Glaskugel 2013: Cincinnati Bengals

Wer schon immer mal einen erfolgreichen NFL-Kader backen wollte, kann dafür getrost zum Rezept der Cincinnati Bengals der letzten Jahre greifen. Man nehme zwei starke Linien, garniere diese mit jeweils ein, zwei herausragenden pass rushers und Offensive Tackles. Das verührere man mit sehr viel Talent und Tiefe auf der Cornerback-Position. Anschließend erhitzt man das alles mit einem jungen Quarterback und serviert das ganze zum Schluß mit einem A.J. Green – fertig.

Was die Bengals in den letzten drei, vier Jahren in Sachen Kaderplanung gemacht haben ist ganz großer Sport: nebenbei mal fast das gesamte Team umgekrempelt, deutlich verjüngt und einen neuen Quarterback verpflichtet. Und die Ergebnisse dieses Teams sind gut, wirklich gut: drei Playoffteilnahmen in den letzten vier Jahren. Aber mittlerweile ist man fast geneigt zu sagen: nur gut.

Defense

Das Prunkstück der Bengals ist ihre Defensive Line, die getragen wird von jeder Menge junger Athletik. In der alten Warren-Sapp-Rolle als 4-3-Under-Tackle terrorisiert Geno Atkins gegnerische Linienspieler und Quarterbacks. Er war in der vergangenen Saison der ligaweit beste Defensive Linemen (wenn man nur menschliche Footballspieler nimmt und J.J. Watt ausspart).

Stats 2012

record: 10-6
WC PO @HOU 13-19
Pythagorean: 9.9 wins
DVOA O: -1,8% (17)
DVOA D: -3,8% (10)
Sezierstunde korsakoff

Die undankbare Position des Nose Tackles bemannt der zottelige Domata Peko unauffälig zuverlässig. Man wartet aber noch darauf, daß der letztjährige 2nd-rd pick Devon Still mehr aus seinem Talent macht. Als Vierter die Rotation in der Mitte vervollständigt Pat Sims, ebenfalls unspektakulär zuverlässig.

Noch mehr Tiefe bieten die Defensive Ends. Auf der einen Seite spielt der lange Michael Johnson, der manchmal eine besenstielverschluckte Körperhaltung wie der große Sprinter und Namensvetter an den Tag legt, fast durch. Johnson hat die Explosivität eines Sprinters, aber er lebt nicht nur von seiner Physis, sondern auch von seinem hohen “Football-IQ”, der nach vier Jahren in Mike Zimmers Schule ausgezeichnet ist.

Den Platz auf der anderen Seite teilen sich Robert Geathers und Carlos Dunlap. Geathers geht nunmehr in seine zehnte Bengals-Saison und hat ganz klar den Auftrag, sich von Dunlap ablösen zu lassen. Da muß jetzt nur noch Dunlap mitspielen. Um ihm den Ernst der Lage zu verdeutlichen, hat dieser vor der Saison auch keinen neuen Vertrag bekommen, sondern das Franchise Tag. Dunlap hat alles Talent der Welt, aber nun muß ihm in Jahr vier auch der Durchbruch gelingen.

[Korrektur: Michael Johnson hat das Franchise Tag bekommen. Dunlap hat seinen noch ein Jahr lang laufenden Vertrag um fünf Weitere verlängert.  $11,7M sind garantiert; in den ersten drei Jahren des Vertrages bekommt er – sofern er nicht gecuttet wird – $21,4M plus jeweils 300k in 21015 und 2016 als workout bonus + potentiell $4,5 weitere Millionen durch escalators. Insgesamt könnte Dunlap mit diesem Vertrag $40M verdienen.]

Als Nummer vier in der DE-Rotation kommt Wallace Gilberry, der letztes Jahr mehr Sacks hatte als Dunlap (6,5 v 6). Um auch noch das letzte gegnerische Team neidisch zu machen, hat DC Zimmer in der zweiten Runde der Draft den baltischen Kolossus Margus Hunt geschenkt bekommen (auch um Dunlap noch ein bißchen mehr Feuer zu machen und zur Not gleich seinen Nachfolger im Haus zu haben). Hunt ist ein interessantes prospect, der mal den Juniorenweltrekord im Diskuswerfen innehatte, noch nicht viel von Football versteht, dafür aber 2,05m groß ist, in seinen ersten 14 Collegespielen acht Kicks geblockt und bestimmt auch schon mal einen Bären mit seinen Händen erlegt hat.

Secondary & Linebackers

Den Durchbruch schon geschafft hat Leon Hall. Hall ist unter den vielen guten Cornerbacks die Nummer Eins. Er muß sich vor keinem Wide Receiver an der Außenlinie fürchten; was ihn aber besonders wertvoll macht, ist, daß er das auch im Slot erstklassig ist. Das gibt Zimmer den Luxus, in Nickel-Situationen von dem überraschend guten Jungen Pacman Jones, dem letztjährigen 1st-rd pick Dre Kirkpatrick und I´ve-seen-it-all-veteran Terrence Newman die zwei mit der besten Tagesform aufzustellen. Definiere: depth.

Schedule

WK1 @ CHI
Wk2 vs PIT (MNF)
Wk3 v GB
Wk4 @ CLE
Wk5 v NE
Wk6 @ BUF
Wk7 @ DET
Wk8 v NYJ
Wk9 @ MIA (TNF)
Wk10 @ BAL
Wk11 v CLE
Wk12 BYE
Wk13 @ SD
Wk14 v IND
Wk15 @ PIT (SNF)
Wk16 v MIN
Wk17 v BAL

Aber auch bei den Bengals ist nicht alles Freibier und Blowjobs. Bei den Safeties dürfte Reggie Nelson seinen Stammplatz sicher haben. Er bekommt von Leuten wie PFF auch stets gute Noten, aber immer wenn ich die Bengals gesehen habe, sah er manchmal aus wie ein Patriots-Safety circa 2010. Um den anderen Platz streiten sich Taylor Mays, der seit 2011 bei mir das Label “heillos verloren in der Tiefe des Raumes” weghat; 3rd-rd pick Shawn Williams und George Iloka, den man noch aus glorreichen Boise-State-Zeiten kennt.

Und eine richtige Resterampe findet schließlich man auf der LB-Position. Problemkind Vontaz Burfict immerhin scheint in seiner Rookiesaison sein Leben umgekrempelt zu haben. Vom hochtalentierten troublemaker bei Arizona State, den vor lauter red flags niemand draften mochte, hat er sich zu Trainers Liebling gemausert. Aber erstklassig ist er nicht. MLB Ray Maualuga ist so beweglich wie ein Kühlschrank. Er ist einer der wenigen NFL-Spieler, mit denen ich manchmal Mitleid habe, wenn man wieder ein mittelmäßiger Tight End an ihm vorbeirauscht. Als dritten im Bunde finden wir hier den ehemaligen Defensive Player of the Year James Harrison. Der 35-Jährige kam aus Pittsburgh und soll jetzt 4-3-OLB spielen. Mmh. Harrison war mal einer meiner absoluten Lieblingsspieler, nur hab ich wenig Vertrauen, daß er nochmal groß aufspielen kann.

Dahinter kommen im depth chart noch ein paar Rookies und einer der größten 1st-rd busts aller Zeiten: Aaron Maybin. Hier sind die Bengals verwundbar.

Offense

Auch auf der offensive Seite überzeut Cincinnati mit einer starken Linie. Left Tackle Andrew Whitworth läßt nur in Schaltjahren mal einen Sack zu und ist wohl nur noch under the radar, weil sein Name so schwierig zu buchstabieren ist. Auf der anderen Seite ist Andre Smith dermaßen überzeugend, daß er sich schon seit seinem Willkommensholdout  ein paar Sperenzchen und Übergewicht im Sommer erlauben darf.

Wenn die Jungs von Pro Football Focus über die Rookiesaison des Right Guards Kevin Zeitler schreiben, müssen sie danach die Unterhose wechseln. Mit Whitworth, Smith und Zeitler fällt mir aus dem Stegreif auch kein anderes Team ein, daß drei blue chipper in der Offensive Line hätte.

Dazu kommen noch die erfahrenen Kyle Cook und Clint Boling, die mit dem 23-jährigen Trevor Robinson nun angeblich auch noch hochtalentierte Konkurrenz haben. Positiv untypisch ist auch, daß mit Dennis Roland, Travelle Wharton und Mike Pollak vergleichsweise alte Recken, die alle schonmal irgendwo starter waren, die Kadertiefe sicherstellen. Again – define: depth.

Mit dieser OLine hat das Paßspiel ein bombensicheres Fundament. Selbst wenn QB Andy Dalton nicht den berüchtigten “nächsten Schritt” macht, ist ein völliges Einbrechen ausgeschlossen (solange kein schwarzer Schwan im Paul Brown Stadium nistet). Der Angriff war letztes Jahr NFL-weit gutes Mittelfeld – und das in einer Division mit Steelers und Ravens.

Skill Positions

Allerdings ist der Paßangriff extrem abhängig von einem Wide Receiver (das ist gemeinhein ein beliebtes Brutgebiet der schwarzen Schwäne). Solange A.J. Green fit ist, wird er wieder seine 100 Bälle fangen und hin und wieder ein Spiel mit überragenden Sololeistungen alleine entscheiden können.

Daneben sind im WR-Corps nur Jungs, die erst seit wenigen Monaten das Wunder des legalen Alkoholkonsums genießen dürfen. Mohamed Sanu hat in seinen acht Spielen explosive Ansätze gezeigt, macht aber nicht den Eindruck, mal Pro Bowler zu werden wenn er groß ist. Der kleine Andrew Hawkins ein Randall-Cobb-Typ, nur ohne das ganz große WOW!. Dann wirds dünn: Marvin Jones, 22 Jahre alt und 18 catches in 11 Spielen, und Brandon Tate, Special-Teams-Ass, aber WR-Krücke, werden wahrscheinlich im Kader bleiben. Man hofft in Ohio noch, daß ein Rookie im Camp groß aufspielt und hat auch wieder Dane Frikkin´ Sanzenbacher im Trainings Camp.

Stabilität sollen die Tight Ends in das Paßspiel bringen. Der große Jermaine Gresham ist zwar in seinen drei Jahren in der Liga nicht der neue Jimmy Graham geworden, aber für 60 catches pro Jahr ist er konstant gut. Als weitere Hilfe für QB Dalton wurde dieses Jahr Tyler Eifert in der ersten Runde gedraftet. Eifert wurde weithin als bester Tight End der letzten NCAA-Saison gesehen. Als dritter Tight End ist Orson Charles dabei. Der letztjährige 4rd-rd pick gilt weiterhin als Geheimtip. Was auch immer das heißen mag.

Um Daltons Rundumwohlfühlpaket komplett zu machen, bekam er in der diesjährigen Draft einen Running Back in der zweiten Runde. Giovani Bernard soll das workhorse werden, wird sich wahrscheinlich aber erst mal die carries mit dem durchschnittlichsten aller Durchschnitts-RBs, Ben Jarvus Green-Ellis, und dem alten 3rd-down back Brian Leonard teilen.

Ausblick

Das erste Mal seit 30 Jahren haben die Bengals in zwei aufeinanderfolgenden Saisons die Playoffs erreicht. Neben dem sehr guten Kader ist dafür auch Stabilität auf der Position des Cheftrainers grundlegend. Marvin Lewis ist seit nunmehr 10 Jahren am Ohio River.

Nach drei Playoffteilnahmen in vier Jahren wäre alles andere als ein erneuter Platz in der Endrunde eine Enttäuschung. Die Aussichten sind rosig in Cincinnati: entweder zeigen die Bengals einmal mehr, daß man auch ohne guten QB eine starke Division wie die AFC North gewinnen kann. Oder Dalton macht den “nächsten Schritt” – dann ist noch viel mehr drin.

Cincinnati Bengals in der Frischzellenkur 2012

  • #17 (1) CB Dre Kirkpatrick (Alabama)
  • #27 (1) G Kevin Zeitler (Wisconsin)
  • #53 (2) DT Devon Still (Penn State)
  • #83 (3) WR Mohamed Sanu (Rutgers)
  • #93 (3) DT Brandon Thompson (Clemson)
  • #116 (4) TE Orson Charles (Georgia)
  • #156 (5) CB Shaun Prater (Iowa)
  • #166 (5) WR Marvin Jones (California)
  • #167 (5) S George Iloka (Boise State)
  • #191 (6) RB Dan Herron (Ohio State)

Die Tiger aus Ohio waren dieses Jahr als Räuberbande unterwegs, wenn man den Auguren Glauben schenken darf. Steal um Steal wurde eingetütet und mit den beiden 1st-rd picks (den zusätzlichen gabs durch den Carson-Palmer-Trade) hat man vielleicht sogar die beiden besten Spieler auf ihren jeweiligen Positionen geangelt.

Der erste, Alabamas Dre Kirkpatrick, galt lange Zeit als sicherer Top-10 pick und auf Augenhöhe mit dem schließlich an Position sechs genommenen Stephon Gilmore. Schließlich wurde er aber durchgereicht wie weiland Prince Amukamara. Den Bengals fiel somit der dringend benötigte Ersatz für Jonathan Joseph, nach der Spielzeit 2010 für einen großen Scheck gen Houston abgewandert, in den Schoß. Kirkpatrick war ein Cornerstone Crimson Tide-D, eine der besten, die jemals ein Footballfeld betreten haben. Man darf allerdings nicht vergessen, daß Cornerbacks mit die längste Zeit benötigen, um sich an die NFL zu gewöhnen und mithalten zu können. Selten hat schon ein Rookie eine großartige Saison gespielt. Glücklicherweise haben die Bengals mit Nate Clements einen erfahrenen und soliden CB in ihren Reihen, der den Jungspund unter seine Fittiche nehmen kann. Auch Pacman Jones ist noch im Kader, von dem sollte sich Kirkpatrick allerdings nicht all zuviel abschauen; mit diesen Dreien plus No.1 Corner Leon Hall sieht die Secondary zumindest auf dem Papier sehr anständig aus.

Für die mit den junge Superstars DE Carlos Dunlap und DT Geno Atkins bestückte Defensive Line gab es gleich in Runden zwo und drei neue junge Big Bodies, auf deren Stirn groß Steal steht. Devon Steal Still und Brandon Thompson sollen die abgewanderten Jonathan Fanene (Patriots) und Frostee Rocker (Browns) ersetzen. Die Bengals mit ihrem weit über Ohio hinaus geschätzten Defensive Coordinator Mike Zimmer setzen seit Jahren auf eine 7-Mann-Rotation in der Linie, da kann man nie genügend frisches Blut haben.

In Runde 5 gabs für die Verteidigung noch weitere Verstärkung. CB Shaun Prater wird Mühe haben, einen Roster Spot zu ergattern. Aber S George Iloka wird allenthalben als großes Talent vielleicht sogar mit Pro-Bowl-Potential gesehen. Andere sagen, er kann nicht gut genug decken, was bei Safeties heutzutage immer blöd ist, da ständig „neue“ Tight Ends und Slot Receiver des Weges kommen. Immerhin ist er sehr groß und kräftig für einen Safety (1,93m, 102kg) und damit auf jeden Fall brauchbar in der Nähe der D-Line.

Für die Offense wurde zum Ende der ersten Runde Guard Kevin Zeitler verpflichtet, der wohl vor allem dem Laufspiel auf die Sprünge helfen soll. Dafür hat man in der Free Agency schon RB BenJarvus Green-Ellis und OG Travelle Wharton für teuer Geld verpflichtet. Hinten raus, in Runde sechs, kamen auch noch Boom Herrons junge Beine. Der ehemalige Star der Buckeyes sah seine College-Karriere durch einige Regelverstöße und Suspendierungen den Bach runtergehen; könnte nun also auch richtig einschlagen. Zeitler, um auf ihn zurück zu kommen, gilt als Steal und vielleicht gar bester O-Liner der diesjährigen Draftklasse, weil er OFFENSIVE LINEMAN WISCONSIN!

Schließlich ist man auch für den jungen Franchise-QB Andy Dalton noch mal in die Spielzeugabteilung marschiert und hat in den Runden 3, 4 und 5 zwei WRs und einen TE eingesackt. 3rd-rounder Mohamed Sanu ist groß und stark und kann sowohl an der Seitenlinie als auch im Slot spielen. 5th-rounder Marvin Jones soll die besten Hände aller diesjährigen WRs haben. Natürlich gelten beide als Steal. TE Orson Charles soll auch so ein „neuer“ TE sein; sicherer Ballfänger, der auch weite Wege gehen kann.

Überblick

Wenn die vielen angeblichen Steals auch tatsächliche Steals sind, gewinnen die Bengals in zwei Jahren den Super Bowl. So wird es wahrscheinlich nicht kommen. Aber es ist tatsächlich ganz großer Sport, was da in Cincinnati für ein starker, junger Kader zusammengebastelt wird. Fünf Picks in den Top 100; potentiellen Star-CB bekommen; Blue Chipper für die O-Line bekommen; neues Beef für die D-Line Rotation bekommen; neue Waffen für Dalton bekommen. Ohne kopfüber aus dem Fenstersims zu hängen, kann man schon behaupten, daß die Bengals mittlerweile vom Talent her auf einer Stufe mit ihren großen Rivalen aus Pittsburgh und Baltimore sind.