New England Patriots in der Frischzellenkur 2012

  • #21 (1) Chandler Jones DE Syracuse
  • #25 (1) Dont´a Hightower LB Alabama
  • #48 (2) Tavon Wilson S Illinois
  • #90 (3) Jake Bequette DE Arkansas
  • #197 (6) Nate Ebner DB/ST Ohio State
  • #224 (7) Alfonzo Dennard CB Nebraska
  • #235 (7) Jeremy Ebert WR Nothwestern

Wie immer mit Bill Belichick ging es in New Englands War Room zu wie auf dem Basar. Von den sieben Picks, die sie letztlich gemacht haben, war ursprünglich keiner ihr eigener. Zur Abwechslung hat Darth Vader dieses Jahr aber in der ersten Runde zwei Mal nach oben getradet und mit anderthalb Pass Rushern für ausgehängte Kiefer gesorgt. Daneben gab es die üblichen Seltsamkeiten: ein Rugbyspieler; ein Talent, das drei Tage vor der Draft noch im Knast war; und ein 2nd-round pick, der nicht mal zur Combine eingeladen wurde.

DE Chandler Jones erinnert mit seinen 1,96m und 120kg unweigerlich an Jason Pierre-Paul, dessen Körperbau fast identisch ist. Auch muß er großartige Gene haben: ein Bruder spielt bei den Baltimore Ravens, ein anderer Bruder ist ein MMA-Kämpfer und in der UFC auch irgendein Champion. In ihm hat Belichick sich einen Spieler geangelt, den er immer sucht, aber so selten findet: groß (1,92m+) und positionsflexibel. Bei den Orangemen hat er DE in 3- und 4-Mann-Fronts gespielt; bei der Combine und in Workouts aber auch 34 OLB. Ebenso wie auch The Haitian Freak kommt er vor allem mit viel Talent und riesigem Potential („upside„) in die Liga. Auch wenn die Patriots für ihn in der ersten Runde nach oben tradeten (für den 27ten und den 3rd-rd pick #93), wird er wahrscheinlich nicht sofort eine große tragende Rolle spielen, sondern mit Rob Ninkovich und Brandon Deaderick den Kern der Pass-Rusher-Rotation bilden. Neben  diesen Dreien wollen da auch noch 3rd-rounder Jake Bequette, Jermaine Cunningham, Free Agent Trevor Scott, der letztjährige 6th-rd pick und Trainingsweltmeister Markell Carter sowie der andere diesjährige First Rounder, Alabamas Captain Dont´a Hightower mitmischen.

Hightower, um ihn zu bekommen schickten die Pats den 31ten Pick und einen 4th-rounder (#126) nach Denver, spielt LB innen wie außen und hat in `Bamas Nickel-D einen Stammplatz als Edge Rusher in der 4-men front gehabt. Er wird wohl auch in der komplexen und vielfältigen Patriots-D alles mögliche spielen. Er erinnert durch seinen kräftigen Körper (120kg auf 1,87m) und seine Vielseitigkeit an Adalius Thomas. Hoffentlich spielt er so wie Thomas bei den Ravens und nicht wie Thomas bei den Patriots.

Mit DE Jake Bequette hat New England dann den dritten Pass Rusher in den ersten drei Runden gezogen. Damit sind sie das Problem so heftig angegangen, wie Fans und Experten es in den letzten Jahren schon immer gefordert haben. Bequette hat fast exakt die gleichen Maße wie Jones, sieht aber dicker aus und soll auch nicht so quick und athletisch sein. Um in der stärksten College Conference gut auszusehen, hat es aber gereicht: in seinen beiden Jahren als Starter für die Razorbacks gab es eine Wahl ins All-SEC Second Team (2010) und eine ins All-SEC First Team (2011).

Vorher schon, in Runde zwei, hat Belichick einen absoluten Nobody  für das Loch in der Safety-Position gedraftet. Die Herren Experten vor den Kameras und an den Schreibmaschinen waren darob so konsterniert, daß sie sich spontan gar nicht entscheiden konnten, welches Label sie Belly dafür umhängen sollen: Genie, das mehr weiß als alle anderen oder Volltrottel „who outsmarts himself„. Tavon Wilson hatte niemand auf dem Radar, was aber erstmal nicht viel heißen muß. Das große Loch neben Pat Chung, 2nd-rd pick 2009, haben letztes Jahr so Typen wie WR Matt Slater oder Joe Sixpack von der Straße eher mäßig gut ausgefüllt. Schlechter kann Wilson gar nicht sein; außerdem ist er vielseitig einsetzbar: er hat wohl bei den Illini Cornerback, Safety und im Slot gespielt.

Zwei der drei Picks in den Runden sechs und sieben sind klassische Camp Bodies, die eine kleine Chance haben, als Special Teamer die Cuts zu schaffen. Northwesterns WR Jeremy Ebert ist ein Typ wie Julian Edelman. Nate Ebner ist ein Rugbyspieler, der es als walk-on in das Team der Buckeyes geschafft hat. Er ist zwar als Safety/Defensive Back gelistet, dort hat er aber nur eine Handvoll Snaps gespielt. Dafür soll er ein aggressiver Special Teamer vor dem Herrn sein.

CB Alfonzo Dennard galt vor gar nicht so langer Zeit als Riesentalent, das in den ersten beiden Runden vom Board gehen wird. Diesen Status hat er dann immer mehr verloren und als er am Samstag vor der Draft auch noch wegen eines tätlichen Angriffs auf einen Polizisten festgenommen wurde, war der Ofen aus. New England war das durchaus vorhandene Talent dann immerhin ein 7th-rd pick wert. Mit etwas Glück kann das ein großer Steal gewesen sein.

Überblick

Die Offense brauchte keine Verstärkung. Die schwächelnde WR-Position wurde schon während der Free Agency angegangen. In der schwachen Defense gab es durch die Verluste von DE Mark Anderson und – je nach Verlauf seines Heilungsprozesses – Andre Carter wieder ein einziges großes Loch im Korps der Quarterback-Jäger. Daneben war die Secondary unter aller Kanone. Klassische Draft nach Needs mit sechs Picks für die Schwächen. Wenn die Patriots mit diesen einen Impact Player und zwei solide Bausteine für ihre junge Defense gefunden haben, ist ihr Kader State of the Art, rosige Aussichten inklusive: aus dem Stand würde ich sagen, daß nur vier Verteidiger älter als 25 Jahre sind. DT/DE Vince Wilfork, LB Rob Ninkovich, DT/DE Gerrard Warren und LB Jerod Mayo.

NFL-Draftvorschauer 2012 nach dem Stichtag: Quarterbacks

Nach Ende der Bowl Season und dem aktuellen starken Fokus auf das Recruiting im College Football ein schaler Blick voraus auf die angehenden Jungprofis, die heuer in den NFL-Draft wandern werden. Und es wird Zeit, die Trends der letzten Jahre schön langsam ernst zu nehmen, die da wären:

  • Quarterbacks werden schnell ins kalte Wasser geworfen.
  • Running Backs verlieren massiv an Wert.
  • Jedes Team sucht seinen großen #1-Wide Receiver.
  • Tight Ends kommen als Allzweckwaffen immer stärker auf.
  • Offensive Line verliert erstaunlicherweise leicht an Bedeutung, selbst bei Teams mit jungen Quarterbacks.
  • Jedes Team außer den Patriots sucht verzweifelt Pass Rusher.
  • Vielseitige Linebacker mit Deckungsfähigkeiten gegen Tight Ends gewinnen rasant an Wert.
  • Kadertiefe im Defensive Backfield ist bedeutender denn je.

Heute mal ein Blick auf einige Quarterbacks im NFL-Draft 2012, was ich so von ihnen in den letzten Jahren College Football gelernt habe, und wo man sie vor Senior Bowl, Combine und medialer Hype-Maschine einordnen würde.

Quarterbacks

Seit rund eineinhalb Jahren ist jeder Draftguru überzeugt, dass Stanfords QB Andrew Luck der Top-Draftpick sein wird. Luck ist Sohn des ehemaligen Frankfurt-Galaxy-GMs Oliver Luck und ein sehr reif wirkender QB („der reifste seit Peyton Manning“). Das einzige, was man Luck abspricht, ist ein Raketenarm á la Stafford, dafür sagt man ihm den Charakter eines charismatischen Workaholics nach, dessen Horizont nicht an der Seitenauslinie endet und der bereits durchaus in der Lage ist, eine Defense per Audible an der Anspiellinie zu verbrennen.

Bis zum Draft ist allenfalls die Frage noch spannend, ob (oder wann) die mediale Meute verzweifelt genug ist, um Luck eine Konkurrenz aufzuoktroyieren. Heisman Trophy-Sieger Robert Griffin III von der Baylor University würde sich als leise Alternative aufdrängen, ein Instinktquarterback vor dem Herrn, fast so athletisch wie Vick und mit der Gabe, tiefe Bomben in enge Deckungen zu vervollständigen. „RG3“ gilt jedoch noch als suspekt im Entziffern von komplizierteren Abwehrformationen (Stichwort „Zone Blitzes“), hat analog zu Luck noch nicht viele wirklich exzellente Defenses gesehen.

Luck und Griffin dürften die beiden begehrtesten Subjekte sein, nachdem von der einst gehypten Breite in der diesjährigen Auswahl nach den Absagen der Matt Barkleys oder Landry Jones’ der Topf etwas seichter wurde. Als dritte Kraft dürfte sich der riesige Nick „Zottelbock“ Foles von den Arizona Wildcats etablieren, der aufgrund seiner Beweglichkeit recht nervös in der Pocket aussieht und allergisch auf Pass Rush reagiert, aber eine Rakete von einem Wurfarm besitzt. Foles hängt noch immer das Schildchen des Weicheis nach, nachdem er einst bei Michigan State den Konkurrenzkampf gescheut hatte, bekam aber in den letzten beiden Jahren enorm viele Chancen zum Passspiel, da die Wildcats meist defensebedingt schon im zweiten Viertel hoffnungslos in Rückstand Wölfe in die Luft werfen mussten.

Eher als Risikoinvestition sieht man Foles’ „Lokalrivalen“, Arizona States QB Brock Osweiler, an – der Mann, dessen unglaublich lange Arme mich immer wieder an eine Krake erinnern. Osweiler ist ein Monster von einer Statur (2,03m) mit Anlage zum „vertikalen“ Spiel, soll aber charakterlich nicht gefestigt sein und wurde nach seiner Entscheidung, schon als Junior die Uni zu verlassen, geprügelt.

QB Ryan Tannehill von Texas A&M ist auch so ein mobiler Mann, dessen sagenhafter QB-Draw gegen Oklahoma State mir immer noch in Erinnerung ist – da sieht man, warum dieser Mann einst als Wide Receiver am College rekrutiert worden war. Tannehill war letzten Herbst ein großes Thema, als er in einem Verzweiflungsmove von Mike Sherman mitten in der Saison zurück auf Quarterback geschult wurde und innerhalb weniger Wochen die Aggies von Gurken zum Topteam transformierte. Soll ein einfacher Charakter sein, aber seine Aktien dürften von einem momentan gebrochenen Fuß gehindert werden.

Bei „mobil“ wird unweigerlich auch der Name des Russell Wilson (Wisconsin) fallen, ein heuer lange Zeit hochgelobter Mann bei den Badgers, aber mit mickrigen 1,80m wohl zu klein gewachsen für einen hohen NFL-Pick. Ein Schwiegermutter-Traum, aber athletisch wenig herausstechend: QB Kirk Cousins von der Michigan State University, ein grundsolider Charakter, dem man nicht nachsagt, ein Kaliber von einem Franchise-QB werden zu können, dafür aber bedenkenlos als Third Stringer auf die Bank setzen würde. Und dann gibt es da noch den großen Kämpfer G.J. Kinne, einen persönlichen Favoriten von den Tulsa Golden Hurricane – flott bei Fuß und keinen Zentimeter zurückscheuend beim Scrambeln, aber wurftechnisch eher der Grobmotoriker.

Brandneu waren gestern die News vom Einstieg von Oregons QB Darron Thomas in den diesjährigen NFL-Draft. Oregons Quarterbacks der letzten Jahre waren im System von Chip Kelly recht austauschbar und die Offense warf Ergebnisse ab, wurscht, wer denn nun die Bälle servierte. Auch Thomas wurde bisher primär als Produkt des Systems gesehen – daher kommt die Entscheidung, das letzte Jahr College auszulassen, bei Thomas einer Sensation gleich.

Der heurige Mann aus den Niederungen der FCS (Unterstufe der Division-I) ist B.J. Coleman (1,93m), der einst einer der ersten war, der nach der Anheuerung von Großmaul Lane Kiffin bei den Tennessee Vols von Board hüpfte und lieber bei Chattanooga versauerte, als für Kiffin auch nur eine blaue Lippe zu riskieren. Coleman – sentimentaler Favorit 2012?

Die drei großen Unbekannten des NFL-Drafts von 2012 sind drei der erfolgreichsten Quarterbacks im College Football in den letzten Jahren. QB Case Keenum, der Rekordmann von Houston, muss mit dem Makel des „System-Quarterbacks“ leben. Vielleicht zur Erklärung: Keenum ist nicht der erste mit gigantischen Zahlen, spielte aber in einer Offense, die sich auf Kurzpässe verließ und praktisch kaum über die 20yds downfield ging – fehlende Arm Strength wird durch Spielintelligenz ausgeglichen, was am College funktioniert, aber in der NFL keine Chance auf den Status „Franchise-QB“ birgt. Dazu kommt Keenums Knieverletzung aus dem Herbst 2010, die die wenigen verbliebenen Interessenten abschrecken könnte.

Brandon Weeden sieht dagegen durchaus wie ein potenzieller Top-Pick aus, fällt aber wegen seiner bald 29 Lenze aus dem Rahmen – Weeden spielte jahrelang als Baseballprofi bei den Yankees, kehrte schließlich vor Jahren an die Universität zurück und führte die Oklahoma State Cowboys in den letzten beiden Jahren zu bisher ungekannten Höhen. Weeden ist keiner, der das Risiko scheut und für einen fulminanten tiefen Ball auch mal seine Großmutter verkaufen würde, aber ich halte es für eher ausgeschlossen, dass der Mann in der ersten Runde vom Tablett geht.

Zu guter Letzt – natürlich – noch Boise States Kellen Moore, der Quarterback mit den meisten Siegen in der Historie des College Football, der Mann mit dem immer gleichbleibenden unbeeindruckten, jungfräulichen Gesicht. Moore werden mehrere Minuspunkte zur Last gelegt – und das geht von seiner Körpergröße (1,83m) über seine etwas unästhetische Wurfbewegung hin zu dieser bogenlampenförmigen Flugkurve seiner Bälle. Verglichen mit Staffords rasiermesserscharfen Geschossen gelten Moores „Pässe“ (Anführungszeichen extra gesetzt) als leicht abzufangende Objekte für Defensive Backs in der NFL. Kleine Quarterbacks mit schwachem Wurfarm waren in der NFL in den letzten Jahren ausnahmslos chancenlos, zumal gegen die Hünen in der Defensive Line, vor allem auch, weil sie eine Defense weder in die Länge, noch in die Breite zu ziehen vermögen. Vielleicht gibt es trotzdem einen GM, der Moore den Ehrenpick in der zweiten oder dritten Runde verleiht, und vielleicht kommt Moore irgendwann sogar über den Status des ewigen Ersatzmannes hinaus – die Geschichte spricht aber gegen ihn.