Ein Streifzug in blau und weiß

Ein Turnierspiel Deutschland vs Italien im Fußball ist das Sportereignis schlechthin für mich. Vielleicht, weil ich in einem Land lebe, das einst als deutschsprachiges Land von Italien annektiert wurde und bis heute dort geblieben ist. Die Blütezeit der Italianisierung mit Verbot deutscher Schulen und deutscher Namen ist zwar seit Generationen passé, ein politischer Kampf ist „Deutsch gegen Italienisch“ aber bis heute geblieben. Trotz vieler Freundschaften ist es noch heute vor allem draußen auf dem Land eher ein Nebeneinander denn ein Miteinander. Weiterlesen

WM-Caipirinha 2014: Das war Gruppe D

Ich höre keine Autokorsi aus dem Tal, was meistens das Ausscheiden der italienischen Mannschaft von der Weltmeisterschaft bedeutet. Und was für ein Ausscheiden: Chancenlos gegen eine unterirdische uruguayische Elf geflogen, in einem der schwächsten Spiele des Turniers. Italiens Einbruch war so verheerend, dass sich selbst im Mainstream kaum Stimmen (außer jener des erregten Cesare Prandelli) findet, die dem durchaus streitbaren Schiedsrichter Vorwürfe bestreitet.

Einhelliger Tenor: Die Azzurri haben komplett versagt. Sah man in der blamablen 0:1-Klatsche gegen Costa Rica noch einen Betriebsunfall, gerät nun alle Arbeit Prandelli ins Visier. Zugegeben: Prandellis Umstellungen gingen in beiden Spielen in die Hose. Darmians Seitenwechsel erwiesen sich als Griff ins Klo; Abate wurde rein und schnell wieder rausrotiert. Der zu Turnierbeginn gegen eine schwache englische Abwehr überzeugende Candreva enttäuschte gegen Costarica, bekam gegen die Urus keine Chance mehr, weil der phlegmatische Parolo den Vorzug bekam.

Italien, schon gegen Costa Rica nach spätestens einer Stunde konditionell in den Seilen und nach 75 Minuten komplett shot, bot gegen Uruguay erneut eine peinliche Vorstellung. Es gab kaum Versuche, Offensiv-Aktionen zu setzen. Stattdessen stellte man sich hinten rein und war nach dem 0:1 zu keiner Reaktion mehr imstande. Lag es an der berechtigten roten Karte (man schaue sich das Nachtreten direkt vor dem Schiri an) für Marchisio? Kaum, denn auch vor dem Platzverweis waren Offensivbemühungen ein zartes Pflänzchen.

Hernach übte der heute rehabilitierte Buffon dann auch noch deutliche Kritik an der jungen Spielergeneration, und meinte dabei wohl vor allem den komplett durchgeknallten Balotelli, der auch heute wieder am Rande eines Platzverweises wandelte und notgedrungen ausgewechselt werden musste. Das sind Nachwehen von Trainern, die große Ethik-Kodexe ausrufen nur um sie nach dem ersten Vergehen zu widerrufen. Das sind Abbilder einer italienischen Kultur der Verdrängung, die sich seit vielen Jahren im Staate nicht mehr verdrängen lassen, und die mittlerweile auch im Fußball wohl nicht mehr verdrängt werden können.

Ich bin überrascht von der minderen Qualität des italienischen Gebotenen. Ich hatte von dieser Mannschaft deutlich mehr erwartet. Es hatte eigentlich gut begonnen gegen England, und war danach völlig eingebrochen. Das Aus hat auch was Gutes für Italiens Fußball: Es gibt erneut die Chance, sich zu überdenken, und letztlich erspart man sich ein null zu vier im Achtelfinale gegen Kolumbien.

Uruguay wird Zweiter. Das ist bemerkenswert, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Meter man nach dem Auftaktspiel gegen Costa Rica schon unter der Erde lag. Das war eine Mannschaft, die nicht mehr zuckte. Komplett tot. Dann reagierte Coach Tabarez, verbannte die desolate alte Garde um Forlan und Lugano aus der Startelf und wurde mit zwei besseren – nicht guten! – Vorstellungen gegen England und Italien belohnt.

Tabarez ließ in den beiden Spielen eine Art 5-3-2 spielen, mit einem zuletzt nach innen gezogenen Caceres in den Abwehr. Das funktionierte um Welten besser als die starre 4-4-1-1 Formation zum WM-Beginn. Besonders gut war’s trotzdem nicht. Man ist zwar bissig, aber spielerisch können die Urus nix. Sie sind ein reines Zufallsprodukt und gehören in dieser Form in kein WM-Achtelfinale, aber immerhin zeigten sie Willen.

Die Drama-Queen Suarez ist auch so ein Sonderfall. Sportrecht ist zu kompliziert und zu undurchsichtig, um es heranzuziehen, daher können wir es uns in diesem Falle einfach machen und populistisch den einzigen richtigen Schluss fordern: Suarez aus dem Verkehrt zu ziehen.

Der Staffelsieger der Gruppe D ist wie vor der WM von allen erwartet Costa Rica. Diese Jungs sind eine fantastische Geschichte. Verdient nacheinander Uruguay und Italien geschlagen, und mit viel Glück einen Punkt gegen England geholt. Spielerisch ist das ausbaufähig, aber sie rennen bis zum Umfallen und sind auch in der Lage, kluge Gegenangriffe zu setzen – wohlgemerkt „klug“, nicht „schnell“, dafür fehlt diesem Team die Qualität. Costa Rica baut auf eine bockstarke Defensive und ein 5-2-3 System, in dem man vorne viel Vertrauen in die Qualitäten vom Stürmer Campbell legt, der bereit ist für höhere Aufgaben. So viele Fünferketten in nur einer Gruppe, da wirst du ganz wuschig.

Die einzigen, die ohne spielten, wurden abgeschlagene Letzte: England. Aber halt: So schwach waren die Engländer nicht. Die guten Ansätze hatte ich schon in den letzten Tagen diskutiert, und ehrlicherweise muss man ihnen auch einen großen Batzen Pech zugestehen. England spielte erfrischend, und auch wenn dabei ganze zwei Tore heraussprangen, so sehe ich durchaus Potenzial für mehr.

Man war sicher naiv, und das 4-2-3-1 ist vor allem in der Mittelfeldzentrale noch zu schwach (oder zu alt?) besetzt, und die komplette linke Abwehrseite erwies sich als Knackpunkt, aber diese jungen Offensivspieler sind alle Hoffnungsträger. Ohne soweit gehen zu wollen, den Engländern schon in zwei oder vier Jahren Titelchancen zuzutrauen, aber: Die Richtung stimmt dort. Trotz des Ausscheidens gegen zumindest zwei Mega-Enttäuschungen des Turniers (Italien, Uruguay).

Nachtrag: Kaum sinniert, erklären Prandelli und Verbandspräsident Abate ihre Rücktritte in der Pressekonferenz.

WM-Caipirinha 2014: Italien – England | Gruppe D

Siebtes Spiel der WM, und auch Italien vs England konnte man sich sehr gut ansehen: Zwei variantenreiche, gut eingestellte Mannschaften. Italien gewann, aber es hätte durchaus auch ein Remis geben können, oder einen englischen Sieg. Der Unterschied im Ergebnis war, dass Balotelli den Kopfball reinmachte, und Rooney ein paar Minuten danach freistehend knapp verzog. Oder England 1-2 „pfeifbare“ Elfmeter nicht bekam. Okay, Italien hatte zweimal Lattenschüsse. Aber England hielt gut mit.

England war die von mir erwartete sympathische Mannschaft: In dem 4-2-3-1 war man immer dann gefährlich, wenn man á la Deutschland 2010 schnell von hinten raus spielen konnte und mit den geschwindigen Offensivspielern die italienischen Abwehrspieler an- und überlaufen konnte. Auf die Weise fiel auch das sehenswerte englische Ausgleichstor: Balleroberung im Mittelfeld, Sterling mit dem tiefen Pass für Rooney, tolle Flanke, und am langen Pfosten erläuft Sturridge mit Willenskraft den Ball und schiebt ein.

Englands Offensive wirkte noch nicht überragend eingespielt. Als man in der zweiten Halbzeit das Spiel machen musste und ein sanftes Power-Play aufzog, wurden die Limits dieser Mannschaft schon klar offengelegt. Man schien auch konditionell nicht mehr topfit zu sein, aber der Spielort war auch Manaus, einer der krassesten Orte. Auffallend war auch, dass von den eingewechselten Spieler maximal Barkley einen temporären Schub brachte, Wilshere und Lallana verpufften wirkungslos.

Ein taktisches Mittel der Engländer schien auch der Fernschuss zu sein – das wirkte aber wie eine Taktik, die Hodgson auf einen Goalie Buffon ausgegeben hatte, fast so, als hätten die Engländer den Tormannwechsel bei den Azzurri nicht mitbekommen.

Schwachpunkt von beiden Mannschaften war ganz klar die jeweils linke Abwehrseite. Bei den Engländern wirkte Baines überrumpelt. Rooney und später Barkley machten quasi nichts nach hinten und legten diese Seite bei den Engländern immer wieder frei. Überhaupt gingen die Engländer in der Defensive auch schon in Halbzeit 1 erstaunlich passiv auf den Ballträger. Da war kein aggressives Pressing, das war übelstes Abwarten, und Marchisio und Verratti konnten immer wieder in den Strafraum hineinspielen. Ich dachte mir, das ist vielleicht clever um Kraft zu sparen, aber später war England auch so platt, deswegen bleibt es eines der komischen Bilder des Abends.

Auch Italien hatte links hinten Probleme. Als nomineller Linksverteidiger war #3 Killerini aufgestellt, der sich anfangs zweimal nach vorne wagte, aber danach fast immer hinten blieb, aber für einen Welbeck – obwohl nicht in Bestform befindlich – zu langsam ist. Wirklich oft nach vorne ging bei den Italienern nur der überzeugende andere AV, der Rechtsverteidiger Darmian in seinem zweiten Länderspiel – ein guter, mutiger Mann.

Ich möchte dann weiters bei den Italienern den IV Paletta in einem Spiel gegen einen noch besseren Gegner sehen – hier wackelte man. Gegen schnelle Offensivformationen ist Italien hinten verwundbar.

Ansonsten: Abgezockte, typische italienische Leistung. Wir bekamen hier das Erwartete serviert. Pirlo gibt weiter den Taktgeber, wird extrem häufig angespielt, aber Pirlo hatte trotz der passiven englischen Defensive nur bedingte Erfolge (z.b. beim einstudierten Eckball zum 1:0). Es bleibt der Eindruck, dass Italien in Gruppe D locker durchgehen wird, und England gegen Uruguay durchaus zu favorisieren sein wird.

Italien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Heute: Italien. Das Schreckgespenst. Das Land, das nicht mehr weiß, wohin es gehört und wohin es sich orientieren soll. Das nur in einem weiß, was wirklich wichtig ist: Ein Chaot wie der Italiener ist, im Fußball kennt er keinen Spaß. Es gibt Tage, an denen denke ich mir, sie lassen zuerst den Staat den Bach runtergehen, bevor der calcio dran glauben muss.

Da passt ein Cesare Prandelli wie Arsch auf Kübel in dieses Bild. Prandelli ist ein famoser Taktiker, ein kühler Kalkulator. Prandelli aber reicht dieses Bild nicht. Er wollte als großer Staatsmann in die Historie des Fußballs eingehen. Stellte mit pompösen Gesten einen Ethik-Code auf die Beine der das neue Italien symbolisieren sollte, nur um zwei Tage später, bei der ersten Gelegenheit, schon wieder alles den Bach runterzuwerfen. Balotelli hatte mal wieder einen auf Balotelli gemacht. Und Prandelli begnadigte Balotelli. Italienischer geht es nicht: Wegen solcher Waschlappen funktioniert dieser Staat nicht, aber wegen solchem Pragmatismus funktioniert der calcio.

Prandelli ist somit die Galionsfigur nicht nur einer mitfavorisierten Mannschaft, sondern eines ganzen Landes. Folgerichtig verlängerte er auch schon vor dem Turnier den Vertrag als commissario tecnico um zwei weitere Jahre.

Nach Brasilien schickt er eine erschreckend stabile Mannschaft, der der ganz große Zauber wie immer abgeht, die aber mit ihrer berechnenden und gar nicht so kraftaufwändigen Spielweise im tropischen Klima durchaus eine Gefahr darstellt. Lass dich bloß nicht von der sieben Spiele währenden Serie ohne Sieg täuschen, lass dich nicht von einem 1:1 vs Luxemburg blenden: Italien wird bereit sein, wie fast immer.

Mögliche 4-3-1-2 Stammformation der Italiener

Mögliche 4-3-1-2 Stammformation der Italiener

Italien kann durchaus gut pressen, aber auch verblüffend abwartend spielen, wie letztes Jahr im Semifinale des Confed-Cups, als man Spanien zu sich runter zog und erst unverdient im Elferschießen verlor. Die Defensive ist egal in welcher Formation immer noch eine der stabilsten mit den beiden Juve-Holzhackern #3 Chiellini und #19 Bonucci, die vor allem in der Luft kaum zu bezwingen sind. Im Kasten steht mit #1 Buffon eine Legende, die allerdings längst nicht mehr jeden Ball festhält und von einigen hinter vorgehaltener Hand schon nur noch als zweitbester Keeper im Lande (hinter PSGs Sirigu) bezeichnet wird.

Die in Italien stets omnipräsente Systemfrage beantwortet Prandelli mittlerweile mit seinen Versuchen, ein flexibles Team einzustellen. Prandelli übernimmt nur noch selten das 3-5-2 von Juventus, sondern versucht, im Kern seine patentierte 4-3-1-2 Formation aufzustellen, wobei ihm jetzt kurz vor dem Turnier nach dem Beinbruch von Montolivo eine ganz zentrale Figur abhanden gekommen ist.

Prandellis rotierender Mittelfeldkern ist um den bissigen #16 De Rossi (der in einer 3-5-2 Variante zurück in die Abwehr beordert wird) und den Passgeber #21 Pirlo (mit 36 das letzte große Turnier, oder?) gebaut, aber ohne den für die Kurzpässe zuständigen Montolivo könnte einiges an Effizienz verloren gehen. Als Fixstarter gilt #8 Marchisio, der Arbeiter von Juventus, bei dem nur die Frage ist, ob er tendenziell vor oder hinter Pirlo aufgestellt wird.

Die Schaltstelle Montolivo kann nicht 1:1 gleichwertig ersetzt werden, aber mit dem eher defensiv ausgerichteten #6 Candreva oder dem eher offensiven Wusler #23 Verratti hat Prandelli diverse Optionen, seine Mannschaft dezent in die eine oder andere Richtung vertikal zu verlagern.

Ganz vorn ist die Diskussion um die Stürmerpositionen längst entflammt. Der in Italien relativ unbekannte Giuseppe Rossi (geboren in den USA, spielte dann lange für ManUnited und Villareal) wurde nach einer langwierigen Verletzung trotz guter Form aus dem Kader gestrichen, dafür durfte der unbeliebte #10 Cassano, der schon des öfteren negative Kommentare über die Nazionale abgelassen hat, mit nach Brasilien. Cassano ist kein klassischer Mittelstürmer, eher so ein Zulieferer aus der „eineinhalbten“ Reihe. So ein Typ ist auch #21 Insigne von Napoli, der noch mehr die hängende Spitze ist und eventuell auch als Flügelstürmer einsetzbar wäre.

Haushoher Favorit auf den einen Stammplatz ganz vorn ist #9 Balotelli. Balotelli ist eine Symbolfigur, ein Bulle, der in motiviertem Zustand zu den besten im Land gehört. Aber Balotelli ist ein Spinner. Du kannst sein Hirn aufschrauben um nachzusehen was drin ist, aber nicht enttäuscht sein, wenn du nichts findest. Balotelli ist in gewissem Sinne eine Symbolfigur, rassistische Beleidigungen und Ausraster zum Trotz, und er ist für Prandelli wichtig genug um besagte Ethik erstmal an zweite Reihe zu stellen. Balotelli ist kein fauler Hund. Will er, ackert er über 90 Minuten, und auch wenn sein Positionsspiel in Teilen verbesserungswürdig ist, seine rohe Schussgewalt ist nicht nur den Deutschen noch in schmerzhafter Erinnerung.

Als Balotellis direkter Ersatzmann könnte #17 Immobile von Torino fungieren, der neue Lewandowski in Dortmund, ein junger Stürmer mit manchmal fragwürdiger Defensivarbeit, aber einer mit Drang zum Tor. Immobile muss mit der „verfluchten“ Unglücksnummer 17 auflaufen, in Italien seit jeher Symbol analog der 13 im angelsächsischen Raum.

Die Italiener sind unter Prandelli einen Tick moderner als ihr Ruf. Sie sind trotz der mutigeren Grundausrichtung am besten, wenn sie mit Führung spielen können. Sie sind trotz der mutigeren Grundausrichtung immer noch relativ anfällig dagegen, Rückstände aufzuholen und sie können einem gleichwertigen Gegner nicht wirklich den Stempel aufdrücken. Aber sie haben Waffen. Sie können dank Pirlos wunderbarer Schusstechnik Standards und haben auch um Chiellini mehrere kopfballstarke Hünen um für Gefahr zu sorgen.

Die Italiener sind nicht der Topfavorit, aber sie sind mit ihrer ökonomischen Spielweise umso gefährlicher je länger das Turnier geht. Und wenn sie in einem Halbfinale wie auch immer in Führung gehen, garantiere ich für nix…

Machtverhältnisse

Endspiel der Coppa Italia 2014, Fiorentina vs Napoli. Vor dem Spiel wurden Napoli-Fans von einer verfeindeten Ultra-Gruppe der Roma angeschossen. Im Stadion sitzen alle Granden des italienischen Fußballverbandes. Es sitzen mehrere Regierungsmitglieder dort. Es sitzt der Ministerpräsident Renzi dort. Napoli-Kapitän Hamsik geht indes in die Kurve der Napoli-Ultras („Libertà per gli ultras“ – „Freiheit für die Ultras“) um sich das Einverständnis über die Abhaltung des Spiels zu holen:

Mehr muss man über die Machtverhältnisse in einem Staat nicht sagen.

Besagter Ultra-Chef ist Sohn eines Camorra-Bosses, aber das verkommt sogar zur Randnotiz.