Die Akademische Viertelstunde: Atlantic Coast Conference (ACC) im Sommer 2013

Die A.C.C. durchlebte in den vergangenen 15 Jahren einen schleichenden Niedergang und lebte lange Zeit nur noch von ihrem Ruf früherer Tage. In den letzten paar Jahren nicht mal mehr davon: Sie wird mittlerweile nur noch als mittelmäßig wahrgenommen, obwohl sich einige der bekanntesten Footballmannschaften des Landes (Florida State, Miami, Clemson, North Carolina) darin tummeln. Aber die letzten TV-Verhandlungen haben der Liga die Augen geöffnet: Sie fielen mit 150 Mio./Jahr um fast die Hälfte schlechter aus als jene in vergleichbaren Ligen wie der Big Ten.

Die Reaktion war die Hereinnahme von zwei Universitäten aus der Big East Conference: Pitt und Syracuse. Beide haben nicht den größten Sex-Appeal, aber sie sind wenigstens sehr gute Basketball-Unis, was in einer Conference, die sich rühmt, auch im Basketball gut sein zu wollen (immerhin sind Duke und North Carolina zwei der erfolgreichsten BB-Programme), nie von Nachteil ist.

Sportlich befürchten viele eine Verwässerung. Andere halten das Feld eh schon für so verwässert, dass da nix mehr schief gehen kann. Und im nächsten Jahr wird Maryland abspringen und dafür das attraktivere Louisville dazustoßen. Louisville wollte aber eigentlich immer mit aller Gewalt in die Big 12 Conference, musste sich dann aber mit dem „Trostpreis“ ACC zufrieden geben. Damit ist der Status der ACC auch am besten beschrieben.

Und seine Hand ins Feuer legen will noch niemand, ob Florida State, Miami und Clemson wirklich dauerhaft in dieser Conference bleiben wollen. Immerhin: Die nächsten zwei, drei Jahre wird es Stillhalten geben.

Sehen wir’s sportlich: Der korsakoff-Take

Dachterrasse: Florida State, Clemson
Zweiter Stock: Virginia Tech, UNC, Pitt
Erdgeschoss: Miami/FL, Georgia Tech, NC State, Syracuse, Duke
Kellerkinder: Boston College, Wake Forest, Virginia, Maryland

BCS-Titelkandidaten: keine.

Bei der ACC ist, wie wir mittlerweile wissen, der Name größer als die Qualität. Selbst die beiden Favoriten FSU und Clemson haben viele Fragezeichen, weil inmitten oder kurz vor einem Umbruch. Beide dürften 2013 chancenlos in Sachen BCS-Titel sein, denn dafür reicht wohl noch nicht einmal eine ungeschlagene Saison.

Es gibt ein extrem dünnes Verfolgerfeld, dafür aber sehr viele schwächelnde Teams in den unteren Ebenen, bei denen viele vor einer ungewissen Zukunft stehen. Virginia Tech und UNC sind immerhin wieder auf dem Weg nach oben, und bei den quasi toten Miami Hurricanes rührt sich zumindest irgendwas, aber im Prinzip ist 2013 die halbe Liga sportlich nicht ernst zu nehmen und wird nur 5-6 Siege zusammenkratzen, weil irgendjemand in der ACC ja die Spiele gewinnen muss. Ach, und: Miami und UNC könnten aufgrund diverser aufgedeckter Skandale noch eins auf die Fresse bekommen; der NCAA-Hammer ist da relativ unberechenbar.

Der erste deutsche NFL-Superstar? Defensive End Björn Werner. Ein Scouting-Report

Heute gibt es wieder einen Gastbeitrag von Flo Zielbauer/Hardcount Blog zu Björn Werner, der großen deutschen NFL-Hoffnung für 2013.


Wer ist Björn Werner? Björn Werner ist ein 1,93 m großer und 116 kg (6‘4, 255lbs) schwerer Defensive End, der die letzten drei Jahre für die Florida State Seminoles spielte und ursprünglich aus Berlin stammt. Im Gegensatz zu den anderen beiden Deutschen in der NFL, Markus Kuhn und Sebastian Vollmer, besuchte er auch eine amerikanische Highschool. Wie ein deutscher Junge an eine amerikanische Highschool kam, um dort Football zu spielen, beschreibt Werner im Interview bei SPOX.com. In diesem Rahmen will ich mich auf das Sportliche beschränken.

College-Karriere

In seinem ersten Jahr an der Florida State sah Werner das Feld ausschließlich als Backup. Ab seiner zweiten (der „Sophomore-“) Saison startete er für die Noles als linker Defensive End. In dieser gelangen ihm 37 Tackles, davon elf für Raumverlust und sieben Quarterback-Sacks. In der nun gerade abgelaufenen, seiner Junior-Saison, gelang ihm der endgültige Durchbruch. Er sammelte 42 Tackles, davon 18 für Raumverlust und es gelangen ihm 13 Sacks. Keinem Spieler im ganzen Land gelangen mehr. Obwohl er noch ein Jahr am College hätte bleiben können, entschloss er sich dazu, sich für den NFL-Draft zur Verfügung zu stellen. Dies scheint vor allen Dingen für seine finanzielle Zukunft eine sehr gute Entscheidung zu sein.

Analyse: Auf dem Feld

Werners Zahlen lesen sich bombastisch. Zahlen sind auch schön und gut. Im Football können manche Zahlen allerdings auch recht einfach täuschen. Deswegen ist es für die Evaluation von Spielern unverzichtbar, sich die Performance auf dem Feld genau anzuschauen, also das von Pundits und Scouts viel beschworene „Tape“ anzusehen, um einen Eindruck für Stärken und Schwächen eines Spielers zu erhalten, den einem die nackten Zahlen nicht liefern können.

Leider ist mir keine Möglichkeit für Otto-Normal-Fans bekannt, an All-22-Gametape für College Spiele zu kommen (Aufzeichnungen von Spielen, bei denen alle Spielzüge aus zwei verschiedenen, sehr weiten Blickwinkeln gefilmt sind. Diese werden von den „richtigen“ Scouts und den Teams verwendet). Daher mussten für meine Evaluation die regulären TV-Bilder herhalten. Ich möchte hierzu noch anmerken, dass ich es im Zuge der Recherche für diesen Artikel absichtlich vermieden habe, zu lesen was Scouts und Draft-Experten bereits über ihn gesagt haben, um meine unverfälschte Meinung über seine Fähigkeiten darzustellen. Es kann also durchaus sein, dass es große Unterschiede zwischen meiner Analyse und der der Profis gibt, sie ist am Ende des Tages auch nur eine Meinung unter vielen.

Die Aufgaben eines Defensive Ends lassen sich in zwei große Untergebiete unterteilen, den Pass Rush und die Laufverteidigung. Beide Gebiete verlangen teilweise recht unterschiedliche Skillsets. Wie sich Werner jeweils anstellt, will ich im Folgenden analysieren.

Pass Rush

Werner ist ein Pass Rusher, der vor allen Dingen von seinem schnellen ersten Schritt profitiert. Er schafft es regelmäßig, Tackles mit Schnelligkeit zu überrumpeln. Oft schlägt er sie mit Hilfe dieser Schnelligkeit über aussen, mit einem klassischen „Speed-Rush“ (verlässt sich dabei auf sein schnelles Wegkommen aus dem Stand). Wenn die Gegner gegen seine Geschwindigkeit überkompensieren, also zu schnell und mit zu großen

Schritten zurückgehen, um ihm zuvorzukommen, nutzt er dies mit einem harten Cut (oder „Dip“, also Absenken seines Körpers um den Lineman zu überraschen) nach innen aus und attackiert die Innenschulter des Gegners auf dem direktem Weg zum Quarterback.

Von dieser Kombination aus Move und Gegenmove lebt Werner größenteils, denn andere Pass Rush Moves sucht man bei ihm vergebens. Das von mir gesehene Tape zeigte ihn keinen Spin-Move oder Swim-Move benutzen. Ab und zu setzt er einen Bullrush ein (mit purer Kraft den Gegner nach hinten schieben), der, weiter ausgebaut, zu einer mächtigen Waffe in seinem Arsenal werden könnte. An dieser Stelle gibt es aber definitiv noch etwas zu verbessern. Er sollte in der NFL sein Arsenal an verschiedenen Moves verbreitern, damit NFL-Tackles kein zu leichtes Spiel mit ihm haben werden.

Werner ist ein sehr aufmerksamer Pass Rusher, der nicht mit „Scheuklappen“ spielt, sondern stets mit einer unerwarteten Entwicklung rechnet, wie zum Beispiel einem Screenpass oder einem Draw-Spielzug durch die Offense. Beide sind Mittel, die unaufmerksame Verteidiger sofort aus dem Spiel nehmen können. Beide Tricks der Offense diagnostiziert Werner zuverlässig und fällt nur selten auf sie herein. Auch ist er ein disziplinierter Rusher, der in den meisten Fällen auf der Außenschulter des Quarterbacks bleibt (von immenser Wichtigkeit für einen Defensive End in einer 4-3) und es ihm so schwer macht aus der Pocket zu flüchten. Sein oben erwähnter bevorzugter Counter-Move, der Inside-Dip könnte ihm aber hier Probleme bereiten, da er die Defense vor allen Dingen gegen mobile Quarterbacks der Kaepernick/Griffin/Wilson-Sparte über außen angreifbar macht.

Das Sahnehäubchen auf Werners guten Pass Rush-Fähigkeiten ist aber sein Gespür dafür, in die Luft zu springen und Bälle an der Linie herunterzuschlagen. Er besitzt ein gutes Näschen für den richtigen Zeitpunkt, den Rush abzubrechen und in die Luft zu springen. In der vergangenen College-Saison gelang ihm dies acht Mal, in der vorletzten Saison sogar neun Mal. Es gibt für einen Quarterback kaum etwas deprimierenderes, als einen Defensive Lineman, der die Completion schon verhindert bevor der Ball überhaupt in Richtung Receiver unterwegs ist. In der NFL beweist Texans-Defensive Lineman J.J. Watt seit Kurzem wie wertvoll diese Fähigkeit für eine Defensive sein kann.

Alles in Allem ist Werner ein dominanter Pass Rusher mit guten Instinkten, der aber noch an seinen Pass Rush-Moves arbeiten sollte, um unberechenbarer zu werden.

Laufverteidigung

Der mit Abstand wichtigste Job eines 4-3 Defensive Ends in der Laufverteidigung ist es, die Außenseite dicht zu machen („Outside Contain“). Diese Aufgabe erfüllt Werner diszipliniert und mit dem richtigen Verhältnis zwischen Attackieren und Abwarten. Er platziert seine Hände exzellent und kontrolliert Blocker dadurch, dass er ihre Arme nie in seine Körpermitte kommen lässt. Besonders sauer wird er, wenn er sich am Point of Attack eines Laufes nach außen befindet. Ich habe ihn in Spielen schon Blocker zehn Yards durch die Gegend schieben und somit mit „Penetration“ die Pläne der Offense komplett durchkreuzen sehen.

Auch gegen Double Teams sah er besser aus, als die meisten College-Defensive Ends, an die ich mich in letzter Zeit erinnern kann. Es scheint, als sei seine Laufverteidigung als Ganzes um einiges aufpolierter und ausgereift als sein Pass Rush. Er erweist sich als sehr sicherer Tackler, der nicht unbedingt durch harte Hits, sondern eher durch einen sehr starken Griff auffällt. Wenn er auch nur einen Knöchel oder eine Hand des Ballträgers erwischt, so kann man sich sicher sein, dass er diesen auch zu Boden bringt. Sollte er tatsächlich Mal von einem Blocker aus dem Play herausgeschoben werden, so setzt Werners Stolz ein; er dreht auf und verfolgt den Ballträger bis dieser auf dem Boden ist.

Welches Team draftet ihn und wann?

Oder: In was für eine Defense passt Werner?

Das ist die erste Frage, die man sich stellen muss, wenn man Vermutungen darüber anstellen will, wo Werner in der NFL-Saison 2013 spielen wird. Er spielte bei Florida State den linken Defensive End in einer klassischen Vierer-Front, was ihn rein auf dem Papier in der NFL für die selbe Position in einer Vierer-Line oder einen Outside Linebacker in einer 3-4-Defense qualifiziert. Ob Werner sich aber als Linebacker in der 3-4 genau so gut machen würde wie als End in der 4-3 wage ich zu bezweifeln. Zumindest nicht ohne eine Umgewöhnungs-Phase.

In der 3-4 muss er zumindest einmal in der Lage dazu sein, in Coverage zurückzudroppen und Tight Ends oder crossende Receiver zu decken, eine Tätigkeit, die er bei Florida State nicht ausübte. Es kommt aber auch auf das System an. In einer attackierenden 3-4 wie zum Beispiel der von Wade Phillips in Houston (die eher eine „verkleidete“ 4-3 ist) könnte Werner sich gut machen. Einfacher wäre die Umstellung auf die NFL aber definitiv, wenn ihn ein 4-3 Team nehmen würde. Teams wie Philadelphia und Detroit erscheinen mir als die logischsten „Fits“, da beide ihre Defensive Ends von sehr weit außen rushen lassen (wird „Wide-9“ genannt) und Werner dies auch bei den Seminoles bereits kennenlernte.

Wie früh wird Werner genommen werden?

Im Gegensatz zu Markus Kuhn letztes Jahr, der bis zur letzten Sekunde zittern musste, überhaupt gedraftet zu werden wird Werner nach Ansicht der Experten wahrscheinlich früh in der ersten Runde vom Board gehen. Vorausgesetzt, seine „measureables“, also Zahlen und Werte beim Scouting Combine Ende Februar werden wie erwartet sein. Besonders wichtig wird seine Zeit beim Sprint sein, speziell auf den ersten 10 Yards des 40-Yard-Dashs, die seinen explosiven ersten Schritt belegen sollen.

Werners exzellente Laufverteidigung macht ihn zu einem wertvollen Spieler für Teams, die in letzter Zeit oft (auch in der ersten Runde) Pass Rusher drafteten, die sie in offensichtlichen Laufsituationen vom Feld nehmen mussten, weil ihre Laufverteidigung ihren Pass Rush-Fähigkeiten weit hinterherhinkte. Bestes Beispiel hierführ ist der Seahawk und letztjährige Erstrundenpick Bruce Irvin, der Seattle in Passing-Situationen gute Dienste erwies. Als er aber durch die Verletzung eines Mitspielers spät in der Saison auch in Laufsituationen auf dem Platz stand, rieben sich Gegner die Hände und liefen jedes Down über seine Seite mit beachtenswertem Erfolg. Dies wird Werner nicht passieren. Er ist ein NFL-Starter und „every down player“ vom ersten Tag an.

Mit seiner persönlichen Geschichte wird Werner darüber hinaus NFL-Teams beeindrucken. Ein Junge aus Übersee, der sich komplett dem Football verschreibt und in ein fremdes Land geht, kaum der Landessprache mächtig? American Dream anyone? Werner ist ausserdem bereits verheiratet (Nein, nicht mit Lennay Kekua) und wirkt auch generell wie der perfekte Schwiegersohn, fern von einem wilden Hund mit „character issues“, mit denen sich Teams jedes Jahr zuhauf auseinandersetzen müssen. Auch die Tatsache, dass er vor seiner letzten College-Saison 15 Pfund abnahm, um ein besserer, schnellerer Spieler zu werden unterstreicht seine Selbstdisziplin und wird bei NFL-Teams gut ankommen.

Was heißt das nun konkret?

Auf den Gesamtranglisten der Draft-Experten streitet sich Werner im Moment mit Texas A&Ms Ausnahme-Pass Rusher Damontre Moore und Georgias OLB Jarvis Jones um den Platz des zweitbesten Spielers im gesamten Draft. Allerdings ist die Defensive End/OLB-Konkurrenz stark und gute/schlechte Performances/Interviews beim Scouting Combine werden mit Sicherheit noch einige Spieler fallen und steigen lassen.

Müsste ich raten, wären Jacksonville an Nummer 2 oder Detroit an Nummer 5 meine (zugegeben optimistischen) Tipps. Allerdings steht vor dem Draft auch noch die Free Agency-Phase aus, durch die sich naturgemäß noch viele Verschiebungen der Team-Needs ergeben, weswegen wir uns auf extrem spekulativen Grund bewegen.

Was allerdings sicher scheint, ist dass Björn Werner die Chance hat der erste deutsche NFL-Superstar zu werden. Anders als der ebenfalls auf hohem Niveau spielende Sebastian Vollmer spielt Werner eine Position mit echter „Starpower“ und geht als einer der besten verfügbaren Spieler überhaupt in diese Offseason.

„Ick freu mir!“, sagt der Berliner glaube ich.


Nochmal die Empfehlung: Das Hardcount Blog, das von taktischen Analysen über Regelkunde ein breites Spektrum über Football abarbeitet. Vorbeischauen, wer es noch nicht kennt.

Florida State Seminoles 2012/13 Preview

Die Florida State Seminoles sind keines der ganz traditionellen Programme im College Football, aber dank einer glanzvollen jahrzehntelangen Zeit unter dem Head Coach Bobby Bowden (inklusive 14jährigem ununterbrochenem Lauf an Top-5 Rankings!) und einer szenereichen Fanszene in der Hauptstadt von Florida, Tallahassee, einer der ganz großen Namen. Und FSU ist das Äquivalent zum FC Arsenal im Fußball: Ein Versprechen jahrein-, jahraus, nur um in schönster Regelmäßigkeit zum Saisonende als gescheitert erklärt und für die Zukunft als gigantischer „Sleeper“ gefeiert zu werden. Ein Kreislauf seit Jahren, und besonders wahr seit der Machtübernahme von Jimbo Fisher nach Ende der Bowden-Ära.

2011/12 war typisch: Viel Buzz, große Leistungen, aber am Ende mit vier knappen Niederlagen enttäuschend auf 9-4 abgestürzt. Das soll aber nicht zu viel täuschen: Gegen Oklahoma kann man immer mal verlieren und alle anderen Pleiten waren fünf Punkte und weniger. Man werfe den Mixer an und gebe richtiggehende  richtige Verletzungsserien auf Quarterback, Offensive Line und Defensive Backfield dazu, und schwupps ist da ein BCS-Kandidat in the making.

Bevor ich es eben von der Festplatte gelöscht hab, hatte ich mir nochmal Ausschnitte aus den Partien gegen Oklahoma und Notre Dame durchgespult. Fazit: Die Offense war unkonstant, die Defense – mit einem Deutschen! – faszinierend.


Die ganz große Problemzone der Seminoles ist trotz unisono gelobert Line-Coaches die Offensive Line, wo zuletzt wegen Krankenständen teilweise bessere Highschool-Auswahlen auflaufen mussten. Nach den Abgängen der Tackles Sanders/Datko wird das Problem eher ver– denn entschärft, aber vielleicht ist das wenigstens ein Pluspunkt für einen der „Unsrigen“: Mit Daniel Glauser wurde ein Offensive Tackle aus der Schweiz rekrutiert.

Hinter der unzuverlässigen Protection wird es aber hochklassiger: Mit QB E.J. Manuel wird ein ganz großes Talent wöchentlich abgeschossen; Manuel wird heuer bereits Senior sein und kriegt die letzte Chance, um den seit Jahren bestehenden Hype um seine Person zu rechtfertigen. Guter, groß gewachsener Athlet mit intelligentem Scrambling, aber das Passspiel ist nicht wirklich konstant akkurat. Zugegebenerweise hatte Manuel auch nicht wirklich die großartigen Ballfänger (wenigstens nicht abseits von WR Rashard Green) und noch weniger die Laufspielentlastung durch die Running Backs (3.3yds/Carry), aber auch wenn das Highend-Talent in der Spitze fehlt, ist der Block an Skill Players wenigstens ausgeglichen und breit gestreut (und hinter Manuel gibt es in Clint Trickett einen ruhigen Lokalmatador als verlässlichen Backup).

Die größten Hoffnungsträger hören auf die Namen WR Kelvin Benjamin und RB Devonta Freeman, die ausgezeichnete Kritiken kriegen und, sofern sie die entsprechend Blocks und Pässe genießen, vor dem Durchbruch stehen sollen. Dazu gesellen sich der von Verletzungen genesene WR Willie Haulstead und WR Rodney Smith (beide für je 40 Catches gut).


Der stärkere Mannschaftsteil im Vergleich zum Sekundengenie „Offense“ ist in Tallahassee die Defense. Die hat den wichtigsten Mann gehalten: DefCoord Mike Stoops, der intensiv mit Auburn geflirtet hatte. Unter Stoops stellen die Seminoles eine – und ich muss mich da nach Analyse der Datenlage selbst korrigieren – wirklich überzeugende Defense.

Unisono gelobt wird die Defensive Line, in der der deutsche DE Björn Werner herausragt und im Laufe der nächsten Monate zum Erstrundendraftpick für 2013 hochgejazzt werden könnte. Werners Gegenstück ist mit DE Brandon Jenkins der Mann, der den Durchbruch bereits hinter sich hat (2010 mit 13.5 Sacks). Dahinter stehen mit DE Cornellius Carnigan, NT Tim Jernigan und dem FreshmanDT Mario Edwards quer durch die Lande gejagte ehemalige oder aktuelle Super-Recruits im Fokus – und dann gesellt sich mit DT Everett Dawkins noch der athletische Ankermann der Line dazu.

FSU verfügt mit dieser Line über eine herausragende Lauf-Abwehr und, gemessen an den Eindrücken v.a. gegen Notre Dame und Oklahoma, damit auch über eine exzellente Basis gegen den Pass, nachdem sich in der Secondary weitere Supertalente die Hand geben und sogar konstantere Leistungen boten: CB Xavier Rhoades, SS Karlos Williams oder FS Lamarcus Joyner standen bei mir alle im Ruf, für große Hits Großmütter zu opfern, schienen zuletzt aber die Schotten besser dicht gemacht zu haben. Da kann man den Rauswurf von Einser-CB Greg Reid wegen Marihuanabesitzes schon mal verschmerzen – Jimbo Fisher ist diesbezüglich deutlich weniger schmerzfrei als es Bobby Bowden je war.


Im Prinzip wird 2012/13 ein „Make or Break“ für die Noles. Nicht, weil hinter den Seniors keine Grundlage für die Zukunft existierte, sondern aus Gründen der Glaubwürdigkeit. Eine weitere Durchschnittssaison würde den Ruf Fishers langsam beginnen, anzukratzen. Der Schedule ist diesmal günstig gestaltet: Die größeren Hürden Clemson und Florida empfängt man daheim, während die schwersten Auswärtsspiele @USF, @Virginia Tech und @Miami gegen Gegner erfolgen, die nicht über jeden Zweifel erhaben sind.

FSU ist an #7 im Coaches-Poll gerankt. Die Pundits betreiben fleißig Oralsex mit den Seminoles. Aber im Gegensatz zu manch anderer ehemaliger Großmacht ist Florida State wohl wirklich über kürzer oder länger „back“. 11-1 und das Ticket für das ACC-Finale dürften drin sein – vielleicht sogar die Ungeschlagenheit (und nun wird FSU mit 7-5 antworten).

Florida State nach dem geplatzten Titeltraum

Wie erwartet haben die Florida State Seminoles das gehypte Heimspiel gegen #1 Oklahoma verloren, 13-23, und sind damit mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem BCS-Titelrennen rausgefallen.

Es war ein spannendes, intensives Spiel, nicht hochklassig, aber immer wieder eingestreute sensationelle Spielzüge auf beiden Seiten, abgefälschte Interceptions, wundersame 3rd down conversions in Dreifachdeckungen und diese stundenlang in der Luft hängenden 50yds-Bogemlampen von QB Landry Jones auf WR Kenny Stills. Oklahoma sei hier aber nicht das Thema. Für die FSU war es keine vernichtende Niederlage, die Vorstellung eine, auf der sich aufbauen lässt.

„Aufbauen“ aber nur, solange die Offensive Line besser wird, die den Quarterbacks meistens nicht allzu viel Luft zum Atmen gab und das Laufspiel killte: Diese Line wurde innen immer wieder zerbröselt von Defensive Tackles der Sooners, die keine erhöhte Speichelproduktion bei Scouts hervorrufen. Für das Laufspiel war das insofern tödlich, weil die Running Backs der Seminoles recht opportunistisch spielen und meistens nicht mehr Yards machen als es die Blocks zulassen.

Quarterback E.J. Manuel hat mich eher enttäuscht, ein recht unrhythmischer Werfer, der keine fünf Bälle in Serie werfen kann ohne einen fürchterlichen Pass ins Niemandsland zu werfen. Da war der Backup Clint Trickett mit seinem Raketenarm IMHO deutlich überzeugender, wobei Trickett im Vergleich zu Manuel immobil wie eine Scheibe Toastbrot ist – sollte Trickett gegen Clemson hinter dieser Line starten müssen, erleben wir ein Sack- und Fumble-Festival.

Im Passspiel fiel auf, dass den Seminoles bei allen Dutzenden Wide Receivers und Tight Ends eine klare #1 abgeht: Der Freshman Rashard Greene ist gut für gelegentliche spektakuläre Big Plays zwei Kilometer das Feld runter, während Jarrett Haggins zwar für den einen oder anderen artistischen Catch gut ist, aber nicht konstant Drives am Leben erhält. Ein Stoßgebet in den Himmel für WR Kenny Shaw, der in einer brutalen Kollision zwischen zwei Defensive Backs böse ausgeknockt wurde. Und just nach diesem Knockout wirkte der Pass-Angriff hilfloser denn je zuvor.

In der Defense fiel vor allem das Feuer auf, mit der diese Unit spielte – Mark Stoops scheint einen guten Job gemacht haben, die Gruppe auf die Offense von Bruder Bob einzustellen: Eine sehr disziplinierte Vorstellung, teilweise extrem aggressiv wirkend, aber nicht überaggressiv die großen Plays aufgebend.

Die Defensive Line war ganz zu Beginn etwas überrumpelt, nach dem ersten Drive wurde sie aber dominanter, rotierte munter zwischen drei Handvoll Ends und Tackles durch und man kann es ohne Deutschtümelei schreiben: DE Björn Werner war der Auffälligste von allen. Ich maße mir nicht an, der große Defense-Line-Versteher zu sein, aber Werner machte ordentlich Dampf und hatte mehrfach die Schiedsrichter nicht auf seiner Seite (Holding-Strafen!!) – sogar beim Sack gab es Holdings, das im Übrigen von den Refs übersehen wurde. Neben Werners Power erblasste sogar der massiv Buzz kriegende DE Brandon Jenkins, dem einige einen hohen Draftpick zutrauen. In der zweiten Reihe fiel am meisten LB Christian Jones auf, ein schneller, quicker Mann, der kaum einen Tackle verpasst.

Das Backfield fand ich trotz der Big Plays von WR Stills überzeugend. Den #1-Cornerback Mike Harris kannte ich bisher noch gar nicht und Harris machte IMHO einen überragenden Job – sprechen wir hier über den unbekanntesten, aber besten Cornerback der Seminoles?

Die viel mehr gehypten Greg Reid und Xavier Rhoades ließen beide je einen der langen Flugobjekte gen Kenny Stills zu. Der Safety #20 LaMarcus Joyner spielt eine recht aggressive Rolle als Freelancer, ist häufig in der Nähe der Line of Scrimmage und in Blitz-Geschichten involviert, scheint in der Deckung das eine oder andere Mal noch nicht wirklich auf der Höhe zu sein. Ansonsten: Saubere Leistung, nur 199yds gegen Landry Jones’ Armada einzufangen.

Zusammenfassend wirkte Florida State im Angriff etwas halbgar, dafür hat die Defense im Prinzip bis auf wenige Plays rundum überzeugt. Das ist keine LSU-Defense, die in 60 Minuten keinen Fehler macht, aber eine Defense mit Upside, die sich im Verhältnis zum Vorjahr nur noch verhältnismäßig selten verarschen lässt.

Mit ein bisschen mehr Glück bei den Ref-Entscheidungen und vor allem einem richtigen Top-Wide Receiver hätte Florida State dieses Spiel womöglich gewonnen.

Faszination College Football V: Any given Saturday oder Tailgating in Tallahassee

Ein weiterer Teil von Faszination College Football – heute dran: Wie sich ein Spieltag an der Universität präsentiert. Versehen mit einem etwas kräftigeren Schluck Authentizität, denn die Federführende ist eine Ehemalige der Florida State University. Sabine, hier des Öfteren als Seminole unterwegs, bekommt mal wieder die Bühne.

First things first: Ich wusste, dass es American Football gibt, bevor ich vor drei Jahren die Chance auf ein Semester im US-amerikanischen Ausland wahrnehmen durfte. Ich wusste nicht, was Sacks, Punts und Draws waren, aber ich wusste, worum es sich bei Quarterbacks und Runningbacks handelte. Als Austauschschülerin war ich schon vor Jahren nahe der Penn State University mal ein paar Monate Wahlamerikanerin gewesen. Und hatte bei einem Host Daddy gewohnt, Bengals-Fan mit Leib und Seele, durfte oder musste erleben, wie ein Hardcore-Footballfan innerlich zusammenklappt, wenn nach zwei Jahrzehnten Siechtum beim Franchise-Quarterback und Hoffnungsträger im ersten Playoffspiel gleich sämtliche Kreuzbänder zerreißen.

Und ein paar Jahre später – diesmal als Austauschstudentin – kam Tally.

Genauer gesagt: Florida. Mittlerweile weiß ich, was Sacks, Punts und Draws sind. Ich wüsste auch über dedication oder committment zu referieren. Und ich weiß, dass „Florida“ ein Schimpfwort ist. Denn: Was rockt, ist „Florida State“.

Das ist die Denke an “meiner” Florida State University. Und analog wohl auch an der verabscheuten Uni von Florida. Und an jeder anderen Uni quer über die Staaten verteilt. College Football ist nicht nur einfach Sport. College Football ist identitätsstiftend, vergleichbar mit der Begeisterung während einer Fußball-Weltmeisterschaft, nur eben tagtäglich und durch gute und schlechte Zeiten.

Affinität für Profimannschaften wechselt, aber deine Uni wird wie dein Heimatland immer die gleiche bleiben. Und Amerikaner lieben ihre Uni. Ich glaube, auch und ganz besonders wegen College Football.

Seminoles Football

Das Footballprogramm der Florida State University, die Florida State Seminoles, ist nicht das traditionellste von allen. Aber dank einer einzigartigen Erfolgsserie in den 80ern und 90ern und dank des fast ewigen Head Coaches Bobby Bowden sind die Seminoles heute eines der mächtigsten und beliebtesten (und verhasstesten) Teams im gesamten Universitätssport.

Die Seminoles sind – noch – das Team, das für den Staat Florida steht. Nicht die Miami Dolphins, nicht die Tampa Bay Buccaneers, ja nicht mal die Miami Hurricanes und schon gar nicht die Jacksonville Jaguars oder die Miami Heat. Die Mighty Seminoles aus dem Provinzstädtchen Tallahassee, ein nettes Nest, das aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen zufällig auch noch Floridas Hauptstadt ist.

In den letzten Jahren sind aber die Florida Gators bedrohlich nahe gerückt, und werden mit ihrer überlegenen SEC und ihrer Marketingmaschine demnächst vorbeiziehen. Das spürt man auf dem Campus, in der Stadt, überall.

Ein Spieltag ist immer noch ein Feiertag, für viele Menschen ist die Atmosphäre aber nicht mehr mit der aus den überlegenen 90er Jahren vergleichbar. Ich mische mich da nicht ein. Für mich war alles neu. Mir fehlen die Vergleiche.

Ein Gameday ist ein riesiges Zeltfest, eine Party über den ganzen Tag einschließlich Rahmenprogramm und man kann an der FSU allenfalls attestieren, dass das letzte Quäntchen Wow-Faktor fehlt.

Samstachs, am Morgen

Irgendwie zählt der Freitagabend mit zum Spieltag. Wenn die Noles zuhause spielen, ist der Freitagabend mehr als nur simples „Aufwärmprogramm“. Die Wochenendparty beginnt in den unzähligen Studentenkneipen und Nachtclubs und sie endet nicht selten erst in den frühen Morgenstunden – oder gar nicht.

Denn auch wenn die Noles erst zu Mittag oder am Nachmittag spielen: Tailgating beginnt schon mit dem Frühstück. Allenorts wird schon in aller Herrgottsfrüh der Grill angeworfen. Ob man nun mit dem Auto in Stadionnähe parkt und „original“ tailgatet, oder einfach nur auf dem Campus ein paar Hamburger zu literweise Dosenbier verdrückt, wen interessiert’s? Wichtig ist das Beisammensein, bei Warmwetter und Sonnenschein bis tief in den November hinein.

Dabei versucht auch die Florida State University, aus einem Spieltag einen Familientag zu machen: Dass die Fans von allein auf den Campus drängen, ist eine Mär. Vielleicht funktioniert sowas tatsächlich in Auburn oder Alabama.

In Tallahassee nicht, und auch wenn es tolle Rahmenveranstaltungen gibt wie die Skull Session – dabei spielt sich im Baseballstadion vor ein paar tausend Zuschauern die Marching Chiefs Band ein – oder Dixiekonzerte rund um das Stadion: Grenzenlose Euphorie kam nicht auf, zumindest nicht 2008. Die Universität ist daran nicht ganz unschuldig: Sie hat vor ein paar Jahren alle Parkplätze in Stadionnähe gesperrt und erlaubt dort nur noch Boostern und deren Anhang Tailgating.

Es gibt dort zwar auch gesponsortes Gratis-Tailgating in umfunktionierten Krankenwagen, aber die Studentenschaft hält sich überwiegend davon fern und glüht in ihren Verbindungen vor. Auf jeden Fall lohnt sich frühes Aufstehen. Schon allein um zu sehen, wie ganze Rinderherden um das Doak Campbell Stadium geröstet werden und Bäche an Dosenbier verdrückt werden.

Samstachs, wenn die Sonne hoch steht

Die gelb-weinrote Armada zieht meistens anderthalb Stunden vor Spielbeginn gen Stadion. Denn auch im wunderschönen Doak Campbell Stadium wird Warm-Up bei 30° betrieben. Ich muss korsakoff widersprechen: Auch am College haben laute Boxen Einzug gehalten, wenn auch immer noch nicht vergleichbar mit der Stadionbeschallung in einer Allianz Arena.

Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt kurz vor dem Einlauf der Spieler, wenn Chief Osceola und Renegade das Spielfeld betreten – Osceola war ein Häuptling der Seminoles und seit über 30 Jahren darf Florida State diese Marke benutzen. Osceola reitet mit brennendem Speer („unconquered spear“) auf das Feld und rammt den Speer unter dem Grölen von 80.000 ins Spielfeld, ehe die Spieler einlaufen. Es gibt Leute, die das für die beste Tradition im College Football halten. Video gefällig?

Ständiger Begleiter von Osceola und überhaupt aller Angriffsspielzüge der Seminoles: Der Fighting-Song der Universität, ein Ohrwurm und wer auch nur einmal ein Seminoles-Spiel auch nur im Fernsehen gesehen hat, dem werden diese Klänge sofort bekannt vorkommen:

Seminoles-Fans haben während des Spiels was rowdyhaftes, selbst in der Studentenabteilung hinter der Nordwest-Endzone. Man geht nur nebensächlich mit der Mannschaft mit, konzentriert sich lieber darauf, die Referees zu beschimpfen und auszupfeifen.

In der Halbzeit marschiert die Marching Chief Band auf, was sehenswert ist, und nach dem Spiel begibt man sich entweder nach Hause, wenn man aus dem Umland mit Freunden und Familie angereist ist, oder begibt sich in eine gemütliche Kneipe, zu einem Barbeque zum Ausklang des Tages (und einige Auserwählte sind auf der Spielerparty eingeladen).

Conclusion

Sicherlich ist Florida States Fankultur in den letzten Jahren ruhiger geworden, was mit der Apathie der letzten Jahre unter dem großen, alten Headcoach Bobby Bowden einhergegangen ist. Vielleicht wird es unter Jimbo Fisher wieder besser, wenn die alten Erfolge zurückkommen. Der Spirit vom Ganztagsfest ist für jedermann spürbar. Es ist wie ein großes, eintätiges Volksfest einschließlich Ständen, Zelten, Grill – und natürlich auch inklusive haufenweise Betrunkener. Nur, dass eben auch ein Footballspiel dazu stattfindet.

Aber vergleichbar mit dem gigantischen Auflauf in Nebraska oder Alabama ist Florida State nicht. Ein bisschen ist man eben auch im College Football Eventfan.

Alle Einträge über die Themenwoche Faszination College Football finden sich unter den Tags oder im Portal über College Football beim Sideline Reporter. Fragen? Nur zu – was beantwortet werden kann, wird beantwortet.

Alles Gute, Bobby Bowden!

Teil 2 der großen Coaches im College Football. Es geht wieder um eine Legende: Bobby Bowden von der Florida State University. Seminole, im Alltag einfach nur Sabine, war so lieb, und hat eine kleine Story über den „King of the Road“ geschrieben. Seminole war vor zwei Jahren selbst für zwei Semester an der FSU Studentin und wurde dort zum Football-Fan.

Für Kamerad Joe Paterno bitte hier klicken. 

Bobby Bowden Field at Doak Campbell Stadium
Das ist Bobby Bowden. Bobby Bowden am 6.9.2008. Nicht der Mann, sondern das Stadion.

Die Florida State University liegt in Tallahassee, Hauptstadt in Florida, und diese Schüssel hört auf den klangvollen Namen Bobby Bowden Field at Doak Campbell Stadium. Wir nennen sie „The Doak“. Doak war vor 60 Jahren Präsident der FSU. Doak Campbell erbaute die Grundmauern des Stadions. Aber die Legende dazu schrieb Bobby Bowden. Nicht das Stadion, sondern The King of the Road.

Bobby, der Wandervogel

Bobby Bowden kommt aus dem tiefsten Süden der USA, aus dem Bible Belt, aus Birmingham in Alabama. Eine Region, christlich durch und durch, voll von Rassismus und lechzend nach Football. Das hat Bowden natürlich geprägt. Ihm wurde das Spiel ungefähr ebenso in die Waage gelegt wie dem Dorfschusterkind das Schusterhandwerk.

Bowden verdingte sich jahrelang als Leichtathletik-Trainer und Assistenztrainer im American Football und zog dabei wie ein Prediger durch die Lande. Anfang der 60er coachte er seine Alma Mater, das footballerisch aberwitzig kleine Howard College (gehört zur Samford Uni) zu ein paar sehr guten Saisons. Anfang der 70er übernahm Bowden dann West Virginia. Als vom ärgsten Rivalen Marshall die komplette Mannschaft im Flugzeug abstürzte, durfte er seine Mannschaft zwar nicht in Marshalls Trikots auflaufen lassen, überließ dafür dem neu zusammengewürfelten Trainerstab haufenweise Filmmaterial, um sich einzugewöhnen.

Bobby, der Indianerhäuptling

1976 ging Bowden an die FSU und begründete eine der dominantesten Epochen jemals. Die FSU war kein traditionelles Football-Programm, aber ambitioniert. Und Bowden coachte die Noles schnell nach oben. Mitte der 80er musste „Doak“ wegen großer Begeisterung erstmals ausgebaut werden. Heute passen über 80.000 ins Stadion, mehr als doppelt so viele wie zu Bowdens Ankunft. Seit ein paar Jahren hat die Uni Bowden damit gewürdigt, ihm einen Teil des Stadionnamens zu widmen, plus eine Bowden-Statue und, und, und.

Bobby Bowdens Legende gründet hauptsächlich auf den späten 80ern und den 90ern. Die Seminoles waren über 14 Jahre stets in den Top 5 landesweit und wurden 1993 und 1999 jeweils National Champion, 99 ungeschlagen. 21 Bowlsiege für Bowden, die meisten davon in den ganz großen Bowls.

Vor allem die Rivalität mit den Miami Hurricanes gründet aus den späten 80ern. 1987 spielten beim Miami-FSU-Spiel unglaubliche 50 spätere NFL-Profis mit! 2006, kurz nach dem Oldie-Duell mit Joe Paterno im Orange Bowl, wurde Bowden in die College Hall of Fame gewählt.

Bowden hat bsp. Deion Sanders, Derrick Brooks, Walter Jones oder Antonio Cromartie herausgebracht. Nur bei Randy Moss macht er einen auf Belichick und feuerte den Mann.

Bobby, der Belichick

Neben Moss gibt es vielleicht eine weitere Parallele zum Patriots-Bill: Einen Skandal. Zwei Jahre, bevor ich an der FSU war, wurde die Footballabteilung dabei erwischt, ihren Spielern Komplettlösungen für Tests gegeben zu haben – ein Unding. Der Ruf der Noles litt, und Bobby Bowden wurden 12 Siege genommen. Statt den tatsächlichen 389 Siegen werden offiziell „nur“ 377 anerkannt – immer noch Zweiter in der Division I. Dass man Bowden auf dem Campus dafür weniger lieben würde, wäre mir nicht aufgefallen.

Daddy Bobby

Bobby Bowden ist seit 1949 verheiratet. Ergebnis: Sechs Kinder. Ein paar davon sind auch Coach geworden, der wichtigste ist Tommy. Tommy war Coach von Clemson, einem Divisionsgegner meiner Seminoles. Amis sind kreativ, und das Daddy-gegen-Sohn-Duell nennt sich „Bowden Bowl“. Bobby konnte fünf von neun gewinnen. Leider, leider trat Tommy im Oktober 2008 zurück. Einen Monat später war ich gegen Clemson im Stadion, aber leider kein Daddy/Son-Spiel miterlebt.

Bobby, der Frührentner

Am 1. Januar 2010 ging Bowden in Ruhestand. Als Achtzigjähriger. Drei Jahre jünger als sein Freund Joe Paterno. Rauschendes Lebewohl beim Bowl-Sieg gegen seine Ex-Mannschaft West Virginia, in Jacksonville. Sehr viel Pathos für einen legendären Trainer. Ich glaube, hätte die NCAA ihm nicht die 12 Siege aberkannt, Bobby Bowden hätte weitergecoacht bis zum Vierhunderter. Ist aber nicht so, daher:

Alles Gute, Bobby Bowden!

Ich bin ein Mädchen. Als ich im August 2008 über den Teich flog, wusste ich fast nix vom Football. An dem 6.9.2008 nahm mich ein Kommilitone mit ins Stadion. Die Seminoles fegten eine Mannschaft aus Carolina 69:0 vom Platz und es blieben ein paar tausend Plätze frei. Aber der alte Mann hat mein Interesse für diesen Sport geweckt. Ich war auch im Stadion, als die Noles Ende November von Tim Tebow niedergemacht wurden. Egal. Ich liebe sie trotzdem. Und Bobby Bowden. Rein sportlich, eh klar.

Am Sonntag, 8. November hatte Bobby Bowden seinen 81. Geburtstag. Ich weiß das, weil die nicht zustande gekommene Bowden Bowl an einem 8.11. stattgefunden hatte. Der Sohn gegen den Vater an dessen Geburtstag? Nada.

Wir wollten den Zweiteiler zum letzten Wochenende präsentieren. Bobby Bowden zum Einundachtzigsten, Joe Paterno zum Vierhundertsten. Life is hell, aber nachträglich gratulieren gilt hoffentlich trotzdem.