NFL-Franchises im Kurzporträt, #13: Jacksonville Jaguars

Die graue Maus der NFL – trotz periodischer Anzeichen von Dominanz und sehr edler Teamfarben. Haben bei genauerem Hinsehen für mehr Furore gesorgt, als man denken würde – die Jaguars.

Die lange Suche

Jacksonville ist eine der größeren Städte der USA, aber nicht gesegnet mit einem großen Umland, weswegen der TV-Markt „Jacksonville“ der kleinste der NFL ist. So weit, so gut. Trotzdem bekam die Stadt 1995 das Recht auf die damals 30. Franchise der NFL zugesprochen.

Vorausgegangen waren lange, lange Jahre, in denen man versuchte, unglückliche Owner aus anderen Städten nach Jacksonville zu bringen. Vergeblich. Keiner wollte. Und das, obwohl Jacksonville eine lange Football-Tradition hat. Ich sage nur: Gator Bowl. So gesehen war das Recht auf Franchise #30 eher als Überraschung zu werten.

Folge: Die alte Gator Bowl wurde abgerissen und ein neues Stadion gebaut, das heutige Everbank Field. Ein schönes, sehr flaches Footballstadion. Und eines, das in 15 Jahren schon eine Handvoll Namen trug.

Die jungen Wilden

Mit dem eisenharten Tom Coughlin an der Front waren die Jaguars sehr schnell erfolgreich. Schon im zweiten Jahr des Bestehens stand man gegen New England im AFC-Finale. Man muss sich das vorstellen: Da wird eine Franchise aus dem Boden gestampft und spielt schon im zweiten Jahr um den Titel mit! Auf halbem Weg dorthin wurde mal eben der Skalp vom turmhohen Favoriten Broncos aus Denver mit nach Hause gebracht und das Happy End der Elway-Karriere um ein Jahr verschoben.

Im Gegensatz zum Parallel-Schnellstarter Carolina (ebenso im zweiten Jahr Conference Finalist) hatte Coughlin aber eine junge Mannschaft beisammen, die sich an der Spitze halten konnte. Immer wieder Playoffs, und 1999/2000 sogar mit 14-2 die beste Mannschaft der Liga.

Ob Fische zum Grundnahrungsmittel von Jaguars gehören? Die Dolphins dürften in den Playoffs recht gut geschmeckt haben. 62-7 (!) wurde Miami in QB Dan Marinos letztem Spiel in jener Saison aus dem Stadion geprügelt. Eine Woche später das Aus im AFC-Finale gegen Tennessee. Eine Saison, 14 Siege, drei Niederlagen. Alle drei gegen die Titans.

Danach ging es rapide abwärts. Coughlin geriet in die Kritik, die Mannschaft bröckelte und der Franchise-QB Mark Brunell wurde von Jahr zu Jahr schlechter. Ende 2002 wurde Coughlin durch den Sensations-DefCoord der Panthers, Jack Del Rio, ersetzt.

Jack Del Rio – Viel grau, wenig gold

Del Rios Plan, die Franchise um QB Byron Leftwich neu aufzubauen, scheiterte nach wenigen Jahren, trotz einer Playoffteilnahme 2005. Die Jaguars weigerten sich konsequent, Free Agents von Format einzukaufen und durch ein, zwei schwache Drafts kollabiert eine solche Mannschaft dann mal schnell. Dazu kam, dass Leftwich zwar über einen Wurfarm von Weltformat verfügte, aber noch immobiler als Agrarpizza war.

Das beste Jahr hatte Jacksonville 2007/08 unter dem neuen QB David Garrard, einem Spaß-Footballer, der richtig Freude bereitete. Der Playoffsieg in Pittsburgh gehört zu meinen Favoriten – Stichwort 32yds-Lauf von Garrard mit wenigen Sekunden auf der Uhr. Eine Woche später wurde den Patriots ein heißer Kampf geliefert – und knapp in einem weiteren schönen Spiel verloren.

Shahid Khan

Seither regiert graues Mittelmaß. Die Mannschaft ist jung, sucht aber trotz Gabbert/Henne vorerst noch nach ihrem nächsten Franchise-QB. Seit 2011 besitzt die Franchise dann auch einen neuen Owner, den Halbpakistani Shahid Khan, den ersten ausländischen NFL-Besitzer überhaupt.

Gator Bowl

Footballstadion zu Jacksonville

Footballstadion zu Jacksonville

Eigentlich heißt das Stadion seit dem Neubau in den 90ern alle paar Jahre anders, aktuell EverBank Field. Platz haben je nach Lust und Laune zwischen 63.000 und 73.000 Menschen, aber die Jaguars kriegen die Ränge kaum regelmäßig voll. Wenn ich mir die Arena so ansehe, kommt bei mir Wehmut auf: So stelle ich mir die Rahmenbedingungen für einen Spätsommer-Nachmittagsfootballkick vor – flache Ränge, auf denen du viiiiiel Platz hast, um simultan zum Spiel unter der Sonne zu bruzzeln, mit einer Tüte Popcorn in der Hand und zwischendurch dank Schluck aus der Pulle die genehme Abkühlung. Ein Kollege war im vergangenen Sommer drüben. Blogleserin Seminole war mehrfach drin. Beide schwärmen von den Rahmenbedingungen (nicht aber von der Stimmung).

Jacksonville hat trotzdem ein Zuschauerproblem. Das mag weniger an der sportlichen Mittelmäßigkeit liegen, denn an einem anderen Problem: Aus der Region Nordflorida sind derzeit haufenweise Militärs in alle Winde verstreut – die Militärs, die in den 90ern mit Mitte/Ende zwanzig den Kern einer rabiaten Fanbasis gestellt hatten:

Who is your NFL fan archetype? Fortunately, we know. The average NFL fan is:

Male 25-40 years old White Has a household income of $75,000.

We have plenty of people like that in Jacksonville. There are plenty of people like that in San Diego, too.

You know what job pays a mean of $70,168? The military’s paying that much right now.

San Diego, Norfolk, VA and Jacksonville are the three cities with the highest saturation of active-duty military residents in the country. While combat operations are complete in Iraq, the United States military maintains more than HALF A MILLION TROOPS DEPLOYED OVERSEAS.

Put simply, San Diego and Jacksonville are great NFL cities demographically, but they’ve been stripped of their key ticket-buying demographic by the War on Terror. The people who were buying up Jacksonville Jaguars tickets during the Tom Coughlin era are now serving on aircraft carriers or in Afghanistan or Okinawa or Germany.

Rivalitäten

Die Jaguars sind noch sehr jung und die AFC South ist wenig traditionsgeladen. Trotzdem: Immer, wenn es gegen die Colts geht, steigt der Puls ein bisschen an in Nordflorida. Immer wenn es gegen die Tennessee Titans geht, noch ein bisschen mehr – es gab gleich mehrere enge und umkämpfte Spiele gegen die Titans. Nicht vergessen hat man in Jacksonville, dass man 1999/2000 in der gesamten Saison nur drei Spiele verloren hat – alle drei gegen Tennessee.

Zu nennen wären noch die Pittsburgh Steelers. Die Duelle Steelers-Jaguars waren Mitte der 2000er immer richtig harte, physische Auseinandersetzungen. Im Jänner 2008 gab es das tolle oben (und gleich unten) beschriebene Playoffspiel.

Gesichter der Franchise

  • Tom Coughlin – Head Coach. Disziplin-Nazi und als solcher mit der blutjungen Franchise um ein Haar schon im zweiten Jahr des Bestehens Titelgewinner.
  • Tony Boselli – OT. Ein Tackle als Symbol? Boselli galt die wenigen Jahre bis zu seiner Verletzung als charismatischer Leadertyp.
  • Mark Brunell – QB, führte die Jaguars jahrelang an und ist mittlerweile seit Jahren ein Wandervogel quer durch die Lande. Wann hat Brunell jedes Team durch?
  • Fred Taylor – RB, gekommen von der sehr nahen University of Florida (Gainesville) und über lange, lange Jahre ein konstant sehr guter Back.
  • Maurice Jones-Drew – RB, seit Jahren der Alleinunterhalter und mit seiner vielseitigen Spielweise der Prototyp für den Running Back der Zukunft.

korsakoffs Highlight

Playoffspiel 2007/08 gegen die Steelers – das Spiel des David Garrard. Erst punkteten die Jaguars nach Big Plays, und am Ende musste das biggest play Garrards die Wende bringen: Ein Lauf über 32yds bei 4th down. Garrards größtes Spiel seine Karriere.

Eckdaten

Gegründet: 1995
Besitzer: Shahid Khan (Automobilindustrie)
Division: AFC South
Erfolge: AFC-Finale 1996, 1999, 6x Playoffs (5-6)

Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

Jacksonville Jaguars Everbank Stadium

Das nicht immer ausverkaufte Everbank Field - ©Flickr

Schwierige Sezierstunde, wenn du den Patienten nur 5x auf Tape gesehen hast. Nun denn…

Es wirkt etwas uninspiriert, was die Jacksonville Jaguars seit Jahren treiben. Seit der großartigen Saison vor drei Jahren ist aus dem Brüllen der Jaguars ein molliges Schnurren geworden. Es ist gemütlich geworden in Jacksonville, man scheint sich mit dem Status Quo zufrieden zu geben. Nicht abzustürzen, aber auch keine großen Investitionen, um die NFL-Spitze anzugreifen… Jacksonville ist Eintracht Frankfurt!

Es gab aber auch positive Momente – und es gab Gus-Johnson-Momente:

Chance des Lebens verpasst

2010/11 war ein Freak-Jahr. Jacksonville hätte mit einer durchaus unterdurchschnittlichen eigenen Saison in einer sehr schwachen Division mit etwas mehr Konsequenz in die Playoffs einziehen können. Und das trotz

a) sehr unrunder und unbalancierter Offense (#3 Lauf, #28 Pass),
b) ganz schlimmer Turnover-Bilanz (-15!!, #31 der NFL), und
c) unterirdischer Defense (#32 overall in der DVOA-Wertung)

Es ist eigentlich fassungslos, dass Jacksonville damit bis zur vorletzten Woche im Playoffrennen dabei war. So eine Chance wird so schnell nicht wiederkommen.

Die Offense

Im Jänner 2008 lieferte QB David Garrard zwei Augenweide-Spiele in den Playoffs ab (der göttliche Scramble gegen die Steelers und den spektakuläre TD-Pass gegen die Patriots), aber seitdem hat sich Garrard dem Niveau der Jaguars angepasst. Eben… espritlos. Oder sind die Jaguars nur so mittelmäßig, weil der Quarterback so mittelmäßig ist? Nun, in den Spielen, in denen Garrard fehlte, lief nur eines: NICHTS. Garrard wird mit 33 auch nicht jünger und der Zeitpunkt, einen QB in den mittleren Runden (ab Runde 2-3) zu holen, könnte gekommen sein. Garrard ist kein Stinkstiefel und gäbe einen guten Mentor ab.

Was Jacksonville nach zig schlechten Picks braucht, ist ein Wide Receiver. WR Mike Thomas hat es mir nicht nur wegen obigem Sensationscatch angetan, TE Mercedez Lewis ist ein auffälliger Knabe, aber dahinter wird es schon verdammt eng. WR Sims-Walkers Vertrag läuft aus und meiner Meinung nach kein wirklicher Verlust.

Maurice Jones-Drew RB Jacksonville Jaguars

Jones-Drew - ©Flickr

Ein Receiver muss her, um die Last etwas von RB Maurice Jones-Drew zu nehmen, der sportlich zu meinen Favoriten gehört (Kampfgnom mit unbändigem Einsatzwillen), aber fette Minuspunkte für den Schwachsinn in der Jay-Cutler-Causa gesammelt hat.

Die Defense

Obwohl die übertragenen Spiele das nicht mal in dem Ausmaße hätten vermuten lassen: Die Statistiken sind mit „desaströs“ milde beschrieben. Anfangend mit der idiotischen Abgabe von FS Reggie Nelson kurz vor Saisonbeginn, über die Nicht-Entwicklung von DE Harvey hin zum durchschnittlichen Spielermaterial – datt war nicht gut.

Jacksonville draftet seit Jahren munter teure Defensive Ends. Resultat: 2011 wird händeringend ein Defensive End gesucht. Mein Tipp: In Runde 1 wird ein DE geholt – und zwar keiner von der University of Florida. Positiv für Jacksonville: Der verspottete Tyson Alualu hat augenscheinlich ein formidables Rookie-Jahr gespielt.

Die Linebacker haben zum großen Teil auslaufende Verträge. Die Jaguars werden die billigen halten, die teureren ziehen lassen und sich billige Neue via Draft holen – so wird Personalpolitik im Norden Floridas gemacht.

Die Secondary schreit nach „Safety! We need Safety!“ Beim Tape-Schauen neben der Arbeit ist mir das klaffende Loch in der Secondary aufgefallen. Also muss es darum schlimm bestellt sein. Verstärkung dringenst benötigt.

Das Mysterium

Jacksonvilles Publikum ist ein Mysterium. 2009 war die Franchise mit (für NFL-Verhältnisse) unterirdischen 49.395 Zuschauern im Schnitt. 2010 ohne ersichtlichen Grund plötzlich 63.032 Zuschauer pro Spiel (über 35% Anstieg) – trotz nur leicht gesenkter Ticketpreise.

Und man sage mir nicht, es hat mit dem sportlich besseren Jahr zu tun. 1999 war Jacksonvilles bestes NFL-Jahr (14-2 Saison). Damals kamen im Vergleich zu 1998 über 3000 Zuschauer pro Spiel weniger. 2007 spielte Jacksonville spektakulären Football und galt als brandheißer Tipp in den Playoffs. Resultat: Nach zwei Jahren (05, 06) ohne Blackout war 2007/08 mit drei Blackouts deutlich schlechter.

Ich bin einigermaßen perplex. Erklären kann ich das höchstens mit einer sehr launischen Fanbasis und damit, dass die Jaguars zu wenig Identität aufgebaut haben, um einen kontinuierlichen Dauerkartenverkauf hinzukriegen.

Ausblick

So uninspirierend wie Jacksonville war: Die Mannschaft ist nicht unspannend. Head Coach Jack Del Rio ist auch nach Jahren der Stagnation nicht im Kreuzfeuer. Weil er mit mäßigem Material vergleichsweise viel herausholt? Trotzdem muss sich Del Rio fragen, wie es sein kann, dass ein ehemals schenialer DefCoord so viele Fehler beim Draften von Defensive Ends machen kann, dass die Baustelle seit gefühlten drei Jahrzehnten offen ist.

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