gravierend, weil dann Victor Cruz in die Bresche sprang, aber gerade in seinen ersten Wochen hat er neben Big Plays auch teilweise hahnebüchene Genickbrecher produziert, die dann unter anderem zu dieser komischen Niederlage im Freak Unfall gegen die Seahawks geführt haben. Hixon hat dann schon mehr gefehlt, als auch Mario Manningham und Hakeem Nicks mehrere Spiele verpaßt haben.

Als New York dann immer mehr ihrer verletzten Spieler an Board hatte oder sich mit den Ersatzleuten eingespielt hatte, wurden auch die Leistungen deutlich besser. Nach drei November-Niederlagen in Folge (gegen die 49ers, Eagles und Saints – keine schlechten Teams) hat Big Blue in Woche 13 ein erstes lautes Ausrufezeichen gesetzt mit ihrem couragierten Auftreten in einer denkbar knappen Niederlage gegen die Packers. In der folgenden Woche, in der nach einem noch besseren Auftritt der Divisionsrivale Dallas niedergerungen wurde, stand hier am 14. Dezember Folgendes zu lesen:

Die Giants können jeden schlagen. Sie sind deutlich besser als ihr 7-6-record vermuten läßt. Wenn nicht nur JPP so spielt, sondern auch Tuck noch eine Schipee drauflegt, was er talentmäßig durchaus kann, und Osi Umenyiora wieder topfit ist, kann auch diese Defense wieder jedem Angriff Kopfschmerzen bereiten. In den letzten zwei, drei Spielen hat auch das Laufspiel endlich gezeigt, daß es gar nicht so unterirdisch ist. Mit Nicks, Manningham, Cruz und Ballard hat man dazu Paßempfänger, die immer für ein Big Play gut sind. Und ein Eli Manning in dieser Verfassung kann die Giants überall hin führen…

So ist es dann auch gekommen. Nach einem kurzen Rückschlag gegen die Redskins gewannen die G-Men bis zum vergangenen Sonntag sechs Do-or-Die-Spiel in Folge. Die ersten vier davon mit einem kumulierten Score von 121 zu 50. Nicht daß die jeweiligen Gegner Laufkundschaft gewesen wären, es handelte sich um den Stadtrivalen Jets, den Erzfeind Cowboys, den No.5 Seed Atlanta, den No.1 Seed Green Bay, den No.2 Seed San Francisco und den No.1 Seed der AFC – New England. So ganz ohne ein wenig Glück wäre vielleicht auch ein Spiel davon verloren gegangen. Aber der Respekt über einen der beeindruckendsten Streaks der letzten Jahre sollte deutlich überwiegen. Über keines dieser Spiele kann man das Urteil unverdient sprechen.

Über die Leistungen von Eli Manning habe ich oft genug geschrieben, das muß hier nicht wiederholt werden. Nur soviel: das beeindruckendste an Eli ist seine Entwicklung, die er durchlaufen hat. Von einem überforderten Jüngling, der in seinen erratischen Leistungen oft zwischen dämlich und ängstlich geschwankt hat, ist in einem langsamen, aber steten Prozeß ein hervorragender Quarterback und Leader geworden, der seine Mannschaft trägt, immer im Spiel hält und auch mal eines (und zwei und drei…) alleine gewinnen kann. Und das alles in New York. Das wohl schwierigste Umfeld, das man einem Quarterback antun kann.

Besonders gewürdigt werden muß auch das Management. Gerade bei diesem Druck, dem Mannschaft und Coach im Big Apple ausgesetzt sind, trotz manchmal ausbleibender Siege und Playoff-Teilnahmen an Coughlin und dem Konzept festzuhalten, hätten einige andere aufgeregte Besitzer und Manager wohl nicht durchgehalten. Die Giants beweisen, daß sich eine durchdachte langfristige Strategie auszahlt – manchmal zwar erst langfristig, aber zwei Lombardi Trophies sind es allemal wert.

Abseits der Giants noch ein anderer Gedanke: jedes Spiel der Regular Season ist wichtig, vielleicht ein banaler Gedanke, aber in den Stories über “heiß sein zu rechten Zeit” ein wenig untergegangen. Hätten die Saints sich nicht zwei unerklärliche Auszeit gegen die Bucs und Rams (!) gegönnt, hätten sie den Heimvorteil in den Playoffs gehabt – und wohl kaum in ihrem Dome gegen die 49ers verloren. Und wahrscheinlich auch nicht gegen irgendeine andere Mannschaft in einem Dome. Die beiden Spiele waren vielleicht das größte Glück für die Giants. (Die Head Coaches von Tampa und St. Louis wurden nach der Saison gefeuert. Ironischerweise ist Raheem Morris jetzt bei New Yorks Divisionsrivalen aus Washington untergekommen. Und noch ironischer: Ex-Rams HC Steve Spagnuolo, der als DC der Giants 2007/08 einen Ring gewann, ist in der kommenden Saison DC der Saints.)

2011/12 Championship Games – 49ers, Giants, Patriots, Ravens

San Francisco lebte von den Special Teams – und sie starben mit den Special Teams. Auch wenn die Punt- und Field-Goal-Units gerne unterschätzt werden, letztlich machen sie doch nur ein Drittel einer Footballmannschaft aus. Mit so einer lächerlichen Offense, die nur einen von dreizehn Third Downs verwandeln kann und abgesehen von zwei Dummheiten der Giants-Safeties im Wert von 112 Yards und zwei Touchdowns gar nichts auf die Reihe bekommt, hat man es bei aller Liebe auch nicht verdient, im letzten Spiel des Jahres noch mit dabei zu sein.

Die Defense dagegen, vor allem die Smiths Justin und Aldon, DE Ray McDonald und LB Patrick Willis haben am Sonntag in einer anderen Liga gespielt und Eli Manning derart vermöbelt, daß die beiden Offensive Tackles David Diehl und Karrem McKenzie spätestens ab jetzt Mannings Krankenversicherungsbeiträge zahlen sollten. Nichtsdestotrotz hat Eli nicht nur sechs Sacks und mehr als 20 weitere Hits eingesteckt, sondern auch 316 Yards ausgeteilt. Glücklicherweise spielt er im Super Bowl gegen die Defense der Patriots, den härtesten Job hat er jetzt hinter sich. Die Pats-D hat sich zwar in den letzten Wochen gesteigert, aber die Herren Arrington, Moore, Molden, McCourty und Edelman werden mit dem WR-Trio Manningham/Nicks/Cruuuuuuuuuz schwer zu schaffen haben.

Dafür war die Front Seven wie schon gegen Denver in den Divisionals on fire. Vince Wilfork hat das Spiel seines Lebens gemacht und auch die anderen drei D-Liner Kyle Love, Brandon Deaderick und Gerrard Warren haben so gespielt, wie es eigentlich Albert Haynesworth und der ehemalige 2nd-rd Pick Ron Brace hätten tun sollen. Jerod Mayo und Brandon Spikes entwickeln sich langsam, aber sicher zu einem der besten ILB-Duos der Liga, das scheint auch der Grund für 3-4-Renaissance zu sein.

Joe Flacco hat gegen die Verteidigung, die sich auf Ray Rice konzentriert hat, ganz anständig gespielt. Man kann ja sagen, das waren nur die Patriots und er hat einige offene Leute überworfen, aber in einem Championship Game mit dem ganzen Druck, der auf ihm lastete, Tom Brady in den Schatten zu stellen, verdient Respekt. Und wenn Lee Evans den letzten Ball in der Endzone festhält, ist er der große Gamewinner und niemand würde ihm mehr Winner- und Leaderqualitäten absprechen. Übrigens hatten wie im letzten Jahr die in der Offseason als Verstärkung geholten WR die spielentscheidenen Bälle in der Hand – und ließen sie fallen.

Offensive Coordinator Cam Cameron hat mal wieder mit konservativem Playcalling geglänzt, was keine Überraschung war. Die Patriots dagegen haben mit ihrem Playcalling überrascht – negativ. Das erste Mal seit 364 Jahren haben sie einen 4th-and-1 in der gegnerischen Redzone nicht ausgespielt. Und haben Tom Brady am Ende der ersten Halbzeit keine Chance gegeben, mit einer Minuten auf der Uhr und zwei Auszeiten in der Tasche wenigstens noch in FG-Range zu kommen. Nicht mal mehr Bill Belichick und OC Bill O`Brien scheinen noch besonders viel Vertrauen in ihren Posterboy zu haben. Brady hat teilweise eine Cam-Newton´sche Accuracy an den Tag gelegt und hanebüchene Entscheidungen getroffen, für die sich sogar Brett Favre geschämt hätte. Tiefer Ball zu Matt Slater, der drei Defensive Backs bis zur Endzone mitgenommen hat, im vierten Viertel – ernsthaft? Hoffentlich kommt am Ende der Saison raus, daß Brady seit Oktober mit ausgekugelter Schulter spielt oder seine Wurfhand gegen eine Prothese ausgetauscht wurde. Falls nicht, muß man sich ernsthaft Sorgen um seine Zukunft machen.