Hard Count Podcast, Ausgabe 3: Glücksspielfantastien

Flo Zielbauer und Benni Köpfle haben die dritte Ausgabe des Hardcount-Podcasts herausgegeben: HCP #3 – Jede Menge Glücksspiel. Themen sind in dieser Ausgabe unter anderem Gronkowski, das versehentlich öffentlich gewordene Draft-Board der Dallas Cowboys, Steve Smiths Rücktritt und die London-Träumereien der NFL. Kern-Thema ist diesmal Fantasy Football, jenes Thema, auf das auch ich immer wieder via eMail angesprochen werde und abweisend antworte.

Ein wichtiger Punkt, den Flo dabei anspricht, ist die Haltung der NFL zum Thema Glücksspiel, die bei Fantasy-Football und Sportwetten zwei Aggregatzustände kennt. Eine zweite wesentliche Meinung: „Du guckst nicht mehr Miami Dolphins, sondern du guckst Mike Wallace“ und Highlights werden wichtiger als das Spiel. Ich bin zwar überzeugt, dass die Hardcore-Fanszene, die sich für Football und Taktiken interessiert, mit Social Media und Web 2.0 eher wächst als schrumpft, aber der andere Punkt ist einer, den ich voll unterschreiben würde: Fantasy-Football verblendet den Blick aufs Wesentliche: Das Spiel. Spieler X wird daran gemessen, was er für das eigene Fantasy-Football Team leistet oder nicht leistet. Spieler X schafft sensationelle 52% Erfolgsquote? Aber er bringt nur 5 Fantasy-Punkte! Also ist er ein Idiot!

Genau zu diesem Thema hat einst Chuck Klostermann, einer der fünf besten Sportschreiber auf diesem Planeten und Fantasy-Spieler der ersten Stunde, einen herausragenden Blogeintrag bei Grantland geschrieben: The Chris Johnson Problem – Fantasy Football is destroying our perceptions of NFL athletes. Dieser Artikel ist genauso lesepflichtig, wie man sich die Hardcount-Diskussion zum Fantasy-Football anhören sollte.

„Jede Menge Können… Und ein bisschen Glück.“

Prolog: Es gibt, wie ich jüngst geschrieben hatte, mittlerweile mehrere lesenswerte deutsche Football-Blogs bei WordPress. Eines davon ist das neue Hardcount-Blog von Flo Zielbauer und Benni Köpfle, wo ich den Lesern rate, mal vorbeizuschauen. Die beiden scheinen vor allem auf Regelkunde und Spielzuganalyse fokussiert. Flo Zielbauer hat heute eine Kostprobe für Sideline Reporter geschrieben.


Monday Night Football in Pittsburgh, PA. Die erste Hälfte neigt sich dem Ende, die Anzeige auf Jon Grudens „This guy“-Zähler nähert sich mit bedenklicher Geschwindigkeit der Dreistelligkeit. Es gießt seit Stunden wie aus Eimern und die Gastgeber liegen 10:3 gegen Kansas City zurück. Moment mal. Gegen die Chiefs? Oh ja, Gegen die Kansas City Chiefs.

Die Steelers sehen sich mit einem 1st & Goal von der Sieben-Yard-Linie konfrontiert. Sie entscheiden sich hier für schweres Personal, Mike Wallace ist der einzige Receiver auf dem Feld und zur Rechten der Formation als Split-End aufgestellt. Die Steelers geben den Chiefs mit ihren Extra-Linemen und der engen Formation einen Run-Look, den die Chiefs auch mit neun Mann in der Box entsprechend respektieren.

line of Scrimmage

@NFL-Gamepass

Der Playcall der Steelers ist trotz des hefitgen Run-Looks ein Passspielzug mit maximaler Protection. Acht Mann kümmern sich ausschließlich um den Schutz von Quarterback Ben Roethlisberger, Tight End Heath Miller und der schon angesprochene Wallace sind die einzigen eingeplanten Anspielstationen. Die Routen sind eine Crossing Route für Miller und ein Double Move für Wallace, der in der allgemeinen Terminologie Post-Corner genannt wird (Route beginnt in Richtung Goalpost, aber es gibt einen zweiten Richtungswechsel richtung Ecke der Endzone). Das Play ist recht simpel und schnell zu lesen, Roethlisberger hat drei Optionen:

  1. Blitzen die Linebacker bestraft er sie mit einem schnellen Wurf zu Miller auf der Shallow-Cross-Route.
  2. Ist dies nicht der Fall, wendet er sich zu Wallace, simuliert einen Wurf auf der Post-Route („Pump Fake“), hofft dass sein Verteidiger sich davon verwirren lässt und wirft zu Wallace in die Ecke der Endzone.
  3. Sollten die Linebacker nicht blitzen und der Cornerback nicht auf den Fake anbeissen, muss Ben den Ball ins Aus werfen, den Spielzug abhaken und zum nächsten übergehen.

Soweit zur Theorie. Wie ist es aber nun in der Praxis abgelaufen? Hier die Situation direkt nach dem Snap:

Snap

@NFL-Gamepass

Ein Blick aus dem Augenwinkel reicht Ben, um zu sehen dass Option 1 gestorben ist, Miller wird links von Corner und Outside Linebacker in die Zange genommen und in der Mitte warten noch zwei Inside Linebacker, die nicht blitzen. In der Mitte schielt Safety Eric Berry ins Backfield auf Running Back Jonathan Dwyer, was Mike Wallace outside ein 1 on 1 gegen Cornerback Brandon Flowers verschafft. Ein Wort zu Flowers: Verdammtnochmalgutundzwarsorichtigwennnichtsogareinerderbestenderliga! Das 1 on 1 auf der rechten Seite ist der optimale Look für den Double Move und so führt Big Ben den Pump Fake aus.

drop-back

@NFL-Gamepass

Brandon Flowers (roter Kreis) hat schon ein paar Double Moves gesehen in seinem Passverteidiger-Leben. Dieser spezielle schafft es sehr zum Unbehagen der Steelers nicht ihn aus der Fassung zu bringen. Er klebt an Wallace wie eine Schmeissfliege an einer Windscheibe und scheint den Pittsburghern den Spielzug mit seiner Aufmerksamkeit versaut zu haben.

Dann kommt dieser Moment. Roethlisberger ist nicht bereit, das Play aufzugeben und er weiss um Wallaces Speed. Und so entscheidet er sich für eine Mischlösung aus Option 2 und 3. Er wirft den Ball eigentlich weg. Er wirft ihn aber an einen Ort an den Wallace mit übermenschlichem Einsatz eventuell erreichen könnte. Und genau von so etwas wurden wir Zeuge Montag Nacht. Der Screenshot unten zeigt das Geschehen kurz nachdem Ben den Ball loslässt. Die rot gestrichelte Linie zeigt die Flugkurve des Balls. Bei genauem Hinsehen erkennt man sogar, dass Wallace zu diesem Zeitpunkt sogar noch hinter Flowers zurücklag auf dem Weg zum Ball.

roethlisberger pass

@NFL-Gamepass

The rest is history – Wallace macht einen un-glaub-lich-en Starting-With-One-Hand-and-ending-between-the-legs-Catch, der den Steelers den Ausgleich kurz vor der Hälfte bringt, und Brandon Flowers bleibt nichts anderes übrig, als ungläubig den Kopf zu schütteln. Der Wurf von Roethlisberger war allererste Sahne und klappt in dieser Form vielleicht in einem von zwanzig Versuchen. Aber was will man machen, wenn sich zu jeder Menge Können auch noch eine gewisse Portion Glück gesellt? – Einfach zuschauen und staunen, Brandon Flowers.

@SBNation.com


As just written, nochmal: Hardcount.wordpress.com.