Ein Streifzug in blau und weiß

Ein Turnierspiel Deutschland vs Italien im Fußball ist das Sportereignis schlechthin für mich. Vielleicht, weil ich in einem Land lebe, das einst als deutschsprachiges Land von Italien annektiert wurde und bis heute dort geblieben ist. Die Blütezeit der Italianisierung mit Verbot deutscher Schulen und deutscher Namen ist zwar seit Generationen passé, ein politischer Kampf ist „Deutsch gegen Italienisch“ aber bis heute geblieben. Trotz vieler Freundschaften ist es noch heute vor allem draußen auf dem Land eher ein Nebeneinander denn ein Miteinander. Weiterlesen

Die finale WM-Caipirinha 2014

Es war ein Endspiel vom ganz oberen Regal, trotz einer überschaubaren Anzahl an erstklassigen Torchancen. Es war ein großes Spiel, das nicht nur von seiner Spannung lebte, sondern vor allem auch von der knisternden Intensität, vom anfangs hohen Tempo, von den hart, aber selten unfair geführten Zweikämpfen, das mit zunehmender Spieldauer dazu führte, dass sich beide Teams zum Schluss nur noch schwer auf den eigenen Beinen halten konnten. Zur Symbolfigur wurde ausgerechnet ein aufopferungsvoll kämpfender Schweinsteiger, vielleicht noch vor Lahm, Podolski, Klose und Mertesacker die Symbolfigur der großen deutschen Generation der letzten Jahre.

Klose… dieses Sinnbild für den fairen Sportsmann. Ich gönne es ihm wie wenigen anderen. Wie Klose gestern mit triefnassen Augen seine Kinder über das Spielfeld chauffierte, werde ich nie vergessen. Es gibt wenige Sportler, mit denen ich mich besser identifizieren kann. Grande Miroslav.

Um den Verlierer ausreichend zu würdigen: Argentina, das war groß. Das war die Wiedergutmachung für das Auftaktspiel gegen Bosnien. Ich erlasse Argentina hiermit die (nicht billige) Rechnung für die verschenkte Lebenszeit für jenen WM-Opener. Die Argentinier waren ein ebenbürtiger Gegner, sie lieferten ihre mit Abstand beste Turnierleistung und hätten mit einer Prise mehr Selbstvertrauen oder einer Prise mehr Abschlussglück durchaus auch den Titel abstauben können. Weiterlesen

WM-Caipirinha 2014: Deutschland – Frankreich | Viertelfinale

Aus gegebenem Anlass – stundenlange Verzögerung am Flughafen – gebe ich in diesen nicht beschäftigungsarmen Tagen mal wieder eine Caipirinha aus: Deutschland vs Frankreich 1:0, Qualifikation für das Halbfinale eingetütet, und damit sportlich wohl das Soll erfüllt. Enttäuscht kann man allerdings noch immer von der mangelnden spielerischen Qualität sein, wobei ich das Gefühl habe, dass es Löw und sein Trainerteam mittlerweile gar nicht mehr darauf anlegen, in Brasilien noch so etwas wie schönes Spiel zelebrieren zu wollen, trotz der Tatsache, dass man die mit Abstand passlastigste Mannschaft im Turnier stellt. Weiterlesen

WM-Caipirinha 2014: Deutschland – Portugal | Gruppe G

Exzellenter Einstand für die deutsche Mannschaft in einem Spiel, wo selbst der Laie kapiert hat, dass man es nicht überbewerten sollte. Zu viel lief pro Deutschland, zu schnell war die Partie ein lasches Trainingsspiel – allerdings: Du musst es erst einmal zu so einem Spiel machen. Der Hidden-Champ in dieser Partie könnte Müllers 3:0 gewesen sein, der der deutschen Mannschaft eine kräfteschonende zweite Halbzeit erlaubte, die im weiteren Turnierverlauf noch viel wert sein könnte.

Die Aufstellung. Vier Innenverteidiger in der Viererkette, mit einem Lahm als vorgeschaltetem Abräumer vor der Verteidigung. Lahm agierte hinter den beiden „Achtern“ Khedira (halbrechts) und Kroos (halblinks), als eine Art 4-1-2-3. Vorne ließ Löw wie von mir in der Preview schon erhofft Müller als zentraler Spitze auflaufen, mit einem nahe der Seitenlinie klebenden Götze links (Götze heute bester Mann in den ersten, entscheidenden 45min) und einem Freelancer Özil (besser drauf als in den Testspielen) von halbrechts reinrauschend – eine Aufstellung, die schnell in mehreren fantastischen Spielzügen zu Spielbeginn resultierten, die dann auch u.a. zum nicht unberechtigten Elfmeter und zur Ecke vor dem 2:0 führten.

Den Elfer gibt nicht jeder Schiri, aber es ist grundsätzlich mal eine gute Idee, sich mit schnellen Spielzügen gegen eine hüftsteife Abwehr durchfummeln zu wollen, insofern fast logische Konsequenz, dass es den einen oder anderen aussichtsreichen Freistoß/Elfer geben würde. Andererseits: Man hätte eventuell für Notbremse sogar noch Rot hinterher schicken können.

Hinten fand ich die Idee mit Lahm als defensiver Unterstützung für die Innenverteidiger eine gute Idee. Lahm hatte anfangs aber Schmetterlinge und hätte um ein Haar einen schnellen Gegentreffer verschuldet, cruiste sich dann aber in die Partie und blieb über die restliche Spielzeit unbeschadet. Spätestens nach dem 3:0 war es dann sowieso ein Trainingsspiel. Auch hier: Sehr kühl runtergespielt. Die demoralisierten Portugiesen nicht brutal unter Druck gesetzt, sondern das mitgenommen was man mitnehmen konnte ohne sich in irgendeiner Form zu verausgaben.

Die Portugiesen. Wo ansetzen? Ronaldos Frisur kam unbeschadet aus der Partie, und bei einem seiner Freistöße Präsizion gezeigt, die Einmannmauer Lahm zielgenau abgeschossen. Pepe mit einer roten Karte, weil er vergaß, dass man sich im portugiesischen Trikot nicht wie im madrilenischen aufführen sollte.

Manche meinen, die Rote Karte war überzogen. Vielleicht war sie das. Aber gut von Müller, dass er nach dem angedeuteten „Köpfler“ nicht erneut mackierend zu Boden fiel, und auch gut, dass er sich nicht selbst zu einer Tätlichkeit hinreißen ließ. Man muss keine Rote Karte zücken, aber wer Pepe heißt, sollte sich nicht wundern. Mereiles dürfte übrigens auch noch von der FIFA-Disziplinarkommission hören (via Guardian) (edit: oder auch nicht – siehe Kommentare):

Bei den Portugiesen wurden zudem Coentrao und Almeida verletzt runtergetragen – das tut weh, auch hinsichtlich der nächsten Gruppenspiele. Es lief also extrem viel gegen Portugal, aber muss man sich deswegen so schnell so wehrlos seinem Schicksal ergeben? Der Zusammenfall dieser Mannschaft kommt nicht zum ersten Mal, und ist ein altes portugiesisches Mentalitätsproblem.

Zusammenfassend war es sicher ein sehr guter Auftakt für Deutschland, das nun den Gruppensieg fast pfannenfertig hat. Dass man nach 4:0-Siegen nicht in grenzenlose Euphorie verfallen sollte, weiß man spätestens seit 2010, wo jeweils eine 0:1-Klasche folgte. Aber insgesamt war es ein Mut machender Auftritt, wenn man ohne seinen besten Stürmer (Reus) in der Lage ist, einen als gefährlichen Außenseiter gehandelten Gegner fast spielerisch an die Wand zu nageln.

Deutschland in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Deutschlands fantastische Nationalmannschaft dürfte jedem Leser hinlänglich bekannt sein. Betont werden muss aus der Außenperspektive, dass es den Deutschen nicht bewusst ist, welch großartiger Botschafter diese Elf im Ausland ist, wie ehrfurchts- und respektvoll zum Beispiel die Italiener – die es seit jeher als Hauptaufgabe sehen, Deutschland zu schlagen – über die Mannschaft von Joachim Löw sprechen. Es ist nicht nur ein sportlich und ästhetisch großes Produkt, es ist auch Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung mit einem Özil, Boateng oder Khedira als Leistungsträger in der ersten Mannschaft.

Trotz allem wohl die Wunschformation der deutschen Elf im 4-2-3-1

Trotz allem wohl die Wunschformation der deutschen Elf im 4-2-3-1

Schon unter Klinsmann wurde der Mannschaftsgedanke ganz groß geschrieben, und auch der Stab unter Löw versuchte hernach stets, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass sich die Nationalelf einspielen konnte und auf und neben dem Platz zu einer verschworenen Einheit würde. Das wird auch 2014 ein Ziel gewesen sein, aber ein hehres Ziel ohne die notwendigen Leute bleibt halt oft ein unerreichbares Ziel. Deutschlands Vorbereitung war durch extrem viele Verletzungsausfälle geprägt, und man sollte nicht unterschätzen, was das für die Eingespieltheit dieser Jungs bedeutet. Das Achtelfinale ist noch drei Wochen entfernt, insofern bleibt Zeit, aber Deutschland hat eine hinreichend schwierige Gruppe erwischt, dass du nicht im Vorbeigehen mit einem lockeren ersten Platz rechnen kannst.

Ich sehe drei Knackpunkte:

  • Außenverteidiger. Im heutigen Spitzenfußball mit so vielen dynamischen Wingern sind zumindest gutklassige Außenverteidiger unerlässlich, und Deutschland hat nur Lahm, und selbst der könnte früher oder später als Stratege im defensiven Mittelfeld gebraucht werden. Bleiben Leute wie Durm oder Boateng für den LV und Lahm oder Großkreutz für einen RV – das kann man angesichts der sonstigen Kaderbesetzung durchaus als „Sollbruchstelle“ benennen. Aber es ist nicht das größte Fragezeichen.
  • Schaltzentrale. Schweinsteiger und der Freelancer Khedira sind als angedachte Stammformation im 4-2-3-1 Grundsystem von Löw mehr als fragliche Optionen. Schweinsteiger wurde schon vor zwei Jahren erfolglos unfit durch das Turnier geschleust; Khedira spielte gemessen an seiner langen Kreuzbandverletzung ordentliche CL-Finals und Testspiele, aber in einem schwülheißen Brazil-Nordosten brauchst du topfitte Leute, und topfit wird Khedira kaum sein. Wird also Lahm in die Zentrale beordert? Lahm, der sich heuer noch einmal einen Schritt nach vorn entwickelt hat? Kann Lahm mit einem Kroos eventuell die Zentrale bilden? Wie wirkt sich das auf den deutschen Spielaufbau aus, wenn die Sechser/Achter nicht richtig eingespielt sind? Und wie löst man dann die geöffnete Bruchstelle auf RV?
  • Mittelstürmer. Der Optimalfall ist „Klose wird fit und läuft zu großer Form auf“, aber es ist ein Optimalfall der winzigen Hoffnung. Die Experimente mit dem Halbstürmer Götze funktionierten bisher eher bescheiden; Versuche, Müller, Schürrle oder Podolski in die Sturmzentrale zu stellen, könnten Optionen werden. Müller fände ich von der Idee her eigentlich am besten, aber für Löw scheint es eher keine Alternative zu sein. Eigentlich krass, dass Deutschland bei allen superben Angriffsspielern so gar keinen gescheiten Mittelstürmer mehr hat… bzw die, die man hat, humpeln (Klose) oder gar net dabei sind (Gomez).

Gemessen an den letzten Monaten und der Vorbereitung wird es auch eine Aufgabe werden, den phlegmatischen Özil wieder hinzubiegen. Özil kann an guten Tagen gegen starke Gegner mit zum Unterschied beitragen, aber in der aktuellen Form ist es besser, ihn auf der Bank zu lassen. Wo setzt Löw an?

Wo Deutschland unschlagbar ist, sind die Flügel. Ein Müller ist mit seiner fantastischen Laufarbeit trotz seiner larifari-Technik eine Bereicherung für jede Offensive, ein Götze und selbst Draxler sind nicht weit von Weltklasse, ein Reus ist längst Weltklasse und gehört seit zweieinhalb Jahren zu den drei besten Flügelstürmern der Welt. Es bleibt halt die Frage, wer vorne abschließt.

Die Chancen auf den Titel standen schonmal besser, aber damals waren die zentralen Mittelfeldspieler alle fit und in Topform. Sind sie diesmal nicht mehr, und deswegen zweifeln viele am Titeltraum.

Für mich muss es nicht der Titel sein. Das Resultat muss aber so gut sein und so überzeugend zustande gekommen sein, dass jede Diskussion über eine Abkehr vom vor zehn Jahren eingeschlagenen Weg („Wir brauchen wieder Typen!“) im Keim erstickt wird. Mit etwas Glück – und das Los bescherte nach der nicht einfachen Gruppe einen machbaren Weg zumindest ins Semifinale – kann es auch für den ganz großen Wurf reichen. Aber es ist ein Turnier, wo spätestens ab dem Viertelfinale viele Unwägbarkeiten mit entscheiden, Kleinigkeiten, die du nicht immer kontrollieren kannst. In den letzten Jahren liefen sie stets tendenziell gegen Deutschland. Wenn sie diesmal für Deutschland laufen, kann es trotz der bekannten sehr fraglichen Punkte zum viel zitierten vierten Stern langen.