Vor dem WM-Finalwochenende 2018

Das WM-Finale 2018 steht fest: Frankreich vs. Kroatien. Für Frankreich ist es das dritte WM-Finale nach 1998 (Kopfball Zidane) und 2006 (Kopfstoß Zidane). Kroatien steht zum ersten Mal im Finale und ist nach Uruguay das bevölkerungsärmste Land mit WM-Finalteilnahme im CV. Weiterlesen

Fußball-WM 2018: Achtelfinal-Vorschauer

Es gibt eine Ausscheidungsrunde, gegen die die NFL-Playoffs keine Chance haben. Heute beginnt sie.

Wir haben bei dieser WM zwei Brackets, die jeweils einen WM-Finalisten fabrizieren werden. Wir haben einmal Frankreich/Argentinien, Uruguay/Portugal, Belgien/Japan und Brasilien/Mexiko. Und dann haben wir Spanien/Russland, Kroatien/Dänemark, Schweiz/Schweden und Kolumbien/England.

Sieben Europäer und Kolumbien in der gemeinhin als einfacher angesehenen „unteren“ Hälfte. Und die meisten Favoriten in der „oberen“. Das ist der Grund, weshalb England am Donnerstag so gern die Belgier gewinnen ließ.

Doch wir denken schon zu weit. Lass uns erstmal aufs Achtelfinale schauen. Viermal ist der Favoritenstatus klar. Zweimal ist er murky (beide Male am heutigen Samstag). Und am Dienstag schließen wir mit zwei Münzwürfen ab. Weiterlesen

WM-Caipirinha 2014: Deutschland – Frankreich | Viertelfinale

Aus gegebenem Anlass – stundenlange Verzögerung am Flughafen – gebe ich in diesen nicht beschäftigungsarmen Tagen mal wieder eine Caipirinha aus: Deutschland vs Frankreich 1:0, Qualifikation für das Halbfinale eingetütet, und damit sportlich wohl das Soll erfüllt. Enttäuscht kann man allerdings noch immer von der mangelnden spielerischen Qualität sein, wobei ich das Gefühl habe, dass es Löw und sein Trainerteam mittlerweile gar nicht mehr darauf anlegen, in Brasilien noch so etwas wie schönes Spiel zelebrieren zu wollen, trotz der Tatsache, dass man die mit Abstand passlastigste Mannschaft im Turnier stellt. Weiterlesen

Europas Mittelklasse in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Kommen wir nach den Topfavoriten zur zweiten Garnitur der europäischen Topmannschaften.

Frankreich

Die launische Diva des Weltfußballs– zumindest in den letzten Jahren. Und es ging bei den Franzosen schon munter weiter: Man Citys Nasri aus primär stimmungstechnischen Gründen aus dem Kader gelassen, und dann folgte ein nettes Techtelmechtel zwischen dem Nationalcoach und der Journaille. Medien: Coach, Ihre Spieler, geh’n die immer noch in‘ Puff? Deschamps: Schnauze. Wenn Sie nicht sofort die Schnauze halten, verrate ich die Namen derjenigen aus Euren Reihen, die mit dabei waren. Die Konfrontation ist also schon im Gange. Dabei hätte man noch was gutzumachen von der berüchtigten WM-Performance 2010.

Man sagt Deschamps nach, ein sehr pragmatischer Coach zu sein, der sich nicht um große Systemfragen schert, sondern das spielen lässt was er kriegen kann. Für die Franzosen scheint er sich diesmal auf ein 4-3-3 fixiert zu haben, eine Formation, mit der er in der Qualifikation des Öfteren baden ging, die aber in den letzten Monaten am besten zu funktionieren schien.

Vom Material her haben die Franzosen eine relativ klare Stammformation, die es locker mit den besseren Mannschaften des Turniers aufnehmen kann: Hugo Lloris ist nicht nur Captain, sondern auch einer der besten Tormänner des Turniers. Die Viererkette davor ist mit zwei bombenstarken Innenverteidigern besetzt: Varane von Real Madrid ist ein selten vornehm anmutiger Spielertyp, und sein Nebenmann wird entweder Koscielny von Arsenal oder Sakho von Liverpool sein – letzterer hatte eine schwierige Saison in einem krassen Spielsystem zu absolvieren, gilt aber als relativ sichere Tüte. Die Außenverteidiger in Frankreichs System sind im RV Debuchy und im LV Evra am ehesten als Schwachpunkte anzusehen.

Bockstark dürfte die französische Mittelfeldzentrale sein, die aus drei verkappten Weltklassespielern besteht: Cabaye und Matuidi vom PSG sowie das Juwel von Juve, Paul Pogba. Cabaye erwies sich unter Deschamps dabei vor allem als der Selbstlose, der den anderen beiden den Rücken freihält und als zentrale Schaltstelle vor der Abwehr agiert. Matuidi ist mehr der Typ Wirbler, während der extrem dynamische Pogba die Angriffe einleitet. Alle drei sind auch robust genug für härtere Zweikämpfe, und ihnen wird eine Schlüsselrolle zukommen.

„Vorne“ wird man Ribery nach seinem WM-Ausfall wegen Knieproblemen schwer vermissen: Ribery hatte etliche unglückliche Momente in der Nationalelf, galt aber unter Deschamps als geläuterter Hoffnungsträger. Riberys Flanke gilt es, halbwegs adäquat nachzubesetzen; die andere wird eh von Valbuena beackert, galt aber immer nur als zweite Geige zu Ribery. Ganze vorne drin muss Benzema seine Gedanken auf das fokussieren, was er am besten kann: Abschließen. Einen Benzema, der zweitausend Kilometer nach hinten arbeiten muss wie bei der EURO 2012, wird es nimmer geben.

Frankreich hat eine recht einfache Gruppe, in der man weiterkommen muss. Frankreich hat das Spielermaterial um das Turnier – Vorsicht – mit etwas Glück zu gewinnen. Trotzdem traut man diesen Jungs nicht wirklich; zu viel lief in den letzten Turnieren schief. Zu wenig vom Potenzial wurde in den letzten Jahren und Monaten ausgeschöpft. Zu oft kam man nicht in die Gänge. Zu wenig Erfahrung hat man heuer (ich las etwas von neun WM-Spielen Erfahrung von allen 23 Kaderspielern combined). Aber rein vom Potenzial? Meine Fresse…

Niederlande

Holland ist immer eines „meiner“ Teams, und was freute ich mich auf einen Bondscoach Van Gaal mit seiner attraktiven, dynamischen Spielweise. Nun scheint es leider so, dass Van Gaal kurz vor dem Turnier notgedrungen wegen einiger Ausfälle von seinem gepflegten 4-3-3 abrücken musste um ein völlig untypisches 5-3-2 einzuführen, das aber in den Testspielen durchaus nicht schlecht funktionierte. Van Gaals offizielle Begründung war frappierend: Mittelfeldanker Strootman war ausgefallen, und er könne ihn nicht einfach in einem 4-3-3 ersetzen, daher der Systemwechsel.

Van Gaal ist ein verrückter Mann, der sich während des Turniers häufig Fragen anhören wird müssen bezüglich seiner nächsten Trainerstation (hat ja schon in Manchester unterschrieben), und er ist ein Genie darin, junge Spieler einzubauen. Hat Van Gaal erst einmal einen Nachwuchsspieler gefunden, der genau das macht was er von ihm verlangt, wird dieser Spieler mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kürze internationaler Topmann sein.

Man kann nur hoffen, dass dies auch für die Tormänner und Abwehrspieler der Holländer 2014 gilt, von denen du keinen einzigen beim Namen nennen kannst falls du nicht gerade fanatischer Feyenoord- oder Ajax-Fan bist oder Grundzüge sozialen Lebens führst. Okay, van Gaal testete Kuyt als AV, insofern: Einen könntest du kennen, wenn auch in der Position nicht wiedererkennen.

Diese Dreierkette mit zwei Außenverteidigern wird in der Mitte von zwei defensiven Mittelfeldmännern abgesichert; einer von ihnen wird der Meister aller Treter, Nigel de Jong, sein. Vor diesem eher auf Absicherung fixierten Oktett dürfen die Superstar-Angreifer wirbeln: Offensiv-Spielmacher Sneijder auf seinem letzten Halali, die hängende Flügelspitze Robben und Mittelstürmer Van Persie (Backup ist Huntelaar). Das ist dann aber mit das beste an Angriffs-Power, was es im Weltfußball heuzutage gibt – wenn Van Persie fit ist: Im letzten Testspiel wurde er verletzt runter getragen.

Van Gaal stand für mich immer für den unbedingten Willen, eine Truppe auf das Feld zu schicken, die zwingend als Team auftritt und in der jeder seine Rolle im Gesamtgefüge ausüben muss. Insofern war ich vor allem vom Ghana-Testspiel überrascht, das eine andere Strategie andeutete: Ein Achterblock als Absicherung, damit vorne die Klasse-Angreifer alles zu Staub verwirbeln dürfen?

Wird spannend. Holland wird auf alle Fälle interessanten Fußball zeigen, aber man ist in einer schwierigen Gruppe gelandet: Zum Auftakt gibt es Spanien, und neben dem halben Freilos Australien muss man noch gegen Chile ran, die viele hoch einschätzen. Zumindest das Achtelfinale sollte trotzdem drin sein, aber holla: Dann wartet wahrscheinlich ein Kaliber wie Brazil. Mit dem Titel dürfte es happig werden, aber ich glaube auch, dass den in Holland diesmal keiner ernsthaft erwartet; nicht mit so einer unerfahrenen Abwehr.

Portugal

Die Portugiesen stehen dafür, wie man Kontinuität zum Exzess bringen kann: Coach Bento vertraut seit gefühlt zehn Jahren auf einen identischen Mannschaftskern. Zumindest in den letzten drei, vier Jahre gab es kaum Änderungen am Gerüst: Die Mountinhos, Coentraos, Nanis und Ronaldos sind Teil dieser portugiesischen Verlockung, die so oft so viel versprochen haben, aber letzten Endes immer knapp gescheitert ist.

Portugals Stammelf ist angeblich fast 29 Jahre alt im Schnitt. Trotzdem sind die Portugiesen immer gefährlich für Upsets. Deutschland gewann zwar die letzten Male immer, aber es war nie diskussionslos, es war immer knapp. Auch diesmal wird Deutschland wieder auf diese Mannschaft treffen.

Vieles steht unter fällt mit Cristiano Ronaldo, dem traurigen Kasper, der es notwendig hat, in einem Europapokalfinale Muckis für ein verwandeltes Elfmeterchen zu zeigen. Ronaldo ist ein Weltklassespieler, der das Problem hat, zur gleichen Zeit wie der beste ever, Messi, zu spielen: Er ist eine Sensation, aber Messi ist eine Legende. Ronaldo ist gut genug um Portugals Offensive kurzfristig im Alleingang zu tragen, aber das hat in den letzten Jahren nie die ganzen Turnier-Playoffs lang funktioniert. Zu eindimensional sind die Portugiesen.

Und Ronaldo geht bei aller Genialität nur halb fit ins Turnier. Portugal wird also wieder auf einen kompakten Kern und Ronaldos Geniestreiche hoffen. Kommen die aber nur regelmäßig genug, ist auch ein schnelles Aus nicht undenkbar: Zu schwach sind alle anderen Offensiv-Optionen.

Belgien

Das belgische Fußballwunder ist eines der spannendsten Themen im Vorfeld des WM-Turniers: Eine Mannschaft vor dem Herrn, aber die komplett mangelnde Erfahrung auf der großen Bühne sorgt noch für Skepsis und dafür, dass nicht alle restlos vom meistgenannten Geheimfavoriten überzeugt sind.

Es ist aller, aller Ehren wert, was diese eigenartige „Nation“ Belgien über das letzte Jahrzehnt für ein Talentprogramm auf die Beine gestellt hat. Ich kann mich noch erinnern an die letzten belgischen Turniermannschaften, als sich eine alte Mannschaft auf dem Zahnfleisch kriechend gerade so zu Achtelfinalteilnahmen würgte. Kapitän und Sturmführer damals: Marc Wilmots, das Kampfschwein. Wilmots ist jetzt Nationaltrainer, und er führt einen exzellenten Kader voller Spieler von Topvereinen ins Turnier.

Der Superstar ist vielleicht der Tormann Courtois, der selbst nach den sensationellsten Paraden so unbeeindruckt dreinschaut wie beim täglichen Sonnenuntergang. Courtois sieht man nicht an, dass er erst 21 ist: Das ist ein kompletter Keeper, und wenn du so einen im Kasten stehen hast, kann das einer Abwehrkette schon massiv Stabilität verleihen. Zumal diese Defense ja nicht unbedingt aus Gurken besteht: Ein Kompany ist seit zirka acht Jahren europäische Oberklasse, einen Vermaelen oder Verthongen kannst du auch in den besseren Vereinen in die erste Formation stellen.

Belgien ist im Kern ein Team, das von seinem schnellen Umschaltspiel lebt. Die wichtigsten Figuren sind dafür im Mittelfeld Witsel und Fellaini: Letzterer hat eine unglückliche Saison hinter sich gebracht, gilt aber im Nationaldress als Garant und wie ausgewechselt. Vorne wird man den verletzten Benteke (Aston Villa) vermissen, weil sich sein möglicher Ersatzmann Lukaku nicht so gut als mitspielender Stürmer eignet. Lukaku gilt zwar schon als relativ kompletter Jungspund, aber es sind sich eigentlich alle einig, dass er ein anderer Spielertyp als Benteke ist und sich aktuell noch nur für wirkliches Konterspiel eignet – aber Belgien wird nicht nur Konter spielen können.

Aber wenn du von den offensiven Halbpositionen einen Hazard und einen De Bruyne gen Strafraum schicken kannst, und vorn drin einen Lukaku oder einen Origi stehen hast, merkst du als Zuschauer: Hier ist Qualität ohne Ende vorhanden – bemerkenswert für ein so kleines Land, das zuletzt so lange Jahre weg von der Bildfläche war und sich vor zwei Jahren noch nichtmal für die EURO qualifizieren konnte.

Gespannt bin ich neben dem Sportlichen auch darauf, wie sich die Belgier als Mannschaft aufführen: Es ist ja durchaus mit Flamen und Wallonen plus dem Faktor Einwandererland nicht das einfachste kulturelle Umfeld vorhanden, und einem Fellaini oder Hazard sagt man durchaus Egos nach, die schonmal den neuesten 80-Zoller sprengen.

Insgesamt befürchte ich, dass wir zu hohe Erwartungen an Belgien hegen. Man hat zwar die extrem überzeugenden Bilder vom Qualisieg in Kroatien immer im Hinterkopf, aber nach der relativ machbaren Gruppenphase wartet im Achtelfinale schon der erste Brocken. Wenn alles glatt geht, können die Belgier durchmarschieren, aber es spricht noch einiges dafür, dass man sich noch ein bissl in der Findungsphase befindet, und ein „off-day“ in den Playoffs reicht oft, um rauszufliegen.

Die Afrikaner in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Man wird gar nicht mehr fertig, wenn man über die Gründe diskutiert, die Afrikas Fußball seit Jahren weiter unten halten als es das Spielermaterial eigentlich hergeben würde. Fix ist nur eins: Der Fisch stank bisher stets vom Kopf her, und wenn die Verbände es nicht gebacken bekommen, Struktur in einen Laden zu bekommen, wie sollte es die sportliche Leitung hinkriegen?

Insofern ist bei den Afrikanern eine Positive, dass der Afrika-Cup nur mehr in ungeraden Jahren ausgespielt wird und der bisherige Panik-Button somit entfällt: Weniger Mannschaften, die mit völlig neuen Coaches in das WM-Turnier gehen, dafür sogar einige Teams wie Nigeria oder Ghana, die sich einen einheimischen schwarzen Coach halten anstelle des üblichen Noteinkaufs eines europäischen Coaches, der eh nie seine Spielidee einführen konnte, weil er vor deren Entwicklung schon wieder passé war.

Andererseits sprießen auch schon wieder die Geschichten von den üblichen Prämienstreitereien, diesmal Variante Kamerun, die Reports zur Folge fast Testspielstreiks hervorgerufen hätten.

Nigeria

Afrika hätte eine ganze Latte an Weltklassespielern zu bieten, aber Afrika braucht Struktur. Nigeria ist unter dieser Prämisse fast schon wie ein leuchtendes Beispiel zu sehen: Coach ist Stephen Keshi, der in den drei Jahren dort eine robuste, aber durchaus positiv spielende Mannschaft aufgebaut hat, die eine klare Handschrift trägt. Keshi hat in den 2-3 Jahren seiner Arbeit bei den Super Eagles eine radikale, auf schnelles und direktes Offensivspiel umschaltende Spielweise eingeführt, die im Kern an einen Klopp erinnert und schon deshalb bei mir allerhöchste Sympathie genießt.

Keshi ist wie ein Scolari ein Typ, der nicht zwingend die besten Spieler einberuft, sondern durchaus auf Kohärenz im Mannschaftsgefüge achtet und die potenziellen Selbstdarsteller allesamt zuhause lässt.

Basis der Nigerianer ist eine sattelfeste Abwehr um den England-Legionär Omeruo (Middlesborough) und die famosen Außenverteidiger Ambrose und Echijile, die vor dem für afrikanische Verhältnisse ungewohnt sicheren Goalkeeper Enyeama (Lille) einen Vertrauen erweckenden Wall bilden. Eine solche Abwehr und ein Mittelfeldkern um den Chelsea-Mann Obi Mikel ist immer ein gutes Gerüst. Mikel ist eine der Schlüsselfiguren für das schnelle Spiel nach vorn.

Dort tummeln sich mit Leuten wie Moses, Musa oder dem Russland-Legionär Emenike mehrere Kräfte Marke „1C-Garde international“, sprich: Zur absoluten Weltklasse fehlt diesen Jungs allen noch einiges, aber als Tandem oder Trio sind sie durchaus erschreckend gefährliche Leute. Keshi hat mit Obasi und dem Stinkstiefel Odemwingie dazu noch zwei international bekanntere Leute zuhause gelassen.

Die Nigerianer erwarten diesmal von ihrer Mannschaft recht wenig, was ein Vorteil sein könnte. Von ausschweifenden Diskussionen über Prämien (zuletzt vor dem letzten Afrikacup 2013 ein Thema) hat man bisher wenig gehört, die Gruppe ist mit Argentinien, Iran und Bosnien durchaus machbar, und hernach könnte sogar ein gutes Achtelfinal-Los warten. Ohne allzu viel verschreien zu wollen, aber die Nigerianer sind recht gut aufgestellt.

Ghana

Die Ghanaer haben sich bei mir mit dem herzzerreißenden Viertelfinal-Aus vor vier Jahren einen Platz ganz tief drin in der Herzkammer gesichert, als sie im großartigsten Turnierspiel der letzten zehn Jahre auf fassungslose Weise aus dem Turnier flogen.

2010 ist passe, die Ghanaer 2014 sind da: Sie stehen ähnlich wie Nigeria für relative Kontinuität (Maßstab ist dabei aber immer Afrika) und auch sie haben mit Kwesi Appiah einen einheimischen Coach, der seit vielen Jahren im Verband arbeitet und vor fünf Jahren auch verantwortlich für den U20-WM Titel war. Aus dieser Mannschaft sind einige, aber längst nicht alle Spieler mittlerweile Stützen in der ersten Elf.

Appiah gilt als Coach, der es versteht, schwierige Typen in Zaum zu halten; er vermied es bisher, potenzielle Spinner wie einen Ayew oder einen Muntari zu feuern, da er sie soweit in das Team einfügen konnte, dass sie wertvolle Arbeit leisten – ein Muntari zum Beispiel leistete bei Inter und Milan bedeutend bocklosere Abwehrarbeit im Vergleich zu dem, was er in Ghana spielt.

Ghana hat seit dem Abbau vom einstiegen Abräumer Essien keinen wirklichen Weltklassemann mehr, aber vor allem in den offensiven Gefilden liest sich die individuelle Klasse schon stark: Ayew, Muntari, Boateng, Gyan, Acquah sind alles Leute von internationalem Format, und sie sind nach Jahren der kontinuierlichen Zusammenarbeit relativ gut eingespielt. Die Probleme sind hinten zu finden: Es gibt keinen Tormann, den man guten Gewissens in die Kiste stellen will, und die Verteidigung ist der reinste Hühnerhaufen. Das mag gegen durchschnittliche Gegner noch gut gehen, aber wenn Top-Offensiven kommen, sieht das schnell so aus wie in der Anfangsphase des Testspiels gegen Holland. Ghana kriegt in der Gruppenphase mit Deutschland und Portugal zwei durchaus gefährliche Angriffsreihen vorgeschmissen…

Ausgeschlossen ist eine Achtelfinalqualifikation trotzdem nicht, aber es wäre ein leichtes Upset, wenn die Black Stars an Portugal vorbeischlüpfen.

Elfenbeinküste

Jahrelang sah man die Elfenbeinküste als bestes, komplettestes afrikanisches Team an, aber es reichte nie zum Durchbruch, unter anderem weil man zweimal eine schlechte Auslosung bei der WM hatte. Diesmal hat man eher Glück mit Griechenland, Kolumbien und Japan eine durchaus machbare Gruppe erwischt zu haben.

Coach ist mit Lamouchi ein Tunesier, der seit Jahren versucht ist, ein kohärentes Team zu formen, und im Verband offensichtlich genug Hausmacht besitzt, dass er nach dem letzten derben Abschneiden im Afrikacup 2013 nicht gefeuert wurde. Diese Hausmacht könnte allerdings auch in seinem Festhalten an den politisch wichtigen alten Stützen um Drogba gründen.

Lamouchi lässt fast immer im 4-3-3 System spielen, aber seine in-Game Taktiken variieren zu einem Grad, das ich an Würfelspiel glaube: Wo eine Elfenbeinküste vor etwa eineinhalb Jahren die Österreicher mit fassungslos gutem Pressing an die Wand nagelte, sah man davon bei besagt schwachem Afrikacup fast nix mehr.

Lamouchi ist berüchtigt für seine konventionelle Personalpolitik: Als Flügelspieler darf immer noch häufig der mittlerweile sehr banale Kalou auflaufen, während ein Ya Konan häufig auf der Bank versauert. Der linke Flügel Gervinho ist längst nicht internationale Klasse, und weil Lamouchi seinem Mittelfeldanker Yaya Toure – berechtigt oder nicht – extreme Freiheiten lässt, sehen seine Mittelfeldzentrale und Flügelverteidiger öfter Druck als ihnen lieb sein kann.

Lamouchi lastet man auch an, sich der Meinung von Kapitän #11 Drogba zu beugen: Drogba ist ohne Zweifel eine Legende im Staat und der bekannteste Fußballer, den dieses Land je herausgebracht hat, aber Drogba beschloss per einstweiliger Verfügung seine alleinige Macht im Team und sortierte seine gefährlichsten Positionskonkurrenten Traore und Doumbia eigenhändig aus um selbst ein letztes Halali blasen zu können.

Individuell ist das Team also an einigen wichtigen Stellen gut besetzt. Aber die Hierarchie im Team ist eher suspekt und Problemzonen auf den Flügeln könnten den Ivorern die Suppe versalzen. Elfenbeinküste 2014 liest sich in etwa so wie die gescheiterten afrikanischen Hoffnungen um Kamerun 2002 oder Nigeria 1998: Klasse besetzte Mannschaften, die aufgrund der zu starken Ausrichtung an ihren Individualisten scheiterten.

Kamerun

Bleibt von den Schwarzafrikanern Kamerun, die bezwingbaren unbezwingbaren Löwen. Volker Finke ist dort seit eineinhalb Jahren Coach, und er hat „sein“ 4-3-3 installiert, das sich aber oft wie eine Art Notfalloption anfühlt und bei dem man noch nicht so recht weiß, wie es beim heimlichen Coach Samuel Eto’o ankommt.

Eto’o ist irgendwas zwischen 33 und 39 Lenze und im Spätherbst seiner (großen) Karriere, aber er ist gleichzeitig auch ein ähnlicher Typ wie Drogba, der gerne mal ein Wort zu viel in der Mannschaftsaufstellung und -ausrichtung mitzureden hat. Eto’o wollte die Nationalmannschaft mehr als einmal bestreiken, wenn ihn der Coach nicht auf dem linken Flügel aufstellt, aber zuletzt in den Testspielen gegen Paraguay und Deutschland war er doch wieder vermehrt im Zentrum zu finden.

Eto’o kann immer noch gut schießen und 1-vs-1 Situationen gewinnen. Er ist aber nicht mehr die unumstrittene alleinige Waffe im kamerunischen Spiel: Aboubakar und vor allem auch Choupo-Moting sind durchaus ebenbürtige Stürmer. Mouting zu einem größeren europäischen Club? Halte ich nicht mehr für unmöglich und würde ich unterschreiben.

Die Mittelfeldzentrale bei den robusten und oft ungestümen Kamerunern ist relativ kompakt, aber zu langsam im Umschalten nach vorn, weswegen viele Chancen im Spielaufbau liegen gelassen werden. Besagte Zentrale täte aber oft gut daran, noch mehr Unterstützung nach hinten zu liefern, denn dort ist man teilweise ein arger Hühnerhaufen: Wie man zum Beispiel in Kufstein von einer B-Elf Paraguays auseinandergenommen wurde, war schon sehr deftig.

Trotz aller Probleme: Kamerun hat keine unmögliche Gruppe erwischt: Brasilien wird außer Reichweite sein, aber wenn die Defensive halbwegs hält, ist gegen Kroatien und das durchaus banale Mexiko eine Überraschung drin. Viel weiter wie Achtelfinale (vs ESP, NED oder CHI) dürfte es aber sowieso nicht gehen.

Algerien

Um mal die rassistische Keule zu schwingen: Nordafrikaner sind für mich fußballtechnisch gesehen nicht zwingend „Afrikaner“. Das liegt an ihrer oft viel kühleren, weniger athletischen Spielweise, die ganze Kultur ist irgendwo eine andere, die Verbände sind etwas weitsichtiger (nicht unbedingt sippenbefreiter) und die Stürmer fehlen gänzlich.

Algerien ist für mich eine schwierig einzuschätzende Mannschaft. Teamchef ist mit Vahid Halilhodzic so ein Weltenbummler, der vom Balkan über Frankreich über Afrika und die arabische Halbinsel so ziemlich alles schon gesehen hat, und tendenziell immer versucht, ein proaktives Spiel zu implementieren. Spielerisch pflegten die Algerier in den letzten Jahren immer einen recht netten Fußball, aber was der Sturm vor dem Tor so produzierte, spottete jeder Beschreibung und kannste getrost in die Tonne kloppen.

Nun gibt es im jungen Islam Slimani von Sporting Lissabon einen angeblichen angehenden Klassestürmer, und wenn Slimani nur ansatzweise zwischendurch den Kasten trifft, könnte für die Algerier schon eine kleine Überraschung in einer Gruppe mit Belgien, Russland und Südkorea drin sein. Wie gesagt: Nur, wenn Slimani oder ein Kollege wider Erwarten doch mal den Kasten trifft.

Argentinien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Argentinien ist einer der heißesten Namen vor dem WM-Turnier 2014 und ein Weltmeister-Tipp vieler. Dabei ist diese Mannschaft extrem schwierig einzuschätzen. Ich habe Argentinien in den letzten drei Jahren vielleicht zwei- oder dreimal in Sportcafés gesehen, und immerhin fiel auf, dass die Mannschaft strukturierter wirkt als vor der deprimierenden WM 2010, wo sie nach eigentlich vielversprechendem Beginn von Deutschland in seine Einzelteile zerlegt wurde und auch mental in ein tiefes Loch gefallen war.

Trotzdem liest man oft, dass Coach Sabellas das argentinische Spiel dem größten Star #10 Messi angepasst hat: Messi als die prototypische Falsche Neun, die vom linken Flügel hinein in den Strafraum stößt um dort entweder selbst abzuschließen, oder den Doppelpass mit oder die Vorlage für die beiden Stürmerkollegen #9 Higuain und #20 Kun Aguero zu suchen. Es ist ein 4-3-3 System, das Sabellas spielen lässt, das vor allem drauf gründet, dass Messi als Freigeist auf der halblinken Seite agierend die Lücken aufreißt. Es ist der Anti-Scolari, der seinem Superstar Neymar gerade das nicht gestattet, um mannschaftliche Kohärenz zu bewahren.

Das sehr frei ausgelebte 4-3-3 der Argentinier mit der zentralen Figur Messi

Das sehr frei ausgelebte 4-3-3 der Argentinier mit der zentralen Figur Messi

Die Argentinier können sich dieses Freelancing erlauben, weil Baby: Messi, Kün, Higuain als offensivstes Trio, und dahinter in #7 Angel Di Maria einen dynamischen Antreiber vor dem Herrn, den besten Spieler des CL-Finals, den Mann, den alle immer schon unterschätzten, weil er Teamkollege von Messi und Ronaldo ist. Di Maria fällt dir vielleicht zuerst durch die Scheusale auf seinen Armen auf, aber wenn der Mann mal antritt… viel besser geht kaum. Di Maria muss unter Sabellas disziplinierter spielen als Messi, aber in einer Mannschaft, die vor allem auf schnelles Umschalten von hinten heraus und individuelle Klasse vorne baut, ist er das wichtigste Bindeglied.

Alles hinter dem Goldenen Quartett ist bei den Argentiniern suspekt: Tormann #1 Romero zum Beispiel hat diese Saison fast nie gespielt, versauerte in Monaco auf der Bank. Die Verteidigung hat große Personalprobleme auf beiden Flanken, die Innenverteidigung wird wohl von einer Stammformation #2 Garay / #17 Fernandez gebildet: Garay ist zwar von einem FC Bayern umworben, aber hat mit 27 Lenzen erst 17 Länderspiele, Fernandez ist unter Napoli-Fans extrem umstritten. Immerhin: Beide sind Türme über 1,90m und schwierig in der Luft zu bewingen. Aber wenn deine erste Abwehralternative der fußlahme #15 Demichelis (gefühlte 22sek über 100m) ist, meine Fresse.

Da wird ein zentraler Defensivmann vor der Abwehr wie #14 Mascherano schnell zum Troubleshooter. Mascherano soll sich diese Saison eher eine Auszeit gegönnt haben, dürfte körperlich aber immerhin fit genug sein. Er soll gemeinsam mit dem vor Jahren bei Real Madrid gescheiterten #5 Gago (mittlerweile 28 Jahre alt) Di Maria und dem Stürmertrio den Rücken freihalten.

In Summe ist das für mich ein echtes dark horse. Die Offensive ist wahnsinnig in der Stammformation, aber mit einem #23 Lavezzi sitzt nur noch ein weiterer Stürmer von internationalem Format auf der Bank. Aber die Defensive ist ein Wagnis. Sie ist nicht unterirdisch, aber Argentinien hat ähnlich wie Deutschland durchaus gewagte Außenverteidiger und dazu unähnlich Deutschland ein Sicherheitsrisiko im Kasten.

Ich kann verstehen, warum Argentinien zu einem Mitfavoriten gehypt wird – wenn die Offense klickt, ist sie kaum zu stoppen – allzu gut ausbalanciert scheint mit dieses Team nicht zu sein. Dazu kommt das Fragezeichen Messi: Der Mann soll einer eher schwache Saison gespielt haben – nur 36 Tore in 35 Spielen in einer auf Tore gepolten Mannschaft wie Barcelona ist immer noch nahe Weltklasse, aber gemessen am von ihm selbst gesetzten Standard ist das so naja. Und Messi hing schon in seinen besten Jahren der Ruf nach, in der Nationalelf („Albiceleste“) nur großartig anstelle von episch zu sein. Messi braucht aber einen Titel. Er braucht den Titel um in seiner Heimat (die er früh verließ) einem Maradona gleichgestellt zu werden. Messi ist vielleicht der beste Stürmer aller Zeiten, aber ohne WM-Pokal wird seine Weste immer befleckt bleiben.

Das Los für Argentinien ist günstig. Es kann reichen, aber wenn der Angriff einmal in vier Playoff-Spielen nicht klickt, wird die Titelmission zum Harakiri-Ritt.

Italien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Heute: Italien. Das Schreckgespenst. Das Land, das nicht mehr weiß, wohin es gehört und wohin es sich orientieren soll. Das nur in einem weiß, was wirklich wichtig ist: Ein Chaot wie der Italiener ist, im Fußball kennt er keinen Spaß. Es gibt Tage, an denen denke ich mir, sie lassen zuerst den Staat den Bach runtergehen, bevor der calcio dran glauben muss.

Da passt ein Cesare Prandelli wie Arsch auf Kübel in dieses Bild. Prandelli ist ein famoser Taktiker, ein kühler Kalkulator. Prandelli aber reicht dieses Bild nicht. Er wollte als großer Staatsmann in die Historie des Fußballs eingehen. Stellte mit pompösen Gesten einen Ethik-Code auf die Beine der das neue Italien symbolisieren sollte, nur um zwei Tage später, bei der ersten Gelegenheit, schon wieder alles den Bach runterzuwerfen. Balotelli hatte mal wieder einen auf Balotelli gemacht. Und Prandelli begnadigte Balotelli. Italienischer geht es nicht: Wegen solcher Waschlappen funktioniert dieser Staat nicht, aber wegen solchem Pragmatismus funktioniert der calcio.

Prandelli ist somit die Galionsfigur nicht nur einer mitfavorisierten Mannschaft, sondern eines ganzen Landes. Folgerichtig verlängerte er auch schon vor dem Turnier den Vertrag als commissario tecnico um zwei weitere Jahre.

Nach Brasilien schickt er eine erschreckend stabile Mannschaft, der der ganz große Zauber wie immer abgeht, die aber mit ihrer berechnenden und gar nicht so kraftaufwändigen Spielweise im tropischen Klima durchaus eine Gefahr darstellt. Lass dich bloß nicht von der sieben Spiele währenden Serie ohne Sieg täuschen, lass dich nicht von einem 1:1 vs Luxemburg blenden: Italien wird bereit sein, wie fast immer.

Mögliche 4-3-1-2 Stammformation der Italiener

Mögliche 4-3-1-2 Stammformation der Italiener

Italien kann durchaus gut pressen, aber auch verblüffend abwartend spielen, wie letztes Jahr im Semifinale des Confed-Cups, als man Spanien zu sich runter zog und erst unverdient im Elferschießen verlor. Die Defensive ist egal in welcher Formation immer noch eine der stabilsten mit den beiden Juve-Holzhackern #3 Chiellini und #19 Bonucci, die vor allem in der Luft kaum zu bezwingen sind. Im Kasten steht mit #1 Buffon eine Legende, die allerdings längst nicht mehr jeden Ball festhält und von einigen hinter vorgehaltener Hand schon nur noch als zweitbester Keeper im Lande (hinter PSGs Sirigu) bezeichnet wird.

Die in Italien stets omnipräsente Systemfrage beantwortet Prandelli mittlerweile mit seinen Versuchen, ein flexibles Team einzustellen. Prandelli übernimmt nur noch selten das 3-5-2 von Juventus, sondern versucht, im Kern seine patentierte 4-3-1-2 Formation aufzustellen, wobei ihm jetzt kurz vor dem Turnier nach dem Beinbruch von Montolivo eine ganz zentrale Figur abhanden gekommen ist.

Prandellis rotierender Mittelfeldkern ist um den bissigen #16 De Rossi (der in einer 3-5-2 Variante zurück in die Abwehr beordert wird) und den Passgeber #21 Pirlo (mit 36 das letzte große Turnier, oder?) gebaut, aber ohne den für die Kurzpässe zuständigen Montolivo könnte einiges an Effizienz verloren gehen. Als Fixstarter gilt #8 Marchisio, der Arbeiter von Juventus, bei dem nur die Frage ist, ob er tendenziell vor oder hinter Pirlo aufgestellt wird.

Die Schaltstelle Montolivo kann nicht 1:1 gleichwertig ersetzt werden, aber mit dem eher defensiv ausgerichteten #6 Candreva oder dem eher offensiven Wusler #23 Verratti hat Prandelli diverse Optionen, seine Mannschaft dezent in die eine oder andere Richtung vertikal zu verlagern.

Ganz vorn ist die Diskussion um die Stürmerpositionen längst entflammt. Der in Italien relativ unbekannte Giuseppe Rossi (geboren in den USA, spielte dann lange für ManUnited und Villareal) wurde nach einer langwierigen Verletzung trotz guter Form aus dem Kader gestrichen, dafür durfte der unbeliebte #10 Cassano, der schon des öfteren negative Kommentare über die Nazionale abgelassen hat, mit nach Brasilien. Cassano ist kein klassischer Mittelstürmer, eher so ein Zulieferer aus der „eineinhalbten“ Reihe. So ein Typ ist auch #21 Insigne von Napoli, der noch mehr die hängende Spitze ist und eventuell auch als Flügelstürmer einsetzbar wäre.

Haushoher Favorit auf den einen Stammplatz ganz vorn ist #9 Balotelli. Balotelli ist eine Symbolfigur, ein Bulle, der in motiviertem Zustand zu den besten im Land gehört. Aber Balotelli ist ein Spinner. Du kannst sein Hirn aufschrauben um nachzusehen was drin ist, aber nicht enttäuscht sein, wenn du nichts findest. Balotelli ist in gewissem Sinne eine Symbolfigur, rassistische Beleidigungen und Ausraster zum Trotz, und er ist für Prandelli wichtig genug um besagte Ethik erstmal an zweite Reihe zu stellen. Balotelli ist kein fauler Hund. Will er, ackert er über 90 Minuten, und auch wenn sein Positionsspiel in Teilen verbesserungswürdig ist, seine rohe Schussgewalt ist nicht nur den Deutschen noch in schmerzhafter Erinnerung.

Als Balotellis direkter Ersatzmann könnte #17 Immobile von Torino fungieren, der neue Lewandowski in Dortmund, ein junger Stürmer mit manchmal fragwürdiger Defensivarbeit, aber einer mit Drang zum Tor. Immobile muss mit der „verfluchten“ Unglücksnummer 17 auflaufen, in Italien seit jeher Symbol analog der 13 im angelsächsischen Raum.

Die Italiener sind unter Prandelli einen Tick moderner als ihr Ruf. Sie sind trotz der mutigeren Grundausrichtung am besten, wenn sie mit Führung spielen können. Sie sind trotz der mutigeren Grundausrichtung immer noch relativ anfällig dagegen, Rückstände aufzuholen und sie können einem gleichwertigen Gegner nicht wirklich den Stempel aufdrücken. Aber sie haben Waffen. Sie können dank Pirlos wunderbarer Schusstechnik Standards und haben auch um Chiellini mehrere kopfballstarke Hünen um für Gefahr zu sorgen.

Die Italiener sind nicht der Topfavorit, aber sie sind mit ihrer ökonomischen Spielweise umso gefährlicher je länger das Turnier geht. Und wenn sie in einem Halbfinale wie auch immer in Führung gehen, garantiere ich für nix…

Deutschland in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Deutschlands fantastische Nationalmannschaft dürfte jedem Leser hinlänglich bekannt sein. Betont werden muss aus der Außenperspektive, dass es den Deutschen nicht bewusst ist, welch großartiger Botschafter diese Elf im Ausland ist, wie ehrfurchts- und respektvoll zum Beispiel die Italiener – die es seit jeher als Hauptaufgabe sehen, Deutschland zu schlagen – über die Mannschaft von Joachim Löw sprechen. Es ist nicht nur ein sportlich und ästhetisch großes Produkt, es ist auch Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung mit einem Özil, Boateng oder Khedira als Leistungsträger in der ersten Mannschaft.

Trotz allem wohl die Wunschformation der deutschen Elf im 4-2-3-1

Trotz allem wohl die Wunschformation der deutschen Elf im 4-2-3-1

Schon unter Klinsmann wurde der Mannschaftsgedanke ganz groß geschrieben, und auch der Stab unter Löw versuchte hernach stets, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass sich die Nationalelf einspielen konnte und auf und neben dem Platz zu einer verschworenen Einheit würde. Das wird auch 2014 ein Ziel gewesen sein, aber ein hehres Ziel ohne die notwendigen Leute bleibt halt oft ein unerreichbares Ziel. Deutschlands Vorbereitung war durch extrem viele Verletzungsausfälle geprägt, und man sollte nicht unterschätzen, was das für die Eingespieltheit dieser Jungs bedeutet. Das Achtelfinale ist noch drei Wochen entfernt, insofern bleibt Zeit, aber Deutschland hat eine hinreichend schwierige Gruppe erwischt, dass du nicht im Vorbeigehen mit einem lockeren ersten Platz rechnen kannst.

Ich sehe drei Knackpunkte:

  • Außenverteidiger. Im heutigen Spitzenfußball mit so vielen dynamischen Wingern sind zumindest gutklassige Außenverteidiger unerlässlich, und Deutschland hat nur Lahm, und selbst der könnte früher oder später als Stratege im defensiven Mittelfeld gebraucht werden. Bleiben Leute wie Durm oder Boateng für den LV und Lahm oder Großkreutz für einen RV – das kann man angesichts der sonstigen Kaderbesetzung durchaus als „Sollbruchstelle“ benennen. Aber es ist nicht das größte Fragezeichen.
  • Schaltzentrale. Schweinsteiger und der Freelancer Khedira sind als angedachte Stammformation im 4-2-3-1 Grundsystem von Löw mehr als fragliche Optionen. Schweinsteiger wurde schon vor zwei Jahren erfolglos unfit durch das Turnier geschleust; Khedira spielte gemessen an seiner langen Kreuzbandverletzung ordentliche CL-Finals und Testspiele, aber in einem schwülheißen Brazil-Nordosten brauchst du topfitte Leute, und topfit wird Khedira kaum sein. Wird also Lahm in die Zentrale beordert? Lahm, der sich heuer noch einmal einen Schritt nach vorn entwickelt hat? Kann Lahm mit einem Kroos eventuell die Zentrale bilden? Wie wirkt sich das auf den deutschen Spielaufbau aus, wenn die Sechser/Achter nicht richtig eingespielt sind? Und wie löst man dann die geöffnete Bruchstelle auf RV?
  • Mittelstürmer. Der Optimalfall ist „Klose wird fit und läuft zu großer Form auf“, aber es ist ein Optimalfall der winzigen Hoffnung. Die Experimente mit dem Halbstürmer Götze funktionierten bisher eher bescheiden; Versuche, Müller, Schürrle oder Podolski in die Sturmzentrale zu stellen, könnten Optionen werden. Müller fände ich von der Idee her eigentlich am besten, aber für Löw scheint es eher keine Alternative zu sein. Eigentlich krass, dass Deutschland bei allen superben Angriffsspielern so gar keinen gescheiten Mittelstürmer mehr hat… bzw die, die man hat, humpeln (Klose) oder gar net dabei sind (Gomez).

Gemessen an den letzten Monaten und der Vorbereitung wird es auch eine Aufgabe werden, den phlegmatischen Özil wieder hinzubiegen. Özil kann an guten Tagen gegen starke Gegner mit zum Unterschied beitragen, aber in der aktuellen Form ist es besser, ihn auf der Bank zu lassen. Wo setzt Löw an?

Wo Deutschland unschlagbar ist, sind die Flügel. Ein Müller ist mit seiner fantastischen Laufarbeit trotz seiner larifari-Technik eine Bereicherung für jede Offensive, ein Götze und selbst Draxler sind nicht weit von Weltklasse, ein Reus ist längst Weltklasse und gehört seit zweieinhalb Jahren zu den drei besten Flügelstürmern der Welt. Es bleibt halt die Frage, wer vorne abschließt.

Die Chancen auf den Titel standen schonmal besser, aber damals waren die zentralen Mittelfeldspieler alle fit und in Topform. Sind sie diesmal nicht mehr, und deswegen zweifeln viele am Titeltraum.

Für mich muss es nicht der Titel sein. Das Resultat muss aber so gut sein und so überzeugend zustande gekommen sein, dass jede Diskussion über eine Abkehr vom vor zehn Jahren eingeschlagenen Weg („Wir brauchen wieder Typen!“) im Keim erstickt wird. Mit etwas Glück – und das Los bescherte nach der nicht einfachen Gruppe einen machbaren Weg zumindest ins Semifinale – kann es auch für den ganz großen Wurf reichen. Aber es ist ein Turnier, wo spätestens ab dem Viertelfinale viele Unwägbarkeiten mit entscheiden, Kleinigkeiten, die du nicht immer kontrollieren kannst. In den letzten Jahren liefen sie stets tendenziell gegen Deutschland. Wenn sie diesmal für Deutschland laufen, kann es trotz der bekannten sehr fraglichen Punkte zum viel zitierten vierten Stern langen.

Spanien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Das dominante Team der letzten Jahre, und trotzdem kriegt Spanien im Vorfeld dieser WM nicht mehr den ganz großen Favoritenstatus zugespielt: Woran liegt’s? Die Annahme, ein Team kann einfach nicht immer gewinnen, ist eine irrationale. Viel greifbarer sind die Dinge wie langsame Alterung, der zuletzt eher zähe Titel-Run 2012, und, viel mehr noch, die konditionelle Verfassung in schwül-heißen Gefilden und Spielweise der Seleccion.

Spanien hat sich in den letzten Jahren als extremst wandelbar gezeigt und von 4-3-3 über 4-2-3-1 über 4-5-1-0 so ziemlich alle großen Trends im Weltfußball vor- und mitgemacht, aber im Confed-Cup vor einem Jahr fiel auf, dass diese Offensivpressing-Maschine in klimatisch extremen Bedingungen (wie eben in Brasilien) nicht über mehrere Wochen durchhält. Es mag an mangelnder Ernsthaftigkeit gelegen haben oder woran auch immer, aber Spanien war spätestens im Halbfinale schwer angeschlagen, und war im Endspiel komplett shot, läuferisch drei Meter unter der Erde.

Diese Ballbesitzorientierung, dieses ständige Verlangen, Pressing zu spielen und somit dem Gegner den Ball abzujagen, kostet Kraft – ähnlich viel Kraft wie das Wetter in Brasilien. Das ist ein greifbarer Grund, weswegen Spanien diesmal vielleicht Probleme kriegen könnte.

Wie man die Spanier in Nöte bringen kann, haben in den letzten Jahren Mannschaften wie Portugal (EM-Halbfinale 2012) oder Italien und Brasilien (Confed-Cup 2013) eindrucksvoll gezeigt: Eigenes Gegenpressing oder einfach nur gezielte Phasen mit Pressing. Das schmeckt der spanischen Mannschaft nicht, aber es sind eben nur wenige Mannschaften in der Lage, hohes Pressing gegen die rote Furie zu spielen – und die, die es könnten, trauten sich zu selten.

Mögliche Aufstellung der Spanier mit Sturmspitze Diego Costa

Mögliche Aufstellung der Spanier mit Sturmspitze Diego Costa

Spanien hat diesmal potenziell einige Sollbruchstellen. Die rechte Abwehrflanke ist mit Juanfran eher notdürftig besetzt, und im Tor dankt #1 Casillas immer noch einem Kopfball in der 93. Minute CL-Finale, dass er nicht zum Trottel der Nation erklärt wurde. Casillas wird mehr deswegen spielen, weil er als Kapitän Hausmacht und wichtig für Stimmung und Zusammenhalt im Team ist.

Die entscheidenden Stellen im spanischen Spiel sind aber ohnehin in Mittelfeld und Angriff zu finden, denn dort steht und fällt die spanische Spielweise, und dort liegt auch primär das Geheimnis, dass diese Mannschaft so wenige Gegentreffer bekommt: Sie gibt einfach zu selten den Ball her, und wenn sie es doch tut, luchst sie ihn sich schnell wieder zurück.

Es gilt als relativ sicher, dass Head Coach Del Bosque wieder versuchen wird, mit #16 Busquets und #14 Xabi Alonso (oder #4 Martinez) das zentrale Mittelfeldpärchen zu bilden. Es gilt auch als sicher, dass die Legende #8 Xavi noch einmal die zentrale Anlaufstelle für die Offensive sein wird, aber man darf durchaus fragen, in welcher Verfassung Xavi antreten wird: Der wichtigste Mann des spanischen Erfolgswunders ist mit mittlerweile 33 Lenze nicht mehr ganz der schnellste und war in manchen Spielen fast schon – Achtung, Gotteslästerung – ein Bremsklotz.

Knackpunkt wird auch sein, wer ganz vorne spielt: Die berühmte „Falsche Neun“ in #10 Fabregas oder der echte Mittelstürmer #19 Diego Costa. Costa kommt aus einer sensationellen Saison, ist aber trotz Pferdeblut wohl noch nicht ganz fit, und er ist vom Verein ein direkteres Spiel gewohnt, als es sich die kurzpassverliebte spanische Elf auf die Fahne geschrieben hat. Beweismaterial von Costas Integration in dieser Mannschaft gibt es nicht viel – gegen Italien im März funktionierte das aber eher dürftig. Mit einem Costa wird Spanien wohl fast sicher direkter spielen als mit jeder anderen Sturmlösung.

Das Spiel mit einem Fabregas als der berühmten Falschen Neun funktionierte in der Vergangenheit immerhin zufriedenstellend, aber Fabregas hat keine gute Saison gespielt. #7 Villa und #9 Torres dürften zu Notfalloptionen verkommen sein; bei einem Torres ist der sportliche Abstieg seit minimum vier Jahren offensichtlich, und bei Villa war nicht zuletzt im CL-Finale erkennbar, dass auch er längst nur noch ein Schatten alter Tage ist.

Als verkappte Flügel hinter dem Stürmer werden wohl zwei aus dem goldenen Trio #6 Iniesta, #21 Silva und #17 Pedro agieren. Iniesta ist dabei logisch der Star, aber unterschätze einen Pedro nicht: Pedro wurde heuer bei Barca oft geopfert, weil man dort den 80-Mio. Mann Neymar auflaufen lassen musste, aber ehrlicherweise funktionierte Barca mit Pedro stets besser. Und Pedro ist rein zufällig der Mann, der in der Nationalelf häufig den Job als Goalgetter übernahm: Letzte 21 Partien – 12 Tore für Pedro.

Beeindruckend an diesem Team ist weiterhin ihre Flexibilität und die sensationelle Kadertiefe, die auf Auswahlebene am ehesten mit jener der heutzutage besten Vereinsmannschaften mithalten kann. Ich erwarte aber aufgrund der ausgeführten Zweifel, dass diesmal früher oder später jemand den Erfolgslauf der Furia Roja stoppen wird.

Brasilien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Die brasilianische Nationalmannschaft gilt als einer der zwei, drei größten Turnierfavoriten vor dieser WM. Dabei ist die Selecao von Coach Felipe Scolari ja gar nicht personell so besetzt, dass du per se von einem kommenden Weltmeister ausgehen würdest. Der Favoritenstatus bei den Brasilianern rührt neben dem Heimvorteil vor allem von dem, was sie diesmal im Vergleich zu anderen Mitfavoriten nicht haben: Eine echte Schwachstelle.

Scolari hat die Mannschaft erst vor 18 Monaten übernommen, aber er hat es geschafft, dem Team ein Gesicht zu geben, das mit jenem der seelenlosen Copa-America 2011 nicht mehr zu vergleichen ist. Brasilien spielt sehr zielstrebig. Schlüssel sind eine wuchtige Defensive und ein völlig unspektakulärer Mittelstürmer Fred, der vorne als Ballbouncer funktioniert, damit die beiden offensiven Außenverteidiger und die beiden Flügelstürmer aus der zweiten Reihe heraus operieren können.

Scolari war nie der ganz große Taktiker. Seine Stärke ist, dass er eine Mannschaft zusammenschweißen kann. Er gilt als player’s coach, dessen oberste Priorität es ist, das Team zu einen. Entsprechend fallen bei Scolari auch Individualisten mit großen Namen durch das Beuteraster und wurden aussortiert. Eine Besonderheit bei Scolari ist, dass er sich relativ schnell auf seinen Kern eingeschossen hat, und nie Diskussionen über Nominierungen und Nichtnominierungen aufkommen ließ. Die Stammelf steht seit gut zwölf Monaten mehr oder weniger in Stein gemeißelt. So wird bei dieser WM ein Team auftreten, das mit dem Siegerteam vom Confed-Cup 2013 nahezu identisch ist.

Mögliche Stammformation von Brasilien im 4-2-3-1

Mögliche Stammformation von Brasilien im 4-2-3-1

Wichtig bei den Brasilianern unter Scolari ist die Stabilität in der Spielfeldmitte: Das künftige Verteidigerpärchen vom PSG, #4 Tingeltangel Luiz / #3 Thiago Silva, dürfte zu den besten im Turnier gehören. Ihnen vorgeschaltet sind mit #17 Luis Gustavo und dem etwas blässlichen, aber fleißigen #18 Paulinho zwei Abräumer, die immer defense first denken.

Für den Angriff sind andere zuständig. Die Flankenläufer #6 Marcelo (links) und #2 Dani Alves (rechts) stoßen immer wieder sehr weit nach vorne und sorgen dafür, dass die nominellen Flügelstürmer #10 Neymar und #19 Hulk immer wieder nach innen ziehen.

Hulk war letztes Jahr beim Confed-Cup nicht wirklich in Form, scheint aber trotzdem gesetzt. Er soll mit seiner physischen Präsenz auch eine Art Absicherung geben, wenn Alves mal wieder zu offensivtrunken wird und seine defensiven Aufgaben vergisst. Der zentrale Mann hinter dem Mittelstürmer dürfte #11 Oscar sein, der einen Schuss Kreativität ins Spiel bringen soll.

Marcelo, Alves, Hulk, Oscar, Neymar: Sie alle suchen immer wieder den Mittelstürmer #9 Fred, der nach gefühlt zehn Jahren als Ergänzungsspieler mit einem Mal der zentrale Offensivspieler ist. Fred spielt mittlerweile bei Fluminense, musste erst letztes Jahr einen Abstieg aus der brasilianischen Liga verkraften und hatte zuletzt recht viele Wehwehchen, aber für Scolari ist er als Abpraller der entscheidende Mann.

Im Confed-Cup fiel bei den Brasilianern auf, wie überfallartig sie ihre Spiele zu beginnen pflegten. Das wahnsinnige Offensivpressing in den ersten Minuten im Endspiel gegen die Spanier steht nur stellvertretend für eine Mannschaft, die in jedem Spiel auf den schnellen Treffer ging. Jeder druckvollen Anfangsphase folgte dann allerdings alsbald auch wieder der Rückzug nach der ersten Viertelstunde oder so. Hatte man den Treffer erzielt – wie gegen Spanien oder gegen Mexiko – gut, wenn nicht, entwickelten sich schon auch eher zähe Angelegenheiten.

Die Mannschaft wirkt kohärent, sie arbeitet vor allem gegen den Ball als eine Einheit. Selbst scheinbar egomanische Künstler wie Neymar leisten Defensivarbeit (Neymar war im Confed-Cup nicht nur der meistgefoulte Spieler; er beging auch die meisten Fouls).

Probleme wird Brasilien vor allem dann bekommen, wenn das schnelle Gegenpressing nicht in frühe Tore umgemünzt werden kann; das Brasilien 2014 ist ein Team, das insbesondere von seiner Qualität, mit einer Führung im Rücken spielen zu können, lebt. Probleme wird Brasilien bekommen, wenn ein Gegner wirklich hochklassig über die rechte Abwehrseite kommt (zum Beispiel Argentinien). Dazu gesellt sich ein guter, aber nicht mehr herausragender Torwart Julio Cesar.

Die Erwartungen sind klar: Der Titel muss es sein. Und der Titel ist nicht unrealistisch. Brasilien stellt keine Zaubermannschaft, aber in den Druckphasen ist das doch ein sehr sehenswertes Team, das ruhig ein paar Runden weit kommen darf.

WM-Caipirinha 2014: Die Rahmenbedingungen

Anpfiff für die Fußball-WM 2014 in Brasilien ist erst am nächsten Donnerstag, 12. Juni, aber das soll uns nicht von einer ausgedehnteren Vorschau auf das beste Sportturnier der Welt abhalten. Den sozialpolitischen Hintergrund mit der befürchteten Protestwelle kann ich dabei nur am Rand tangieren, dafür gibt es bessere, kompetentere Anlaufstellen. Lass uns diese Rahmenbedingungen zum Start einer Preview nicht ganz vergessen. Also, schon einmal aus Eigeninteresse zur Info-Clusterung, eine Caipirinha an WM-Zutaten vor dem eigentlichen sportlichen Start.

Die Stimmung auf den Straßen

Die ersten Massendemonstrationen sind bereits im Gange und es werden wohl mehr im Verlauf des Turniers erwartet. Wird FIFA-Boss Blatter bessere Antworten finden als letztes Jahr beim Confed-Cup? (Kann er überhaupt schlechtere finden?) Wie wird die Polizei reagieren? Es gibt Bürgergruppierungen, die unter dem Schutz des Demonstrationsrechts stehen, und sie werden von der Polizei nicht überhart angegangen werden dürfen.

Was passiert aber mit den Trittbrettfahrern, den autonomen Randalierern, die nur die Plattform „Weltmeisterschaft“ nutzen? Wie wahrscheinlich ist es, dass solche Proteste eskalieren? Wie geht die FIFA damit um, dass möglicherweise ihr Vorzeigeprodukt befleckt wird? Es wäre nun auch nicht so, dass sich die einheimischen Fußballer in Brasilien unberührt von den Protestwellen gezeigt hätten, nein: Sie unterstützen großteils die Bürgerbewegungen. Sie erkennen die Sinnhaftigkeit der Proteste.

Die Infrastruktur

WM-Stadion Sao Paolo - Bild: Wikipedia

WM-Stadion Sao Paolo – Bild: Wikipedia

Thema Stadien: Wie sicher werden sie sein? Wie sicher wird die Umgebung der Stadien sein? Ein Kollege war letztes Jahr in Sao Paolo und er berichtete, dass man sich in Touristengebieten in Brasilien aufgrund massivem Polizeiaufkommen tendenziell sehr sicher fühlen kann. „Fertig“ sind die Stadien eh nicht alle, namentlich zu nennen sei da das Stadion des Eröffnungsspiels in Sao Paolo, das noch nie in voller Auslastung getestet wurde.

Das neue Maracana-Stadion

Das neue Maracana-Stadion

Die Stadien selbst sind architektonisch alle recht hübsche Dinger, auch das sanierte Maracana-Stadion sieht wie ein klassisches, neuartiges Fußball-Stadion aus, aber es bleibt da immer ein schaler Beigeschmack, wenn in solchen Schwellenländern öffentlich mitfinanzierte Kathedralen in der Wüste hingeknallt werden, teuer und ohne weitere Verwendung. Die ersten Hardcore-Fangruppierungen beklagen auch schon den Verlust der Seele der alten brasilianischen Stadien. Ein Maracana-Stadion, viele Jahrzehnte gefeiert dafür, für Arm und Reich gleichermaßen zugänglich zu sein, wird künftig breiten Bevölkerungsschichten verschlossen bleiben: Zu sehr mussten die Eintrittspreise erhöht werden um dem Anspruch des Neuen gerecht zu werden.

In Sachen Infrastruktur sind die Stadien, so überdimensioniert und teuer sie auch sein mögen, aber nicht der wichtigste Punkt. Wichtiger sind Flughäfen, Autobahnnetze und Busverkehr. In vier Städten sollen notwendige Erweiterungen der Flughäfen nicht abgeschlossen sein; in Fortalezas zum Beispiel kann ein ganzer neuer geplanter Terminal nicht zur WM geöffnet werden. Erwartet werden rund eine halbe Million ausländischer Touristen. Wie bewegen sich also die Fans durchs Land? Provisorische Lösungen werden gefunden werden, aber wenn ich lese, dass letzte Woche in Sao Paolo mit 344km Stau schon wieder ein neuer Rekord aufgestellt wurde, wird einem ganz anders.

Achte auf das Zebra

Auf der anderen Seite soll die Vorfreude auf das Fußballturnier selbst im Land schon gewaltig sein. Die Selecao gilt ja mittlerweile als größter Titelfavorit, und mit der starken Leistung letztes Jahr im Confed-Cup ist die Freudenstimmung dann auch im positiven Sinn explodiert.

Explodiert impliziert aber immer noch auch explosiv, heißt: Die Brasilianer dürfen nicht zu früh rausfliegen. Die Welt zu Gast in diesen sündhaft teuren Tempeln, und Neymar liegt schon seit dem Achtelfinale auf den Malediven? Es braucht nicht viel Phantasie, dass es dazu nicht kommen darf. Generell gilt die FIFA als Verein, der kein Interesse an einer WM ohne Veranstalter hat. Die Spielplan-Auslosung lief wie sie gelaufen ist (Brasilien könnte schon im Achtelfinale auf Spanien oder Holland treffen), aber gerade deswegen gilt es, ein Auge auf Schiedsrichteransetzungen und -leistungen zu werfen.

Als jemand, der in Italien lebt, habe ich nur zu gut in Erinnerung, wie vor 12 Jahren ein Gastgeber Südkorea ins Halbfinale durchgepfiffen wurde, und an den Aufschrei danach. Natürlich werden Schiedsrichter allein keinen Weltmeister machen, aber würdest du dagegen wetten, dass nicht im stillen Hinterkämmerlein ein Plan B für alle Notfälle bereit liegt? Kleinigkeiten können den Ausschlag geben, wieso also nicht eine überflüssige gelbe Karte für einen potenziellen nächsten Gegner? Ins Bild passt da auch die merkwürdige Konstellation, dass am dritten Gruppenspieltag wider der alphabetischen Logik die Gruppe B (also die Spanien-Gruppe) vor der Gruppe A (der Brasilien-Gruppe) die Endstände ausgespielt haben wird.

Die Schiedsrichter werden noch aus einem anderen Grund zu beobachten sein: Es gerüchtelt, dass die FIFA massive Anstrengungen unternimmt um die signalisierten Wettmanipulationen vor allem gegen Ende der Gruppenphase soweit es geht zu unterbinden. Es werden Topexperten ins Land geschickt um die Performances in den Stadien im Auge zu halten, aber man behalte immer im Hinterkopf, dass der „andere“ Teil des Wettgeschäfts, der Wettmarkt selbst, vor allem in Asien noch immer quasi nicht überwacht ist.

Der Fluch und das Klima

Europäer haben auf amerikanischem Boden noch keine Weltmeisterschaft gewonnen. Jeder, der sich entfernt für Fußball interessiert, wird schon davon gehört haben. Dass dabei mexikanische Moctezumas oder peruanische Atahualpas ihre Hände im Spiel haben, kann man getrost bezweifeln: Gerade als ein Blog, das großteils auf Statistik baut, muss man darauf hinweisen, dass der angebliche Fluch auf ganzen sieben Turnieren gründet – eine nicht ernst zu nehmende Testmenge.

Real sind aber die zu erwartenden extremen klimatischen Bedingungen. Rio, Belo Horizonte oder Sao Paolo sind verhältnismäßig gemäßigte Klimazonen für diese Jahreszeit (in Brasilien ist aktuell schließlich Spätherbst), aber selbst dort werden auch abends Temperaturen um die 25°C mit massiver Luftfeuchtigkeit erwartet.

Richtig schlimm dürfte es vor allem im Amazonas-Gebiet und im Nordosten des Landes werden, wo es über 30°C haben kann, plus 80% Luftfeuchtigkeit. Jeder, der öfter in solchen Bedingungen spielen musste, weiß wie heftig es werden kann, wenn dir der Schweiß am Körper nicht mehr verdunstet, und wenn du dann auch keinen Windstrom spürst, hilft im Prinzip nur noch das Eine: Trinke über den Durst, auch wenn das Durstgefühl schon lange Stopp schreit.

Letztes Jahr im Confed-Cup merkte man manchen Mannschaften mit zunehmendem Turnierverlauf schon recht deutlich an, wie ihnen der Sprit ausging – und da hast du zwei, drei Runden weniger zu absolvieren. Eine spanische Mannschaft konnte als Beispiel ein ganzes Spiel gegen Tahiti mit der Ersatzmannschaft bestreiten, und dennoch war die A-Elf im Endspiel ein saftloser Haufen, müde und abgehalftert. Teams, die hohes Pressing mit viel Laufbereitschaft spielen wollen, werden es schwer haben in diesem Turnier. Dummerweise gehört Deutschland zumindest in der Theorie zu ihnen, und dummerweise spielt Deutschland in der Praxis zumindest in der Gruppenphase in den klimatisch extremsten Zonen.

Viele erwarten, dass die Südamerikaner durch das Klima einen entscheidenden Vorteil haben werden, aber so sicher bin ich mir nicht. Klar ist, dass die Spieler dort aufgewachsen sind, aber viele von ihnen spielen seit Jahren in Europa, und auch sie werden sich alle wieder umstellen müssen. Ich erwarte eher, dass sich von der Spielanlage eher passive Teams etwas leichter tun werden, sollten sie die erste Runde überstehen. Auf alle Fälle wird die Kondition entscheidend. Es wird nicht passieren, dass ein aufopferungsvoll kämpfendes Team vom Schlage eines Atletico Madrid hier durchmarschiert.