Samstagsvorschauer – 2. November 2019

Guten Morgen!

Heute geht es mit Rugby los. College Football gibt es dann ab 17h – also wegen der verzögerten Winterzeitumstellung in den USA eine Woche früher als gewohnt. Die NFL morgen findet dann wieder zu gewohnten Zeiten um 19h, 22h und 02h20 statt.

Damit lass uns beginnen. Weiterlesen

WM-Caipirinha 2014: Das war Gruppe D

Ich höre keine Autokorsi aus dem Tal, was meistens das Ausscheiden der italienischen Mannschaft von der Weltmeisterschaft bedeutet. Und was für ein Ausscheiden: Chancenlos gegen eine unterirdische uruguayische Elf geflogen, in einem der schwächsten Spiele des Turniers. Italiens Einbruch war so verheerend, dass sich selbst im Mainstream kaum Stimmen (außer jener des erregten Cesare Prandelli) findet, die dem durchaus streitbaren Schiedsrichter Vorwürfe bestreitet.

Einhelliger Tenor: Die Azzurri haben komplett versagt. Sah man in der blamablen 0:1-Klatsche gegen Costa Rica noch einen Betriebsunfall, gerät nun alle Arbeit Prandelli ins Visier. Zugegeben: Prandellis Umstellungen gingen in beiden Spielen in die Hose. Darmians Seitenwechsel erwiesen sich als Griff ins Klo; Abate wurde rein und schnell wieder rausrotiert. Der zu Turnierbeginn gegen eine schwache englische Abwehr überzeugende Candreva enttäuschte gegen Costarica, bekam gegen die Urus keine Chance mehr, weil der phlegmatische Parolo den Vorzug bekam.

Italien, schon gegen Costa Rica nach spätestens einer Stunde konditionell in den Seilen und nach 75 Minuten komplett shot, bot gegen Uruguay erneut eine peinliche Vorstellung. Es gab kaum Versuche, Offensiv-Aktionen zu setzen. Stattdessen stellte man sich hinten rein und war nach dem 0:1 zu keiner Reaktion mehr imstande. Lag es an der berechtigten roten Karte (man schaue sich das Nachtreten direkt vor dem Schiri an) für Marchisio? Kaum, denn auch vor dem Platzverweis waren Offensivbemühungen ein zartes Pflänzchen.

Hernach übte der heute rehabilitierte Buffon dann auch noch deutliche Kritik an der jungen Spielergeneration, und meinte dabei wohl vor allem den komplett durchgeknallten Balotelli, der auch heute wieder am Rande eines Platzverweises wandelte und notgedrungen ausgewechselt werden musste. Das sind Nachwehen von Trainern, die große Ethik-Kodexe ausrufen nur um sie nach dem ersten Vergehen zu widerrufen. Das sind Abbilder einer italienischen Kultur der Verdrängung, die sich seit vielen Jahren im Staate nicht mehr verdrängen lassen, und die mittlerweile auch im Fußball wohl nicht mehr verdrängt werden können.

Ich bin überrascht von der minderen Qualität des italienischen Gebotenen. Ich hatte von dieser Mannschaft deutlich mehr erwartet. Es hatte eigentlich gut begonnen gegen England, und war danach völlig eingebrochen. Das Aus hat auch was Gutes für Italiens Fußball: Es gibt erneut die Chance, sich zu überdenken, und letztlich erspart man sich ein null zu vier im Achtelfinale gegen Kolumbien.

Uruguay wird Zweiter. Das ist bemerkenswert, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Meter man nach dem Auftaktspiel gegen Costa Rica schon unter der Erde lag. Das war eine Mannschaft, die nicht mehr zuckte. Komplett tot. Dann reagierte Coach Tabarez, verbannte die desolate alte Garde um Forlan und Lugano aus der Startelf und wurde mit zwei besseren – nicht guten! – Vorstellungen gegen England und Italien belohnt.

Tabarez ließ in den beiden Spielen eine Art 5-3-2 spielen, mit einem zuletzt nach innen gezogenen Caceres in den Abwehr. Das funktionierte um Welten besser als die starre 4-4-1-1 Formation zum WM-Beginn. Besonders gut war’s trotzdem nicht. Man ist zwar bissig, aber spielerisch können die Urus nix. Sie sind ein reines Zufallsprodukt und gehören in dieser Form in kein WM-Achtelfinale, aber immerhin zeigten sie Willen.

Die Drama-Queen Suarez ist auch so ein Sonderfall. Sportrecht ist zu kompliziert und zu undurchsichtig, um es heranzuziehen, daher können wir es uns in diesem Falle einfach machen und populistisch den einzigen richtigen Schluss fordern: Suarez aus dem Verkehrt zu ziehen.

Der Staffelsieger der Gruppe D ist wie vor der WM von allen erwartet Costa Rica. Diese Jungs sind eine fantastische Geschichte. Verdient nacheinander Uruguay und Italien geschlagen, und mit viel Glück einen Punkt gegen England geholt. Spielerisch ist das ausbaufähig, aber sie rennen bis zum Umfallen und sind auch in der Lage, kluge Gegenangriffe zu setzen – wohlgemerkt „klug“, nicht „schnell“, dafür fehlt diesem Team die Qualität. Costa Rica baut auf eine bockstarke Defensive und ein 5-2-3 System, in dem man vorne viel Vertrauen in die Qualitäten vom Stürmer Campbell legt, der bereit ist für höhere Aufgaben. So viele Fünferketten in nur einer Gruppe, da wirst du ganz wuschig.

Die einzigen, die ohne spielten, wurden abgeschlagene Letzte: England. Aber halt: So schwach waren die Engländer nicht. Die guten Ansätze hatte ich schon in den letzten Tagen diskutiert, und ehrlicherweise muss man ihnen auch einen großen Batzen Pech zugestehen. England spielte erfrischend, und auch wenn dabei ganze zwei Tore heraussprangen, so sehe ich durchaus Potenzial für mehr.

Man war sicher naiv, und das 4-2-3-1 ist vor allem in der Mittelfeldzentrale noch zu schwach (oder zu alt?) besetzt, und die komplette linke Abwehrseite erwies sich als Knackpunkt, aber diese jungen Offensivspieler sind alle Hoffnungsträger. Ohne soweit gehen zu wollen, den Engländern schon in zwei oder vier Jahren Titelchancen zuzutrauen, aber: Die Richtung stimmt dort. Trotz des Ausscheidens gegen zumindest zwei Mega-Enttäuschungen des Turniers (Italien, Uruguay).

Nachtrag: Kaum sinniert, erklären Prandelli und Verbandspräsident Abate ihre Rücktritte in der Pressekonferenz.

WM-Caipirinha 2014: Italien – England | Gruppe D

Siebtes Spiel der WM, und auch Italien vs England konnte man sich sehr gut ansehen: Zwei variantenreiche, gut eingestellte Mannschaften. Italien gewann, aber es hätte durchaus auch ein Remis geben können, oder einen englischen Sieg. Der Unterschied im Ergebnis war, dass Balotelli den Kopfball reinmachte, und Rooney ein paar Minuten danach freistehend knapp verzog. Oder England 1-2 „pfeifbare“ Elfmeter nicht bekam. Okay, Italien hatte zweimal Lattenschüsse. Aber England hielt gut mit.

England war die von mir erwartete sympathische Mannschaft: In dem 4-2-3-1 war man immer dann gefährlich, wenn man á la Deutschland 2010 schnell von hinten raus spielen konnte und mit den geschwindigen Offensivspielern die italienischen Abwehrspieler an- und überlaufen konnte. Auf die Weise fiel auch das sehenswerte englische Ausgleichstor: Balleroberung im Mittelfeld, Sterling mit dem tiefen Pass für Rooney, tolle Flanke, und am langen Pfosten erläuft Sturridge mit Willenskraft den Ball und schiebt ein.

Englands Offensive wirkte noch nicht überragend eingespielt. Als man in der zweiten Halbzeit das Spiel machen musste und ein sanftes Power-Play aufzog, wurden die Limits dieser Mannschaft schon klar offengelegt. Man schien auch konditionell nicht mehr topfit zu sein, aber der Spielort war auch Manaus, einer der krassesten Orte. Auffallend war auch, dass von den eingewechselten Spieler maximal Barkley einen temporären Schub brachte, Wilshere und Lallana verpufften wirkungslos.

Ein taktisches Mittel der Engländer schien auch der Fernschuss zu sein – das wirkte aber wie eine Taktik, die Hodgson auf einen Goalie Buffon ausgegeben hatte, fast so, als hätten die Engländer den Tormannwechsel bei den Azzurri nicht mitbekommen.

Schwachpunkt von beiden Mannschaften war ganz klar die jeweils linke Abwehrseite. Bei den Engländern wirkte Baines überrumpelt. Rooney und später Barkley machten quasi nichts nach hinten und legten diese Seite bei den Engländern immer wieder frei. Überhaupt gingen die Engländer in der Defensive auch schon in Halbzeit 1 erstaunlich passiv auf den Ballträger. Da war kein aggressives Pressing, das war übelstes Abwarten, und Marchisio und Verratti konnten immer wieder in den Strafraum hineinspielen. Ich dachte mir, das ist vielleicht clever um Kraft zu sparen, aber später war England auch so platt, deswegen bleibt es eines der komischen Bilder des Abends.

Auch Italien hatte links hinten Probleme. Als nomineller Linksverteidiger war #3 Killerini aufgestellt, der sich anfangs zweimal nach vorne wagte, aber danach fast immer hinten blieb, aber für einen Welbeck – obwohl nicht in Bestform befindlich – zu langsam ist. Wirklich oft nach vorne ging bei den Italienern nur der überzeugende andere AV, der Rechtsverteidiger Darmian in seinem zweiten Länderspiel – ein guter, mutiger Mann.

Ich möchte dann weiters bei den Italienern den IV Paletta in einem Spiel gegen einen noch besseren Gegner sehen – hier wackelte man. Gegen schnelle Offensivformationen ist Italien hinten verwundbar.

Ansonsten: Abgezockte, typische italienische Leistung. Wir bekamen hier das Erwartete serviert. Pirlo gibt weiter den Taktgeber, wird extrem häufig angespielt, aber Pirlo hatte trotz der passiven englischen Defensive nur bedingte Erfolge (z.b. beim einstudierten Eckball zum 1:0). Es bleibt der Eindruck, dass Italien in Gruppe D locker durchgehen wird, und England gegen Uruguay durchaus zu favorisieren sein wird.

Europas Zöglinge in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Nach den drei europäischen Fußball-Supermächten und der zweiten Garnitur Europas wollen wir die letzten Vertreter unseres Kontinents zur WM 2014 natürlich auch gebührend einführen. Es sind sechs Nationen, die jede für sich nicht die individuelle Klasse besitzt um ernsthaft in ein Titelrennen eingreifen zu können, die aber auf ganz eigene Wege Türen zu einer Überraschung suchen.

England

Die stolzen Engländer gehen mit viel Kleinschiss ins Turnier: Man traut der eigenen Mannschaft so gar nix zu. Dabei wäre vor allem der offensive Part dieser Mannschaft personell gar nicht so schlimm besetzt. Coach Hodgson hat in den letzten zwei Jahren viel daran gearbeitet, eine positivere Spielweise im Vergleich zur doch eher (notgedrungen) destruktiven EURO 2012 einzuführen. Der Pragmatiker Hodgson gilt als Anhänger der offensiv-pressinglastigen Spielsysteme, wie sie heuer Teams wie Liverpool in der Premier League praktizierten.

Man sagt Hodgson nach, ein 4-3-3 spielen zu wollen, mit einem Rooney in der Rolle des offensiven Mittelfeldmanns – man könnte das System durchaus auch als 4-2-3-1 auslegen. Als ausgemacht gilt, dass der famose Sturridge als vorderster Stürmer spielt. Von den Flanken könnten Leute wie die 19jährige Granate Sterling und der andere Überraschungsmann der Saison, Lallana von Southampton, kommen. In der Mittelfeldzentrale ist nur Kapitän Gerrard gesetzt. Sein Nebenmann wird tendenziell eher ein defensiv ausgerichteter Mann sein.

Probleme personeller Natur haben die Engländer in der Abwehr und im Tor: Hier ist man nicht wirklich hochklassig besetzt. Einige der bekanntesten Namen der letzten Jahre (Ferdinand, Terry, Cashley) sind hier aus verschiedenen Gründen (u.a. Team-Chemie) seit Jahren kein Thema mehr. Wenn ein Cahill als Defensiv-Anker herhalten muss, dann vui Spaß. Tormann Hart ist… ein englischer Tormann.

Ich finde den ersten Anzug der englischen Offensive durchaus attraktiv sehenswert. England wird auf alle Fälle proaktiver spielen als von den letzten Turnieren gewohnt. England wird durchaus einige Varianten im Offensivspiel anzubieten haben. England wird mit Jungs wie Sterling, Lallana, Sturridge oder Ricky Lambert auch wieder ein Team stellen, für das man sich erwärmen wird können – das hatte ich seit meiner ersten großen WM 98 nicht mehr. Das Überstehen der Vorrunde ist mit Uruguay und Italien kein Selbstläufer, aber sollten die Engländer das schaffen, kann es dank günstiger Auslosung durchaus auch schnell ins Viertelfinale gehen.

Schweiz

Das eidgenössisch-internationale Ensemble von Ottmar Hitzfeld ist einer dieser Hidden-Champs der WM: Ein Team, das als Gruppenkopf ins Turnier geht und eine gute Gruppe erwischte, eine attraktiv spielende Mannschaft aus einem sehr kleinen Land. Man kann es gar nicht hoch genug einschätzen, wie diese Schweizer in so vielen Sportarten immer wieder mehr als respektable Produkte auf die Beine stellen.

„Gruppenkopf“ mag dieses Team vielleicht leicht überschätzen, aber so viel dann auch wieder nicht: Man absolvierte die Qualifikation souverän und schaffte den Cut weg von der unansehnlichen, harmlosen 2010er-Version, die nach dem Zufallstreffer gegen die Spanier so gar nichts mehr zustande brachte. Hitzfeld dachte wohl in der Folge um, implementierte ein 4-2-3-1 und lässt seither einen wuschigen Mix aus Ballbesitzfußball und Kontertaktik laufen. Man ist sowas wie „Deutschland 2010“ light geworden, mit klar trennbaren Gefilden.

Hinten stehen die Routiniers um Djourou oder Senderos, mit einer erfahrenen, knüppelharten Mittelfeldzentrale um die Napoli-Legionäre Inler, Behrami und Dzemaili im besten Alter vorgeschaltet. Vorne wirbelt die Youngsters: Bayerns Kampfgnom Shaqiri über den rechten Flügel, Stocker über links, Xhaka hinter der Spitze, die in den letzten Spielen fast ausschließlich vom 22jährigen Seferovic aus der spanischen Liga gespielt wurde. Das ist ein Offensiv-Quartett von mehr als internationalem Format.

Shaqiri wird hinter sich vom halsbrecherischen Lichtsteiner abgesichtert. Lichtsteiner ist ein sehr geachteter Juve-Flankenläufer, der zwar technisch nix drauf hat, aber sich mit seiner kompromisslosen Art Respekt verschafft, und so ist diese rechte Seite durchaus eine der großen Stärken. Der linke Flügel fällt im Vergleich etwas ab, aber das ist nicht so schlimm: Man sichert hinten gut ab und läuft nicht Gefahr, zwei, drei Gegentore im Spiel zu kassieren.

Hitzfeld hat leider keine Kadertiefe zu bieten. Mit zwei, drei Backups mehr im Gebälk hätte ich diese Mannschaft sofort in die Reihe mit Holland und Frankreich gestellt, aber nach der Topelf lässt die Qualität schnell nach. Trotzdem: Das Achtelfinale wäre keine überaus große Überraschung, und sollte es sogar als Gruppensieger erreicht werden, würde man wohl den Argentiniern aus dem Weg gehen.

Kroatien

Die Kroaten stellen eine ganz eigene, launige wie launische Mannschaft: Technisch extrem beschlagen, kampfstark, aber dann wieder so lethargisch, dass man sich fragt wie so eine Mannschaft geführt wird. Vor zwei Jahren dachte ich mir nach einem begeisternden Qualisieg über die Serben, Mann, was für ein Team! Ein Jahr später war der Coach jener Mannschaft, Stimac, sang- und klanglos gefeuert: Zu viel Experimentieren, zu wenig Esprit. Der neue Coach ist der früheren Bundesligaspieler Niko Kovac, bisher wenig als Trainer in Erscheinung getreten.

Die Stärke der Kroaten ist eher in der Offensive zu finden: Mittelstürmer Mandzukic ist einer der besten spielenden Stürmer, die du finden wirst, und er kriegt oft Unterstützung durch eine wühlende hängende Spitze, zumeist Olic, oder offensive Außenspieler wie Perisic. Mandzukic kann einer der wertvollsten Angreifer im Weltfußball sein, aber er wird ausgerechnet im größten Spiel der Kroaten fehlen: Im Eröffnungsspiel gegen Brasilien am Donnerstag – eine Rote Karte in der Quali sei „Dank“. Wer sein Ersatz sein wird, darüber kann man aktuell nur spekulieren, wenn es auch eine wahnsinnig gute Geschichte wäre, wenn es Eduardo da Silva würde – jener Brasilianer, der einst von den Kroaten eingebürgert die Hoffnungen einer ganzen Nation trug, bevor er von einem englischen Abwehrtreter fast den Haxen abgeschlagen bekam. Das ist Jahre her, Eduardo ist längst kein europäischer Oberklassestürmer mehr, aber ein Einsatz gegen Brazil wäre eine Top-Geschichte.

Kovac hat vor allem im Mittelfeld ein Luxusproblem: Mit Modric, Rakitic und Kovacic gibt es gleich drei fantastische Zauberzwerge, die du aber nicht wirklich alle zugleich bringen kannst, weil sie dann zusammen zwar dem Gegner Knoten in die Füße dribbeln, aber gegen den Ball schlicht überrannt werden: Dreimal technische Sahne, dreimal so physisch, da ist Monty Burns ein Brecher dagegen. Kovacic spielte sich bei Inter in einen Rausch, nachdem so viele so lange seinen Einsatz gefordert hatten, aber es ist schwer vorstellbar, dass er an den anderen beiden nach ihren Super-Saisons vorbeikommt.

Schwierig vorstellbar, dass Kovac alle drei zugleich bringt, wenn der einzige körperlich robuste Feinmotoriker Krancjar ausfällt – ein echter Sechser ist wahrscheinlicher. Zumal die Abwehr zwar im RV Srna einen international erfahrenen Captain hat, aber in der Innenverteidigung auf den alten Fascho Simunic (Nazi-Sperre) verzichten muss, und so neben Corluka eine klaffende Lücke entstanden ist.

Keine Ahnung. In lichten Momenten sind die Kroaten einer belgischen Mannschaft ebenbürtig. Aber diese kollektiven Aussetzer machen es für mich schwer. Die Physis ist nicht wirklich da. Überraschungen traue ich diesem Team genauso zu wie ein schnelles Vorrundenaus.

Bosnien-Herzegowina

Die Bosniaken kommen! Während in der Heimat alles in den Fluten versinkt, versucht sich das kleine Bosnien – endlich – in einem großen Turnier, das zuletzt so oft so knapp verpasst wurde. Jetzt darf man gespannt sein, was hinten raus springt: Das Team ist durchaus höchst attraktiv, aber oft auch etwas naiv und anfällig für Bolzen, die auch eine österreichische Mannschaft so häufig schießt – allein: Bosnien hat die bessere Offensive. Auf der anderen Seite: Bosnien hat genau null Möglichkeiten, seine Stammelf mit halbwegs gleichwertigen Backups zu ergänzen.

Mit den Bosniern zerbrach mir anno Neun das Herz, als sie Portugal in den WM-Playoffs abschossen, aber statt ins Netz nur die Pfosten tragen. Dann, zwei Jahre später, wieder das knappe Quali-Aus, trotz einiger fantastischer Spiele wie einer Partie, in der man Frankreich in Saint-Denis eine halbe Stunde lang komplett an die Wand spielte. Jetzt endlich ist man dabei. Und hofft, wenigstens eine gute Figur abzugeben.

Der Coach ist der international wenig bekannte Safet Susic, der das kleine Team in ungekannte Höhen führte. Susic ist ein Verteter davon, die besten Jungs aufzustellen und zu hoffen, dass sie irgendwie ein rundes Gesamtbild abgeben. Er muss um einen instabilen Defensivverbund herumbasteln, der extrem anfällig gegen schnelle Gegenstöße und für eigene leichte Ballverluste ist. Er installierte zuletzt sogar den Schalker Kolasinac um die Zentrale zu stärken, und Kolasinac avancierte mit seiner Laufbereitschaft zu einem kleinen Nationalhelden.

Vorne wirbeln die Big-Three: Misimovic hinter den Spitzen, und ganz vorne Dzeko und Ibisevic. Ibisevic wird gerne nominell als Flankenspieler auf rechts aufgestellt, trabt dann aber gerne dem Dzeko auf die Füße. Richtiger Flankenläufer ist in Bosniens Elf sowieso ein anderer: Lulic, der rechte Mittelfeldmann, ein Arbeiter mit einem fassungslosen Laufpensum, der sich bei mir längst ins Herz gerannt hat.

Bei den Bosniern sind oft drei Aggregatzustände erkennbar: Wenn es läuft, presst diese Mannschaft minutenlang und kann wahnsinnig schnell nach Balleroberung umschalten. Dann aber werden immer wieder saudumme Ballverluste eingestreut, die die zu langsame Abwehr nicht auffangen kann, und es wird gefährlich. Und dann gibt es die Tage, an denen nix geht: Da fällt die Mannschaft auseinander, und wenn dann Dzeko nach einer dreiviertel Stunde es aufgegeben hat, sich als Quasi-Sechser seine Bälle selbst nach vorne zu tragen, kannst du den Fernseher getrost den Gully runterspülen. Dann ist der Tag meistens gelaufen.

Griechenland

Das Team, das nix kann, außer sich immer wieder zu qualifizieren und sogar ins EM-Viertelfinale einzumarschieren, ohne dass irgendwer weiß, wie sie das zustande kriegen. Die Griechen beendeten die Regular Season der Quali mit 10:4 Toren aus zehn Spielen, ehe sie die günstige Playoff-Auslosung nutzten um sich gegen die Rumänen mal wieder für ein großes Turnier einzuschreiben.

Griechenland stellt mit dem portugiesischen Coach Santos kein wirklich homogenes Team, was die in-Game Taktik angeht (die Abwehr rückt allein für Ecken auf und ist für Spielaufbau nicht zu gebrauchen), aber immerhin definiert man sich über einen 23 Mann starken Kader, der kämpft. Es ist nicht schön, es ist nicht besonders technisch, manchmal muss man zwischendurch zum Kotzen aufs Klo, aber letztlich hat es dann doch wieder etwas, wie diese schwierig zu bezwingenden Griechen unverdiente Siege gegen spielerisch bessere Mannschaften herauswürgen.

Bei der WM hat man mit Kolumbien, Japan und der Elfenbeinküste eine Gruppe Marke „Losglück“ erwischt, weil keine zwei wirklich überlegenen Topteams dabei sind, aber die Staffel ist trotzdem gefährlich: Wenigstens zwei der Gegner sind spielstark und dürften einem eindimensionalen Griechenland doch überlegen sein.

Russland

Beenden wir den Eurotrip mit dem Gastgeber der nächsten WM, Russland. Wo die Russen vor sechs Jahren in den Alpen für offene Mäuler gesorgt haben, kommt die Unit 2014 unter Fabio Capello wie ein matter Abglanz großer alter Tage daher. Capello hat zwar den ganz schlimmen Alterungsprozess verhindert und die satten Oldies um Arshavin oder Palyuchenko zuhause gelassen, aber er baut im gleichen Zug auch wieder auf einen Haufen an Produkten aus der eigenen, lahmen russischen Liga: Alle 23 Stück spielen zuhause.

Zugegeben, ich kenne kaum noch einen Spieler in diesem Team. Torwart Akinfeev ist nun seit zirka zwei Jahrzehnten eine Konstante, und Mittelstürmer Kerzhakov stürmte früher mal als sehr geachteter Mann in der spanischen Liga, soll aber eine furchtbare Rückrunde gespielt haben und seinen Stammplatz bei Capello verloren haben. Er dürfte in Brasilien erstmal durch Kokorin ersetzt werden.

Man liest immer wieder, dass die Russen an guten Tagen immer noch gutes Offensiv-Pressing spielen können, aber dass sie dann, nach dem Ballgewinn, nicht so recht wissen, was sie damit anstellen sollen. Gegen gut stehende Abwehrreihen sollen die Russen ziemlich mies aussehen, und sich nach nicht einmal einer halben Stunde meist reglos aufgeben. Diese Lethargie wenn es mal nicht läuft ist so ein typisch russisches Faszinosum, das mich auch im Hockey häufig verwirrt.

Die Gruppe ist mit Belgien, Südkorea und Algerien nominell machbar, aber gefährlich. Belgien ist auf alle Fälle zu favorisieren. Südkorea als laufintensives Team kann den oft so faulen Russen durchaus Probleme machen. Algerien mit seiner eher abwartenden Spielweise? Hatten die Russen nicht Probleme, das Spiel zu gestalten?