Jay Gruden gefeuert

Die NFL-Saison hat ihr erstes Coaching-Opfer: Die Washington Redskins haben Head Coach Jay Gruden gefeuert. Weiterlesen

Power Ranking Beitragsbild

NFL Power Ranking 2015, Week 16 | Ehre, wem Ehre gebührt

Heute mal wieder eine ausführliche Version des Power-Rankings mit dem Versuch, einige Playoff-Mannschaften etwas genauer zu durchleuchten. Weiterlesen

Washington Redskins in der Sezierstunde

Überblick 2013

Record         3-13
Enge Spiele    2-7
Pythagorean    4.6    30
Power Ranking  0.344  27
Pass-Offense   5.7    24
Pass-Defense   7.1    31
Turnovers      -8

Management

Salary Cap 2014.

Das nächste Team in der Sezierstunde ist der größte Totalschaden der NFL-Saison 2013/14: Die Washington Redskins, die nicht bloß vom Divisionssieg zu einer 3-13 Saison kollabierten, ihren hohen Draftpick aber längst schon an die Rams verkauft hatten, sondern auch noch einen ulkigen Streitfall „Coach vs Owner“ um das Gesicht der Franchise zu bewältigen hatten: QB Robert Griffin III. Die Resultate: Shanahan und Shanahan wurden gefeuert, aber der Rest des Trainerstabs durfte bleiben. Als neuer Head Coach fungiert ein Mann mit großem Nachnamen, aber kleinem Vornamen: Jay Gruden, der kleine Bruder des Superbowl-Champs Jon.

Jay Gruden, zuletzt OffCoord in Cincinnati, ist kein Mann, der dem gemeinen NFL-Zuschauer geläufig ist. Er fällt nicht durch große Sprüche auf und hat keine großen Errungenschaften in seiner Trainerkarriere vorzuweisen. Trotzdem gibt es interessante Momente in seiner Vita, die ihn einst als Quarterback in die Arena Football League führte, später als Head Coach in die UFL und Assistenzcoach in die NFL. Jay Gruden wurde in seinem Leben trotz des berühmten Bruders nicht viel geschenkt. Er rackerte abseits des großen Lichts. Er hat Cheftrainer-Erfahrung aus der UFL, und assistierte jahrelang den Trainerstab in Tampa Bay. Er fungierte zuletzt als West Coast-Offense orientierter Coordinator bei den Bengals, wo er um den wurfschwachen Andy Dalton herum basteln musste – mit wechselndem Erfolg.

Grudens Mission in Washington klingt ganz simpel: Bieg RG3 zurecht! Dafür beförderte er den blutjungen OffCoord Sean McVay (27 Lenze) hoch vom TE-Coach zum OffCoord. Gruden kennt McVay aus gemeinsamen Zeiten in der UFL. Gruden bringt ähnlich wie früher Shanahan konzeptionell eine West Coast Offense mit nach Washington, die aber in etlichen Punkten von den Vorstellungen Shanahans abweicht.

Die größte Abweichung könnte ausgerechnet dort passieren, wo Washington zuletzt am besten war: In der Offensive Line. Shanahan hatte dort sein berühmtes „Zone Blocking“-System implementiert, während Gruden bisher fast ausschließlich die Power-Version vom Vorblocken spielen ließ. Es wird ein entscheidendes Detail sein, wie Gruden seine Line aufzustellen gedenkt.

Zumal es für RG3 und dessen Entwicklung nicht unwichtig sein dürfte. Man kann read option auch aus einer Power-Version spielen – die 49ers beweisen es jeden Tag – aber es ist eher unüblich. Oder gedenkt Jay, RG3 ein komplett neues Korsett überzustülpen? Das darf man für eher unwahrscheinlich halten.

RG3 selbst erlebte 2013, wie man vom Hero zum Zero und Problemfall heruntergeschrieben werden kann. Fabriziert er mit seinem Auftreten 30 Touchdowns und führt die Redskins in die Playoffs, ist er „voll von Selbstbewusstsein“. Kommt allerdings etwas hinten raus wie in der abgelaufenen Saison, zögerliches, ängstliches Werfen ins Niemandsland, so bist du schnell der schlecht erzogene Junge, der sich auf dem Schoß des Owners über den ach so bösen Headcoach Michael ausweint. Die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen – hinter den Kulissen und auf dem Spiefeld.

Festzuhalten bleibt: RG3 ist weiterhin ein ganz famoses Einzeltalent. Chris Brown analysierte schon im Dezember bei Grantland.com, wie man Griffin spielerisch wieder in die Spur kriegen kann:

That kind of stare-down throw into coverage wasn’t Griffin’s biggest issue this season. Griffin’s footwork is what really got him off-kilter, though in fairness, this issue likely stemmed from his injuries and lost offseason. While much is rightfully made of a quarterback’s vision, a quarterback’s footwork is what tells him where his eyes should be in a well-designed passing attack. A quarterback’s every step should be tied to his receivers’ routes. “His feet are telling him when to move to no. 2 and no. 3” in his passing progression, explained current 49ers head coach Jim Harbaugh some years back. Mastering that has been a recurring problem for Griffin since his surgery.

Nicht vergessen: Es gibt Gründe, wieso nur der zum Jahrhunderttalent  hochstilisiterte Andrew Luck höher eingeschätzt wurde als Griffin. Gruden muss Griffin soweit kriegen, intelligenter zu spielen. Du kannst scrambeln, aber du sollst nicht jedesmal volle Pulle mit 180 Sachen in den Linebacker krachen. Du sollst als Quarterback nicht vorblocken. Du sollst dich auf deine Core Competences konzentrieren. Es wäre gelacht, wenn Gruden, der aus einem Dalton einen durchschnittlichen Quarterback zu formen imstande war, nicht mit dem ungleich begabteren Griffin mindestens Selbiges zu tun imstande ist.

Was den Redskins allerdings fehlt: Ein erstklassiger Corp an Wide Receivers. Garcon fungierte letzte Saison mit 187 Anspielen (30% aller Redskins-Pässe) und davon 113 Catches quasi als Alleinunterhalter. Hinter Garcon duckmäusern sich Leute wie der Oldie Santana Moss oder junge Grünschnäbel wie Robinson, Hankerson oder Paul um 20-40 Catches. Prächtige Einzelspieler sieht anders aus. Einzig der junge TE Jordan Reed, der aber fast nur kurz angespielt wird (ganze 6.8% seiner Anspiele gingen weiter als 15yds), soll Potenzial für einen Status als Pro Bowler gezeigt haben.

Die Frage ist aber: Wieviel investiert Gruden in die Offense, wenn Fragezeichen hast, aber auf der anderen Seite in der Defense fast ausschließlich Ausrufezeichen. Nämlich hinten dran gestellt an HILFE! HILFE!

DefCoord Haslett ist keiner der ganz großen Sympathen unserer Zeit, aber er musste mit einem Torso arbeiten, das schlicht und ergreifend nicht mehr abwehren konnte als 7.1 NY/A Passspiel (#31 der Liga) und 56% der Läufe (#20 der NFL). Mit Bowen und Cofield gibt es nur zwei adäquate Starter in der Defensive Line, und auf den wichtigen OLB-Positionen ist der junge Ryan Kerrigan noch da, während Passrusher Brian Orakpo erstmal die Franchise-Tag übergestülpt wurde; Orakpo ist einer meiner Lieblings-Passrusher, aber er ist immer noch relativ eindimensional, und angeblich sind sich nicht alle in der Organisation einig, wie wertvoll Orakpo überhaupt ist. Washington hat Platz unter der Salary-Cap; ich verstehe nicht, warum man riskiert, eine weitere wirkliche Lücke in einen eh schon dünn besiedelten Depth-Chart zu reißen.

Auf Linebacker gibt es gar nichts mehr mit Rang und Namen und in der Secondary ist bis auf den jungen CB David Amerson nicht viel Material da, dem man entweder Potenzial oder NFL-Reife nachsagt. Ein Safety wie Bacarri Rambo soll beispielsweise ein so schlechtes Rookie-Jahr hinter sich haben, dass er jegliches Selbstvertrauen verloren hat.

Die Redskins haben keinen Draftpick in der ersten Runde, müssen sich also mit den mittleren und späten Runden helfen. Für eine Secondary, die so jung ist, ist aber eh oft wichtiger, sich via Free-Agency zumindest den einen oder anderen Routinier zu greifen. Geld ist da in Washington: Die Cap-Strafen sind ausgesessen, und man soll angeblich um die 30 Millionen haben um Orakpo zu behalten (also: „richtig“ zu behalten, nicht bloß Franchise-Tag) und den einen oder anderen ansprechenden Mann vom Markt zu holen. Man sollte bloß nicht wieder in alte Muster verfallen und sie überbezahlen – das rächt sich in einer NFL oft spätestens in zwei Jahren.

Und man hat noch einen weiteren Trumpf, sich Draftpicks zu klauben: Ein Trade von Backup-QB Kirk Cousins, der in seinen Einsätzen als Griffin-Ersatz zumindest ansatzweise recht gut ausgesehen hat. Die Frage ist bloß, was NFL-Teams für einen Cousins, dem viele „nur“ eine Karriere á la Dalton zutrauen, zu bezahlen bereit sind? Einen 4th-Rounder? Ein Green Bay wäre sicher froh gewesen, mit einem Cousins den November zu bestreiten – dann wäre es nicht auf eine quasi-Hail Mary und einen Lions-Kollaps angekommen um die Playoffs zu erreichen.

Bleibt festzuhalten: Angenommen, Gruden biegt RG3 soweit zurecht, dass er wieder in Sphären wie 2012 agiert, so liegen die meisten der Prioritäten in der Defense:

  1. Cornerback mal drei
  2. Safety
  3. Linebacker mal zwei
  4. Wide Receiver
  5. Defense Line
  6. Edge Rusher (nach dem Orakpo-Zwischendeal nur noch sechstgrößte Lücke statt größte)

In dem unruhigen medialen Umfeld um die US-Hauptstadt brauchst du Siege um deine tägliche Arbeit störungsfrei durchzuziehen. Du weißt, dass dein Arbeitgeber ein ungeduldiger ist. Du weißt, dass die Zeitungen nur darauf warten, dich auseinanderzunehmen. Du weißt, dass du dein QB-Talent zu verheizen drohst, wenn du weiterhin nicht gewinnst.

Gruden wird die Offense ohne allzu große personelle Verbesserungen zurecht biegen müssen. Von Spielerseite her muss er den Fokus wohl der Defense überlassen, die fast jeden Draftpick und jeden verfügbaren Free Agent gebrauchen kann um zumindest auf relativ gutem NFL-Terrain agieren zu können. Die Zukunft in Washington und damit zum Teil auch der Ruf eines Gruden und eines RG3 hängen zum nicht zu verachtenden Teil von der Performance der Abwehr zustande – jener Abwehr, die zuletzt nicht mehr verstärkt werden konnte, weil RG3 so viele Draftpicks kostete.