Jim Kelly und der Kampf gegen den Krebs

In der Sezierstunde zu den Buffalo Bills habe ich es schon kurz anklingen lassen, und zu Wochenbeginn hat Peter King in seiner Kolumne Monday Morning Quarterback (MMQB) einen Scheit in Sachen Jim Kelly und sein Kampf gegen den Krebs nachgelegt. Jim Kelly ist der beste Quarterback, den die Buffalo Bills jemals hatten. Gedraftet in der der epochalen QB-Klasse von 1983 und nach mehreren Jahren in der bald ruinierten USFL kam Kelly Mitte der 80er erst eher widerwillig zu den Bills und qualifizierte sich mit ihnen in den 90ern viermal en suite für die Superbowl. Er verlor sie alle.

Neben all den Superbowl-Pleiten, die für die Bills jedes Jahr höher ausfielen, blieb aber auch die Erinnerung an eine der ersten erfolgreichen Hurry Up-Offenses in der NFL. Was heute wieder Einzug in der NFL hält, rief seinerzeit die Auguren auf den Plan, die das ganz extremste Tempo zwischen den Snaps per Regel verbieten ließen.

Kelly wurde nach seinem Karriereende berühmt für das Schicksal seines Sohnes Hunter Kelly, der an einer unheilbaren Nervenkrankheit litt und schließlich auch 2005 daran starb (obwohl die Lebenserwartung bei Erkrankten bei 13 Monaten lag). Kellys Berühmtheit half mit, das Thema auch in den US-Medien auf die Agenda zu bringen und es wurden Millionen in die Forschung gesteckt.

Jim Kelly selbst kämpft seit mittlerweile eineinhalb Jahren gegen eine andere Krankheit, einen Stachelzellkrebs (Fachjargon: „Plattenepithelkarzinom“). Schon im letzten Jahr mussten ihm deswegen Teile seines linken Oberkiefers entfernt und eine Prothese implantiert werden. Nun ist der Krebs wiedergekehrt, und der Kampf wird immer aussichtsloser.

King beschreibt den Kampf Kellys gegen den Krebs, und als jemand, der letztes Jahr im engsten Freundeskreis selbiges erleben musste, kann man sich in etwa ausmalen, welch ungute Situation der Mann und die Familie durchleben. Die Chemotherapie, die am vergangenen Montag hätte beginnen sollen, wurde nun wegen hohen Fiebers um eine Woche verschoben.

Forza, Jim.

NFL-Franchises im Kurzporträt, #14: Buffalo Bills

Einer der kleinsten Märkte der Liga beheimatet eines der traditionellsten Teams. Die Bills waren nicht immer die unsichtbaren Jungs von nebenan, und sie halten bis heute einen unglaublichen Rekord.

Der Büffel steht über allem

Eher zufällig kam Buffalo 1959 zu seiner Football-Franchise, denn Ralph Wilson war an anderen Orten mit seiner angedachten AFL-Franchise gescheitert. Blieb die Frage nach der Namensgebung. Am Ende stand „Buffalo Bills“ nach einer bereits krepierten, früheren Franchise.

„Buffalo Bills“ ist natürlich eine Anspielung an den Western-Helden Buffalo Bill, aber weil Bill weder im Helm-, noch im Vereinslogo vorkommt, liegt der Verdacht nahe, dass Fans und Owner interessierter daran waren, einen „nichtssagenden“ Spitznamen zu kreiern und dafür den Büffel (ist gleich Buffalo) als Ikone (und Maskottchen) des Vereins zu nehmen.

Die Jahre in der AFL…

…waren wechselhaft. Die Bills gewannen zwar zwei Meisterschaften, aber sie sind auch bis heute die einzige Mannschaft, die je gegen eine CFL-Truppe (CFL = Canadian Football League) verloren haben. Immerhin: Mit dem Guard Bill Shaw spielte der einzige Hall of Famer, der nie ein NFL-Spiel bestritten hat, bei den Bills.

Die ersten Jahrzehnte NFL…

…waren ziemlich schlecht. Buffalo erlebte mehr schlechte als gute Jahre, trotz des berühmten (und mittlerweile eher berüchtigten) Running Backs O.J. Simpson. Coaches kamen und gingen, nur der Erfolg kam nie. Bis 1985.

Vizechamp im Viererpack

Unter Bill Polian und dem greisen Coach Marv Levy bastelten die Bills jahrelang klammheimlich an einer titelreifen Mannschaft. Levy war ein rigider, vom Militär geschulter Mann, der auch im hohen Alter noch innovativ zu denken imstande war, und wurde durch Sprüche wie (sinngemäß) Die Superbowl ist kein „Must-Win“. Der Zweite Weltkrieg war „Must-Win“ berühmt. Die Philosophie: Die Defense um Pass Rush-DE Bruce Smith bauen und ansonsten alle Ressourcen in die Offense stecken.

Im Jänner 1991 war es dann endlich soweit – ein paar Wochen nach dem Golfkrieg stand man hinter QB Jim Kelly und einer äußerst schnell spielenden Offense („No-Huddle“) in der Super Bowl. Gegner: Die Giants. Ergebnis: Buffalo verlor 19-20, weil nach langem Hin und Her Kicker Scott Norwood in der letzten Sekunde des Spiels ein Field Goal wenige Zentimeter rechts vorbeikickte. Al Michaels‘ Kommentar dazu („No Good. Wide Right“) ist für Bills-Fans in etwa das, was für Bayern-Fans „Wo-warst-du-während-der-Nachspielzeit-von-Barcelona-99?“ ist.

Die Bills erholten sich von dem Schock und spielten in den nächsten drei Saisons JEDES Jahr in der Superbowl (gegen Washington und zweimal Dallas). Vier Superbowls in Folge hat außer Buffalo keine Mannschaft je erreicht. Allein: Die Bills verloren sie alle und jedes Jahr wurden die Niederlagen deutlicher.

Eine potenziell deutliche Niederlage in der Saison 1992/93 wurde legendär abgewandt: Im Wildcard-Spiel lag man zuhause gegen die Houston Oilers bereits mit zweiunddreißig Punkten (3-35) in Rückstand, nur um am Ende unter der Führung des Backup-QB Frank Reich noch in der Overtime 41-38 zu gewinnen – das größte Comeback in der Historie der NFL. Reich ist keiner der höher dekorierten Quarterbacks, hält jedoch für NFL und College Football die größten Comeback-Siege ever inne.

Post Marv Levy

Nach Marv Levys Abgang wurde es ruhig um die Bills. 1999/2000 war man noch einmal in den Playoffs – um in einem weiteren legendären Spiel rauszufliegen. Bei 16-15 Führung wenige Sekunden vor Schluss trugen die Tennessee Titans einen Kickoff nach Lateral mit auslaufender Uhr in die Endzone. Das Spiel ist noch heute berühmt als „Music City Miracle“.

Seitdem haben die Bills die Post Season nie mehr erreicht. Quarterbacks kamen und gingen, die Erfolge blieben aus, aber die Fans kommen nach wie vor ins Stadion. Besitzer Ralph Wilson jr. ist in den 90ern und wird mit seinem Tod das Team höchstwahrscheinlich aufgrund der hohen Erbschaftssteuern verkaufen lassen. Ob die Bills danach noch in Buffalo spielen werden, weiß kein Mensch.

Das Stadion

Ralph Wilson Stadium in Orchand Park

Ralph Wilson Stadium in Orchand Park

Die Bills spielen in Orchand Park im Ralph Wilson Stadium (68.000 Plätze), ein vom Design her eher 0/8/15-Stadion, das aber berüchtigt ist a) wegen seiner Winde und b) wegen der treuen und wilden Fans, die trotz langer sportlicher Dürreperioden und schwacher Konjunktur in der Stadt immer noch fast jedes Spiel ausverkaufen.

Rivalitäten

Richtig intensive Rivalitäten haben die Bills keine. Mit den Miami Dolphins vielleicht – eine Rivalität, die auf die Gegensätzlichkeit zwischen dem sonnigen Südflorida und dem kalten, windigen Buffalo beruht. Mit Jets und Patriots ist es mehr eine divisionsinterne, gesunde Rivalität.

Gesichter der Franchise

  • Ralph Wilson jr. – Owner. Mit dem berühmten Telegramm „Count me in with Buffalo“ gründete er die Bills. Heute mit 93 Jahren der älteste Owner.
  • Jim Kelly – QB. Verweigerte sich erst zwei Jahre lang den Bills, aber dann ging die Post ab. Viele Yards, viele Super Bowls, keine Titel, aber bekannt geworden durch den engagierten Kampf gegen eine seltene Nervenkrankheit seines Sohnes.
  • Marv Levy – Head Coach. Als einer der letzten Überlebenden der amerikanischen Unabhängigkeitskriege war der Levy auf seine alten Tage erfolgreicher Kopf hinter der pfeilschnellen No-Huddle-Offense – und ein Mann martialischer Worte.
  • Bruce Smith – DE und mit genau 200 Sacks der Leader der ewigen Tabelle.
  • O.J. Simpson – einziger Running Back, der 2000yds in 14 Spielen schaffte. Später in einen so berühmten Mordfall an seine Ehefrau verwickelt, dass die am gleichen Tag stattfindende WM-Eröffnung 1994 (Deutschland – Bolivien) US-weit kaum Beachtung fand. Simpsons Verfolgungsdrama wurde dagegen live übertragen.

korsakoffs Highlight

Don Beebe – die Bills sind eines der Teams, mit denen ich noch kein bleibendes TV-Erlebnis teilen konnte. Vor Jahren gab es mal einen Kollaps in einem Monday Night Game gegen die Patriots, doch das einschneidendste Erlebnis aus Bills-Sicht ist für mich jene Szene aus Superbowl 27. Die Bills gegen Spielende ein paar Touchdowns in Rückstand und bereits mehr oder weniger zum dritten Mal in Serie sicherer Superbowl-Verlierer. Dallas’ Abwehrspieler Leon Lett returniert einen Fumble gen EndZone.

Der Mann mit der BUF #82 ist Don Beebe, ein Sprinter mit Kämpferherz. Jener Don Beebe ist im Übrigen der Head Coach an der Schule, an der der Enkel des Dean Griffing (wir hatten berichtet), zur Schule gegangen war.

Eckdaten

Gegründet: 1960
Besitzer: Ralph Wilson jr. (Versicherer)
Division: AFC East
Erfolge: Superbowl-Verlierer 1990, 1991, 1992, 1993, AFL-Champ 1964, 1965, 17x Playoffs (14-15)

Die zweite Reihe: Kevin Gilbride

Jerry Reese, Steve Spagnuolo, Kevin Gilbride &...

Image via Wikipedia - Gilbride mit weißem Haar und weißem Shirt

[In der Serie „Die zweite Reihe“ werden Spieler, Trainer und Taktiken vorgestellt, die für den Erfolg einer Mannschaft essentiell sind, aber nicht im Rampenlicht stehen. In Teil 1 war Jets´ Safety Jim Leonhard dran. Für Teil 2 tritt heute Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants, aus der zweiten Reihe ins erste Glied.]

Coordinators stehen ja in der Regel ohnehin nicht in der ersten Reihe. Aber wenn sie erfolgreich oder einigermaßen spektakulär spielen, stehen sie schnell im Rampenlicht und werden für alle möglichen Cheftrainerposten gehandelt. Die Patriots-Offense bricht 2007 alle Rekorde? Sofort wird Offensive Coordinator Josh McDaniels das Schild „wunderkind“ umgehängt. Die Giants brechen dieser Offense im Super Bowl die Beine? Schon ist Defensive Coordinator Steve Spagnuolo das heißeste Dinge seit Erfindung des Forward-Passes und bekommt eine eigene Mannschaft als Head Coach. Es gibt aber auch viele Gameplan- und Taktik-Gurus, die immer im Hintergrund bleiben. Unser heutiger Kandidat aus der zweiten Reihe steht sogar in seiner Heimat New York im Schatten des anderen New Yorker OCs. Seltsam, aber wahr: Brian Trottelheimer Schottenheimer, ab nächster Saison bei den Rams, weil für die Jets zu schlecht, ist bekannter und gefragter als Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants.

Komischerweise ist Gilbride sogar bei vielen Fans der Giants nicht gerade wohlgelitten, wie Spitznamen à la „Kevin Killdrive“ und die alljährlichen Rufe nach seinem Kopf beweisen. Dabei war New Yorks Offense in den letzten vier Jahren jeweils unter den Top-9 und bis jetzt sind zwei Super Bowl Ringe dabei herausgesprungen. Und nicht zuletzt Gilbride hat aus Eli Manning gemacht, was er heute ist. Komischerweise auch hat der Giants-Angriff einen ziemlich lahmen Ruf, was vor allem daher rührt, daß Gilbride mit aller Macht versucht, möglichst nahe an eine 50/50 Run-Paß-Balance zu kommen. Dabei kommt der typisch ostküstenmännisch aussehende Mann mit den weißen Haaren aus einer der aufregendsten Offensiv-Schulen aller Zeiten: der Run-and-Shoot Offense.

Die Run-and-Shoot Wurzeln

Die Run-and-Shoot Offense, die von Tiger Ellison und Mouse Davis erfunden wurde, war in den 60er und 70er Jahren an High Schools und in den 80er Jahren in der College-Welt die alle Rekorde zerschmetternde Revolution. Bei den Houston Gamblers der kurzlebigen USFL hat Mouse Davis die Offense dem Head Coach Jack Pardee und Offensive Assistant John Jenkins näher gebracht (Quarterback übrigens Jim Kelly). Nachdem die USFL 1986 den Bach runtergegangen ist, hat Pardee, ehemaliger NFL-Linebacker, Jenkins und die Run-and-Shoot-Idee mitgenommen und wurde 1987 Head Coach der Houston Cougars. Pardee und Jenkins waren mit den Cougars 1988 und 1989 dermaßen aufregend und erfolgreich, daß Pardee Head Coach der Houston Oilers wurde und Jenkins sein Nachfolger als HC der Cougars.

Als Pardee seinen neuen Posten bei den Oilers 1990 antrat, fand er dort einen Quarterbacks Coach vor, der ihm so sehr imponierte, daß er ihn prompt zum Offensive Coordinator machte. Der damals 39 Jahre alte Gilbride hatte gerade sein erstes Jahr in der NFL hinter sich. Vorher hatte er sich lange Zeit als Assistant an Colleges wie Tufts, American International und East Carolina durchgeschlagen; zwei Jahre verbrachte er in der CFL bei den Ottawa Rough Riders und fünf Jahre lange, von 1980 bis 84, war er Head Coach seiner Alma Mater: Southern Connecticut State.

Bei den Houston Oilers

In den folgenden vier Spielzeiten gewannen die Oilers 42 Spiele und hatten jede Saison eine Top-3-Offense. Die Offense um Quarterback Warren Moon, der hinter zwei der besten Offensive Lineman aller Zeiten spielte, Bruce Matthews und Mike Munchack (jetzt HC der Titans) war Super-Bowl-würdig. Spätestens als Houston dann aber in den 92er Wild-Card-Playoffs auf der falschen Seite des größten Comebacks aller Zeiten stand, mußte sich dringend etwas ändern. Also holte man sich eines der besten Defensive Minds und einen der härtesten Trainer als Zeiten für den Posten des Defensive Coordinators: Buddy Ryan. Ryan hatte in den 80ern die legendäre Bears-Defense gebaut, Head Coach Mike Ditka hatte ihm auf dieser Seite des Balles freie Hand gelassen. Die Verteidigung der 85er Bears gilt bis heute als beste aller Zeiten. Ryan war aber schon immer ein eigenwilliger Kopf und hatte keine Lust mehr, die zweite Geige hinter Ditka zu spielen, also war er ganz glücklich, 1986 Cheftrainer der Philadelphia Eagles werden zu dürfen. Er hat in Philly zwar kein Playoffspiel gewonnen, aber eine erstklassige Defense hat er aus den mäßigen Eagles fast aus dem Stand gemacht. Dessen erinnerten sich also die Oilers 1993 und verpflichteten ihn als DC.

An was sich die Verantwortlichen in Houston augenscheinlich nicht erinnerten, war die Tatsache, daß Ryan als Mensch einen noch viel größeren Dachschaden hatte als seine beiden Söhne Rex und Rob und außerdem Offensivspieler und -trainer generell für Idioten und Weicheier hielt. So war es ihm ziemlich egal, daß Houstons Angriff unter Gilbride auch 1993 wieder die drittbeste Offense der Liga hatte. Ryan hielt es für unverantwortlich, „seine“ Spieler ständig wieder aufs Feld schicken zu müssen, weil die Offense zu schnell und aggressiv spielte. Im letzten Spiel der regulären Saison – die Oilers hatten die letzten zehn Spiele in Folge gewonnen – war es dann so weit: Ryan platzte der Kragen und er reichte Gilbride an der Seitenlinie Eine durch – sauber an die Schläfe, vor aller Augen bei einem Monday Night Game. Eine der verrücktesten Dinge, die je in der NFL passiert sind.

Mit elf aufeinanderfolgenden Siegen ging man nichtsdestotrotz mit einem Freilos im Rücken in die Playoffs und verlor mal wieder das erste Spiel, dieses Mal gegen Joe Montana und die Kansas City Chiefs. In der 94er Saison war Gilbride zwar noch in Houston, aber Moon und Ryan nicht mehr; nach dem 1-9-Start trat Pardee zurück und der junge DC Jeff Fisher, der sein Handwerk unter Buddy Ryan in Philadelphia erlernt hatte, nahm auf dem Cheftrainerstuhl Platz.

Über Coughlin zum Head Coach ins Niemandsland

Das folgende allgemeine Ausmisten ging auch an Gilbride nicht vorbei. Weil er aber als großartiger Offensive Coordinator galt, holte Tom Coughlin, Head Coach des Expansion Teams Jacksonville Jaguars, Gilbride als OC mit an Board.Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte Gilbride den blutjungen QB Mark Brunell soweit, bereits in seiner zweiten Saison als Starter für fast 4400 Yards zu werfen und die Jags ins AFC Championship Game zu führen.

Mit sieben derart erfolgreichen Jahren im Resumée wurde es Zeit, selber eine Mannschaft zu übernehmen – leider waren es die 97er San Diego Chargers. Das größte Problem war der fehlende Franchise Quarterback. 1997 waren Craig Whelihan, Stan Humphries, Jim Everett und Todd Philcox under center. Mit diesem Personal war kein Blumentopf zu gewinnen. Also nutzte man den zweiten Pick in der NFL Draft 1998 um ein riesiges Quarterback Talent zu draften, das die Zukunft der Franchise werden sollte, sein Name: Ryan Leaf. Alles weitere ist bekannt. Nach sechs Spielen ´98 mußte Gilbride gehen.

1999 und 2000 hat Gilbride dann wieder mal eine neue Erfahrung mitgemacht, als er unter Bill Cowher OC der Pittsburgh Steelers war. Dort hat er gemäß der alten Steelers-Tradition lauflastige Game Plans zusammengebastelt und eine Top-10 Rushing Attack auf die Beine gestellt. 2001 wollte Cowher dann lieber Mike Mularkey als OC und es wurde etwas stiller um Gilbride. 2001 nahm er eine Auszeit, bevor er 2002 und 03 im NFL-Niemandsland Buffalo den Angriff übernahm. Als Bills-HC Gregg Williams vor der Saison 2004 von Mike Mularkey abgelöst wurde und dieser selber die Offense übernahm, erinnerte sich Tom Coughlin, der gerade die New York Giants übernommen hatte, an seinen alten Buddy und übertrug ihm die Aufgabe, sich als Quarterbacks-Coach um den Rookie Eli Manning zu kümmern.

Mit Eli in New York

Das hat er ziemlich gut gemacht. Aus dem jungen Eil wurde langsam, aber sicher (aber vor allem langsam) zuerst ein richtiger Quarterback und später dann einer der besten QBs der Liga. Ab 2007 hatte Gilbride endlich wieder den Posten, der ihm am meisten behagt – Offensive Coordinator. Während dieser Zeit war die einzige Konstante Eli. Irgendwann war es dann auch egal, ob die Ballempfänger Plaxico Burress, Amani Toomer, Jermey Shockey, Sinorice Moss, Domenik Hixon, Steve Smith, Kevin Boss, Hakeem Nicks, Victor Cruz, Jake Ballard oder Mario Manningham hießen – seit 2008 war es immer eine Top-10-Offense. Es ist nicht zuletzt ein großes Verdienst Gilbrides,  alle diese WRs entdeckt oder/und so eingesetzt zu haben, daß sie ligaweit ein Begriff sind.

Es fällt heute ziemlich schwer, Kevin Gilbrides Offense in irgendeine Schublade zu stecken. Es steckt auf jeden Fall noch ein großes Stück Run-and-Shoot drin, aber ohne Rücksicht auf Verluste setzt Gilbride jedes Spiel über auch auf das Running-Game. Das hat er zum Teil sicherlich auch aus der Run-and-Shoot, denn dort war jeder Spielzug so angelegt, daß ein Laufspielzug immer so aussieht wie ein Paßspielzug und umgekehrt. Aber seine Laufspielzüge sind dann doch andere als die alten Läufe aus 4-WR-Sets. In diesem Sinne wird Gilbride sicher einiges aus Pittsburgh mitgenommen haben und, noch viel sicherer, wird er eine ordentliche Dosis von Coughlin eingehämmert bekommen haben. Schließlich kommt Coughlin aus der alten 80er-Jahre Bill-Parcells-Schule. Leider steht Gilbride nicht so im Rampenlicht, daß es viel Literatur über ihn gäbe oder daß er ständig von Kameras und Mikrofonen umzingelt wäre. Charakteristisch ist vor allem, daß die G-Men unter Gilbride eine der wenigen Mannschaften sind, die eine große Portion vertikales Paßspiel (à la Mike Martz´ Rams) in ihrem Arsenal haben, während die meisten Mannschaften hauptsächlich auf kurze Timing-Routen setzen, was alles mehr oder weniger eine Weiterentwicklung der Bill-Walsh-/West-Coast-Offense ist.

Trotz seiner Erfolge und seiner vielfältigen Erfahrungen in den verschiedensten Umfeldern mit den verschiedensten Trainern hat sich auch nach dem letzten Super Bowl Sieg über die New England Patriots keine trainerlose Mannschaft bei ihm gemeldet, er hatte nicht mal eine Anfrage für einen Head-Coaching-Job. (Sein Sohn dagegen, Kevin Gilbride, Jr. wurde gerade vom Quality Control Assistant zum Wide Receivers Coach befördert, nachdem die Giants anderen Teams untersagt haben, mit ihm in Kontakt zu treten.) Am Ende werden alle Beteiligten von Coughlin bis Manning froh sein, daß Kevin Gilbride weiterhin im Big Apple bleibt – wenn auch nur in der zweiten Reihe.