Vor dem Champions-League-Finale 2020: Bayern vs. PSG

Paar Worte noch zum heutigen Champions-League-Finale.

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Mutter aller Niederlagen

Heute jährt sich „Barcelona 99“ zum 20ten Mal. Als Mutter aller Niederlagen ist es bis heute das prägnanteste Sportereignis, das ich erlebt habe. Im Endspiel kurz vor Schluss zu führen, fühlte sich für mich als kleinen Bub schon damals wie ein Traum an. Ein Traum, der innerhalb von Sekunden zum Alptraum wurde.

Ein „aus allen Wolken fallen“ wie bei einer Fußballpleite in der Nachspielzeit ist im American Football kaum möglich – dafür fallen zu viele Punkte und dafür sind größere Comebacks eindeutig zu häufig. Was Barcelona 99 überdies so außergewöhnlich machte, war der Umstand, dass es sich um ein Finale handelte.

Es ist die einzige Niederlage, die ich bis heute nie verwunden habe. Ich glaube, der einzige Moment, in dem ich sie verwinden kann, ist, genau so eines Tages auch die Champions League zu gewinnen. Was nicht passieren wird, weil Barcelona 99 nie mehr passieren wird.

Der Gedanke an diesen Tag, an dem ich Rotz und Wasser heulte und wie Kuffour unsere Couch verprügelte, weckt in mir die Idee, ein vergleichbar brutales Finish im US-Football zu suchen. Das einzige Kriterium: Ich muss es selbst erlebt haben – also kein Platz für Immaculate Reception und derartiges Stöbern in den Untiefen der Footballgeschichte. Weiterlesen

Gedanken zum Champions League-Endspiel 2013

Es war ein geiles Spiel. Instant Classic ist vielleicht die richtige Beschreibung. Es war so wie fast alle der letzten Bayern-Endspiele in der Champions League: Alle anderen sind längst vergessen. Die Bayern-Finals aber sind Legenden, im Guten wie im Schlechten. Für den FC Bayern war es diesmal wieder Geschmacksrichtung „guter Ausgang“, und der Sieg war verdient. Die ersten 20, 25 Minuten waren geprägt von Unkonzentriertheit, das Team war nervös, irgendwas stimmte nicht. Dortmund spielte aggressiv, aber es war klar, dass diese Pace keine 90 Minuten halten würde. Bayern berappelte sich spätestens nach einer halben Stunde, und spätestens zum Ende der ersten Halbzeit war es ein ausgeglichenes Spiel. Halbzeit zwei gehörte zum überwiegenden Teil dem FCB, der dann auftrat wie der FBC 2012/13.

Das Endspiel war fassungslos intensiv, ein Kampf auf Biegen und Brechen, und beide probierten selbst konditionell schwer angeknockt, in der Schlussphase nach vorne zu spielen. Offenes Visier in einem Spiel, in dem sich der deutsche Fußball in fantastischem Zustand präsentierte. Es gab selbst im italienischen Fernsehen nur Lobeshymnen auf das Spiel, auf beide Mannschaften; Arrigo Sacchi ist bekannt dafür, dass er offensivstarke Mannschaften gerne rühmt, aber so leuchtende Augen habe ich bei Sacchi (der mit Milan in den 80ern und 90ern einen ähnlichen und für Italien revolutionären Fußball spielen ließ) noch selten gesehen.

Es tut auch ganz gut, nach den herzzerreißenden Endspielpleiten der letzten Jahre mal wieder auf der Sonnenseite zu stehen. Sagt, was ihr wollt, aber sagt nicht, dass der Bayern-Fan nicht leidensfähig sein muss. Gibt es irgendwelche Mannschaften, die zwei so brutale Endspielpleiten kassierten wie Bayern anno 99 und 2012? Ein finanzieller Kollaps eines Clubs ist größtenteils eigenverschuldet, aber wenn die Bälle statt ins Tor nur an den Pfosten gehen und der Gegner zwei seiner drei Chancen verwertet, bist du machtlos.

Heynckes geht nun zum zweiten Mal nach 1998 direkt nach einem CL-Sieg mehr oder weniger unfreiwillig von Bord. Er kann es mit erhobenem Haupt machen. Ich zog schon in den letzten Wochen meinen Hut, hatte dem FC Bayern diese Saison nicht zugetraut. Wo liegt der FC Bayern von 2012/13 im Ranking der Allzeitgrößen? Sicherlich einen Zacken unter dem FC Barcelona von 2010/11, aber das ist keine Schande. Vielleicht noch knapp unter dem ungekrönten FC Barcelona von 2009/10. Aber danach? Ich sehe zumindest den dritten, eher den zweiten Platz unter den besten Mannschaften der letzten 10, 15 Jahre.


Ich habe es schon oft geschrieben, aber noch mal: Respekt an Dortmund. Es gibt wenige Mannschaften, für die ich mich mehr begeistern konnte als für dieses Team, das Klopp in den letzten drei, vier Jahren dort gezimmert hat. Fantastisch. Reus machte zum Beispiel wieder eine gigantische Partie. Das ist kein Spieler für einzelne Angriffs-Aktionen, für zwei, drei Episoden im Spiel á la Ronaldo. Reus ist einer, der in jeder Aktion einen Fuß mit drin hat. Wie viel hat Reus gekostet? 17 Millionen? Das ist Schnäppchen hoch drei.

Dortmund war nicht weit weg. Man hatte den FC Bayern näher an der Wand als alle anderen bisher – der BVB zeigte, was eh schon alle wussten: Er stand völlig zurecht im Endspiel, als unbestritten zweitbestes Team der Welt. Das muss dich als Fan stolz machen; es freute sogar mich insgeheim, obwohl ich zwischendurch Angst vor einer dritten Finalpleite en suite haben musste. Dass es am Ende für Schwarz-Gelb nicht ganz für oben reichte, lag an Kleinigkeiten – und wir wissen, wie viel reinstes Spielglück bei so wenig Qualitätsunterschieden mit dabei ist.

Die Bayern-Tore waren endspielwürdig. Das 1:0 eine feine Aktion der Mannschaft, Ribery für Robben, der Torwart Weidenfäller ausspielte und für Mandzukic quer legte; es war etwas dilettantisch verteidigt von Dortmunds Abwehr, insbesondere Hummels, und nur Schmelzer (?) ging konsequent mit. Italiens Studiopundits gaben Weidenfäller Mitschuld am Gegentreffer, aber ich bin anderer Meinung: Kriegt der Mann den Zeh zwei Zentimeter weiter zum Ball, fälscht er ihn ungefährlich ab und alles ist paletti. Das 2:1 war eine famose Individualleistung Robbens, deren Genialität man erst in der Zeitlupe erkennt und zu schätzen lernt. Erneut: Zu passive Verteidigung, und wieder kann man Hummels hinterfragen. Überhaupt Hummels: Ich sehe den Mann nicht so schlecht, aber Sacchi dachte laut darüber nach, ob Hummels in irgend einer anderen europäischen Spitzenmannschaft Starter wäre – und bekam keine Antwort.

Es bleibt ein einziger Wermutstropfen, der mich noch beschäftigt: Lewandowski. Ich glaube, Henry war der letzte Stürmer, den ich so abgöttisch geliebt habe wie Lewandowski, und dürfte ich dieses Jahr den Goldenen Ball für den Weltfußballer ausgeben, ich würde ihn Lewandowski geben, nicht Ribery, Robben oder Schweinsteiger. Für so grandios halte ich das, was dieser Angreifer fabriziert. Aber was er sich gestern in der Schlussphase leistete, trieb mir ein ganz tiefes Schlucken in den Hals. Es passiert immer wieder, dass Spieler im Affekt ungehalten auf eine Provokation reagieren. Ribery ist ein Chaot. Suh wie provoziert wie kein zweiter. Zidane ist ein Wahnsinniger. Bei denen jungs weißt du, was du bekommst. Lewandowski aber hatte drei Sekunden zum Nachdenken, und er tat es trotzdem (Tritt auf Boatengs Knöchel). Ich halte die Aktion nach der Aufzeichnung noch immer für Absicht, und ich kann es nicht fassen. Gegen einen am Boden liegenden Gegner bei Bewusstsein absichtlich nachzutreten, ist schändlich, und trübt mein Bild von diesem bisher als astreinen Sportsmann wahrgenommenen Spieler doch beträchtlich.

Lewandowski kündigte (via Heynckes) bei Sky und (via Teamkollege Hummels im Interview) auch im italienischen Privatfernsehen mehr oder weniger direkt einen „baldigen“ Wechsel zum FC Bayern an. Will ich Lewandowski, den Stürmer, im Bayern-Dress sehen? Immer. Den Treter? Hmm… Vielleicht komme ich drüber hinweg. Erstmal ist Erholung von der Siegesfeier angesagt.

Wembley bebt: Vor dem deutschen Endspiel der UEFA Champions League 2012/13

Es mag Ironie der Geschichte sein, dass im Endspiel der Champions League 2012/13, das die UEFA dem englischen Fußballverband zum 150ten Geburtstag schenkte, ausgerechnet zwei deutsche Vereine im Wembley Stadium aufeinander treffen. Bayern gegen Dortmund, das ist vermutlich das Horrorszenario für Englands Fußball, und es wäre nichtmal so, dass die beiden Finalkontrahenten von ihren Auslandsimporten leben. Nein: Einige der Schlüsselspieler auf beiden Seiten mögen zwar Einkäufe aus Frankreich, Spanien, Brasilien, Polen sein, aber im Kern steht sich heute Abend das Gerüst der deutschen Nationalmannschaft gegenüber.


Vor einem Jahr bemängelte ich in der Vorschau zum CL-Finale 2012 den mangelnden Entwicklungstrieb beim FC Bayern und äußerte die Befürchtung, dass er möglicherweise in der Verwaltungsabteilung stecken bleiben würde. Ein Jahr später kann man diese Befürchtung in die Tonne kloppen. Die Vereinsführung zog aus der letzten Saison genau die richtigen Schlüsse und machte gelungene Einkäufe, darunter drei geniale:

  • Dante als technisch feiner Innenverteidiger für den Spielaufbau.
  • Martinez als passsicherer, spielintelligenter Sechser mit herausragenden Defensivqualitäten.
  • Mandzukic als selbstloser, laufstarker Mittelstürmer, mit dem Offensivpressing und somit Verteidigung begonnen werden kann.

Dieses Trio ist genau das, was ich einst gefordert hatte. Dazu der quirlige Shaqiri als Kampfgnom von der Bank. Ein Jahr nachdem dem Bayern-Kader jegliche Tiefe abging, kann die Mannschaft locker die Langzeitausfälle von Jungs wie Badstuber oder Kroos kompensieren, rein zufällig zwei der großen, wenn auch oft unterschätzten Mannschaftsstützen.

Der FC Bayern 2012/13 funktioniert wie eine Maschine, sämtliche Automatismen greifen. Das Offensivpressing beginnt bereits ganz vorne mit dem fleißigen Mandzukic, und dahinter sieht die gesamte Mannschaft sehr kohärent, sehr einheitlich gepolt aus. Ich habe selten eine Mannschaft gesehen, die so konsequent, so zeckig presste wie Bayern – selbst ohne Mandzukic – im ersten Spiel gegen den FC Barcelona, dem wie auch Juve mit dieser aggressiven Spielweise komplett der Zahn gezogen wurde.

Die Flanken der Bayern dürften mittlerweile europaweit konkurrenzlos sein: Wenn du vorne Leute wie Ribery und Robben hast, die dahinter von einem Lahm oder einem Alaba nicht bloß abgesichert, sondern volle Pulle nach vorn unterstützt werden, und in Mandzukic und/oder dem zentralen Mittelfeld-Pärchen Schweinsteiger/Martinez beziehungsweise im Halbstürmer Müller jederzeit zwei bis drei mögliche Abnehmer haben, bringst du jeden Gegner in Zugzwang.

Dass die Mannschaft so stark greift, kann sich Jupp Heynckes ganz fett auf die Stirn kleben. Heynckes hat es geschafft, und ich hatte es nicht wirklich für möglich gehalten. Wenn ein Manuel Neuer (!) als sowas wie der „Schwachpunkt“ der ersten Garnitur ausgemacht werden kann, stehst du nicht mehr ganz zufällig zum dritten Mal in vier Jahren im Endspiel.

Vielleicht reicht die Bayern-Ausgabe 2012/13 qualitativ nicht ganz an die epische Barcelona-Mannschaft von 2010/11 heran, aber auch wenn diese Bayern nicht so extrem passsicher sind und keinen Messi haben: Sie sind einen Tick athletischer, kraftvoller, dynamischer, und treffen in meinem Fußballgaumen damit sogar den besseren Geschmack.


Bayerns Vorgänger als beste Mannschaft Deutschlands (Europas?) ist Borussia Dortmund, seit Jahren mein heimlicher, wenn auch viel zu früh gescheiterter, Titelfavorit. Nach zwei Meisterschaften und einem Aus in der CL-Gruppenphase, der Freak-Charakter besonderen Ausmaßes hatte (sagen wir: Das Anti-Malaga), ist der BVB 2012/13 wohl nicht mehr ganz so ausgefeilt, so Rad-in-Rad-greift-ineinander wie noch in den letzten beiden Jahren. Trotzdem ist das Werk des Jürgen Klopp nicht hoch genug einzuschätzen: Klopp hat da einen schwarzgelben Riesen gebaut, der es zuletzt regelmäßig schaffte, Bayern den Nerv zu rauben.

Die Mannschaft ist ein kleiner Gegenentwurf zu den FCBs: Im Herzen eine Spur passiver, weniger dominant, aber bei Ballgewinn überfallartig und mit den technisch feinen Einzelspielern im Vorwärtsgang nur schwer zu verteidigen. Götze, Reus, Lewandowski – das sieht an guten Tagen sogar noch dynamischer aus als beim FCB. Nun fällt allerdings ausgerechnet Götze allem Anschein nach aus; gleichwertigen Ersatz gibt es nicht – im Football würde man sagen, Klopp muss da mit wie „scheming“ antworten.

Ich sehe zwei große Fragezeichen: Das Spiel aus der Abwehr heraus krankt, weil insbesondere Subotic keinen sauberen flachen Ball über 10m hinkriegt, und das reine Rausdreschen gegen Bayern nach zwei Ballverlusten pro fünf Spielminuten riecht. Sollte Hummels tatsächlich ausfallen oder nur halbfit auflaufen können, wäre das eine extreme Schwächung insbesondere für das Dortmunder Aufbauspiel.

Zweites Problem ist die Zusammensetzung der Mittelfeldzentrale: Der sehr komplette Gündogan muss gesetzt sein, aber daneben gibt es für Klopp nur eindimensionale Optionen: Bender und Großkreutz mögen Kämpen sein, aber sie fallen spielerisch meterweit ab. Sahin ist die defensivschwächste Option; Kehl hat Routine und Abgewichstheit, aber ist zu langsam.

Die Lehren aus den bisherigen Saisonduellen waren: Klopp ist vorsichtiger geworden, als ob er plötzlich die Überlegenheit der bayrischen Ballkreisel anerkennen würde. Dortmund war im Vergleich zu den letzten Jahren in Sachen Einstellung und Körpersprache kaum wiederzuerkennen, wenn es gegen Bayern ging. Wird Klopp auch heute so zurückhaltend aufstellen? Das spräche gegen Sahin, für den zerstörerischen Bender.


Noch nicht vergessen oder verheilt - Das sollte Motivation genug sein.

Noch nicht vergessen oder verheilt – Das sollte Motivation genug sein.

Das Spiel hat das look’n’feel eines Ereignisses, die möglicherweise die Sichtweisen auf zwei Vereinsepochen definiert. Vor allem für den FC Bayern steht und fällt die Saison, ja die Ära Heynckes, mit dem Ausgang dieses Endspiels: Bei Sieg winkt ein Jahr nach dem Vize-Triple das „echte“ Triple, also jenes mit den Pokalen in der Vitrine. Bei Niederlage war die Rekordsaison viel gimmick, Hoeneß und Enttäuschung am Kulminationspunkt. Dortmund hat weniger zu verlieren: Das Endspiel ist, obwohl es sich für die Mannschaft wie der richtige Ort anfühlt, für den Verein und seine Fans schon etwas ganz Großes. Klopp hat da bereits mehr draus geformt als man von einem Club wie dem BVB erwarten konnte.

Die Fallhöhe für den FC Bayern ist natürlich eine ganz andere. Heynckes wirkt aber seit Montaten – spätestens seit der Bekanntgabe des Guardiola-Deals – extrem entschlossen. Da ist ein Mann on mission, will es allen nochmal zeigen. Möglicherweise wird es Jupps zweiter unfreiwilliger Abgang direkt nach dem Gewinn der Champions League (Madrid, 1998). Die Vorzeichen stehen gut: Im Gegensatz zu den letzten beiden Finals der Bayern sind diesmal keine Spieler zu Unrecht gesperrt (siehe: Ribery, Alaba).

Ich bin Bayern-Fan. Ich hatte in den Wochen vor diesem Endspiel lange das merkwürdige Gefühl, dass ich mit einem CL-Sieger „Borussia Dortmund“ keine Probleme hätte. Ich hätte es zugegeben immer noch nicht, aber mit jeder Minute, die der Kickoff näher rückt, wird klarer: Bayern muss diesmal den Pokal gewinnen. Die Kombination aus dem Katastrophenpotenzial einer weiteren CL-Endspielniederlage und dem Thrill, die beste Saison der Vereinsgeschichte gegen den größten innerstaatlichen Rivalen zu fixieren, macht dieses Spiel so einzigartig.

Von einem knappen BVB-Sieg bis zu einem Kantersieg der Bayern halte ich vieles für möglich. Spielen wir die Partie zehnmal aus, gewinnt Bayern – sagen wir – siebenmal.

Bayern vor dem Frühling 2012

Nach mehreren notgedrungenen Absagen kann ich heute Abend nach elendig langer Zeit wieder ein Bayern-Heimspiel in der Allianz Arena besuchen. Beim letzten Mal saß noch das taufrische Meistercoach Van Gaal auf der Bank und die Hoffnungen auf ein endlich längerfristiges Bayern-Konzept waren noch intakt. Eineinhalb Jahre später ist klar: Bayern hat des internen Hausfriedens zuliebe zwei Schritte rückwärts gemacht. Heute Abend riskiert der FCB, gegen den FCB rauszufliegen.

Dabei fand ich Bayern über die letzten Wochen nie so unterirdisch, wie man die Mannschaft quer durch die Blogosphäre redete. Was aber vor allem im Hinspiel in Basel auffiel: Wenig Dynamik im Offensivspiel und eklatantes Fehlen von eingelernten Spielzügen. Wenn du gegen eine nicht sattelfeste Schweizer Abwehr acht von zehnmal mit dem wenig probaten Mittel „Flanke auf Gomez“ operieren musst, wird es allerdings Zeit, deine Spielanlage zu überdenken.

Vor ziemlich genau einem Jahr versuchte Van Gaal verzweifelt per Personalrochaden, Schwung in die verwaiste Mittelfeldzentrale zu bringen, um dem streckenweise brillanten Passspiel im Offensivspiel zu helfen. Heute versucht Heynckes sich immer mal wieder des etwas rudimentäreren Mittels des starken Offensivpressings, den Gegner unter Druck zu setzen. Etwas, das phasenweise klappt, wie in der zweiten Halbzeit in Basel, als Bayern den Gegner locker unter Kontrolle hatte.

Aber das Zusammenspiel wirkt in sich nicht stimmig. Ein Weltklassedribbler wie Ribéry ist zu häufig isoliert. Optisch vermittelt die Mannschaft trotz gelegentlich eingestreuter großartiger Phasen den Eindruck von Stückwerk. Der Fluss im Spiel wird gegen dichter gestaffelte Gegner immer wieder abgewürgt durch zu wenig Bewegung der einzelnen Offensivkomponenten – weil keiner weiß, was er machen soll? Oder sind es nur die so häufig auftretenden Zeichen von Wachstumsschwierigkeiten?

Heynckes’ letzte Trainerstationen lassen ersteres befürchten und das macht die Allianz Hoeneß/Heynckes spannend. Wird Hoeneß in alte Verhaltensmechanismen zurückfallen und seinen Kumpel nach zwei-drei weiteren Niederlagen rasieren? Andeutungen dieser Mechanismen ließen sich zuletzt aus der Rhetorik ableiten, die sachte am Trainerstuhl rüttelte. Dann kam der Kantersieg vom Samstag.

Auf der anderen bedient man sich nach jedem erneuten Tiefschlag einer Trotzreaktion-Rhetorik, die sich bei diesem Kadergefüge als Griff in den Gully zu erweisen scheint. Man lasse sich durch den Kantersieg gegen die vogelwilde Hoffenheimer Verteidigung (noch) nicht das Gegenteil aufschwatzen.

Anyway. Die Resignation beim Gedanken an den nonexistenten Innovationstrieb in der Führungsetage des FC Bayern ist nachvollziehbar. Selbst ein Ausscheiden heute Nacht wird daran – also an den begrenzten Innovationsfreude der Bayern – nur wenig ändern. Bleibt also heute wie längerfristig das Hoffen auf die lichten Momente.