NFC Divisional Playoffs 2011/12 – Vorschau Giants/Packers

NFC Divisional Playoffs 2011/12 – New York Giants (10-7) @ Green Bay Packers (15-1)

[Sonntag 22.30Uhr auf ESPN America, Sport1+ und PULS4; kommentiert (über FOX) von Joe Buck, Troy Aikman, Pam Oliver und Chris Myers]

Der Außenseiter New York Giants tritt an einem Sonntagabend im Januar gegen die Green Bay Packers in deren Lambeau Field an. Eli Manning hat mal wieder eine sehr, sagen wir mal “abwechslungsreiche” Saison hinter sich, mit vielen Höhen und Tiefen. Head Coach Tom Coughlin ist zwischenzeitlich von den New Yorker Medien und Fans abgesägt worden, nachdem es lange so aussah, als würden die G-Men die Playoffs verpassen. Am Ende hat Eli glücklicherweise doch noch seine Form gefunden und wurde dabei kräftigst von seinen beiden Top-RBs Ahmad Bradshaw und der Dampfwalze Brandon Jacobs unterstützt. Und auf der anderen Seite des Balles natürlich von der bärenstarken D-Line um Justin Tuck und Osi Umenyiora.

Die Giants können gegen den ligaweiten Quarterback-Liebling der Packers lange mithalten und Head Coach Mike McCarthy findet nicht so recht ein Mittel, um seinen Angriff mal so richtig ins Laufen zu bringen. Außer Donald Driver sind alle WR abgemeldet und RB Ryan Grant rennt mehr rück- und seitwärts als nach vorne. Das Spiel ist tough und eng und geht schließlich bei einem windchill von -33°C in die Overtime.

Dort wirft Green Bays Quarterback, der während der Saison viel weniger Interceptions als sonst geworfen hat, direkt in die Arme von CB Corey Webster. (Die viel kritisierte Secondary der Giants hat ein großartiges Spiel gemacht; wenn man den 90-Yard-Paß zu Driver abzieht, hat Green Bays Rekord-QB nur 146 Pass-Yards auf dem Tacho gehabt.) Kicker Lawrence Tynes verwandelt den FG-Versuch und Big Blue gewinnt.

Diese Interception im NFC Championship Game 2007 war der letzte Paß, den Brett Favre im Trikot der Green Bay Packers geworfen hat. Wenn man Favre durch Aaron Rodgers ersetzt und in der Giants D-Line Michael Strahen gegen Jason Pierre-Paul tauscht, kann man die ersten drei Absätze fast genauso stehen lassen für das Aufeinandertreffen von Cheeseheads und G-Men. Dieses Matchup ist wie ein Vergleich zwischen einem gut geölten schnittigen Sportwagen und einem großen, dreckigen und geländeerprobtem SUV.

Der schicke Sportwagen

Im Gegensatz zu den Patriots und Saints, die ihre explosiven Offenses auf kreativen Taktiken und auf jeden Gegner speziell zugeschnittenen Game Plan aufbauen, basiert der Erfolg des Packers-Angriff um Aaron Rodgers auf perfekter Execution. HC McCarthy bastelt nicht in stundenlanger Kleinarbeit etwas unglaublich Kreatives zusammen, sondern setzt darauf, daß Rodgers seine Lieblingsplays ein ums andere Mal perfekt ausführt und milimeter genaue Pässe wirft. Rodgers erinnert in dem Sinne an Peyton Manning. Bei Manning wissen auch immer alle, was kommt und trotzdem kann man es kaum verteidigen, weil es perfekt ausgeführt wird.

Bei Rodgers und auch Manning sind das vor allem zwei Pässe. Der eine ist der Paß, zwischen 10 und 20 Yards tief an die Seitenlinie, bei dem der WR in Zone Coverage am CB vorbei ist und der Ball in genau dem ganz kleinen Fenster landet, bevor der Safety zum Helfen rübergekommen ist. Ziemlich simpel, aber wenn der Paß perfekt ist, kann man das einfach nicht verteidigen. Der andere Paß ist der Ball über die Mitte zum TE oder Slot-WR, wenn dieser vertikal zwischen LB und S ist. Auch hier gilt: perfect pass beats perfect coverage. Daneben haben die Packers noch viele Drag- und Crossing-Routes im Angebot, bei denen die Wide Receivers auf verschiedenen Höhe parallel zur Line of Scrimmage laufen und Go- bzw. Post-Routes, bei denen die WR die Seitenlinie entlang laufen und dann entweder im 1-v-1 gegen den CB geradeaus weitermarschieren oder zur Spielfeldmitte hin abbiegen und sich den Safety vorknöpfen.

Im Gegensatz zu den einzig beiden anderen Offenses, die in Sachen Produktivität mit Green Bay mithalten können – New England und New Orleans – spielen die RBs und TEs keine besondere Rolle im Spiel der Packers. Mehr als Dumpoffs bekommen die RBs James Starks und Ryan Grant nicht und TE Jermichael Finley ist entgegen allen Erwartungen lange nicht auf dem Niveau eines Rob Gronkowski oder Jimmy Graham. Sondern eher sowas wie ein Vernon Davis light.

Auch das Laufspiel hat mehr die Funktion, Aaron Rodgers´ Arm zu schonen. Mit 3,9 Yards/Carry taugt es nur zum Feigenblatt und kann nicht helfen oder gar mal was rausreißen, wenn das Paßspiel aus welchen Gründen auch immer mal ins Stottern kommt. Es steht und fällt alles mit Rodgers´ execution der Passing Plays. Mit Greg Jennings und Jordy Nelson hat er aber dankenswerterweise eine erstklassige 1-2-Combo und mit James Jones und Donald Driver auch noch gute dritte und vierte Optionen.

Ebenso hübsch und attraktiv wie die Offense ist die Defense – auch wenn diese nicht mehr ganz so sexy ist, wie in den letzten beiden Jahren. Es ist alles schön anzusehen: DC Dom Capers hat tolle Zone Blitzes im Angebot, mit Clay Matthews hat man einen tollen langhaarigen und auffälligen Pass Rusher und mit Charles Woodson einen Playmaker, der überall beliebt ist wie früher Brett Favre. Aber diese Saison hat gezeigt, daß man an der funkelnden Karosse noch lange nicht erkennt, was unter der Motorhaube steckt.

Die Defense war nach Yards tatsächlich noch schlechter als die New Englands, durch die vielen Turnovers – sagenhafte 31 Interceptions – ist man nach Punkten immerhin noch auf Rang 19. Aber wenn man böswillig ist, kann man auch behaupten, daß gerade Woodson seine Interceptions nur noch gegen Rookies oder schlechte Quarterbacks macht. Oder daß Matthews mittlerweile mehr durch seine Haare auffällt, als durch Sacks.

Besonders schwach ist die Front Seven der Packers. Besonders das Spiel gegen den zweiten Anzug der Bears bleibt hier in schlechter Erinnerung. Der Held der letzten Saison, B.J. Raji, zieht hier besonders große Kritik von professionellen Beobachtern wie ProFootballFocus auf sich. Wie dem auch sei, DC Capers weiß offenbar um die individuellen Schwächen seiner Spieler (und um die Stärke der Offense) und läßt daher wohl ganz bewußt eine Boom-or-Bust-Defense spielen. Will heißen: wir wollen den Turnovers und pfeifen auf die Yards. Wenn wir uns statt dem Turnover ein Big Play fangen – so be it. Rodgers kann schneller einen Touchdown machen, als die andere Offense zum Gatorade gegriffen hat. Bekommen wir aber den Turnover, ist das Spiel ganz schnell vorbei. Riskant, aber – noch – erfolgreich.

Der große, dreckige Jeep

Besonders mit der beeindruckenden Leistung der letzten Woche gegen Atlanta im Hinterkopf werden die Giants wohl versuchen, mit ihrem kräftigen Laufspiel die schwache Front Seven der Packers in Grund und Boden zu rammen. Wenn Brandon Jacobs – 1,92m, 120kg – in seinen alten Bulldozer-Modus schaltet, kann er über jeden Verteidiger der Packers hinwegtrampeln. Auch Ahmad Bradshaw kann mit der großen, dicken O-Line vor sich immer wieder Yards und 1st Downs herausholen. Das Ziel der G-Men sollte sein, ihr Laufspiel zu etablieren (3 Euro ins Phrasenschwein), lange Drives am Leben und Rodgers damit an der Seitenlinie zu halten.

Wenn das nicht klappt (oder als zusätzliche Stärke) kann Eli Manning, der spätestens seit dieser Saison jetzt wirklich den Nickname Elite verdient hat, auf zwei grundsolide WR mit Hakeem Nicks und Mario Manningham vertrauen, hat mit Victor Cruz jemanden, der immer für ein Big Play gut ist und in TE Jake Ballard so etwas wie einen Edeljoker – unbekannt, aber zuverlässig und wuchtig wie sonst nur der große, böse Gronk.

Auch die Defense New Yorks ist wenig spektakulär und kreativ, aber grundsolide sowie kratzbürstig, aggressiv und unnachgiebig. (Komischerweise immer nur in den wichtigen Spielen und in den Playoffs, aber die seltsam unmotivierten Novemberauftritte müssen uns ja jetzt nicht mehr kümmern. Bis zum nächsten November.) Die Defensive Line ist mit das Beste, was man in der NFL bestaunen kann. Jason Pierre-Paul, Justin Tuck und Osi Umenyiora können jedem Offensive Tackle im Paß- wie auch Laufspiel das Leben zur Hölle machen und bleiben durch das viele Rotieren auch frisch bis ins letzte Viertel. Die Defensive Tackles Chris Canty, Rocky Bernard und Allzweck-Backup Dave Tollefson komplettieren das Ganze und als Gruppe stehen sie zeitweise der gegnerischen Offensive Line gegenüber wie ein Hummer einem Käfer.

Hinter diesem Prunkstück sieht das LB-Corps etwas rostig aus, steht aber in Sachen Toughness in nichts nach. Spielerisch sind da einige Schwächen, aber außer Jermichael Finley, der nicht gerade Mr. Zuverlässig ist, haben die Packers nicht die Spielertypen (vor allem RBs), die daraus besonders viel Kapital schlagen sollten.

Sollte die D-Line gegen eine mäßige O-Line der Packers mit vier Mann Druck auf Rodgers ausüben können, hat auch die Secondary eine gute Chance, mit weniger als vier Touchdowns davonzukommen. CB Corey Webster hat sich heimlich, still und leise zu einem der besten Cover Guys der Liga gemausert; Aaron Ross (wieder fitt, nachdem er letzte Woche verletzt auf die Bank mußte) ist ein fähiger Nr.2-Corner. Gegen die Packers wird Big Blue wahrscheinlich sehr viel Nickel- und kaum Base-Defense spielen. Rookie Prince Amukamara, der viel schlechter spielt, als alle erwartet haben, wird einige Möglichkeiten als Nickelback bekommen. Und je nachdem, wie er sich da macht, wird Antrel Rolle entweder viel oder sehr viel als NB spielen. Rolle ist ein komischer Spieler, der sehr kräftig ist und stark an der Line of Scrimmage gegen den Lauf spielt. Weil er aber auch einigermaßen passabel im Paßspiel verteidigen kann ist er sowas wie ein Zwitter aus Nickelback, Linebacker und Safety in New Yorks sogenanntem Big-Nickel-Package. [edit 9:45Uhr: in der ersten Version dieses Artikels habe ich Antrell Rolle mit Deon Grant verwechselt. Grant wird die Safety-Position von Rolle im Big-Nickel-Package übernehmen.]

Dieses Spiel ist fraglos ein würdiger Abschluß der Divisional Round am Sonntag abend. Alles in allem treffen die Packers mit ihren starken, aufregenden Spielern, die alles besonders schön machen, auf Spieler, die alles besonder tough machen und durch Willen und Aggressivität ihre Spiele gewinnen. Im Grunde alles so wie damals 2007, an einem der kältesten Januartage aller Zeiten in der Frozen Tundra.

Green Bay Packers in der Sezierstunde

Zum Abschluss des Sezierstunde-Kurses dann noch der Titelverteidiger. Die Green Bay Packers, die mit 10-6 und als #6 der NFC den Titel in der abgelaufenen Saison geholt haben.

Waren die Packers 2010/11 unschlagbar? Nope.

Wird man sich in fünf Jahren schwelgend an die Packers 2010/11 erinnern? Probably not.

Trotzdem beeindruckend, wie nach all den Verletzungsausfällen, seien sie permanent oder temporär gewesen, in der Saisonschlussphase noch einmal der Schalter umgelegt werden konnte und am Ende trotz weiterer Ausfälle in der Superbowl der Titel geholt werden konnte.

Die Huldigung

Die Haupt-Gratulation von meiner Seite geht neben Head Coach Mike McCarthy vor allem an General Manager Ted Thompson, der vor drei Jahren die Eier hatte, die Legende Favre abzusägen und trotz größter Widerstände auf den jungen Aaron Rodgers gesetzt hat. Es ist aus der Ferne schwer nachvollziehbar, wie mutig der Schritt war, aber wenn erst jetzt die letzten Rufe nach Favre am Verstummen sind, kann man die Tragweite der Entscheidung erahnen.

Aaron Rodgers

Rodgers hat nicht die Persönlichkeit, um Leute mitzureißen wie einst ein Brett Favre, und deshalb ist Rodgers wohl lange etwas unterschätzt worden. So richtig in die Top 3 der NFL QBs hätte ich Rodgers ab ziemlich genau Mitte November gewählt. Green Bay war eine eindimensionale Mannschaft und es war fassungslos, wie sich Rodgers hinter einer un-überzeugenden Offensive Line bewegte, wie ruhig er seine Receiver ausguckte. Ab diesen Tagen glaubte ich an die Möglichkeit, dass Rodgers eine Mannschaft zum Titel quarterbacken (ja, tatsächlich handelt es sich hierbei um ein Verb) könnte.

Offensiv den Hebel ansetzen

Trotz Superbowl-Sieg haben die Packers genügend Schwachstellen im Kader, als dass man schon jetzt von einer Dominanz für die kommenden Jahre ausgehen könnte. Eine dieser Schwachstellen ist die Offensive Line, die immer noch ein wunder Punkt ist. Sie war in der abgelaufenen Saison besser als 2009/10. Von Dominanz zu sprechen wäre glatte Übertreibung. Ein Problem ist auch der Alterungsprozess, vor allem bei LT Chad Clifton.

Die Passempfänger dürften durch die Rückkehr von TE Jermichael Finley eine enorme Verbesserung erfahren. Ich halte Finley für die dominanteste Offensiv-Waffen in Green Bay. Mit Finley ist die Offensivmaschine noch einmal eine Einheit geschmierter als sie phasenweise in den Playoffs eh schon lief.

Allerdings könnte mit WR Donald Driver die Beständigkeit in Person zurücktreten. Driver ist 36 geworden und hat 2010/11 erstmals seit Äonen wieder weniger als 1000yds erzielt. Mit WR James Jones ist zudem ein Mann Free Agent. Ich halte Jones für wertvoller als es seine produzierten Stats vermuten ließen (50 Catches, 679yds, 5 TD).

Das Laufspiel lief in den Playoffs unter Rookie James Starks besser als in der Regular Season. RB Ryan Grant wird von einer schweren Oberschenkelverletzung zurückkehren, aber Running Backs tendieren nach schweren Verletzungen schnell verbrannt zu sein. Für Grant ist dies bitter. Er ist nach 2011/12 Free Agent – nun wartet entweder eine verkürzte Saison oder ein Platz als Backup. So kann man Millionen verlieren. RB Brandon Jackson, der in den Playoffs hauptsächlich fangender Back war, ist Free Agent und wird wohl gehen.

Der Publikumsliebling FB John Kuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuhn ist ebenso Free Agent, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Green Bay den Mann ziehen lässt. Alles in allem gilt: Das Laufspiel hat in Green Bay mehr die Funktion eines Ablenkungsmanövers, denn die Funktion, das Offensivspiel im Alleingang zu tragen.

Defensiv den Hebel ansetzen

Die Defense ist trotz allem die bessere Hälfte in dieser Mannschaft. #2 nach DVOA, #1 nach Passspiel, #16 nach Lauf. Die Passverteidigung zeichnet sich vor allem durch sensationelle Deckungsarbeit und variable Blitz-Formationen aus.

Die Defensive Line ist um den jungen NT B.J. Raji gebaut. Der DE Cullen Jenkins wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gehen (müssen), weil Green Bay in der ersten Runde an #32 wohl einen frischen Defensive Liner holen wird. Sind schließlich genügend Talente durch die Gegend laufend.

Die Linebacker dürfen den Chef, Nick Barnett, zurück heißen. Barnett ist ILB, doch das Problem liegt eher bei den OLBs. Nicht bei Clay Matthews. Sondern seinem Gegenpart, und in der Tiefe der LB-Gruppe.

Die Secondary ist IMHO das Prunkstück bei den Packers. Es gibt mit CB Charles Woodson einen absolut herausstechend überragenden Mann. Woodson ist ein Alleskönner, deckt zu, was zuzudecken ist und ist ein effizienter Blitzer. Allerdings wird Woodson mit bald 35 nicht jünger. Auf lange Sicht wird Green Bay einen Nachfolger brauchen, obwohl mit den intelligent spielenden CBs Shields und Williams schon gute Leute da sind. Die Safetys sind trotz des Touchdowns in der Superbowl nicht vom Kaliber „Polamalu“, sondern gehobene NFL-Klasse.

Ausblick

Offensive und Defensive Lines müssen verbessert und einige junge Alternativen für die Altstars herangeführt werden. Ansonsten schaut der Kader nicht schlecht besetzt aus. Die Defense ist zu Teilen noch recht jung und sollte unter dem großartigen DefCoord Dom Capers noch nicht alle Leistungsgrenzen ausgelotet haben.

Jetzt kommt der Draft, wo das GM-Genie Thompson auf die Talente dieser Welt losgelassen wird. Green Bay hat in den letzten Jahren außergewöhnlich viele Eigenbauspieler via Draft in die Mannschaft eingebaut. Hält sich der Trend, wird Green Bay langfristig auch in der schweren NFC North vorne dabei bleiben.

Superbowl-Countdown T-minus 3: Die Green Bay Packers oder vom Homecoming einer Legende

Die Pittsburgh Steelers sind der Superbowl-Rekordchamp (6 Titel). Der Finalgegner hat zwar „ganze“ drei Superbowls (zweimal davon, als die Superbowl noch nicht unter diesem Namen ausgespielt wurde) gewonnen, ist aber der Rekordmeister der National Football League. Heute in der Vorstellung. Matchups gibt es erst im Sonntagabend-Vorprogramm.

Was die Packers ausmacht – geschichtlich

Curly Lambeau, Green Bay Packers

Curly Lambeau

Die Green Bay Packers dürfen sich als das Traditionsteam in der NFL sehen. Gegründet 1919 als Amateurclub und zwei Jahre später als professionelle Franchise der NFL beigetreten, sind die Packers seit damals das einzige Team im amerikanischen Profisport, das als Non-Profitorganisation  seinen Fans gehört. Über 112.000 Menschen sind Stakeholder der Packers.

Packers? Ein merkwürdiger Teamname. Die Herkunft ist so simpel wie einleuchtend: Die Gründerväter um Curly Lambeau brauchten ohne Finanzspritze durch einen Besitzer Schotter. Und den steuerte ein Unternehmen bei: Die Indian Packing Company. Daher rührt auch der Name „Packers“.

Und die Packers waren erfolgreich – sehr sogar. Bis Ende der 40er holten sie sechs Meistertitel unter Lambeaus Ägide. Lambeau? Dürfte jedem Footballinteressierten ein Begriff sein. Curly Lambeau zu Ehren wurde nach seinem Tod das Stadion der Packers in „Lambeau Field“ umbenannt. Es gilt als eines der legendärsten in Amerika.

Ein 70.000 Zuschauer fassendes Stadion in einer 100.000 Einwohner fassenden Stadt. Und nicht nur immer ausverkauft, sondern mit über 80.000 Menschen auf der WARTELISTE für Saisonkarten ein Ort, der im Lauf der Zeit zu einem Mythos hochstilisiert worden ist, ähnlich wie ein Bernabeu-Stadion in Madrid.

Ende der 50er kam mit dem charismatischen Vince Lombardi ein neuer Erfolgscoach, der die Packers in den 60ern unter QB Bart Starr und RB Paul Hornung zur absoluten Großmacht heranzüchtete.

Vince Lombardi Trophy, Super Bowl

Vince Lombardi Trophy - ©Wikipedia

Lombardi? Lombardi? Auch das wird der geneigte Football-Fan schon einmal gehört haben. Oder auch nur der Schönwetterzuschauer. Und das wohl deswegen: In der Super Bowl wird um die Vince Lombardi Trophy gespielt, benannt nach eben diesem Coach. Als Ende der 60er AFL und NFL begannen, den Meister der Meister auszuspielen, gewannen Lombardis Packers die ersten beiden Auflagen dieses Duells. Die ersten beiden Super Bowls, auch wenn sie, wie wir mittlerweile wissen, damals offiziell noch keine „Super Bowls“ waren.

Nach Lombardis Tod verschwanden die Packers gut ein Vierteljahrhundert in der Versenkung. Aber eines ist im kleinen Green Bay immer schon gelungen: Man hatte charismatische Leute am Ruder, Publikumslieblinge, die ganz wesentlich zum Erfolg beitrugen. In den 90ern ging es mit den Packers wieder aufwärts und das lässt sich an einigen berühmten und weniger berühmten Spielern festmachen.

Mike Holmgren zum Beispiel, dem stets grimmig dreinschauenden, dicklichen Head Coach, der quasi als erste Amtshandlung 1992 Brett Favre von den Falcons einkaufte. Favre sollte von Beginn an eine der sensationellsten Serien durchspielen, die es jemals gegeben hat: Über 18 Jahre verpasste der QB kein Spiel. Favre wurde zum Liebling in Green Bay, im hohen Norden, im ganzen Land. Auch Männer wie der „Prediger“ DE Reggie White oder der unglaublich fette DT Gilbert Brown waren massiv daran beteiligt, dass im Jänner 1997 die Vince Lombardi Trophy erstmals nach Green Bay „heimkehrte“. Seither sind die Packers stets Playoff-Anwärter.

Was die Packers ausmacht – spielerisch

Seit 2006 ist Head Coach Mike McCarthy in Green Bay am Ruder. Was McCarthy mit seinem Gegenüber Mike Tomlin teilt: Er geht in der Diskussion um die beiden Mannschaften völlig unter. Obwohl Green Bay seit Jahren nahe am Titel dran ist: McCarthy ist nicht in der Diskussion.

Das waren andere: Brett Favre zum Beispiel. Der trat 2008 zurück und GM Mike Tannebaum installierte blitzschnell den QB Aaron Rodgers als Nachfolger. Rodgers hatte jahrelang als Packers-QB in spe gewartet. Als Favre doch weitermachen wollte, hielt man in Green Bay am jungen Rodgers fest und verjagte das Idol Favre – ein Skandal.

Rodgers spielte von Anfang an super, zumindest statistisch. Im ersten Jahr schaute wenig bei rum, aber 2009/10 geigten die Packers mächtig auf. Rodgers ist schneller als erwartet das Gesicht der Packers geworden, obwohl Rodgers kaum Reibungspunkte bietet, sieht man von seiner (mutmaßlichen) Freundin ab. Nach der Verletzung von RB Ryan Grant im ersten Saisonspiel 2010/11 darf man getrost insistieren: Green Bays Offense ist zu 90% Aaron Rodgers.

In den Playoffs hat sich dank des völlig unbekannten RB James Starks eine Laufspiel-Komponente dazugeschwindelt. Starks hat maximal durchschnittliche Zahlen (3,8yds/Lauf), aber Starks sorgt wenigstens für ein bisschen Entlastung und dafür, dass sich keine Defense allein auf das Passspiel einschießen kann. Das gibt Rodgers hinter einer suboptimalen Offensive Line genug Möglichkeiten, seine Receiver auszugucken. Die Armada ist trotz des Ausfalls von Top-TE Finley groß: WR Greg Jennings (1265yds, 12 TDs), WR James Jones (679yds, 5 TDs), Jordy Nelson (582yds, 2 TDs), Oldie-WR Donald Driver (565yds, 4 TDs), RB Brandon Jackson (342yds, 1 TD) und eine Handvoll Role Players.

Die Defense galt nach dem Ausfall von MLB Barnett als eher namenlos. Angeführt vom DefCoord Dom Capers hat sich die gesamte Unit (2009 #2 der NFL, allerdings mit totalen Kollapses gegen Pittsburgh (sic!) und Arizona) ab Mitte Oktober gewaltig gesteigert. Sie zeichnet sich durch starken Zug zum QB aus. Green Bay spielt 3-4, bringt aber mit DT B.J. Raji und DE Cullen Jenkins (soll am Sonntag fit sein) starken Druck schon mit der Defensive Line zustande.

Auf Blitzes geschickt werden häufig DE/OLB Clay Matthews jr. (oder eigentlich Matthews III) und CB Charles Woodson, die bekanntesten Namen der Defense. Beide sind effizient: Während Woodson ein außergewöhnlich kompletter Spieler (Deckung und Blitzes) ist, macht Matthews auch noch die Sacks (14 in der Reg. Season, 3 in den Playoffs). In der Secondary lauert mit CB Tramon Williams ein Mann, den einst keiner wollte: Intelligenter Bursche, der ein Näschen entwickelt hat und in den Playoffs die Bälle anzieht (3 INTs).

Was die Packers ausmacht – Die Schlüsselspieler

Aaron Rodgers, QB Green Bay Packers

Aaron Rodgers - ©Flickr

Aaron Rodgers. Ich habe es oft genug gesagt: Ich habe mich in den Spieler Aaron Rodgers verknallt. Hoch intelligenter Bursche und es ist ein Genuss, ihm in der Pocket zuzusehen. Rodgers wird nicht nervös, auch wenn mal eine Ladung Defensive Backs in sein Gesichtsfeld geschickt wird, sondern macht seine drei Tippelschritte und bringt trotzdem einen rattenscharfen 35yds-Pass an. Rodgers zeichnet blindes Verständnis mit seinen Receivern aus und ist zudem sehr beweglich, kann auch selbst scrambeln (über 300yds heuer) und ist dementsprechend auch nicht schüchtern, wenn es darum geht, die Pocket zu verlassen. Rodgers ist kein Lautsprecher. Ich könnte kein Interview von Rodgers aus dem Stehgreif aufrufen. Aber ein fantastischer QB. Wäre er Fußballer und Stürmer, man würde sagen: Er hat derzeit einfach einen Lauf. Oder man drückt sich wie dogfood/Allesaussersport aus:

2008 zeigte [Rodgers] aber so viel Potential, dass die Packers seinen Vertrag bis 2014 verlängerte, 2009 verbesserte er sich nochmals und 2010 hat er dann endgültig sein Coming Out und und wird derzeit in den Playoffs als heißer wie Frittenfett gehandelt.

Ich nenne die Rubrik „Schlüsselspieler“, aber anstatt WR Greg Jennings kommt an der Stelle WR Donald Driver dran. Driver ist seit gefühlt zwei Jahrzehnten in der NFL dabei (ist es tatsächlich erst seit 1999??) und hat fast ausnahmslos 1000-1200yds/Jahr gefangen und 6-9 TDs/Saison. Ein Muster an Beständigkeit, ohne die Krönung: Vor drei Jahren machte Driver einen extrem langen TD im NFC-Finale, aber das haben die Packers dann am Ende trotzdem – und verdient – verloren. Driver ist ein Mann, dem ich den Titel (wie Rodgers) von Herzen vergönnen würde. So lange dabei, so viel Beständigkeit und so ruhig geblieben. In Zeiten, in denen ein #85, ein Terrell Owens oder ein Randy Moss Woche für Woche rumzicken, eine Wohltat.

Die eigentlichen Heroen spielen aber in der Defense. Angefangen mit dem lange unbedachten NT B.J. Raji (sprich: Radschi). Raji macht die Mitte des Spielfeldes platt und fungiert in der Offense als Vorblocker/Goal-Line-Fullback für die Running Backs. Im Halbfinale returnierte „Big Man With The Football“ Raji einen Ball zum Touchdown. Der Unterschied beim 21-14 Sieg.

Superstar der Defense ist OLB Clay Matthews jr., den die Wortspielkönige schon HurriClayne getauft haben. Nicht nur wegen der wehenden Haare nicht ganz aus der Luft gegriffen, angesichts solcher Bilder:

Die Familie ist footballverrückt: Der Opa spielte in der NFL, Vater Clay war mehrfacher Pro Bowler, Onkel Bruce ist als einer der besten Offense Liner aller Zeiten und Hall of Famer. Bruder Casey hat vor ein paar Wochen das College-Football-Endspiel verloren. Jetzt soll der fällige Titel für die Familie eingesackt werden. Clay itself ist Spätzünder: Am College (USC) spielte er ohne Stipendium, ging als walk-on zum Footballteam. 2010/11 bekam er die zweitmeisten Stimmen bei der Wahl zum Defensivspieler des Jahres. Der spielt am Sonntag auf der anderen Seite: Troy Polamalu.

Letzter im Bunde der Star-Verteidiger: CB Charles Woodson, einst alles überragender Cornerback in Michigan und Gewinner der Heisman Trophy, was für Verteidiger eine absolute Rarität darstellt. In Oakland jahrelang in einem dahinsiechenden Team, aber seit seinem Wechsel nach Green Bay hat sich Woodson zu einem kompletten Cornerback entwickelt, der alles kann: Enge Deckung, INTs abfangen, Blitzing. Woodson hat vor fast einem Jahrzehnt mit den Raiders eine furchtbare Superbowl-Schlappe einstecken müssen. Diesmal hat er eine Chance, mit 34 Jahren doch noch Superbowl-Champ zu werden.

Noch ein sentimentaler Held: RB John Kuhn, schon ein Ringträger (vor Jahren als Sparringspartner auf dem Trainingsplatz der… erraten: Steelers). Kuhn hat wie vor Jahren Duce Staley (richtig: auch mal ein Steeler) dafür gesorgt, dass eine ureigene deutsche Tradition in den US-Stadien Einzug gehalten hat: Das lange UUUUUUUUUUUUUUUU. Was hierzulande ein Rudi Völler ausgelöst hat, passiert nun auch in den US-Arenen, wenn Kuhn am Ball ist. Nope – kein Ausbuhen der Mannschaft. Es ist der Tribut an John Kuhn, nicht mehr als ein situationsbedingt eingesetzter Spieler. Aber ein Publikumsliebling, und in den Playoffs ein Stimmungsbarometer: In Philadelphia und Atlanta war das lange U deutlich vernehmbar. Also waren haufenweise Packers-Fans im Stadion.

Warum ich die Packers siegen sehen möchte

Zum ersten, weil jeder mal dran ist. Pittsburgh hat eine Reihe Superbowls gewonnen. Green Bay lange keinen mehr und Rodgers, Woodson und Driver sind einfach mal dran.

Genug der Floskeln. Nachdem die US-Experten noch eine Antwort schuldig sind: Wer darf den Siegerpokal für Green Bay in Empfang nehmen, nachdem das Podium zwar gigantisch riesig sein wird, aber kaum die 112.000 Anteilseigner aufnehmen wird können? Ich tippe auf CEO Mark Murphy. Sicher bin ich mir nicht. Wir werden es am Montagmorgen wissen. Vielleicht…