Glaskugel 2013: Cincinnati Bengals

Wer schon immer mal einen erfolgreichen NFL-Kader backen wollte, kann dafür getrost zum Rezept der Cincinnati Bengals der letzten Jahre greifen. Man nehme zwei starke Linien, garniere diese mit jeweils ein, zwei herausragenden pass rushers und Offensive Tackles. Das verührere man mit sehr viel Talent und Tiefe auf der Cornerback-Position. Anschließend erhitzt man das alles mit einem jungen Quarterback und serviert das ganze zum Schluß mit einem A.J. Green – fertig.

Was die Bengals in den letzten drei, vier Jahren in Sachen Kaderplanung gemacht haben ist ganz großer Sport: nebenbei mal fast das gesamte Team umgekrempelt, deutlich verjüngt und einen neuen Quarterback verpflichtet. Und die Ergebnisse dieses Teams sind gut, wirklich gut: drei Playoffteilnahmen in den letzten vier Jahren. Aber mittlerweile ist man fast geneigt zu sagen: nur gut.

Defense

Das Prunkstück der Bengals ist ihre Defensive Line, die getragen wird von jeder Menge junger Athletik. In der alten Warren-Sapp-Rolle als 4-3-Under-Tackle terrorisiert Geno Atkins gegnerische Linienspieler und Quarterbacks. Er war in der vergangenen Saison der ligaweit beste Defensive Linemen (wenn man nur menschliche Footballspieler nimmt und J.J. Watt ausspart).

Stats 2012

record: 10-6
WC PO @HOU 13-19
Pythagorean: 9.9 wins
DVOA O: -1,8% (17)
DVOA D: -3,8% (10)
Sezierstunde korsakoff

Die undankbare Position des Nose Tackles bemannt der zottelige Domata Peko unauffälig zuverlässig. Man wartet aber noch darauf, daß der letztjährige 2nd-rd pick Devon Still mehr aus seinem Talent macht. Als Vierter die Rotation in der Mitte vervollständigt Pat Sims, ebenfalls unspektakulär zuverlässig.

Noch mehr Tiefe bieten die Defensive Ends. Auf der einen Seite spielt der lange Michael Johnson, der manchmal eine besenstielverschluckte Körperhaltung wie der große Sprinter und Namensvetter an den Tag legt, fast durch. Johnson hat die Explosivität eines Sprinters, aber er lebt nicht nur von seiner Physis, sondern auch von seinem hohen “Football-IQ”, der nach vier Jahren in Mike Zimmers Schule ausgezeichnet ist.

Den Platz auf der anderen Seite teilen sich Robert Geathers und Carlos Dunlap. Geathers geht nunmehr in seine zehnte Bengals-Saison und hat ganz klar den Auftrag, sich von Dunlap ablösen zu lassen. Da muß jetzt nur noch Dunlap mitspielen. Um ihm den Ernst der Lage zu verdeutlichen, hat dieser vor der Saison auch keinen neuen Vertrag bekommen, sondern das Franchise Tag. Dunlap hat alles Talent der Welt, aber nun muß ihm in Jahr vier auch der Durchbruch gelingen.

[Korrektur: Michael Johnson hat das Franchise Tag bekommen. Dunlap hat seinen noch ein Jahr lang laufenden Vertrag um fünf Weitere verlängert.  $11,7M sind garantiert; in den ersten drei Jahren des Vertrages bekommt er – sofern er nicht gecuttet wird – $21,4M plus jeweils 300k in 21015 und 2016 als workout bonus + potentiell $4,5 weitere Millionen durch escalators. Insgesamt könnte Dunlap mit diesem Vertrag $40M verdienen.]

Als Nummer vier in der DE-Rotation kommt Wallace Gilberry, der letztes Jahr mehr Sacks hatte als Dunlap (6,5 v 6). Um auch noch das letzte gegnerische Team neidisch zu machen, hat DC Zimmer in der zweiten Runde der Draft den baltischen Kolossus Margus Hunt geschenkt bekommen (auch um Dunlap noch ein bißchen mehr Feuer zu machen und zur Not gleich seinen Nachfolger im Haus zu haben). Hunt ist ein interessantes prospect, der mal den Juniorenweltrekord im Diskuswerfen innehatte, noch nicht viel von Football versteht, dafür aber 2,05m groß ist, in seinen ersten 14 Collegespielen acht Kicks geblockt und bestimmt auch schon mal einen Bären mit seinen Händen erlegt hat.

Secondary & Linebackers

Den Durchbruch schon geschafft hat Leon Hall. Hall ist unter den vielen guten Cornerbacks die Nummer Eins. Er muß sich vor keinem Wide Receiver an der Außenlinie fürchten; was ihn aber besonders wertvoll macht, ist, daß er das auch im Slot erstklassig ist. Das gibt Zimmer den Luxus, in Nickel-Situationen von dem überraschend guten Jungen Pacman Jones, dem letztjährigen 1st-rd pick Dre Kirkpatrick und I´ve-seen-it-all-veteran Terrence Newman die zwei mit der besten Tagesform aufzustellen. Definiere: depth.

Schedule

WK1 @ CHI
Wk2 vs PIT (MNF)
Wk3 v GB
Wk4 @ CLE
Wk5 v NE
Wk6 @ BUF
Wk7 @ DET
Wk8 v NYJ
Wk9 @ MIA (TNF)
Wk10 @ BAL
Wk11 v CLE
Wk12 BYE
Wk13 @ SD
Wk14 v IND
Wk15 @ PIT (SNF)
Wk16 v MIN
Wk17 v BAL

Aber auch bei den Bengals ist nicht alles Freibier und Blowjobs. Bei den Safeties dürfte Reggie Nelson seinen Stammplatz sicher haben. Er bekommt von Leuten wie PFF auch stets gute Noten, aber immer wenn ich die Bengals gesehen habe, sah er manchmal aus wie ein Patriots-Safety circa 2010. Um den anderen Platz streiten sich Taylor Mays, der seit 2011 bei mir das Label “heillos verloren in der Tiefe des Raumes” weghat; 3rd-rd pick Shawn Williams und George Iloka, den man noch aus glorreichen Boise-State-Zeiten kennt.

Und eine richtige Resterampe findet schließlich man auf der LB-Position. Problemkind Vontaz Burfict immerhin scheint in seiner Rookiesaison sein Leben umgekrempelt zu haben. Vom hochtalentierten troublemaker bei Arizona State, den vor lauter red flags niemand draften mochte, hat er sich zu Trainers Liebling gemausert. Aber erstklassig ist er nicht. MLB Ray Maualuga ist so beweglich wie ein Kühlschrank. Er ist einer der wenigen NFL-Spieler, mit denen ich manchmal Mitleid habe, wenn man wieder ein mittelmäßiger Tight End an ihm vorbeirauscht. Als dritten im Bunde finden wir hier den ehemaligen Defensive Player of the Year James Harrison. Der 35-Jährige kam aus Pittsburgh und soll jetzt 4-3-OLB spielen. Mmh. Harrison war mal einer meiner absoluten Lieblingsspieler, nur hab ich wenig Vertrauen, daß er nochmal groß aufspielen kann.

Dahinter kommen im depth chart noch ein paar Rookies und einer der größten 1st-rd busts aller Zeiten: Aaron Maybin. Hier sind die Bengals verwundbar.

Offense

Auch auf der offensive Seite überzeut Cincinnati mit einer starken Linie. Left Tackle Andrew Whitworth läßt nur in Schaltjahren mal einen Sack zu und ist wohl nur noch under the radar, weil sein Name so schwierig zu buchstabieren ist. Auf der anderen Seite ist Andre Smith dermaßen überzeugend, daß er sich schon seit seinem Willkommensholdout  ein paar Sperenzchen und Übergewicht im Sommer erlauben darf.

Wenn die Jungs von Pro Football Focus über die Rookiesaison des Right Guards Kevin Zeitler schreiben, müssen sie danach die Unterhose wechseln. Mit Whitworth, Smith und Zeitler fällt mir aus dem Stegreif auch kein anderes Team ein, daß drei blue chipper in der Offensive Line hätte.

Dazu kommen noch die erfahrenen Kyle Cook und Clint Boling, die mit dem 23-jährigen Trevor Robinson nun angeblich auch noch hochtalentierte Konkurrenz haben. Positiv untypisch ist auch, daß mit Dennis Roland, Travelle Wharton und Mike Pollak vergleichsweise alte Recken, die alle schonmal irgendwo starter waren, die Kadertiefe sicherstellen. Again – define: depth.

Mit dieser OLine hat das Paßspiel ein bombensicheres Fundament. Selbst wenn QB Andy Dalton nicht den berüchtigten “nächsten Schritt” macht, ist ein völliges Einbrechen ausgeschlossen (solange kein schwarzer Schwan im Paul Brown Stadium nistet). Der Angriff war letztes Jahr NFL-weit gutes Mittelfeld – und das in einer Division mit Steelers und Ravens.

Skill Positions

Allerdings ist der Paßangriff extrem abhängig von einem Wide Receiver (das ist gemeinhein ein beliebtes Brutgebiet der schwarzen Schwäne). Solange A.J. Green fit ist, wird er wieder seine 100 Bälle fangen und hin und wieder ein Spiel mit überragenden Sololeistungen alleine entscheiden können.

Daneben sind im WR-Corps nur Jungs, die erst seit wenigen Monaten das Wunder des legalen Alkoholkonsums genießen dürfen. Mohamed Sanu hat in seinen acht Spielen explosive Ansätze gezeigt, macht aber nicht den Eindruck, mal Pro Bowler zu werden wenn er groß ist. Der kleine Andrew Hawkins ein Randall-Cobb-Typ, nur ohne das ganz große WOW!. Dann wirds dünn: Marvin Jones, 22 Jahre alt und 18 catches in 11 Spielen, und Brandon Tate, Special-Teams-Ass, aber WR-Krücke, werden wahrscheinlich im Kader bleiben. Man hofft in Ohio noch, daß ein Rookie im Camp groß aufspielt und hat auch wieder Dane Frikkin´ Sanzenbacher im Trainings Camp.

Stabilität sollen die Tight Ends in das Paßspiel bringen. Der große Jermaine Gresham ist zwar in seinen drei Jahren in der Liga nicht der neue Jimmy Graham geworden, aber für 60 catches pro Jahr ist er konstant gut. Als weitere Hilfe für QB Dalton wurde dieses Jahr Tyler Eifert in der ersten Runde gedraftet. Eifert wurde weithin als bester Tight End der letzten NCAA-Saison gesehen. Als dritter Tight End ist Orson Charles dabei. Der letztjährige 4rd-rd pick gilt weiterhin als Geheimtip. Was auch immer das heißen mag.

Um Daltons Rundumwohlfühlpaket komplett zu machen, bekam er in der diesjährigen Draft einen Running Back in der zweiten Runde. Giovani Bernard soll das workhorse werden, wird sich wahrscheinlich aber erst mal die carries mit dem durchschnittlichsten aller Durchschnitts-RBs, Ben Jarvus Green-Ellis, und dem alten 3rd-down back Brian Leonard teilen.

Ausblick

Das erste Mal seit 30 Jahren haben die Bengals in zwei aufeinanderfolgenden Saisons die Playoffs erreicht. Neben dem sehr guten Kader ist dafür auch Stabilität auf der Position des Cheftrainers grundlegend. Marvin Lewis ist seit nunmehr 10 Jahren am Ohio River.

Nach drei Playoffteilnahmen in vier Jahren wäre alles andere als ein erneuter Platz in der Endrunde eine Enttäuschung. Die Aussichten sind rosig in Cincinnati: entweder zeigen die Bengals einmal mehr, daß man auch ohne guten QB eine starke Division wie die AFC North gewinnen kann. Oder Dalton macht den “nächsten Schritt” – dann ist noch viel mehr drin.

Glaskugel 2012: Pittsburgh Steelers

Eigentlich könnte man für die Pittsburgh Steelers jedes Jahr die gleiche Vorschau schreiben: super Defense, toller Ben, schlechte O-Line – mindestens Playoffs. Die letzte große Veränderung gab es 2006, als der damals 34-jährige Mike Tomlin, vormals DBs Coach der Bucs und DC der Vikings, den Cheftrainerposten vom ewigen Bill Cowher übernahm. Tomlin ist nach Cowher und Chuck Noll erst der dritte Head Coach der Steelers seit 1969. Das wird er auch erstmal bleiben, erst in den letzten Tagen hat Tomlin seinen Vertrag bis 2016 verlängert.

Überhaupt ist die Geschichte der Steelers eine Geschichte der Kontinuität. Seit Jahren und Jahrzehnten ist das personell management wie aus dem Lehrbuch: building through the draft. Gerade die Spieler aus den Runden zwei bis fünf werden in steter Regelmäßigkeit ab ihrem zweiten oder dritten Jahr Stammspieler und Leistungsträger. GM Kevin Colbert schafft es Jahr für Jahr, eine Mannschaft zusammenzustellen, die um den Super Bowl mitspielt.

Defense

In der Defense ist eigentlich alles so wie immer. Die D-Line ist groß, dick und namenlos; die Linebackers sind sehr smart und noch viel aggressiver, manchmal auch andersrum; CB Ike Taylor macht eine Seitenlinie dicht und den Rest übernimmt Safety Troy Polamalu. Orchestriert wird das ganze seit gefühlt 1963 von DC Dick LeBeau.

Einige kleinere personelle Änderungen auf der defensiven Seite gibt es aber doch. Altersbedingt hängen DE Aaron Smith und LB James Farrior ihre Pads für immer in den Spind; leistungsbedingt wurde CB Bryant McFadden vor die Tür gesetzt und geldbedingt hat Nr.2-CB William Gay in Arizona unterschrieben.

Schedule

Wk1 @ DEN (SNF)
Wk2 v NYJ
Wk3 @ OAK
Wk4 BYE
Wk5 v PHI
Wk6 @ TEN (TNF)
Wk7 @ CIN (SNF)
Wk8 v WAS
Wk9 @ NYG
Wk10 v KC (MNF)
Wk11 v BAL (SNF)
Wk12 @ CLE
Wk13 @ BAL
Wk14 v SD
Wk15 @ DAL
Wk16 v CIN
Wk17 v CLE

Für alle vier wurde die Nachfolge aber bereits in-house geregelt – wie das bei den Steelers eben so üblich ist. Um Smiths Nachfolge balgen sich zwei 1st-rd pick: Ziggy Hood (2009) und Cam Heyward (2011). Hood konnte bis jetzt noch nicht sonderlich überzeugen und Heyward hatte nach fehlenden OTAs und richtigem Trainings Camp letztes Jahr auch so seine Schwierigkeiten, sofort durchzustarten. Das sollte aber vor allem im Falle Heyward nicht viel heißen, die meisten jungen Steelers starten nicht sofort voll durch.

So ist man dann in Pittsburgh auch gar nicht so traurig, daß Gay und McFadden nicht mehr dabei sind. Mit Keenan Lewis (3rd-rd 2009), Curtis Brown (3rd-rd 2011) und Cortez Allen (4th-rd 2011) sind drei vielversprechende Jungspunde im Kader, von denen man viel erwartet. Starter neben Taylor soll Lewis werden.

Farrior wird jetzt in Vollzeit von Larry Foote ersetzt, der mit seinem Nebenmann Lawrence Timmons auch die Aufgabe haben wird, den in der dritten Runde gedrafteten Sean Spence einzulernen.

Umgeben sind Foote/Timmons immer noch vom besten OLB-Duo der Welt. Ohne Diskussion. James Harrison und LaMarr Woodley haben hinter sich auch zwei talentierte Nachwuchskräfte, die sich ihre Sporen verdienen wollen. Jason Worilds (2nd-rd pick 2010) und Chris Carter (5th-rd pick 2011) machen sich noch zwei, drei Jahre warm, bis der 34-jährige Harrison dann mal abtritt.

So hat Pittsburgh auf so gut wie allen Positionen talentierte junge Leute, die ganz old-school mäßig erstmal zwei, drei Jahre alles von der Pike auf lernen und dann die Altvorderen ablösen.

Immer wieder taucht das Gerede von “ach-zu-alte-Defense-Pittsburgh” auf, aber wenn man sich das mal genau beguckt, stimmt das gar nicht. In der D-Line kommen Heyward und Hood; dazu noch der diesjährige 4th-rd pick Alameda Ta´amu, der Casey Hampton ablösen wird. Timmons und Woodley wurden erst 2007 gedraftet und für die beiden anderen LB-Spots – die ja erstmal noch hervorragend besetzt sind – sind auch schon Nachfolger im Kader. In der Secondary sind drei sehr junge Cornerbacks, in die viel Vertrauen gesetzt wird. Viel besser geht langfristiges Teambuilding gar nicht.

Offense

In der Offense sind zwei Veränderungen zu beobachten. Zum einen wurde der langjährige Offensive Coordinator Bruce Arians unter mysteriösen Umständen gegangen – sehr zur Verärgerung von QB Ben Roethlisberger. Der muß sich jetzt mit dem im persönlichen Umgang nicht immer sehr einfachen Todd Haley arrangieren. Zum anderen haben sich die Steelers in den letzten zwei, drei Jahren ganz heimlich, still und leise eine junge, talentierte Offensive Line zusammengestellt, die für erhebliche Überraschungen sorgen könnte.

Fangen wir mit der Offensive Line an. Auch hier sieht man deutlich das langfristige Konzept – und vielleicht sogar schon dieses Jahr erste Ergebnisse. Nach Jahren unterirdischer Leistungen von alten, kaputten Männern könnten dieses Jahr vier hungrige Typen in der Linie stehen, die allesamt jünger als 25 Jahre sind und alle 1st- bzw. 2nd-rd picks waren.

In der Mitte snapt Maurkice Pouncey. Der 1st-rd pick 2010 ist zwar nach wie vor overhyped, aber trotzdem ein guter Center. Der letztjährige 2nd-rd pick Marcus Gilbert hat schon als Rookie eine gute Figur als RT gemacht und sollte nur noch besser werden. Der ehemalige RT Willie Colon, der in den letzten beiden Jahren verletzungsbedingt kaum gespielt hat, soll einen Guard geben, während der diesjährige 1st-rd pick David DeCastro die andere Guard-Positionen übernehmen wird. Um den Posten als Left Tackle streiten sich der diesjährige 2nd-rd pick Mike Adams und der altbekannte Max Starks. Als back-ups für die gesamte Linie stehen daneben noch die genauso altbekannten Trai Essex, Doug Legurksy und Ramon Foster bereit.

Insgesamt also eine deutliche Verbesserung gegenüber den letzten Jahren mit noch rosigeren Aussichten für die Zukunft. Die andere Veränderung gibts auf dem Posten des Offensive Coordinators.

Exkurs Todd Haley

Haley, der neue OC, ist ein seltsamer Typ. Er selbst hat nie Football gespielt, sondern Golf – und das auch einigermaßen erfolgreich. Aufgrund einer Rückenverletzung reichte es aber nicht für die PGA Tour. Nun war aber sein Vater, Dick Haley, eine große Nummer in der NFL. 20 Jahre lang war Dick Director of Player Personnel der Pittsburgh Steelers und ab 1991 für 12 Jahre in gleicher Position bei den Jets.

Dort heuerte Todd 1995 im Scouting Department an. 1997 übernahm Bill Parcells die Jets und war vom jungen Haley so begeistert, daß er ihn gleich in seinen Trainerstab übernahm. Haley begann als Quality Control Coach und wurde später Wide Receivers Coach. In beiden Position arbeitete er sehr eng mit Offensive Coordinator Charlie Weis zusammen. (Überhaupt war der Kern der späteren Patriots-Bagage damals unter Parcells zusammen bei den Jets: Bill Belichick, Romeo Crennel, Weis, Eric Mangini, Scott Pioli)

Nach einem dreijährigen Intermezzo als WR-Coach bei den Bears dachte Parcells sofort an seinen jungen Assistenten, als er die Dallas Cowboys übernahm. Dort war Haley von 2004 bis 2006 Passing Game Coordinator und WR Coach, machte aus dem ungedrafteten Tony Romo einen guten Quarterback und mußte die Diven Terrell Owens und Terry Glenn bei Laune halten. Manchmal hat er sie auch einfach öffentlich zusammengestaucht.

So hat er es dann auch 2007 und 2008 als OC der Arizona Cardinals mit Anquan Boldin gemacht. Allerdings so erfolgreich, daß er die Cards-Offense um Kurt Warner, Larry Fitzgerald und Boldin zu einer der aufregendsten der ganzen Liga gemacht hat und sogar ganz kurz vor dem Super-Bowl-Sieg stand.

Arizonas Cheftrainer zu diesem Zeitpunkt war Ken Whisenhunt, der nicht nur Vorgänger von Arians als Pittsburghs OC war, sondern 1991 von Dick Haley als Tight End für die Jets verpflichtet wurde. So ist das in der NFL.

2008 verpflichtete Pioli, nun GM der Kansas City Chiefs, Haley als HC. Schon von Anfang an gab es Spannungen innerhalb der Mannschaft und des Trainerstabes. So wurde OC Chan Gailey noch während des ersten Training Camps entlassen. Sportlich allerdings ging es aufwärts und im zweiten Jahr gar in die Playoffs. 2010 stand schließlich unter keinem guten Stern, als die drei besten Spieler – RB Jamal Charles, TE Tony Moeaki und S Eric Berry – mit schweren Verletzungen das gesamte Jahr über nur zuschauen konnte. Mit einer 5-8-Bilanz und vielen Gerüchten um Egomanie, Hybris und paranoid überall vermuteter Illoyalität mußte Haley gehen.

Passing Game & Running Game

Kurz zusammengefaßt: Haleys Einflüsse als Play Caller umfassen vor allem Parcells, Weis und Whisenhunt. So ist es auch kein Wunder, daß die Chiefs eines der lauflastigsten Teams der Liga waren. Aber ebenso waren die Cards unter Haley eine der paßfreudigsten Offenses. Daß Haley extrem anpassungsfähig ist und seine Offense um die Spieler herum baut, die er hat und nicht andersrum, wird auch immer wieder als seine große Sträke beschrieben.

Mit Mike Wallace, Emmanuel Sanders und Antonio Brown findet Haley nun in Pittsburgh drei starke junge WR und mit Ben Roethlisberger einen QB, der das Ei auch gerne mal über 50 Yards schleudert. Daher sollte es da weitergehen, wo es unter Arians aufgehört hat. Also viele 3-/4-WR-sets, deutliches Übergewicht des Paßspiels und vor allem eine starke vertikale Komponente.

Monsieur Wallace ziert sich zwar derweil noch wenig, unter seinem Restricted Free Agent Tender zu spielen, aber das Problem wird früher oder später auch gelöst werden. Es ist auch auf der WR-Position auf beeindruckende Weise das gute Händchen im Draften zu sehen: Wallace war ein 3rd-rd pick (2009), Sanders ebenso (2010) und Brown ein 6th-rd pick (2010).

Das seit Jahren schon kränkelnde Running Game kränkelt auch weiterhin. Der etatmäßige Top-RB Rashard Mendenhall befindet sich noch für einige Zeit in der Reha, nachdem er sich im Januar das Kreuzband gerissen hat. Seinen Platz wird Isaac “Redzone” Redman übernehmen, der in den letzten Jahren schon erfolgreich als short yardage-back agiert hat. Dazu kommt noch Rookie Chris Rainey, ein verdammt aufregender space player á la Darren Sproles. Rainey könnte ein schönes Spielzeug für Haley werden, der mit Dexter McCluster genau so einen Typen auch schon in Kansas City hatte.

Ausblick

Also eigentlich alles so wie immer in Pittsburgh. Top-D; starkes Paßspiel um Big Ben und seine starken WRs; nur die Offensive Line sollte besser sein, als in den vergangenen Jahren. Es wird vielleicht einige Startschwierigkeiten geben mit der neuen Offense, die Haley installiert. Aber insgesamt müßte es schon mit dem Teufel zugehen, sollten die Steelers nicht um die Krone der AFC mitspielen. Es müßte Wallace bockig bleiben bis zum Sanktnimmerleinstag; es müßte Haley irgendwie eskalieren; es müßten sich Polamalu und Harrison verletzen oder Roethlisberger ausfallen. Wenn nicht, dann same procedure as every year.

Mit den Pittsburgh Steelers in den Sonnenuntergang

Zur Wochenmitte die Franchise, die wie keine andere für Konstanz im NFL-Zirkus steht: Die Pittsburgh Steelers, sechsfacher Superbowl-Champ und im vergangenen Winter trotz zahlreicher Flauseln und miserabler Offensive Line um ein Haar ein siebtes Mal zum Ringträger geworden.

Die Steelers werden regiert von der integeren Rooney-Familie, die zu sich steht wie kaum eine zweite Besitzerschaft – mal von der scheinbaren Doppelmoral in den Fällen Roethlisberger/Holmes abgesehen – und obwohl ich kein Steelers-„Fan“ bin, kann ich nicht anders, als diese Franchise mit einer Tasse Bewunderung gegenüberzutreten. Wie auch nicht dem Head Coach, der coolen Socke Mike Tomlin.

Die Offense

Wer die These „Offensive Line ist die Basis einer guten Mannschaft“ widerlegen möchte, dem sei auf das Beispiel Steelers verwiesen. Es wäre vermessen, von „zusammenzimmern“ zu sprechen, wenn es darum geht, den Schutz für Quarterbacks und Laufspiel zu beschreiben. Einzig Rookie-Center Maurkice Pouncey zeigte bei aller Unerfahrenheit NFL-Reife, für diesen Herbst kehrt wenigstens der adäquate OT Willie Colon wieder zurück – dazu gibt es den Rookie OT Marcus Gilbert.

Solange jedoch der hünenhafte QB Big Ben Roethlisberger hinter dieser Line seine Improvisationskünste zeigt, wird die Offense halbwegs halten. Roethlisberger wird oft nachgesagt, sich zu ungern vom Ball zu trennen, was ich seit vergangener Saison nicht mehr unterschreiben würde.

Das hat Gründe, die man in der Ballfänger-Armada finden kann. WR Mike Wallace ist ein deep threat vor dem Herrn (60 Catches, 21.0yds/Catch), der eisenharte WR Hines Ward verprügelt wohl noch mindestens ein weiteres Jahr gegnerische Linebackers, dazu gesellen sich der fangsichere TE Heath Miller, der aufstrebende WR Emanuel Sanders und eine Serie an Running Backs mit sicheren Händen.

Einer davon ist das Arbeitstier Rashard Mendenhall, dem man die meisten Carries gibt und trotzdem werde ich nie den Eindruck los, dass man mit Mendenhall nicht 100%ig glücklich ist. Dabei sind 3.9yds/Carry hinter dieser Line nicht zu unterschätzen.

Eine Sollbruchstelle würde ich dann verorten, wenn Roethlisberger verletzt ausfallen sollte. Backup Byron Leftwich ist der vermutlich immobilste QB (und dann hinter dieser Line!), QB Dennis Dixon und Charlie Batch sind dann auch nicht die Leute, auf die ich meine Jetons setzen wollte.

Die Defense

Pittsburghs Abwehr ist die #1 der NFL. Hauptverantwortlich dafür ist DefCoord-Genie Dick LeBeau, der Erfinder des Zone Blitzes und ein fanatischer Kreativkopf, wenn es um Ausarbeiten von Blitzes geht. Keine Defense in der NFL veranstaltet so viel und so variabel Rabatz, wenn es darum geht, gegnerische Quarterbacks unter Druck zu setzen.

Schlüsselspieler ist dabei Safety Troy Polamalu, der seine ganz eigene Rolle als Freigeist spielt und instinktgetrieben spielen darf. Polamalu ist häufiger als andere Spiele in Ballnähe und macht gerne pro Spiel 1-2 Big Plays.

Polamalu ist der Superstar, aber was diese Defense IMHO definiert, ist die Front Seven. Kein Mensch spricht über NT Casey Hampton, der seit Jahrzehnten verlässlich das Loch in der Mitte zumacht, dazu kommen Porno-Bart Brett Keisel, der mittlerweile alternde Aaron Smith und die jungen Ziggy Hood und Cameron Heyward, die alle ihre Einsätze sehen werden.

Diese Line hält der fantastischen Linebacker-Crew den Rücken frei. Pittsburghs Linebacker sind das beste, was man in der NFL so bekommen kann – und wir können dabei ruhig unit-übergreifend sprechen. Die OLBs Lamarr Woodley und James Harrison sind absolute Ligaspitze, der feurige Leader ILB James Farrior ist auch mit 36 noch in Schuss und dann hat man immer noch nicht über den vielleicht besten aus dem Quartett gesprochen: ILB Lawrence Timmons, ein Mann im fünften Jahr. Und mit Backup Larry Foote haben wir noch den Mann mit dem härtesten Würgegriff in der Hinterhand.

Das alles resultiert in einer Lauf-Abwehr, die über 333 Carries zuletzt im Schnitt 3.0yds/Lauf aufgegeben hat. Noch Fragen?

Ausblick

Pittsburgh hat einige der besten Footballspieler in seiner Mannschaft, und trotzdem fand ich den Superbowl-Run in der vergangenen Saison mehr glücklichen Umständen geschuldet denn purer Dominanz. Die Offense kriegt hinter dieser mickrigen Line keinen Rhythmus zustande, die Defense erwies sich in der Post Season als abhängiger von Polamalus Geniestreichen als gedacht.

Wk #1 @Ravens
Wk #2 vs Seahawks
Wk #3 @Colts (SNF)
Wk #4 @Texans
Wk #5 vs Titans
Wk #6 vs Jaguars
Wk #7 @Cardinals
Wk #8 vs Patriots
Wk #9 vs Ravens (SNF)
Wk #10 @Bengals
Wk #11 BYE
Wk #12 @Chiefs (SNF)
Wk #13 vs Bengals
Wk #14 vs Browns (Donnerstagnacht)
Wk #15 @49ers (ESPN)
Wk #16 vs Rams
Wk #17 @Browns

Der Schedule sieht bis auf wenige Kracher recht einfach aus und hat vermutlich zu wenige Stolperfallen eingebaut, als dass Pittsburgh selbst mit einem zweiten Platz hinter Baltimore nicht wenigstens eine Wildcard ergattern kann. Der ernsthaften Prüfung wird man im Jänner gestellt sein, und ich kann mir nicht vorstellen, dass man noch einmal zwei Spiele in Serie gewinnt, in denen man jeweils eine Halbzeit lang nach Strich und Faden dominiert wurde und in der anderen Halbzeit von kollabierenden und nicht vorbereiteten Gegnern profitierte.

Das Zeiteisen verrät: 642 Minuten verbleiben. WordCount nach 13 Teams: 12273.

Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

Rashard Mendenhall RB Steelers NFL

Rashard Mendenhall - ©Wikipedia

Es war eine merkwürdige Saison für die Pittsburgh Steelers. Zuerst musste man auf QB Ben Roethlisberger verzichten, dann kam die Offense nicht in Gang, dann floppte die Defense – und am Ende stand man trotz einer heiß/kalten Post Season in der Super Bowl. Die wurde dann verloren. Obwohl sie eigentlich locker „gewinnbar“ gewesen wäre.

Problem der Steelers 2010/11: Sie waren nicht beständig. Sie waren Sekundengenies. Eine Mannschaft, die pro Spiel erst drei Momentum Changes überstehen musste, ehe es am Ende zwei Kilo Eier in Head Coach Mike Tomlins Unterhosen brauchte, um das Spiel zu drehen oder einen Vorsprung über die Zeit zu wursteln.

Die Offense von Bruce Arians

Es ist eine Offense, die nicht Spektakel veranstaltet, sondern rational, effizient arbeiten möchte. Basierend auf Laufspiel möchte man QB Big Ben Roethlisberger Gestaltungsmöglichkeiten im Passspiel geben und Roethlisbergers Fähigkeit zur Improvisation nutzen.

Problem: Dadurch, dass die Offensive Line seit Jahren stiefmütterlich behandelt wird, werden gleich die ersten paar Prozent Effizienz abgezogen. Mit C Maurkice Pouncey hat man die Mitte gestärkt, aber alles drum herum ist und bleibt Stückwerk. Pittsburgh kann IMHO Verstärkungen bei Guards und Tackles brauchen. Treppenwitz wäre natürlich eine Draft-Verpflichtung von G Mike Pouncey, Maurkices Bruder.

Der Running Back heißt Rashard Mendenhall. Er ist als Arbeitstier gedacht. Mendenhall ist allerdings sehr eindimensional und kein guter Fänger. Irgendwann wird ein vielseitigerer Back eingekauft werden müssen. Priorität aber vorerst (noch) nicht allzu hoch.

Die Passempfänger sind gut aufgestellt. Roethlisberger verfügt über einen ausbalancierten Mix aus kräftigen Receivers und Tight Ends sowie pfeilschnellen Leuten und guten Blockern. Von Running-Back-Seite ist Mewelde Moore der Mann, der in Pass-Situationen eingesetzt wird (der aber kein zuverlässiger Rusher ist). Ich sehe den enttäuschenden Limas Sweed kurz vor der Entlassung. Sweeds Bilanz in drei Jahren: 7 Catches, 69yds, 1 Fumble. Auch der eisenharte Hines Ward wird nicht jünger und wird immer häufiger von Wehwehchen gezwickt – Weltsensation, bei so einem Spielstil.

Die Defense von Dick LeBeau

Das Prunkstück der Steelers. Es ist eine Defense, die sich durch gnadenlosen Zug zum Quarterback auszeichnet, vielseitig blitzend und mit einigen der spektakulärsten Spieler auf allen Positionen topp aufgestellt. Auf fast allen.

Die Cornerbacks gelten seit Jahren als nicht höchsten Ansprüchen genügend. Entweder via Draft oder Free Agency wird ein Starting-CB gesucht werden. Steelers-Philosophie hieße „via Draft“.

Dazu könnte die eine oder andere Gelegenheit genützt werden, einen Verjüngungsprozess einzuleiten. NT Casey Hampton wird 34, OLB James Harrison ist auch schon 33 und ILB James Farrior sogar auf dem Sprung zum 36. Geburtstag. Das sind drei Schlüsselspieler, die nicht mehr allzu lange auf höchstem Niveau spielen können. Es riecht nach Frischzellenkur am zweiten oder dritten Tag im Draft. Stichwort: Langsames Heranführen an den Kader.

Ausblick

Die Mannschaft braucht dringend bessere Offensive Line. Für mich liegt darin der Schlüssel für mehr Balance und folglich den Erfolg. Mike Tomlin wird sich gewiss in dieser Hinsicht bewegen. Deswegen wird Pittsburgh auch im Rennen um Divisionssieg und Superbowl bleiben, trotz der aufkommenden divisionsinternen Konkurrenz.

Superbowl-Countdown T-minus 4: Die Pittsburgh Steelers

Genug des Vorgeplänkels, kommen wir zur Vorstellung der beiden Superbowl-Mannschaften 2011, angefangen mit den Pittsburgh Steelers, Traditionsmannschaft und Superbowl-Rekordsieger.

Was die Steelers ausmacht – geschichtlich

Wir wissen seit Sonntag, dass die Pittsburgh Steelers eine der beliebtesten und ältesten Mannschaften der NFL sind. Und das vor allem seit den 70er Jahren, als a) die Mannschaft dank 4 Titeln und „Steel Curtain“ höchst erfolgreich und identitätsstiftend war und b) die Arbeiter- und Stahlstadt Pittsburgh eine schwere Krisenzeit durchlebte, woraufhin sich die Einwohner und damit auch die Fans quer über die Lande verstreuten.

Nach den grandiosen 70ern unter Head Coach Chuck Noll, QB Terry Bradshaw und DT Mean Joe Greene erlebte die Franchise in den 80ern zwar einen leichten „Niedergang“ („nur“ vier Playoffteilnahmen), aber Noll war trotzdem unantastbar, so was wie der Guy Roux unter den NFL-Coaches. Grund dafür: Die Familie Rooney, seit der Gründung 1933 in Besitz der Steelers (als Pirates gegründet), hat den Ruf, außergewöhnlich loyal zu seinen Angestellten zu sein und sie nicht nach ein-zwei erfolglosen Jahren zu feuern.

Die Rooneys stellten nach Nolls freiwilligem Abgang 1992 mit Bill Cowher wieder einen jungen, feurigen Coach ein. Cowher war ein Einheimischer, ein Junge aus Pittsburgh und erwarb sich schnell den Ruf, ein Kumpeltyp zu sein, einer der emotionalsten Head Coaches der NFL. Und natürlich einer, der von der Defensivseite her kam. Cowher installierte eine sehr blitzfreudige Defense mit dem auffälligen, weil sehr „mannhaftigem“ Linebacker Kevin Greene, als zentralem Kopf. Und Cowher trieb seine Steelers fast jedes Jahr in die Playoffs. Nur, um immer wieder zu scheitern, 1995 gar erst in der Superbowl.

Trotz des Loser-Images in kritischen Situationen blieben die Rooneys Cowher stets treu, bis zum großen Erfolg im Februar 2006: Sieg in Superbowl XL. Ein glücklicher Sieg. Aber ein typischer: Sehr auf die Defense vertrauend, mit viel Laufspiel und mit einer ganzen Latte an Eigenbauspielern. Pittsburgh ist dafür bekannt, sich seine Stars selber via Draft zu holen und nur begrenzt auf dem Transfermarkt (Free Agency, Trades) aktiv zu sein.

Das ist auch heute noch so: Spieler wie QB Ben Roethlisberger, RB Rashard Mendenhall, WR Hines Ward, SS Troy Polamalu oder NT Casey Hampton sind alle von Pittsburgh gedraftet worden und spielen seit z.T. langen Jahren dort.

Mike Tomlin - ©Flickr

Cowher ist indes nicht mehr da. Dafür haben die Rooneys nach dessen erschöpftem Abgang wieder so einen jungen Coach eingestellt. Noch dazu einen Schwarzen: Mike Tomlin, ein weiterer Kumpeltyp – und, erraten, ein ehemaliger Defensivcoach. Tomlin ist eine coole Socke, ein Typ „High Five an der Seitenlinie“, stets vollstes Vertrauen in seine Defense ausstrahlend.

Vor zwei Jahren marschierten die Steelers in Tomlins zweitem Jahr zum Titel. Im Finale war letztlich die Offense entscheidend, aber auf dem Weg dorthin hatte Pittsburgh Spiele praktisch ohne Angriff bestritten – und gewonnen. Tomlin überlässt die Arbeit mit seiner Defense hauptsächlich dem greisen, aber g-e-n-i-a-l-e-n Dick LeBeau, einem unscheinbaren Männchen, Blitz-Fanatiker und Erfinder des Zone Blitzes.

Was die Steelers ausmacht – spielerisch

Auch die Ausgabe „Steelers 2010/11“ duftet nach delikater Defense in Kombination mit rustikaler Offense. Wie schon die ganzen letzten Jahre. Für mich kriegt Tomlin erstaunlich wenig Anerkennung im Bezug auf die Ergebnisse. Ist es, weil Tomlin eine fast fertige Mannschaft übernommen hat? Ist es, weil die Trainerarbeit stark von den Assistenten LeBeau und Bruce Arians (OffCoord) übernommen wird?

Fakt ist: Tomlin fährt eine gerade Linie. Das Konzept ist klar erkennbar: Trainer und Spieler an einer längeren Leine halten, für gute Stimmung sorgen, harte Defense spielen lassen und junge Spieler draften, je nachdem, für welche Position man Nöte hat.

2010/11 sind die Steelers trotz 12-4 Record und zwei Playoff-Heimsiegen keine überragende Mannschaft. Die Offense ist bestenfalls mittelmäßig, basiert auf Laufspiel um RB Mendenhall (1273yds, 13 TDs in der Regular Season), nur, um seit den Playoffs das Spiel vermehrt in die Hände von QB Roethlisberger zu legen.

Eine Schwäche in den letzten Jahren war die Offensive Line. Durch den kometenhaften Einschlag von Rookie-Center Maurkice Pouncey (kam von den Florida Gators und schon im ersten Jahr All-Pro) schien ein Großteil des Problems behoben. Jetzt verletzte sich aber ausgerechnet Pouncey im AFC-Finale und ist mehr als fraglich für die Super Bowl. Ob da eine neue Baustelle entstanden ist?

Die Defense ist absolut dominant und nicht für den zu überwinden, der über Laufspiel erfolgreich sein will. Die Steelers sind in der Hinsicht #1 der Liga und werden jegliche Versuche auch gegen die mäßige Lauf-Offense der Packers abwürgen. Gegen den Pass wird viel, aber zuletzt immer dosierter geblitzt. Die Linebackers Harrison und Woodley besitzen immensen Zug zum QB, können aber auch hart, härter, am härtesten hitten. In der Coverage besitzen die Steelers seit Jahren bis auf SS Polamalu kein überragendes Personal. Weil aber dank Blitzes viel Druck auf die QBs ausgeübt wird, ist auch die Pass-Verteidigung überdurchschnittlich.

Was die Steelers ausmacht – Die Schlüsselspieler

Ben Roethlisberger - QB Steelers

Big Ben - ©Flickr

Auch wenn die Steelers in den Playoffs gegen Erzfeind Baltimore und gegen die New York Jets zweimal mächtig gewackelt haben: Sie finden einen Weg, das Spiel zu gewinnen. Es ist nicht schön, aber wenn es darauf ankommt, vergisst QB Big Ben Roethlisberger seine nur begrenzt erbaulichen Statistiken. Roethlisberger ist ein Typ „Just win!“. Egal wie. Wenn es knifflig wird, wenn sich der Wind zu drehen scheint, wenn das Pendel in die andere Richtunng auszuschlagen droht, findet Roethlisberger einen Weg aus der Gefahrenzone. Wie gegen Baltimore (59yds-Pass gegen Spielende bei 3rd-and-19), wie gegen die Jets (mitten in der Jets-Aufholjagd per Passspiel die Uhr gekillt). Die Verbindung zu TE Heath Miller & WR Hines Ward ist bei jedem 3rd down zu beachten. Wenn gar nichts geht und die Pocket kollabiert, ist Roethlisberger immer noch in seinem Element: Mit unorthodox aussehenden Scrambles findet der hünenhafte QB halt seine eigenen 3-4yds zum 1st down.

Roethlisberger stand vor einem Jahr schwer unter Beschuss, nach wiederholtem Vergewaltigungsvorwurf und Kritik am unsteten Lebenswandel. Nur eine skandalös schlampige Ermittlungsarbeit der Kripo verhinderte den Weg in den Bau. Von der NFL wurde er vier Wochen gesperrt. Das Bad-Boy-Image passt irgendwie nicht zu Roethlisberger. Spox.com hat den Mann für uns portraitiert.

Troy Polamalu - Pittsburgh Steelers

Troy Polamalu - ©Flickr

Größter Sympathieträger in Pittsburgh ist SS Troy Polamalu, ein polynesischer Brausekopf mit seinen wedelnden Haaren und seinem spektakulären Spiel  sofort für jedermann erkennbar. Die #43 der Steelers gehört zu den beliebtesten und wichtigsten Spielern der Liga. In dieser Saison wurde Polamalu endlich zum Verteidigungsspieler des Jahres gewählt. Polamalu muss sich nur bedingt an das LeBeau’sche Konzept halten. Sein Riecher für den Ball, seine Spielinstinkte sind so ausgeprägt, dass Polamalu für einen NFL-Spieler ungewöhnlich viele Freiheiten bekommt. Polamalu ist so was wie ein Freigeist in der Defense – und ein sehr bescheidener Charakter.

Ruhig daher kommt auch Linebacker James Harrison – neben dem Spielfeld. Kaum betritt der Mann aber den Rasen, wird die #92 der Steelers zum Hulk. Ein groß gewachsener, extrem kräftiger Mann, mit dem Hang zur Bösartigkeit. Harrisons Ruf ist legendär schlecht und sorgte im Lauf der Saison dafür, dass die Zebras mit gelben Flaggen um sich warfen als stünde jeder von Harrison berührte Spieler unmittelbar vor dem Transport ins nächstgelegene Krankenhaus. NFL Network hat Harrison interviewt.

 Ein hörenswertes Interview, das ein leichtes Umdenken bewirkt.

Nächster Hulk auf dem Spielfeld: WR Hines Ward, ein ehemaliger College-QB, aber in Pittsburgh seit Äonen Anspielstation #1. Kein Receiver mit Yards-Zahlen, die in den Himmel wachsen, aber ein unverzichtbarer Mann, vor allem bei 3rd downs. Ward ist kein Sprinter, kein Ästhet, aber einer der besten Blocker auf seiner Position – und dank nicht immer astreinem Spiel ein verhasster Mann beim Gegner.

Einer geht noch. Ich lasse mal den ruhigen, aber unersetzlichen NT Casey Hampton außen vor. Denn mit DE Brett Keisel ist in den letzten Tagen ein anderer Mann ins Licht der Medienwelt getreten. Keisel könnte glatt als uriger Tiroler auf einem verscheiten Hochplateau mit Speckbrett vor der Almhütte daherkommen. So dicht ist der Bart dieses Mannes mittlerweile gewachsen. Zottelbär Keisel war es auch, der vor zwei Jahren in der Superbowl den Fumble Warners in den letzten Sekunden erobert und damit Titel #6 eingetütet hat.

Warum ich die Steelers siegen möchte

Die Pokalübergabe in der NFL gehört zu den merkwürdigeren weltweit. Nicht der Quarterback, nicht der Mannschaftskapitän kriegt den Pokal. Sondern der Owner. Und statt zu feiern, werden erst große Reden geschwungen, die jegliche Emotionalität gerne den Bach runtergehen lassen. Die Pokalübergabe findet seit Jahren auf immer monströseren Podesten statt. Man werfe die Faktoren „Cowboys“ und „Jerry Jones“ ein und stelle sich das Podest 2011 vor. Der zierliche, fast 80 Jahre alte Steelers-Owner Dan Rooney auf den futuristischen Gebilden – bizarres Kontrastprogramm at his best.

Morgen folgen die Green Bay Packers. Eine Matchup-Vorschau gibt es erst am Sonntag Abend.