Ein Streifzug in blau und weiß

Ein Turnierspiel Deutschland vs Italien im Fußball ist das Sportereignis schlechthin für mich. Vielleicht, weil ich in einem Land lebe, das einst als deutschsprachiges Land von Italien annektiert wurde und bis heute dort geblieben ist. Die Blütezeit der Italianisierung mit Verbot deutscher Schulen und deutscher Namen ist zwar seit Generationen passé, ein politischer Kampf ist „Deutsch gegen Italienisch“ aber bis heute geblieben. Trotz vieler Freundschaften ist es noch heute vor allem draußen auf dem Land eher ein Nebeneinander denn ein Miteinander. Weiterlesen

Argentinien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Argentinien ist einer der heißesten Namen vor dem WM-Turnier 2014 und ein Weltmeister-Tipp vieler. Dabei ist diese Mannschaft extrem schwierig einzuschätzen. Ich habe Argentinien in den letzten drei Jahren vielleicht zwei- oder dreimal in Sportcafés gesehen, und immerhin fiel auf, dass die Mannschaft strukturierter wirkt als vor der deprimierenden WM 2010, wo sie nach eigentlich vielversprechendem Beginn von Deutschland in seine Einzelteile zerlegt wurde und auch mental in ein tiefes Loch gefallen war.

Trotzdem liest man oft, dass Coach Sabellas das argentinische Spiel dem größten Star #10 Messi angepasst hat: Messi als die prototypische Falsche Neun, die vom linken Flügel hinein in den Strafraum stößt um dort entweder selbst abzuschließen, oder den Doppelpass mit oder die Vorlage für die beiden Stürmerkollegen #9 Higuain und #20 Kun Aguero zu suchen. Es ist ein 4-3-3 System, das Sabellas spielen lässt, das vor allem drauf gründet, dass Messi als Freigeist auf der halblinken Seite agierend die Lücken aufreißt. Es ist der Anti-Scolari, der seinem Superstar Neymar gerade das nicht gestattet, um mannschaftliche Kohärenz zu bewahren.

Das sehr frei ausgelebte 4-3-3 der Argentinier mit der zentralen Figur Messi

Das sehr frei ausgelebte 4-3-3 der Argentinier mit der zentralen Figur Messi

Die Argentinier können sich dieses Freelancing erlauben, weil Baby: Messi, Kün, Higuain als offensivstes Trio, und dahinter in #7 Angel Di Maria einen dynamischen Antreiber vor dem Herrn, den besten Spieler des CL-Finals, den Mann, den alle immer schon unterschätzten, weil er Teamkollege von Messi und Ronaldo ist. Di Maria fällt dir vielleicht zuerst durch die Scheusale auf seinen Armen auf, aber wenn der Mann mal antritt… viel besser geht kaum. Di Maria muss unter Sabellas disziplinierter spielen als Messi, aber in einer Mannschaft, die vor allem auf schnelles Umschalten von hinten heraus und individuelle Klasse vorne baut, ist er das wichtigste Bindeglied.

Alles hinter dem Goldenen Quartett ist bei den Argentiniern suspekt: Tormann #1 Romero zum Beispiel hat diese Saison fast nie gespielt, versauerte in Monaco auf der Bank. Die Verteidigung hat große Personalprobleme auf beiden Flanken, die Innenverteidigung wird wohl von einer Stammformation #2 Garay / #17 Fernandez gebildet: Garay ist zwar von einem FC Bayern umworben, aber hat mit 27 Lenzen erst 17 Länderspiele, Fernandez ist unter Napoli-Fans extrem umstritten. Immerhin: Beide sind Türme über 1,90m und schwierig in der Luft zu bewingen. Aber wenn deine erste Abwehralternative der fußlahme #15 Demichelis (gefühlte 22sek über 100m) ist, meine Fresse.

Da wird ein zentraler Defensivmann vor der Abwehr wie #14 Mascherano schnell zum Troubleshooter. Mascherano soll sich diese Saison eher eine Auszeit gegönnt haben, dürfte körperlich aber immerhin fit genug sein. Er soll gemeinsam mit dem vor Jahren bei Real Madrid gescheiterten #5 Gago (mittlerweile 28 Jahre alt) Di Maria und dem Stürmertrio den Rücken freihalten.

In Summe ist das für mich ein echtes dark horse. Die Offensive ist wahnsinnig in der Stammformation, aber mit einem #23 Lavezzi sitzt nur noch ein weiterer Stürmer von internationalem Format auf der Bank. Aber die Defensive ist ein Wagnis. Sie ist nicht unterirdisch, aber Argentinien hat ähnlich wie Deutschland durchaus gewagte Außenverteidiger und dazu unähnlich Deutschland ein Sicherheitsrisiko im Kasten.

Ich kann verstehen, warum Argentinien zu einem Mitfavoriten gehypt wird – wenn die Offense klickt, ist sie kaum zu stoppen – allzu gut ausbalanciert scheint mit dieses Team nicht zu sein. Dazu kommt das Fragezeichen Messi: Der Mann soll einer eher schwache Saison gespielt haben – nur 36 Tore in 35 Spielen in einer auf Tore gepolten Mannschaft wie Barcelona ist immer noch nahe Weltklasse, aber gemessen am von ihm selbst gesetzten Standard ist das so naja. Und Messi hing schon in seinen besten Jahren der Ruf nach, in der Nationalelf („Albiceleste“) nur großartig anstelle von episch zu sein. Messi braucht aber einen Titel. Er braucht den Titel um in seiner Heimat (die er früh verließ) einem Maradona gleichgestellt zu werden. Messi ist vielleicht der beste Stürmer aller Zeiten, aber ohne WM-Pokal wird seine Weste immer befleckt bleiben.

Das Los für Argentinien ist günstig. Es kann reichen, aber wenn der Angriff einmal in vier Playoff-Spielen nicht klickt, wird die Titelmission zum Harakiri-Ritt.

EUROtime… und Sideline Reporter verabschiedet sich in den Sommerurlaub

In Sachen Unterhaltungswert kommt die Fußball-Europameisterschaft nicht an die Weltmeisterschaft heran. Keine EURO kann dir einen WM-Debütanten Südsamoa bieten, der nach 0:1-Auftaktniederlage mit zwei Pfostenschüssen gegen die brasilianische Elf in blanke Panik ausbricht und der Trainer ins Kreuzfeuer des Boulevard gerät.

Dafür ist die EURO das vermutlich qualitativ dichteste, spielerisch hochwertigste Turnier überhaupt. Wer an die Ausgaben 2004 (abgesehen vom Sieger) und 2008 (abgesehen vom Finalverlierer) zurückdenkt, wird dies bestätigen.

Offensiver Fußball. Spanien gegen Italien. Deutschland gegen Holland. England gegen Frankreich. Polen gegen Griechenland. Das russische Angrifftrio Kerzhakov/Arshavin/Shirokov. Die Hacke Ibrahimovic. „Radschlag“ Robbie Keane auf dem letzten Halali.

Zu allen hoffentlich rassigen Spielen gesellt sich bei der vorhandenen Leistungsdichte und der großen Portion Zufall auch eine gewisse Unvorhersehbarkeit ob des Ausgangs der Spiele, und ich mag das.

Das zweitbeste Turnier der Welt. Ab heute, 18h. Sideline Reporter wird aus gegebenem Anlass, aber auch aufgrund der Untätigkeit in der NFL und der Ungewissheit im College Football, für drei Wochen durchschnaufen und sich im Juli gut gebräunt aus dem Sommerschlaf zurückmelden.