Hope Solo: Der Name ist Programm

Hope Solo - Bild: Wikipedia

Hope Solo – Bild: Wikipedia

Der Artikel über die US-Torfrau Hope Solo ist auch nach vier Jahren mein meistgelesener Blogeintrag bei SPOX.com geblieben. Und weil die US-Frauen heute in das WM-Turnier in Kanada einsteigen (1h30 MESZ, gegen Australien) und das Tor der Vereinigten Staaten immer noch von der Einsamen Hoffnung bewacht wird, poste ich aus gegebenem Anlass den damaligen Artikel auch hier auf dem Sideline-Reporter Blog. Anschließend schauen wir, was Hope Solo so getrieben hat die letzten vier Jahre, denn langweilig wird es mit dieser Frau nie. Weiterlesen

Zukunft gegen Vergangenheit – um die Gegenwart

In Sachen „Frauen-Fußball-WM 2011“ habe ich mich ein klein bisschen in zwei Mannschaften verliebt. As it turns out, spielen diese beiden heute Abend um den Finaleinzug. Willkommen, Frankreich gegen die USA, das Aufeinandertreffen von völlig unterschiedlichen Spielkulturen – und beide haben in den Viertelfinals auf ihre Weise begeistert.

Les Bleues

Der französische Trainer Bruno Bini hat dieser Mannschaft eine Handschrift verpasst: Der Ball wird am Boden gehalten, es wird kombiniert, am liebsten über die rechte Seite und in einstudierten Spielzügen, und die Antizipation der Französinnen ist im Frauenfußball ungesehen.

Dass man am Samstag 120 Minuten inklusive Elfmeterschießen gegen England zum Weiterkommen benötigte, ist bedingt durch die große Schwäche dieser Mannschaft: Der Kreativität sind zweieinhalb Drittel des Spielfelds keine Grenzen gesetzt, aber am Strafraum erlebt diese Mannschaft das Phänomen hit the wall. Da man sich beständig dem Mittel „Fernschüsse“ verweigert und die abschlussstarke Strafraumstürmerin abgeht, resultiert aus drückender Dominanz zu wenig Zählbares.

Der französische Stil hat einen ganz eigenen Charm: Wo sich eine deutsche Mannschaft mit halbhohen Flanken aus dem Halbfeld nach vorne stümpert, kombinieren die Bleues über die technisch beschlagenen #14 Louisa Necib und #10 Camille Abilý nach Belieben und haben mit #12 Elodie „Henry“ Thomis sogar eine wuselige Allrounderin im Petto, die im Falle von aufkommender Trägheit einen Tempo-Wechsel einbringen kann.

Allein: Die Angriffszentrale mit #9 Eugenie Le Sommer und #18 Marie-Laure Delié verbreitet zu wenig Schrecken. So bilden Standards die gefährlichste Waffe, insbesondere die Eckbälle mit der wunderbaren Flugkurve der uralten Spielführerin #6 Sandrine Soubeyrand (wird in Kürze 38).

Die Defensive hat sich im Laufe des Turniers ordentlich gesteigert und wird im Halbfinale wieder auf Torfrau #16 Berange Sapowicz (Frankreich und Torhüter mit #16 – do you remember something?) zurückgreifen können. Wichtig, da die Ersatzfrau nicht den allersichersten Eindruck hinterließ.

USWNT

Kommen die Französinnen filigran und phasenweise mit einem Hauch Phlegma daher, bieten die US-Girls das genaue Gegenteil: Hier wird ästehtisch fragwürdiger, aber physisch dominanter Fußball gespielt, Bälle auf Hüfthöhe nach vorne transportiert und im Sturm hauptsächlich mit Flanken auf die Verkörperung des amerikanischen Spiels – Mittelstürmerin #20 Abby Wambach – Rabatz gemacht. Wambach zeichnete gegen Brasilien neben Zug zum Tor auch Drang zum Ambodenliegen aus.

Anders als die entscheidungsschwachen Bleues schießen die Amerikanerinnen aus allen Lagen – angesichts der spielerischen Limitiertheit ein gutes Mittel. Punkten können die USA vor allem mit der Fähigkeit, verschiedenste Intensitäten mitzugehen, und wenn nötig bis zur allerletzten Minute den Kampf anzunehmen.

Dabei sind die Mängel im Spielaufbau schon seit der Testspielphase gravierend und immer noch nicht abgestellt. Die Viererkette steht recht sicher – mit Abstrichen LV #6 Amy LePeilbet – aber es ist frappierend, wie ungeschickt der Ball nach vorne bewegt wird. Es mag auch an der wenig souveränen Mittelfeldzentrale mit #7 Shannon Boxx und #10 Carli Lloyd liegen, denen weiterhin die notwendige Übersicht und Ausstrahlung abgeht.

Stärke der Offensive ist im Normalfall das offensive Trio hinter Wambach: Links #12 Lauren Cheney, rechts #9 Heather O’Reilly, und als Freigeist #8 Amy Rodriguez. „Im Normalfall“, denn gegen Brasilien funktionierte genau diese Linie überhaupt nicht, und am Ende musste eine Sensationsflanke aus dem Nichts von Einwechselspielerin #15 Megan Rapinoe in Kombination mit einem Fliegenfängeraugenblick der brasilianischen Torfrau für das Weiterkommen herhalten.

Ausblick

Hat ein bissl was von Zukunft des Frauenfußballs (Frankreich) gegen Vergangenheit des Frauenfußballs (USA). Ich bin überzeugt, dass sich die französische Spielidee auf Dauer durchsetzen wird, ich bin bloß nicht überzeugt, dass dies jetzt schon der Fall sein wird.

Die USA wirken im Zweifelsfall zielstrebiger und können mit der Gewissheit, keine Gelbsperren einzufahren, auch körperlich robuster zur Sache gehen, was den Französinnen nicht behagt. Und falls alle Stricke reißen, steht mit Hope Solo die Frau mit dem feurigen Blick einer stolzen Wildkatze im Tor – die  Hope Solo, die auch nach dem Kapitel „Brasilien“ weiterhin auf Mission ist.

Upcoming: US-WM-Auftakt 2011

In zwei Stunden startet die US-Frauenfußballmannschaft in das WM-Turnier 2011. Ich habe mich in den letzten Wochen ein bisschen mit der Elf von Pia Sundhage befasst und eine vorläufige Erklärung gefunden, warum diese Mannschaft im vergangenen Herbst solche Probleme hatte, sich zu qualifizieren (als #3 der CONCACAF in die Relegation, wo Italien recht wenig überzeugend ausgeschaltet wurde):

Die US-Mannschaft hat in den beiden Testspielen gegen Japan im Mai und im Freundschaftsspiel gegen Mexiko arge Probleme im Spielaufbau offenbart und ich bin mir nicht sicher, ob die Zentrale mit #7 Boxx und #10 Lloyd optimal besetzt ist. Einen Blick auf den Kader habe ich vor ein paar Tagen geworfen.

Wenn die USA ins Turnier starten, ist auch der Tag, an dem Hope Solo ins Turnier startet. Ich nehme mir die Frechheit, auf einen selbstgefertigten Artikel über den Impact der Hope Solo zu verweisen, den ich bei Spox reingestellt habe. Wenn die Frau nach einer längeren Verletzungspause in den letzten Wochen genügend Trainingsrückstand aufgeholt hat, traue ich den USA auch mit ihren limitierten spielerischen Qualitäten durchaus Geheimfavoriten-Status zu.

Frauen-WM 2011, US-Lucky 21

Disclaimer: Dieser Text ist vor ein paar Tagen bereits bei Spox.com erschienen. Für Sideline Reporter gibt es die Extended Version, ergänzt um ein paar klitzekleine Details.

Die Frauen-Fußballweltmeisterschaft ist nicht mehr allzu weit entfernt (Eröffnungsspiel 26. Juni 2011), deswegen mal ein schaler Blick auf ein paar der höher eingeschätzten Nationalmannschaften. Als erste dran: Die US-Mannschaft, im Slang fürchterlich mit „USWNT“ (United States Women’s National Team) bezeichnet, die eine verdammt knifflige Vorrunde zugelost bekommen haben (Schweden, Nordkorea).

Es ist ein recht frischer Kader, den die schwedische US-Trainerin Pia Sundhage gebastelt hat. Zwölf der 21 sind WM-Neulinge, aber betrachtend, dass die durchschnittliche Spielerin 73 Länderspiele (!) auf dem Buckel hat, keine unerfahrene Mannschaft. Trotzdem steckt die USWNT gefühlt noch im Umbruch und der Vorwahl einiger Leistungsträgerinnen ist auch schon länger nicht mehr die „2“.

Torfrauen

Die #1 im Kasten wird Hope Solo sein, eine charakterlich nicht unumstrittene Frau. Zwischen „Zicke“ und „Siegertyp“ gehen bei Solo die Meinungen weit auseinander. Fakt ist: Solo wird dir deine Meinung sagen, auch wenn du sie nicht fragst. So geschehen bei der WM 2007, als der US-Coach die Stammkeeperin Solo vor dem Halbfinale plötzlich absgesägt hatte. Die Ersatzfrau Scurry hielt grottenschlecht, die USA verloren 0:4 und Solo beförderte sich mit anschließender beißender Kritik vorerst ins Abseits. Sportlich für mich die zuverlässigste Torfrau und ihre rechtzeitige Genesung sollte für diese Mannschaft essenziell sein.

Verteidigung

Ich habe ehrlich noch keine Ahnung, wie die Viererkette aussehen wird. Zu wenige Spielerinnen mit einer klaren Stammposition, zu überraschend die Aufstellung im Testspiel Mitte Mai gegen Japan. Chefin wird wohl #3 Christie Rampone sein. Rampone wird bei WM-Start 36 sein und war schon vor 12 Jahren beim Heim-WM-Titel in Pasadena mit dabei. „Soccer Mum“ (wurde 2010 wieder Mutter) Rampone definiert sich wohl am besten über den Terminus „Erfahrung“. Fraglich, wo sie denn aufgestellt werden soll?

Für die RV-Position dürfte nur #11 Ali Krieger in Frage kommen, die deutsche Fans von ihrem Frankfurt-Aufenthalt kennen sollten, die aber in den USA einen erstaunlich schweren Stand hat, sprich: Ihre Aufstellung gilt als keineswegs gesichert. Vielleicht wird gerade RV Christie Rampones Platz sein.

Bisschen wenig Reputation genießen auch die drei potenziellen Innenverteidigerinnen #19 Rachel Buehler, #4 Becky Sauerbrunn und #6 Amy LePeilbet. LePeilbet gilt als eine der besten Abwehrspielerinnen der US-Profiliga WPS, ist im Nationalteam aber erst seit zwei Jahren eine feste Größe. Gegen Japan spielte LePeilbet unerwartet als Linksverteidigerin – wie Sundhages Pläne diesbezüglich wohl aussehen?

Sauerbrunn war eigentlich schon draußen, hat sich mit starker Vereinssaison wieder in den Fokus gespielt. Dito #2 Heather Mitts, WM-Debütantin mit 33 und nach zahlreichen Verletzungen vor allem sowas wie eine sentimentale Favoritin.

Links verteidigen kann #14 Stephanie Cox, die aber nach der horrenden Vorstellung gegen Japan erstmal außen vor sein könnte.

Mittelfeld

Angesichts der Spielernamen hätte ich den US-Girls eine hohe Note im Mittelfeld gegeben. Allein: Die Testspielserie gegen Japan und das freundschaftliche Länderspiel gegen Mexiko haben mich doch etwas ernüchtert.

#7 Shannon Boxx und #10 Carli Lloyd haben im zentralen Mittelfeld erstaunlich schlecht harmoniert. Boxx ist sowas wie der Ballack für diese Mannschaft, defensivstark und eine Art Spielmacherin vor der Abwehr. Lloyd gibt den etwas offensiveren Part, nur scheint es in der Abstimmung mit Boxx noch heftig zu hapern. Eine Alternative wäre #16 Lori Lindsey, die technisch höheren Ansprüchen genügt, aber doch sehr zierlich für eine Abräumerin gebaut ist.

Dabei wäre eine gut geölte Mittelfeldzentrale wichtig, um der wuseligen #9 Heather O’Reilly den Rücken frei zu halten. O’Reilly gibt sowas wie den Freigeist und taucht so ziemlich überall in der gegnerischen Platzhälfte auf. Die Wichtigkeit O’Reillys drückt sich auch in ihrer Rückennummer 9 aus, seit Mia Hamms Zeiten sowas wie die meistvergötterte Frauenfußball-Trikotnummer in Amerika und mit einem Stellenwert wie der 10 in Brasilien und Argentinien ausgestattet.

Dazu #15 Megan Rapinoe, die sehr gute Flanken schlägt, aber defensiv Arbeitsverweigerung betreibt.

Höchst interessante junge Spielerin: #17 Tobin Heath, die die exzellente Fußballschule der University of North Carolina durchlaufen hat und eine sehr dynamische Antreiberin ist, aber noch sehr unerfahren.

Noch ein paar Tage jünger: #5 Kelly O’Hara, Nachrückerin für die mit Kreuzbandverletzung ausgeschiedene Lindsay Tarpley. Es gab Gerüchte, die Kellnerin Sinead Farrelly würde dank Tarpleys Ausfall einen sensationellen Aufstieg innerhalb von drei Monaten machen. Vom Barmädchen zur WM-Teilnahme oder so.

Den Kaderplatz hat O’Hara bekommen – und O’Hara schätzt ihre Rolle dann auch sehr realistisch ein:

Wobei „being supportive“ im US-Team seit einiger Zeit durchaus kontrovers diskutiert wird. Dazu in einem eigenen Hope-Solo-Beitrag in einigen Tagen mehr.

Angriff

Sturmführerin wird die ewig junge #20 Abby Wambach (117 Tore in 154 Länderspielen) sein, in ihrem x-ten großen Turnier. Wambach ist nicht die wuseligste, aber ihre Qualitäten im Abschluss sind unbestritten und vor allem händeringend benötigt.

#8 Amy Rodriguez spielt meist hängende Spitze und ich bin grad überrascht, dass A-Rod ihre erste WM spielen soll. Ist gefühlt seit Ewigkeiten dabei. Im Gedächtnis bei mir auch deshalb geblieben, weil Prädikat „Chancentod“.

Dritte im Bunde: #12 Lauren Cheney, wie Rodriguez keine prototypische Mittelstürmerin. „Nicht prototypisch“, aber eine rechte Klebe vor dem Herrn:

Sehr gespannt darf man auf die blutjunge #13 Alex Morgan sein, meine Lieblingsstürmerin im Frauenfußball: Wendig, trickreich, technisch stark, aber mit 21 noch sehr unerfahren und vor dem Tor noch reichlich flattrig, aber Morgan wird in absehbarer Zeit eine der besten Stürmerinnen sein – garantiert. Vielleicht schon bei der WM, wenn sie denn ihre Einsatzchancen bekommt.

Morgan hat sich in den letzten beiden Jahren an der gehypten US-Kanadierin Sydney Leroux vorbeigespielt. Leroux (ex-UCLA) ist nicht im WM-Kader, was mich vor einem Jahr noch schwer überrascht hätte, aber die Kritiken waren zuletzt eher durchwachsen, und Lerouxs Konkurrenz in der „zweiten Liga“ in Vancouver ist, nun, nicht WM-Niveau. Ebenso nicht dabei: Die mit Tattoos übersäte Hawaiianerin Natasha Kai.

Ausblick

Im Prinzip halte ich die US-Auswahl trotz der schwachen Qualifikation (erst in letzter Minute in der Relegation gegen Italien das Ticket gelöst) für durchaus titelfähig. Das Japan-Spiel hat allerdings arge Probleme offenbart, wenn es darum geht, den Ball aus der Abwehr nach vorne zu treiben, sprich: an der Zentrale mit Boxx/Lloyd werden noch etliche Stellschrauben gedreht werden müssen. Viel Zeit zum Testen bleibt allerdings nicht mehr und die Vorrunde hat es in sich: Schweden und Norkorea als Gegnerschaft, was ich für durchaus happig halte. Ein Vorrundenaus ist angesichts der erwarteten Uneingespieltheit durchaus nicht ganz ausgeschlossen.

Wie allerdings auch nicht ein Titel-Run, wenn auch der Weg ab dem Viertelfinale der Weg um nichts einfacher werden würde.

Die US-Frauen: Zweifellos das dark horse dieses Turniers.