Mutter aller Niederlagen

Heute jährt sich „Barcelona 99“ zum 20ten Mal. Als Mutter aller Niederlagen ist es bis heute das prägnanteste Sportereignis, das ich erlebt habe. Im Endspiel kurz vor Schluss zu führen, fühlte sich für mich als kleinen Bub schon damals wie ein Traum an. Ein Traum, der innerhalb von Sekunden zum Alptraum wurde.

Ein „aus allen Wolken fallen“ wie bei einer Fußballpleite in der Nachspielzeit ist im American Football kaum möglich – dafür fallen zu viele Punkte und dafür sind größere Comebacks eindeutig zu häufig. Was Barcelona 99 überdies so außergewöhnlich machte, war der Umstand, dass es sich um ein Finale handelte.

Es ist die einzige Niederlage, die ich bis heute nie verwunden habe. Ich glaube, der einzige Moment, in dem ich sie verwinden kann, ist, genau so eines Tages auch die Champions League zu gewinnen. Was nicht passieren wird, weil Barcelona 99 nie mehr passieren wird.

Der Gedanke an diesen Tag, an dem ich Rotz und Wasser heulte und wie Kuffour unsere Couch verprügelte, weckt in mir die Idee, ein vergleichbar brutales Finish im US-Football zu suchen. Das einzige Kriterium: Ich muss es selbst erlebt haben – also kein Platz für Immaculate Reception und derartiges Stöbern in den Untiefen der Footballgeschichte. Weiterlesen

Brasilien vs. Belgien – Spiel für die Äonen

Fantastisches Spiel, das als eines der besten, weil intensivsten, in die WM-Geschichte eingehen wird. Belgien eliminiert dank 2:1-Sieg den Turnierfavoriten Brasilien mit viel Geschick, aber auch viel Glück – und nicht gänzlich unerwartet, steht im Halbfinale und hat seinen Statement-Sieg gegen eine große Fußballnation. Weiterlesen

Fußball-WM 2018: Achtelfinal-Vorschauer

Es gibt eine Ausscheidungsrunde, gegen die die NFL-Playoffs keine Chance haben. Heute beginnt sie.

Wir haben bei dieser WM zwei Brackets, die jeweils einen WM-Finalisten fabrizieren werden. Wir haben einmal Frankreich/Argentinien, Uruguay/Portugal, Belgien/Japan und Brasilien/Mexiko. Und dann haben wir Spanien/Russland, Kroatien/Dänemark, Schweiz/Schweden und Kolumbien/England.

Sieben Europäer und Kolumbien in der gemeinhin als einfacher angesehenen „unteren“ Hälfte. Und die meisten Favoriten in der „oberen“. Das ist der Grund, weshalb England am Donnerstag so gern die Belgier gewinnen ließ.

Doch wir denken schon zu weit. Lass uns erstmal aufs Achtelfinale schauen. Viermal ist der Favoritenstatus klar. Zweimal ist er murky (beide Male am heutigen Samstag). Und am Dienstag schließen wir mit zwei Münzwürfen ab. Weiterlesen

Ein Streifzug in blau und weiß

Ein Turnierspiel Deutschland vs Italien im Fußball ist das Sportereignis schlechthin für mich. Vielleicht, weil ich in einem Land lebe, das einst als deutschsprachiges Land von Italien annektiert wurde und bis heute dort geblieben ist. Die Blütezeit der Italianisierung mit Verbot deutscher Schulen und deutscher Namen ist zwar seit Generationen passé, ein politischer Kampf ist „Deutsch gegen Italienisch“ aber bis heute geblieben. Trotz vieler Freundschaften ist es noch heute vor allem draußen auf dem Land eher ein Nebeneinander denn ein Miteinander. Weiterlesen

Hope Solo: Der Name ist Programm

Hope Solo - Bild: Wikipedia

Hope Solo – Bild: Wikipedia

Der Artikel über die US-Torfrau Hope Solo ist auch nach vier Jahren mein meistgelesener Blogeintrag bei SPOX.com geblieben. Und weil die US-Frauen heute in das WM-Turnier in Kanada einsteigen (1h30 MESZ, gegen Australien) und das Tor der Vereinigten Staaten immer noch von der Einsamen Hoffnung bewacht wird, poste ich aus gegebenem Anlass den damaligen Artikel auch hier auf dem Sideline-Reporter Blog. Anschließend schauen wir, was Hope Solo so getrieben hat die letzten vier Jahre, denn langweilig wird es mit dieser Frau nie. Weiterlesen

Europas Zöglinge in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Nach den drei europäischen Fußball-Supermächten und der zweiten Garnitur Europas wollen wir die letzten Vertreter unseres Kontinents zur WM 2014 natürlich auch gebührend einführen. Es sind sechs Nationen, die jede für sich nicht die individuelle Klasse besitzt um ernsthaft in ein Titelrennen eingreifen zu können, die aber auf ganz eigene Wege Türen zu einer Überraschung suchen.

England

Die stolzen Engländer gehen mit viel Kleinschiss ins Turnier: Man traut der eigenen Mannschaft so gar nix zu. Dabei wäre vor allem der offensive Part dieser Mannschaft personell gar nicht so schlimm besetzt. Coach Hodgson hat in den letzten zwei Jahren viel daran gearbeitet, eine positivere Spielweise im Vergleich zur doch eher (notgedrungen) destruktiven EURO 2012 einzuführen. Der Pragmatiker Hodgson gilt als Anhänger der offensiv-pressinglastigen Spielsysteme, wie sie heuer Teams wie Liverpool in der Premier League praktizierten.

Man sagt Hodgson nach, ein 4-3-3 spielen zu wollen, mit einem Rooney in der Rolle des offensiven Mittelfeldmanns – man könnte das System durchaus auch als 4-2-3-1 auslegen. Als ausgemacht gilt, dass der famose Sturridge als vorderster Stürmer spielt. Von den Flanken könnten Leute wie die 19jährige Granate Sterling und der andere Überraschungsmann der Saison, Lallana von Southampton, kommen. In der Mittelfeldzentrale ist nur Kapitän Gerrard gesetzt. Sein Nebenmann wird tendenziell eher ein defensiv ausgerichteter Mann sein.

Probleme personeller Natur haben die Engländer in der Abwehr und im Tor: Hier ist man nicht wirklich hochklassig besetzt. Einige der bekanntesten Namen der letzten Jahre (Ferdinand, Terry, Cashley) sind hier aus verschiedenen Gründen (u.a. Team-Chemie) seit Jahren kein Thema mehr. Wenn ein Cahill als Defensiv-Anker herhalten muss, dann vui Spaß. Tormann Hart ist… ein englischer Tormann.

Ich finde den ersten Anzug der englischen Offensive durchaus attraktiv sehenswert. England wird auf alle Fälle proaktiver spielen als von den letzten Turnieren gewohnt. England wird durchaus einige Varianten im Offensivspiel anzubieten haben. England wird mit Jungs wie Sterling, Lallana, Sturridge oder Ricky Lambert auch wieder ein Team stellen, für das man sich erwärmen wird können – das hatte ich seit meiner ersten großen WM 98 nicht mehr. Das Überstehen der Vorrunde ist mit Uruguay und Italien kein Selbstläufer, aber sollten die Engländer das schaffen, kann es dank günstiger Auslosung durchaus auch schnell ins Viertelfinale gehen.

Schweiz

Das eidgenössisch-internationale Ensemble von Ottmar Hitzfeld ist einer dieser Hidden-Champs der WM: Ein Team, das als Gruppenkopf ins Turnier geht und eine gute Gruppe erwischte, eine attraktiv spielende Mannschaft aus einem sehr kleinen Land. Man kann es gar nicht hoch genug einschätzen, wie diese Schweizer in so vielen Sportarten immer wieder mehr als respektable Produkte auf die Beine stellen.

„Gruppenkopf“ mag dieses Team vielleicht leicht überschätzen, aber so viel dann auch wieder nicht: Man absolvierte die Qualifikation souverän und schaffte den Cut weg von der unansehnlichen, harmlosen 2010er-Version, die nach dem Zufallstreffer gegen die Spanier so gar nichts mehr zustande brachte. Hitzfeld dachte wohl in der Folge um, implementierte ein 4-2-3-1 und lässt seither einen wuschigen Mix aus Ballbesitzfußball und Kontertaktik laufen. Man ist sowas wie „Deutschland 2010“ light geworden, mit klar trennbaren Gefilden.

Hinten stehen die Routiniers um Djourou oder Senderos, mit einer erfahrenen, knüppelharten Mittelfeldzentrale um die Napoli-Legionäre Inler, Behrami und Dzemaili im besten Alter vorgeschaltet. Vorne wirbelt die Youngsters: Bayerns Kampfgnom Shaqiri über den rechten Flügel, Stocker über links, Xhaka hinter der Spitze, die in den letzten Spielen fast ausschließlich vom 22jährigen Seferovic aus der spanischen Liga gespielt wurde. Das ist ein Offensiv-Quartett von mehr als internationalem Format.

Shaqiri wird hinter sich vom halsbrecherischen Lichtsteiner abgesichtert. Lichtsteiner ist ein sehr geachteter Juve-Flankenläufer, der zwar technisch nix drauf hat, aber sich mit seiner kompromisslosen Art Respekt verschafft, und so ist diese rechte Seite durchaus eine der großen Stärken. Der linke Flügel fällt im Vergleich etwas ab, aber das ist nicht so schlimm: Man sichert hinten gut ab und läuft nicht Gefahr, zwei, drei Gegentore im Spiel zu kassieren.

Hitzfeld hat leider keine Kadertiefe zu bieten. Mit zwei, drei Backups mehr im Gebälk hätte ich diese Mannschaft sofort in die Reihe mit Holland und Frankreich gestellt, aber nach der Topelf lässt die Qualität schnell nach. Trotzdem: Das Achtelfinale wäre keine überaus große Überraschung, und sollte es sogar als Gruppensieger erreicht werden, würde man wohl den Argentiniern aus dem Weg gehen.

Kroatien

Die Kroaten stellen eine ganz eigene, launige wie launische Mannschaft: Technisch extrem beschlagen, kampfstark, aber dann wieder so lethargisch, dass man sich fragt wie so eine Mannschaft geführt wird. Vor zwei Jahren dachte ich mir nach einem begeisternden Qualisieg über die Serben, Mann, was für ein Team! Ein Jahr später war der Coach jener Mannschaft, Stimac, sang- und klanglos gefeuert: Zu viel Experimentieren, zu wenig Esprit. Der neue Coach ist der früheren Bundesligaspieler Niko Kovac, bisher wenig als Trainer in Erscheinung getreten.

Die Stärke der Kroaten ist eher in der Offensive zu finden: Mittelstürmer Mandzukic ist einer der besten spielenden Stürmer, die du finden wirst, und er kriegt oft Unterstützung durch eine wühlende hängende Spitze, zumeist Olic, oder offensive Außenspieler wie Perisic. Mandzukic kann einer der wertvollsten Angreifer im Weltfußball sein, aber er wird ausgerechnet im größten Spiel der Kroaten fehlen: Im Eröffnungsspiel gegen Brasilien am Donnerstag – eine Rote Karte in der Quali sei „Dank“. Wer sein Ersatz sein wird, darüber kann man aktuell nur spekulieren, wenn es auch eine wahnsinnig gute Geschichte wäre, wenn es Eduardo da Silva würde – jener Brasilianer, der einst von den Kroaten eingebürgert die Hoffnungen einer ganzen Nation trug, bevor er von einem englischen Abwehrtreter fast den Haxen abgeschlagen bekam. Das ist Jahre her, Eduardo ist längst kein europäischer Oberklassestürmer mehr, aber ein Einsatz gegen Brazil wäre eine Top-Geschichte.

Kovac hat vor allem im Mittelfeld ein Luxusproblem: Mit Modric, Rakitic und Kovacic gibt es gleich drei fantastische Zauberzwerge, die du aber nicht wirklich alle zugleich bringen kannst, weil sie dann zusammen zwar dem Gegner Knoten in die Füße dribbeln, aber gegen den Ball schlicht überrannt werden: Dreimal technische Sahne, dreimal so physisch, da ist Monty Burns ein Brecher dagegen. Kovacic spielte sich bei Inter in einen Rausch, nachdem so viele so lange seinen Einsatz gefordert hatten, aber es ist schwer vorstellbar, dass er an den anderen beiden nach ihren Super-Saisons vorbeikommt.

Schwierig vorstellbar, dass Kovac alle drei zugleich bringt, wenn der einzige körperlich robuste Feinmotoriker Krancjar ausfällt – ein echter Sechser ist wahrscheinlicher. Zumal die Abwehr zwar im RV Srna einen international erfahrenen Captain hat, aber in der Innenverteidigung auf den alten Fascho Simunic (Nazi-Sperre) verzichten muss, und so neben Corluka eine klaffende Lücke entstanden ist.

Keine Ahnung. In lichten Momenten sind die Kroaten einer belgischen Mannschaft ebenbürtig. Aber diese kollektiven Aussetzer machen es für mich schwer. Die Physis ist nicht wirklich da. Überraschungen traue ich diesem Team genauso zu wie ein schnelles Vorrundenaus.

Bosnien-Herzegowina

Die Bosniaken kommen! Während in der Heimat alles in den Fluten versinkt, versucht sich das kleine Bosnien – endlich – in einem großen Turnier, das zuletzt so oft so knapp verpasst wurde. Jetzt darf man gespannt sein, was hinten raus springt: Das Team ist durchaus höchst attraktiv, aber oft auch etwas naiv und anfällig für Bolzen, die auch eine österreichische Mannschaft so häufig schießt – allein: Bosnien hat die bessere Offensive. Auf der anderen Seite: Bosnien hat genau null Möglichkeiten, seine Stammelf mit halbwegs gleichwertigen Backups zu ergänzen.

Mit den Bosniern zerbrach mir anno Neun das Herz, als sie Portugal in den WM-Playoffs abschossen, aber statt ins Netz nur die Pfosten tragen. Dann, zwei Jahre später, wieder das knappe Quali-Aus, trotz einiger fantastischer Spiele wie einer Partie, in der man Frankreich in Saint-Denis eine halbe Stunde lang komplett an die Wand spielte. Jetzt endlich ist man dabei. Und hofft, wenigstens eine gute Figur abzugeben.

Der Coach ist der international wenig bekannte Safet Susic, der das kleine Team in ungekannte Höhen führte. Susic ist ein Verteter davon, die besten Jungs aufzustellen und zu hoffen, dass sie irgendwie ein rundes Gesamtbild abgeben. Er muss um einen instabilen Defensivverbund herumbasteln, der extrem anfällig gegen schnelle Gegenstöße und für eigene leichte Ballverluste ist. Er installierte zuletzt sogar den Schalker Kolasinac um die Zentrale zu stärken, und Kolasinac avancierte mit seiner Laufbereitschaft zu einem kleinen Nationalhelden.

Vorne wirbeln die Big-Three: Misimovic hinter den Spitzen, und ganz vorne Dzeko und Ibisevic. Ibisevic wird gerne nominell als Flankenspieler auf rechts aufgestellt, trabt dann aber gerne dem Dzeko auf die Füße. Richtiger Flankenläufer ist in Bosniens Elf sowieso ein anderer: Lulic, der rechte Mittelfeldmann, ein Arbeiter mit einem fassungslosen Laufpensum, der sich bei mir längst ins Herz gerannt hat.

Bei den Bosniern sind oft drei Aggregatzustände erkennbar: Wenn es läuft, presst diese Mannschaft minutenlang und kann wahnsinnig schnell nach Balleroberung umschalten. Dann aber werden immer wieder saudumme Ballverluste eingestreut, die die zu langsame Abwehr nicht auffangen kann, und es wird gefährlich. Und dann gibt es die Tage, an denen nix geht: Da fällt die Mannschaft auseinander, und wenn dann Dzeko nach einer dreiviertel Stunde es aufgegeben hat, sich als Quasi-Sechser seine Bälle selbst nach vorne zu tragen, kannst du den Fernseher getrost den Gully runterspülen. Dann ist der Tag meistens gelaufen.

Griechenland

Das Team, das nix kann, außer sich immer wieder zu qualifizieren und sogar ins EM-Viertelfinale einzumarschieren, ohne dass irgendwer weiß, wie sie das zustande kriegen. Die Griechen beendeten die Regular Season der Quali mit 10:4 Toren aus zehn Spielen, ehe sie die günstige Playoff-Auslosung nutzten um sich gegen die Rumänen mal wieder für ein großes Turnier einzuschreiben.

Griechenland stellt mit dem portugiesischen Coach Santos kein wirklich homogenes Team, was die in-Game Taktik angeht (die Abwehr rückt allein für Ecken auf und ist für Spielaufbau nicht zu gebrauchen), aber immerhin definiert man sich über einen 23 Mann starken Kader, der kämpft. Es ist nicht schön, es ist nicht besonders technisch, manchmal muss man zwischendurch zum Kotzen aufs Klo, aber letztlich hat es dann doch wieder etwas, wie diese schwierig zu bezwingenden Griechen unverdiente Siege gegen spielerisch bessere Mannschaften herauswürgen.

Bei der WM hat man mit Kolumbien, Japan und der Elfenbeinküste eine Gruppe Marke „Losglück“ erwischt, weil keine zwei wirklich überlegenen Topteams dabei sind, aber die Staffel ist trotzdem gefährlich: Wenigstens zwei der Gegner sind spielstark und dürften einem eindimensionalen Griechenland doch überlegen sein.

Russland

Beenden wir den Eurotrip mit dem Gastgeber der nächsten WM, Russland. Wo die Russen vor sechs Jahren in den Alpen für offene Mäuler gesorgt haben, kommt die Unit 2014 unter Fabio Capello wie ein matter Abglanz großer alter Tage daher. Capello hat zwar den ganz schlimmen Alterungsprozess verhindert und die satten Oldies um Arshavin oder Palyuchenko zuhause gelassen, aber er baut im gleichen Zug auch wieder auf einen Haufen an Produkten aus der eigenen, lahmen russischen Liga: Alle 23 Stück spielen zuhause.

Zugegeben, ich kenne kaum noch einen Spieler in diesem Team. Torwart Akinfeev ist nun seit zirka zwei Jahrzehnten eine Konstante, und Mittelstürmer Kerzhakov stürmte früher mal als sehr geachteter Mann in der spanischen Liga, soll aber eine furchtbare Rückrunde gespielt haben und seinen Stammplatz bei Capello verloren haben. Er dürfte in Brasilien erstmal durch Kokorin ersetzt werden.

Man liest immer wieder, dass die Russen an guten Tagen immer noch gutes Offensiv-Pressing spielen können, aber dass sie dann, nach dem Ballgewinn, nicht so recht wissen, was sie damit anstellen sollen. Gegen gut stehende Abwehrreihen sollen die Russen ziemlich mies aussehen, und sich nach nicht einmal einer halben Stunde meist reglos aufgeben. Diese Lethargie wenn es mal nicht läuft ist so ein typisch russisches Faszinosum, das mich auch im Hockey häufig verwirrt.

Die Gruppe ist mit Belgien, Südkorea und Algerien nominell machbar, aber gefährlich. Belgien ist auf alle Fälle zu favorisieren. Südkorea als laufintensives Team kann den oft so faulen Russen durchaus Probleme machen. Algerien mit seiner eher abwartenden Spielweise? Hatten die Russen nicht Probleme, das Spiel zu gestalten?

Spanien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Das dominante Team der letzten Jahre, und trotzdem kriegt Spanien im Vorfeld dieser WM nicht mehr den ganz großen Favoritenstatus zugespielt: Woran liegt’s? Die Annahme, ein Team kann einfach nicht immer gewinnen, ist eine irrationale. Viel greifbarer sind die Dinge wie langsame Alterung, der zuletzt eher zähe Titel-Run 2012, und, viel mehr noch, die konditionelle Verfassung in schwül-heißen Gefilden und Spielweise der Seleccion.

Spanien hat sich in den letzten Jahren als extremst wandelbar gezeigt und von 4-3-3 über 4-2-3-1 über 4-5-1-0 so ziemlich alle großen Trends im Weltfußball vor- und mitgemacht, aber im Confed-Cup vor einem Jahr fiel auf, dass diese Offensivpressing-Maschine in klimatisch extremen Bedingungen (wie eben in Brasilien) nicht über mehrere Wochen durchhält. Es mag an mangelnder Ernsthaftigkeit gelegen haben oder woran auch immer, aber Spanien war spätestens im Halbfinale schwer angeschlagen, und war im Endspiel komplett shot, läuferisch drei Meter unter der Erde.

Diese Ballbesitzorientierung, dieses ständige Verlangen, Pressing zu spielen und somit dem Gegner den Ball abzujagen, kostet Kraft – ähnlich viel Kraft wie das Wetter in Brasilien. Das ist ein greifbarer Grund, weswegen Spanien diesmal vielleicht Probleme kriegen könnte.

Wie man die Spanier in Nöte bringen kann, haben in den letzten Jahren Mannschaften wie Portugal (EM-Halbfinale 2012) oder Italien und Brasilien (Confed-Cup 2013) eindrucksvoll gezeigt: Eigenes Gegenpressing oder einfach nur gezielte Phasen mit Pressing. Das schmeckt der spanischen Mannschaft nicht, aber es sind eben nur wenige Mannschaften in der Lage, hohes Pressing gegen die rote Furie zu spielen – und die, die es könnten, trauten sich zu selten.

Mögliche Aufstellung der Spanier mit Sturmspitze Diego Costa

Mögliche Aufstellung der Spanier mit Sturmspitze Diego Costa

Spanien hat diesmal potenziell einige Sollbruchstellen. Die rechte Abwehrflanke ist mit Juanfran eher notdürftig besetzt, und im Tor dankt #1 Casillas immer noch einem Kopfball in der 93. Minute CL-Finale, dass er nicht zum Trottel der Nation erklärt wurde. Casillas wird mehr deswegen spielen, weil er als Kapitän Hausmacht und wichtig für Stimmung und Zusammenhalt im Team ist.

Die entscheidenden Stellen im spanischen Spiel sind aber ohnehin in Mittelfeld und Angriff zu finden, denn dort steht und fällt die spanische Spielweise, und dort liegt auch primär das Geheimnis, dass diese Mannschaft so wenige Gegentreffer bekommt: Sie gibt einfach zu selten den Ball her, und wenn sie es doch tut, luchst sie ihn sich schnell wieder zurück.

Es gilt als relativ sicher, dass Head Coach Del Bosque wieder versuchen wird, mit #16 Busquets und #14 Xabi Alonso (oder #4 Martinez) das zentrale Mittelfeldpärchen zu bilden. Es gilt auch als sicher, dass die Legende #8 Xavi noch einmal die zentrale Anlaufstelle für die Offensive sein wird, aber man darf durchaus fragen, in welcher Verfassung Xavi antreten wird: Der wichtigste Mann des spanischen Erfolgswunders ist mit mittlerweile 33 Lenze nicht mehr ganz der schnellste und war in manchen Spielen fast schon – Achtung, Gotteslästerung – ein Bremsklotz.

Knackpunkt wird auch sein, wer ganz vorne spielt: Die berühmte „Falsche Neun“ in #10 Fabregas oder der echte Mittelstürmer #19 Diego Costa. Costa kommt aus einer sensationellen Saison, ist aber trotz Pferdeblut wohl noch nicht ganz fit, und er ist vom Verein ein direkteres Spiel gewohnt, als es sich die kurzpassverliebte spanische Elf auf die Fahne geschrieben hat. Beweismaterial von Costas Integration in dieser Mannschaft gibt es nicht viel – gegen Italien im März funktionierte das aber eher dürftig. Mit einem Costa wird Spanien wohl fast sicher direkter spielen als mit jeder anderen Sturmlösung.

Das Spiel mit einem Fabregas als der berühmten Falschen Neun funktionierte in der Vergangenheit immerhin zufriedenstellend, aber Fabregas hat keine gute Saison gespielt. #7 Villa und #9 Torres dürften zu Notfalloptionen verkommen sein; bei einem Torres ist der sportliche Abstieg seit minimum vier Jahren offensichtlich, und bei Villa war nicht zuletzt im CL-Finale erkennbar, dass auch er längst nur noch ein Schatten alter Tage ist.

Als verkappte Flügel hinter dem Stürmer werden wohl zwei aus dem goldenen Trio #6 Iniesta, #21 Silva und #17 Pedro agieren. Iniesta ist dabei logisch der Star, aber unterschätze einen Pedro nicht: Pedro wurde heuer bei Barca oft geopfert, weil man dort den 80-Mio. Mann Neymar auflaufen lassen musste, aber ehrlicherweise funktionierte Barca mit Pedro stets besser. Und Pedro ist rein zufällig der Mann, der in der Nationalelf häufig den Job als Goalgetter übernahm: Letzte 21 Partien – 12 Tore für Pedro.

Beeindruckend an diesem Team ist weiterhin ihre Flexibilität und die sensationelle Kadertiefe, die auf Auswahlebene am ehesten mit jener der heutzutage besten Vereinsmannschaften mithalten kann. Ich erwarte aber aufgrund der ausgeführten Zweifel, dass diesmal früher oder später jemand den Erfolgslauf der Furia Roja stoppen wird.

WM-Caipirinha 2014: Die Rahmenbedingungen

Anpfiff für die Fußball-WM 2014 in Brasilien ist erst am nächsten Donnerstag, 12. Juni, aber das soll uns nicht von einer ausgedehnteren Vorschau auf das beste Sportturnier der Welt abhalten. Den sozialpolitischen Hintergrund mit der befürchteten Protestwelle kann ich dabei nur am Rand tangieren, dafür gibt es bessere, kompetentere Anlaufstellen. Lass uns diese Rahmenbedingungen zum Start einer Preview nicht ganz vergessen. Also, schon einmal aus Eigeninteresse zur Info-Clusterung, eine Caipirinha an WM-Zutaten vor dem eigentlichen sportlichen Start.

Die Stimmung auf den Straßen

Die ersten Massendemonstrationen sind bereits im Gange und es werden wohl mehr im Verlauf des Turniers erwartet. Wird FIFA-Boss Blatter bessere Antworten finden als letztes Jahr beim Confed-Cup? (Kann er überhaupt schlechtere finden?) Wie wird die Polizei reagieren? Es gibt Bürgergruppierungen, die unter dem Schutz des Demonstrationsrechts stehen, und sie werden von der Polizei nicht überhart angegangen werden dürfen.

Was passiert aber mit den Trittbrettfahrern, den autonomen Randalierern, die nur die Plattform „Weltmeisterschaft“ nutzen? Wie wahrscheinlich ist es, dass solche Proteste eskalieren? Wie geht die FIFA damit um, dass möglicherweise ihr Vorzeigeprodukt befleckt wird? Es wäre nun auch nicht so, dass sich die einheimischen Fußballer in Brasilien unberührt von den Protestwellen gezeigt hätten, nein: Sie unterstützen großteils die Bürgerbewegungen. Sie erkennen die Sinnhaftigkeit der Proteste.

Die Infrastruktur

WM-Stadion Sao Paolo - Bild: Wikipedia

WM-Stadion Sao Paolo – Bild: Wikipedia

Thema Stadien: Wie sicher werden sie sein? Wie sicher wird die Umgebung der Stadien sein? Ein Kollege war letztes Jahr in Sao Paolo und er berichtete, dass man sich in Touristengebieten in Brasilien aufgrund massivem Polizeiaufkommen tendenziell sehr sicher fühlen kann. „Fertig“ sind die Stadien eh nicht alle, namentlich zu nennen sei da das Stadion des Eröffnungsspiels in Sao Paolo, das noch nie in voller Auslastung getestet wurde.

Das neue Maracana-Stadion

Das neue Maracana-Stadion

Die Stadien selbst sind architektonisch alle recht hübsche Dinger, auch das sanierte Maracana-Stadion sieht wie ein klassisches, neuartiges Fußball-Stadion aus, aber es bleibt da immer ein schaler Beigeschmack, wenn in solchen Schwellenländern öffentlich mitfinanzierte Kathedralen in der Wüste hingeknallt werden, teuer und ohne weitere Verwendung. Die ersten Hardcore-Fangruppierungen beklagen auch schon den Verlust der Seele der alten brasilianischen Stadien. Ein Maracana-Stadion, viele Jahrzehnte gefeiert dafür, für Arm und Reich gleichermaßen zugänglich zu sein, wird künftig breiten Bevölkerungsschichten verschlossen bleiben: Zu sehr mussten die Eintrittspreise erhöht werden um dem Anspruch des Neuen gerecht zu werden.

In Sachen Infrastruktur sind die Stadien, so überdimensioniert und teuer sie auch sein mögen, aber nicht der wichtigste Punkt. Wichtiger sind Flughäfen, Autobahnnetze und Busverkehr. In vier Städten sollen notwendige Erweiterungen der Flughäfen nicht abgeschlossen sein; in Fortalezas zum Beispiel kann ein ganzer neuer geplanter Terminal nicht zur WM geöffnet werden. Erwartet werden rund eine halbe Million ausländischer Touristen. Wie bewegen sich also die Fans durchs Land? Provisorische Lösungen werden gefunden werden, aber wenn ich lese, dass letzte Woche in Sao Paolo mit 344km Stau schon wieder ein neuer Rekord aufgestellt wurde, wird einem ganz anders.

Achte auf das Zebra

Auf der anderen Seite soll die Vorfreude auf das Fußballturnier selbst im Land schon gewaltig sein. Die Selecao gilt ja mittlerweile als größter Titelfavorit, und mit der starken Leistung letztes Jahr im Confed-Cup ist die Freudenstimmung dann auch im positiven Sinn explodiert.

Explodiert impliziert aber immer noch auch explosiv, heißt: Die Brasilianer dürfen nicht zu früh rausfliegen. Die Welt zu Gast in diesen sündhaft teuren Tempeln, und Neymar liegt schon seit dem Achtelfinale auf den Malediven? Es braucht nicht viel Phantasie, dass es dazu nicht kommen darf. Generell gilt die FIFA als Verein, der kein Interesse an einer WM ohne Veranstalter hat. Die Spielplan-Auslosung lief wie sie gelaufen ist (Brasilien könnte schon im Achtelfinale auf Spanien oder Holland treffen), aber gerade deswegen gilt es, ein Auge auf Schiedsrichteransetzungen und -leistungen zu werfen.

Als jemand, der in Italien lebt, habe ich nur zu gut in Erinnerung, wie vor 12 Jahren ein Gastgeber Südkorea ins Halbfinale durchgepfiffen wurde, und an den Aufschrei danach. Natürlich werden Schiedsrichter allein keinen Weltmeister machen, aber würdest du dagegen wetten, dass nicht im stillen Hinterkämmerlein ein Plan B für alle Notfälle bereit liegt? Kleinigkeiten können den Ausschlag geben, wieso also nicht eine überflüssige gelbe Karte für einen potenziellen nächsten Gegner? Ins Bild passt da auch die merkwürdige Konstellation, dass am dritten Gruppenspieltag wider der alphabetischen Logik die Gruppe B (also die Spanien-Gruppe) vor der Gruppe A (der Brasilien-Gruppe) die Endstände ausgespielt haben wird.

Die Schiedsrichter werden noch aus einem anderen Grund zu beobachten sein: Es gerüchtelt, dass die FIFA massive Anstrengungen unternimmt um die signalisierten Wettmanipulationen vor allem gegen Ende der Gruppenphase soweit es geht zu unterbinden. Es werden Topexperten ins Land geschickt um die Performances in den Stadien im Auge zu halten, aber man behalte immer im Hinterkopf, dass der „andere“ Teil des Wettgeschäfts, der Wettmarkt selbst, vor allem in Asien noch immer quasi nicht überwacht ist.

Der Fluch und das Klima

Europäer haben auf amerikanischem Boden noch keine Weltmeisterschaft gewonnen. Jeder, der sich entfernt für Fußball interessiert, wird schon davon gehört haben. Dass dabei mexikanische Moctezumas oder peruanische Atahualpas ihre Hände im Spiel haben, kann man getrost bezweifeln: Gerade als ein Blog, das großteils auf Statistik baut, muss man darauf hinweisen, dass der angebliche Fluch auf ganzen sieben Turnieren gründet – eine nicht ernst zu nehmende Testmenge.

Real sind aber die zu erwartenden extremen klimatischen Bedingungen. Rio, Belo Horizonte oder Sao Paolo sind verhältnismäßig gemäßigte Klimazonen für diese Jahreszeit (in Brasilien ist aktuell schließlich Spätherbst), aber selbst dort werden auch abends Temperaturen um die 25°C mit massiver Luftfeuchtigkeit erwartet.

Richtig schlimm dürfte es vor allem im Amazonas-Gebiet und im Nordosten des Landes werden, wo es über 30°C haben kann, plus 80% Luftfeuchtigkeit. Jeder, der öfter in solchen Bedingungen spielen musste, weiß wie heftig es werden kann, wenn dir der Schweiß am Körper nicht mehr verdunstet, und wenn du dann auch keinen Windstrom spürst, hilft im Prinzip nur noch das Eine: Trinke über den Durst, auch wenn das Durstgefühl schon lange Stopp schreit.

Letztes Jahr im Confed-Cup merkte man manchen Mannschaften mit zunehmendem Turnierverlauf schon recht deutlich an, wie ihnen der Sprit ausging – und da hast du zwei, drei Runden weniger zu absolvieren. Eine spanische Mannschaft konnte als Beispiel ein ganzes Spiel gegen Tahiti mit der Ersatzmannschaft bestreiten, und dennoch war die A-Elf im Endspiel ein saftloser Haufen, müde und abgehalftert. Teams, die hohes Pressing mit viel Laufbereitschaft spielen wollen, werden es schwer haben in diesem Turnier. Dummerweise gehört Deutschland zumindest in der Theorie zu ihnen, und dummerweise spielt Deutschland in der Praxis zumindest in der Gruppenphase in den klimatisch extremsten Zonen.

Viele erwarten, dass die Südamerikaner durch das Klima einen entscheidenden Vorteil haben werden, aber so sicher bin ich mir nicht. Klar ist, dass die Spieler dort aufgewachsen sind, aber viele von ihnen spielen seit Jahren in Europa, und auch sie werden sich alle wieder umstellen müssen. Ich erwarte eher, dass sich von der Spielanlage eher passive Teams etwas leichter tun werden, sollten sie die erste Runde überstehen. Auf alle Fälle wird die Kondition entscheidend. Es wird nicht passieren, dass ein aufopferungsvoll kämpfendes Team vom Schlage eines Atletico Madrid hier durchmarschiert.