Faszination College Football VI: Die finanzielle Dimension

Der Pomp ist eine Stufe kleiner als in der NFL, der Sport ist offiziell Amateursport, die Strukturen sind trotzdem professionell. Ein Blick auf die finanziellen Dimensionen in diesem Sport – Achtung, ein etwas kompliziertes Thema.

Um die Fronten zu klären:

Athletic Department = „Sportabteilung“ einer Uni
Footballprogramm = Footballabteilung im Athletic Department

TV-Verträge

Disclaimer: Es handelt sich hier nicht rein um Verträge für Football, sondern meistens um Football & Basketball, wobei die Footballrechte meistens den Löwenanteil ausmachen.

Die SEC als sportlich dominierende Conference der letzten Jahre kassiert runde 200 Millionen Dollar pro Jahr aus ihren Verträgen mit CBS und ESPN. Das ist nichts gegen den neuen Mega-Vertrag, den die Pac-12 Conference unter Commissioner Larry Scott jüngst abgeschlossen hat: Für 12 Jahre an den Rechten für Football & Basketball kassiert die Conference mal eben 2,7 Milliarden Dollar von Fox und ESPN. Im Schnitt fast 250 Millionen Dollar pro Jahr – pro Uni also runde 15 Mio./Jahr. Die Big Ten Conference scheffelt rund 210 Mio./Jahr im Schnitt über 10 Jahre.

Andere Conference sind da schon um einiges davon entfernt. Die ACC kommt ab 2011/12 auf ca. 150 Mio./Jahr für Rechte an Football, Basketball und allen olympischen Sportarten, was immer noch eine massive Steigerung gegenüber den bisherigen 66 Mio. ist. Kleinere Conferences gehen da vergleichsweise leer aus. Immer vor Augen halten, dass diese Zahlen lineare Durchschnitte sind und Front-/Backloading nicht berücksichtigen.

Notre Dame besitzt einen eigenen TV-Vertrag mit NBC, der aktuell runde 15 Mio. Dollar/Saison einbringt, womit die Universität im Spitzenfeld liegen dürfte, trotz sportlicher Mittelmäßigkeit. Denn „Notre Dame“ als Marke zieht immer noch, und erzielt in der Spitze Quoten wie 6,5 Millionen Zuschauer (gegen den Erzfeind USC).

Es gibt auch Universitäten wie die ultraegomanische University of Texas, die zusätzlich zum Big-12-Vertrag noch ein eigenes Longhorn Network besitzt, das über ESPN über die nächsten 20 Jahre 300 Millionen Dollar für die Uni garantiert und dessen Schaffung letztendlich überhaupt den Fortbestand der Big 12 Conference sicherte – ohne wäre Texas abgewandert und hätte eine Big 12 in Trümmern hinterlassen – was in einigen wenigen Jahren sowieso passieren wird, vielleicht in fünf Jahren.

Umsätze

Disclaimer: Im Folgenden handelt es sich tatsächlich um Umsätze der Footballprogramme, wobei die Umsätze der meisten Privatschulen (z.B. Baylor) nicht offenliegen.

Schon jetzt ist Texas der Umsatzkrösus, setzte 2009/10 93 Mio. Dollar um. Alabama ist mit 71 Mio. die #2, Georgia und Penn State folgen mit je 70 Mio., dann kommen LSU und Florida mit je 68 Mio. Dollar/Jahr. Notre Dame setzte 2009/10 64 Mio. Dollar um und ein mittelgroßes Programm wie Iowa immer noch 45 Mio. Dollar. Ein erstaunliches Faktum: USC, das immerhin im Megamarkt von Los Angeles liegt, setzte ganze 29 Mio. Dollar um.

Zum Vergleich: Der Krösus im Basketball war 2009/10 Louisville mit 26 Mio. Dollar.

Die Mid-Majors wie die MWC oder die Conference-USA fallen deutlich ab. Die University of Central Florida ist zum Beispiel mit weitem Abstand der Krösus in der C-USA und setzt pro Jahr 15 Mio. Dollar um. Deutlich leichtere TV-Verträge und weniger Zuschauer machen sich bemerkbar.

Unter diesem Gesichtspunkt fällt der jüngst erfolgte Wechsel von Utah in die Pac-12 stark auf: Utah setzte bislang 14 Mio. Dollar/Jahr insgesamt um. Allein der neue TV-Vertrag der Pac-12 bringt wie beschrieben mal eben runde 12-15 Mio. Dollar/Jahr.

Rentabilität

Footballprogramme sind an den meisten Universitäten die Cash Cows. Top-Footballprogramme erfordern massive Investments, wer jedoch in einer der Top-Conferences spielt, wird mit meist hohen Gewinnen belohnt. Zum Prestige im College-Sport gehören jedoch neben Football eine massive Zahl weiterer Sportarten für Männer und Frauen (teilweise über 25) – und diese ziehen die Athletic Departments meistens runter: 2009/10 machten ganze 14 öffentliche Universitäten ohne öffentliche Bezuschussung mit ihren Sportprogrammen (Football + alle andere Sportarten) Gewinne. Vierzehn aus über 100.

Eine davon ist die Ohio State University – ein Beispiel, das einiges verdeutlicht: Deren Athletic Department (=Sportabteilung) setzt 126 Millionen Dollar um, wovon 63 Millionen, also die Hälfte, mit Football gemacht werden. Die Footballabteilung für sich macht 35 Mio. Dollar Profit. Am Ende des Tages bleiben für das Athletic Department in ihrer Gesamtheit 93.000 Dollar übrig. Dreiundneunzig Tausend. Und dies auch nur dank 22 Millionen Bezuschussung durch Booster (also NICHT öffentlich), ohne die Ohio States Sportprogramme nur 104 Millionen einnehmen und massive Verluste einfahren würden. Ein fettes Sportprogramm mit insgesamt 36 Sportarten macht’s möglich.

Bei Texas sieht es so aus: 93 Mio. Umsatz mit Football, 68 Mio. Gewinn mit Football, aber ganze 29 Mio. Dollar bleiben letztendlich im Athletic Department. 40 Millionen verbraten andere Sportarten.

Generell kann man sagen, dass Universitäten aus den Big-4 (SEC, Big 12, Big Ten, Pac-12) massive Gewinne mit Football machen (SEC zum Beispiel 30 Mio./Jahr), Geld, das zum Teil zurück ins Bildungsbudget der Uni fließt – oder, in den meisten Fällen, in anderen Sportarten verbraten wird, oft so sehr, dass Geld aus dem Bildungsbudget abgezweigt werden muss, um die Verluste auszugleichen. Es handelt sich dabei um öffentliche Gelder.

Ein Blick auf die rentabelsten Footballprogramme: Texas ist mal wieder Spitzenreiter, mit genannten 68 Mio. Dollar Gewinn durch Football im Sportjahr 2009/10, mit deutlichem Abstand folgt Georgia mit 52 Mio. Dollar. Penn State (50 Mio.) und Michigan sowie Florida (je 44 Mio.) sind die nächsten.

Auch hier ein Vergleich mit den Mid-Majors: In der Conference-USA gibt es ganze vier Unis, die überhaupt mit Football Geld verdienen. Central Florida ist mit seinen 6 Millionen Dollar meilenweit allein auf weiter Flur, was Profit im Football angeht (61.000 Dollar von den 6 Mio. bleiben am Ende im Athletic Department übrig, weil 5 Mio. an öffentlichen Geldern dorthin abgezweigt werden).

Fazit: Football ist high-investment, high-revenue und an vielen Unis sehr rentabel. Geld wird meistens in anderen Sportarten verbraten. Und eventuelle Verluste werden dann mit Booster-Zuschüssen (privat) oder öffentlichen Geldern (Studiengebühren, Steuern usw.) aus dem Bildungsbudget ausgeglichen.

Die Coaches

Oftmals gennanter großer Kritikpunkt am College Football sind die Gehälter der Head Coaches und einiger hochbezahlter Assistenztrainer – dass hohe Gewinne auch hohe Investments in gute Coaches bedeuten, wird im Populistensumpf dabei gerne vergessen, auch wenn natürlich nicht alle Trainer dann auch laufend Erfolge einfahren.

Superstar unter den Coaches ist Alabamas Nick Saban, der im Jahr 2010 satte sechs Millionen Dollar kassierte, die mögliche Erfolgsprämie von 700.000 Dollar mal nicht berücksichtigt. Auch der Coach von Texas, Mack Brown, kassiert über fünf Millionen Dollar/Jahr, obwohl er trotz eines gigantischen Recruitings vergleichsweise mickrige Erfolge einfährt. Die Coaches von Oklahoma und LSU, Bob Stoops und Les Miles, kassieren um die vier Mio./Jahr. Das sind die höchstbezahlten Coaches in den reichsten Unis der reichsten Conferences.

Ein Joe Paterno ist dagegen vergleichsweise ein armer Schlucker, auch nach 45 Jahren als Head Coach kassiert der Mann „nur“ um die 1,1 Mio. Dollar/Jahr. Top-Trainer wie TCUs Gary Anderson (1,6 Mio. Dollar), Boise States Chris Petersen (1,5 Mio. Dollar) passen trotz ihrer armen Unis in etwa in dieses Mittelklasseschemas.

In den kleinen Conferences gibt es aber auch reiche Coaches: Ein June Jones (hey, wer kennt den Mann noch aus der NFL?) sackt an der kleinen Southern Methodist University über 2 Mio./Jahr ein.

Man muss dazu sagen, dass ein Head-Coach-Job an der Universität ein brutaler Ganzjahresjob ist inklusive des Recruitings, das exzellentes Networking (und die richtigen Undercover-Agenten) erfordert, inklusive geforderter Totalüberwachung über die Aktivitäten von Boosters, Assistenztrainer und Studenten auf und außerhalb des Platzes. Die Stellenbeschreibung für College-Football-Headcoaches liest sich also insgesamt kaum durchführbar.

Wer sich mal einen Überblick über die Trainergehälter in der FBS machen will: USA Today hat die Auflistung von 2010.

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Faszination College Football V: Any given Saturday oder Tailgating in Tallahassee

Ein weiterer Teil von Faszination College Football – heute dran: Wie sich ein Spieltag an der Universität präsentiert. Versehen mit einem etwas kräftigeren Schluck Authentizität, denn die Federführende ist eine Ehemalige der Florida State University. Sabine, hier des Öfteren als Seminole unterwegs, bekommt mal wieder die Bühne.

First things first: Ich wusste, dass es American Football gibt, bevor ich vor drei Jahren die Chance auf ein Semester im US-amerikanischen Ausland wahrnehmen durfte. Ich wusste nicht, was Sacks, Punts und Draws waren, aber ich wusste, worum es sich bei Quarterbacks und Runningbacks handelte. Als Austauschschülerin war ich schon vor Jahren nahe der Penn State University mal ein paar Monate Wahlamerikanerin gewesen. Und hatte bei einem Host Daddy gewohnt, Bengals-Fan mit Leib und Seele, durfte oder musste erleben, wie ein Hardcore-Footballfan innerlich zusammenklappt, wenn nach zwei Jahrzehnten Siechtum beim Franchise-Quarterback und Hoffnungsträger im ersten Playoffspiel gleich sämtliche Kreuzbänder zerreißen.

Und ein paar Jahre später – diesmal als Austauschstudentin – kam Tally.

Genauer gesagt: Florida. Mittlerweile weiß ich, was Sacks, Punts und Draws sind. Ich wüsste auch über dedication oder committment zu referieren. Und ich weiß, dass „Florida“ ein Schimpfwort ist. Denn: Was rockt, ist „Florida State“.

Das ist die Denke an “meiner” Florida State University. Und analog wohl auch an der verabscheuten Uni von Florida. Und an jeder anderen Uni quer über die Staaten verteilt. College Football ist nicht nur einfach Sport. College Football ist identitätsstiftend, vergleichbar mit der Begeisterung während einer Fußball-Weltmeisterschaft, nur eben tagtäglich und durch gute und schlechte Zeiten.

Affinität für Profimannschaften wechselt, aber deine Uni wird wie dein Heimatland immer die gleiche bleiben. Und Amerikaner lieben ihre Uni. Ich glaube, auch und ganz besonders wegen College Football.

Seminoles Football

Das Footballprogramm der Florida State University, die Florida State Seminoles, ist nicht das traditionellste von allen. Aber dank einer einzigartigen Erfolgsserie in den 80ern und 90ern und dank des fast ewigen Head Coaches Bobby Bowden sind die Seminoles heute eines der mächtigsten und beliebtesten (und verhasstesten) Teams im gesamten Universitätssport.

Die Seminoles sind – noch – das Team, das für den Staat Florida steht. Nicht die Miami Dolphins, nicht die Tampa Bay Buccaneers, ja nicht mal die Miami Hurricanes und schon gar nicht die Jacksonville Jaguars oder die Miami Heat. Die Mighty Seminoles aus dem Provinzstädtchen Tallahassee, ein nettes Nest, das aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen zufällig auch noch Floridas Hauptstadt ist.

In den letzten Jahren sind aber die Florida Gators bedrohlich nahe gerückt, und werden mit ihrer überlegenen SEC und ihrer Marketingmaschine demnächst vorbeiziehen. Das spürt man auf dem Campus, in der Stadt, überall.

Ein Spieltag ist immer noch ein Feiertag, für viele Menschen ist die Atmosphäre aber nicht mehr mit der aus den überlegenen 90er Jahren vergleichbar. Ich mische mich da nicht ein. Für mich war alles neu. Mir fehlen die Vergleiche.

Ein Gameday ist ein riesiges Zeltfest, eine Party über den ganzen Tag einschließlich Rahmenprogramm und man kann an der FSU allenfalls attestieren, dass das letzte Quäntchen Wow-Faktor fehlt.

Samstachs, am Morgen

Irgendwie zählt der Freitagabend mit zum Spieltag. Wenn die Noles zuhause spielen, ist der Freitagabend mehr als nur simples „Aufwärmprogramm“. Die Wochenendparty beginnt in den unzähligen Studentenkneipen und Nachtclubs und sie endet nicht selten erst in den frühen Morgenstunden – oder gar nicht.

Denn auch wenn die Noles erst zu Mittag oder am Nachmittag spielen: Tailgating beginnt schon mit dem Frühstück. Allenorts wird schon in aller Herrgottsfrüh der Grill angeworfen. Ob man nun mit dem Auto in Stadionnähe parkt und „original“ tailgatet, oder einfach nur auf dem Campus ein paar Hamburger zu literweise Dosenbier verdrückt, wen interessiert’s? Wichtig ist das Beisammensein, bei Warmwetter und Sonnenschein bis tief in den November hinein.

Dabei versucht auch die Florida State University, aus einem Spieltag einen Familientag zu machen: Dass die Fans von allein auf den Campus drängen, ist eine Mär. Vielleicht funktioniert sowas tatsächlich in Auburn oder Alabama.

In Tallahassee nicht, und auch wenn es tolle Rahmenveranstaltungen gibt wie die Skull Session – dabei spielt sich im Baseballstadion vor ein paar tausend Zuschauern die Marching Chiefs Band ein – oder Dixiekonzerte rund um das Stadion: Grenzenlose Euphorie kam nicht auf, zumindest nicht 2008. Die Universität ist daran nicht ganz unschuldig: Sie hat vor ein paar Jahren alle Parkplätze in Stadionnähe gesperrt und erlaubt dort nur noch Boostern und deren Anhang Tailgating.

Es gibt dort zwar auch gesponsortes Gratis-Tailgating in umfunktionierten Krankenwagen, aber die Studentenschaft hält sich überwiegend davon fern und glüht in ihren Verbindungen vor. Auf jeden Fall lohnt sich frühes Aufstehen. Schon allein um zu sehen, wie ganze Rinderherden um das Doak Campbell Stadium geröstet werden und Bäche an Dosenbier verdrückt werden.

Samstachs, wenn die Sonne hoch steht

Die gelb-weinrote Armada zieht meistens anderthalb Stunden vor Spielbeginn gen Stadion. Denn auch im wunderschönen Doak Campbell Stadium wird Warm-Up bei 30° betrieben. Ich muss korsakoff widersprechen: Auch am College haben laute Boxen Einzug gehalten, wenn auch immer noch nicht vergleichbar mit der Stadionbeschallung in einer Allianz Arena.

Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt kurz vor dem Einlauf der Spieler, wenn Chief Osceola und Renegade das Spielfeld betreten – Osceola war ein Häuptling der Seminoles und seit über 30 Jahren darf Florida State diese Marke benutzen. Osceola reitet mit brennendem Speer („unconquered spear“) auf das Feld und rammt den Speer unter dem Grölen von 80.000 ins Spielfeld, ehe die Spieler einlaufen. Es gibt Leute, die das für die beste Tradition im College Football halten. Video gefällig?

Ständiger Begleiter von Osceola und überhaupt aller Angriffsspielzüge der Seminoles: Der Fighting-Song der Universität, ein Ohrwurm und wer auch nur einmal ein Seminoles-Spiel auch nur im Fernsehen gesehen hat, dem werden diese Klänge sofort bekannt vorkommen:

Seminoles-Fans haben während des Spiels was rowdyhaftes, selbst in der Studentenabteilung hinter der Nordwest-Endzone. Man geht nur nebensächlich mit der Mannschaft mit, konzentriert sich lieber darauf, die Referees zu beschimpfen und auszupfeifen.

In der Halbzeit marschiert die Marching Chief Band auf, was sehenswert ist, und nach dem Spiel begibt man sich entweder nach Hause, wenn man aus dem Umland mit Freunden und Familie angereist ist, oder begibt sich in eine gemütliche Kneipe, zu einem Barbeque zum Ausklang des Tages (und einige Auserwählte sind auf der Spielerparty eingeladen).

Conclusion

Sicherlich ist Florida States Fankultur in den letzten Jahren ruhiger geworden, was mit der Apathie der letzten Jahre unter dem großen, alten Headcoach Bobby Bowden einhergegangen ist. Vielleicht wird es unter Jimbo Fisher wieder besser, wenn die alten Erfolge zurückkommen. Der Spirit vom Ganztagsfest ist für jedermann spürbar. Es ist wie ein großes, eintätiges Volksfest einschließlich Ständen, Zelten, Grill – und natürlich auch inklusive haufenweise Betrunkener. Nur, dass eben auch ein Footballspiel dazu stattfindet.

Aber vergleichbar mit dem gigantischen Auflauf in Nebraska oder Alabama ist Florida State nicht. Ein bisschen ist man eben auch im College Football Eventfan.

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Faszination College Football IV: Von Rosen zu Bibern – die Bühnen des College Football und ihre Mythen

Einen Tag nach der Meisterschaft und ihren Flauseln die Orte, an denen der Weg dorthin ausgespielt wird: Die Stadien des College Football. Im Gegensatz zur NFL gilt am College eine Arena aus den 90ern noch nicht als veraltet, denn hier wird noch ganz bodenständig in Spielstätten aus der Urzeit gespielt, Arenen, die eher an die römischen Kolosseen erinnern denn an die überdachten Futurismen von heute.

Rose Bowl

Mythisches Stadion: Die Rose Bowl in Pasadena

Ich persönlich liebe diese alten Schüsseln, und am allermeisten die Rose Bowl in Pasadena bei Los Angeles. Für mich ist die Rose Bowl nicht nur Synonym für College Football, sondern auch eines der weltweit schönsten Stadien überhaupt, wunderbar hineingebaut in die hügelige Waldlandschaft von Pasadena. Eröffnet in den 20ern, gehen heute noch knapp über 90.000 rein, aber weil sie dank fehlender Luxus-Suiten nicht mehr allzu rentabel ist, wird die NFL nie mehr hierhin zurückkehren. Also spielen nur mehr die UCLA Bruins dort – allein: Die Rose Bowl steht nicht auf deren Campus, sondern befindet sich in öffentlichem Besitz.

Los Angeles hat downtown auch noch ein „eigenes“ Stadion, das dank zweier Olympischer Spiele auch hierzulande bekannt ist: Das Coliseum, nicht nur Austragungsort der ersten Superbowl, sondern auch aktuell Heimstätte der USC Trojans. Auch das Coliseum ist so eine weite Schale und dank der Fassade so sehr denkmalgeschützt, dass jeder Umbau zur NFL-Tauglichkeit unmöglich gemacht wird.

Das California Memorial Stadium zu Berkeley ist auch so eine runde Schüssel in den Hügeln und Wäldern. Das Coole an ihr: Auf den Hängen unmittelbar hinter den Tribünen sitzen während des Spiels oft ein paar hundert Leute, die gratis und ohne viel Qualitätsverlust das Spiel mitverfolgen können! In dieser Saison wird die Schüssel allerdings renoviert, weswegen Cal/Berkley erstmals seit 1923 nicht im Memorial Stadium spielen wird.

Die berüchtigsten Stadien der Westküste stehen aber etwas weiter nördlich, im Bundesstaat Oregon. Zum einen hätten wir das schnuckelige Reser Stadion der Oregon State University in Corvallis (45.000 Plätze), zum anderen das sagenhaft laute Autzen Stadium der University of Oregon in Eugene. Autzen fasst „nur“ 60.000, ist aber so eng und beheimatet so rabiate Fans, dass der Lärmpegel schon mal Discolautstärke erreichen kann.

Westlich der Rocky Mountains hätte ich noch das LaVell Edwards Stadium der Brigham Young University zu bieten (Bundesstaat Utah), das von sagenhaftem Bergpanorama umgeben ist und vor allem deshalb ein richtiger Hingucker ist, und das abgrundtief hässliche, klitzekleine Bronco Stadium zu Boise, einzigartig aufgrund des stechend königsblauen Spielfelds.

Der mittlere Westen

In den unendlichen Weiten von Nebraska, Texas und Oklahoma gibt es dutzende Kleinststädte, die riesige Football-Tempel beheimaten. Die größte Stadt ist noch die texanische Hauptstadt Austin, wo in Dutzenden Nachtclubs gegroovt wird bis der neue Tag beginnt und die University of Texas daheim ist. Texas spielt im Memorial Stadium, das 100.000 fasst, obwohl eine Endzone sogar offen ist! Ebenso offen ist eine Endzone im Stadion der Texas A&M Aggies, dem Kyle Field. Die restlichen drei Tribünenteile sind unfassbar riesig, und 82.500 gehen rein.

Oklahomas Gaylord Family Stadium hat nicht nur einen lustigen Namen, sondern auch viel, viel Tradition. Und beim Stichwort „Tradition“ ist natürlich auch Nebraskas Memorial Stadium in Lincoln nicht allzu weit weg, wo 81.000 fanatische Fans auch 2min vor Schluss mit drei Touchdowns Rückstand noch wie eine rote Wand hinter den Huskers stehen. Nebraska hatte sein letztes nicht ausverkauftes Stadion im Jahr 1962 und zu manchen Spieltag finden sich 90.000 Leute auf dem Gelände – außerhalb des Stadions…

Keine Heimmannschaft hat aktuell die Cotton Bowl in Dallas. Über 90.000 gehen rein, und die Arena steht bis auf ein paar Konzerte und ein Bowl-Spiel das gesamte Jahr leer!

Der Bible Belt

Die SEC ist aktuell die sportlich dominierende Conference. Und sie hat auch Stadien zu bieten, da bleibt dir die Spucke weg. Wir reisen vom Westen in den Osten, quer durch den Bible Belt, wo f-a-n-a-t-i-s-c-h-e Fans über riesige Tribünen stolzieren. Eines dieser Giganten ist das Tiger Stadium in Baton Rouge, wo die Lousiana State Tigers spielen. Auch hier: 93.000 gehen rein und das Stadion ist immer voll. Die Stimmung ist immer brodelnd und auch wer LSU nicht mag, wird immer wieder erstaunt sein, wie leidenschaftlich es bei Tigers-Heimspielen zugeht.

Ganz speziell wird es bei der University of Mississippi (Ole Miss), die in Oxford irgendwo zwischen den Sümpfen liegt. Oxford hat knapp 16.000 Einwohner. Selbst wenn man die Studenten mitrechnet: Mehr als 35.000 Menschen bringt man nicht zusammen. Das Heimstadion, das Vaught-Hemingway Stadium, fasst aber 60.000 und ist trotzdem immer voll.

bryant denny stadium

Gigant des Südens: Das Bryant-Denny Stadium von Alabama - ©Flickr

Der Staat Alabama hat zwei Monsterstadien zu bieten. Das Jordan Hare Stadium von Auburn (87.000 Plätze) und das riesige Bryant Denny Stadium in Tuscaloosa. Dort spielt die University of Alabama seit kurzem vor regelmäßig sechsstelliger Kulisse. Sowohl Auburn, als auch Tuscaloosa haben deutlich (!) weniger Einwohner, als ihre Stadien Kapazität. Trotzdem sind immer alle Spiele ausverkauft, und wenn die beiden gegeneinander spielen, knistert die Atmosphäre bis in die heimische Stube hinein.

Ein weiterer 100.000er steht in Knoxville/Tennessee: Das Neyland Stadium mit seinen karierten Endzonen, Heimat der Volunteers und ihrer rabiaten Fans, die in den letzten Jahren leider aufgrund sportlicher Misere ruhiger als gewohnt blieben. Was aber zum Stadion gehört wie Süßsenf zur Weißwurst: Der legendäre, inoffizielle Schlachtruf Rocky Top.

South Carolina spielt im Williams-Brice Stadium, eines von zwei Stadien der FBS, das nach einer Frau benannt ist. Hier sind nicht nur rabiate, sondern vor allem treue Fans daheim: Die Gamecocks verloren vor Jahren mal zwei Jahre lang jedes einzelne Spiel. Das Stadion mit seinen mehr als 80.000 war trotzdem ausverkauft. Und zwar immer. Williams-Brice ist auch speziell für Tailgater: Die komplette Szenerie spielt sich in unmittelbarer Nähe zur Arena ab.

Über 90.000 fasst das Sanford Stadium der University of Georgia in Athens, eine Autostunde von Atlanta. Während die Falcons trotz sportlicher Erfolge Probleme haben, ihre Halle zu füllen, bringt Georgia regelmäßig die Hütte voll: Wenn nicht gewonnen wird, ist man eben stolz darauf, dass man die traditionellen SEC-Werte verkörpert: Hartes, bodenständiges Laufspiel und knackige Defense.

Das rabiateste Stadion der SEC steht wohl in Gainesville, Florida: Das Ben Hill Griffin Stadium. Dort spielen die Florida Gators in einer Arena, die vor Jahren der Coach, Steve Spurrier, „The Swamp“ getauft hat. The Swamp – der Sumpf. Alligatoren sind im Sumpf zu Hause. Vor zwei Jahren lagen sich hier weinende Mädchen im Arm, als Tim Tebow zum Sonnenuntergang seine letzten Downs am College spielte. Wenn sich nicht gerade Ikonen verabschieden, geht es auf den Tribünen aber rund und Andersdenkende werden beschimpft wie Maden im Speck.

Einmal Party und zweimal Mythos

„Nur“ 83.000 passen in die Heimstätte der Florida State Seminoles, das Bobby Bowden Field at Doak Campbell Stadium. Das Footballprogramm der Seminoles könnte altersmäßig noch ein paar Dutzend Kilo Tradition vertragen, aber dank ihrer sportlichen Dominanz in den 90ern unter Bobby Bowden haben sich die Seminoles zum Vorzeigeobjekt Floridas entwickelt, und entsprechend ist das Stadion fast jährlich größer geworden, um die Massen tragen zu können. An der FSU hat sich eine ganz eigene Fankultur entwickelt, die für eine sehr spezielle Atmosphäre im Stadion sorgt – vor allem bei Nachtspielen. The Doak gehört zu den berühmtesten Stadien der Staaten, dank unzähliger Schlachten z.B. gegen Florida, Miami und Notre Dame.

Ein paar hundert Meilen nördlich steht in der Kleinstadt Clemson (South Carolina) ein Memorial Stadion mit unglaublich steilen Rängen, das den Beinamen Death Valley bekommen hat. 85.000 passen rein in das Stadion, das in einem Tal liegt und von dessen Rängen man direkt auf einen Friedhof am gegenüberliegenden Hang sehen kann. Furchterregend sind in Clemsons Stadion auch die massiven Haupttribünen und vor jedem Spiel stürmen die Spieler einen Hang hinunter auf das Spielfeld.

Das legendäre Notre Dame Stadium samt "Touchdown Jesus"

Mitten im geographischen Herzen der Big Ten Conference, in South Bend/Indiana, steht das Notre Dame Stadion, das zwar mit schlappen 80.000 Plätzen keines der allergrößten Stadien ist, dafür mythenumrankt wie kein zweites: Das Lambeau Field des College Football, sozusagen. Hinter einer der beiden Endzones ragt ein riesiges Mosaik hervor: Jesus, der die Hände hebt. Touchdown Jesus, einer der überhöhten Mythen des College Football. In Sichtweite des Stadions befindet sich die Basilika der Katholiken-Hochburg Notre Dame.

Die Giganten im Norden

Der Kreis schließt sich mit den drei gewaltigen Stadionbauten in der Big Ten Conference. Dreimal mehr als 100.000, dreimal super-traditionelle Universitäten. Die Ohio State University im Herzen von Ohio, nämlich in der Hauptstadt Columbus, spielt im Ohio Stadium, dessen Form für den Spitznamen The Horseshoe (Pferdhufen) gesorgt hat. Ohio hat mit Browns und Bengals zwei Profimannschaften – aber in Columbus gibt es nur die Buckeyes. 102.000 passen rein – und das Stadion ist praktisch ausnahmslos voll.

Noch größer ist die Heimspielstätte von OSUs größtem Rivalen Michigan. Auch hier: Langweiliger Name (Michigan Stadium), cooler Spitzname (The Big House). Mit einer Kapazität von bis zu 112.000 ist es das größte Stadion der USA und die Luftaufnahme ist einfach köstlich, wenn sich oben in die (zugegeben: langweilige) Schüssel mehr Menschen reinpressen als offiziell erlaubt sind, während ein Stockwerk tiefer immer noch die Massen in die längst überfüllte Schüssel drängen (ich liebe dieses Bild, so war es vor dem jüngsten Umbau). Das Große Haus gilt aber aufgrund seiner sehr flachen Ränge als erstaunlich ruhiges Stadion – der Sound schwebt in den unendlichen Weiten dieser Tribünen einfach hinaus nach Ann Arbor, die Heimatstadt der Uni.

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Schönstes Stadion der Welt: Beaver Stadium in Pennsylvania/Foto:Ballparks.com

 Das Beste zum Schluss: Beaver Stadium in University Park, Pennsylvania. Beaver ist Heimat der Penn State Nittany Lions und mit seinen 107.000 Zuschauern das zweitgrößte Stadion im College Football. Für mich ist dieses Stadion das schönste der Welt und es ist ganz einfach ergreifend, wenn sich dort Hunderttausend bei Nacht reinstellen, alle in Weiß, und an der Seitenlinie die ultimative Trainerlegende, die sich auch nach über 60 Jahren und mit mittlerweile 84 noch den allwöchentlichen Stress antut, vor diesen Massen zu coachen: Joe Paterno.

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Faszination College Football III: FBS, BCS, Bowl Season und National Championship

Stand des Artikels: Sommer 2011. Die Aktualität sieht schon etwas anders aus: 125 Teams, die WAC existiert im Football nicht mehr, BCS wird ab 2014/15 ersetzt durch eine zweite Playoffrunde.


Wir wissen mittlerweile um Joe Paterno und warum die Amerikaner College Football lieben. Teil 3 bringt etwas Licht ins Dunkel, was die oberste Kategorie des College Football – die FBS (Football Bowl Subdivision) angeht – und was es mit der berühmten Bowl Season so auf sich hat.

Die Conferences

Die FBS besteht aktuell aus 120 Universitätsmannschaften, die sich auf 11 Conferences aufteilen – nicht jede ist sportlich ähnlich hochkarätig, aber jede lässt sich ungefähr geographisch einordnen. Die SEC (Southeastern Conference) ist zum Beispiel im Süden der Staaten beheimatet, im erzkonservativen Bible Belt. Die ACC (Atlantic Coast Conference) findet völlig überraschend entlang der Atlantikküste statt. Die traditionsreiche Big Ten Conference ist im Norden rund um die Großen Seen daheim, die Pac-12 Conference in der westlichen Hälfte der Staaten.

Viele der Conferences sind historisch gewachsen und leben von internen Rivalitäten, aber es gibt immer wieder Wechsel und hin und wieder lösen sich Conferences auf oder fusionieren mit anderen. So geschehen Mitte der 90er, als die legendäre Big 8 Conference mit Teilen der aufgelösten Southwest Conference fusionierte und die Großmacht Big 12 Conference in den Rednecks – dem mittleren Westen der Staaten – entstand.

Man muss im Hinterkopf behalten, dass seit einer kartellrechtlichen Klage 1984 gegen die Zentralvermarktung durch den Dachverband NCAA die Conferences selbst den Ligabetrieb nebst Vermarktung organisieren. Seither passiert es auch hin und wieder, dass Conferences sich geographisch aus dem Rahmen fallende Teams holen – juristisch kann man dagegen nicht mehr vorgehen.

Eine jede Universität spielt zwischen 7 und 9 Spiele gegen Teams aus der eigenen Conference, plus so genannte out of conference games, die mit anderen Teams vereinbart werden – jo, jede Uni spielt letztendlich ihren individuellen, selbst ausgehandelten Spielplan runter.

Dazu gibt es Universitäten, die keiner Conference angehören, sogenannte Independents, die sich mehr Medienpräsenz und Geld erwarten, wenn sie alle ihre Spiele inklusive TV-Verträge selbst aushandeln kann. Derzeit gibt es vier Independents in der FBS: Notre Dame, die Army, die Navy und die Mormonen-Uni BYU.

An der Stelle sei auf die FBS-Liste bei ncaa.org verwiesen und noch einmal auf das Wiki-Bild von gestern:

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Die 120 FBS-Universitäten 2011/12; ©Wikipedia (GNU-Lizenz)

Bowl Season

College Football in der FBS verfügt über kein Playoff-System, um am Ende aus 120 Teams, 11 Conferences und 4 Free Riders einen Meister auszuspielen. Dafür gibt es um die Weihnachtstage bis hinein in die Neujahrstage ein nettes Knuddelmuddel, das sich Bowl Season nennt – die Post Season des College Football.

Eine Bowl ist ein Saison-Abschlussspiel, und jede Uni mit winning season (50% gewonnene Spiele) ist daran teilnahmeberechtigt. Die meisten dieser Bowls finden im Süden der Staaten (oder auf Hawaii) statt, wo es sich bei recht milden Temperaturen leichter aushalten lässt. Eine Bowl ist im Prinzip nichts anderes als ein Freundschaftsspiel gegen eine andere Universität – der sportliche Wert hält sich arg in Grenzen und der Reiz besteht hauptsächlich in einer Geschenkorgie für die Amateurfootballer und einer landesweiten TV-Übertragung.

Es gibt große, traditionelle Bowls (Rose Bowl, Sugar Bowl, Cotton Bowl), die seit Äonen ausgetragen werden und bessere TV-Quoten als die NBA-Finals erzielen, aber die überwiegende Mehrheit der Bowls ist aus der Retorte entschlüpft und trägt kalte Namen wie uDrove Humanitarian Bowl, S.D. County Credit Union Poinsettia Bowl, New Era Prinstripe Bowl oderMilitary Bowl Presented By Northrop Grumman Bowl – diese Spiele interessieren dann nur noch eine Randgruppe und die Stadien sind oftmals nicht mal halb gefüllt. Böse Zungen würden soslche Bowls „Corporate Sponsored Exhibition Game“ nennen.

Aus europäischer Sicht ist die Bowl Season aber trotzdem ein Spektakel, weil man viele Teams zum einzigen Mal in der Saison zu Gesicht bekommt und zudem eine ganze Latte unterschiedlicher Spielsysteme beobachten darf. ESPN America zeigt alle Spiele zumindest in der Konserve, und gut zwei Drittel live.

Für jede Bowl gibt es recht komplizierte Zuteilungs-Schlüssel und jede Bowl hat Verträge mit gewissen Conferences, z.B. spielt in der Chick-fil-A Bowl ein Team aus der ACC gegen eines aus der SEC, wobei der Dschungel zwischen „Regel“ und „Ausnahme“ recht undurchschaubar ist.

So charmant die Sache mit den Bowls aussieht, so nett Southern Miss gegen San Diego State anzuschauen ist: Die Bowl Season hat sich in den letzten Jahren immer mehr zu einem Riesenverlustgeschäft entwickelt, da die teilnehmenden Unis gezwungen sind, einen vorgegebenes Kartenkontingent einzukaufen (und oftmals nicht wieder loswerden). Jüngst sind auch noch mehrere Korruptionsskandale aufgekommen, die das System bedrohlich wackeln lassen.

Damit ist immer noch nicht geklärt, wie in der FBS der Meister gekürt wird.

Die Meisterkrönung: BCS und ihre Flauseln

Über die Jahrzehnte besaß die Division I die Eigenart, Woche für Woche via Abstimmungen (AP, Coaches udgl.) ein Ranking der 25 besten Mannschaften zu erstellen, und das letzte Ranking nach Ende der Bowl Season bestimmte über den Landesmeister („National Champion“). Richtich, der Meister wurde per Akklamation bestimmt. Das Geschachere war meist herzhaft und die Streitereien würzig – welch Überraschung.

Das führte ab Ende der 80er immer mehr zu einem Umdenken, und Mitte der 90er trat ein neues System in Kraft, geschaffen von den Universitätspräsidenten der größten US-Colleges. Willkommen beim Reizwort „BCS“, ein Akronym für Bowl Championship Series.

Die BCS ist der Zusammenschluss der sechs größten Conferences/BCS-Conferences (SEC, Big Ten, Big 12, Big East, ACC, Pac-12) plus dem Independent Notre Dame, kreiert, um dem Champion einer jeden Conference einen sicheren Platz in einer der vier lukrativen Bowls (Rose Bowl, Sugar Bowl, Fiesta Bowl, Orange Bowl) zuzuschachern – und aus der Taufe gehoben, um am Ende ein „echtes“ Endspiel zwischen der #1 und der #2 der eigens eingeführten BCS-Rangliste zu haben: Das BCS National Championship Game, erst unter dem Deckmantel einer der vier großen Bowls ausgetragen, seit 2007 eine eigenständige Angelegenheit. Zu schnell gegangen?

Also – die BCS-Bowls:

Rose Bowl in Pasadena: Meister Big Ten vs. Meister Pac-12
Sugar Bowl in New Orleans: Meister SEC vs. At-large
Orange Bowl in Miami: Meister ACC vs. At-large
Fiesta Bowl in Glendale: Meister Big 12 vs. At-large

„At-large“ steht für „ist gleich nicht vertraglich bestimmt“: Es wird ein Team eingeladen, das hinreichend hoch gerankt ist plus der Big-East-Meister, denn die Big East hat keinen fixen Bowl-Vertrag. Wenn Notre Dame in den Top-8 gerankt ist, bekommt der Quoten-Hit Notre Dame eine automatische Einladung. Dazu das National Championship Game, das den Landesmeister kürt und um den 10. Jänner rotierend zwischen Pasadena, New Orleans, Miami und Glendale stattfindet.

BCS National Championship Game: BCS #1 vs. BCS #2

Da es sich bei #1 und #2 fast immer um die Meister einer der sechs BCS-Conferences handelt, werden die restlichen Bowls gerne ordentlich durcheinandergewirbelt. Zur Bowl Season gab es im Dezember bereits einmal einen Eintrag.

BCS-Kontroversen

So kompliziert das System klingt, so viele Polemiken löst es Jahr für Jahr aus. Angefangen mit der pseudo-objektiven BCS-Rangliste – ein computergenerierter, intransparenter Mix aus menschlichen Abstimmungen („human polls“) und haufenweise Statistiken – bis hin zur generellen Skepsis gegenüber kleinen Universitäten und deren einfacherem Spielplan fühlten und fühlen sich immer wieder Universitäten massiv benachteiligt.

Ein Team aus einer der fünf Nicht-BCS-Conferences muss schon sämtliche Gegner in Grund und Boden spielen, um überhaupt für eine BCS-Bowl in Betracht gezogen zu werden, geschweige denn in das National Championship Game zu kommen: Zuletzt wurden beispielsweise mehrfach Utah, TCU und Boise State obwohl ungeschlagen nicht für das Endspiel in Betracht gezogen – und zertrümmerten in der Folge ihre BCS-Gegner in den BCS-Bowls.

Weil fast jedes Jahr hinsichtlich der BCS-Rangliste die Fetzen fliegen, wird die BCS-Rangliste konstant überprüft, verfeinert, erneuert – mit dem bizarren Ziel, die Computer-Ranglisten den „menschlichen“ Ranglisten anzunähern. Ein Fakt, der schon für sich nach Zerschlagung der BCS schreit.

In 13 Ausgaben hat übrigens nur 7x die #1 über die #2 triumphiert, und dies auch nur, wenn man die getürkte USC-Meiterschaft von 2004/05 mit reinrechnet. Da auch American Football ein Sport ist, der auf dem Platz entschieden werden will, kräht auch Sideline Reporter beharrlich nach einem Playoff-System, das zumindest einer größeren Menge als der #1 und #2 die Chance auf den Titel gibt.

Gefühlt wird sich die BCS nicht ewig halten können. Der Druck aus den Medien wird größer und größer, erste kartellrechtliche Sammelklagen werden vorbereitet, und am Wichtigsten: Es wächst eine neue Generation an Sportdirektoren heran, die die alte, verkalkte Generation langsam ablöst und sich zum beträchtlichen Teil durchaus als nicht so engstirnig gezeigt hat.

Alle Einträge über die Themenwoche Faszination College Football finden sich unter den Tags oder im Portal über College Football beim Sideline Reporter. Fragen? Nur zu – was beantwortet werden kann, wird beantwortet.

Faszination College Football II: Grundwissen auf einen Blick

Disclaimer: Dieser Eintrag setzt sich zum Ziel, einen allgemeinen Überblick über dieses College-Football-Dings zu geben. Manches Thema wird in den nächsten Tagen vertieft werden, also wird es zu Redundanzen kommen.

College Football ist Teil des amerikanischen Universitäts-Sportsystems, das von der NCAA (National Collegiate Athletic Association) überwacht und durchgeführt wird. Viele Universitäten betreiben mehr als 10 Sportarten für Männer und Frauen – ein System, das naturgemäß recht teuer ist. Die Cash Cow ist normalerweise der College Football, in den höchsten Gefilden eine Frage von high investments, high revenue.

Es gibt vier Ebenen (Divisions), die historisch so gewachsen sind und sich in unterschiedlichen Ausmaßen in Sachen Finanzen, sportliche Stärke, Sportanlagen und erlaubte Stipendien unterscheiden. Die höchste Ebene, die Division I, ist seit über drei Jahrzehnten zweigeteilt, seit ein Batzen Schulen den allergrößten Wahnsinn nicht mehr mitgehen wollte bzw. konnte.

Seitdem gibt es die Division I-A, die mittlerweile FBS (Football Bowl Subdivision) heißt, und die Division I-AA (mittlerweile FCS – Football Championship Subdivision), und darunter die Division II und Division III. Wenn wir hierzulande von „College Football“ und möglichen TV-Übertragungen sprechen, ist praktisch ausschließlich von der FBS die Rede, und selbst dann nur von der absoluten Spitze der FBS.

Faszination und Kontroverse

Die Masse an Universitäten in den USA ist schier unüberschaubar. Die Mentalität überm Teich unterscheidet sich auch in einigen Punkten wesentlich. So waren die Amerikaner von Beginn an nicht bloß darauf bedacht, eine Bildungsanstalt zu schaffen. Sie wollten dem Studierenden auch die Möglichkeit geben, sich körperlich fit zu halten. Ganz nach der Einstellung britischer Universitäten, dem Juvenal’schen Motto mens sana in corpore sano (ein gesunder Geist steckt in einem gesunden Körper).

Und falls es so etwas wie eine ureigene amerikanische Eigenschaft geben sollte, dann ist es der Wettbewerb. Wettbewerb hat dieses Land groß gemacht und in den 1860ern auch zum ersten offiziellen Footballspiel geführt: 1869 matchten sich die Uni-Teams von Yale Princeton und Rutgers erstmals auf dem Gridiron. Ob man von „Football“ sprechen darf, sei an dieser Stelle nicht diskutiert. Fakt ist: Das Regelwerk existierte noch nicht und es handelte sich wohl eher um eine Mixtour aus Rugby und Fußball. Doch recht schnell wurde dann „richtiger“ Football gespielt und manche Unis fetzen sich schon seit mittlerweile über 100 Jahren. Das schafft Rivalitäten, die von dutzenden roten Fäden und endlosen Anekdoten durchzogen sind.

Zwei Absätze in einem Satz zusammengefasst: Einen Teil des speziellen Flairs im College Football macht die schier unendliche Tradition aus.

Hinsichtlich „unendliche Tradition“ müssen auch einige Trainerlegenden genannt werden, die im College Football seit Äonen unterwegs sind, wie im europäischen Fußball nicht mal Ferguson oder Roux. Über Joe Paterno und Bobby Bowden gab es hier schon im vergangenen November Hommagen zu lesen. Andere, wie Bear Bryant, Bo Schembechler, Lou Holtz oder Howard Schnellenberger, wurden ebenso mit der Zeit glori- und mystifiziert.

Ganz wichtiger Punkt, wenn man über das Faszinosum College Football schreiben möchte: Die meisten Spieler kommen aus dem jeweiligen Umland der Universitäten, sind also in der Region verwurzelt und dienen als Identifikationsfiguren. Denn anders als in der NFL werden im Universitätssport die Spieler nicht gedraftet, sondern „rekrutiert“, d.h. letzten Endes wählt sich der Spieler die Uni aus. Jede Uni kann dabei eine bestimmte Anzahl an Sport-Stipendien vergeben – wir haben es mit sog. „Student Athletes“ zu tun, die parallel zum Studium ein büsschen Football spielen und dafür bestenfalls Studienbeihilfen bekommen – offiziell. Dass vor allem in den höchsten Gefilden – dort werden Umsätze wie bei Bundesliga-Mittelklassevereinen gemacht – die Sache mit der Ehre mit diversen Zuwendungen unter dem Tisch kombiniert wird, wird kaum mehr bezweifelt. Der Kampf der NCAA für die Integrität des Uni-Sports scheint aktuell ähnlich aussichtslos wie der Kampf gegen das Doping.

Jeder Athlet darf maximal vier Jahre spielen. Im ersten Jahr wird er freshman genannt, im zweiten sophomore, im dritten junior, im vierten senior. Manchmal verbringt man sein komplettes erstes Jahr auf der Bank und kann ein redshirt übergestreift bekommen – in diesem Fall zählt erst die zweite Saison als freshman-Jahr. In seltenen Ausnahmefällen (z.B. schwere Verletzungen früh in der Saison) wird auch ein fünftes oder sechstes Jahr Uni-Sport zugestanden.

Memorial Stadium Lincoln

Nebraskas Memorial Stadium war 1962 zum letzten Mal nicht ausverkauft – ©Flickr

Am beliebtesten ist College Football in NFL-losen Regionen. Die NFL deckt die meisten großen TV-Märkte ab, aber besonders im tief-konservativen, ländlichen Süden und im mittleren Westen ist die Gesellschaft weniger urban – und weniger attraktiv für professionellen Football. In diesen Regionen dominiert der Amateur/Akademiker-Sport College Football, der reihenweise Stadien über 80.000 bzw. sogar über 100.000 füllt.

Amerikaner haben ein spezielles Verhältnis zu ihrer Alma Mater – sie bleiben ihr ein Leben lang verwurzelt, sind stolz auf ihre Verbindung und unterstützen entsprechend auch ihre Sportprogramme, sei es moralischer (Fandasein) oder finanzieller Natur. „Finanzielle Natur“ auf die Extreme gebracht wird mit dem hässlichen Terminus Booster umschrieben. Ein Booster ist in der Regel ein reich gewordener Ehemaliger, der seiner Universität etwas zurückgeben möchte. Es gibt die „guten Booster“ und die „hässlichen Booster“. Erstere halten sich im Hintergrund und erfreuen sich am Erfolg der Uni. Letztere nehmen kraft ihres Geldes Einfluss auf die Sportdirektorien und nicht selten auch auf das Recruiting, was die Riege der Booster ganz allgemein immer mehr in Verruf gebracht hat, Stichwort Bobby Lowder.

Und dann gibt es noch das Spiel selbst: Es ist fehlerträchtiger als in der NFL – Amateursport, Nachwuchsspieler, was anderes erwartet? – und vor allem auch simpler. Weil Athleten noch wie Nullachtfünfzehnmenschen aussehen, funktionieren am College auch „banale“ Spielsysteme wie eine option offense oder eine fun’n‘gun offense – Dinge, die in der NFL nur in Ansätzen durchsetzbar sind. Dazu kommt der Fakt, dass die Masse an Trickspielzügen mit jener in der NFL nicht vergleichbar ist und Coaches generell als feige gelten, wenn sie gegen Spielende auf Sicherheit gehen (sprich: Overtime erzwingen wollen). Hier wird auf Sieg gespielt, und Hopp-oder-topp-Mentalität führt zu erhöhtem Unterhaltungspotenzial.

Die Begeisterung der Zuschauer auf den Rängen inklusive Schlachtgesängen und Orchestern sorgt für das Ihrige.

Wenn der Samstag zur Ganztagsparty wird

Hauptspieltag ist der Samstag. Auch wenn TV-gelderbedingt auch an der Uni mittlerweile ganze Spieltage zu Salamischeiben geschnitten werden und Traditionalisten ausbluten wie die geschlachteten Schweine auf den Tailgate-Partys: Der Samstag gilt noch immer als Bastion.

Von Grillfesten auf den Parkplätzen und Wiesen rund um die teilweise altertümlich-charmanten Stadien bis hin zu spektakulären Aufwärmprogrammen in eben jenen Arenen gehört einiges Rundumprogramm zu einem richtigen Football-Spieltag an der Uni. Die Warm-ups in den Arenen sind noch etwas weniger „schreiend“ als in hiesigen Fußballtempeln, wo du schon eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff von Queen zugerockt wirst, dass nur mehr becherweise Kaltgetränk Abhilfe schaffen: Am College spielen Marching Bands auf dem Gridiron.

Als Musikant in Südtirol sind mir Marschmusik und Marschformationen bestens vertraut. Und die Marching Bands in den Arenen bilden teilweise echt sehenswert komplizierte Formationen (im Video die Band der Iowa Hawkeyes, bitte nicht vom unrhythmischen Geklatsche durcheinander bringen lassen):

Als Zusatzunterhaltungsprogramm fungieren semiprofessionelle Cheerleading-Crews und diverse andere stadioneigene Bräuche. Der Einlauf der Mannschaften ist manchenorts ein Ritual von fast halbreligiöser Bedeutung. Zelebration at his schmalzigst. Exemplarisch seien die 25 most exciting seconds in College Football genannt – der Einlauf der Clemson Tigers im riesigen Memorial Stadium von Clemson, genannt Death Valley, das Tal des Todes:

Halbzeitshow und After Game Party runden den Feiertag a.k.a. College Football-Heimspiel dann noch ab. Dazu und wie so ein Heimspieltag an der Florida State University aussieht, wird in den nächsten Tagen ein Gastbeitrag erscheinen.

Die Hot Spots

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Die 120 FBS-Universitäten 2011/12; ©Wikipedia (GNU-Lizenz)

Traditionell ist neben der Region um die Großen Seen (Michigan, Wisconsin, Illinois, Ohio) der Südosten der Staaten die Kernregion des College Football. Universitäten wie Michigan, Penn State oder Ohio State im Norden und Alabama, Lousiana State oder Georgia im Süden sind in ihren Heimmärkten konkurrenzlos und dominieren sämtliche Schlagzeilen.

Landesweit die größte Strahlkraft besitzt die Universität von Notre Dame, die in Indiana daheim ist und als größte katholische Universität der Staaten und mit einer gewaltigen sportlichen Historie die Geister scheidet wie keine zweite Uni. Notre Dame erzielt immer noch sagenhafte Einschaltquoten, obwohl sportlich seit längerer Zeit auf dem absteigenden Ast.

Ein schwer aufstrebender (zumindest collegefootballtechnisch) Markt ist seit drei Jahrzehnten Florida, wo die Highschools so dermaßen viele hochkarätige Athleten in die Unis spülen, dass diese automatisch Erfolge einfahren. Florida ist keine traditionelle Collegefootball-Region, besitzt aber mittlerweile trotz Wirtschaftskrise eine ganze Latte an FBS-Programmen, die nach oben streben bzw. seit drei Jahrzehnten dominieren (Miami/FL, Florida State, Florida).

Zweiter Markt mit nie versiegendem Strom an Highschool-Talenten: Texas, wo immer alles ein bissl bigger und better sein muss. Texas verfügt über mehr Historie als Florida, und hat neben der alle überstrahlenden University of Texas/Austin auch noch den ewigen Clash mit Oklahoma und den Rednecks (Iowa, Nebraska, Missouri, Kansas) zu bieten.

Im Westen der Staaten strebt man seit kurzem massiv nach ganz oben, aber dass College Football dort Religionsersatz wäre, hätte ich noch selten gehört. Selbst die dominante Macht der University of Southern California (USC) muss in ihrem eigenen Markt um Aufmerksamkeit kämpfen.

120 Teams, 12 Spiele zur Meisterschaft – Whu?

Die FBS ist in 11 Conferences eingeteilt, mit vier Free Riders („Independents“), die keiner Conference angehören. Jede Uni hat ihren individuellen Spielplan – von den Independents mal abgesehen absolviert jede Uni zwischen 7 und 9 Spiele gegen die Konkurrenz in der eigenen Conference und 3-5 out of conference games.

Am Saisonende hat jede Uni mit mindestens 50% Siegquote (ergo sechs Siege) die Möglichkeit, eine Bowl zu spielen, ein Saisonabschlussspiel meistens im warmen Süden.

Das Rennen um die Meisterschaft wird von wöchentlichen Abstimmungen („Polls“) begleitet, wo Experten & Trainer die besten 25 Mannschaften nach ihrer Stärke reihen. Dabei sind nicht nur reine Siege, sondern vor allem eindrucksvolle Siege am besten gegen möglichst starke Gegner gefragt, um zu imponieren.

Früher wurde der Landesmeister per Abstimmung gewählt. Heute gibt es die BCS („Bowl Championship Series“), ein Zusammenschluss der sechs größten Conferences, die sich die Plätze in den größten und lukrativsten Bowls zuschachert und dafür sorgt, dass es am Ende der Saison, Mitte Jänner, ein richtiges Endspiel gibt: Das BCS National Championship Game, wo die #1 gegen die #2 einer speziellen computergenerierten Rangliste aufeinandertreffen. Am Ende haben wir einen Meister, der meistens schwer umstritten ist. Die dazugehörige Vertiefung gibt es dann morgen.

Regelunterschiede zur NFL

Wer hierzulande Football schaut, wird bald merken, dass das Regelwerk nicht strikt jenem der NFL folgt. Bei uns wird nach Amateurregeln gespielt – die Regeln des College Football. Es gibt einige Unterschiede zum professionellen Football, insbesondere beim Clock Management: Nach jedem 1st down wird erstmal die Uhr angehalten, was gegen Spielende Comebacks und Aufholjagden erleichtert, und es gibt keine Two-Minute-Warning.

Am College ist der Spielzug zu Ende, sobald der balltragende Spieler mit dem Knie den Boden berührt: Down by contact kennt man nicht. Dafür erkennt man einen Catch bereits an, wenn nur ein Fuß am Boden ist, im Gegensatz zur NFL, wo es nicht einmal mehr die pushed out-Regel gibt.

Auch die Strafen unterscheiden sich in mehreren Punkten. Bei tiefen Bällen ist die Pass Interference ein probates Mittel am College, da sie lediglich mit 10yds Raumstrafe sanktioniert wird, wo die NFL das Down immer an den Ort des Verbrechens verlegt.

Der größte Unterschied liegt im Overtime-Modus, wo beide Teams abwechselnd Angriffsserien von der gegnerischen 25yds-Line spielen, wodurch jedes Mannschaft mindestens einmal den Ball bekommt – am Ende siegt das Team, das nach jeweils einem Drive mehr Punkte erzielt hat.

Kleinere Differenzen gibt es beim Instant Replay, das aus technischen Gründen nicht auf allen Ebenen durchführbar ist. Wo schon, dort haben Coaches nur eine Challenge. Dafür hat der Video-Referee jederzeit eine Einspruchsgelegenheit (in der NFL nur in den letzten zwei Minuten).

Der Pokal der Pokale

Bis auf das Stipendium und diverse Geschenke auf Bowl-Wochenenden dürfen die Student Athletes offiziell keinen Verdienst mit dem Sport an der Universität verdienen. Damit gewinnen Preise und individuelle Ehrungen stark an Wert, sind sie doch Zeichen der Anerkennung, für die im Profisport vor allem der Rubel steht.

Wichtigste und prestigeträchtigste Auszeichnung ist die Heisman Trophy, die alljährlich an den besten Spieler vergeben wird, der sportliche Topleistungen mit ethisch-moralischen Grundwerten am besten verknüpft. Aber auch die Heisman Trophy ist nicht mehr das, was sie einmal war: Der Sieger von 2005 – Reggie Bush – musste jüngst aufgrund der Annahme illegaler Zahlungen sogar den Pokal zurückgeben und 2010 lieferten die Heisman-Voter einen neuen Tiefpunkt, wählten trotz erdrückender Beweislage in Sachen „Verstoß gegen die Integrität des Sports“ Cameron Newton zum Sieger. Für gewöhnlich bekommt ein Quarterback oder ein Running Back die Auszeichnung, in seltenen Fällen ein Wide Receiver und praktisch nie ein Verteidiger. 1997/98 war so eine Ausnahme, als Charles Woodson gewann, aber Woodson war neben Cornerback auch noch eine brillante Waffe als Returnspieler.

College Football im TV

Die TV-Verträge erreichen zwar nicht NFL-Dimensionen, aber die jüngst abgeschlossenen Top-Verträge bewegen sich trotzdem in exorbitanten Sphären. Die Pac-12 Conference z.B. verhökerte die Rechte jüngst an Fox/ESPN für 2,7 Milliarden Dollar über 12 Jahre (ca. 250 Mio./Jahr).

Collegefootball-Sender schlechthin ist ESPN mit seiner Kernsendung College Football Gameday, die jede Samstag live von einem besonders prickelnden Spielort gesendet wird und richtig interessante Einblicke gibt – dies als Info für diejenigen, die College Football am Samstagnachmittag der Fußballbundesliga vorziehen. ESPN überträgt auf seinem Dutzend Sender Spiele aus fast allen Conferences quer durch die Lande und überträgt fast alles von der Bowl Season.

Einen Überblick, welche Sender welche Conferences übertragen dürfen, gibt uns die Wikipedia.

Bei uns ist College Football derzeit via ESPN America empfangbar, und Eurosport 2 zeigte zuletzt alle Notre-Dame-Heimspiele. Dazu gibt es den kostenpflichtigen ESPN Player – aber leider nur in allen europäischen Staaten minus Russland und Italien, weswegen der Blogbetreiber diesen Dienst nicht in Anspruch nehmen kann. Soll auf alle Fälle ein vorzeigbares Produkt sein.

Upcoming

Feuer und Flamme für College Football? Die nächsten Tage werden eine Reihe an Vertiefungen bringen, inklusive einen Blick auf die BCS, die Spielstätten und das finanzielle Ausmaß im teuersten Amateursport der Welt.

Alle Einträge über die Themenwoche Faszination College Football finden sich unter den Tags oder im Portal über College Football beim Sideline Reporter. Fragen? Nur zu – was beantwortet werden kann, wird beantwortet.

Faszination College Football

Joe Paterno_Pettigano

Joe Paterno – ©Mike Pettigano/Linebacker-U

[EDIT 28. Juli 2012: Der nachfolgende Text bleibt unverändert. Besagte Welt war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch heil. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass sich seither grausige Dinge innerhalb der Mauern der Penn State Nittany Lions, dem Reich des Joe Paerno, herausgestellt haben, die dem College Football eine weitere ungute Note, diesmal eine sogar abscheuliche, verleihen – korsakoff.]

Man stelle sich einen schmächtigen Mann mit südländischem Äußeren vor, der im zarten Alter von 84 Woche für Woche vor meist sechsstelliger Kulisse am Spielfeldrand Teenager beim Footballspielen coacht, vor den Augen derer Eltern und Großeltern, die einst selbst unter seinen Fittichen waren.

Was für Uneingeweihte bizarr klingt, ist nur eine Episode in der ebenso spannenden, wie undurchsichtigen, wie stets aufs Neue faszinierenden Welt des College Football. College Football wie „Football an amerikanischen Universitäten“. Sehr frei übertragen: Die Unterstufe zur National Football League (NFL). Auf alle Fälle die mit weitem Abstand dominierende Talentschmiede. Ein Amateursport, wie man ihn in europäischen Landen schlicht nicht kennt. Wo sich Studenten für nicht mehr als ein Stipendium um Ruhm und Ehre prügeln – vor bis zu 110.000 Zuschauern.

Der auf den ersten Blick schwer durchschaubare Dschungel „College Football“ liest sich in Eckdaten so:

639 Unis spielen verteilt auf vier Haupt-Ebenen (Divisions) um vier Meisterschaften.

Die vier Divisions sind in insgesamt 64 Conferences eingeteilt, und nebenbei tummeln sich noch 15 Freigeister („Independents“), die keiner Conference angehören.

Die oberste Ebene nennt sich FootballBowlSubdivision und lässt sich die Besetzung des Meisterschaftsendspiels von einem Computer-Algorithmus ausspucken.

2010/11 besuchten 49,7 Millionen Zuschauer die 3547 Spiele verteilt über die vier Divisions.

Die meisten Zuschauer lockt die University of Michigan ins Stadion: 111.825. Im Schnitt. Pro Spiel.

College Football ist auch die Welt, in der vor Dekaden ein Field Goal von der EIGENEN 31yds-Linie verwandelt wurde, deren Rekordmeister 1927 zum letzten Mal den Titel geholt hat, wo in der Endzone auch andere Sträucher als Gras wachsen und an der Seitenlinie lebendige Krokodile als Maskottchen herumlaufen durften, wo eine Mannschaft mal 80 (!) Spiele in Serie verlor und in der es einst zu einem 222-0 Endstand kam, in einem Spiel, das nach drei Vierteln frühzeitig abgebrochen wurde.

Und es ist die Welt, in der die Hauptprotagonisten – Spieler und Trainer – in einem Maße verehrt werden, wie man es aus der Profiliga NFL mit Draft und Free Agency nicht kennt.

Das bringt uns wieder zurück zu unserem eingangs erwähnten 84-jährigen Mann. Die Rede ist von Joe Paterno, dem Head Coach der Pennsylvania State Nittany Lions. Penn State spielt seit 1887 Football. Und über die Hälfte der Spiele in ihrer Geschichte wurde von einem Mann gecoacht: Paterno. Eine Ode an die prägende Gestalt des Sports habe ich bereits im November geschrieben.

Weniger eine Ode, dafür ein Versuch eines umfassenden Blickes – in Salamitaktik mit nicht immer logischer Folge – auf diesen Sport und seine Eigenheiten: Upcoming, in dieser Themenwoche zum College Football. Ab morgen.